18

Ungefähr dreihundert Jahre

plus/minus ein paar Jahrzehnte

Das Essen war gut: das Eigelb schön weich, der Toast gerade richtig, um es damit aufzutunken. Proteine und Fett in jedem Bissen. Ein Essen, das man hinunterschlingen konnte, selbst in den Mengen, die ich bestellt hatte. Ich verschwendete keine Zeit mit einer Unterhaltung, sondern konzentrierte mich ganz auf meine Mahlzeit.

Als alles weggeputzt war, zeigte ich mit der Gabel auf den Teller, legte sie mit einem leichten Klirren ab und sah Bruiser in die Augen. »Okey-doke. Danke für das Frühstück. Und jetzt heraus mit der Sprache. Erzähl mir, was bei den Rousseaus passiert ist. Ich weiß, dass ihr alles auf Film habt. Warum ist die Polizei nicht dort gewesen? Erzähl mir von der Säuberung.« Bruiser zuckte erschrocken zusammen. Ich lehnte mich zurück, die Teetasse in der Hand. »Und von dem Wahnsinn in der Familie der Rousseaus. Und wenn du schon mal dabei bist, auch, was es mit den Lang-Angeketteten auf sich hat.« Er klappte den Mund zu und warf mir einen wütenden Blick zu. Ich lachte. »Keine Sorge. Ich habe niemanden gefoltert, um das zu erfahren. Ich weiß es von Sabina. Und das ist auch gut so, denn sie glaubt, dass alles mit dem Schöpfer der Rogues zusammenhängt.«

»Sabina hat mit dir darüber gesprochen «, hauchte er. Als ich nichts darauf erwiderte, sagte er: »Du musst etwas Besonderes an dir haben, Jane Yellowrock.« Er griff nach der Kaffeekanne. Ich schlug seine Hand herunter, hielt sie fest und sagte beinahe knurrend: »Los, raus damit. Jetzt sofort. Ich habe keine Zeit für Süßholzgeraspel.«

Schweigend starrte er auf unsere Hände hinunter, versuchte aber nicht, sich zu befreien. »Es ist riskant, wenn ich dir ohne Leos Zustimmung Informationen gebe.«

»Noch riskanter ist es, wenn du es nicht tust.«

Bruiser hob den Blick und sah mich an. »Ich hätte gerne Kaffee.« Ich ließ seine Hand los, und er goss sich eine Tasse ein. Stellte die Kanne beiseite. »Die Alarmanlage der Rousseaus wurde heute Morgen kurz nach zwei Uhr abgeschaltet. Als Leos Leute dort eintrafen, fanden sie niemanden mehr dort vor. Wir wissen nicht, was geschehen ist.« Als ich nichts dazu sagte, gab er Milch und Zucker in den Kaffee, rührte um, nahm einen Schluck und fuhr fort: »Die Säuberung fand nach dem Sklavenaufstand auf der Insel Saint-Domingue statt heute heißt sie Haiti. Hast du von dieser Revolution gehört?«

Bevor ich michs versah, hatte ich geblinzelt und bereute sofort, dass ich mich verraten hatte. Sabina hatte etwas von einer Insel gesagt. Ich schüttelte verneinend den Kopf. Er lächelte traurig, ganz offensichtlich glaubte er mir nicht. »Dann bekommst du jetzt Geschichtsunterricht. Damals war die Insel, was viele nicht wissen, ein Zufluchtsort für Mithraner. Die Clans lebten dort in einer sehr streng nach Rasse und Vermögen geordneten Gesellschaft, weiße Vampire oben, Vampyres du couleur libre freie farbige Vampire, die Land- oder Sklavenbesitzer waren in der Mitte und Sklaven ganz unten als Arbeiter, Sexspielzeuge und Blutmahle. Die meisten von ihnen wurden barbarisch behandelt.«

Bruisers Stimme wurde hart. »Die Sklaven strebten nach Freiheit. Die Clans der Vampyres du couleur hatten aufgrund ihrer Rasse wenig politischen Einfluss, doch sie wollten den weißen Vampiren gleichgestellt sein. Die aber wollten, dass der Status quo erhalten blieb. Unter den Weißen und den Gemischtrassigen gab es einige, die das Hexen-Gen besaßen und Blutmagie, dunkle Rituale, praktizierten. Manche von ihnen kamen auch nach dem devoveo, als sie von den Ketten befreit waren, nie wieder ganz zu Verstand. Ich habe Berichte über ihre Gräueltaten gelesen. Ihre Grausamkeit war legendär.

