11

Bissige Dinger. Zu klein zum Fressen

Stärke strömte in meinen Körper, durch meine Venen und Arterien, eine überwältigende, berauschende, arktische Kraft, so mächtig wie der Nachthimmel über der Spitze eines schneebedeckten Berges. Die Schwäche war fort und kalter Kraft und Macht gewichen. Obwohl sie mich an Mollys Magie erinnerte, war es keine Hexenmacht, sondern etwas anderes. Etwas, das nur zu Bethany gehörte oder nur zu Schamanen. Beast hechelte, ihr Atem ein kalter Nebel, die tödlichen Zähne gebleckt. Sie rollte sich herum wie in Pulverschnee. Unter ihr war es kalt, kalt, kalt. Ihr raues Fell strich über die Innenseite meiner Haut, kratzte an Knochen und Nerven entlang. Die stärker werdenden Energien brachten sie an den Rand des Wandels, den sie so dringend brauchte.

So plötzlich, wie sie zugebissen hatte, zog Bethany sich von mir zurück. Ihre Zähne, ihr Mund, ihre Hände lösten sich, und ich blieb zusammengesunken auf dem Sitz zurück, den Kopf gegen das Seitenfenster gelehnt. Langsam sah ich wieder klar und erkannte den düsteren Nachthimmel. Der zunehmende Mond hing in den Ästen einer jungen Eiche. In der Ferne funkelten die Lichter der Stadt.

Mein Herzschlag war ein nasses Flüstern, eine schwaches Pulsieren, das ich am ganzen Körper spürte. Meine Haut kribbelte und spannte sich, erwartungsvoll, als wartete sie auf den nächsten Schmerz oder die nächste Wonne. Ich holte Luft. Die Nachtluft war feucht, schwül, obwohl die Klimaanlage des Porsches stetig summte. Ich drückte mich mit beiden Händen von dem Sitz in eine aufrechte Position hoch und schluckte vorsichtig. Ich fasste mir an den Hals und spürte verkrustetes Blut und straffe junge Haut unter meinen Fingerspitzen. Geheilt. Ich fühlte mich gut. Ich warf Bethany einen Blick zu und wusste nicht, was ich sagen sollte.

Sie hatte sich zu mir gewandt, den Rücken zur Tür, die bodenlosen dunklen Augen auf mich gerichtet. In ihrem Gesicht war keine Spur eines Gefühls zu sehen. Sie atmete nicht, machte keine Bewegung. Als wäre sie eine schwarze Marmorstatue.

Als sie sich dann doch rührte, um Luft zu holen und zu sprechen, war es wie ein Schock. »Sie schmecken nach mehreren Vampiren. Und Gewalt. Und Wildheit von Bäumen und Felsen und rauschenden Flüssen. Sie sind kein Mensch und sind es nie gewesen.« Sie legte den Kopf auf die Seite, mehr wie eine Eidechse als wie ein Vogel. »Ich glaube nicht, dass ich schon einmal jemanden wie Sie geschmeckt habe, und ich habe schon viele geschmeckt.« Als ich nichts erwiderte, sondern nur die Finger an meinen Hals legte, sagte sie: »Ich habe Ihnen ein wenig von meiner Essenz gegeben. Sie werden sich eine Zeit lang energiegeladen und stärker fühlen.«

Ich schluckte wieder und presste besorgt hervor: »Was ist eine Essenz? Ich hoffe, Sie haben nicht versucht, mich zu wandeln. Ich will nicht tot und mit Fangzähnen aufwachen.«

Bethany lachte. Ihre Augen weiteten sich, als würde der Laut sie überraschen. Als es vorbei war, blieb ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen zurück. »Viele würden sich glücklich schätzen, einer von uns zu sein, trotz der zehn wilden Jahre. Nein. Ich habe Sie nicht gewandelt. Sonst würden Sie jetzt den Schlaf der Gewandelten schlafen, der dem Tod ganz nahe ist. Ich habe Ihnen einen Tropfen meiner eigenen Essenz gegeben, nicht der der Mithraner.«

Darüber dachte ich einen Moment nach. Mir fiel die kalte Kraft wieder ein, und ich vermutete: »Schamanin. Waren Sie eine afrikanische Schamanin?«

»Ja. Kennen Sie meine Heimat?«

Der Gedanke schien sie fast zu freuen, und obwohl es nicht das war, was ich gemeint hatte, bejahte ich die Frage. »Ähm. Etwas. Ein bisschen.« Ich hätte sie auf der Karte finden können.

Bethany sagte: »Ich war die Schamanin des Stammes der Odouranth, friedliche Leute, die Ackerbau betrieben.« Sie machte ein trauriges Gesicht, ein fast menschlicher Schmerz war in ihrem Ausdruck, und in ihrer Stimme lag schwer alter, matter Kummer, als sie sagte: »Wir wurden von den Massai vernichtet, lange bevor sie Massai genannt wurden, in den Bergen im Südosten von Afrika.«

Ich blinzelte, und ein Bild von vertrocknetem Gras, niedergebrannten Hütten, blutigen, zerhackten Leichen blitzte auf der Innenseite meiner Lider auf und war wieder fort. Zurück blieb nur die Erinnerung an uraltes Leid und Trauer. Sie guckte verwirrt. »Sie haben es gesehen. Diese Erinnerung, gerade eben. Ja?«

Ich nickte einmal ruckartig. Ihre Augen beobachteten mich, ihr Gesicht war reglos. »Seit über einem Jahrhundert hat niemand mehr in meine Erinnerungen hineingesehen.«

»Ich habe es gesehen«, sagte ich. »Aber ich weiß nicht, warum oder was es zu bedeuten hat.«

»So ein Austausch ist nicht unangenehm. Wollen wir versuchen, ob Sie noch mehr sehen können?«

Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, und sie nahm mein Schweigen als Zeichen, fortzufahren. »Ich wurde meiner Magie wegen als eine Frau von großem Wert angesehen und deswegen lebend gefangen. Ich wurde dem Sohn des siegreichen Oberhaupts zur Nebenfrau gegeben. Und als er beim nächsten Vollmond starb «, ihre Lippen verzogen sich langsam zu einem unerwarteten, zufriedenen Lächeln, » – wurde ich geschlagen und an einen fahrenden Sklavenhändler verkauft, der mich nach Ägypten brachte. Dort wurde ich erneut verkauft, an einen Römer, und in ein neues Land gebracht. Das Land der Hebräer.«

Etwas an der Art, wie sie ›Land der Hebräer‹ sagte, veranlasste mich zu fragen: »Wann? Wann waren Sie im Land der Hebräer?«

Sie legte die Stirn in Falten, offenbar zutiefst verwirrt. »Ich weiß nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. Das habe ich bisher nur selten getan.«

