9. KAPITEL

Es war schon Nacht, als Gideon aus seiner Kajüte kam und an Deck schlenderte. Er atmete die Salzluft tief ein. Das würde er vermissen: die ruhigen Nächte an Bord der Satyr, das Quietschen des Holzes, den Schlag der Wellen gegen den Eichenrumpf.

Er warf den Seeleuten einen schnell Blick zu, die Wache hatten, schob dann die Hände in die Taschen und ging über das Deck. Eine vage Unzufriedenheit nagte schon seit längerer Zeit an ihm und vergällte ihm die Freude, die er sonst immer in diesen milden, klaren Nächten auf See gehabt hatte.

Deshalb hatte er auch diesen Plan, sich auf Atlantis niederzulassen, gefasst und beschlossen, die Piraterie aufzugeben.

Das Jagen von Schiffen und die Erregung, den Adligen, die er verachtete, das Gold abzunehmen, das alles bedeutete ihm nichts mehr. Und besonders deshalb nicht, weil er genau wusste, was ihm geschehen würde, wenn er nicht davon abließ. Die Piraterie führte zu einem frühen Tod. Alte Piraten gab es einfach nicht.

Er aber wollte ein langes und erfülltes Leben führen und nicht am Galgen enden oder mit einem Schiff untergehen.

Er war erst zwölf gewesen, als sein Vater sich endlich zu Tode getrunken und sein einziges Kind allein und ohne Geld zurückgelassen hatte. Und als ihm nach einem Jahr voller Entbehrungen ein Seekapitän den Posten eines Kabinenstewards angeboten hatte, hatte er die Chance sofort ergriffen.

Als die amerikanische Regierung dann später Freibeutern die Vollmacht erteilte, die Engländer zu bedrängen, hatte er all seine Ersparnisse für eine Schaluppe ausgegeben. Es dauerte nicht lange, dann konnte er die Schaluppe gegen eine Pinasse eintauschen und die Pinasse schließlich gegen die Satyr.

In all den Jahren hatte er nur auf zwei Dinge bei seinen Besatzungsmitgliedern geachtet: dass sie weder Frauen noch Familien hatten, da sie dann mutiger waren, weil sie nichts zu verlieren hatten. Und dass sie die Briten genauso hassten wie er.

Als nach Kriegsende die gleichen amerikanischen Behörden, die sie dazu gedrängt hatten, die Engländer zu bestehlen, von ihnen nun erwarteten, mit ihren Feinden Frieden zu schließen, hatten sie sich für eine dritte Möglichkeit entschieden - die Piraterie.

Sie waren erfolgreich gewesen, doch sie wurden des unsicheren und einsamen Seemannslebens immer überdrüssiger. Überrascht musste er feststellen, dass all das Gold und die Juwelen, die er den Feinden gestohlen hatte, ihn nicht befriedigten. Selbst das Malträtieren kleiner Lords hatte seinen Reiz verloren. Er wollte mehr - er wollte etwas aufbauen, was ihm gehörte, etwas Gutes und Solides. Das alles konnten sie mit Atlantis erreichen.

Er betrachtete die Menge und sah, dass die Männer sich um die Zuneigung der Frauen bemühten. Bald musste er Barnaby anweisen, sie unter Deck zu bringen und dort einzuschließen, doch noch wollte er diesen Moment genießen. Er hatte sein Ziel erreicht: Er hatte Gefährtinnen für seine Männer gefunden. Und sie würden bald alle zusammen für eine gute Sache arbeiten.

Warum war er dann aber so rastlos und unzufrieden, statt sich seines Erfolgs zu erfreuen? Warum hatte er das ungute Gefühl, dass er diese ganze Sache nicht richtig angepackt hatte?

