Bei Trent wimmelte es vor Leuten. Klar. Hätte ich großartig ausgesehen an diesem Abend, wäre garantiert niemand da gewesen. Aber kaum wirkst du wie durch den Fleischwolf gedreht, glotzen dich gleich Millionen von Menschen an. Genauso klar, dass ausgerechnet Renee Littleton an der Eingangstür stand, denn sie hat die schrillste Stimme der Welt und im Umkreis von hundert Meilen verstehen alle Anwesenden jedes Wort, das sie von sich gibt.
»O Gott!«, kreischte sie, als Cole und ich das Haus betraten. »Alex! Was ist mit deinem Gesicht los?!« Sofort starrten mich alle an. Sogar die Musik schien in diesem Moment düsterer zu werden.
Ich warf einen Blick auf Cole, der guckte, als wollte er sagen: Diese Geschichte ist echt zum Totlachen, Leute! »Ich bin auf dem Parkplatz gestolpert«, murmelte ich.
»Diese Knalltüte da hatte die Hände unter der Jacke«, sagte Cole und breitete die Arme aus.
Ich spürte, wie ich rot anlief, teils weil Cole es so darstellte, als wäre ich selbst schuld, teils weil mich alle anglotzten. Renee rückte mir so dicht auf den Leib, dass ich den Alkohol in ihrem Atem riechen konnte.
»Autsch!«, kreischte sie. »Du siehst echt schlimm aus.«
»Weiß ich«, sagte ich und dachte: Wenn du erst wüsstest, wie schlimm ich mich fühle, Renee. »Wo ist das Bad?«
Ihre Hände flogen zum Mund hoch und sie riss entsetzt die Augen auf. »Alex! O Gott! Dein Zahn!«
Cole nickte ausgiebig. »Sag ich ja. Wer ist schon so blöd, sich auf einem verdammten Parkplatz einen Zahn auszuschlagen? Hey, Kumpel!«, rief er Ben Stoley zu, der drüben im Esszimmer Bier verteilte. »Hierher, Mann.« Als er fordernd die Hände ausstreckte, sauste eine Bierdose durch die Luft und traf ihn mit einem dumpfen Geräusch mitten auf die Brust. Ein paar Leute grölten und zum Glück achtete danach keiner mehr auf mich. Auch nicht Renee Littleton, die jetzt mit durchdringender Stimme dem Jungen neben sich vorschwärmte, wie toll es neulich auf Padre Island gewesen war.
Schnell tauchte ich in der Menge ab, so gut es ging, senkte das Gesicht und versuchte, jeden Blickkontakt zu vermeiden.
Dann schlüpfte ich in einen Gang auf der anderen Seite der Küche. Bestimmt war hier irgendwo das Bad. Doch die ersten drei Türen führten in Schlafräume. In zweien davon waren Leute – hinter der ersten Tür spielten an die zehn Jungs und Mädels Twister und machten sich vor Lachen fast in die Hosen, hinter der nächsten knutschte ein Pärchen derart wild, dass es wirkte, als würden sie sich gleich die Kleider vom Leib reißen. Der letzte Raum musste das Elternschlafzimmer sein. Ich wagte mich hinein und fand daran angrenzend tatsächlich ein Bad.
Nachdem ich die Tür hinter mir zugemacht und das Licht angeschaltet hatte, drehte ich mich zum Spiegel hin.
Wie von selbst schlug ich mir die Hände vors Gesicht und stieß ein Keuchen aus, das fast wie ein Schluchzer klang. In Coles Auto hatte ich zu viel Angst gehabt, um mich im Spiegel zu betrachten – ich fürchtete, ich würde weinen müssen, wenn ich sah, wie schlimm es war, und diese Genugtuung wollte ich Cole nicht geben. Aber, großer Gott, es sah noch tausend Mal schlimmer aus, als ich gedacht hatte.
Anscheinend hatte auch meine Nase geblutet, obwohl ich überhaupt nicht gemerkt hatte, dass sie auf dem Boden aufgeschlagen war. Aber überall um Nase und Mund war dunkles, verkrustetes Blut, das sich deutlich von meinem blassen Gesicht abhob. Ich sah aus, als hätte ich mit einem Clown geknutscht. Unten an meinem Kinn hing ein Fetzen Haut und die Oberlippe war dick angeschwollen.
Ich machte den Mund auf und klappte ihn gleich wieder zu. Wie befürchtet war mein Zahn nicht nur ein bisschen angeschlagen. Er war komplett abgebrochen und stand in einem seltsamen Winkel nach hinten weg, seine scharfe Kante zeigte direkt auf meine Zunge. Ich zog die Lippen von den Zähnen und streckte die Zunge in die Lücke, zog sie aber gleich wieder zurück, weil der Zahn auf die Berührung hin höllisch wehtat. Mit diesem Zahn würde ich nicht mal mehr essen können.