Sie hatte bereits vergessen, dass ich ihre Erinnerung gesehen hatte, ein Lapsus, der ein Alarmzeichen dafür sein konnte, dass ein Vamp kurz davorstand, den Verstand zu verlieren, zum Rogue zu werden. Als ich nicht antwortete, sagte sie: »Mein Herr war ein Zenturio in der Legion, die Jeruschalajim zerstörte. Kannten Sie ihn?«

Jeruschalajim, auch bekannt als Jerusalem das von der römischen Armee im Jahre 70 oder so zerstört wurde. Ob ich ihn kannte? Nein, und er ist seit zweitausend Jahren tot. Doch das sagte ich nicht. Jetzt wusste ich auch den Ausdruck in ihren Augen zu deuten. Rogue. Sie war tatsächlich nicht weit davon entfernt, zum Rogue zu werden. Und sie hatte meine Gurgel zwischen den Zähnen gehabt Ich leckte mir über die trockenen, aufgesprungenen Lippen. »Wer hat Sie gewandelt?«

Mit einem leisen Klick fuhren ihre Fangzähne aus. Ihr Lächeln wurde raubtierhaft, so kalt und leer wie die Energien, mit denen sie mich geheilt hatte. Ihre Pupillen weiteten sich, das Weiße wurde scharlachrot, doch die Verwandlung ging langsam vor sich, nicht blitzschnell wie bei anderen Vampiren. Offenbar hatte sie sich sogar dann noch unter Kontrolle, wenn sie dabei war, sie zu verlieren. Sie musste tatsächlich sehr alt sein.

»Ich war unter den ersten Hundert, die den Söhnen der Dunkelheit folgten, und die von dem gewandelt wurden, der unter den ersten zehn der Verfluchten war.«

Ich erinnerte mich daran, den Begriff ›Söhne der Dunkelheit‹ auf der Party gehört zu haben. Angeblich hatte Rafael zu einem von ihnen Kontakt aufgenommen. Und auf dem Zettel mit der Liste, den ich in Raum 666 gefunden hatte, hatte ich ihn ebenfalls gelesen. Geschmeidig und wendig wie eine Schlange drehte sie sich nach vorn und legte den Gang ein. »Sie sind kein Mensch. Es ist eine Ehre für Sie, meine Essenz empfangen zu haben, damit Sie weiterleben.« Ohne ein weiteres Wort schnappten ihre Zähne mit einem leisen Klick zurück, und sie fuhr aus der Gasse, um die Ecke der Tankstelle und auf die Straße. Kurz darauf bremste sie vor meinem Haus und sagte: »Sie dürfen nun gehen.«

Ich löste den Sicherheitsgurt, öffnete die Tür und stieg aus dem Wagen. Dieses Mal störte es mich nicht so wie sonst, dass ich so herablassend entlassen wurde. Ich war heilfroh, dass ich noch am Leben war. Sie streckte die Hand aus, zog die Tür zu und fuhr mit quietschenden Reifen an. Dann hörte ich nur noch das tiefe Schnurren des Motors in der Nacht.

Es gab immer noch keinen Strom, deshalb zündete ich eine Kerze an, als ich ins Haus kam, und nahm sie mit ins Badezimmer. Ich zog das schmutzig gewordene Kleid aus und warf es kurzerhand ins Waschbecken, weichte es mit Waschmittel ein und hoffte, dass es noch zu retten war. Dann duschte ich schnell. Mittlerweile war ich beinahe schon daran gewöhnt, Blut im Abfluss verschwinden zu sehen. Noch nackt, die feuchten Haare nicht geflochten sondern nur im Nacken zusammengebunden, wählte ich Derek Lees Nummer. Als er sich meldete, sagte ich: »Ich gehe auf Rogue-Jagd. Lust mitzukommen?«

Seine Antwort bestand aus einem knappen: »Scheiße, ja.«

»Wir treffen uns bei Ihnen«, sagte ich und klappte das Handy zu.

Als Mischa und ich ankamen, warteten Derek und drei seiner Jungs schon vor dem Haus. Sie sahen alle so aus wie Soldaten oder Ex-Soldaten: Kalt, ausdruckslos, wachsam. Sie trugen Tarnkleidung und Stiefel. Es gab nur eine einzige Nachtsichtbrille für alle drei. Ich roch Stahl und Waffenöl. Ohne Begrüßung stellte ich den Motor ab, schwang das Bein über die Maschine und trat den Ständer herunter.

»Wollen Sie das schicke Ding einfach so hier stehen lassen?«, fragte einer von Dereks Männern.

»Zauberschlösser. Jeder, der die Maschine anfasst, bekommt einen Schlag.«

»Wie wollen wir vorgehen?«, fragte Derek und trat auf die Straße.

Er stellte mir sein Team nicht vor; vermutlich, weil er nicht von mir erwartete, dass ich mit ihren Namen etwas anfangen konnte. Mir war es recht. Vertrauen muss man sich verdienen, das galt in beide Richtungen. Und ich fing gleich mit einer Lüge an, aber es musste sein. So viel zum Vertrauen. »Ich will sehen, ob ich das Jagdgebiet des Rogues finden kann und ob hier in der Gegend noch mehr Junge aktiv sind.« Ich hielt einen Steinsplitter aus meinem Steingarten hoch. »Das hier ist mit einem Zauber belegt. Wenn Vampire in der Nähe sind, spüre ich so etwas wie ein Beben. Damit kann ich sie aufspüren.« Eine komplette Lüge, aber mehr hatte ich nicht zu bieten. Dass ich sie witterte, konnte ich ihnen schlecht sagen.

»Geben Sie es uns, wenn Sie fertig sind?«, fragte Derek.

»Gern. Für Sie ist es zwar nur ein Stück von einem Stein, aber Sie können es haben.«

»Ein einmaliger Zauber. Die verdammten Hexen haben kein Herz«, sagte der erste Typ.

Derek hob die Schultern mit der Gelassenheit eines Mannes, der das Kämpfen gewöhnt ist. »Nach Ihnen.«

Zwei Stunden später war ich fertig. Mithilfe des magischen Steins hatte ich das gesamte Jagdgebiet der jungen Rogues ausgemessen, sowohl der beiden, die wir getötet hatten, als auch der anderen, die Derek und sein Team erledigt und geköpft hatten. In diesem Viertel jagten keine weiteren Jungen, was eine Erleichterung war. Doch ich hatte nichts Neues erfahren, und das war enttäuschend.

Die Männer folgten Mischa und mir aus der Siedlung und durch die Stadt zum Hauptquartier der Vamps, eine Kühlbox voller Vampköpfe auf dem Rücksitz ihres Wagens. Ich versuchte uns telefonisch anzukündigen, doch es gab wieder einmal kein Netz. Ich hielt vor dem Haupteingang und lud die Kühlbox aus, deren Gewicht mich überraschte. Vampirköpfe waren ganz schön schwer. Dann fuhren Derek und seine Soldaten wieder, was mir immer noch seltsam vorkam, schließlich arbeiteten sie für Leo.

