Kapitel 16

Die Party machte mir überhaupt keinen Spaß, auch wenn alle da waren und vom Volleyball bis zu den Würstchen alles mitgebracht hatten, was man brauchte, um sich zu amüsieren. Auch wenn die Autotüren weit offen standen und laute Musik herausdröhnte und wenn das kalte Bier in Strömen floss. Das hier war eine der legendären Partys, über die noch das ganze Schuljahr über geredet werden würde, eine der Partys, die in die Schulgeschichte eingingen.

Cole tauchte ein ins Getümmel, klopfte Leuten auf die Schulter und nannte sie »Kumpel«, als würde er sie schon jahrzehntelang kennen, und umklammerte mit der anderen Hand sein Bier. Er erzählte Witze und lachte laut und kickte mit einem Fußball herum, den irgendwer mitgebracht hatte. Er benahm sich, als wäre auf dem Weg hierher nichts passiert. Für ihn schien die Sache komplett erledigt zu sein.

Ab und zu kam er zu dem Picknicktisch, an dem ich saß, drückte kurz meine Schulter und sagte: »Soll ich dir irgendwas bringen, Baby?« Doch ich schüttelte nur den Kopf und lächelte ein Alles-okay-Lächeln.

Dabei war überhaupt nichts okay. Ich hatte zwar genickt, als er sich entschuldigt hatte, aber ich war immer noch wütend.

Zack und Bethany hockten ganz für sich auf der anderen Seite vom Platz neben dem Feuer. Bethany hatte ein rotes Gesicht und wirkte total fertig. Zack warf ab und zu ein Blatt oder ein Stöckchen ins Feuer. Keiner von beiden schaute in meine Richtung. Falls sie es doch einmal taten, wandten sie den Blick schnell wieder ab. Es war, als hätte es mich nie gegeben.

Ich wusste, dass Zack bei solchen Gelegenheiten normalerweise den Clown spielte. Er machte zum Beispiel gern beim Volleyball mit, wo er »ganz aus Versehen« immer wieder stolperte und auf irgendein Mädchen fiel – und zwar am liebsten auf eines, das besonders wenig anhatte. Am Anfang lachten sich alle darüber tot, aber meistens reichte es den Mädchen irgendwann und sie kickten ihn aus dem Spiel. Das war der Zeitpunkt, um den herum Zack dann immer zu Bethany und mir getrabt kam und irgendwelche peinlichen Spielchen spielen wollte, so was wie Ficken-Heiraten-Töten. Und dabei erfuhren wir dann ganz genau, auf welche Mädchen Zack gerade stand. Falls Bethany und ich in Stimmung waren, dachten wir uns irgendwelche gemeinen Wetten aus und brachten ihn dazu, komplett idiotische Sachen zu machen: Käfer zu essen oder in Unterhosen auf einen Baum zu klettern. Solchen Blödsinn trieben wir, seit wir sieben Jahre alt waren, und Zack hatte nie die Nase voll davon und wurde auch nicht sauer auf uns.

Jetzt saß ich stattdessen alleine herum, Bethany bemühte sich vergeblich, so zu tun, als hätte sie nicht furchtbar geweint, und Zack warf Blätter ins Feuer. Cole dagegen amüsierte sich prächtig.

Und mir kam es so vor, als wäre alles meine Schuld.

Irgendwann wurde es dunkel und ich begann zu frieren. Zack und Bethany verschwanden mit ein paar Leuten, mit denen wir in der Grundschulzeit viel zusammen gewesen waren. Jetzt war nur noch ich übrig, und während um mich herum die Party immer wilder und wüster wurde, hockte ich ganz alleine da und schaute Cole zu. Der hatte inzwischen ein Footballspiel organisiert und die Jungs legten sich derart ins Zeug, dass sie vor Schweiß nur so trieften.

Klar, dass Coles Mannschaft die andere haushoch abzog.

Als das Spiel endlich vorbei war, brachen wir auf.

Auf dem Heimweg fragte mich Cole immer wieder, ob alles okay wäre mit mir. Ich sagte, das wäre es. Aber was auch immer in meinem Inneren los sein mochte, okay fühlte ich mich eindeutig nicht. Als wir bei mir zu Hause ankamen, küsste ich ihn, sagte ihm, dass ich ihn liebe, und ging rein.

Ich war ratlos, was ich von allem halten sollte, und schlief nicht viel in dieser Nacht. Andauernd hörte ich Coles Worte du willst eindeutig meiner Freundin an die Wäsche und Alex ist anscheinend zu blöd, um zu kapieren, was hier läuft – und sah Bethanys verletzten Gesichtsausdruck. Cole hatte mich um Verzeihung gebeten und ich hatte genickt. Außerdem benahm sich Zack in Coles Gegenwart wirklich wie der letzte Idiot und hatte ihn vom ersten Tag an dauernd provoziert.

