Schon bevor unser erstes Date zu Ende war, hatte sich Cole wieder mit mir verabredet.
»Hey«, hatte er gesagt, während wir nebeneinander auf einem der Tische in einem Unterstand saßen und in den dunklen Wald hinausstarrten, der zwischen dem See und dem Picknickbereich lag. In der Ferne hörten wir das Wasser gegen die Steine am Ufer plätschern. Cole hatte sich lässig nach hinten auf seine Hände gestützt, seine Beine lagen ausgestreckt übereinander auf der Sitzbank. Wenn ich mich auch nur ein bisschen zurücklehnte, berührte sein Unterarm leicht meinen Rücken. Dann schoss jedes Mal eine nervöse Energie durch meinen Körper – ich hatte das Gefühl, ich könnte aufspringen, zwischen den Bäumen durchrennen, kopfüber ins Wasser hechten und mit einem einzigen Atemzug meilenweit schwimmen. »Hast du von dem neuen House of Horrors-Film gehört?«
»Ja«, sagte ich. »Klingt supergruselig. Den würde ich wirklich wahnsinnig gern sehen.« Ich lehnte mich ein wenig zurück, spürte seinen Arm, beugte mich wieder vor und rieb mir die Gänsehaut an den Schienbeinen.
»Ist dir kalt?«, fragte er. Als ich nickte, nahm er seine Mannschaftsjacke und legte sie mir über die Schultern.
Ich senkte den Kopf und schnupperte heimlich daran. Sie roch nach ihm – Rasierwasser, Leder, dazu irgendwas Würzig-Erdiges – und war warm. Die Gänsehaut auf meinen Beinen wurde noch schlimmer.
»Hast du den zweiten gesehen?«, fragte ich. »Den, in dem dieses grässliche tote Mädchen aus dem Schrank kommt? Ich hab wahnsinnig Angst gehabt.«
Er lachte. »Ja, das war echt super! Und dann dieser Typ in der Scheune, der mit der Machete?«
Ich nickte. »Total widerlich.«
Wir lachten beide und ich spürte wieder seinen Arm an meinem Rücken, jetzt ein Stückchen näher. Ich musste mich nicht mehr zurücklehnen, um ihn zu berühren. Er war einfach da. Jetzt schauderte es mich auch an den Armen, obwohl mir warm war unter seiner Jacke.
»Dann hast du bestimmt Lust, nächstes Wochenende reinzugehen?«, fragte er und schlang den Arm jetzt richtig um mich.
»Ich muss dich aber warnen: Es kann sein, dass ich mir die ganze Zeit die Hand vor die Augen halte«, sagte ich.
Er stupste mich an. »Angsthase.«
Eine Weile lang saßen wir nur da und lauschten auf das Geräusch des Wassers, das zwischen den Bäumen durchdrang. Cole erzählte mir von Pine Gate und ich schimpfte über meine Schwestern. Ich schob die Arme in die Jackenärmel und betrachtete die Abzeichen.
»Du warst in Pine Gate also auch in der Footballmannschaft?«, fragte ich ihn.
Er nickte und schob dabei ein Blatt auf seinem Oberschenkel herum. »Ja. Und im Baseballteam war ich auch. Ich mach so ziemlich jeden Sport. Ich hab mit sechs angefangen zu trainieren.«
»Mit sechs? Wow, du musst ja irre fit sein.«
Er zuckte mit den Schultern und schubste das Blatt auf die Erde. »Na ja, wohl schon irgendwie. Aber ich hab’s satt. Eigentlich will ich nicht mehr spielen.«
»Warum lässt du’s dann nicht? Zwingt dich ja keiner, dich fürs Schulteam zu bewerben.«
Er stieß ein bellendes Lachen aus, sprang vom Tisch und begann, seine Beine zu strecken und zu beugen. Die Seite meines Körpers, auf der er gesessen hatte, fühlte sich leer und kühl an.
»Zum Glück komme ich durch den Umzug um das Footballteam herum. Aber wenn ich Basketball auch streiche, bringt mich mein Dad um.«
»Wieso?«, fragte ich. »Ist doch dein Leben. Wenn du keine Lust hast, kann er dich nicht dazu zwingen.« Ich überlegte, wie es sein mochte, Eltern zu haben, denen so viel an einem lag, dass sie sogar versuchten, einen zu etwas zu zwingen, was man nicht wollte. Fände ich das schrecklich? Oder würde mir so viel Beachtung guttun?
