Kapitel 22

Ich bekam Cole den ganzen nächsten Tag nicht zu Gesicht.

Na ja, eigentlich sah ich ihn ziemlich oft. Aber er nahm mich nicht wahr. Er kam auch nicht wie sonst nach der zweiten Stunde an mein Schließfach. Ich musste an die Party am See denken, wenn ich ihn durch die Gänge laufen sah – er strahlte eine geradezu unheimliche Energie aus. Wenn ich ihn in der Menge entdeckte, lachte er immer übertrieben laut oder schlug irgendwem auf die Schulter, als wollte er allen vorführen, wie gut er drauf war. Es war total merkwürdig.

Zuerst versuchte ich, nicht viel darauf zu geben. Am Tag davor hatte er sich um irgendwelche Familiensachen kümmern müssen. Ich wusste ja, wie es ihm mit Brenda und seinem Dad ging, darum war eine plausible Erklärung, dass es ihm vielleicht schlecht ging und er darum lieber für sich sein wollte.

Aber mich damit zu beruhigen klappte nur für eine Weile. Um die Mittagspause herum war ich dann doch sehr gekränkt über sein Verhalten. Sollte nicht ich diejenige sein, bei der er Trost suchte und in deren Gegenwart alles von ihm abfiel, was ihm zu schaffen machte? Diejenige, die ihm das Gefühl gab, trotz allem nicht allein zu sein? Ich hatte geglaubt, dass wir einander inzwischen wirklich vertrauten, auch in Familiendingen.

In den letzten Tagen hatten wir ein paarmal eng aneinandergeschmiegt dagesessen und über unsere Eltern geredet, über unsere Einsamkeit und die Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben. Immer wieder hatte er gesagt: Ich hab das noch nie vorher irgendwem erzählt, Alex.

Und andauernd hatte wir einander versichert, dass wir immer füreinander da wären. Wir verstanden uns. Aber jetzt brauchte er mich anscheinend nicht. Das kapierte ich einfach nicht.

Als die sechste Stunde vorbei war und es Zeit wurde, zum Lernlabor zu gehen, war ich total aufgeregt. Mittlerweile redete ich mir nicht mehr ein, dass seine Distanziertheit mit seiner Familie zu tun hatte. Irgendwas stimmte nicht zwischen uns. Ich konnte es spüren. Nur wusste ich nicht, was es war. Ich zerbrach mir unentwegt den Kopf, was ich gesagt oder getan haben könnte, dass er jetzt sauer auf mich war. Cole war manchmal ohne echten Grund schlecht drauf, das kannte ich schon, aber meistens richtete sich seine Wut dann auf Brenda. Wenn sie ihn anrief, war er praktisch immer grantig. Er brüllte sie an, ohne auch nur Hallo zu sagen, dann legte er auf und schaltete sein Handy aus. Aber dass er mit mir einen ganzen Tag lang nicht redete, war noch nie vorgekommen.

Er kam zu spät. Viel zu spät. Ich hatte meine Hausaufgaben herausgeholt, hatte mich aber nicht konzentrieren können. Ich fühlte mich viel zu verloren und durcheinander und war immer wieder kurz vorm Weinen. Doch gegen Ende der Stunde, kurz bevor die Glocke klingelte, kam er auf einmal hereingestürmt.

Ich erstarrte. Sah ihm zu, wie er rasch den Raum durchquerte und sich auf den gleichen Stuhl wie immer setzte.

»Du bist spät dran«, sagte ich und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Ich wollte verärgert klingen, aber meine Stimme hörte sich dermaßen kläglich an, dass das Gegenteil der Fall war: Ich wirkte verzweifelt, furchtsam und jämmerlich. Das Gegenteil von stocksauer.

Er warf mir einen scharfen Blick zu. »Na und?«

War das alles, was er zu sagen hatte? Na und?

