Kapitel 20

Bethany und Zack standen an meinem Schließfach, als ich am Donnerstag nach der letzten Stunde um die Ecke kam. Mir wurde fast schlecht bei ihrem Anblick. Die ganze Woche über hatte ich Angst gehabt vor diesem Moment. Ich hatte wegen Samstagabend so ein schlechtes Gewissen, dass ich ihnen seither aus dem Weg gegangen war. Doch nächste Woche war Thanksgiving, da waren Dad, Celia und ich immer bei Zacks Familie zum Essen eingeladen, und nach dem Essen fuhren Zack und ich jedes Jahr zu Bethany und halfen ihr, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Es war also klar, dass ich mich ihnen irgendwann stellen musste. Aber ich hatte keine Ahnung, was ich dann sagen sollte.

Zack lehnte superlässig mit dem Rücken am Schließfach neben meinem und guckte teilnahmslos Richtung Schultor, wo die letzten Nachzügler zu ihren Autos strömten und mit aufheulenden Motoren den Parkplatz verließen. Bethany schaute mir entgegen, die Arme unbehaglich vor der Brust verschränkt. Das Gewicht der Monstertasche zog ihre Schulter nach unten. Oben guckten ein paar welke Blätter heraus. Wahrscheinlich hatte Bethany mal wieder einen Pflanzentrieb gerettet, der aus einem Spalt im Beton wuchs.

Zacks Gesicht war anzusehen, dass das hier ziemlich übel werden würde. Ich konnte den beiden keinen Vorwurf machen, wenn sie stinksauer waren, weil ich am Samstag nicht aufgekreuzt war. Aber ich wusste auch, sie würden nie im Leben verstehen, warum ich nach allem, was an diesem Abend zwischen Cole und mir passiert war, nicht einfach hatte weggehen können.

Ich wollte Bethany so gern erzählen, dass ich mein »erstes Mal« erlebt hatte und wie es gewesen war: total wahnsinnig und unwirklich. Ich hatte Angst gehabt, zugleich war ich furchtbar verliebt und wusste genau, dass für mich in diesem Moment alles stimmte.

Doch mir war klar, dass sie es nicht gut finden würde. Sie würde mir trotzdem vorwerfen, dass ich nicht zu dem verabredeten Treffen gekommen war, und war ganz bestimmt der Meinung, ich hätte das nicht tun sollen, schon gar nicht mit Cole. Sie würde sich nicht für mich freuen.

Und da war noch etwas. Etwas war passiert in dem Moment, als Cole mich gefragt hatte, ob das, was er da tat, okay für mich war. Ich hatte mich verwandelt. Ich würde niemals wieder »ihre Alex« sein. Die beiden mussten mich jetzt mit Cole teilen, denn er hatte etwas von mir, das sie nie haben würden und das ich nie von ihm zurückbekäme. Bethany und Zack, die beide noch nie Sex gehabt hatten (auch wenn Zack uns immer einzureden versuchte, er hätte praktisch mit Lynesia Mahan geschlafen, damals in der Siebten im Kino), würden mich niemals verstehen.

Ich war eine andere geworden.

Aber Cole war heute nicht in der Schule gewesen – er hatte mir eine SMS geschrieben, dass er »Familiensachen« zu erledigen hätte –, also musste ich ihnen alleine gegenübertreten.

»Hey«, sagte ich so gut gelaunt wie möglich.

Zack reagierte überhaupt nicht.

»Schade, dass du am Samstag nicht gekommen bist«, sagte Bethany. »Wir haben auf dich gewartet.« Sie löste kurz die Arme, um ihre Brille ein Stück hochzuschieben, dann verschränkte sie sie wieder. Anscheinend war sie nicht mehr wütend, aber irgendwie wirkte sie immer noch verweint und aufgewühlt. Vielleicht sah sie jetzt immer so aus.

»Ich weiß«, sagte ich und öffnete so gelassen wie möglich mein Schließfach. »Und das tut mir echt leid. Ich … ich konnte einfach nicht weg.«

»Von der Arbeit? Oder hast du dich nicht von Mr Universum loseisen können?«, sagte Zack, der jetzt endlich den Kopf drehte und mich ansah. »Im Unterschied zu dir bewegen wir uns nämlich nicht in den gleichen Kreisen wie der Große Scheißer.«

»Zack.« Bethany berührte ihn am Arm. Er verdrehte die Augen, schob sich einen Zahnstocher zwischen die Lippen und lehnte sich wieder lässig gegen das Schließfach.

»Wir wollten nur … na ja, du bist halt nicht gekommen, obwohl du’s versprochen hattest«, sagte Bethany.