Entflohene Sklaven, Maroons genannt, flohen in die Berge, wo sie sich zusammenschlossen und bewaffneten, um in einer Serie von Aufständen, die über ein halbes Jahrhundert dauerte, Überfalle auf ihre früheren Besitzer durchzuführen.« Seine Hand machte eine kleine Drehbewegung, um anzudeuten, dass die angegebene Länge der Revolte nur ungefähr war. »Die Vampyres du couleur libre schlossen sich schließlich den Aufständischen an, um die weißen Mithraner zu töten oder zu vertreiben, angeführt sowohl von Vampiren als auch von Menschen.

Ein Vampir, François-Dominique Toussaint Louverture, wandelte einige der unzufriedenen Maroons und half, einen der größten Aufstände zu organisieren. Er und seine Verbündeten führten eine Revolte unter spanischer Flagge an, die die Regierung der französischen Kolonie stürzte. Es waren gewalttätige und brutale Auseinandersetzungen, mit großen Verlusten auf beiden Seiten. Manchen der weißen Landbesitzer gelang es, nach Amerika zu flüchten, doch die meisten kamen ums Leben, zusammen mit über zehntausend Sklaven. Drei der überlebenden Vampirclans, darunter auch solche, die Blutmagie praktizierten, kamen 1791 nach Louisiana und brachten die hiesige politische Szene gehörig durcheinander.«

»Der Wahnsinn der Rousseaus? Sie waren verrückt, weil viele von ihnen das Hexen-Gen besaßen?«

Bruisers Mundwinkel zogen sich nach unten, sodass sich tiefe Furchen zu beiden Seiten bildeten. Während er überlegte, was er mir sagen konnte, goss er sich heißen Kaffee nach. »Es ist bekannt, dass das Blut des Urahns dieses Clans schlecht war. Alle seine Geschöpfe brauchten mehr als ein Jahrzehnt, um nach dem Wandel ihren Verstand wiederzuerlangen. In der zweiten Generation war es noch schlimmer, da war beinahe die Hälfte nach zehn Jahren immer noch in Ketten. Auf Saint-Domingue hat dieser Urahn Experimente an seinen Sklaven durchgeführt, um ein Heilmittel zu finden. Zu diesem Zweck führte er ein Zuchtprogramm durch, um Nachkommen mit Hexen-Gen zu züchten, um sie dann in Ritualen zu benutzen, mit denen seine Geschöpfe, die noch in Ketten lagen, geheilt werden sollten. Als er getötet wurde, haben seine Kinder seine Studien weitergeführt «

»Studien?« Ich versuchte erst gar nicht, die Ironie aus meinem Ton zu verbannen.

»Es war barbarisch, ja.« Seine Worte kamen kurz und scharf wie Beilschläge. »Die Insel wurde mit der Revolte befreit, und der Clan kam hierher. Seine Aufzeichnungen hatten sie mitgebracht, und sie setzten die Experimente fort. Tatsächlich fanden sie ein Mittel, das eine teilweise Heilung bewirkte, auch wenn ich nicht weiß, worin es bestand, und einige der Geschöpfe, die seit mehreren Jahrzehnten angekettet waren, erlangten ihre geistige Gesundheit zurück.

»Die Lang-Angeketteten«, sagte ich, gegen meinen Willen fasziniert.