»Wo bist du heute gewesen?«, fragte ich. »Du hast mir nicht mal Hallo gesagt. Was war denn los mit deiner Familie gestern? Wieso hast du mich nicht angerufen?«

»Wow«, sagte er und beugte sich mit einem arroganten kleinen Grinsen vor. Die Stimmung im Raum wurde immer unbehaglicher. Er strahlte etwas aus, das viel schlimmer war als schlechte Laune. Und auch schlimmer als Wut. »Du hast jede Menge Fragen.«

Die Stille zwischen uns dehnte sich. Meine Augen brannten, ich konnte die Tränen nur mit großer Anstrengung zurückhalten. Mir war klar, dass ich schnell von hier wegmusste, bevor ich zu weinen begann oder … bevor sich herausstellte, warum ich mich in seiner Gegenwart auf einmal so furchtbar unwohl fühlte. Ich stand auf und warf meine Bücher und Papiere in den Rucksack, so schnell ich konnte.

»Für heute lassen wir’s wohl lieber, okay?«, sagte ich und hätte mich am liebsten getreten dafür, dass meine Stimme so zitterte. Ich zog gerade den Reißverschluss am Rucksack zu, da streckte er den Arm aus und packte mit festem Griff mein Handgelenk. »Das glaube ich nicht.«

Es schockierte mich, wie hart dieser Griff war. Ich musste an den Abend am See denken, an dem er mein Knie so fest umklammert hatte, dass hinterher die Abdrücke seiner Finger zu sehen gewesen waren. Fassungslos starrte ich ihn an. Ich hatte geglaubt, das mit dem Knie wäre ihm einfach so passiert, ohne jede Absicht aus dem Moment heraus, und nach unserer Versöhnung hatte ich nie mehr daran gedacht. Aber jetzt umklammerte er mein Handgelenk derart fest, dass sich wieder Abdrücke bilden würden. Und seine zu einer dünnen Linie aufeinandergepressten Lippen verrieten mir, dass das hier nicht zufällig passierte. Er quetschte mein Handgelenk, weil er es wollte.

Ich versuchte, mich loszureißen. »Lass mich, Cole. Ich gehe jetzt.« Da drückte er noch fester zu. Seine Finger gruben sich tief in mein Fleisch. Und dann verdrehte er mein Gelenk so weit, dass es vor Schmerz zu pochen begann. »Au«, zischte ich und ging stolpernd in die Knie. »Du tust mir weh. Lass mich los. Das mein ich ernst, Cole.«

Er stand auf und kam um den Tisch, bis er so dicht vor mir stand, dass sich unsere Nasen beinahe berührten. Ich roch den Kaugummi, auf dem er herumkaute. Er starrte mich an und ich konnte dabei zusehen, wie seine Augen mit jedem Gedanken, der ihm durch den Kopf ging, immer dunkler wurden. Das Grinsen war jetzt verschwunden, eine Art Zähnefletschen war an seine Stelle getreten. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich war, aber er packte mich jetzt noch fester. Das Pochen in meinem Handgelenk wurde stärker und der Druck unerträglich. Ich keuchte und ging noch mehr in die Knie. Jetzt konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten, nur noch wütend gegen sie anblinzeln.

Ewigkeiten stand er da und starrte mich nur an. Dann kam er noch näher heran und flüsterte: »Was denn? Fasst Zack dich etwa sanfter an?«

Ich geriet ins Taumeln vor lauter Überraschung. Eine Sekunde lang vergaß ich meine Hand und sah ihn entgeistert an. Was meinte er bloß? »Was soll denn … Au! Cole, hör auf. Das tut saumäßig weh!«

Aber er machte einfach weiter, mit einer solchen Gewalt, dass er dabei selbst zu zittern begann. Meine Finger verfärbten sich, und weil die Blutzufuhr unterbrochen war, konnte ich sie nicht mehr bewegen. »Ich hab euch gesehen«, sagte er mit rotem Gesicht und einer Stimme, die wie ein böses Bellen klang und mir Gänsehaut bereitete. Mit der freien Hand versuchte ich, seine Finger von meinem Arm wegzuziehen. Doch sie bewegten sich kein bisschen – er war einfach zu stark. »Ich hab gesehen, wie ihr euch auf dem Parkplatz begrapscht habt. Das war ja die reinste Orgie. Jedenfalls enorm kuschlig.«

»Uns begrapscht? Wir haben doch … Mein Gott … spionierst du mir jetzt hinterher?« Ich dachte an Georgia, die gesagt hatte, sie fände es irgendwie unheimlich, dass Cole den ganzen Abend über dahockte und mir zuschaute. Und mir fiel das Auto wieder ein, das gestern, als Zack den Parkplatz verlassen hatte, langsam hinter ihm hergefahren war.