Weil diese verfluchte Engländerin Sara ihm diese Zweifel eingeredet hatte. Sara, die Frau mit den klaren braunen Augen und dem weichen, biegsamen Körper . . . Sara, die Frau, die einen Mann mit einer einzigen Kopfbewegung verrückt machen konnte. Seine Lenden schmerzten, und er stöhnte. Kein weibliches Wesen hatte ihm jemals so zugesetzt. Wie alle Seeleute hatte auch er Liebschaften gehabt, doch keine schwarzäugige Inselschönheit hatte sein Blut derart in Wallung gebracht wie der bloße Gedanke an sie.

Doch zu einer Ehe gehörte mehr als Leidenschaft. Seine Eltern hatten das bewiesen.

Das Letzte, was er wollte, war, sich von seinem Geschlechtstrieb leiten zu lassen und sich mit einer verwöhnten Tochter eines Earl einzulassen . . . auch nicht einer adoptierten. Solche Frauen waren nie zufrieden mit dem, was ein Mann ihnen bieten konnte, und sie ließen einen Mann auch keinen Moment lang zur Ruhe kommen.

Neugierig betrachtete er das Werben um sich herum und fragte sich dabei, ob er mit der gleichen Begeisterung wie seine Männer um die Gunst der Frauen buhlen könnte. Er sollte es tun. Denn das war genau das, was er brauchte - eine Frau, die seiner Vorstellung von einer Ehefrau näher kam als Sara.

Er schob die Hände wieder in die Taschen und zuckte zusammen, als seine Finger zusammengeknüllten Stoff berührten. Saras Haube, die ihr herrlich seidenes Haar bedeckt hatte und die er ihr abgenommen hatte.

Fluchend zerrte er sie heraus und schleuderte sie ins Meer. Nie hätte er sie in offenem Haar sehen dürfen. Er hätte sie auch nicht küssen dürfen, denn das hatte sein Verlangen nur noch gesteigert. Sich von ihr so anziehen zu lassen war genauso wahnwitzig wie direkt in den Wind zu segeln. Zum Teufel damit, sie war eine Hexe, um die seine Gedanken ständig kreisten, wenn sie nicht da war.

Nicht da? Er ließ den Blick über die Leute schweifen. Nein, sie war tatsächlich nicht da. Ein ungutes Gefühl befiel ihn. Wo war sie? Am anderen Ende des Schiffs. Unter Deck mit einem seiner Männer? Seine Miene verfinsterte sich bei dieser Vorstellung.

Während er noch nach Sara suchte, näherte sich ihm eine üppige blonde Frau. Ungeniert musterte sie ihn von Kopf bis Fuß. Daraufhin nahm sie seine Hand und legte sie sich um die Taille. „Na, ist das denn nicht unser guter Captain, der uns von diesem schrecklichen Sträflingsschiff gerettet hat. Sie suchen eine Ehefrau, nicht wahr? Und Queenie ist genau die richtige für Sie.“ Kokett zog sie seine Hand zu ihren vollen Brüsten empor. „Ich habe alles, was ein Mann wie Sie sich wünscht. . . und noch mehr.“

Angewidert verzog er das Gesicht, während er sich ihrem Griff entzog. „Es tut mir Leid, Queenie, aber ich bin heute Abend mit anderen Dingen beschäftigt.“ Ihm war klar, warum

Queenie eingesperrt worden war, und er war nicht in der Stimmung, auf ihren Annäherungsversuch einzugehen. Wenn Sara schon keine Frau für ihn war, dann Queenie noch viel weniger.

Leider schien Queenie nicht der Meinung zu sein. Blitzartig ließ sie die Hand hinunter über die harte Erhöhung seiner Hose gleiten, was er seinen Gedanken an Sara zu verdanken hatte. „O, Mann“, gurrte sie, während sie ihn mit geübten Fingern streichelte. „Du kannst aber lügen. Du bist ja ganz verrückt nach mir, und ich weiß genau, wie ich dich besänftigen kann.“

Er schob ihre Hand beiseite. „Jeder Mann auf diesem Schiff ist heute Abend verrückt, Queenie. Such dir einen anderen, den du verführen kannst. Ich habe dir gesagt, dass ich nicht interessiert bin. “

Sie war beleidigt. „Sparst du das für eine andere auf?“ Als er die Augenbrauen hochzog, machte sie ein störrisches Gesicht. „Sparst du es für ,Mylady auf? Wenn ja, dann verschwendest du deine Zeit. Sie hält sich für was Besseres als wir. Und ich versichere dir, dass sie deine Lust nicht stillen wird.“

Er musterte sie mit dem Blick, unter dem selbst seine Männer zusammenzuckten. Ihr Gesicht wurde aschfahl.