Cole trat ein paarmal gegen den Tisch, aber plötzlich hellte sich seine Miene wieder auf. »Hey, wart mal«, sagte er. Er lief vom Unterstand rüber zu seinem Auto und kramte hinter dem Fahrersitz herum. Kurz darauf kam er im Laufschritt wieder zurück, mit einem abgegriffenen Football in der Hand. »Schnell!«, rief er und warf ihn mir zu. Ich fing ihn gerade noch auf. »Komm, ich zeig dir, wie das geht«, sagte er, schnappte meine freie Hand und zog mich vom Tisch.
Ich musste kichern. »Ich kann nicht Football spielen«, sagte ich, während ich hinter ihm her durchs Gras stolperte.
»Klar kannst du das«, meinte er. »Guck mal.« Er nahm mich bei den Schultern und stellte mich so hin, dass ich ihm den Rücken zuwandte. »Okay, bei drei schleuderst du ihn nach hinten zu mir und dann rennst du wie der Teufel in die andere Richtung. Die Gegend hinter der Wasserpumpe ist die Endzone, also schau dich um, kurz bevor du zur Pumpe kommst. Ich werf ihn dir dann wieder zu für den Touchdown.«
Ich lachte und schüttelte den Kopf. »Das krieg ich nie im Leben hin.«
Er drückte meine Schultern Richtung Boden, in die richtige Position für die Ballübergabe nach hinten. »Klar schaffst du das. Mach’s einfach.«
Ich beugte mich vor. Cole rief mir irgendwelche ausgedachten Strategiekommandos zu: »Siebenunddreißig … zweiundneunzig … drei!«
Ich schaute nicht mal zurück, sondern warf bloß den Ball zwischen den Beinen nach hinten und raste über die Wiese, dabei lachte ich die ganze Zeit. Die Luft, die mir eben noch kalt vorgekommen war, strich mir jetzt angenehm über die Haut und gab mir jede Menge Energie. An der Wasserpumpe angekommen, schaute ich zurück. Cole nahm den Arm nach hinten und schleuderte den Ball in meine Richtung.
Im Dunkeln war der Ball schwer zu erkennen, und während ich in den Himmel spähte, geriet ich ins Stolpern. Blitzschnell war er da, flog direkt auf meine Brust zu. Ich streckte beide Arme aus, schloss für einen Moment sogar die Augen und fing den Ball wie durch ein Wunder tatsächlich auf.
Ich jubelte und hielt kurz inne, bis mir klar wurde, dass ich ja im Ballbesitz war. Also drehte ich mich um und rannte an der Wasserpumpe vorbei. »Touchdown!«, schrie ich und führte einen idiotischen kleinen Tanz auf, wirbelte den Ball um seine Achse, streckte die Finger in die Höhe und wackelte mit den Hüften.
Cole konnte nicht mehr gerade stehen vor lauter Lachen. »Wirf ihn zurück«, schrie er.
Ich holte aus und schmetterte den Ball so fest ich konnte in Coles Richtung, wobei ich versuchte, es genau so zu machen, wie es uns unser früherer Sportlehrer erklärt hatte: Finger auf die Verschnürung, aus dem Handgelenk heraus werfen. Der Ball flog beinahe an Cole vorbei. Er musste hochspringen, um ihn zu fangen, es sah fast aus, als würde er ein Glühwürmchen aus dem Nachthimmel fischen.
»Hey!«, rief er mit leuchtenden Augen. »Sie sieht toll aus, schreibt Gedichte und kann auch noch Football spielen. Was will man mehr?«
Ich warf die Haare zurück. »Wart ab, bis du einen Tackle mitkriegst, da bin ich Profi«, sagte ich zum Spaß und warf mich in eine wüste Sumo-Ringer-Pose.
»Ach ja?«, fragte Cole.
»Versuch’s doch, du Schwächling«, knurrte ich mit tiefer Stimme und musste selbst furchtbar lachen.
»Na, dann zeig mal, was du draufhast, Baby«, sagte er und rannte los in meine Richtung. Mit der Stimme eines atemlosen Sportberichterstatters kommentierte er: »Cozen findet ein Loch in der Abwehr. Er ist bei fünfzig, vierzig, dreißig … keiner kann ihn mehr aufhalten …«
Ich mimte jetzt auch den Kommentator. »Aber was ist das? Ein Verteidiger auf der Zehn-Yard-Linie … Das schafft der doch nie …«
Ich rannte mit Karacho auf Cole zu, die Arme vor mir ausgestreckt, aber bevor ich bei ihm ankam, schleuderte Cole den Ball nach hinten aufs Gras, wo er hüpfend aufsprang. In zwei langen, schnellen Schritten war er bei mir, schlang seine Arme um meine Taille und zog mich mit einer Drehung nach unten auf den Boden, sodass wir beide auf der Seite landeten und seine Schulter den Aufprall abfing.
