15. KAPITEL
Petey zerdrückte seinen Hut in den Händen, als er kurz nach Einbruch der Dunkelheit vor dem offenen Eingang zu Captain Horns Hütte zögernd stehen blieb.
Sollte er klopfen? Doch woran? Es gab ja keine Tür. Obwohl die Hütte des Captains die beste von allen war, hatte auch sie weder Fensterläden noch eine verschließbare Tür.
Die'übrige Insel war jedoch gar nicht so übel. Er hatte sie sich heute genauer angesehen. Sie war ein wirklich nettes Stück Land, aus dem man bestimmt etwas machen konnte, wenn man nur wollte.
Doch das war nicht seine Sache. Ihn beschäftigte im Moment am meisten, warum der Captain ihn zu sich gerufen hatte. Das allein war, gelinde gesagt, schon alarmierend. Normalerweise ging Petey dem Mann möglichst aus dem Weg. Die Piraten hatten zwar gesagt, dass Captain Horn gerecht sei und nur strafe, wenn jemand Regeln missachtete. Trotzdem wusste man nicht, wozu er fähig war, nachdem er sich nun für Miss Willis interessierte.
Miss Willis. Petey stöhnte innerlich auf. Sie hatte den Captain heute ganz schön in die Schranken gewiesen. Petey sollte dankbar sein, dass sie sich so sehr für eine Verschiebung der Hochzeit einsetzte. Schließlich wollte sie damit ja ihm und Ann helfen.
Doch Petey gefiel nicht, dass sie den Piratenlord verärgert hatte. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet. Er wischte sie weg, während er vorsichtig in das bedrohlich schwarze Loch der Hütte spähte. Vielleicht war der Captain eingeschlafen oder nicht da. Also hatte es keinen Sinn, hier noch weiter herumzustehen.
Als er sich umdrehte, rief plötzlich eine tiefe, polternde
Stimme in der dunklen Hütte: „Steh nicht herum, Mann! Komm herein.“
Petey zuckte zusammen. Er hatte sich hier herumgedrückt, während Captain Horn ihn die ganze Zeit über beobachtet hatte.
„Ich habe Sie nicht gesehen“, sagte Petey entschuldigend, als er den finsteren Raum betrat.
Er erhielt keine Antwort. Dann gab es ein kratzendes Geräusch, und schließlich tauchte eine kleine Flamme in einer Öllampe auf, die größer wurde, als der Captain den Docht aufdrehte. Jetzt sah Petey, dass der Pirat neben einem Tisch stand. Wenigstens war dessen Säbel nirgendwo zu entdecken.
„Setz dich, Hargraves.“ Captain Horn deutete auf einen Stuhl und nahm dann eine Flasche, deren Inhalt im Lampenlicht wie Rum aussah. „Möchtest du etwas trinken?“
Petey nickte. Er brauchte etwas, um das hier durchzustehen. Doch er blieb stehen. Er wollte nicht in Gegenwart seines Feindes sitzen und vor allem dann nicht, wenn er ihm ein starkes Getränk anbot.
Sobald Gideon ein Glas mit der goldfarbenen Flüssigkeit gefüllt und ihm gereicht hatte, nahm er einen großen Schluck und wischte sich den Mund mit dem Hemdsärmel ab. Da er die Spannung nicht länger ertragen konnte, stärkte er seinen Mut mit einem weiteren Schluck, ehe er fragte: „Sie wollten mich sprechen, Cap’n?“
Er warf Petey einen kühlen Blick zu, stellte die Flasche auf den Tisch und verkorkte sie. „Entspann dich, Hargraves. Ich werde dich nicht maßregeln. Ich möchte dir nur etwas zeigen was dich bestimmt interessieren wird.“
Das machte Petey sofort wieder wachsam. Außer der scharfen Spitze eines Säbels gab es nichts, was Captain Horn ihm zeigen konnte. Und die interessierte Petey überhaupt nicht. Ging es darum? Wollte der Captain ihn mit Rum abfüllen und ihm dann den Kopf abschlagen, sobald seine Aufmerksamkeit erlahmte?