»Ja. Aber zwischen den Clans in New Orleans herrschte Krieg, und danach kam die Säuberung, durch die zwei der Clans aus Saint-Domingue ausgelöscht wurden. Damit fanden die Experimente ein Ende. Der erste Meister der Rousseaus starb zusammen mit den meisten seiner noch angeketteten Geschöpfe in einem Feuer, das auch seine Aufzeichnungen vernichtete. Sein Erbe hat ein eigenes Nest für die Nachkommen auf dem Familiengrundstück gebaut, in dem ihre devoveos bis zu fünfzig Jahre lang angekettet bleiben, bevor sie vernichtet werden. Einem Bericht zufolge erlangen ungefähr vierzig Prozent ihren Verstand zurück, wobei weiterhin ungeklärt ist, wie viel ihnen noch von ihren Erinnerungen bleibt.«

»Und nach fünfzig Jahren werden sie alle vernichtet?«

Bruiser zögerte. Er wirkte distanziert, verschlossen, so als würde er aus einem Korb voller Geschichten, Klatsch und Mythen auswählen, was er an mich weitergeben durfte. Mir wäre es lieber gewesen, wenn er mit dem Stuhl gekippelt oder mit den Fingern auf den Tisch getrommelt hätte. Oder irgend so etwas. Aber er war so reglos wie Leo, nur, dass er noch atmete und sein Herz noch schlug. »Es gibt Gerüchte, dass manche Geschöpfe, vor allem geliebte Menschen, länger behalten werden. Doch es gibt keine Beweise dafür.«

»Wenn also einer der Lang-Angeketteten, der, sagen wir mal, sehr viel länger als fünfzig Jahre am Leben gelassen wurde, schließlich doch wieder gesund wird, kennt er vielleicht noch die alten Methoden des ersten Meisters. Und hat vielleicht wieder mit den Experimenten angefangen. Das könnte der Grund sein, warum Sabina niemanden gerochen hat, den sie kannte, weil es nämlich ein alter Rousseau war.« Als ich Bruisers verwirrten Blick sah, erzählte ich ihm von den Grabstätten und den Kreuzen, von LeShawn und den entführten Hexenkindern. Und dass die Priesterin sich sicher war, dass ein Hexenkind an der Stätte gestorben war.

Als ich alles erzählt hatte, sagte Bruiser: »Es geht ein Gerücht um, dass Renée Damours aus dem Rousseau-Clan vor der Säuberung zu Verstand kam und ihr Bruder Tristan nicht lange danach. Ihre Kinder hatten nicht so viel Glück.« Bruiser musste meine Reaktion bemerkt haben. »Ja, Tristan war ihr Bruder und ihr Ehemann. Das Zuchtprogramm betraf nicht nur die Sklaven ihres Meisters. Den Gerüchten zufolge sind zwei ihrer Kinder und ein weiterer Bruder noch am Leben und irgendwo unter den Lang-Angeketteten zu finden.«

»Diese Kinder, wie alt wären sie heute?«

Bruiser zeigte die Zähne und grüßte mit seiner Kaffeetasse. »Ungefähr dreihundert Jahre plus/minus ein paar Jahrzehnte.«

Wieder in der Stadt, machte ich zu Hause Halt und rief Jodi Richoux an. »Was ist, Yellowrock?«, meldete sie sich. »Ich wate gerade knietief in Blut.«

Das hörte sich an wie einer von meinen schlimmsten Tagen, doch mein Mitleid hielt sich in Grenzen. Ich brachte sie auf den neuesten Stand. Sie stritt es nicht ab, als ich behauptete, sie habe in den Fällen der verschwundenen Hexenkinder nach dem Tod ihrer Tante weiterermittelt. »Ich muss noch einmal in den Raum mit den Hokuspokus-Akten und habe im Tausch sachdienliche Informationen anzubieten«, sagte ich. »Der Clansitz der Rousseaus ist verlassen, die Tür steht auf, und es sieht so aus, als habe dort ein Kampf stattgefunden. George Dumas sagt, die Alarmanlage wurde um zwei Uhr morgens abgeschaltet. Es braut sich ein Vampkrieg zusammen damit muss es etwas zu tun haben.«

Jodi fluchte. »Vermutlich hätte ich nie etwas davon erfahren. Ich arbeite an einem Gang-Mord im Warehouse District. Die Crips haben ein paar MS-13-Anführer und zwei Vamps niedergemetzelt, das hängt vielleicht irgendwie mit deinem Vampkrieg zusammen. Zu dem Hokuspokus-Raum hast du jederzeit Zutritt. Aber sei um fünf Uhr da, ich will dich bei einer Besprechung dabeihaben.« Sie legte grußlos auf.