„Vielen Dank für die Warnung“, sagte er sarkastisch. „Aber ich nehme von Huren keinen Rat an.“

Daraufhin stürmte sie eingeschnappt davon. Doch sofort tauchte eine andere Frau auf. Als er bereit gewesen war, den Gefangenen die Wahl zu überlassen, hatte er nicht damit gerechnet, dass sie so hinter ihm her sein würden. Rasch wandte er sich ab und wollte davongehen.

Die Frau rief ihm jedoch hinterher: „Captain Horn! Ich habe Ihnen Ihr Essen gebracht!“

Er blieb stehen, und sie hielt ihm den mit Speisen beladenen Teller hin. „Mr. Drummond sagte mir, dass ich Ihnen das bringen soll.“

Als sie seinem Blick auswich, wurde ihm klar, dass sie diese Aufgabe nur ungern übernommen hatte. Er hätte wissen müssen, dass nicht alle Frauen so lasterhaft waren wie Queenie. Da er es jedoch nicht gewöhnt war, dass Frauen für ihn sorgten, hatte er überreagiert.

Er entspannte sich und nahm ihr den Teller ab. „Danke. Ich bin wirklich hungrig.“ Ihr fehlten die Worte, und da sie ihm so nahe war, konnte er ihr ängstliches Gesicht sehen. „Wie heißt du?“

„Ann Morris, Sir.“ Ihr Blick huschte zu den anderen Frauen hinüber. Offensichtlich wollte sie ganz woanders sein, statt hier mit ihm zu sprechen. Aus unerfindlichen Gründen wollte er ihre Ängste lindern.

„Morris ist ein walisischer Name, nicht wahr?“

Sie nickte. „Aus Carmarthenshire, Sir.“

Er lächelte. „Du brauchst mich nicht ,Sir‘ zu nennen. Ich bin nichts Besseres als du oder die anderen Frauen. “

„Ja, Sir. Ich . . . ich meine, ja.“

Er spießte etwas Fleisch auf die Gabel und schob es sich in den Mund. Es war wie immer zäh und geschmacklos, doch er war hungrig. Während er aß, betrachtete er sie. Sie war ein hübsches Mädchen mit lockigem Haar, das wahrscheinlich im Gefängnis um die Ohren herum geschoren worden war. Hätte sie keine weiblichen Formen gehabt, hätte er sie für ein Kind gehalten.

So jemand sollte er sich als Ehefrau aussuchen. Sie sah gut aus und war sympathisch. Gewiss würde sie ihm die weibliche Fürsorge zuteil werden lassen, die er nie bekommen hatte. Wenn sie erst ihre Angst vor ihm überwunden hatte, würde sie ihm eine nette und angenehme Gefährtin sein können.

Leider waren seine Gefühle ihr gegenüber nur väterlicher Natur. Er seufzte. „Geht es dir und den anderen Frauen gut? Seid ihr unter Deck ordentlich untergebracht?“

Als sich ihr Gesicht aufhellte, sah sie noch hübscher aus. „O ja, alles ist schön. Viel schöner als auf der Chastity.“ „Darf ich fragen, warum du auf die Chastity gekommen bist?“

Jetzt blickte sie traurig drein. Seufzend ließ sie sich auf einer Kiste nieder. „Ich wurde ins Gefängnis gebracht, weil ich gestohlen habe.“

Er unterdrückte ein Lachen. „Gestohlen? Du?“ Das konnte er sich bei diesem furchtsamen Wesen gar nicht vorstellen.