Petey nahm all seinen Mut zusammen, als der Captain zu einem Eckschrank ging. Als er etwas Langes herausnahm und sich umdrehte, wurde Petey fast ohnmächtig, weil er den berühmten Säbel des Piraten erwartete.
Doch er hatte nur ein Zepter in der Hand.
Hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und Schock starrte Petey den goldenen, vor Juwelen blitzenden Stab an.
Als hätte er Peteys Befürchtungen erahnt, schwang Captain Horn das Zepter wie ein Schwert durch die Luft. „Hast du schon mal so etwas Schönes gesehen, Hargraves?“
Petey schüttelte nur stumm den Kopf und betrachtete es wie gebannt.
Ohne Vorwarnung schleuderte Gideon den Stab durch die Luft in seine Richtung. Als die unzähligen winzigen Facetten das Lampenlicht zurückwarfen, sprang Petey vor und griff zu, noch ehe es auf dem rauen Holzboden aufschlagen konnte. Es war kalt und schwer, und das Metall glänzte so hell, dass es nur aus massivem Gold bestehen konnte.
Andächtig strich Petey mit den Fingern darüber. Ein Diamant von der Größe seines Daumennagels saß an einem Ende des Stabs, an dem sich eine endlos wirkende Kette perfekter runder Perlen bis zum Knauf hinaufzog, der mit Rubinen und Smaragden von Walnussgroße besetzt war. Petey war so hingerissen, dass er gar nicht hörte, dass der Captain wieder sprach.
„Ich habe es in meinen Tagen als Freibeuter ergattert.“ Gideon trank den Rum schlückchenweise und ließ Petey nicht aus den Augen. „Einer eurer englischen Botschafter sollte es dem Prinzregenten bringen. Es war das Geschenk eines indischen Radscha, glaube ich. Wahrscheinlich hat er geglaubt, dass er mit so einer Kostbarkeit den Hunger der Engländer nach Land stillen könnte, doch wir beide wissen, dass viel mehr Reichtum nötig ist, um eure Gier zu befriedigen.“
Das Gesicht des Captains verzog sich zu einem boshaften Lächeln. „Da man munkelte, dass George bald schon ein eigenes Zepter haben würde, behielt ich es.“
Nur mit Mühe unterdrückte Petey seine Wut über die offenkundige Respektlosigkeit Seiner Majestät gegenüber. Der Pirat reizte ihn, doch Petey wagte nicht, sein Missfallen zu äußern. Er berührte einen Rubin und fragte: „Warum zeigen Sie es mir?“
„Es gehört dir.“ Petey riss den Kopf hoch und sah, dass Captain Horn nicht mehr lächelte. „Es gehört dir wirklich. Ich habe keine Verwendung dafür. Was soll ich in einem Paradies mit einem Zepter anfangen?“
Vorsichtig legte Petey das Zepter auf den Tisch und sah Captain Horn argwöhnisch an. „Und warum wollen Sie es mir geben?“
„Ahnst du das nicht? Ich möchte, dass du Miss Willis aufgibst.“
Verblüfft schüttelte Petey den Kopf. Der Captain wollte ei. goldenes Zepter verschenken, nur um eine kratzbürstige Engländerin in sein Bett zu bekommen? Entweder war er verrück . . . oder schon so reich, dass er auf diese Kostbarkeit ohne weiteres verzichten konnte. Aber wahrscheinlich war das nur ein Spiel, bei dem er, Petey, in jedem Fall der Verlierer sein würde.
„Und was soll ich damit anfangen? Sie sagten ja schon, das man in einem Paradies kein Zepter braucht.“
„Du wirst nicht mehr länger in diesem Paradies leben. Morgen wirst du mit meinen Männern nach Sao Nicolauf segeln.“
Hoffnung keimte in Petey auf, doch er kämpfte sie nieder. „Sie wollen mich wirklich ziehen lassen?“
Gideon zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? Wenn auf Miss Willis verzichtest, kannst du die Insel verlassen und gehen, wohin du willst. Du hast mir erzählt, dass du nicht nach England zurückkehren kannst, aber es gibt ja noch viele andere Orte, wo du angenehm leben kannst, nachdem du das Zepter verkauft hast. “
Der Captain meinte tatsächlich, was er sagte. Ganz kurz dachte Petey tatsächlich daran, das Angebot anzunehmen und irgendwohin zu verschwinden.
