Wir warteten ein Jahr. Ein Teil der Zeit war nötig, damit meine Wunden verheilen und meine Knochen wieder stark werden konnten – und um mich auszusöhnen mit den Narben in meinem Innern, die mir für immer bleiben würden. Ein Teil der Zeit galt alltäglichen Dingen – ich versuchte, zurückzukehren in ein normales Leben, so gut das eben ging nach dem, was ich erlebt hatte. Und einen Teil der Zeit war ich unterwegs, um über meine Geschichte zu sprechen – ich redete an allen Schulen im Umkreis über das, was mir zugestoßen war. Meine Therapeuten meinten, das würde mir helfen. Kann gut sein, dass sie recht hatten. Jedenfalls kam es mir richtig vor, das zu tun. Auch wenn ich mich dabei manchmal wie ein Freak fühlte oder Cole plötzlich doch zu vermissen begann, und obwohl es Tage gab, an denen ich hinterher schluchzend in meinem Auto saß und keine Ahnung hatte, wie ich es bis nach Hause schaffen sollte.
Und ein Teil der Zeit war nötig, damit Bethany und Zack mir verzeihen konnten.
Das klingt, als wären sie verbittert und hasserfüllt gewesen und hätten nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, aber so war es nicht. Sie waren einfach verletzt. Und das konnte ich ihnen nicht zum Vorwurf machen. Es dauerte eine Weile, bis sich diese Verletztheit legte und das Gefühl zurückkehrte, dass … na ja, dass ich wieder zu ihnen gehörte. Cole hatte mich von ihnen weggeholt, und auch wenn ich jetzt wieder da war, wussten sie anscheinend trotzdem nicht mehr recht, was sie mit mir anfangen sollten.
Ansonsten ging das Leben einfach weiter. Jedenfalls für alle, die nicht vollgepumpt mit Schmerzmitteln im Bett lagen und bei jedem Versuch, sich umzudrehen, zusammenzuckten. Und die nicht verzweifelt zu vergessen suchten, was sie gemocht hatten an dem Jungen, der ihnen gerade noch die Hand gehalten hatte. Für sie ging das Leben einfach weiter.
Da waren die Schulprüfungen, die Abschlussfeier und der Ball. Da waren Sommerpartys. Kinofilme. Minigolf-Nachmittage und Verabredungen und College-Einführungstermine. Das alles zusammen war das Leben, doch an mir ging es vorbei. Und zwar nicht, weil ich körperlich nicht in der Lage gewesen wäre, daran teilzunehmen. Ich schaffte es emotional nicht. Es gab Tage, an denen ich das Bett nicht verlassen konnte, nicht wegen meiner Verletzungen und Narben, sondern weil mir die Vorstellung, aufzustehen und der Welt ins Auge zu sehen, zu erschreckend vorkam und ich keinen Sinn darin sah. Auf eine seltsame Art hatte Cole mir verschafft, wonach ich mich all die Jahre über gesehnt hatte. Durch das, was er mir angetan hatte, begriff ich endlich, wie verstört meine Mutter gewesen sein musste und warum sie sich so eigenartig verhalten hatte. Ich erfuhr, was Trostlosigkeit bedeutet. Verzweiflung. Tiefe Trauer.
Bethany ging aufs College, so wie sie es immer vorgehabt hatte. Und zwar drei Staaten weiter, was sich manchmal anfühlte, als wäre sie am anderen Ende der Welt. Sie fand neue Freundinnen und Freunde, kam mit einem Jungen zusammen, der Bryce hieß, machte bei einer Gruppe von Umweltaktivisten mit und trat einer Studentinnenvereinigung bei. Angeblich war diese Verbindung eher wissenschaftlich orientiert, doch Bethany erzählte so beschwingt davon, dass ich den Eindruck bekam, Feiern und Spaßhaben waren dort nicht gerade Nebensache.
Zack bekam einen Job auf einem Kreuzfahrtschiff – »erst mal nur als Kellner«, hatte er gesagt, aber er legte es darauf an, eine Rolle in einer der Shows an Bord zu ergattern. Er war tatsächlich manchmal am anderen Ende der Welt. Und er rief fast nie an.
Doch als Bethany und Zack in den Weihnachtsferien nach Hause kamen und wir im Food-Court des Einkaufszentrums zusammen Smoothies tranken, fragte ich wegen Colorado. Und obwohl die beiden erst einen dieser zögernden Blicke tauschten, die ich inzwischen so gut kannte, waren sie einverstanden.
