Nach einem kurzen Blick in den Spiegel am Morgen war mir klar, dass ich auf gar keinen Fall aus dem Haus konnte.
Der verschwommene violette Streifen unter meinem Auge war mit Make-up wahrscheinlich leicht zu überdecken, aber mein Wangenknochen war eine Katastrophe. Er war blau verfärbt und angeschwollen, schon allein ihn anzusehen tat weh, von Berührungen ganz zu schweigen.
Wenn du mit diesem Gesicht aus dem Haus gehst, sagte ich mir, musst du jede Menge Fragen beantworten. Bist du dazu bereit? Nein? Das dachte ich mir.
Ich wusch mein Gesicht mit eiskaltem Wasser, aber das brachte nicht viel, es beruhigte nur mein Auge ein bisschen, das sich anfühlte, als wäre Sandpapier unter dem Lid. Es fiel mir immer noch schwer, das Auge ganz zu öffnen, und im Sonnenlicht begann es sofort zu tränen.
Am Ende kroch ich wieder ins Bett, drehte mich auf die Seite und vergrub mein Gesicht im Kissen. Dann rief ich nach Celia.
»Was ist los? Bist du krank oder was?«, fragte sie und streckte den Kopf zur Tür herein.
Ich nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Wenn ich meine Wange so fest ins Kissen presste wie jetzt, tat sie gleich noch mehr weh. »Kannst du Dad sagen, er soll in der Schule anrufen? Und heute Abend müsste ich arbeiten, also soll er dort auch gleich anrufen.«
»Hast du deine Tage?«
»Nein«, sagte ich. Warum machte Celia immer alles so kompliziert? »Bin wohl erkältet.«
Sie runzelte die Stirn. »Du siehst aber gar nicht so aus.«
Entnervt stöhnte ich auf. »Also … Celia, kannst du das nicht einfach mal für mich machen, bitte?«
»Meinetwegen. Aber wenn du mich anlügst und in Wirklichkeit nur mit Cole rumhängen und Sex haben willst, vergiss es. Das find ich eklig und da mach ich nicht mit.«
Am liebsten hätte ich mit irgendwas nach ihr geworfen. Aber ich konnte meine Wange nun mal nicht vom Kissen heben. Also verabschiedete ich mich von der Vorstellung, sie umzubringen, und setzte stattdessen mein elendstes und bemitleidenswertestes Fiebergesicht auf.
Während sie aus dem Zimmer ging und durchs Haus nach Dad brüllte, fragte ich mich wieder einmal, warum meine Schwestern und ich so ganz den Draht zueinander verloren hatten. Früher, als wir noch klein gewesen waren und Dad in seiner Verzweiflung überhaupt nichts auf die Reihe bekommen hatte, hatten wir drei uns aneinander festgeklammert wie an einen Rettungsring. Der Schmerz, keine Mom mehr zu haben, brannte so sehr, dass wir alles taten, um uns gegenseitig Halt und Geborgenheit zu geben.
Aber nach einer Weile schien es, als hätten Shannin und Celia diesen brennenden Schmerz einfach vergessen. Und weil ich nicht in ihre Welt passte, die perfekt sein sollte, obwohl ihr so viel fehlte, begannen sie, auf mir herumzuhacken.
Mir war klar, dass Celia mich nicht hasste. Aber meistens fühlte es sich trotzdem so an.
Nach ein paar Minuten hörte ich Dad in seinen schweren Stiefeln den Gang entlangkommen. Schnell prüfte ich, ob meine Haare und das Kissen mein blaues Auge wirklich ganz und gar verdeckten. Ich zog die Decke bis hoch zum heilen Teil meines Gesichts und rollte mich zusammen, schlang die Arme um die Knie und bemühte mich, so zu zittern, dass es nicht gleich auf den ersten Blick gespielt wirkte.
»Celia sagt, du bist krank.« Dad blieb mit hängenden Armen an der Tür stehen.
Ich nickte und hustete ein bisschen.
»Ich hab angerufen, in der Schule und bei der Arbeit.«
»Danke«, krächzte ich.
»Aber bei dir bleiben kann ich nicht«, meinte er unsicher. Das hätte ich auch nie erwartet, denn seit Shannin alt genug zum Babysitten gewesen war, hatte er das sowieso nicht mehr getan.
»Schon okay«, sagte ich, bemüht, meine Stimme schwach klingen zu lassen.