Sie nickte. „Meine Mutter war krank, und ich brauchte Medizin für sie, die ich nicht kaufen konnte. Von dem bisschen Geld, das ich im Hutsalon verdiente, haben wir uns kaum ernähren können. Als ich dann an der offenen Tür eines Hauses vorbeikam, bin ich hineingegangen und habe einen silbernen Topf mitgenommen. “

Ihr Blick verschleierte sich. „Ich weiß, dass dies ein großer Fehler war. Ich wollte ihn verkaufen und von dem Geld Medizin für meine Mutter besorgen.“ Ann schüttelte den Kopf. „Doch der Ladenbesitzer, dem ich ihn verkaufen wollte, kannte ihn und erriet, dass ich ihn gestohlen hatte. Er übergab mich den Gesetzeshütern.“

Gideon hatte Mitleid mit dem armen walisischen Mädchen und war gleichzeitig wütend. „Und die Engländer haben dich für einen Silbertopf deportieren lassen?“

„Ja, Sir. Meine Mutter . . .“ Ihr versagte die Stimme. „Meine Mutter hat sich so sehr für mich geschämt. Sie will mich nicht mehr sehen, weil ich im Gefängnis gelandet bin. Und sie hat Recht. Was ich getan habe, war sehr schlimm.“ Ann wandte sich etwas ab, und das Laternenlicht beleuchtete ihre feuchten Wangen.

Sie weinte. Armes, kleines Ding. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. „Du hast getan, was du tun musstest, Ann, und man hat dich nicht anständig behandelt. Dein Land war schlecht zu dir. Was ist das für ein Land, in dem eine kranke Frau keine Medizin bekommen kann und niemand ihr hilft.“

„Der Meinung bin ich auch.“ Ann atmete mehrmals tief durch. „Deshalb macht es mir nichts aus, dass Sie uns zu einer Insel bringen. Dort kann alles besser sein, wenn es richtig gemacht wird.“

Wenn es richtig gemacht wird. Ein Schuldgefühl stieg in ihm auf. Sara glaubte nicht, dass er es richtig machen würde. Sie dachte, dass er junge unschuldige Mädchen wie Ann ausnutzte.

Er nahm seine Hand von ihrer Schulter und blickte auf den Ozean hinaus. „Also hast du nichts dagegen, einen meiner Männer zu heiraten?“

Sie wischte sich die Tränen weg. „Nicht mehr, seit Petey hier ist.“

„Petey?“

Selbst in dem schwachen Laternenlicht sah es so aus, als erröte sie. „Peter Hargraves, der Seemann, den Sie von der Chastity mitgenommen haben. “

„Ach ja.“

Sie schaute über das Deck und deutete zum Bughaus hin. „Da ist er ja, mit Miss Willis.“

Sein Blick folgte ihrer Hand. Tatsächlich stand dort der Matrose der Chastity neben Sara.

Gideon kniff die Augen zusammen. Also hatte sie mit Hargraves gesprochen. Was bedeutete dieser Mann für sie? Und was heckte sie aus? Sara schien ihre gesamte Zeit damit zu verbringen, sich etwas einfallen zu lassen, um ihm das Leben schwer zu machen.

Als er auf Ann herabsah, bemerkte er, dass sie Hargraves so intensiv beobachtete wie er Sara. „Was wissen Sie über Petey, Ann?“ fragte er.

Ein scheues Lächeln umspielte ihre Lippen. „Er ist ein feiner Mann. Er hat uns auf der Chastity bewacht.“

Während er weiteraß, sah Gideon, dass der rätselhafte Petey rasch zum Vorderkastell schritt, während Sara nach achtern ging. „Was meinst du damit?“

„Er hat jede Nacht vor den Zellen Wache gehalten. Der Captain hat das angeordnet. Petey hat uns alle beschützt.“ Noch ehe sie den Kopf senken konnte, bemerkte Gideon einen Ausdruck von Verehrung in ihren Augen. „Besonders mich.“ Also war Ann für den Engländer entbrannt. Daher hatte sie nichts gegen eine Heirat und würde Gideon nie als Ehemann haben wollen.