Ich klingelte, und als derselbe Wachmann öffnete wie das letzte Mal, drückte ich WWF die Box in die Hand. Grunzend nahm er sie entgegen und stellte sie auf dem Tisch neben dem Eingang ab. »Kann ich einen Scheck haben?«, fragte ich.

»Ernestine hat Feierabend. Rufen Sie morgen wieder an.« Er öffnete die Kühlbox und verzog das Gesicht, als ihm der Geruch entgegenschlug. Eilig trat ich zurück. Das Trockeneis hatte nicht die erhoffte Wirkung gehabt, und die Köpfe waren in einem Zustand des Hautgouts. WWF zog Gummihandschuhe an und untersuchte die Fangzähne, vergewisserte sich, dass es auch wirklich junge Rogues waren und stellte mir eine Empfangsbestätigung aus. Ich nahm sie und ging und hatte das unangenehme Gefühl, heute gar nichts erreicht zu haben.

Ich war zu aufgedreht, um schlafen zu können. Also zog ich mich erneut nackt aus und schloss die Waffen weg. Dann nahm ich die Halskette mit den Puma-Fetischen und die Hüfttasche, stattete der Küche einen Besuch ab, um warmes Rindertrockenfleisch mitzunehmen, und ging hinaus zu den Steinen, auf denen ich meditierte und mich wandelte. Bis zur Morgendämmerung blieben mir noch zwei Stunden, und ich hatte reichlich Frust abzubauen.

Jaaaa. Jagen, dachte Beast. Seit Langem hatte ich nicht mehr gejagt. Sie drückte sich an mich, ihr Fell scheuerte an mir, ihre Krallen öffneten und schlossen sich, und die scharfen Spitzen stachen in meinen Geist.

Als ich auf den geborstenen Steinen stand, hängte ich mir die Hüfttasche um den Hals und kürzte die doppelte Kette, an der das Goldnugget hing, auf die richtige Länge, um die Tasche daran anschnallen zu können. Jetzt sah es aus, als trüge ich ein Halsband mit einer Notausrüstung, wie sie die Rettungshunde in den Schweizer Alpen haben. Ich bückte mich und kratzte mit dem Goldnugget über den obersten Stein, sodass er einen dünnen Streifen Gold hinterließ mein ›Leuchtfeuer‹, damit ich wieder nach Hause zurückfand.

Jagen. Töten. Blut und Fleisch. Obgleich Beast immer in den Tiefen meines Bewusstseins präsent ist, sprach sie jetzt zu mir als ein eigenständiges Wesen mit einem Ichbewusstsein und eigenen Bedürfnissen. Ich betrachtete das Rindfleisch, das ich auf die Erde gelegt hatte. Sie würde es nicht mögen, doch solange es keinen Strom gab, würde sie sich damit begnügen müssen. Beast brauchte es, wieder einmal frei umherstreifen zu können, und ich würde besser genesen, wenn ich mich wandelte. Der Tropfen von Bethanys Essenz hatte mich am Leben erhalten. Wenn ich nicht schon ganz andere Dinge erlebt hätte, hätte ich es beinahe für ein Wunder halten können. Aber für Beast und meine eigene Skinwalker-Magie war es kein Ersatz.

Ich saß auf den warmen Felsbrocken, umschwärmt von hungrigen Moskitos. Beast zischte. Bissige Dinger. Zu klein zum Fressen.

Die Halskette war aus den Krallen, Zähnen und kleinen Knochen des größten Pumaweibchens gemacht auch Berglöwin genannt , das ich je zu Gesicht bekommen habe. Ein Rancher hatte die Katze während einer legalen Jagd getötet, sich ihr Fell an die Wohnzimmerwand genagelt und die Knochen und Zähne an einen Taxidermisten verkauft. Pumas wurden in allen westlichen Bundesstaaten der USA gejagt, waren in den östlichen aber ausgestorben, hieß es. Angeblich waren auch wieder Pumas östlich des Mississippi gesichtet worden. Das gab mir Hoffnung. Ich brauchte die Halskette nicht unbedingt, um diese Gestalt anzunehmen anders als bei anderen Arten war Beasts Gestalt ein Teil von mir , aber es fiel mir damit leichter.

Mit der Kette in den Händen schloss ich die Augen. Entspannte mich. Lauschte dem Wind, spürte den Ruf des Mondes, der sich als zunehmende Sichel noch hinter dem Horizont verbarg. Ich horchte auf meinen Herzschlag. Beast erhob sich, lautlos, ganz Raubtier.

Ich verlangsamte meine Körperfunktionen, meine Herzfrequenz, senkte meinen Blutdruck, lockerte die Muskeln, wie kurz vor dem Einschlafen. Ich lag in der feuchten Luft, Brust und Bauch an dem kühlen Stein.

Ich leerte meinen Geist, sank tiefer, mein Bewusstsein fiel von mir ab, und zurück blieb einzig das Ziel dieser Jagd. Dieses Ziel prägte ich in die Unterseite meiner Haut, in die tief gelegenen Teile meines Unterbewusstseins, damit ich es nicht vergaß, wenn ich mich wandelte. Ich sank tiefer. Hinab in die Dunkelheit, in eine graue Welt aus Schatten, Blut und Ungewissheit und uralten, nebelhaften Erinnerungen. In der Ferne hörte ich Trommeln, roch Kräuter und Holzrauch, und der Nachtwind auf meiner Haut schien kühler zu werden. Im Hinabsinken verfestigten sich Erinnerungen; Erinnerungen, die sonst halb vergessen waren, sowohl meine als auch Beasts, die aber durch den Aufenthalt in der Schwitzhütte bei Aggie One Feather wieder näher an die Oberfläche getreten waren. War es wirklich erst heute Morgen gewesen? Es schien mir Jahre her zu sein.

Wie es mir mein lang vergessener Vater vor langer Zeit beigebracht hatte, spürte ich der inneren Schlange nach, die in den Knochen und Zähnen der Halskette verborgen war: die biegsame, gewundene Schlange tief in den Zellen, in den Resten vom Knochenmark. Die Wissenschaft hatte ihr einen Namen gegeben. RNA. DNS. Die Genketten einer ganz bestimmten Art, einer bestimmten Kreatur. Für mein Volk, die Skinwalker, war es seit jeher einfach »die innere Schlange« diese Bezeichnung gehörte zu dem Wenigen, was ich aus meiner Vergangenheit noch wusste.

Ich sank in das Mark im Inneren des Knochens. Ich griff nach der Schlange, die in den Tiefen aller Geschöpfe liegt. Und ließ mich hineinfallen. Wie Wasser in einem Fluss. Wie Flocken im Schnee, der als immer schneller werdende Lawine den Berghang hinunterrollt, unaufhaltsam. Grau umgab mich, Schwarz, glitzernd und kalt, als die Welt wegrutschte. Und ich glitt an den grauen Ort des Wandels.