»Na dann«, sagte er und beäugte mich. Ich drückte meine wehe Wange noch fester ins Kissen, nur für den Fall, dass vor lauter Krankheitsgetue doch etwas sichtbar geworden war. »Also, wenn du irgendwas brauchst …« Doch seine Stimme verklang und ich wusste nicht, ob das eine Frage oder eine Feststellung gewesen sein sollte. Er klopfte zweimal gegen den Türrahmen und war schon so gut wie weg, dann überlegte er es sich anders und drehte sich noch mal zu mir um. »Als ich dort angerufen hab … die Frau, mit der du da arbeitest – sie hat gesagt, ich müsste im Moment besonders gut auf dich aufpassen. Sie meint, du wärst vielleicht in Schwierigkeiten oder so.«
Beinahe hätte ich vergessen, mein Gesicht ins Kissen zu drücken, und mich aufrecht hingesetzt. Georgia! Sie hatte hinter meinem Rücken mit meinem Vater geredet. Wie konnte sie das nur tun?
Ich schüttelte vorsichtig den Kopf. »Sie wird gemeint haben, dass es gerade Stress mit dem Besitzer gibt, weiter nichts. Und das betrifft alle, die da arbeiten. Ich steck jedenfalls nicht in Schwierigkeiten.«
»Sicher?«, fragte er.
»Ich bin nicht schwanger, Dad. Ich hab nur einen Virus erwischt.«
Er scharrte mit dem Stiefel auf dem Parkett hin und her und blickte zum Glück nach unten statt in mein zerschundenes Gesicht. Jetzt zitterte ich wirklich. Und zwar vor Wut auf Georgia, die sich so dreist in meine Angelegenheiten mischte. Wenn mich mein Aussehen nicht daran gehindert hätte, wäre ich auf der Stelle zu ihr gegangen und hätte sie zur Rede gestellt. Dazu hatte sie kein Recht.
»Du weißt ja, was deine Mutter von so was gehalten hätte«, sagte er und ich nickte, obwohl mir die Meinung meiner Mutter zu egal welchem Thema auf der Welt absolut unklar war. Falls sie überhaupt je irgendwas zu mir gesagt hatte, konnte ich mich nicht daran erinnern. Ich wünschte mir inständig, Dad würde wenigstens dieses eine Mal darauf verzichten, so zu tun, als wüsste ich, was meine Mutter gedacht hätte, und endlich begreifen, dass ich nicht die geringste Vorstellung davon hatte.
Er stapfte jetzt durch den Gang davon. Ein paar Minuten später hörte ich ihn unten mit Celia reden, während die beiden das Haus verließen, und konnte mich endlich entspannen.
Ich ging duschen. Das heiße Wasser, das über mein Auge lief, fühlte sich himmlisch an. Danach zog ich mich an und schnappte mir eine Tüte mit gefrorenen Erbsen. Den restlichen Tag hockte ich gegen das Kopfteil gelehnt im Bett und hielt mir die Erbsen ans Gesicht, während im Fernsehen irgendwelche dämlichen Soaps und Talkshows vor sich hin flimmerten. In meinem Hirn rasten die Gedanken. Ich versuchte zu begreifen, was am Vorabend passiert war, und nachzuvollziehen, was Cole dieses Mal in Rage versetzt hatte.
Aber das schaffte ich nicht. Ich verstand nicht, warum Basketball so megawichtig für ihn war. Ich verstand nicht, warum ihn seine Eltern dermaßen stressten, ich verstand nicht, warum er sich so in seine Eifersucht auf Zack hineinsteigerte, ich verstand seine plötzlichen Stimmungswechsel nicht und noch viel weniger verstand ich, warum er mich so wüst beschimpfen und kleinmachen musste. Ich verstand nicht, warum er ausrastete.
Ich verstand nicht, wie er mich hatte schlagen können, nicht nur herumstoßen und viel zu fest am Handgelenk packen, sondern richtig schlagen, und das auch noch mit der Faust. Und ich verstand nicht, wie es sein konnte, dass er mir im einen Moment die Faust ins Gesicht rammte und mir im nächsten Moment sagte, wie sehr er mich liebte.
Und vor allem konnte ich nicht verstehen, wieso ich das alles zugelassen hatte.