Ich versuchte, ruhig zu bleiben, drehte das warme Wasser auf und spritzte es mir ins Gesicht. Bestimmt würde ich nicht mehr ganz so erbärmlich aussehen, wenn ich mich erst mal richtig gewaschen hatte. Bestimmt würde man dann nichts als eine kleine Schürfwunde sehen und dazu die dicke Lippe. Mit ein bisschen Glück würde es kaum mehr auffallen.
Aber der Zahn … der fiel auf.
Meine Taubheit verging und ich fing an zu weinen. Ich betrachtete mich im Spiegel, während ich mir vorsichtig das Blut wegrieb, und stellte fest, dass sich nur wenig davon abwaschen ließ. Mein Gesicht war eine einzige riesige Wunde. Kein Wunder, dass meine Haut so furchtbar brannte.
Trotzdem weinte ich nur ganz leise. Ich weinte wie jemand, der aufgegeben hat. Ehrlich gesagt hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich tun sollte. Ich wollte mich von Cole trennen, hatte aber Angst davor. Ich wollte ihn weiterhin lieben, aber zugleich keine Person sein, die jemanden liebte, der ihm so etwas antat.
Da klopfte es vorsichtig an der Tür und sie ging auf, zuerst nur ein Stück weit. In dem Spalt erschienen Bethanys Brillengläser.
»Renee sagt, du hast dir wehgetan«, meinte sie. »Darf ich reinkommen?«
Erst wollte ich nicht, dann nickte ich doch und sie kam herein.
»O Mann«, keuchte sie, schnappte sich einen Waschlappen vom Handtuchständer und hielt ihn unter den Wasserhahn. »Was ist passiert?«
So schwer lastete die Trauer auf mir, dass ich kaum sprechen konnte. Ich wusste nicht, wie ich es sagen sollte. Ich hatte keine Ahnung, ob ich Bethany immer noch alles anvertrauen konnte. Ich öffnete den Mund, aber es steckte alles tief in meinem Innern fest, genau wie an dem Abend, als ich mit Georgia auf der Terrasse gesessen hatte. Mir wurde klar, dass ich es nicht herausbringen würde, nicht an diesem Abend, nicht hier im Badezimmer von Trents Eltern.
»Ich bin gefallen«, sagte ich schließlich. »Auf dem Parkplatz.«
Sie hörte auf, an meinem Gesicht herumzutupfen, und beäugte mich. »Du bist also gefallen«, sagte sie, doch es war keine Frage, sondern ein Statement. Sie glaubte mir nicht. Was mich anging, hatte Cole womöglich recht – vielleicht war ich wirklich furchtbar dumm –, aber Bethany konnte man das wahrhaftig nicht vorwerfen.
»Auf den Bordstein neben dem Auto«, erklärte ich. »Ich bin …« – ich suchte hektisch nach irgendeinem Einfall – »ich bin gerannt.«
Sie zwinkerte, schob mit dem Handgelenk ihre Brille zurecht und machte dann mit dem Waschlappen weiter. »Bist du vor jemandem weggerannt?«, fragte sie mit dumpfer Stimme.
»Was soll das heißen?« Ich zuckte zusammen, als sie an eine besonders schmerzempfindliche Stelle kam.
Sie seufzte, ließ den Waschlappen aufs Becken sinken und sah mir in die Augen. »Hör mal, Alex, versteh das nicht falsch, aber … Zack und ich, wir haben über dich geredet und …«
Ich richtete mich auf. »Na super. Ihr redet also hinter meinem Rücken über mich, was? Und Tina quatscht auch gleich mit oder wie?«
Sie streckte die Arme aus und strich mir sanft über die Schultern. Diese Berührung war so ein Kontrast zu dem harten Griff, mit dem Cole mich vorhin gepackt hatte, dass ich unwillkürlich zurückwich.
»Nein, nein«, sagte sie. »Das verstehst du falsch. Wir machen uns Sorgen.«
Ich beugte mich vor, drückte den Waschlappen aus und hielt ihn mir zwischen Nase und Oberlippe. »Braucht ihr nicht«, sagte ich. »Ich bin hingefallen. Keine große Sache.«
»Wirkt aus meiner Sicht aber ziemlich groß«, sagte sie. Etwas milder gestimmt nahm sie mir den Waschlappen ab und tupfte dort weiter, wo ich aufgehört hatte. »Alex, wir sind deine besten Freunde. Fast wie deine Schwester und dein Bruder. Wenn dieses Arschloch dir wehtut …«
Ich wich zurück und schüttelte heftig den Kopf. Bethany beobachtete mich im Spiegel. Ihre Hand mit dem Waschlappen schwebte immer noch an der Stelle, wo eben mein Gesicht gewesen war.