Meine Atmung wurde tiefer. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Und meine Knochen verschoben sich. Meine Haut kräuselte sich. Mir wuchs Fell, gelbbraun, grau und braun mit schwarzen Spitzen. Wie ein Messer fuhr der Schmerz zwischen Muskeln und Knochen. Meine Nasenlöcher blähten sich, sogen tief die Luft ein.

Jane fällt von mir ab. Nacht ist voller köstlicher Gerüche, die wie Forellen in einem Strom tanzen, jeder verschieden. Ich hechle. Lausche Autos, Musik, die Geräusche der Menschen und die Geräusche der Tiere. Springe von den Steinen. Rieche am Fressen. Huste. Lange totes, gegartes Fleisch. Tote Beute. Will Jagen. Fleisch von Knochen reißen. Aber mein leerer Bauch tut weh. Hunger. Ich fresse.

Mit ruhigem Magen klettere ich ganz oben auf die Steine, sind zerbrochen und scharf. Springe auf große Mauer, Backstein warm und hoch wie Ast in der Sonne. Lasse mich fallen, in den Garten von dem Haus ohne kleinen Hund. Gutes Fressen, aber Jane sagt Nein. Nur Opossum, Reh, Biberratte, Kaninchen. Alligator. Wenn ich einen fangen kann. Bin Große Katze, aber unter Wasser ist der Alligator groß.

Lange Zeit später, fast Sonnenaufgang. Mein Herz ist froh, genug Jagd, genug Blut. Mein Bauch ist voll mit kleinem Reh, Hufe und Knochen und Nicht-Fressen-Teile liegen auf dem Boden. Ein letztes Mal mit der Zunge lecken, saubere Pfoten, sauberes Gesicht, dann rolle ich mich auf Kiefernnadeln herum, Pfoten in die Luft, starre in den Nachthimmel. Bin in der Nähe des Schamanenhauses. Kein Schamane von weit weg, nicht neuer Schamane, der auch Vampir ist, sondern Schamanin aus Janes Volk. Cherokee-Schamanin. Aggie One Feather. Jane muss hier sein. Jane braucht Schamanin, auch wenn sie es nicht weiß.

Janes Geist erwacht, neugierig. Warum?, denkt sie. Warum brauche ich Aggie?

Antworte nicht. Manchmal ist Jane töricht, als sie sich nicht gepaart hat, zum Beispiel, obwohl ihr Körper und ihre Seele einen Partner brauchen. Drei Männchen wollen sich mit ihr paaren. Alle schnell und stark und gesund. Aber sie will nicht. Eigenartig.

Gähne und rolle auf die Pfoten, schnüffele an dem Kadaver. Kein gutes Fleisch mehr übrig. Zufrieden tappe ich durch Bäume und Gebüsch auf dem Weg der Schamanin, achte darauf, dass ich nicht auf tiefe Nadelhaufen trete oder in Matsch und dass ich meine Spuren verberge. Hier hat der Leberfresser sich einst versteckt. Ich suche seinen Geruch. Er wird schwächer. Leberfresser ist endgültig tot.

Gehe um das Schwitzhaus herum. Hunde der Schamanin schlafen auf Hintertreppe, schnarchen. Leichte Beute, wenn ich Hunger hätte. Sehe zum Himmel hoch, Dämmerung nicht mehr lang. Zeit, sich zu wandeln. Zeit, Jane Alpha sein zu lassen.

Finde guten Platz unter Baum mit tiefen Ästen. Sicher, geschützt. Lege mich auf Blätter und Nadeln, sie riechen frisch und stark. Denke an Jane. Mensch. Finde ihre Schlange. Und wandle mich. Schmerzschmerzschmerz, als würde Messer über Knochen kratzen, tief schneiden.

Im Dunkelgrau der frühen Dämmerung lag ich auf einem Bett aus Kiefernnadeln, deren scharfe Enden in meine nackte Haut stachen. »Warum brauchen wir Aggie?«, fragte ich meine andere Hälfte mit kratziger, trockener Stimme, als wäre sie lange nicht benutzt worden. Tief in meinem Geist rollte sich Beast auf den Rücken und schloss die Augen. Ich räusperte mich, sagte: »Du bist wirklich eine große Hilfe«, und stemmte mich auf die Knie hoch. Dann streifte ich die Hüfttasche ab, schüttelte meine Kleider heraus T-Shirt, eine leichte Hose und Flip-Flops und zog mich eilig an, denn ich roch schon gebratenen Speck und Eier.

Trotz des Rehs, das Beast erlegt und verschlungen hatte, hatte ich immer noch einen Bärenhunger, denn die Kalorien in dem Protein und dem Fett auch eines so großen Tieres stellten nur einen Teil der Energien zur Verfügung, die bei einem Wandel verbraucht wurden. Deshalb war ich nachher immer hungrig. Der Geruch von Frühstück ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Während ich auf Aggies Haus zuging, band ich mein langes Haar zu einem festen Knoten zusammen. Ich hoffte, dass sie und ihre Mutter noch schliefen oder zumindest gerade in eine andere Richtung schauten, wenn ich unter den Bäumen hervortrat, denn ich hatte keine Ahnung, wie ich meine Anwesenheit in dem Wald, der an ihr Grundstück grenzte, erklären sollte. Doch ich hatte kein Glück. Sie saßen auf der Veranda im diffusen Licht der nahenden Dämmerung, die ältere der beiden mit einem Becher in der Hand. Ich spürte ihre Neugier und ihre Mutmaßungen wie eine Last auf mir, als ich die Rasenfläche betrat. Aggie erhob sich und öffnete die Gittertür. »Bist du gekommen, um dich durch das Wasser geleiten zu lassen?«

»Äh ja.« Ja zu sagen, schien mir das Sicherste zu sein, auch wenn ich nicht mehr wusste, was es bedeutete. Als sie meine Stimme hörten, sprangen die Hunde auf und stürzten bellend von der Veranda auf mich zu. Beast hustete amüsiert, bevor sie sich in meinem Geist schlafen legte.

»Hast du gefastet?«, fragte Aggie.

»Ja, und ich bin ausgehungert.« Ich hoffte, sie würde mich zum Frühstück einladen. Leider vergeblich.

»Geh und warte auf der vorderen Veranda. Du musst beten und dich zentrieren. Ich suche meine Sachen zusammen. Unser Frühstück kann warten.«

Ich seufzte. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass es noch ein Weilchen dauern würde, bis ich etwas zu essen bekam. Mich zentrieren sollte ich, hatte sie gesagt. Bei dem Gedanken stellten sich mir die Nackenhaare auf, doch ich wusste nicht warum. Ich war zentriert. Ich war immer zentriert. Was immer das bedeutete.

Auf der Vorderseite des Hauses angekommen, ließ ich mich auf die Veranda plumpsen und wartete, während am Himmel das tiefdunkle Blau der Nacht dem düsteren Anthrazitgrau der frühen Dämmerung wich. Ich war hungrig und müde und schläfrig. Und genervt, doch das würde ich Aggie nicht merken lassen.

