Ich habe das Gefühl, als hätten sich diese Nebelschwaden die ganze Reise über nicht mehr gelichtet, und von da an liegen sie dicht in meinem Notizbuch. Solange die Oise ein kleiner ländlicher Fluss war, trug sie uns nah an die Türen der Menschen, und wir konnten uns auf den anliegenden Feldern mit den Einheimischen unterhalten. Doch nun, da er so breit geworden war, zog das Leben am Ufer in einiger Entfernung an uns vorüber. Es war derselbe Unterschied wie zwischen einer großen Durchfahrtsstraße und einem Seitenweg auf dem Land, der in die Cottagegärten hinein- und herausführt. Nun landeten wir in Städten, wo niemand uns mit Fragen plagte. Wir waren in das zivilisierte Leben getrieben, in dem Leute vorübergehen, ohne zu grüßen. An spärlich besiedelten Orten machen wir aus jeder Begegnung das Beste, doch in den Städten bleiben wir für uns und reden mit keiner Menschenseele, außer wenn wir einer auf die Zehen getreten sind. In diesen Gewässern waren wir nicht länger komische Käuze, und niemand hielt uns für Weitgereiste, sondern nur für Besucher aus der nächsten Stadt. Ich erinnere mich zum Beispiel an unsere Landung in L’Isle Adam, wo wir auf Dutzende Vergnügungsboote mit Nachmittagsgesellschaften trafen, und es gab nichts, was den echten Reisenden von dem Amateur unterschieden hätte außer vielleicht der verschmutzte Zustand meines Segels. Die Passagiere auf einem der Boote hielten mich sogar für einen Nachbarn. Hat es je eine größere Kränkung gegeben? Das war alles, was von der Romantik noch übrig war. Nun, auf der oberen Oise, wo normalerweise niemand außer den Fischen unterwegs war, konnte man zwei Kanuten nicht so einfach wegerklären. Wir waren seltsame und malerische Eindringlinge; aus dem Staunen der Leute entsprangen eine vorübergehende Vertrautheit und eine Art Licht, das uns während der ganzen Reise begleitete. In dieser Welt gibt es nichts außer »Wie du mir, so ich dir«, obwohl es manchmal nicht so leicht zu erkennen ist: Denn die Rechnungen sind älter als wir, und seit Anbeginn der Zeit sind sie noch nicht beglichen worden. Unterhaltung bekommt man ungefähr im selben Ausmaß, in dem man selber unterhaltsam ist. Solange wir eine Art sonderbare Wanderburschen waren, die man begaffen und denen man nachlaufen konnte wie einem Quacksalber oder einem Wanderzirkus, erhielten wir im Gegenzug nie zu wenig Vergnügen. Doch sobald wir zu normalen Leute wurden, waren alle, die wir trafen, ebenfalls entzaubert. Und dies ist einer von dutzend Gründen, warum die Welt langweiligen Leuten langweilig erscheint.
Bei unseren früheren Abenteuern gab es fast immer etwas zu tun, und das belebte uns. Sogar die Regenschauer hatten eine belebende Wirkung und schüttelten die Trägheit aus dem Gehirn. Doch nun, da der Fluss nicht mehr richtig floss, sondern nur gleichmäßig, gerade und mit einer nicht wahrnehmbaren Geschwindigkeit auf das Meer zuglitt und der Himmel jeden Tag unverändert auf uns herablächelte, begannen wir in einen goldenen Schlummerzustand abzugleiten, der auf ausreichende Bewegung an frischer Luft folgt. Ich habe mich auf diese Weise mehr als einmal selbst betäubt; tatsächlich liebe ich dieses Gefühl sehr, doch habe ich es nie in gleichem Ausmaß verspürt wie paddelnd auf der Oise. Es war die Apotheose der Benommenheit.