Ich seufzte. Südstaatler waren doch eigentlich bekannt für ihre Höflichkeit. Bisher konnte ich das nicht bestätigen. Als Rick mich zurückrief, bat ich ihn, noch einmal einen Blick in die Vampakten werfen zu dürfen. Ich musste wissen, was sonst noch darin über die Rousseaus zu finden war. Als er mich nach dem Grund fragte, erzählte ich ihm dieselbe Leier wie Jodi. Er sagte, ich könne kommen, und versprach mir freien Zugang. Ich Glückspilz. Ohne mir Zeit für eine Dusche oder ein Nickerchen zu nehmen, packte ich ein paar Sachen zusammen, die ich vielleicht brauchen würde, schwang mich auf das Bike und machte mich auf den Weg ins NOPD. Beinahe wäre ich am Lenkrad eingedöst. Doch schlafen konnte ich später. Wenn die Kinder in Sicherheit waren.

»Wie wäre es, wenn Sie mir dieses Mal einfach die Schlüssel daließen? Oder einen Stuhl in die Tür stellten?« Ich gab einem der kleinen Plastikstühle einen Stoß, der kreischend über die stumpfen Fliesen schabte.

Rick lächelte und lehnte sich mit der Schulter in den Türrahmen, sodass er mir den einzigen Ausgang versperrte, verschränkte die Arme und schenkte mir sein bestes Bad-Boy-Grinsen. Wenn ich mir nicht solche Sorgen um die Welpen gemacht hätte die Kinder, meine Güte –, hätte ich es vielleicht sogar zu schätzen gewusst. Ich blies mir die Haare aus dem Gesicht und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Was ist?«

»Wie lange haben Sie nicht geschlafen? Sie sehen sch sehr müde aus.«

»Oh, vielen Dank auch. Sie verstehen es, einer Frau Komplimente zu machen. Jetzt fühle ich mich doch gleich viel hübscher.«

»Hübsch? Nein, hübsch sind Sie nicht. Interessant, ja. Faszinierend. Hübsch, das klingt zu « Er legte das Gesicht in nachdenkliche Falten und blickte hinauf zu den ausgeblichenen Kacheln an der Decke. »Zu weich für Sie.«

Plötzlich wich die ganze Wut, die meinen Körper statt Schlaf am laufen gehalten hatte, in einem einzigen gewaltigen zornigen Seufzer aus mir. Und weil außer der Wut nichts da war, was mir Halt und Stärke gegeben hätte, brach ich in Tränen aus.

Als ich schließlich wieder zu Atem kam, saß ich an Rick gelehnt auf dem Tisch, das Gesicht an seiner Brust. Meine Tränen hatten sein Hemd bis auf die Haut durchnässt. Es roch wunderbar. Leicht nach Hemdstärke, Aftershave, Seife, Waffenöl und Mann. Ich packte seine Jacke fester, wollte ihn nicht loslassen. Es war dumm und schwach und Aber ich fühlte mich sicher, zum ersten Mal seit seit Langem. Seine Hände beschrieben große Kreise auf meinem Rücken und meinen Schultern, massierten mich durch den T-Shirt-Stoff hindurch. Ich legte das Gesicht an seine Schulter, damit ich nicht zu ihm hochblicken musste. Damit er mich nicht sah. Ich sah hässlich aus, wenn ich weinte. Rote Nase, geschwollene Augen, bäh.

»Tut mir leid.« Meine Stimme war heiser vom Weinen. Ich räusperte mich und versuchte es noch einmal. »Tut mir leid, dass ich dein Hemd nass gemacht habe.« Sanft schob er mich von sich weg. Als er mich schließlich ansehen konnte, sah ich nicht mehr den Bad Boy, sondern etwas Tieferes, Ernsteres. Ein seltsames Kitzeln, wie Fell auf der Haut, glitt meinen Rücken hinunter, erwartungsvoll, wartend.