Eher als ich erwartet hatte, öffnete Aggie die Haustür und trat heraus. Drinnen hatten keine Lampen gebrannt, sodass sie auch hier draußen gut sehen konnte. Sie legte einen kleinen schwarzen Stoffbeutel auf die Stufe und setzte sich neben mich, nachdem sie sich gestreckt und gegähnt hatte. Ihre Miene war ernst, doch als ihr Blick dem meinem begegnete, erschien ein Funkeln in ihren Augen, als könnte sie den Trotz sich unter meiner Haut winden sehen. Ich presste die Lippen aufeinander, um nicht etwas Freches zu sagen, und sie lachte leise. Um nicht meine Finger zu Krallen zu biegen, verschränkte ich sie vor meinen Knien, so fest, dass die Knöchel weiß wurden.

Aus Aggies Belustigung wurde Mitleid, was mich aus irgendeinem Grund noch wütender machte. Und wieder wusste ich nicht, warum. Sie tätschelte meine gefalteten Hände, als wollte sie sagen: »Nimm deine Medizin, Kleine. Sie schmeckt gar nicht so schlimm« eine glatte Lüge. Dann begann sie, mir Ablauf und Zweck des Rituals des »durch das Wasser Geleitens« zu erklären und mich in meinen Part einzuweisen, falls ich mich tatsächlich dazu entschließen sollte.

Mein Ärger wuchs immer weiter, bis ich unruhig mit den Backzähnen mahlte. Und ich hatte keine Ahnung, warum ich so verärgert war. Wütend. Was auch immer. Als sie eine Pause machte, sagte ich: »Also, um es einfach auszudrücken, wir kotzen, sprechen zu Gott und gehen dann schwimmen. In einem Bayou, in dem sich alles Mögliche tummelt. Schlangen. Zehn Kilo schwere Ratten. Und Alligatoren.«

Als Aggie lachte, klang es, als würde Wasser über Steine gluckern, und ihr Gesicht legte sich in Falten, die sonst nicht zu sehen waren. »Ungefähr so, ja. Es gibt auch rituelle Gebete, aber die kann ich dir vorsagen.«

Ich betete auch, aber in der Kirche. Doch irgendwie empfand ich es als ganz natürlich, es auch hier zu tun.

»Normalerweise müssen Frauen sich nicht reinigen«, fuhr Aggie fort, »doch du bist eine Kriegerin, daher sind sich meine Mutter und ich einig, dass du durch das Wasser musst, zumindest dieses erste Mal. Danach bist du innerlich und äußerlich rein und dein Geist offen und wiederhergestellt. Dann wirst du bereit sein für den Kampf, das Leid oder die kommenden Herausforderungen, jedoch ohne die Schatten der Vergangenheit, die deine Seele verdunkeln. Komm. Die Sonne wird bald aufgehen, und ins Wasser geht man am besten in der Morgendämmerung.« Aggie stand auf und ging zurück zum Haus, um die Tür zu öffnen. Aus der Dunkelheit schlurfte ihr eine alte Frau entgegen, Aggie One Feathers Mutter. Mir war nicht klar gewesen, dass sie dabei sein würde.

Ich neigte den Kopf vor ihr und murmelte: »U ni lisi, Großmutter vieler Kinder.« Eine Respektsbekundung.

Ihre dünnen Zöpfe waren rabenschwarz und nur hie und da mit weißen Strähnen durchzogen. Sie reichten ihr bis zur Hüfte. Sie nickte mir zu und blinzelte in die Dunkelheit. Mit sicheren und entschlossenen Schritten ging sie uns voran zu einem Wagen, der vor dem Haus parkte, einem kleinen Toyota mit Vierradantrieb, kletterte auf die Rückbank und legte sich den Sicherheitsgurt um. Ich blickte Aggie an, doch die war zu sehr damit beschäftigt, die Anordnungen ihrer alten Mutter zu befolgen, um meine Bestürzung zu bemerken. Jetzt hatte ich es mit zwei lisi statt einer zu tun, und es war offensichtlich, welches Wort mehr galt. Das der Älteren.

Da mir beim besten Willen nicht einfiel, wie ich mich jetzt noch aus der Affäre ziehen konnte, und ich eigentlich nicht wusste, warum das Ritual mir so widerstrebte, stieg ich einfach ebenfalls ins Auto und setzte mich auf den Beifahrersitz. Aggie fuhr aus der Sackgasse und über die mit Muschelsplittern bedeckten Straßen, die im Licht der Dämmerung weiß schimmerten. Hier im Delta hatten die ungepflasterten Straßen einen Belag aus zerstampften Muschelschalen. Je weiter wir fuhren, desto mehr nahmen die Schalen auf der Straße ab, bis wir einen Feldweg erreichten und der Wagen durch Schlaglöcher und über Spurrillen holperte.

Sie jagte den Motor wie eine Möchtegern-Rennfahrerin hoch, schleuderte um die Kurven und zwischen immer näher kommenden Bäume hindurch, sodass das Licht der Schweinwerfer auf und ab hüpfte, was weder auf meine Nerven noch auf meinen Hunger eine positive Wirkung hatte. Ich nahm mir ein Beispiel an der Frau auf dem Rücksitz, die Aggies Fahrstil offenbar kannte, und hielt mich mit beiden Händen fest, während mein Magen sich vor Hunger knurrend zusammenzog und Beast mit den Pfoten mein Bewusstsein knetete. Das war ihre Art, mich zu trösten. Aber warum brauchte ich Trost?

Die alte Frau lachte und plauderte mit Aggie, die von Zeit zu Zeit versuchte, mich in die Unterhaltung mit einzubeziehen, vor allem mit Instruktionen für das kommende Ritual. Bald wusste ich nicht mehr, ob ich dem Ganzen immer zuversichtlicher entgegensehen oder mehr und mehr beunruhigt sein sollte.

»Früher glaubte man, dass der Große Schöpfer uns erschaffen hat«, sagte Aggie und steuerte den Wagen um eine Kurve von einhundertzwanzig Grad und mit einem heftigen Schlenker wieder in die andere Richtung. »Vor einigen Generationen fand eine Glaubensspaltung statt, ich glaube durch den Einfluss der Christen. Die einen sagten, der Schöpfer erhöre uns immer noch, die anderen, er habe sich zurückgezogen zu dem Einen oder möglicherweise an einen neuen Ort, um Welten zu schaffen, und habe die drei Wächter zurückgelassen, damit sie über uns wachen.«

Interessant, dass auch sie eine Trinität kannten.