Cole riss so heftig an meinem Handgelenk, dass es mir den Atem verschlug. »Lüg mich nicht an, Alex!«, knurrte er in mein Gesicht. »Ich hab euch doch gesehen! Und dann seid ihr auch noch zusammen bei ihm aus dem Haus gekommen – er hat dich abends nach Hause gebracht.«

Beim letzten Wort löste er den Griff um mein Handgelenk, rammte es mir aber gleichzeitig mit voller Wucht in den Bauch. Meine Hand war wieder frei, aber das verschaffte mir keine Erleichterung, denn jetzt taumelte ich zurück, stolperte über meinen Stuhl und knallte hart mit der Hüfte auf den Boden. Ich war so perplex, dass ich mich nicht mehr rühren konnte. Mein Handgelenk und meine Hüfte taten höllisch weh.

Er stand jetzt über mir, mit bebenden Nasenflügeln und schwer atmend wie ein Tier. Ich rappelte mich hoch auf die Knie, was nicht leicht war mit nur einer Hand und einer Hüfte, die ich vor Schmerz kaum bewegen konnte. Ich brachte keinen Ton heraus. Auch meine Tränen waren auf einmal versiegt.

»Reicht wohl nicht, dass ich mit Brenda klarkommen muss, was, Alex? Ist noch nicht schlimm genug, dass ich zu Hause bleiben und mich um diese Scheiße kümmern muss! Sondern du nutzt auch noch die erstbeste Gelegenheit ohne mich und betrügst mich mit diesem Vollidioten von nebenan.«

Ich versuchte immer noch, auf die Füße zu kommen, da packte er plötzlich meine Haare und riss mich nach oben. Ich schrie auf. Irgendwie stand ich jetzt und spürte in diesem Augenblick nicht einmal mehr meine Hüfte und das Handgelenk – der Schmerz am Kopf war einfach stärker. Einzelne Haare rissen mit der Wurzel aus der Kopfhaut. Ich zitterte jetzt so sehr, dass ich mich fragte, ob ich überhaupt stehen bleiben würde, wenn er mich plötzlich losließ. Das hier war viel schlimmer als ein paar Fingerabdrücke am Knie. Es machte mir Angst.

Er zog mein Gesicht dicht an seines heran. »Du verarschst mich nicht mehr, Alex«, knurrte er mit einer Stimme, die ich noch nie zuvor gehört hatte. »Dafür bist du sowieso zu blöd. Ich erwisch dich. Und zwar jedes – verdammte – Mal.«

»Okay«, winselte ich und hielt mir die Hände über den Kopf, um zu verhindern, dass er mir noch mehr Haare ausriss. Ich hätte Cole gern erklärt, dass ich nicht mit Zack rumgemacht, sondern nur versucht hatte, meine Freunde davon zu überzeugen, dass er ein netter Mensch war. Aber ich hatte Angst, dass er mir noch mehr wehtun würde, wenn ich mich wehrte, also nickte ich nur, soweit sein Griff das zuließ, und sagte: »Okay.«

Mit einem letzten Schubser ließ er mich los und ging wieder auf seine Seite vom Tisch. Er nahm seinen Rucksack und schlang ihn lässig über eine Schulter, genauso ruhig wie an jedem anderen Tag. Währenddessen rieb ich mir den Kopf dort, wo er mich an den Haaren gerissen hatte. Meine Knie zitterten so sehr, dass es mich Anstrengung kostete, aufrecht stehen zu bleiben. Verzweifelt versuchte ich zu begreifen, was passiert war. Es war alles so schnell gegangen, dass es mir fast vorkam, als hätte ich es mir nur eingebildet.

Mit dem Rucksack auf dem Rücken fand Cole seine Stimme wieder. Er klang jetzt ganz normal, da war nichts mehr von diesem aggressiven Knurren. Stattdessen wirkte er erschöpft, müde und still.

»Wir reden später«, sagte er. Er kam zu mir, nahm mein Kinn behutsam zwischen Daumen und Zeigefinger, hob mein Gesicht und küsste mich. »Ich liebe dich«, sagte er auf dem Weg zur Tür. »Und ich lass mich von dir nicht verarschen.«

Er schlüpfte durch die Tür und schloss sie leise hinter sich – und plötzlich war ich allein.