»Hey!«, quiekte ich. »Ich sollte dich umwerfen und nicht umgekehrt!«
»Du hattest keine Chance«, sagte er.
Lachend drehten wir uns auf den Rücken und schnappten nach Luft. Er hielt mich immer noch an der Taille fest, was sich ausgesprochen gut anfühlte.
Nach einer Weile drehte er mir den Kopf zu. »Du steckst voller Überraschungen!«, sagte er.
Ich zuckte mit den Achseln. »Ich hatte selbst keine Ahnung, dass ich so gut werfen kann. Als wir in Sport die Footballprüfung hatten, wär ich beinahe durchgefallen.«
Er zog den Arm unter mir weg, setzte sich auf und kreuzte die Beine. Dann riss er einen Grashalm aus und spielte damit herum. »Ist ja nicht nur das«, sagte er. »Du schreibst Gedichte, willst nach der Schule eine Reise machen, kochst irre guten Kaffee und duckst dich nicht weg, wenn einer auf dich zugeschossen kommt und dich über den Haufen rennen will. Du bist echt der Wahnsinn.«
Ich war darauf gefasst, gleich furchtbar rot zu werden, mich unbehaglich zu fühlen oder mich zu genieren. Aber nichts davon passierte. Wie ich hier im Gras lag und hochschaute zu Cole und dem Sternenhimmel über ihm, ging es mir einfach nur gut. Es war so schön, mit ihm zusammen zu sein. »Danke«, antwortete ich und hatte zum ersten Mal das Gefühl, sonst nichts mehr sagen zu müssen.
Er ließ den Grashalm fallen, riss einen anderen ab und strich mit dem Finger an ihm entlang. »Wieso hat dein Gedicht keinen Titel?«, fragte er mich.
Ich rollte mich auf die Seite, stützte mich auf den Ellbogen und pflückte mir auch einen Grashalm. Mein Bauch berührte jetzt Coles Knie. »Keine Ahnung. Ich hab wohl einfach nicht daran gedacht.«
»Wenn du ihm nachträglich einen Namen geben müsstest, welcher wäre das?«, fragte er.
Ich dachte nach. Riss noch mehr Gras aus und rollte es zwischen Daumen und Zeigefinger zu einer Kugel. Nach einer Weile sagte ich: »Vielleicht würde ich es einfach Gedicht ohne Titel nennen. Das könnte man symbolisch verstehen. Die Beziehung, von der es handelt, ist vorbei, so was in der Art. Darum hat sie auch keinen Namen verdient. Keine Ahnung. Ist allerdings ein bisschen klischeehaft.« Ich zog die Nase kraus.
»Handelt es von dir?«, wollte Cole wissen. »Geht’s da um eine Trennung oder so?«
Blitzartig überlegte ich, ob ich mich zusammenreißen und Cole hier und jetzt von meiner Mutter erzählen sollte. Und zwar nicht in der geschönten Fassung – der, in der sie eben gestorben war und jetzt als Engel über mich wachte. Sondern die echte Version. Die hässliche und peinliche Version. Aber der Moment ging vorbei und ich schüttelte nur den Kopf.
»Nein, ich hab’s einfach so geschrieben«, sagte ich.
»Es gefällt mir. Weißt du, wie ich es nennen würde?« Er stützte sich auf seine Hände und streckte die Beine vor sich aus. »Ich würde es Bittere Liebe nennen. Wer weiß, vielleicht ist es ja gar nicht wirklich vorbei? Und die zwei bleiben ineinander verstrickt bis …« Er hob die Hände und setzte ein übermütiges Grinsen auf.
»Bis zum bitteren Ende«, ergänzte ich und nickte. Dann presste ich die Lippen zusammen und sagte nur: »Mhm.«
Er stieß mir den Finger in die Rippen. »Was soll das heißen? Du musst doch zugeben, dass das ein ziemlich guter Titel ist, oder?«
»Weiß nicht«, sagte ich, kicherte und drehte mich von seinem Finger weg. »Ich schlag dir was vor: Wenn dein Song berühmt wird, wenn du einen Grammy dafür kriegst oder so, dann darfst du den Titel bestimmen.«
»So machen wir’s«, sagte er. »Apropos, wollte ich dir heute nicht noch was auf der Gitarre beibringen?«
Ich strahlte. »Ja, stimmt!«
Er stand auf und streckte mir zum Aufstehen die Hand hin – und dann hielt er sie in seiner, bis wir am Auto waren, ganz locker und wie selbstverständlich. »Steig ein«, sagte er. »Ich kenne den perfekten Ort für Gitarrenstunden.«