»Manche nennen sie die drei Wächter, andere die Wächter der vier Richtungen. Doch der eigentliche Name, mit dem man sie anruft, ist wohl Unelenehi, der Eine. Außerdem ist es der Name der Sonne. Aber wie mein Großvater sagt«, setzte sie hinzu und wendete den Blick von der schmalen Straße ab, um mir einen Blick zuzuwerfen, der mir zu verstehen geben sollte, dass ihr Großvater ein wichtiger, kenntnisreicher und weiser Mann war, »ist die Sonne nur die Reflexion des Großen Lichts dahinter, und das ist der Eine. Ihn ruft man an, wenn man sich nach Osten wendet. Viele Menschen rufen Selu an, die erste Frau, die Kornmutter. Ihr Gatte, der erste Mann, war Kenati. Und dann gab es noch einen großen weiblichen Geist. Ich habe ihren Namen nie geschrieben gesehen, aber vermutlich wird er Ag is see qua ausgesprochen.«

Aggie sah mich an und bemerkte wohl mein Unbehagen, denn ihr Gesicht wurde nachdenklich. Sie fuhr langsamer und rumpelte durch ein besonders tiefes Loch, sodass ich mir den Kopf an der Wagendecke stieß. Während ich mich mit der einen Hand festklammerte und mir mit der anderen den Kopf rieb, redeten sie und lisi eine Weile in Cherokee miteinander; dann sagte Aggie zu mir: »Durch das Wasser zu gehen, ist kein schweres oder feststehendes Ritual. Man muss keinen bestimmten Gott oder Geist anrufen. Vielmehr geht es darum, zu unseren Wurzeln zurückzufinden, unserer Herkunft, und die Vergangenheit anzurufen, dass sie uns in die Zukunft führe und leite. Es ist so persönlich wie ein Gebet, wie die Götter oder Geister, an die man glaubt. Du kannst es deinen Bedürfnissen anpassen, auf dem Weg, den dein Gott dir zeigt.«

Sie bremste, stellte den Motor ab, stieg aus und half auch ihrer Mutter aus dem Wagen. Schwaden von weißem Muschelstaub und Straßenstaub zogen hinter uns her. Die beiden Frauen verschwanden zwischen den Bäumen und ließen mich mit dem Geräusch des erkaltenden Motors zurück. Wir befanden uns auf einer kleinen Lichtung, ungefähr halb so groß wie meine Küche, umgeben von Reihen von Kiefern, die so dicht nebeneinanderwuchsen, dass sich wohl nur wenige Waldtiere hindurchwagen würden.

Wortlos öffnete ich die Tür, die an einem Strauch hängen blieb und sich nur mit Mühe wieder schließen ließ. Dann folgte ich den Frauen mit klatschenden Flip-Flops auf dem ebenen Weg, der sich durch die Bäume schlängelte bis zu einem Bayou, wo der Boden so matschig wurde, dass die dünnen Schuhsohlen mit jedem Schritt an meinen Füßen schmatzten. Das Wasser in dem sumpfigen Kanal war noch von dem Sturm braun und trüb und schwappte über den Uferrand bis hinauf in die Bäume. Es war so ganz anders als die klaren Ströme in den Appalachen, und auf einmal wirbelte Heimweh durch mich hindurch wie eine Windhose.

Mit ihrer Mutter plaudernd, hängte Aggie den schwarzen Stoffbeutel über einen Aststumpf und schraubte die Thermoskanne auf. Dann goss sie die Flüssigkeit in den Plastikbecher im Deckel; sie war heiß und schwarz und roch wie gekochte Baumäste und Flechte und Fichtenspargel. Ich rümpfte die Nase. Aggie reichte den Becher an ihre Mutter weiter, die den Inhalt in sich hineinschüttete und etwas sagte, das nicht sehr freundlich klang, bevor sie zwischen den Bäumen verschwand. »Mutter mag das Reinigungsritual der Männer nicht. Das der Frauen ist ihr lieber, aber es muss nun einmal sein.«

Ich hörte Würgen aus dem Wald, und aus Mitgefühl erfasste es auch mich. Ich schlang die Arme um die Taille. Nein, ich wollte nicht hier sein.

Aggie goss erneut ein und leerte den Becher mit einem Zug, dann füllte sie ihn noch einmal für mich. »Es gibt gute Gründe, warum wir durch das Wasser gehen.« Ihr Ton war sanft, beruhigte mich aber nicht. »Wenn wir vor einem Krieg oder vor schwierigen Herausforderungen stehen, wenn wir eine wichtige Entscheidung treffen müssen, müssen wir innerlich und äußerlich rein sein, damit Gott oder die Götter zu uns sprechen. Dann geh in den Wald und tu, was du tun musst.« Der letzte Satz war ein Befehl. Aggie hielt mir einen kleinen Beutel hin und tippte dagegen. »Tabak aus der Heimat. Wende ihn an, wie ich es dir gesagt habe. Daran kommt man heutzutage nicht mehr so leicht. Verschwende ihn nicht.« Sie eilte in den Wald und ließ mich allein.

Krieg oder schwierige Herausforderungen oder wichtige Entscheidungen. Ja, das brachte mein momentanes Leben ziemlich gut auf den Punkt. Ich betrachtete die Flüssigkeit, die in der Dunkelheit schwarz wirkte.

Beast schnaubte. Jane braucht es. Beast, die ich/wir ist, braucht es.

Das ist ja genau der Grund, warum ich es nicht tun will, antwortete ich ihr in Gedanken. Ich klang stur. Weinerlich. Fast so wie früher die Mädchen im Kinderheim, wenn die Hausmutter von uns verlangte, das Badezimmer zu putzen oder die Wäsche zu machen. Ich seufzte. Deswegen war ich so zappelig. Es war lange her, dass ich etwas gegen meinen Willen hatte tun müssen, weil es gut für mich war.

Ich schniefte wieder und zog eine Grimasse, als mir der erdige Gestank der Kräutermixtur in die Nase stieg, und schüttete sie hinunter. Ich würgte, um sie herunterzubekommen. Das Höllenelixier schmeckte kein bisschen besser als es roch, und wollte schneller wieder hoch, als es unten war. Doch ich schluckte und rannte tiefer in den Wald hinein. Plötzlich wurde mir sterbensübel, und ich schmeckte Galle. Ich fiel gegen einen Baum. Mich zu übergeben war mir ein Gräuel. Was für eine verrückte Art, mit einer spirituellen Erfahrung zu beginnen. Die einzigen Rituale, die ich aus dem Kinderheim kannte, waren die täglichen Bibelstunden, ein Pflichttheologiekurs während der Highschool, das Abendmahl am Sonntag und die Taufe, die ich in einem Fluss erhielt. Merkwürdigerweise ebenfalls in der Morgendämmerung.

Dann tat das Brechmittel seine Wirkung, mein Magen krampfte sich zusammen, und ich beugte mich vornüber. Ich spuckte Flüssigkeit. Magensäure. Galle, die so bitter war, dass meine Zähne schmerzten. Es war, als würde ich alles von mir geben, was ich im letzten Monat gegessen hatte, bis ich nur noch Luft würgte. Jetzt war ich sauber bis in die Zehenspitzen. Leer.