Wir lasen rein gar nichts mehr. Manchmal, wenn ich eine neue Zeitung entdeckte, fand ich besonderes Vergnügen daran, eine einzige Folge des aktuellen Fortsetzungsromans zu lesen, und nie konnte ich mehr als drei Folgen ertragen, schon die zweite war eine Enttäuschung. Sobald die Geschichte auf irgendeine Art verständlich wurde, verlor sie in meinen Augen jeden Wert. Nur eine einzige Szene oder, wie es bei diesen feuilletons üblich ist, eine halbe Szene, ohne Vorgeschichte oder Konsequenzen, wie ein Bruchstück aus einem Traum, hatte die Macht, mein Interesse zu fesseln. Je weniger ich von dem Roman sah, desto besser gefiel er mir – ein fruchtbarer Gedanke. Aber wie ich schon sagte, die meiste Zeit lasen wir beide gar nichts mehr und brachten die wenigen Stunden, die wir zwischen Abendessen und Zubettgehen wach waren, mit Landkarten zu. Karten habe ich schon immer geliebt und kann mit dem größten Vergnügen in einem Atlas auf Reisen gehen. Die Namen von Orten sind unvergleichlich einladend, die Konturen der Küsten und Flüsse fesseln den Blick, und so auf einen Ort zu stoßen, von dem man bereits gehört hat, macht Geschichte zu einer neuen Erfahrung. Doch wir blätterten an jenen Abenden ohne jede Absicht in den Plänen. Wir scherten uns keinen Deut um diesen oder jenen Ort. Wir starrten auf das Papier, so wie Kinder ihrer Rassel lauschen, und lasen die Namen von Städten und Dörfern, um sie gleich wieder zu vergessen. Wir fanden darin nichts Romantisches; es gab niemanden, der ungebundener gewesen wäre. Wenn Sie uns die Karten weggenommen hätten, während wir sie überaus aufmerksam studierten, hätten wir höchstwahrscheinlich den bloßen Tisch mit demselben Vergnügen betrachtet.
Von einer Sache waren wir besonders begeistert, und das war das Essen. Ich glaube, ich habe meinen Magen zur Gottheit erhoben. Ich erinnere mich, mir dieses oder jenes Gericht so lange vorgestellt zu haben, bis mir das Wasser im Mund zusammenlief; lange bevor wir an Land gingen, um zu übernachten, war mein Appetit ein lärmendes, drängendes Ärgernis. Manchmal paddelten wir nebeneinander und stachelten uns mit gastronomischen Phantasien an. Kuchen und Sherry, daheim nichts Besonderes, aber auf der Oise außer Reichweite, gingen mir meilenweit nicht aus dem Sinn; einmal, als wir uns Verberie näherten, schlug mir das Herz bis zum Halse, als der Kapitän der Cigarette Austernpastetchen und Sauterne erwähnte.
Ich vermute, keiner von uns weiß um die große Rolle, die Essen und Trinken in unserem Leben spielen. Der Appetit ist so gebieterisch, dass wir die reizlosesten Lebensmittel verspeisen und eine Stunde Mittagspause überaus dankbar mit Wasser und Brot verbringen können, genauso wie es Leute gibt, die immerzu lesen müssen, und sei es der Eisenbahnfahrplan. Aber dieser Sache haftete trotzdem etwas Abenteuerliches an. Wahrscheinlich hat der Esstisch mehr feurige Anhänger als die Liebe, und ich bin überzeugt, dass essen weit unterhaltsamer ist als das Betrachten von Landschaften. Würden Sie sich Walt Whitmans Meinung anschließen, dass Genießer nicht weniger unsterblich sind? Der wahre Materialismus liegt darin, sich dessen zu schämen, was wir sind. Den Geschmack einer Olive wahrzunehmen ist nicht weniger Teil menschlicher Vollkommenheit, als die Schönheit in den Farben des Sonnenuntergangs zu erkennen.
Kanufahren war leichte Arbeit. Das Paddel im richtigen Winkel einzutauchen, mal rechts, mal links; den Bug in Stromrichtung zu halten; die kleine Pfütze auszuschöpfen, die sich im Schoß der Schürze sammelte; in die glitzernden Funken aus Sonnenlicht auf dem Wasser zu blinzeln oder hin und wieder unter der pfeifenden Treidelleine der Deo Gratias aus Condé oder der Vier Söhne von Aymon hindurchzufahren war keine große Kunst. Gewisse alberne Muskeln schafften das zwischen Schlaf und Wachsein, und inzwischen nahm sich der Kopf einen Tag frei und schaltete ab. Mit einem Blick nahmen wir die größeren Marken der Landschaft wahr und sahen mit halbem Auge Fischer in Hemdsärmeln und planschende Wäscherinnen am Ufer. Ab und zu wurden wir vielleicht von einem Kirchturm, einem springenden Fisch oder einem Teppich aus Flussalgen, der von dem Paddel abgestreift und entfernt werden musste, halb geweckt. Doch diese erleuchteten Intervalle waren nur teilweise erleuchtet. Ein Teil unseres Wesens musste zur Tat schreiten, doch niemals das ganze. Das Zentralbüro der Nerven, das wir in einer gewissen Stimmung als Ich bezeichnen, genoss seinen Urlaub ungestört wie ein Regierungsamt. Die großen Räder des Intellekts drehten sich müßig im Kopf wie Windmühlen, die kein Korn mahlen. Ich habe eine halbe Stunde damit zugebracht, meine Ruderschläge zu zählen, und dabei Hunderte vergessen. Ich schmeichle mir, dass nicht einmal sterbende Tiere diese niedrige Form von Bewusstsein unterbieten können. Und was für ein Vergnügen das war! Was für eine herzliche, duldsame Stimmung das mit sich brachte! Da ist nichts Pedantisches mehr an einem Menschen, der diesen Zustand erreicht hat, diese einzig mögliche Apotheose im Leben, die Apotheose der Benommenheit; er beginnt sich würdevoll und langlebig wie ein Baum zu fühlen.