Doch sein Verantwortungsgefühl ließ das nicht zu. Was nutzte ihm all das Gold, wenn er seinetwegen Miss Willis' Vertrauen und das seiner Familie missbrauchte?
Leider konnte er das Angebot des Piraten nicht dazu nutzen, um Miss Willis von der Insel fortzubringen. Also steckte er nun fest. Einerseits konnte er sie nicht dem Piratenlord überlassen, andererseits war dieser fest entschlossen, sie zu bekommen.
Petey wollte das Zepter schon zurückgeben, doch dann zögerte er. Sollte er sich diese Chance zur Flucht wirklich entgehen lassen? Je länger er und Miss Willis hier blieben, desto wahrscheinlicher war es, dass der Captain sie bekam. Selbst wenn sie behauptete, dass sie ihn nicht ausstehen könne, hatte Petey doch längst gemerkt, dass sie romantische Gefühle für ihn hegte. Irgendwann würde sie ihn erhören, ob er, Petey, nun da war oder nicht. Und da Captain Horn ihm ein goldenes Zepter anbot, um ihn sich als Nebenbuhler vom Hals zu schaffen, würde er ihr nie erlauben, Petey zu heiraten. „Warum wollen Sie mich gehen lassen? Warum töten Sie mich nicht einfach? Niemand würde Sie aufhalten.“ Als der Pirat ihm einen drohenden Blick zuwarf, fügte Petey hastig hinzu: „Das soll kein Vorschlag sein, nur eine Frage. So sind doch Piraten nun mal. . .“
„Grausame, blutdürstige Mörder, meinst du doch wohl?“ Gideon hob seinen Fuß, der in einem Stiefel steckte, auf Stuhl. Seine Augen glitzerten. „Es gibt so viele verschiedene Piraten, die die Meere durchstreifen, wie es verschiedene Seeleute gibt. Ich weiß nicht, was du von mir gehört hast, Hargraves, aber ich töte Männer nicht kaltblütig und schon gar nicht wegen einer Frau. Natürlich habe ich im Schlachtgetümmel getötet, aber auch das war vor meiner Piratenzeit, als ich meinem Land als Kaperer gedient habe.“
„Aber ich habe gehört, dass ..."
„Was soll denn ein Baron anderes sagen, wenn er nicht als Feigling gelten will? Er behauptet, dass Piraten Blut trinken und Unschuldige umbringen und er sich deshalb nicht gewehrt hat, als sein Schiff gekapert wurde.“ In Gideons Stimme schwang Bitterkeit mit. „Die Wahrheit ist, dass mein Ruf, während des Krieges Beute gegen alle Widernisse zum Trotz gemacht zu haben, mir mein späteres Leben als Pirat sehr erleichterte.
Wenn Handelsschiffe meine Flagge sahen, sträubten sie sich kaum gegen mich. Sie wussten, dass sie mir mit ihren Kanonen und Besatzungen unterlegen waren, und sie wollten ihr Leben nicht für ein paar Seidenballen riskieren. Übrigens ist das genauso mit der Chastity geschehen.“
Gideon kniff drohend die Augen zusammen. „Aber das heißt nicht, dass ich sie dir kampflos überlassen werde, wenn du mein Angebot ausschlägst und hier bleibst. Der Verlierer wirst du sein, und dann hast du nicht einmal mein Gold als Trost. “Er nahm den Fuß vom Stuhl, beugte sich vor, legte die Hände auf den Tisch und musterte Petey argwöhnisch. „Warum all diese
Fragen, Hargraves? Würdest du alle Hoffnung auf Reichtum und Abenteuer aufgeben, nur um Miss Willis zu heiraten?“
„Nein, natürlich nicht“, sagte Petey hastig, noch ehe Captain Horn wirklich misstrauisch wurde. „Ich würde dieses Zepter und die Möglichkeit, die Insel zu verlassen, jederzeit Miss Willis vorziehen.“ Er zögerte und wählte seine Worte sorgsam. „Ich verstehe nur nicht, warum Sie nicht genauso denken.“
Captain Horn nahm die Haltung an, die er bei den Adligen so verachtete. „Das geht dich nichts an. Willst du das Ding nun oder nicht. Denn wenn du es nicht. . .“ Er sprach nicht weiter und griff nach dem Zepter.