Langsam näherte sich sein Mund, hielt kurz vor meinem inne. Ich konnte seinen Atem riechen, Kaffee und etwas Süßes, wie Gebäck. Er hielt meinen Blick fest, fragend, als würde er um Erlaubnis bitten. Als sich meine Finger um sein Hemd schlossen, trat er näher. An den Rand des Tisches, mit gespreizten Beinen. Er sah mir in die Augen, als er noch ein bisschen näher rückte. Ich hob ihm mein Gesicht entgegen, ganz leicht nur. Ein vorsichtiger, langsamer Tanz der Annäherung. Wärmend. Und dann war sein Mund auf meinem.

Es war eine sanfte Berührung, ganz zart strichen seine Lippen über meine. Dann lösten sie sich wieder, fragend, und berührten mich wieder kaum merklich. Seine Lippen öffneten sich sachte. Langsam. Ich seufzte. Schloss die Augen. Und die Sorge und die Angst und die Anspannung fielen von mir ab. Ich ließ mich in seine Arme sinken.

Statt, wie ich erwartete hatte, den Kuss zu vertiefen, strich er langsam über meine Lippen. Murmelte: »Ist gut, Janie. Es ist alles in Ordnung.« Seine Arme schlossen sich fester um mich. Lippen pressten sich auf meine. Er zog mich näher an sich. Schließlich legte ich die Arme um seinen Hals und klammerte mich an ihn, während ich Beast unablässig schnurren spürte. Als seine Zunge meine berührte, wurde mein Seufzen zu einem vibrierenden Summen. Eine Hand umfasste meinen Nacken, der Daumen lag auf meiner Wange. Die andere strich langsam über mein Haar und meinen Rücken hinunter.

Nach einer Weile lächelte ich, die Lippen auf seinen, und spürte, wie auch sein Mund sich verzog. Der Bann war gebrochen. Ich rückte von ihm ab und begegnete seinem warmen Blick, mit dem er mich aufmerksam musterte. »Danke«, sagte ich mit heiserer Stimme.

Er lächelte und trat zurück. Als ich wankte, stützte er mich, bis ich mein Gleichgewicht gefunden hatte. »Das wollte ich schon lange tun. Aber «, er warf einen Blick auf seine Uhr, » – wir haben einiges zu besprechen.«

Ich berichtete ihm alles, was geschehen war, alles, was ich in Erfahrung gebracht hatte, von meiner spontanen Geschichtsstunde bis zu meinen Vermutungen. Ich fasste alles noch einmal zusammen, nicht nur für Rick, sondern auch für mich, die ganze Geschichte, von dem Geruch an Bettinas Händen auf der Vampparty bis zu der Auferstehung eines mit Kreuzen tätowierten Gangsters. »Ich glaube, die Damours Renée, Tristan und vielleicht ihr Bruder waren alle Hexen, waren alle länger als die übliche Zeit in Ketten und sind wieder aufgewacht. Möglicherweise haben sie einen Zauber gefunden, mit dem sie Nachkommen züchten können, die nicht wahnsinnig werden und nicht auf Kreuze reagieren. Ich vermute, sie arbeiten an einem Zauber, der jeden Rogue gesund macht.« Ich beobachtete Rick. »Wenn sie Erfolg damit haben, gibt es nichts mehr, was die Vamps aufhalten könnte. Gar nichts.«

Rick war still geworden und hatte sein Cop-Gesicht aufgesetzt eine harte, gefühllose Maske. Nach einem Moment des Überlegens sagte er: »Ich habe schon von Renée Damours gehört. Es heißt, vor dreißig Jahren habe sie versucht, Meisterin des Rousseau-Clans zu werden und gegen Bettina verloren, bevor sie in New Orleans abgetaucht ist. Aber mehr als Gerüchte und Klatsch haben wir nicht. Wirklich wissen tun wir nichts.«