Er ging der Erleichterung, die er empfand, nicht weiter nach. Er aß weiter, während er Sara beobachtete. „Warum hat er wohl mit Miss Willis gesprochen?“

Ann stieß mit ihren kurzen Beinen immer wieder gegen die Kiste. „Ich weiß es nicht. Vielleicht haben sie sich darüber unterhalten, was getan werden muss, wenn wir die Insel erreichen. “

Schon möglich, dachte er. Ihn würde es nicht überraschen, wenn Sara sich die Hilfe von jemandem sicherte, der sein Mitgefühl mit den Frauen schon unter Beweis gestellt hatte.

Sein Blick verfinsterte sich. Zum Teufel mit ihr. Diese Frau hatte es geschafft, dass er seinen eigenen Plänen misstraute. Und nun würde Hargraves ihr helfen.

„Hatte Miss Willis dafür gesorgt, dass Hargraves die Frauen beschützt hat?“ fragte er.

Verwirrt sah Ann ihn an. „Ich glaube nicht. Sie schien ihn genauso wenig zu kennen wie wir anderen. “

„Dann hat sie wohl keine persönliche Beziehung zu ihm?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

Er entspannte sich. Wenigstens musste er sich darüber keine Sorgen machen.

Sie blickte zu ihm auf. „Warum?“

„Ach nichts.“ Er hatte fertig gegessen, und es war längst Zeit, dass die Frauen nach unten geschickt wurden. Seine Männer wurden langsam ruppig, und es würde nicht mehr lange dauern, bis einige die Frauen zu sehr bedrängten, was den gerade geknüpften Beziehungen nicht gut tun würde.

Als er Ann den leeren Teller reichte, sagte er: „Entschuldige, aber ich muss mich um einiges kümmern. Danke für deine Gesellschaft.“

Sie lächelte ihn so strahlend an, dass er Hargraves fast beneidete. Doch das Gefühl verging schnell. Obwohl er sich eine nette und ruhige Frau wünschte, hatte Ann eine Spur zu wenig Temperament.

Gideon ging über das Deck zu Barnaby, der ein dünnes Mädchen umwarb. „Es wird Zeit, dass die Frauen nach unten gehen. Lass dir von Miss Willis helfen.“ Als Gideon sie an Deck suchte, entdeckte er sie zu seinem Ärger in lebhaftem Gespräch mit einer großen Gruppe Frauen. Erst Peter Hargraves, und nun die Frauen. Konnte Sara denn das Intrigieren nie lassen?

Barnaby wollte schon gehen, als Gideon ihn aufhielt. „Warte, ich habe es mir anders überlegt. Mach es ohne Miss Willis. Ich werde mich um sie kümmern.“

„Oh?“

„Ich werde sie in deine Kabine bringen. Du kannst in den nächsten zwei Tagen bei Silas schlafen.“

„Das wird ihr nicht gefallen.“

Gideon warf ihm einen finsteren Blick zu. „Mich interessiert nicht, was ihr gefällt. Wenn sie die Nächte weiter mit den Frauen verbringt, wird sie noch eine Meuterei anzetteln. Ich möchte sie an einem Ort haben, wo ich ein Auge auf sie haben kann.“

Ein durchtriebenes Lächeln huschte über Barnabys Gesicht. „Ist das er einzige Grund, warum sie sich in meiner Kabine aufhalten soll, die Ihrer ja genau gegenüberliegt?“

„Der einzige Grund“, herrschte Gideon ihn an. Zum Teufel mit dem englischen Bastard. „Ich sage ihr das jetzt. Warte, bis ich sie in die Kabine gebracht habe, ehe du die Frauen hinunterschickst. “

„Wenn Sie Miss Willis ohne Erklärung fortbringen, werden die Frauen den Grund dafür wissen wollen. Sie verlassen sich auf ihre Hilfe.“

Das war genau das Problem. „Erzähl ihnen, was du willst, aber mach sie nicht wütend. Doch was immer sie denken mögen, sie wird in deiner Kabine bleiben.“ Damit ließ er seinen Ersten Offizier stehen.