Trotzdem. Cole hatte sich absolut beschissen verhalten. Und ich begriff immer noch nicht, wie er mich so hatte verletzen können, nur um Zack eins auszuwischen. Und wozu er Bethany derart wehgetan hatte, begriff ich schon gar nicht. Sie hatte doch nur nett sein wollen. Bethany konnte gar nicht anders, als nett zu sein. Warum hatte Cole nicht warten können, bis wir allein waren? Wieso war er gleich auf der Stelle ausgerastet? Damit hatte er ihnen die Party komplett verdorben.

Noch etwas begriff ich nicht: Wie war es möglich, dass er sich den ganzen Abend über offenbar bestens amüsiert hatte, während es uns anderen total schlecht ging?

Aber am allerwenigsten begriff ich die Tatsache, dass ich das alles einfach so hinnahm.

Je länger ich wach lag und über alles nachdachte, desto weniger bereit war ich, Cole wirklich zu verzeihen. Es war viel einfacher für mich, wütend auf ihn zu sein, wenn seine Fingerspitzen nicht sacht über meine Wange strichen, wenn er mir nicht sagte, dass er mich so sehr liebte und deshalb so eifersüchtig war. Es fiel mir leicht, mich über ihn zu ärgern und zu überlegen, ob Zack nicht vielleicht doch recht hatte mit seiner schlechten Meinung über Cole.

Allerdings war Zack nie dabei, wenn Cole nach der letzten Schulklingel meinen Rucksack nach draußen zum Auto trug. Er war auch an dem Abend im Kino nicht dabei gewesen, als ich mich in Coles Armen wie eine Prinzessin gefühlt hatte. Zack hatte keine Ahnung, wie zärtlich Cole mich manchmal streichelte und welche Gefühle dieses Streicheln in mir hervorrief. Er konnte nicht wissen, wie es war, die Wärme von Coles Arm im Nacken zu spüren, wenn wir nebeneinander hergingen.

Vor allem war Zack nicht klar, dass ich mich fühlte, als ob mich – zum ersten Mal in meinem Leben – jemand liebte. Jemand, der mit mir redete, statt alle Sätze unbeendet in der Luft hängen zu lassen. Jemand, der mehr war als eine abgetragene Halskette und ein Bündel alter Fotos in einer grabbeligen Schuhschachtel unter meinem Bett. Cole war wirklich da. Seine Zärtlichkeit war echt.

Und Menschen aus Fleisch und Blut machen eben manchmal auch Fehler, oder?

Als es endlich Morgen wurde, war ich verwirrter denn je. Ich liebte Cole wirklich – zumindest glaubte ich das –, aber ich hatte noch nie zuvor Partei ergriffen für jemanden, der Bethany und Zack verletzt hatte. Zum allerersten Mal, seit wir uns kennengelernt hatten, war ich ernsthaft sauer auf Cole. Doch ich war auch wütend auf Zack. Ich war wahnsinnig wütend auf alles und jeden, verdammt noch mal.

Dad stand mit einer Tasse Kaffee am Spülbecken, als ich nach unten kam. Ich schlängelte mich neben ihn, stellte mich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Wie immer reagierte er nicht darauf, küsste mich nicht zurück und sagte auch nichts. Er nahm nur noch einen Schluck Kaffee und starrte ins Leere.

»Morgen, Dad«, sagte ich und griff an ihm vorbei nach einem Schälchen auf dem Abtropfgestell.

»Alex«, sagte er. Bloß dieses eine Wort. Typisch.

»Tut mir leid, dass es gestern so spät geworden ist«, sagte ich. »Cole musste erst noch ein Footballspiel zu Ende bringen.«

»Von wegen. Der hat sich volllaufen lassen«, sagte Celia, die mit einer halb gefüllten Schale Milch aus dem Wohnzimmer kam. Ihre ungewaschenen Haare standen ab und sie war noch in Unterhemd und Schlafanzughose.

»Hat er nicht«, gab ich zurück.

»Zack sieht das anders«, widersprach sie. »Du weißt schon: Zack? Dein angeblich bester Freund? Ich hab eine SMS von ihm gekriegt. Er hat mir alles erzählt.« Gelassen umrundete sie mich und stellte ihre Schale ins Spülbecken.

»Du weißt ja, was ich vom Trinken halte …«, sagte Dad und deutete mit seiner Tasse in meine Richtung. Nein, das wusste ich nicht, denn dazu hätte Dad erst einmal ausdrücken müssen, was er dachte. Ich hätte es sogar toll gefunden zu hören, was Dad vom Trinken hielt. Oder was er von irgendwas sonst hielt, ganz egal was. Aber das sagte ich nicht laut. Die Situation war schon brenzlig genug, ich wollte sie nicht noch mehr hochkochen. Außerdem war ich ja gar nicht sauer auf Dad, sondern auf Cole. Und jetzt auch auf Celia.