Er trat zu dem Schrank mit den Vampakten, öffnete die zweite Schublade und zog zwei Ordner heraus. So weit war ich bei meinem vorherigen Besuchen noch nicht gekommen. In dem dünnen Ordner befand sich die Geschichte der Säuberung, in dem dickeren die des Rousseau-Clans. Ich nahm Letzteren und schlug auf seinen Hinweis hin einen Abschnitt über die Damours auf, über alle fünf. Ich blätterte bis zu einer Seite, die ausführlich auf Renées Geschichte einging, und stellte fest, dass das meiste Spekulationen und Gerüchte waren, die aus nicht genannten Quellen stammten was zwar besser als nichts war, aber uns auch nicht richtig weiterhalf. Laut Akte nahm Renée Damours weder an Partys noch an Vampversammlungen teil, in denen Fragen behandelt wurden, die den Vampirstaat oder die Gesundheit ihrer Mitglieder betrafen, und in denen ihre Anwesenheit eigentlich obligatorisch war. Sie reiste nicht und ging nicht auf die Jagd nach Frischfleisch. »Sie ist ein Couch-Potato«, sagte ich. »Und das schon seit Jahrzehnten. Langsam muss ihr doch die Decke auf den Kopf fallen.«

Rick brummte amüsiert.

Sie verließ nur selten ihr Nest, das sich angeblich im Warehouse District befand, im selben Stadtteil, wo die letzte Vampparty stattgefunden hatte als ich den Hexenglamour und die Hexen gesehen hatte. Sehr unwahrscheinlich, dass die vermehrte Hexenaktivität nur ein Zufall war an Zufälle glaubte ich nicht mehr.

Rick reichte mir einen weiteren Stapel Papier Fotokopien von Briefen und Zeitungsausschnitten mit einem Deckblatt, auf dem stand »Geschichte der Säuberung«. Datum des Ereignisses: spätes siebzehntes Jahrhundert. Auf Seite zwei fand sich eine Zusammenfassung von Elizabeth Caldwell. Danach hatte Renée Damours ihre in Ketten gelegte Familie aus Haiti nach New Orleans gebracht und kurz darauf mehrere große Stücke Land gekauft, darunter auch entlang des Mississippi, im Warehouse District. Der ganze Stadtteil hatte nach Vamps gerochen. Dort hätte Renée leicht ein Nest verstecken können.

Rick murmelte: »Willst du mich engagieren, damit ich herausfinde, wem das Land heute gehört?«

Ohne aufzusehen sagte ich: »Klar. Schreib es mir einfach auf die Rechnung.« Ich musste lächeln. Als er noch undercover gewesen war, hatte ich Rick beauftragt, mir Informationen über die Landbesitzverhältnisse und Verkäufe einiger Grundstücke zu beschaffen. Bisher hatte ich ihn noch nicht bezahlt.

»Du hast doch vor, mich irgendwann zu bezahlen, oder?«

Ich zog einen gefalteten Verrechnungsscheck aus der Tasche meiner Jeans und hielt ihn ihm hin. Er grunzte, faltete das Papier auseinander, um den Betrag zu sehen, und grunzte wieder. »Nett. Das ist mehr, als wir vereinbart hatten. Wofür ist der Rest? Trinkgeld? Oder muss ich es abarbeiten?«

Seine Frage hatte eindeutig einen erotischen Unterton. Doch ich hatte keine Zeit zum Flirten, nicht solange Angelina und Little Evan vermisst wurden. »Trinkgeld. Natürlich Trinkgeld.«

»Spielverderberin.«

»Aber mit deinem Trinkgeld kannst du Samstagabend das Bier bezahlen. Wenn ich die Kinder wieder sicher nach Hause gebracht habe.«

»Abgemacht.« Seine Stimme war wieder ausdruckslos, ganz geschäftsmäßig, ganz Cop, für den Leben und Tod zum täglichen Geschäft gehören. Manchmal beneidete ich Cops um ihre Fähigkeit, diesen steinernen, kalten Gesichtsausdruck an- und abschalten zu können.

Ich spürte ein Vibrieren. Rick zog ein Handy aus der Hosentasche und klappte es auf. Seine Brauen wanderten in die Höhe, während er die SMS las. »Ich werde ins Dezernat für Sonderfälle versetzt. Heute um fünf habe ich eine Konferenz in « Er warf noch einmal einen Blick auf die Nachricht. »Raum 666. Was soll das denn für ein Versammlungsraum sein?« Er schloss das Handy und schob es zurück in die Tasche. »Wird auch Zeit, dass ich was anderes als Papierkram zu tun bekomme. Ich hasse Papierkram. Was ist?«