Die Frauen stoben auseinander, als Gideon sich ihnen näherte, und das hielt er für ein schlechtes Zeichen. „Was brüten Sie denn nun schon wieder aus?“

„Wie bitte?“ fragte Sara unschuldig.

Doch er traute ihr nicht. „Ja, mit den Frauen. Sonst wären sie ja nicht davongelaufen, als ich kam.“

Sie warf den Kopf zurück. Der Wind blies ihr einige Strähnen ins Gesicht. „Wir haben nur darüber gesprochen, wann wir morgen mit dem Unterricht beginnen sollen. Sie rennen davon, weil sie Angst vor Ihnen haben.“

Das konnte er kaum leugnen, weil er ja gerade Ann Morris' Reaktion auf sich erfahren hatte. Die Vorstellung, dass die Hälfte der Frauen ihn fürchtete, hob seine Laune nicht. Er schob die Daumen in seinen Gürtel und warf Sara einen kühlen Blick zu. „Und Sie?“

Ihre Augen glitzerten im Laternenlicht. „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich nichts fürchte und schon gar nicht Sie.“

Er trat näher zu ihr und senkte die Stimme. „Wirklich? Dann wird es Ihnen ja nichts ausmachen, in der Kabine gegenüber meiner zu schlafen.“

Sekundenlang stand ihr die Angst ins Gesicht geschrieben, bevor sie sich wieder fasste. „Was soll das heißen?“

Er freute sich, dass er sie in Unruhe versetzt hatte, nahm ihren Arm und führte sie zum Achterdeck. „Sie werden Ihre Nächte in Barnabys Kabine verbringen, bis wir Atlantis erreichen.“ Als sie ihn entsetzt anschaute, fügte er hinzu: „Keine Angst, Barnaby schläft bei Silas. Sie werden seine Kabine für sich allein haben.“

„Aber warum? Ich möchte unten bei den Frauen bleiben!“ „Ich weiß. Sie beabsichtigen, Sie zur Flucht oder Rebellion oder etwas anderem Sinnlosen zu verleiten.“ Er drängte sie durch den Eingang zu dem Kabinenbereich unter dem Achterdeck und ließ sie dann los. „Ich führe ein ordentliches Schiff und möchte nicht, dass Sie einen Aufruhr an Bord anzetteln. Die Männer und Frauen kommen gut miteinander aus, und so soll es auch bleiben.“

Sie wirbelte herum. Den Mund hatte sie zusammengepresst, die Hände zu Fäusten geballt. Ihre ganze Haltung drückte Auflehnung aus. „Was wollen Sie? Mich für den Rest der Reise in diese Kajüte einsperren?“

„Nein. Ich möchte Sie nur jederzeit sehen können, mehr nicht.“ Als sie ihn zornig anfunkelte, fügte er sanfter hinzu: „Sie können sich tagsüber frei bewegen und auch Ihren Unterricht halten. Doch nachts möchte ich Sie nicht mit den anderen Frauen zusammen einschließen lassen. Halten Sie es einfach für eine Vorsichtsmaßnahme, und eine sehr milde dazu.“

Seine Worte schienen sie zu beschwichtigen, denn sie entspannte sich.

Er ging einige Schritte weiter und blieb dann vor Barnabys Kajüte stehen. „Außerdem haben Sie es in dieser Kabine viel bequemer als unter Deck.“ Er öffnete die Tür und bat sie mit einer Handbewegung hinein. „Sehen Sie selbst.“

Wachsam behielt sie ihn im Auge, als sie an ihm vorbei in den Raum schlüpfte. Er folgte ihr und drehte den Docht der Lampe höher, damit sie besser sehen konnte. Vor Überraschung und anschließender Freude rötete sich ihr Gesicht.