Tief in meinem Innern war mir klar, dass das hier meine Chance war. Die Chance, mich endlich jemandem anzuvertrauen. Die Chance, Bethany wissen zu lassen, was mir zugestoßen war. Die Chance, jemanden auf meine Seite zu bringen, der mich unterstützte.
Aber dann fiel mir wieder ein, was nach dem Basketballspiel passiert war.
Egal, lass sie doch, hatte Bethany gesagt. Egal, lass sie doch.
Und sie hatte diese Tina umarmt und sich mit ihr unterhalten, außerdem wollte sie, dass Tina mit nach Colorado kam. Bethany war mir total wichtig, aber ich war mir nicht mehr sicher, ob ich ihr trauen konnte. Seit Monaten hatte ich mich nur noch Cole gewidmet, darum wusste ich nicht mehr, an wen ich mich sonst wenden konnte.
Außerdem war das alles schon monatelang ein Geheimnis zwischen Cole und mir. Es war unser Geheimnis. Wenn ich ihr anvertraute, dass er mich herumgeschubst und meinen Zahn abgebrochen hatte, musste ich ihr auch sagen, wie er mich in seinem Zimmer ins Gesicht geschlagen hatte, und über die Sache mit dem Handgelenk reden. Da waren so viele Geheimnisse. So furchtbar viele. Bethany würde mir übel nehmen, dass ich ihr das alles verheimlicht hatte. Sie würde es nicht für sich behalten. Ich müsste diese Dinge immer wieder erzählen und alle würden böse werden und wären enttäuscht von mir. Es wäre furchtbar erniedrigend.
Mir wurde schwindlig.
»Alex«, sagte Bethany, immer noch mit dem Waschlappen in der Luft, was ziemlich komisch aussah. »Du kannst mir alles sagen.«
Aber ich wich immer weiter zurück, nahm die Hände an die Schläfen und dachte andauernd nur: Das ist es. Das ist der Moment, in dem ich verrückt wie Gänsemist werde. Ich ließ mich nach hinten aufs Bett sinken, rappelte mich jedoch gleich wieder hoch.
»Bitte«, sagte ich. »Du darfst das niemandem verraten.«
Sie sah mich an. »Also macht er’s wirklich? Du musst es mir erzählen.«
Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. »Nein, er … Bitte sag’s niemandem, Bethany. Bitte. Ich hab das unter Kontrolle.«
Als sie einen Schritt auf mich zumachte, rannte ich zur Tür.
»Alex«, bettelte sie und weinte jetzt auch. Aber ich begriff nicht, warum. Schließlich hatte sie nicht absolut jeden Menschen verloren, den sie je im Leben lieb gehabt hatte. Ihre Mutter war nicht bei einem Autounfall gestorben, bevor sie alt genug war, Erinnerungen an sie zu haben. Ihr Vater war nicht in ein Loch abgetaucht, aus dem er nie mehr herauskommen würde. Sie war nicht ins Gesicht geschlagen worden von dem Jungen, den sie liebte. Und ihre besten Freunde hatten nicht beschlossen, einfach ohne sie weiterzumachen. Verdammt noch mal, was für einen Grund zum Weinen sollte sie haben? Sie hatte immer noch alles und ich hatte immer noch nichts. So wie es unser ganzes Leben lang gewesen war. »Wir helfen dir«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.
»Da gibt’s nichts zu helfen«, sagte ich. Vielleicht schrie ich auch, denn jetzt, wo die Tür offen stand, hämmerte mir zu allem Überfluss auch noch laute Musik gegen die Schläfen und ich schaffte es nicht, auf irgendwas anderes zu achten als auf den Tumult in meinem Innern.
Ich ließ Bethany einfach stehen. Zwischen Schlafzimmer und Bad, einen blutigen Waschlappen in der Hand, der unentwegt auf den cremefarbenen Teppich von Trents Eltern tropfte, mit tränenüberströmtem Gesicht und dem laufenden Wasserhahn im Rücken.
Mit dem Versprechen, einer Freundin zu helfen, die ihr nicht vertraute. Mit dem Versprechen, für jemanden da zu sein, der steif und fest behauptete, das wäre gar nicht nötig.
Ich fand Cole im Keller, wo er mit Trent und zwei anderen aus der Basketballmannschaft Billard spielte. Die vier waren allein dort unten, keine Musik, keine Renee Littleton, keine Bethany. Hier konnte ich nachdenken.