Ich zog mein Englischbuch aus dem Schließfach und ließ es in meinen Rucksack gleiten, der auf dem Boden neben meinen Füßen stand. »Tut mir leid, Leute. Mir ist einfach was dazwischengekommen.«

»Dir ist was dazwischengekommen?«, fragte Bethany mit rotem Kopf. Sie rückte noch mal ihre Brille zurecht, obwohl die gar nicht heruntergerutscht war. »Du meinst Cole.«

Ich hielt inne und sah sie an, den Arm hochgereckt, um etwas aus dem obersten Fach zu holen. »Stimmt, genau. Cole. Ich bin nämlich mit ihm zusammen, weißt du.«

»Und ob wir das wissen!«, rief Zack in beißendem Ton. Er stieß sich von den Schließfächern ab und setzte sich in Bewegung. »Verdammt genau wissen wir das. Aber danke für die Erinnerung. Hätte ja sein können, dass wir’s vergessen.« Er spuckte über die Schulter. »Bethany, ich warte am Auto auf dich.«

Einen Moment lang sah ich ihm hinterher, dann wirbelte ich herum zu Bethany. »Was sollte das denn? Ich hab doch gesagt, dass es mir leidtut. Was hat er für ein Problem?«

Ich holte noch ein Buch aus dem Schließfach, stopfte es wütend in meinen Rucksack und warf die Tür zu.

»Tja, wer weiß«, sagte Bethany. »Vielleicht hat es damit zu tun, dass dein toller Freund uns wie Scheiße behandelt hat? Und dass er mit dir vielleicht genauso beschissen umgeht? Oder liegt’s eher daran, dass du nichts mehr mit uns zu tun haben willst, seit du mit ihm zusammen bist? Mit deinen besten Freunden.« Das zweitletzte Wort triefte vor Spott und ich zuckte zusammen, als ich das hörte.

Ich schüttelte den Kopf. »Cole behandelt mich nicht schlecht«, sagte ich. »Sondern so, als ob ich das Beste wäre, was ihm je im Leben passiert ist. Und er versteht mich. Im Gegensatz zu meinen besten Freunden.« Ich versuchte, das Wort genauso höhnisch klingen zu lassen wie sie eben, aber das gelang mir nicht. Ich hörte mich bloß armselig an. Wahrscheinlich, weil ich tief drinnen wusste, dass sie recht hatte.

Bethany schob das Kinn vor, drehte sich wortlos um und ging mit schnellen Schritten weg, in die gleiche Richtung wie Zack.

Ich fühlte mich sofort schlecht. Ich hatte kein Recht, den beiden Vorwürfe zu machen. Ich war an allem schuld. Ich hatte sie versetzt. Auch wenn ich einen guten Grund gehabt hatte.

Ich lief ihr hinterher.

»Beth«, sagte ich, als ich sie erreicht hatte, und packte sie am Ellbogen. Sie blieb stehen und drehte sich zu mir. Ihre Augen hinter den Brillengläsern waren eng geworden. »Beth, komm schon. Tut mir leid. Du hast ja recht. Ich bin in letzter Zeit eine beschissene Freundin gewesen. Es ist nur … Cole und ich sind uns so nah, und du weißt ja, wie er auf Zack reagiert … Ich mach’s wieder gut, das verspreche ich dir.«

Sie überlegte kurz und wirkte dabei schon nicht mehr so abweisend wie vorher. Dann seufzte sie, verdrehte die Augen und nickte. »Okay«, sagte sie. »Ist angekommen. Ich bin immer noch sauer, aber … Ich weiß, wie ich drauf wäre, wenn Randy plötzlich auf mich fliegen würde. Ich versteh dich.«

Ich lächelte und umarmte sie. »Darum bist du meine beste Freundin.«

»Zack war auch mal dein bester Freund«, sagte sie in meine Haare. Mir fiel auf, dass sie meine Umarmung nicht erwiderte.

»Das ist er immer noch«, antwortete ich und löste mich von ihr. »Ich muss bloß irgendwie hinkriegen, dass beide in mein Leben passen, weißt du?«

Sie nickte. »Weiß ich.«

Wir liefen weiter. »Er behandelt mich wie eine Prinzessin, wirklich.«

Sie nickte, sagte aber nichts. Das Thema war beendet.

»Hey«, meinte sie nach einer Weile. »Erinnerst du dich noch, dieser Campingbus, von dem wir gesprochen haben?«

Ich stöhnte auf. »Erzähl mir bloß nicht, du …«

Sie nickte, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. »Zacks Opa – du weißt schon, der mit dem vielen Geld – findet, er hätte ein besseres Gefühl, wenn wir nicht mit der Rostlaube unterwegs wären. Er zahlt uns den Bus. Wir werden super stilvoll unterwegs sein!« Sie schnippte mit den Fingern und legte ein paar Tanzschritte hin, wobei ihr Blätter aus der Tasche rieselten und eine Spur auf dem Gang hinterließen. Ich musste lachen.

»Nicht zu fassen, dass du das hingekriegt hast!«, sagte ich kichernd.