Petey riss es wieder an sich. „Ich will es.“ Er war nicht sicher, ob er jetzt alles richtig machte, doch er schien keine Wahl zu haben. „Ich möchte es. Und ich verlasse morgen Ihre Insel.“
Einen Moment lang hätte Petey schwören können, dass der Captain erleichtert war. Dann verhärtete sich dessen Miene wieder. „Noch eins - du wirst ihr nichts hiervon erzählen, verstanden? Du musst versprechen, dass du morgen ohne ein Wort zu ihr verschwindest. “
„Aber sie verdient. . .“
„Das ist ein Handel. Du kannst einwilligen oder es bleiben lassen.“
„In Ordnung. Ich werde ihr nichts sagen.“
Doch dieses Versprechen wollte Petey nicht halten.
London war nie so, dachte Sara, als sie durch das Bullauge in Barnabys Kabine über die Lagune schaute. Diese wundervolle Stille und der sternenübersäte Himmel, den kein schwarzer Schleier aus Tausenden von Schornsteinen verdunkelte.
Doch das Beste war, dass fast alles noch so unberührt war. Wie lange war es her, dass sie an einem solchen Ort gewesen war? Selbst die ländlichen Gegenden Englands trugen die Spuren der Zivilisation. Sicherlich gab es unberührte Plätze auf den britischen Inseln, doch sie hatte sie nie zu Gesicht bekommen.
Für derartige Reisen hätte sie ihre Arbeit vernachlässigen müssen, und diese Tätigkeit hatte sie immer in die schmutzigsten und am meisten bevölkerten Bezirke Londons gebracht. Ehe sie mit der Chastity gesegelt war, hatte sie vergessen, wie es war, frei zu atmen, ohne dass ekelhafter Qualm oder die Ausdünstungen von Pferdeäpfeln ihre Lunge angegriffen hatten.
Sie blickte zum Bug. Dort sah sie einen Piraten Wache halten, und all ihre Freude über die Insel verschwand sofort. Gideon war nicht so dumm gewesen, die Frauen allein auf dem Schiff zu lassen. Obwohl sie nicht glaubte, dass sie und die anderen mit der Satyr davonsegeln könnten, hätten sie es vielleicht versucht, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gegeben hätte. Und das hatte Gideon offenbar vorausgeahnt.
Seufzend wandte sie sich vom Fenster ab und sah sich in der gut ausgestatteten Kabine um, die vorübergehend ihr Gefängnis war. Was würde wohl geschehen, wenn sie sich endgültig für einen Mann entscheiden mussten? Sie weigerte sich jetzt, Petey zu erwählen, da sie von Ann wusste. Doch wenn sie das nicht tat. . .
Einer wird für euch ausgesucht werden. Sie schluckte krampfhaft. Was würde Gideon machen? Ihr sich als Ehemann anbieten? Manchmal hatte sie schon gedacht, dass er sie nur ins Bett locken und sie danach von sich stoßen wollte. Dann wieder hatte sie geglaubt, dass er mehr für sie empfand, wie heute, als er sie wegen der Schlange getröstet hatte.
Ein Schauer überlief sie. Diese furchtbare Schlange. Und Gideon hatte ihretwegen so tapfer gekämpft.
