Eine halbe Stunde später lag ich geduscht und mit notdürftig verarzteten Wunden in meinem Bett und starrte das Licht an, das durchs Fenster an die Zimmerdecke fiel.
Mein Kinn tat immer noch weh. Eigentlich brannte es sogar noch mehr, seit ich den herunterhängenden Fetzen Haut abgeschnitten hatte. Auch meine Nase schmerzte, und obwohl mein Zahn nun nicht mehr wirklich wehtat, quälte es mich, wie er immer wieder in meine Zunge schnitt.
Ich konnte ihn nicht in Ruhe lassen. Während ich im Bett lag und nachdachte, drückte ich die Zunge immer wieder gegen die scharfe Kante. Tack, tack, tack. Irgendwas an diesem Schmerz fühlte sich vertraut an und – auch wenn sich das natürlich schräg anhört – irgendwie gut.
Denn auf diesen Schmerz an meiner Zunge konnte ich mich verlassen. Mit ihm war fest zu rechnen. Tack. Schmerz. Scharfe Kante. Tack. Aua. Gut. Ich wusste, was kam. Ich konnte es vorhersagen, ich verstand meinen abgebrochenen Zahn.
Mein Leben sonst … irgendwie nicht.
Wie war alles nur so außer Kontrolle geraten? Was sollte ich jetzt tun? Die Vorstellung, den anderen unter die Augen zu treten, machte mir Angst.
Es wurde immer später und ich lag so lange wach, dass ich allen Ernstes zu überlegen begann, ob ich nicht jetzt gleich ganz alleine nach Colorado abhauen und dort bleiben sollte. Ich würde keinem erzählen, wohin ich ging. Ich würde einfach verschwinden, nur noch eine Erinnerung sein. Geld genug hatte ich gespart für die Reise. Und ein Auto hatte ich auch. Ich musste mir bloß einen Job suchen, wenn ich dort ankam, das war alles. Ich brauchte nichts weiter zu tun, als wegzugehen und den Schmerz hinter mir zu lassen.
Gerade als ich endlich wegzudämmern begann, hörte ich Stimmengebrüll draußen auf der Straße.
Ich setzte mich auf und sah aus dem Fenster. Ich konnte aber nicht genug erkennen, darum stand ich auf und zog die Jalousie bis ganz nach oben.
Coles Auto war am Straßenrand abgestellt, mit laufendem Motor und offener Fahrertür. Er selbst stand auf dem kleinen Hof neben unserem Haus und brüllte jemandem etwas zu, der sich im Schatten von Zacks Veranda aufhalten musste.
Was er sagte, war kaum zu verstehen. Er sprach verwaschen, schien fast zu lallen, außerdem stand er ein Stück weit weg und zwischen uns war eine Fensterscheibe. Trotzdem musste man kein Genie sein, um zu erraten, worum es ging.
»Wei ich sie sehn will und das geht dich nichs an! … Is nu mal nich deine Freundin, kapierste, Mann …«
Ich schnappte nach Luft und schlug die Hand vor den Mund. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Im Haus gegenüber war Licht angegangen und ich sah, wie die Nachbarn unter der Jalousie durch nach draußen spähten. Verdammt, wenn Cole so weitermachte, würde Dad aufwachen und ich würde erklären müssen, wieso mein Freund um drei Uhr nachts sturzbetrunken bei uns vor der Tür stand und herumbrüllte. Das war wirklich das Allerletzte, was ich brauchen konnte. Ach, und bei der Gelegenheit: Könntest du einen Zahnarzttermin für mich ausmachen, am besten für, na ja, am besten für jetzt gleich?
Ich wollte das Fenster öffnen, in der Hoffnung, Cole irgendwie beruhigen zu können, aber ich fummelte noch am Griff herum, da brüllte er schon wieder los.
»Scheiße, schaffste doch nie«, schrie er. Gleich darauf raste etwas Jeansblaues auf ihn zu und Cole landete auf dem Boden, wo er sich wild mit Zack zu prügeln begann.
Auch in einem Haus auf der anderen Straßenseite gingen jetzt die Lichter an. Jemand trat nach draußen auf die Veranda und schrie: »Hey!«
Endlich schaffte ich es, das Fenster weit aufzureißen. Kälte flutete herein, das Schreien und Grunzen und das Knallen der Schläge war auf einmal total laut. Und zugleich wurde mir klar, dass ich immer noch keine Ahnung hatte, was ich tun sollte.
Cole hatte keine Chance gegen Zack, der mindestens genauso groß und vor allem nicht betrunken war. Jeden Fausthieb, den Cole Zack verpasste, beantwortete der mit fünf Hieben, und irgendwann gab Cole auf und hielt sich nur noch die Hände über den Kopf, statt zurückzuschlagen. Zack rollte Cole auf den Rücken, packte ihn am Hemd und zerrte ihn hoch, dann ließ er ihn wieder zu Boden fallen.
»Fass sie noch ein einziges Mal an«, brüllte Zack Cole ins Gesicht, »und ich brech dir jeden verfluchten Knochen im Leib.«
Er richtete sich auf und ging zurück zum Haus, wobei er kurz hochblickte zu meinem Fenster und mich dort stehen sah, mit den Händen an der Scheibe und offenem Mund. Seine Lippe blutete und er war außer Atem, aber sonst schien er okay zu sein.
Cole sah viel schlimmer aus. Er hatte eine blutige Nase, blutige Lippen und auch von seinem Kinn strömte Blut.
Er sah fast aus wie ich.
Nachdem Zack die Haustür hinter sich zugeworfen hatte, blieb Cole noch kurz liegen, dann rappelte er sich hoch und spuckte auf den Boden.
Inzwischen waren einige von den Nachbarn nach draußen gekommen. Einer hatte ein Telefon am Ohr.
Fluchend stolperte Cole zurück zu seinem Auto. Alle paar Schritte blieb er stehen und spuckte wieder aus. Unmittelbar bevor ein Polizeiwagen in die Straße einbog, stieg er ein und fuhr weg. Vor Zacks Haus blieben die Polizisten stehen, doch sie fanden offenbar, dass es hier nichts mehr zu tun gab, und fuhren einfach weiter.
Ich krabbelte zurück in mein Bett, fummelte mit der Zunge an meinem kaputten Zahn herum und dachte immer wieder an den Ausdruck in Zacks Gesicht, als er vorhin kurz zu mir hochgeschaut hatte.
Nie im Leben würde ich diesen Abend begreifen, der damit angefangen hatte, dass mich ausgerechnet derjenige verletzt hatte, den ich liebte. Und an dem sich später meine besten Freunde für mich starkgemacht hatten, obwohl ich sie nach dem Basketballspiel so verletzend behandelt hatte.
Zack hatte zu meinem Fenster hochgeguckt, als hätte er erwartet, mich dort zu sehen. Als wäre ihm vollkommen klar, dass ich ihm zusah, während er Cole verprügelte. Als hätte er nicht nur Cole warnen wollen, sondern auch mich. Wenn es sein musste, hatte er keine Angst davor, sich mit Cole anzulegen – ob mir das nun passte oder nicht.
Aber noch etwas anderes hatte in seinem Blick gelegen. Dieser Blick hatte mich spüren lassen, dass Zack niemals untätig zusehen würde, wie Cole mich fertigmachte. Dass er immer auf mich aufgepasst hatte und jetzt nicht damit aufhören würde.
Vielleicht war ich doch nicht so allein, wie ich gedacht hatte. Vielleicht wurde es Zeit, endlich die Wahrheit zu sagen.