Da gab es ein seltsames Stück angewandter Metaphysik, die das, was ich die Tiefe, wenn nicht sogar die Intensität meiner Geistesabwesenheit nennen möchte, begleitete. Das, was Philosophen als Ich und Nicht-Ich, ego und non ego, bezeichnen, beschäftigte mich, ob ich wollte oder nicht. Es gab weniger Ich und mehr Nicht-Ich, als ich für gewöhnlich erwarten würde. Ich beobachtete jemand anderen, der das Paddeln übernahm; ich spürte die Füße eines anderen gegen die Fußleiste drücken; mein eigener Körper schien nicht mehr zu mir zu gehören als das Kanu oder der Fluss oder die Flussufer. Und damit nicht genug: Etwas in meinem Verstand, ein Teil meines Hirns, eine Provinz meines wahren Wesens hatte die Gefolgschaft aufgekündigt und war auf eigene Faust unterwegs oder vielleicht für jenen anderen, der das Paddeln übernommen hatte. Ich war zu einem ziemlich kleinen Ding in einem Winkel meines Bewusstseins geworden. Ich war in meinem eigenen Schädel isoliert. Gedanken präsentierten sich ungebeten, es waren nicht meine Gedanken, es waren eindeutig die eines anderen, ich betrachtete sie wie einen Teil der Landschaft. Kurzum, ich vermute, dass ich dem Nirwana so nahe gekommen bin, wie es im wirklichen Leben nur möglich ist, und wenn das der Fall war, dann möchte ich den Buddhisten aufrichtig gratulieren; es ist ein angenehmer Zustand, nicht ganz mit geistiger Genialität vereinbar, nicht wirklich rentabel aus ökonomischer Perspektive, aber sehr friedvoll, golden und gelassen, und er stellt einen Menschen über seine Ängste. Man kann es wohl am besten damit vergleichen, sturzbetrunken zu sein und gleichzeitig vollkommen nüchtern, so dass man in der Lage ist, es zu genießen. Ich habe den Verdacht, dass Personen, die im Freien arbeiten, einen großen Teil ihrer Tage in dieser ekstatischen Betäubung verbringen, was ihre große Gelassenheit und Duldsamkeit erklärt. Schade um das Geld für Laudanum, wenn es ein besseres Paradies umsonst gibt!
Dieser Geisteszustand war der große Gewinn unserer Reise, wenn man sie als Ganzes betrachtet. Er war das entlegenste Ziel, das wir erreichten. Tatsächlich liegt es so weit entfernt von den ausgetretenen Pfaden der Sprache, dass ich nicht erwarte, die Sympathie des Lesers für die lächelnde, friedliche Idiotie meines Zustands zu gewinnen; als Ideen kamen und gingen wie Stäubchen im Sonnenlicht; als Bäume und Kirchtürme von Zeit zu Zeit in meiner Wahrnehmung aufragten wie massive Gebilde in einem vorbeiziehenden Wolkenland; als das rhythmische Planschen des Boots und des Paddels im Wasser ein Wiegenlied wurde, das meine Gedanken einlullte; als ein Schlammspritzer an Deck mir manchmal ein unerträglicher Anblick und manchmal fast ein Gefährte und das Objekt freundlicher Überlegungen war – die ganze Zeit über, während der Fluss dahinströmte und die Ufer sich auf beiden Seiten wandelten, zählte ich unverdrossen meine Ruderschläge und vergaß dabei Hunderte und war das glücklichste Geschöpf in ganz Frankreich.