Also, Sara, tadelte sie sich selbst, du tust gerade so, als sei er ein abtrünniger Ritter, der dich retten möchte. Das ist er ja nun wirklich nicht. Er ist ein sehr bösartiger Pirat, der es auf dich abgesehen hat, und das solltest du nie vergessen.
Mit einem Mal erinnerte sie sich lebhaft daran, dass er sie zärtlich umarmt hatte, als sie weinte. An die Wärme seines Mundes und sein erregendes Streicheln ihrer Brüste . . .
Hör auf damit! befahl sie sich stöhnend. Du musst dir diesen . . . arroganten Mann aus dem Kopf schlagen! Doch leider konnte sie das nicht.
Plötzlich hörte sie ein leises Geräusch. Ein Klopfen? Wahrscheinlich hatte sie sich nur verhört. Die Frauen waren alle unter Deck, und keiner der Männer würde so sanft an ihre Kabine klopfen. Außer Gideon natürlich.
Sie lächelte über diese absurde Vorstellung, denn Gideon würde gegen die Tür hämmern.
Da war das Geräusch wieder, und diesmal war sie fast sicher, dass es geklopft hatte. Neugierig ging sie zur Tür und öffnete sie. Petey stand davor und sah sich verstohlen in dem dunklen Salon um.
Leider befand sich Gideons Kajüte genau gegenüber. Hastig zog sie Petey herein und schloss leise die Tür. „Sind Sie verrückt, Petey? Wenn Gideon Sie hier findet. . .“
„Er ist nicht auf dem Schiff... Er ist in seiner Hütte. Aber ich bin genauso besorgt wie Sie, Miss Willis, glauben Sie mir. Besonders jetzt.“
„Was soll das heißen?“
Petey machte ein finsteres Gesicht. „Der Pirat bezahlt mich dafür, dass ich Atlantis morgen zusammen mit seinen Männern verlasse. Er sagt, ich kann gehen, wohin ich will, wenn ich nur nicht zurückkehre.“ Als Petey ihren entsetzten Blick sah, fügte er hinzu: „Ich habe natürlich zugestimmt. Das ist die einzige Möglichkeit, Ihren Bruder hierher zu bringen.“ Sie brauchte einen Moment, um das aufzunehmen, was Petey gesagt hatte. Doch dann stieg Hoffnung in ihr auf. „Das ist wunderbar! Sie gehen fort! Und Sie werden mit Jordan zurückkehren und uns alle retten!“ Doch sofort kamen ihr Zweifel. „Glauben Sie wirklich, dass Sie diese Insel wieder finden werden?“
Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich habe den Kompass beobachtet und unseren Kurs berechnet, seit wir die Kapverdischen Inseln verlassen haben. Deshalb bin ich ganz sicher, dass ich leicht hierher zurückfinden werde. Er wird nicht damit rechnen, dass ein einfacher Seemann wie ich aufgepasst hat, da ich ihm ja gleich erzählt habe, dass ich von der Chastity nur abgesprungen sei, weil ich nicht nach England zurückkehren kann. Vermutlich lässt er mich auch nur deshalb ziehen.“
Wirklich? Zweifelnd nagte sie an ihrer Unterlippe. Es machte sie misstrauisch, dass Gideon Petey einfach gehen ließ. „Aber Petey, das könnte auch ein gemeiner Trick sein. Was ist, wenn seine Männer Sie auf einer einsamen Insel aussetzen?“ Ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern. „Oder . . . oder Sie sogar ermorden?“
Petey sah sie aufmerksam und ernst an. „Glauben Sie wirklich, dass er das tun würde?“
Nach den heutigen Erlebnissen gewiss nicht. „Nein, ich denke nicht.“ Als Petey nickte, umfasste sie seine Arme. „Aber vielleicht irre ich mich. Und wenn . . .“