Und da spürte ich den Schmerz mit voller Wucht.

Mein Handgelenk.

Meine Hüfte.

Mein Kopf.

Mein Nacken.

Doch nichts von alledem schmerzte so sehr wie mein Herz.

Wie konnte das der Junge sein, dessen Hand beim Gitarrespielen so sanft auf meiner gelegen hatte? Der Junge, der aus meinem Gedicht einen Song gemacht hatte? War das wirklich der gleiche Mensch wie der, dem ich mich oben auf der Mauer vom Überlaufbecken anvertraut hatte? Der auf dem Bett in seinem Zimmer meine Augenlider geküsst hatte?

Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Also räumte ich erst das Zimmer auf, schob den Tisch wieder gerade hin und stellte die Stühle auf. Dabei zitterte ich am ganzen Körper. Meine linke Hand – die, die er malträtiert hatte – konnte ich nicht richtig benutzen, darum musste ich die Möbel schieben und herumzerren.

Ein Teil meiner selbst wollte einfach nicht glauben, was gerade passiert war. Es kam mir vor, als wäre das nur ein böser Traum gewesen und ich könnte aufwachen – schaudernd und aufgewühlt zwar, aber erleichtert, dass es vorbei war. Doch ein anderer Teil von mir wusste sehr wohl, dass das, was ich eben erlebt hatte, wirklich war. Dieser Teil meiner Selbst hatte schon bei der Party am See begriffen, was los war. Schon da hatte ich gespürt, dass Cole etwas Gefährliches ausstrahlte. Aber niemals, nicht in einer Million Jahren, hätte ich mir das hier vorstellen können.

Langsam und zittrig ließ ich mich auf einen Stuhl sinken. Ich drehte den Arm und betrachtete mein Handgelenk, das rot angelaufen war und üble Quetschspuren hatte. Bestimmt würde es gleich anschwellen und grün und blau werden. Ich zog den Bund meiner Jeans ein Stück herunter. An meiner Hüfte hatte sich ein hässlicher, dunkler Bluterguss gebildet.

Da kamen mir die Tränen.

Wie konnte er es wagen? Wie hatte er mir das nur antun können?

Meine Gedanken überschlugen sich. Was sollte ich jetzt machen?

Ich hatte das Gefühl, ich müsste jemandem erzählen, was mir gerade zugestoßen war. Müsste rausrennen auf den Korridor und laut schreien. Müsste die Polizei holen. Mr Nagins Bescheid sagen, dem Beratungslehrer. Einfach irgendwas tun. Bethany anrufen. Ins Tutorenzimmer nebenan laufen und Zack um Hilfe bitten. Irgendwen ansprechen und 

Und was? Ihm meine Verletzungen zeigen? Ihm von der Party am See erzählen? Oder von der Geschichte mit dem Karussell auf dem Spielplatz, wo er mir absichtlich Angst eingejagt hatte? Wollte ich demjenigen gestehen, dass ich trotzdem mit Cole ins Bett gegangen war, obwohl er mir schon einmal wehgetan hatte? Dass ich tausend Erklärungen gefunden hatte, um sein Verhalten an diesem Abend zu entschuldigen?

Ich schämte mich so. Ich mochte mir nicht mal vorstellen, irgendwem all diese Dinge anzuvertrauen. Dinge, die mich dumm und naiv und erbärmlich wirken ließen – wo ich doch wusste, dass das alles nicht zutraf. Mir war klar, dass das alles komplizierter war. Aber außer mir selbst würde das niemand verstehen.

Ganz davon abgesehen, dass mich Mr Nagins wahrscheinlich in irgendein furchtbar peinliches Programm für Mädchen stecken würde, die von ihren Freunden verprügelt wurden. Dad würde in die Sache reingezogen. Es gäbe ein Riesentheater, weil das Ganze auf dem Schulgelände passiert war. Und alle würden es erfahren.

Ich wusste genau, wie so was hier an der Schule lief – wenn auch nur eine einzige Person so etwas mitkriegte, wussten es in null Komma nichts alle. Und ich war absolut nicht dazu bereit, vor der ganzen Schule als abschreckendes Beispiel für Gewalt in Beziehungen dazustehen. Hast du gehört, was Alex Bradford passiert ist? Gott, wie dämlich kann man bloß sein? Ich würde ihm ordentlich in den Arsch treten.