Ich runzelte die Brauen und blickte angestrengt in die Akte. »Nichts. Kann ich Kopien von diesen Akten bekommen? Es ist ganz schön lästig, immer wieder hierher kommen zu müssen, wenn ich etwas nachsehen will.«

»Du wirst mich vermissen, aber ich will mal sehen, was ich tun kann.«

»Ich habe seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Ich gehe jetzt ins Bett.«

Rick beugte sich vor zu mir und strich mir das Haar von der Wange zurück hinter das Ohr. Seine Fingerspitzen waren warm auf meiner Haut. »Allein?«

Ich brach in Gelächter aus. Dieser Typ konnte aus allem eine Zweideutigkeit machen. »Versteh mich nicht falsch, aber das möchte ich doch sehr hoffen.«

So müde, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, schaffte ich es nach Hause und in mein zerwühltes Bett und ganze vier Stunden ohne Unterbrechung zu schlafen, bis jemand an die Haustür klopfte, drei Mal, laut und vernehmlich, und die Banne zu knistern anfingen. Ein Lieferant oder Verkäufer konnte es nicht sein, dazu war das Klopfen zu fest gewesen, so fest, dass es wehgetan haben musste. Gebieterisch. Ich hatte Besuch. Oder sogar hohen Besuch. Die Queen würde so klopfen um sich anzukündigen, nicht um sich Zutritt zu erbitten.

Ich wickelte mich in einen Chenille-Bademantel, der zum Haus gehörte, knotete ihn fest zu und ging zur Tür. Als ich durch die Scheibe in dem neuen Bleiglasfenster in der Tür spähte, war ich nicht überrascht, Mols älteste Schwester Evangelina Everhart zu sehen. Evangelina war die größere, breitere und herrischere Ausgabe von Molly, eine Drei-Sterne-Generalin in Businesskostüm, Strumpfhose und mit einer so aufrechten Haltung, dass es aussah, als wäre sie mit einem Hexenbesen im Hintern geboren worden.

Sie trug einen Koffer in der Hand. Mein Herz machte einen Sturzflug. Hinter ihr wuchtete ein Taxifahrer zwei weitere Koffer auf den Bürgersteig. Evangelina hob den Kopf und begegnete meinem Blick durch die Glasscheibe. Jetzt war es zu spät, so zu tun, als wäre ich nicht zu Hause.

Ich öffnete die Tür und trat zur Seite. Evangelina musterte mich von meinen nackten Füßen bis zu dem zerrauften Haar. Sie schürzte missbilligend die Lippen, weil ich schlief, während ihre Schwester im Krankenhaus lag und ihre Nichte und ihr Neffe vermisst wurden. Ich grinste säuerlich und ging ohne ein Wort ins Haus. Die Tür ließ ich offen. Evangelina und ich mochten uns nicht besonders. In ihren Augen war ich ein Hells Angel, eine Biker-Braut und hatte damit einen schlechten Einfluss auf ihre jüngere Schwester.

Ich setzte Teewasser auf und hörte, wie Evangelina den Taxifahrer bezahlte und ihr Gepäck über die Schwelle trug. Die Haustür schloss sich mit einem gedämpften Laut. Mollys Bann war noch aktiv, aber offenbar erkannte er das Familienmitglied. Sie betrat das Haus ohne Probleme und kam in die Küche. Schnüffelnd blieb sie im Eingang stehen und betrachtete die Überreste von Mollys gebrochenen, zerrissenen Bannen. Ich konnte immer noch den versengten Geruch der gesprengten Energien riechen.

»Da hätte normalerweise niemand durchkommen dürfen.« Sie klang überrascht. Und vielleicht ein wenig ängstlich. »Niemand. Selbst ein ganzer Coven hätte Mühe, diese Banne zu sprengen.«

»Das habe ich auch gedacht. Milch und Zucker? Becher oder Tasse?« Ich wedelte mit der Hand in Richtung Tisch, als Einladung, sich zu setzen.