„Er wird mich nicht töten. Er hat es mir versprochen. Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich glaube ihm.“ Peteys Miene verfinsterte sich erneut. „Aber er wird andere Dinge tun. Sobald ich fort bin, wird er versuchen, sie zu seiner Geliebten zu machen, Miss Willis, darauf können Sie sich verlassen. Das ist das Einzige, worüber ich mir Sorgen mache.“
Das beunruhigte auch Sara, doch jetzt war keine Zeit, darüber nachzudenken. Wenn Petey keine Hilfe holte, würden sie alle zur Ehe gezwungen werden, und das wollte sie nicht erleben. „Machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich kann mir Captain Horn vom Leib halten, keine Angst. Uns bleiben noch einige Tage, ehe wir unsere Ehemänner wählen müssen, und es kann sein, dass ich uns darüber hinaus noch weitere Tage Atempause verschafft habe. Schließlich brauchen die Piraten einige Zeit, um die Häuser herzurichten, und wenn wir uns weiterhin verweigern, wird Gideon . . .“
Sie zögerte. Von Peteys Miene konnte sie ablesen, dass er ihr nicht so recht glaubte. „Das spielt auch gar keine Rolle. Sie müssen gehen. Das ist unsere einzige Chance.“
Petey nickte müde. „Ich weiß. Und doch habe ich das Gefühl, Sie im Stich zu lassen.“ Seine Stimme wurde weicher. „Sie und Ann.“
Sara nagte an ihre Lippe. „Ann wird auf Sie warten.“
„Das wird man nicht zulassen.“ Er blickte so unglücklich drein, dass Sara ihm tröstend die Hand um die knochigen Schultern legte. „Ich würde sie mitnehmen, wenn ich könnte, doch das würde der Captain nicht gestatten. Außerdem würde er dann wissen, dass ich ihn über Sie und mich belogen habe. Ann hat mir ja auch gesagt, dass sie nicht zurückkehren kann. Wenn ich sie nach England mitnehme, würde die Gefahr bestehen, dass sie wieder gefasst und noch schlimmer bestraft wird. Also muss ich sie erst einmal hier lassen.“
„Keine Sorge“, sagte Sara und wünschte, sie würde hoffnungsvoller klingen. „Ich werde alles tun, was ich vermag, damit kein Pirat sie zur Frau bekommt.“
„Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass man sie dazu zwingt . . .“
„Ich weiß. Alles wird gut gehen, Sie werden schon sehen. Sie holen Hilfe, und ich werde mich um Ann kümmern.“
Zu ihrer Überraschung legte Petey plötzlich die Arme um sie und zog sie an sich. „O Miss Willis, Sie sind zu gut. Ich habe Sie die ganze Zeit vernachlässigt, und nun kümmern Sie sich um mich und um die Frau, die ich liebe.“
„Hören Sie auf damit! Sie haben mich nicht vernachlässigt. Sie haben alles getan und dann . . .“
Was auch immer sie hatte sagen wollen, es blieb ungesagt, als die Tür zu ihrer Kabine aufgestoßen wurde und gegen die Wand schlug. Sie und Petey lösten sich sofort voneinander, doch es war zu spät. Gideon blickte beide finster an.
„Wir hatten einen Handel vereinbart, Hargraves. Aber du scheinst deine Zusage nicht eingehalten zu haben.“
Obwohl alles Blut aus Peteys Gesicht wich, straffte er die Schultern. „Es wäre nicht recht gewesen, ohne Abschied einfach zu verschwinden. Ein ehrenhafter Mann tut so etwas nicht.“
„Ein ehrenhafter Mann hätte sie auch nicht für Gold verkauft. Hast du ihr davon erzählt? Hast du ihr gesagt, dass du dich für den Reichtum und gegen sie entschieden hast?“
Als Petey nur mit den Schultern zuckte, setzte Saras Herz beim Anblick von Gideons wütendem Gesicht einen Schlag lang aus. Er wirkte schrecklich bedrohlich. Allerdings konnte sie sich nicht erklären, warum er jetzt so zornig war. Schließlich hatte er sie und Petey schon zusammen gesehen.