Wahrscheinlich würden sie sogar von mir verlangen, dass ich anderen Schülern meine Geschichte erzählte, damit sie etwas daraus lernen konnten. Und die ganze Zeit würden alle nur denken, wie unfassbar bescheuert es war, dass ich mich nicht gewehrt hatte. Sie würden sich fragen, wie ich mich nur in so einen Typen hatte verlieben können. Sie würden mich jämmerlich finden.

Und, Gott im Himmel, was war mit Bethany? Er wirkt irgendwie nicht so wirklich nett, hatte sie gesagt. Pass gut auf dich auf. Wenn ich ihr erzählte, was er gerade getan hatte, wäre sie überzeugt, dass sie von Anfang an recht gehabt hatte. Ich brächte sozusagen selbst den Beweis.

Und weiß der Himmel, was Zack anstellen würde, wenn er davon erfuhr.

Aber am allerschlimmsten – ich konnte es selbst nicht fassen, als ich mich bei diesem Gedanken ertappte – war, dass Cole mich hassen würde, wenn ich allen die Wahrheit erzählte. Er würde mir das niemals verzeihen.

Ich hasste mich selbst dafür, dass ich sogar in dieser Lage noch an Coles Gefühle dachte, doch ich konnte es nicht ändern, es war einfach so.

Ich verschränkte die Arme auf dem Tisch, legte den Kopf darauf und weinte, während ich an all das und noch mehr dachte. Daran, dass das hier Cole überhaupt nicht ähnlich sah. Dass er irgendwie unter Druck gewesen sein musste. Es konnte nicht anders sein, denn normalerweise würde er so etwas nie tun. Seine Familienprobleme waren schuld.

Und ich überlegte auch, ob ich ihn nicht selbst dazu gebracht hatte. Schließlich hatte ich mich auf dem Parkplatz von Zack durchkitzeln lassen. Und ich hatte Cole nicht erzählt, dass ich am Abend bei Zack gewesen war. Ich hatte ihm nicht erklärt, dass Bethany auch da gewesen war und dass wir nichts weiter getan hatten, als Plätzchenteig zu essen und über Campingbusse zu reden.

Am besten wäre es gewesen, er wäre einfach mitgekommen. Bestimmt hätte ich Bethany und Zack überreden können, ihn dabei sein zu lassen. Dann hätte er selbst gesehen, dass das alles ganz harmlos gewesen war. Dass ich vollkommen unschuldig war.

Was hätte ich wohl an seiner Stelle gedacht? Garantiert hätte ich auch geglaubt, dass da irgendwas läuft. Ich wäre auch wütend geworden, wenn ich Cole abends aus dem Haus eines anderen Mädchens hätte kommen sehen. Ich wäre verletzt gewesen. Ich hätte getobt.

Irgendwann weinte ich nicht mehr vor Schmerz, sondern weil ich traurig war und weil mir so leidtat, wie alles gelaufen war. Das war das Ende. Wir würden uns trennen.

Und das war letztlich der schlimmste Gedanke von allen. Obwohl ich verletzt war und mich schämte und stinkwütend war über das, was Cole getan hatte, liebte ich ihn immer noch. Ich hatte immer noch das Gefühl, dass wir füreinander bestimmt waren. Ich wollte mit ihm zusammen sein. Und ich hatte alles verdorben.

Als die Schulglocke läutete, setzte ich mich auf, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und räumte meine restlichen Sachen in den Rucksack. Dabei zuckte ich immer wieder zusammen, wenn ich aus Versehen meine linke Hand benutzte. Ich fragte mich, ob Amanda und Zack im Nebenzimmer wohl irgendwas von dem mitbekommen hatten, was passiert war. Wahrscheinlich nicht, sonst wäre Zack garantiert hereingestürmt, um mir zu helfen. Zumindest glaubte ich, dass er das getan hätte.

Niemand hatte etwas gehört. Niemand hatte etwas gesehen. Ich war die Einzige, die es wusste.

Ich stand auf und atmete tief durch, hievte mir den Rucksack auf die Schultern und verließ den Raum, als wäre nichts passiert. Und für mich war das wirklich der Fall.