»Ich hab keinen Alkohol getrunken. Und Cole war sicher nicht besoffen«, sagte ich und schleuderte einen messerscharfen Blick in Celias Richtung. Ich nahm eine Schachtel Frühstücksflocken vom Kühlschrank und füllte meine Schale. »Zack hat doch keine Ahnung. Er hat Ärger gekriegt wegen seiner großen Klappe, darum ist er sauer. Sonst war nichts weiter. Er kriegt sich schon wieder ein. Und wieso schreibst du eigentlich meinen Freunden, Celia?«

»Ich hab ihm nicht geschrieben, sondern er mir. Außerdem versteh ich mich auch supergut mit Zack«, sagte sie. Und an Dad gerichtet fügte sie hinzu: »Zack meint, der neue Freund von Alex ist ein kompletter Idiot.«

Ich holte Milch aus dem Kühlschrank, goss sie über meine Flocken und wartete gespannt auf Dads Antwort. Aber er sagte überhaupt nichts. Ich nahm mir einen Löffel aus der Schublade.

»Zack kennt Cole nicht«, gab ich zu bedenken. »Und du kennst ihn schon gar nicht.«

Mit einem Achselzucken und einer wegwerfenden Handbewegung schlenderte Celia aus der Küche und ließ Dad und mich allein. Ich rechnete damit, dass Dad mich jetzt über Cole ausquetschen würde. Ein Teil von mir wünschte sich sogar, dass er das tun würde. Dass er mich fragen würde, wer dieser Typ war und ob es stimmte, was Celia behauptete. Ich hätte ihm gern erzählt, dass ich stinkwütend war und dass Zack sich den Ärger teilweise selbst eingebrockt hatte, dass es mir wegen Bethany zwar furchtbar leidtat, dass ich Cole aber immer noch liebte. Und ich wünschte mir einen Rat von Dad, wie ich mit all dem umgehen könnte.

Aber es kam nichts von ihm. Er trank seinen Kaffee aus, spülte die Tasse ab und stellte sie ohne ein Wort in die Spülmaschine. Ich saß am Küchentisch, schaufelte mein Frühstück in mich hinein und versuchte, ihn in Gedanken dazu zu bringen, dass er etwas sagte … irgendwas, egal was.

Stattdessen hörte ich ihn mit dem Schlüsselbund klimpern.

»Du gehst arbeiten?«, fragte ich mit vollem Mund. Die Schärfe in meiner Stimme war trotzdem nicht zu überhören.

Dad grunzte nur zur Bestätigung.

»Ich muss heute auch arbeiten, also sehen wir uns …«, begann ich, doch da war er schon aus dem Zimmer, und nur an seinem unverständlichen Gebrummel merkte ich, dass er mich überhaupt gehört hatte. Ich seufzte. »Bis bald, Alex. Ich wünsch dir einen vergnügten Tag, mein Schatz. Ich hab dich lieb«, sagte ich leise in meine Schale hinein. Der Appetit war mir vergangen. Ich nahm die Schale und kippte den Rest darin ins Spülbecken, während ich hörte, wie vorne die Haustür zuschlug und draußen der Motor von Dads Wagen anging. Oben drehte Celia gerade die Dusche auf, in ihrem Zimmer dröhnte die Musikanlage.

Seufzend lehnte ich mich gegen die Spüle. Durchs Fenster sah ich, wie Zack auf der Zufahrt vor seinem Haus den Rasenmäher anließ. Er blickte kurz hoch, als würde er meinen Blick spüren, aber bevor ich die Hand heben und ihm winken konnte, wandte er sich wieder dem Rasenmäher zu. An dem kurzen Zögern, bevor er das Startkabel zog, merkte ich, dass er mich gesehen haben musste und jetzt absichtlich wegguckte.

Ich schaute ihm zu, wie er seine Ohrhörer einsteckte und mit gesenktem Kopf den Rasenmäher vor sich herzuschieben begann.

Ich begriff nicht, dass ich vor gerade mal zwei Tagen noch geglaubt hatte, ich hätte gefunden, was ich mir schon immer gewünscht hatte. Den einen Menschen, für den nichts auf der Welt so viel zählte wie ich. Der mir sagte, dass er mich liebte, und der das wirklich ernst meinte. Und dazu zwei beste Freunde, die zu mir hielten, egal, was passierte.

Heute zogen alle ihr eigenes Ding durch und ich war völlig allein. Nur lag es diesmal nicht an meiner Familie, dass ich mich einsam fühlte. Erst jetzt, ohne Zack und Bethany, wusste ich, was Alleinsein wirklich bedeutete.