„Verschwinde“, sagte gefährlich leise. „Verschwinde aus dieser Kabine und von meinem Schiff. Du wirst dein Gold bekommen, obwohl ich dich besser den Haien zum Fraß vorwerfen sollte. Wenn du morgen nicht auf dieser Schaluppe bist, tue ich genau das, das schwöre ich dir.“
Petey warf ihr einen schnellen, entschuldigenden Blick zu, drückte sich an ihr und Gideon vorbei und floh aus der Kajüte. Einen Moment lang fühlte sie sich vor Angst wie gelähmt, doch sie erholte sich rasch wieder. Es wäre nicht gut, ihm zu zeigen, wie sehr sie sich vor ihm fürchtete. Er würde das nur ausnutzen.
Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen, während sie die Arme über der Brust verschränkte, um das Zittern zu verbergen. „Jetzt glauben Sie wohl, Sie haben gewonnen? Und
da Sie Petey jetzt los sind, erwarten Sie sicherlich, dass ich Ihnen in die Arme falle.“
Mit unergründlichem Blick stieß er die Tür hinter sich zu. „Ich erwarte gar nichts, wenn es um Sie geht. Sie gestehen eine Niederlage nie leicht ein. Doch zumindest habe ich Ihnen jetzt Ihre beste Waffe aus der Hand geschlagen.“ Er musterte sie so vertraulich, dass ihre Wangen schon wieder glühten. „Und ich verspreche Ihnen, Sara, dass ich auch alle anderen Hindernisse aus dem Weg räumen werde.“
Er machte einen Schritt auf sie zu und hielt dann inne. Grimmig streckte er die Hand aus, strich über ihre Kinnlinie und hinterließ dort eine heiße Spur. Erst heute Morgen hatte er sie so berührt, ihr Blut in Wallung gebracht und ihr Freudenschreie entlockt.
Doch jetzt war er anders. Wie genau, konnte sie gar nicht sagen. In seinen Augen erkannte sie den gleichen harten, berechnenden Ausdruck wie am Tag der Kaperung. Das war nicht der Gideon, der sie umarmt hatte, als sie weinte. Das war ein Gideon, der nur ihren Körper wollte und sie ohne zärtlichen Gefühle nehmen würde.
Obwohl sie diesen Gideon genauso verführerisch fand wie den anderen, ängstigte sie dieser hier. Und dieser Gideon hatte die Macht, sie zu vernichten.
Vorsichtig wich sie vor seiner ausgestreckten Hand zurück und flüsterte: „Was passiert eigentlich mit uns, Gideon? Werden Sie mich heiraten? Möchten Sie das? Oder wollen Sie, dass ich mir Sie als Ehemann aussuche?“
Sofort verschloss sich seine Miene. Er schob die Daumen in seinen Gürtel, und während er sie musterte, umspielte ein höhnisches Lächeln seinen Mund. „Wollen Sie damit andeuten, dass Sie mich heiraten würden? Einen abstoßenden, blutdürstigen amerikanischen Piraten?“
„Das steht hier gar nicht zur Diskussion.“ Sie warf sich das Haar mit einer heftigen Kopfbewegung über die Schultern. Begehrlich blitzten seine Augen auf, als er sie dabei beobachtete. Sofort bedauerte sie diese Geste. Sie schob die Hände unter ihre Arme und bemerkte hastig: „Gideon, Sie haben nicht gesagt, dass Sie mich heiraten würden, eine englische Adlige.“
„Sollten wir die Frage über unsere bevorstehende Heirat nicht vielleicht so lange verschieben, bis wir herausgefunden haben, ob wir zueinander passen?“ Unvermittelt trat er einen Schritt näher, umfasste ihre Taille und zog Sara an sich. „Im Gegensatz zu Hargraves prüfe ich die Ware erst, ehe ich den Preis dafür bezahle . . . Mylady.“
Die letzten Worte sprach er so sarkastisch aus, dass sie zusammenzuckte. Er nannte sie nur Mylady, um sich daran zu erinnern, wie sehr er „ihresgleichen“ hasste.
