In Compiègne

Wir kehrten in einem großen, geschäftigen Hotel in Compiègne ein, wo niemand unsere Anwesenheit beachtete.

Reservisten und allgemeiner Militarismus (wie die Deutschen es nennen) nahmen überhand. Ein Lager mit kegelförmigen weißen Zelten vor der Stadt sah aus wie aus einer Bilderbibel; Schwertgurte zierten die Wände der cafés, und den ganzen Tag dröhnte Militärmusik durch die Straßen. Für einen Engländer war es unmöglich, ein Glücksgefühl zu unterdrücken, denn die Männer, die der Trommel folgten, waren klein, ihr Marschieren war armselig. Ein jeder neigte sich in einem anderen Winkel und holperte nach eigenem Gutdünken vorwärts. Da war nichts von dem prächtigen Gang, mit dem ein Regiment hochgewachsener Highlander seiner Musik folgt, feierlich und unvermeidlich wie ein Naturphänomen. Wie kann derjenige, der das gesehen hat, den Trommelmajor an der Spitze, die Tigerfelle der Trommler, die schwingenden Plaids der Pfeifer, den seltsam elastischen Rhythmus des Regiments im Gleichschritt vergessen und den Schlag der Trommel, wenn die Trompeten verstummen und die schrillen Querflöten die martialische Geschichte fortsetzen?

Ein Mädchen, das in Frankreich zur Schule ging, begann ihren französischen Schulkameraden von der Parade eines unserer Regimenter zu berichten; als sie fortfuhr, so erzählte sie mir, wurde ihre Erinnerung so lebendig, ihr Stolz, Landsmännin solcher Soldaten zu sein, und ihr Schmerz, in einem anderen Land zu leben, so stark, dass ihre Stimme versagte und sie in Tränen ausbrach. Ich habe dieses Mädchen nie vergessen, und ich denke, sie hat schon fast ein Denkmal verdient. Sie eine junge Dame zu nennen, mit all den affektierten Assoziationen, käme einer Beleidigung gleich. Dessen aber kann sie auf alle Fälle sicher sein: Auch wenn sie nie einen heldenhaften General heiraten und in ihrem Leben keine großen oder unmittelbaren Erfolge erzielen wird, hat sie für ihr Heimatland nicht vergeblich gelebt.

Auch wenn sich französische Soldaten auf Paraden unvorteilhaft präsentieren, sind sie beim Marschieren fröhlich, munter und willig wie eine Schar Fuchsjäger. Ich erinnere mich an den Anblick einer Kompanie im Wald von Fontainebleau, auf der Straße von Chailly, zwischen dem Bas-Bréau und der Reine Blanche. Ein Bursche ging der Truppe in einigem Abstand voran und sang ein lautes, verwegenes Marschlied. Die anderen rührten ihre Füße und schwangen sogar ihre Musketen im Takt. Ein junger Offizier zu Pferd hatte große Mühe, bei dem Liedtext die Fassung zu bewahren. Etwas so Fröhliches und Spontanes wie ihre Gangart hat man noch nicht gesehen, nicht einmal Schuljungen bei der Schnitzeljagd sind so begeistert bei der Sache, und man hätte es nicht für möglich gehalten, dass solch fügsame Marschierer je müde werden.

Mein größtes Entzücken in Compiègne galt dem Rathaus. Ich war in das Rathaus regelrecht vernarrt. Es ist ein Denkmal gotischer Unbestimmtheit, mit Türmchen und Wasserspeier, von einem halben Dutzend architektonischer Launen verziert. Einige der Nischen sind vergoldet und bemalt, auf einer großen rechteckigen Tafel in der Mitte, in schwarzem Relief vor vergoldetem Hintergrund, reitet Ludwig XII. auf einem Pferd im Passgang, mit einer Hand an der Hüfte und in den Nacken geworfenem Kopf. Jede Linie dieses Porträts zeugt von königlicher Arroganz. Der Fuß im Steigbügel ragt dreist aus dem Rahmen, der Blick ist hart und stolz. Sogar das Pferd scheint genussvoll über die in den Staub geworfenen Leibeigenen zu traben und den Trompetenton in den Nüstern zu haben. So reitet der gute König Ludwig XII., Vater seines Volkes, in alle Ewigkeit an der Fassade des Rathauses.

Über dem Kopf des Königs, im hohen Mittelturm, sieht man das Zifferblatt einer Uhr und noch höher drei mechanische Figuren, jede mit einem Hammer in der Hand, deren Aufgabe es ist, den Bürgern von Compiègne die ganzen, halben und viertel Stunden zu schlagen. Die Figur in der Mitte hat einen vergoldeten Brustpanzer, die anderen beiden tragen vergoldete Kniehosen, und alle drei haben elegante weichkrempige Hüte wie Kavaliere. Wenn die Viertelstunde naht, wenden sie einander die Köpfe zu und betrachten sich wissend, und dann hört man – kling – die drei Hämmer auf drei kleine Glocken schlagen. Die Stunde folgt tief und sonor aus dem Turminneren, und die vergoldeten Herren ruhen sich von ihrer Arbeit zufrieden aus.