»Das ist unser Geschenk an uns selbst, wisst ihr noch?«, sagte ich, obwohl für mich in Wahrheit etwas anderes zählte: Ich wollte die Sache zu Ende bringen. Meine Fragen über Mom waren beantwortet. Jetzt war es Zeit, loszulassen, und dafür brauchte ich diese Reise. Ich wollte von mir sagen können, dass ich meinen großen Plan in die Tat umgesetzt hatte. Nicht nur Bethany konnte hartnäckig und beharrlich sein, sondern ich auch – zumindest ein bisschen.
Die Fahrt war wie in einem Roadmovie: Wir zuckelten in dem Campingbus, den Zacks Opa für uns gemietet hatte, gemütlich die Straßen entlang, alle drei dicht aneinandergedrängt auf der vorderen Sitzbank, lachten viel und schubsten uns gegenseitig, spielten Autokennzeichen-Bingo, futterten Unmengen von Kartoffelchips und wechselten uns hinterm Steuer ab.
Gleich nachdem wir die Grenze zu Colorado passiert hatten, hielten wir auf dem Parkplatz einer Tankstelle an und machten uns Sandwiches, die wir oben in der Schlafkabine verdrückten, hinter geschlossenen Vorhängen und mit großem Geflüster, so wie wir als Kinder oft im Kleiderschrank Picknick gemacht hatten.
»Wann wollen wir auf den Berg?«, fragte Bethany und schob sich ihr Brot in den Mund. »Gleich am Anfang? Oder …?«
Ich trank einen Schluck und verzog das Gesicht, als meine Schulter mit dem frischen Tattoo an der Wand entlangscheuerte. Ich grinste. Zack hatte es am Ende doch noch geschafft, uns zu einer gemeinsamen Tätowierung zu überreden. Georgia würde einen Aufstand machen, wenn sie dahinterkam.
»Mir egal«, sagte Zack als Antwort auf Beths Frage. »Das ist die Show von Alex.«
»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Jetzt, wo ich hier bin, kommt’s mir irgendwie vor … ich glaub …«
»Du willst nicht«, sagte Zack. Es war eine Feststellung, keine Frage. »Du hast Angst.«
Ich nickte und Tränen stiegen mir in die Augen. »Was ist, wenn ich sie da oben nicht spüre?«
Niemand sagte etwas. Wir kauten nur weiter auf unseren Sandwiches herum. Die Baumwollvorhänge warfen Schatten auf unsere Gesichter, unsere Beine lagen übereinander, mit dem Rücken lehnten wir an der Wand des Campingbusses. In unserer ganzen Zeit zu dritt hatten wir nie überlegt, was wäre, wenn unsere Reise scheitern würde.
Doch am Ende brauchte ich gar nicht viel, um mich zu entscheiden: Es genügte schon, dass der Berg ein Mal kurz hinter der Windschutzscheibe auftauchte – im nächsten Augenblick war er schon wieder weg und gleich darauf wieder so riesig, dass er unser Gesichtsfeld ganz ausfüllte – und ich ihn in der Abenddämmerung flimmern sah.
Uns allen blieb die Luft weg. Und dann wurde uns schwindlig. Wir mussten uns fast zwingen, auf den Hotelparkplatz zu fahren und einzuchecken, denn am liebsten wären wir einfach weitergefahren, immer höher und höher, bis wir mit den Köpfen in den Wolken gewesen wären.
Nachdem bei der Rezeption alles erledigt war und Bethany als verspätetes Abendessen noch Pizza bestellt hatte, marschierte ich direkt auf den winzigen Balkon, der zu unserem Zimmer gehörte.
Ich schaute. Ich wartete. Ich atmete tief ein und aus, während mir der Wind die Haare um den Kopf wehte. Ich hielt Ausschau nach ihr. Ich wollte sie spüren.
Aber da war nichts.
Nach einer Weile ging die Tür zum Nebenraum auf und Zack stürmte in unser Zimmer, einen Song aus The Sound of Music auf den Lippen. Es ging darin um Täler und Berge, die ein Lied singen oder so ähnlich. Bethany stimmte kichernd mit ein, doch ich rührte mich nicht. Ich konnte meine Augen nicht von dem Bergmassiv lösen. Was war, wenn ich etwas verpasste? Wenn sie sich plötzlich zeigte und ich es nicht merkte? Es kam mir vor, als würde ich mein ganzes Leben betrachten, das vor mir hoch in den Himmel ragte. Ich mochte nicht mal mehr blinzeln.
Rumpelnd öffnete sich hinter mir die Schiebetür und Bethany hakte sich bei mir unter.
»Bist du okay?«, fragte sie.