„Sie werden überhaupt nichts prüfen!“ Mit aller Kraft stemmte sie die Fäuste gegen seine Brust. „Lassen Sie mich sofort los, Sie . . . Sie . . .“
„Frauenschänder? Ach, Sara, Sie können sagen, was Sie wollen, aber wir beide wissen, dass Sie von mir geliebt werden möchten. Heute Morgen . . .“
„ Heute Morgen waren Sie anders “, sprudelte sie heraus. „ Sie mochten mich. Und ich wollte auch, dass Sie mich lieben. Aber jetzt nicht mehr, nicht, wenn Sie mich so verabscheuen.“ „Verhalte ich mich so, als verabscheute ich Sie?“ Er rieb seinen Unterleib an ihr, bis sie seine Erregung spürte. „Fühlt sich das so an, als verabscheute ich Sie?“
Sie presste die Handflächen gegen seine Brust und versuchte nun fast verzweifelt, sich von ihm zu lösen. „Ich spreche nicht davon, was Sie von meinem Körper halten, Gideon. Ich spreche davon, was Sie von mir halten. Ich habe die Geringschätzung in Ihrer Stimme gehört, als Sie über meine Klasse und meine Stellung in der Gesellschaft gesprochen haben. Ich habe gesehen, mit wie viel Wut und Groll Sie mich manchmal anschauen, als hassten Sie mich dafür, dass ich Engländerin bin . . . und privilegiert.“
„Das besagt gar nichts.“ Er umfasste ihr Kinn und versuchte, ihren Kopf so weit hochzuheben, dass er sie küssen konnte. „Ihr Körper will meinen Körper, und meiner will Ihren. Also lassen Sie uns unser Verlangen stillen und fertig.“
„Nein! “ schrie sie und entwand den Kopf seiner Hand. „Ich bin keine Frau, die sie benutzen können, wenn Ihnen danach ist! Außerdem will ich Ihren Hass auf meinesgleichen nicht länger ertragen!“
Als sie ihn wieder wegzuschieben versuchte, ließ er sie los, obwohl sein Atem schwer und schnell ging, während er sie mit eisigem Blick anschaute. „Was wollen Sie von mir? Dass ich Ihnen ewige Liebe verspreche? Ewige Treue? Die Heirat? Was ist Ihr Spiel?“
„Das ist genau der Punkt, Gideon. Ich spiele kein Spiel. Und solange Sie das nicht begriffen haben, will ich von Ihnen nichts wissen. Lassen Sie mich in Frieden. Wenn Sie mich nicht einfach als Sara Willis ansehen können, dann bleiben Sie mir vom Leib und lassen Sie es zu, dass ich jemand finde, der das kann.“
„Sie meinen Hargraves.“
„Ich meine einen Mann, der nicht das hasst, was ich bin.“ Eine Spur von Traurigkeit schwang in ihrer Stimme mit. „Ich glaube nicht, dass Sie dieser Mann sind.“
Eine plötzliche Kälte schien seinen Körper zu erfassen, denn Gideon erstarrte und wurde blass. „Sie haben Recht, das kann ich nicht.“ Als er sich schon zum Gehen wandte, zögerte er. „Und ich glaube auch nicht, dass Sie hier jemand finden, der Ihre hohen Erwartungen erfüllt, nachdem Ihr Freund Hargraves jetzt verschwindet. Meine Männer hassen Ihresgleichen so sehr wie ich. Sie sind viel zu kultiviert für uns alle.“
Etwas leiser fuhr er fort: „Und wir beide wissen auch, dass ich der Einzige bin, der Ihre anderen Bedürfnisse befriedigen kann, die Bedürfnisse, von denen Sie behaupten, dass Sie sie gar nicht haben. Wen werden Sie sich also als Ehemann aussuchen, Sara? Wen?“
Daraufhin schritt er zur Tür, riss sie auf, ging hinaus und schlug sie wieder zu. Noch lange, nachdem Gideon gegangen war, ging ihr immer wieder die Frage durch den Kopf. Ja, wen sollte sie statt seiner wählen? Wen?