»Hey, da ist sie!«, rief Cole, als er mich sah. Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Bierdose.
Ich ignorierte ihn, ließ mich auf die Couch sinken und schaltete den Fernseher an. Gedankenlos starrte ich auf den Bildschirm, wo ein alter Schwarz-Weiß-Film lief. Ich bekam nicht mit, worum es ging. Je langweiliger der Film war, desto größer die Chance, dass sich niemand zu mir setzte – nur darauf kam es mir an.
Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, wachte aber mit einem Ruck wieder auf, als sich jemand neben mich fallen ließ und mir den Arm um meine wehe Schulter legte. Ich öffnete die Augen. Es war Trent und er war furchtbar betrunken. Als ich die Nase verzog, weil sein Atem so stank, erinnerte mich die unbedachte Bewegung sofort an mein zerschundenes Gesicht, das sich anfühlte, als würden Rasierklingen es in Fetzen reißen.
»Heeey, Alex«, lallte er, »du siehst echt scheiße aus.«
Ich warf einen Blick über die Sofalehne. Die Billardpartie war vorbei und die andern Jungs waren verschwunden.
»Wo ist Cole?«, fragte ich, krächzte den Schlaf aus meiner Stimme und setzte mich auf.
Trent lachte mir ins Gesicht, wobei er mir seine Alkoholfahne entgegenblies, und legte sich über mich. »Rums, bums hingefallen?« Und dann lachte er noch lauter.
Ich wühlte mich unter ihm heraus und ließ ihn in die Polster sacken. Er lachte immer weiter über seinen dämlichen Spruch. Mit ein bisschen Glück würde er bald einnicken und seinen Rausch ausschlafen. Und wenn er selbst auch Glück hatte, würden die Partygäste das Haus nicht komplett auseinandernehmen, während er bewusstlos hier unten lag, mit dem Gesicht in den Kissen.
Ich ging wieder hoch und mischte mich ins Partygeschehen. Es waren weniger Leute da als vorhin. Ich sah auf die Uhr und merkte, dass ich schon viel zu spät dran war. Ich musste schleunigst nach Hause, bevor Celia es merkte und Dad weckte.
Allerdings konnte ich Cole nirgends finden. Ich schaute in jedes Zimmer. Dann sah ich draußen nach. Sein Auto war auch nicht mehr da.
Super. Er hatte mich hier sitzen lassen. Wie nett von ihm.
Diese beschissene Nacht wurde von Stunde zu Stunde immer noch beschissener.
Ich setzte mich auf die Veranda und überlegte, was ich jetzt tun sollte. Leute stolperten an mir vorbei, stiegen in ihre Autos und brausten davon. Bald würden alle weg sein. Nur ich und Trent, der unten im Keller vor sich hin schnarchte, würden übrig bleiben, mein abgebrochener Zahn würde verfaulen, und falls ich es irgendwann dann doch bis nach Hause schaffte, würde ich Hausarrest bis an mein Lebensende kriegen.
Schließlich fand ich Bethany und Zack, die im Familienzimmer an einer Playstation mit gigantischem Bildschirm spielten. Es ging wohl um Autorennen, denn durch den Raum dröhnte lautes Motorgeheul. Als Bethany gewann, spang sie auf und legte einen kleinen Siegestanz hin.
Dabei fiel ihr Blick auf mich. Sofort hörte sie auf zu lachen und unterbrach ihren Tanz.
»Du bist noch da?«, fragte sie.
Zack drehte sich um, mit dem Controller in der Hand. »Oh, hallo, Alex. Ich dachte, du wärst weg.«
»Bin unten eingeschlafen«, sagte ich. »Cole ist gefahren.«
Sie wechselten einen Blick, den ich nicht deuten konnte, dann beugte sich Zack vor und stellte die Playstation aus. »Mir reicht’s sowieso. Dauernd Beth in den Arsch zu treten macht auf Dauer auch keinen Spaß.«
Sie schlug ihn auf die Schulter, legte aber den Controller weg und ging ihre Handtasche suchen.
Während der Fahrt saß ich alleine auf dem Rücksitz und tat, als bekäme ich gar nicht mit, wie die beiden vorne miteinander herumalberten. Und als fiele mir nicht weiter auf, dass auf dem Heimweg keiner ein Wort mit mir redete. Als würde es mich nicht wahnsinnig erleichtern, endlich bei Zack vorm Haus anzukommen, über den Rasen zu rennen, in der Dunkelheit unseres eigenen Hauses zu verschwinden und endlich allein zu sein.