Gestern Abend auf dem Heimweg hatte ich an Shannins Geschichte über die Nacht gedacht, in der Mom weggegangen war. Bei ihr hatte es geklungen, als wäre Mom die Böse gewesen – als wäre sie ein Mensch, der jemanden, den sie liebte, in der einen Minute schlagen und in der nächsten Minute im Arm halten könnte. So wie Shannin es erzählte, hatte ich den Eindruck, Mom wäre imstande gewesen, Cole und seine Art nachzuvollziehen.
Hieß das, dass ich wie Dad war?
Mir wurde fast schlecht bei diesem Gedanken und ich begann mich zu fragen, ob meine Lüge, ich sei krank, nicht mehr Wahrheit enthielt, als ich dachte. Tut mir leid, Dad, ich habe gelogen. Ich habe überhaupt keinen Virus. Mir wird nur gerade klar, dass ich die gleiche Krankheit habe wie du. Auch ich werde bis ans Ende meiner Tage wie ein geprügelter kleiner Hund rumlaufen und mich nach einem Menschen verzehren, der verrückter als Gänsemist ist.
Zweimal hatte ich das Telefon schon in der Hand und wollte Georgia anrufen – nicht um sie herunterzumachen, sondern um es ihr zu sagen. Um ihr alles zu erzählen. Um zu verhindern, dass diese Verrücktheit und all die Dinge, mit denen ich lebte, ohne sie zu begreifen, noch tiefer in mein Gehirn krochen. Hilf mir, Georgia, würde ich sagen. Hilf mir da raus.
Aber jedes Mal, wenn ich die Nummer eintippen wollte, musste ich daran denken, wie es wohl wäre, vor allen als Opfer dazustehen. Ich dachte an die Leute, die in der Schule über mich tuscheln würden. An Celias selbstzufriedenes Grinsen. An Bethany und Zack, die mir sagen würden, sie hätten ja versucht, mit mir zu reden. An die Psychologen und Beratungslehrer, die mich drängen würden, mit ihnen darüber zu sprechen, und dazu an all diejenigen, die schockiert den Kopf schütteln würden, weil sie nicht fassen konnten, was da passiert war, denn die Beziehung von Cole und mir hätte doch immer so perfekt gewirkt.
Und, na ja, auch wenn ich total wütend war … ich dachte auch an Cole, ich konnte einfach nicht anders. Ich stellte mir vor, durch was für eine Hölle er dann gehen müsste. Und wie verraten er sich fühlen würde. Er würde mir fehlen. Seine Küsse. Seine romantischen kleinen Geschenke. Dass er mich Emily Dickinson nannte. Die Gitarrenstunden. Die Witze, die nur wir beide verstanden. Die Mauer am Überlaufbecken. All das wäre weg, wenn ich mit Georgia redete, und ich würde ihn furchtbar vermissen.
Ich schrieb eine SMS an Bethany und sagte ihr, ich wäre krank. Sie reagierte nicht darauf. Ich schrieb auch an Zack; er antwortete mit zwei Worten: Gute Besserung.
Bei allem, was da gerade lief zwischen Cole und mir, dazu mit Georgia und jetzt auch noch mit meinem Dad, schaffte ich es nicht, auch noch mit diesen beiden irgendwas zu klären.
Gute Besserung. Unter besten Freunden war das alles andere als herzlich. Das tat weh. Aber es überraschte mich nicht.
Cole rief den ganzen Tag nicht an.
Bevor Celia aus der Schule kam, schob ich die Erbsen zurück ins Kühlfach und riskierte einen zweiten Blick in den Badezimmerspiegel. Die Schwellung war zurückgegangen, aber der Bluterguss war immer noch da. Es würde bestimmt einen weiteren Tag dauern, bis ich es schaffte, das wegzuschminken.
Als Celia den Schlüssel in die Haustür steckte, lag ich schon wieder im Bett, mit der wehen Wange nach unten, und markierte die Kranke. Ein paar Minuten später streckte sie den Kopf zu mir herein.
»Besser?«, fragte sie und biss dabei in einen Müsliriegel.
»Ich musste zweimal kotzen«, stöhnte ich. Ich machte die Augen gleich wieder zu, damit es so wirkte, als hätte ich gerade geschlafen.
»Oje«, sagte sie. »Ich hab deinen Liebsten gesehen heute. Hat nicht gerade froh gewirkt. Wer weiß, vielleicht wird er auch krank.«
»Na, dann weißt du jetzt immerhin, dass er nicht den ganzen Tag hier war«, sagte ich.