Ich hatte großes Vergnügen an ihren Manövern und achtete sorgsam darauf, so wenige Vorstellungen wie möglich zu versäumen; ich merkte, dass selbst der Kapitän der Cigarette, während er vorgab, meine Begeisterung zu verachten, ein mehr oder weniger begeisterter Anhänger war. Es ist doch ziemlich absurd, solch ein Spielzeug den Winterstürmen auf einem Dach auszusetzen. In einer Glasvitrine, vor einer Nürnberger Uhr, wäre es besser aufgehoben. Scheint es nicht vor allem nachts, wenn die Kinder schlafen und die Erwachsenen unter den Decken schnarchen, unangebracht, dass diese Lebkuchenmännchen den Sternen und dem rollenden Mond zuwinken und zuklingeln? Mögen die Wasserspeier auch noch so vorbildlich ihre affenartigen Köpfe verdrehen, mag der Monarch auch noch so breitbeinig auf seinem Schlachtross sitzen wie ein Zenturio in einem alten deutschen Druck von der Via Dolorosa, die Spielfiguren aber sollten in einer mit Baumwolle gepolsterten Schachtel aufbewahrt werden, bis die Sonne aufgeht und die Kinder wieder unterwegs sind, um sich an ihnen zu erfreuen.

Im Postamt von Compiègne wartete ein großes Paket Briefe auf uns; die Beamten waren ausnahmsweise so freundlich, sie uns auf unser Bitten hin auszuhändigen.

In gewisser Weise könnte man sagen, dass unsere Reise mit diesem Beutel voller Briefe in Compiègne endete. Der Bann war gebrochen. Von diesem Moment an waren wir zum Teil wieder zu Hause.

Niemand sollte auf einer Reise Korrespondenz führen. Es ist schlimm genug, dass man schreiben muss, aber Briefe zu erhalten ist der Tod jeglichen Urlaubsgefühls.

»Aus meinem Land und mir selbst zieh ich aus.« Ich will eine Zeitlang in neue Bedingungen eintauchen wie in ein anderes Element. Für den Augenblick habe ich mit meinen Freunden oder Liebschaften nichts zu tun; als ich aufbrach, habe ich mein Herz zu Hause in einer Schublade zurückgelassen oder es mit meinem Koffer vorausgeschickt, damit es am Ziel auf mich wartet. Wenn meine Reise beendet ist, werde ich eure freundlichen Briefe gewiss mit der Aufmerksamkeit lesen, die sie verdienen. Ich habe all das Geld ausgegeben und das Paddel geschwungen, nur um fern der Heimat zu sein; ihr aber haltet mich mit euren ständigen Nachrichten zu Hause fest. Ihr zieht an der Leine, und ich fühle mich wie ein am anderen Ende der Schnur festgebundener Vogel. Ihr verfolgt mich durch ganz Europa mit den kleinen Ärgernissen, denen ich entfliehen wollte. Aus dem Krieg des Lebens gibt es keine Entlassung, dessen bin ich mir wohl bewusst, aber darf man denn nicht einmal eine Woche Urlaub genießen?

An dem Tag, als wir losfahren sollten, standen wir um sechs Uhr auf. Sie hatten so wenig Notiz von uns genommen, dass ich kaum damit rechnete, dass sie sich dazu herablassen würden, uns eine Rechnung vorzulegen. Doch das taten sie, mit ein paar beträchtlichen Einzelposten; wir zahlten auf zivilisierte Weise bei einem desinteressierten Angestellten und verließen weiterhin unbeachtet das Hotel mit unseren Kautschuktaschen. Niemand scherte sich um uns. Es ist unmöglich, vor einem Dorf aufzustehen; doch Compiègne war eine so große Stadt, dass sie es morgens gemütlich angehen ließ, wir waren auf und davon, als sie noch in Schlafrock und Hausschuhen steckte. Die Straßen waren den Leuten überlassen, die ihre Türschwellen putzten. Niemand war fertig angezogen außer den Kavalieren auf dem Rathaus; sie waren mit Tau gewaschen, blitzblank in ihrer Vergoldung, voll Einsicht und beruflichem Verantwortungsgefühl. Kling, schlugen sie um halb sieben, als wir vorbeigingen. Ich war ihnen für diesen freundlichen Abschiedsgruß dankbar; sie waren nie in besserer Form, nicht einmal sonntags zur Mittagsstunde.

Niemand kam, um uns zu verabschieden, außer den frühen Wäscherinnen – früh und spät –, die in ihrer schwimmenden Wäscherei am Fluss bereits das Leinen klopften. Sie waren auf ihre Art sehr frisch und munter, tauchten tapfer ihre Arme ins Wasser und schienen den Schock nicht zu spüren. Für mich wäre es deprimierend, dieses frühe Beginnen und das erste kalte Planschen eines niederdrückenden Tagwerks. Ich glaube aber, sie hätten ebenso ungern mit uns getauscht wie wir mit ihnen. Sie versammelten sich, um zuzusehen, wie wir in die dünnen sonnenbeschienenen Nebelschwaden auf dem Fluss hineinpaddelten, und riefen uns herzlich nach, bis wir unter der Brücke hindurch waren.