Ich nickte. Dass mir die Augen tränten, weil ich so lange nicht geblinzelt hatte, merkte ich erst, als mir Zack, der auch herausgekommen war und sich auf meine andere Seite gestellt hatte, mit dem Daumen eine Träne von der Wange wischte. »Tja. Nein«, sagte ich schließlich. »Sie ist nicht da. Wir sind den ganzen weiten Weg bis hierher gekommen, aber … sie ist nicht da.«
Bethany seufzte und legte den Kopf an meine Schulter. Ihr Haar roch nach Apfel und mir kam der Gedanke, dass das nur eine von vielen Veränderungen an Bethany war, seit sie aufs College ging. Aber ihr Haar, das mir ins Gesicht flatterte, fühlte sich gut an. So tröstlich.
»Sie ist da«, flüsterte sie. »Du wirst sie finden.«
Zack nahm mich an der Taille und zog mich zu sich.
»Außerdem sind wir da. Wir sind immer da«, sagte er – oder vielmehr nuschelte er es um seinen Zahnstocher herum.
»Wir müssen ja nicht hoch«, meinte Bethany. »Wir können einfach wieder nach Hause fahren.«
Mit der freien Hand fasste ich mir ans Schlüsselbein und spürte das vertraute Lederhalsband meines Traumfängers. Celia hatte ihn auf dem Parkplatz vor dem Bread Bowl gefunden, wo Cole mich blutend hatte liegen lassen. Sie hatte ihn repariert, indem sie einen Verschluss an den losen Lederenden befestigte, wie bei einer normalen Kette.
Bethany lag falsch. Wir mussten. Wir mussten auf jeden Fall dort hoch. Und nicht nur ich. Sondern wir drei. Weil wir buchstäblich alle hatten leiden müssen unter dem Tod meiner Mutter. Wir waren alle drei Opfer. Wir mussten alle drei dort hoch, um festzustellen, dass dieser Berg einfach nur ein Berg war, auf dem sie genauso an- oder abwesend war wie an jedem anderen Ort. Wir mussten begreifen, dass wir die Dinge für sie nicht wieder in Ordnung bringen konnten … und auch für mich nicht … indem wir auf einen Berg stiegen. Genauso wenig wie es ihr damals gelungen wäre, alles in Ordnung zu bringen, indem sie auf diesen Berg stieg.
Ich umschloss meinen Traumfänger mit der Hand, seine kleinen Federn kitzelten mich. Und zum ersten Mal überhaupt kam mir in den Sinn, was ich tun würde.
Ich würde, so gebrochen und beschädigt, wie ich war, auf die Spitze des Cheyenne Mountain klettern.
Und würde ihre Kette dortlassen. Vielleicht in einem Baum. Oder auf einem Felsen. Vielleicht würde ich sie auch über einen Abgrund halten und einfach loslassen.
Dann würde ich wieder nach unten klettern und wir beide – wir alle – wären wieder ganz.
Es klopfte an der Tür. Die Pizza kam und Bethany ging hin, um zu zahlen. Zack und ich blieben alleine draußen auf dem Balkon. Ich schaute zu ihm und unsere Blicke trafen sich. Er lächelte ein bisschen und zog mich an sich. Dann beugte er sich zu mir, strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, nahm den Zahnstocher heraus und küsste mich zart auf den Kopf.
»Wer zuerst oben ist!«, sagte er.
Ich grinste. »Die Wette gilt.«
Er kicherte. »Du nimmst den Mund ganz schön voll. Bist du sicher, dass du das schaffst?«
»Ich schaffe alles«, sagte ich. »Ich seh zwar so zusammengeflickt aus wie Frankensteins Monster, aber innen drin, da bin ich der Hammer, Baby.« Und ich war beinahe selbst überrascht, wie genau es das traf. Ich hatte immer noch Narben, außen wie innen, doch irgendwas an der Tatsache, dass ich jetzt hier war, gab mir das Gefühl, endlich abschließen zu können mit all diesen Narben.
Er beugte sich vor und strich mir wieder die Haare aus den Augen. »Du bist der stärkste Mensch, den ich je kennengelernt habe«, sagte er auf eine Art, die diesen Satz zu einer Wahrheit machte.
»Die Pizza ist da«, rief Bethany, trat aber zu uns auf den Balkon, hakte sich wie vorhin bei mir unter und legte auch den Kopf wieder an meine Schulter.
Keiner von uns interessierte sich für die Pizza. Stattdessen standen wir einfach nur mit untergehakten Armen auf dem Balkon und starrten den Cheyenne Mountain an, bis er von der Dunkelheit verschluckt wurde.