Sie kaute nachdenklich auf ihrem Riegel herum, packte den Rest wieder ins Papier und legte ihn auf meine Kommode. Mit verschränkten Armen kam sie zu mir herüber. Dann seufzte sie tief, löste die Arme wieder und ließ sich auf der Bettkante nieder.
»Du kommst mir irgendwie verändert vor«, sagte sie. »Ist alles okay?«
Ich war dermaßen platt, dass Celia plötzlich an einem anderen Menschen Interesse zeigte als an sich selbst, dass ich erst mal tief Luft holen musste. Aber wenn ich eine Liste von Leuten anlegen wollte, denen ich garantiert nie erzählen würde, was in mir vorging, stünde Celia an erster Stelle. Sie hatte eine große Klappe und schien mich nicht zu mögen, die meiste Zeit über zumindest. Wenn sie etwas über mich wusste, würde sie es gegen mich verwenden, da war ich ganz sicher. »Ich bin einfach krank«, sagte ich, »das ist alles.«
Sie legte den Kopf schief und beäugte mich. Ich hielt ihrem Blick stand. »Es ist nur so«, sagte sie, »dass deine Chefin Dad erzählt hat, mit dir wäre irgendwas los. Und Zack und Bethany haben heute Morgen darüber geredet, dass dein Freund ein Mistkerl ist, und ausgerechnet an dem Tag, an dem du krank bist, sieht er total beschissen aus. Ich will nur … na ja, falls du über irgendwas reden willst oder so.«
Ich schloss die Augen. »Ich brauch einfach Schlaf. Hör nicht auf Zack und Bethany. Die sind bloß sauer, weil ich nicht jede freie Minute mit ihnen verbringe. Die kriegen sich schon wieder ein«, sagte ich vor mich hin.
Celia blieb noch ein Weilchen bei mir sitzen; dann spürte ich, wie sie aufstand, und öffnete die Augen. Sie zuckte mit den Achseln. »Na ja, wenn du meinst«, sagte sie, schnappte sich ihren Müsliriegel und fügte hinzu: »Du siehst echt nicht gut aus. Hast Ringe unter den Augen. Ich hau dann mal ab. Hab keine Lust, mich anzustecken.«
Im Hinausgehen zog sie die Tür hinter sich zu.
»Trotzdem danke«, rief ich ihr hinterher, aber sie hörte mich nicht mehr. Ich machte die Augen wieder zu und fragte mich, wie lange ich wohl noch verhindern konnte, dass mein Geheimnis ans Licht kam. Die Leute redeten schon. Ich würde bald eine Entscheidung treffen müssen – entweder ich verließ Cole oder ich musste herausfinden, wie ich seine Ausraster verhindern konnte.
Es fühlte sich gut an, mit geschlossenen Augen dazuliegen, darum ließ ich sie einfach zu. Nach einer Weile schlief ich wirklich ein und träumte, ich läge zusammengekrümmt auf dem Fußboden von Coles Zimmer, mit zugeschwollenem Gesicht, während unten in der Küche die Suppe vor sich hin blubberte, Brenda wie ein Kätzchen miaute, tanzte und Wiegenlieder sang und während zugleich meine Mom mit Feuerhaaren auf dem Dach stand und Sachen von oben in die Tiefe fallen ließ.
Irgendwann wachte ich davon auf, dass Dad seine kühle, raue Hand auf meine Stirn legte.
»Aha«, sagte er. »Kein Fieber.«
Ich streckte mich und musste mich bremsen, dass ich mich nicht auf den Rücken drehte, obwohl mir vom langen Liegen in der gleichen Position schon das Genick wehtat.
»Ich meld dich morgen auch noch ab«, sagte er. »Für alle Fälle. Hier, das war an deinem Auto.« Er hielt mir eine Rose mit einem Zweig Schleierkraut hin, eingewickelt in grünes Seidenpapier.
Nachdem Dad aus dem Zimmer gegangen war, setzte ich mich auf. Ich zog eine kleine Nachricht zwischen den Blumen hervor und las:
Emily Dickinson, du bist die Liebe meines Lebens. Es tut mir leid. In Liebe, Cole.
Ich vergrub meine Nase in der Rose und atmete ihren Duft ein.
Ich musste einfach herausfinden, wie ich es schaffte, Cole nicht mehr wütend zu machen.