Sie klopfte sich auf die Schulter. »Baby, ich schaffe alles.« Dann guckte sie wieder ernst. »Cole wird doch hoffentlich nicht versuchen, dich von der Reise abzuhalten, oder?«

»Auf keinen Fall«, versicherte ich ihr. »Und er könnte es auch nicht, selbst wenn er’s wollte. Mach dir da mal keine Sorgen, Beth. Okay?«

Wir kamen zum Parkplatz. Zack lag auf der Motorhaube seines Wagens und hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt, zwischen seinen Lippen steckte ein Zahnstocher. Er hatte die Augen geschlossen und wirkte, als würde er schlafen.

Bethany warf mir einen durchtriebenen Blick zu und legte einen Finger über den Mund. Ich nickte und kniff die Lippen zusammen, um nicht laut loszulachen. Sie schlich ums Auto herum, griff durch das offene Fenster und drückte voll auf die Hupe.

Zack zuckte zusammen, als hätte er einen Stromschlag abgekriegt. Fluchend sprang er von der Motorhaube.

Bethany war zurück zu mir gerannt, wir lehnten uns aneinander und hielten uns vor lauter Lachen die Bäuche.

»Okay«, sagte Zack und kam großspurig in unsere Richtung geschlendert. »In Ordnung, Mädels. Macht nur weiter. Tut euch keinen Zwang an. Aber ihr müsst wissen: Rache ist süß.«

Bethany schnappte nach Luft. »Tut mir leid. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Das hat so kuschlig ausgesehen.«

»Schade nur«, fügte ich kichernd hinzu, »dass du dir nicht in die Hosen gemacht hast vor Schreck.« Ich zuckte mit den Achseln. »Vielleicht klappt’s ja nächstes Mal.«

»Ach, echt?«, fragte Zack und stürzte sich auf uns. Wir quiekten und versuchten, uns loszureißen, aber er schnappte uns und packte uns fest unter den Armen. »Mal sehen, wem jetzt was in die Hose geht! Mir bestimmt nicht.«

Dann kitzelte er uns gnadenlos durch und wir kreischten und johlten und lachten, bis uns alles wehtat. Am Ende lagen wir alle übereinander auf dem Parkplatzboden und rangelten miteinander, bis wir nicht mehr konnten.

Wie in alten Zeiten.

Ich war überrascht, wie unglaublich gut mir das tat. Ich hatte mich schon wer weiß wie lange nicht mehr so leicht gefühlt. Und es war mehr als nur ein gutes Gefühl. Es war eine Notwendigkeit. Ich brauchte diese beiden, ganz egal, wen es sonst noch in meinem Leben gab.

Am Ende zog Zack Arme und Beine aus dem großen Durcheinander und stand auf. »Bereit zum Aufbruch, Rotschopf?«, fragte er und wuschelte Bethany durchs Haar.

Sie nickte und rappelte sich auf. »Ja. Meine Mom wird sich fragen, was mit mir passiert ist.«

Zack streckte mir die Hand hin. »Und was ist mit dir?«, fragte er.

Ich zögerte kurz, dann schnappte ich seine Hand, zog mich an ihr hoch und hob meinen Rucksack auf. »Alles klar«, sagte ich. »Ich hab da drüben geparkt.« Ich zeigte auf mein Auto, das ein paar Plätze weiter stand.

»Na dann ist ja gut«, sagte er.

Wir grinsten einander an. Alles war verziehen. Lange Entschuldigungen waren nicht nötig. Wir waren beste Freunde. Nichts konnte uns auseinanderbringen.

Zack und Bethany stiegen in Zacks Auto und ich ging zu meinem. Als ich die Beifahrertür aufmachte und meinen Rucksack reinlegen wollte, hielt Zack direkt neben mir und Bethany steckte den Kopf zum Fenster raus.

»Fährst du nach Hause?«, fragte sie.

»Ja«, sagte ich. Cole hatte auch abends noch irgendwas mit der Familie, sonst wären wir garantiert verabredet gewesen, aber das sagte ich nicht. »Ich muss mich mal um meine Hausaufgaben kümmern.«

»Hast du Lust, mit zu Zack zu kommen? Wir wollen noch reden wegen Colorado«, sagte sie. »Wobei ich dir das mit dem Campingbus ja eigentlich schon erzählt habe, und sonst gibt’s nicht so viel Neues, aber … hey, wir wollen Plätzchen backen.«

»Klingt super. Ich bin dabei.«

Sie lächelte. »Cool. Bis gleich!«

Sie zog den Kopf wieder zurück und dann brausten die beiden vom Parkplatz. Ich schmiss den Rucksack auf die Fußmatte und warf die Tür zu. Zack fuhr mit quietschenden Reifen vom Parkplatz – das gehörte an unserer Schule zum guten Ton, jeder machte das so. Ich schaute kurz rüber zur Ausfahrt und sah ihn gerade noch wegbrausen.

Gleich nachdem Zack losgefahren war, setzte sich ein anderer Wagen in Bewegung, langsam und leise. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass das gar nicht sein konnte, hätte ich gedacht, es wäre Coles Auto.