Barnabys Kajüte war nicht viel weniger komfortabel als seine. Die Piraterie hatte sich für alle Piraten ausgezahlt, das bewiesen die breite Koje mit der Matratze, der lange Spiegel, der von Barnabys Eitelkeit zeugte, und der geschnitzte Ebenholzschrank, den Barnaby in Afrika erworben hatte.

Natürlich hatte Sara nur wenige Kleider, die sie in diesen Schrank hängen konnte. Er bedauerte, dass er ihr nicht die Möglichkeit gegeben hatte, ihre Koffer zu packen, als er sie an Bord der Satyr gebracht hatte. Das Erste, was nach ihrer Ankunft in Atlantis geändert werden musste, war die dürftige Bekleidung der Frauen.

„Wird es gehen?“ fragte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie wandte sich ihm zu. Ausdruckslos blickte sie ihn jetzt an. „Ich denke, ich kann es ertragen.“

Als ob er nicht merkte, dass es ihr hier gefiel. Er unterdrückte ein Lächeln. Was für eine stolze Frau sie doch war. „Gut. Dann lasse ich Sie jetzt allein. Ich muss nachschauen, ob die anderen Frauen gut untergebracht sind.“ Er machte sich auf den Weg.

„Gideon?“

Beim Klang seines Vornamens erstarrte er. Es hörte sich so intim, so sinnlich an. Nenn mich noch einmal so, dachte er. Sag ihn mit dieser tiefen, kehligen Stimme, die . . .

Zum Teufel, nun dachte er schon wieder so begehrlich an sie. „Ja?“ sagte er weit barscher, als er wollte.

„Wie werden wir denn auf der Insel untergebracht?“ Obwohl sie offensichtlich ungern fragte, wich sie nicht zurück, als er sie aus zusammengekniffenen Augen ansah. Da er darüber noch nicht nachgedacht hatte, zögerte er mit einer Antwort.

Sie hob ihr Kinn gerade so hoch, dass sie ihn mit dem Anblick ihres schönen weißen Halses quälen konnte. „Nun?“

Du wirst bei mir schlafen. Der Gedanke war ihm blitzschnell durch den Kopf gegangen, und genauso schnell verdammte er sich dafür. Wenn es nach ihm ging, würde sie auf Atlantis nicht in seiner Nähe schlafen.

„Bis zu den Hochzeiten werden die Männer auf dem Schiff die Nächte verbringen und die Frauen in unseren Hütten.“ Die Männer würden sich lauthals darüber beschweren, doch es war die einzige Lösung, die ihm im Augenblick einfallen wollte.

Beruhigt atmete sie tief durch. „Und werde ich mich dann bei den anderen Frauen aufhalten dürfen?“

Er warf ihr einen langen, viel sagenden Blick zu und senkte die Stimme: „Nur, wenn Sie sich gut benehmen.“

Ihre braunen Augen blitzten herausfordernd. „Sie meinen, nur, wenn ich mich ruhig verhalte und Sie mit diesen Frauen machen lasse, was Sie wollen.“

„Genau.“

„Unter diesen Umständen werde ich nie in der Lage sein, mich gut zu benehmen.“

„Dann werde ich entsprechend reagieren. Auch wenn das bedeuten sollte, dass ich Sie bis zum Hochzeitstag in der Kabine meiner Kajüte gegenüber festhalten muss.“

Er wartete so lange, bis er sah, dass sich die Röte auf ihrer zarten Gesichtshaut ausbreitete. Es freute ihn, dass er sie genügend aufgeregt hatte, damit sie es sich das nächste Mal genau überlegte, bevor sie seine Pläne zu durchkreuzen versuchte. Dann ging er pfeifend in seine Kajüte.