Trotzdem spuckte ich weiter, um auch den letzten Rest meines Mageninhalts loszuwerden. Es war schlicht eklig.

Der Hunger, der immer nach dem Wandel kam, setzte mir zu. Mein Magen verkrampfte sich noch einmal heftig. Und so plötzlich, wie sie angefangen hatten, hörten Krampf und Übelkeit auch wieder auf. Ich stolperte ein paar Schritte weiter zu einer sauberen Stelle und lehnte mich an den dünnen Stamm eines Baumes, bis ich wieder ans Atmen denken und aus eigener Kraft stehen konnte. Gegen dieses hier war die Taufe ein Kinderspiel gewesen.

Beast grollte unter meiner Haut, krank und wütend. Jane hat sich von der Menschenschamanin Sie hielt inne, weil es in Beasts Vokabular keine Worte dafür gab. Jane hat schlechtes Fleisch gefressen. Welpen-Fehler. Dumm. Krank.

Gift. Beast meinte Gift. Mein Stoffwechsel, der der eines Skinwalkers war, begann erneut zu reagieren, mein Körper wehrte sich gegen das Gift, dieses Mal auf der anderen Seite meines Verdauungstraktes. Es dauerte ewig. Und es war fürchterlich.

Ich stützte mich gegen den Baum, spürte die kratzige, irgendwie knittrige Kiefernrinde unter meinen Händen und keuchte, als wäre ich lange gerannt. Ich fühlte mich hohl und kribbelig, ausgelaugt und wie ein leerer Raum, es hallte wider von den nackten Wänden meiner Seele. Ich wusste nicht mehr, was ich fühlte.

Irgendwann in den letzten Minuten war Beast verschwunden, und mein Geist war nun leer und klar. Ich wiegte mich hin und her, den Rücken an dem dünnen Baum. Moskitos summten um meine Knöchel und Arme. Ich betrachtete meine Hand im trüben Licht. Meine Haut sah straff und gespannt aus, ausgetrocknet. Ich werde mich durch das Wasser geleiten lassen. Meine Hausmutter im Kinderheim würde einen hysterischen Anfall bekommen, wenn sie das wüsste.

Ich warf den Beutel mit dem Tabak hoch, als würde ich sein Gewicht schätzen. Das hier war kein Gottesdienst. Es war eine körperliche und geistige Reinigung. Würde ich sie bei einem Therapeuten durchführen oder als Teil einer Darmspülung, würde ich nicht zweimal überlegen.

Ich öffnete den Plastikbeutel und roch an dem Tabak. Er roch anders als die Tabakarten, die ich kannte, voller, fast natürlich. Die Blätter, die eine erdige dunkelbraune Farbe hatten, waren feucht und hatten sich gerollt. Es war höchstens so viel wie ein Esslöffel voll. Damit sollte ich die vier Himmelsrichtungen grüßen.

Ich wandte mich nach Osten, wo der Tag blassgrau heraufzog. Die Luft war ruhig und erwartungsvoll, die Stille nur durch das nahe Murmeln von Wasser gestört. Die Stille drückte sich an mich, als wäre sie etwas Festes.

Mit den Fingern der Rechten nahm ich ein wenig Tabak und dachte darüber nach, was Aggie gesagt hatte. Dieses Ritual sollte mich auf den Kampf vorbereiten, es war ein Ritual, das ich selbst gestaltete, nicht sie. Vielleicht konnte ich also meine eigenen Worte benutzen statt Aggies, die ihr Verständnis der Geschichten und alten Zeiten ausdrückten.

Ich hielt den Tabak in die Höhe, als würde ich die Sonne grüßen, und hielt inne, überlegte. Als ich an meine früheren Bibelstunden zurückdachte, kamen mir die Namen Gottes in Althebräisch in den Sinn. »Ich rufe den Allmächtigen, Elohim, der ewig ist.« Ich ließ ein paar Tabakblätter fallen. Etwas Kühles streifte mich wie eine unsichtbare Brise. Aber in den Bäumen um mich herum regte sich nichts.

Ich drehte mich nach rechts, gen Süden. »Ich rufe meine Ahnen, meine Skinwalker-Großmutter und meinen Vater. Hört mich an.« Ich ließ einige Blätter fallen. Ein plötzlicher Morgenwind wirbelte an mir vorbei, trug die Blätter mit sich, bevor sie auf dem Boden auftrafen, und erstarb so schnell, wie er aufgekommen war. Gänsehaut überlief mich. Ich widerstand dem Drang, hinter mich zu sehen. Aber ich wusste, dass ich nicht allein war. Nicht mehr.

Die Tabakblätter in die Höhe haltend, drehte ich mich nach Westen. Aggie hatte den Namen Unelenehi genannt und gesagt, es wäre ›der Eine‹. »Ich rufe den Einen an, Gott den Schöpfer.« Wieder kam Wind auf, heftiger dieses Mal und stärker, der nach Nässe und Schimmel und Erde roch. Bevor ich ihn fallen lassen konnte, wurde mir der Tabak aus den Fingern gerissen. Mein Atem war heiß und laut, wie ein vom Dampf feuchter Blasebalg.

Ich wandte mich wieder nach rechts, jetzt in Richtung Norden, hielt den Tabak fest zwischen den Fingern. Mein Herz schlug zu schnell, zu unregelmäßig. »Ich rufe die Trinität an, die heilige Zahl Drei.« Noch während ich die Worte sagte, begann die Haut in meinem Nacken zu kribbeln, und ich zog die Schultern zusammen, als der Wind an mir vorbeiwirbelte. Beast knurrte leise in meinem Geist, ein weit entferntes Geräusch; der Platz, an dem sie normalerweise lag, war verlassen.

Ich war mir nicht sicher, ob vorgesehen war, dass ich den Kreis schloss. Aggies Anweisungen hatte ich vergessen. Doch ich empfand es als richtig, deswegen wandte ich mich zurück nach Osten. Ich nahm die noch übrig gebliebenen Tabakblätter und schloss die Augen. Meine Fingerspitzen prickelten und fühlten sich kalt an. Ich ließ den Tabak fallen. »Ich erbitte Weisheit und Stärke im Kampf und Reinheit des Herzens, des Geistes und der Seele.« Aus der Ferne echote der laute, lang gezogene Schrei einer Eule. Irgendwo in der Nähe antwortete ihr eine andere mit drei klagenden Tönen. Ein Schauder der Angst überlief meinen Rücken wie Spinnenbeine, auch wenn es keinen Grund gab, Angst zu haben.

Ich öffnete die Augen und suchte in den Wipfeln der Kiefern nach den Eulen. Doch falls sie dort waren, dann waren sie im grauen Licht nicht zu erkennen. Die Spinnenbeine krabbelten schneller, und mich schauderte. Mir gefiel es nicht, dass ich die Eulen nicht sah. Ganz und gar nicht. Ich schloss den Beutel und klopfte mir die Hände ab.