Evangelina wandte mir ihren forschenden Blick zu. »Beides bitte. Becher. Und wenn du noch einen Schuss Whiskey hineingeben könntest, wäre es nett von dir.«

Ich machte keine Stielaugen, aber nur, weil ich mich so gut in der Gewalt hatte. Bedauernd zuckte ich mit den Schultern. »Ich habe nur Bier da.«

Evangelina antwortete ebenfalls mit einem Schulterzucken, um mir zu sagen »Schon gut«. Dann ließ sie sich am Tisch nieder, streifte ihre vernünftigen Schuhe von den Füßen, zog die Kostümjacke aus und lehnte sich zurück. Ich roch ihre Füße, trockenen Schweiß und Sorge. Sie war schon zu lange auf den Beinen, zu lange gestresst. Sie fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar, kratzte sich die Kopfhaut und gähnte. So entspannt hatte ich sie noch nie gesehen aber vielleicht war sie auch einfach nur erschöpft. »Bier schmeckt nicht in Tee.« Als ich müde lachte, sagte sie: »Whiskey besorge ich dann später. Entschuldige, dass ich dich geweckt habe. Wie lange hast du denn schon nicht geschlafen?«

Das war nicht der Sarkasmus, den ich erwartet hatte. Als ich die Sorge in ihrer Stimme hörte, war es fast um mich geschehen. Schon wieder. Aber ich war fest entschlossen, nicht zu weinen, nicht vor Evangelina Everhart. Ich legte Kekse auf einen Teller, die Kekse, die Molly für ihre Kinder gebacken hatte, weiße Schokolade mit Macadamianüssen. Sie waren immer noch weich. Wieder stiegen mir Tränen in die Augen. Es war noch gar nicht so lange her, seit die Kinder entführt wurden, und doch kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Vorsichtig sagte ich: »Zwei Tage. Ungefähr.« Evangelina nahm mir den Teller aus der Hand und schob die Kekse hin und her, nicht, als ob ihr mein Arrangement nicht gefiele, sondern als müsse sie ihre Hände mit irgendetwas beschäftigen. Sie kniff die Lippen zusammen, wie um ihre Gefühle zurückzuhalten, und hielt den Blick auf die Kekse gerichtet. »Kannst du mir sagen, was hier vor sich geht?«

Zum zweiten Mal am heutigen Tag gab ich einen Lagebericht über Molly, die Entführung der Kinder und das Vamp/Hexen-Problem. Als ich fertig war, sagte Evangelina: »Ich habe gehört, dass ein Vampirkrieg droht. Stimmt das, oder ist das nur ein Gerücht?«

»Es stimmt. Glaube ich. Die Vampclans formieren sich neu. Zwar ist Rafael von Mearkanis derjenige, der Leo als Meister der Stadt herausfordern könnte, ich vermute aber, dass es die Rousseaus sind, die im Hintergrund die Fäden ziehen und den Krieg schüren. Ich würde sagen, dass die politische Unzufriedenheit nur ein Vorwand ist, damit sie diesen Rogue-Zauber durchführen können, ohne entdeckt und hingerichtet zu werden, so wie es die Vampira Carta vorsieht.« Ich gab Teeblätter in das Sieb und stellte die Kanne ins Spülbecken. Und mit den vertrauten Bewegungen löste sich endlich meine Anspannung ein wenig.

»Das halte ich nicht für unwahrscheinlich.«

»Aber ich verstehe nicht«, sagte ich, »warum Hexen ihnen helfen.«

»Das ist auch ein Grund, warum ich hier bin: um das herauszufinden. Dein Leo bat um ein Treffen mit dem Coven, es findet heute Abend statt. Möchtest du daran teilnehmen?«

Überrascht sah ich sie an. Ich hatte nicht erwartet, dass sie mich in ihre Hexenangelegenheiten einbeziehen würde. »Ähm, er ist nicht mein Leo. Und ich treffe mich um fünf Uhr mit den Cops. Ich glaube, sie haben beschlossen, eine Sonderermittlungseinheit zu gründen.«

»Das bringt jetzt auch nichts mehr.« Ihre Stimme klang müde. Geistesabwesend biss sie in einen Keks, ohne ihn wirklich zu schmecken.

Schweigend saßen wir da und hingen unseren Gedanken nach, bis die Zeitschaltuhr piepte. Ich goss Tee ein, und wir tranken.

Dann machte ich einen Anruf, denn eine Sache wollte mir nicht aus dem Kopf gehen etwas, das nach einem Plan aussah.