Mein Magen tat nicht mehr weh. Das Prickeln war immer noch da. Ich fühlte mich leichter. Sauberer. Atemlos, aber beschwingt, leicht erwartungsvoll, fast freudig. Ich fragte mich, welche Kräuter in diesem Brechmittel gewesen waren, und ob sie noch etwas anderes bewirkt hatten, als meinen Magen zu entleeren.

Ich schlängelte mich durch die Bäume stromaufwärts, in die Richtung, die auch Aggie eingeschlagen hatte. Die Erde saugte an meinen Flip-Flops, als wollte sie mich in sich hineinziehen. Die Welt roch frisch und neu, nach dem sauberen Duft von Fisch, Ente, Gans und Falke und aus der Ferne scharf nach Stinktier selbst der Schimmel roch gut, wenn so etwas denkbar wäre.

Gerade als die Bäume sich an einer scharfen, aus dem Bayou herausführenden Kurve öffneten, stieg mir der Duft von brennendem Kiefernholz in die Nase. In der Mitte einer winzigen Lichtung saßen Aggie und ihre Mutter auf flachen Steinen, nackt bis auf zwei kleine perlenbestickte Beutel an Lederbändern um ihren Hals. Ihre Kleider lagen säuberlich zusammengefaltet neben ihnen. U ni lisi, die Großmutter vieler Kinder, schürte ein winziges, rauchloses Feuer.

Ich wandte den Blick ab und fragte mich, warum man bei so vielen Ritualen der Cherokee nackt sein musste. Da ich aber wusste, dass ich ihrem Beispiel zu folgen hatte, zog ich mich aus und legte meine Kleider neben einen Stein auf der anderen Seite des Feuers, wo ich meinen Platz vermutete.

Aggie deutete mit dem Kinn auf die grünen Kiefernzweige daneben. Richtig. Die sollte ich nun aufheben und sie in einem Kreis um uns legen. Ein Schutzkreis, so hatte Aggie es genannt. Ich versuchte, mich so zu bücken, dass ich den beiden Frauen nicht meinen nackten Po zukehrte, hob die harzigen Zweige auf, wobei die Rinde über meine Haut kratzte, und schritt im Uhrzeigersinn um das Feuer, um die Zweige dicht an dicht zu einem Kreis zusammenzufügen. Das Harz machte meine Hände klebrig, aber die Bewegung des Bückens und sich wieder Aufrichtens beruhigte meinen Geist. Als ich schließlich den Kiefernzweigkreis schloss, war auch der letzte Rest von Verlegenheit verschwunden. Die schwache Morgenbrise flaute wieder ab, und die Luft wurde still, war auf einmal voller Möglichkeiten. Wartete.

Auf eine Geste von Aggie hin legte ich den letzten grünen Zweig auf das Feuer. Der Geruch von Kiefernrauch stieg auf, und Aggie sagte, dass nun nichts Böses mehr diesen Kreis betreten oder in den duftenden Rauch eindringen könne, er wirke wie ein Bann gegen übelwollende Geister. Dann setzte ich mich auf den kühlen Stein. Die alte Frau erhob sich und wandte sich nach Osten. Die Haut hing ihr in Falten von Armen und Schenkeln, ihr Bauch sah aus wie ein halb leerer Ballon, und ihre Brüste hingen schwer an ihr herunter. Doch als sie nun die Hände der aufgehenden Sonne entgegenstreckte, strahlte sie etwas Kraftvolles aus. Noch während sie die Arme hob, brach gelbes Licht durch die Baumstämme und fiel auf ihr Gesicht. Wärmte sie. Kiefernrauch stieg auf und wurde dichter, legte sich um sie, grau in der Dämmerung.

Ich zitterte im Morgenlicht, als sie auf Cherokee zu singen begann. Doch war es eine ältere Form als die, die Aggie und sie gewöhnlich sprachen, und sie sangen es auf eine feierliche, an- und abschwellende Weise. Ich legte die Hände flach auf den Boden, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, als ihre Worte zusammen mit dem Rauch über mich hinwegstrichen, auf und ab, auf und ab. Die Welt schien sich unter meinen Händen zu wiegen wie die Wellen des Ozeans, und doch wusste ich, dass sie sich nicht bewegte.

In der Kälte zog sich meine Haut so sehr zusammen, dass sie schmerzte, als wäre ich in einen eisigen Gebirgsbach getaucht. Rauch stupste mich an, füllte wirbelnd den Schutzkreis. Mir schossen die Tränen in die Augen, liefen mir über die Wangen, tropften auf meine Brust. Das ist nur der Rauch, sagte ich mir, nur der Rauch. Aber tief drinnen in mir wusste ich, dass es etwas anderes war, etwas Größeres, und Beast wusste es auch, die in mir kauerte, ganz hinten in meinem Bewusstsein, den Kopf auf den Pfoten, die todbringenden Zähne verborgen.

U ni lisis Worte hatten einen eigenen Rhythmus, ein eigenes Leben, sie waren uralt und mächtig und voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Als der Gesang zu Ende war, ließ sie die Arme fallen. Nichts als das leise Flüstern des Bayou war zu hören. Mein Gesicht war ganz salzig, die Haut spannte; die frischen Tränen, die darüber rannen, brannten.

Sie öffnete den perlenbestickten Beutel, der um ihren Hals hing, entnahm ihm mit der linken Hand einen Esslöffel voll Tabak. Mit ihrer Rechten fügte sie weitere Kräuter hinzu, während Aggie mir ihre Namen nannte. »Salbei zur Reinigung. Mariengras für Leben und Freude.«

Den Namen des letzten Krautes sagte Aggie nicht laut. Vielleicht hatte es keine gebräuchliche Entsprechung. Oder es gehörte zu dem Geheimnis des Rituals, und niemand außer ihr kannte es. Die alte Frau rollte die Kräuter zu einer Art dicken Zigarre, die sie mit etwas, das aussah wie ein Hanfband, zu einem Räucherbündel umwand. Daran hielt sie einen brennenden Zweig aus dem Feuer, bis die Kräuterrolle brannte und rauchte. Sie ließ den Zweig zurück ins Feuer fallen und stand auf. Dann gab sie das Räucherbündel an Aggie weiter, die es kniend in Empfang nahm, fast als wolle sie ihr huldigen.

Gemächliche Kreise beschreibend, beräucherte sie die Luft um ihre Mutter. Die alte Frau schwieg mit halb geschlossenen Augen und heiterem Gesichtsausdruck. Langsam drehte sie sich, die Füße ebenso langsam hebend und wieder aufsetzend wie bei einem Tanz oder der gemessenen und graziösen Kampfkunst des Tai-Chi. Ihre Mutter hielt ihre Zöpfe in die Höhe, und der Rauch legte sich um sie wie eine lebendige Schlange, berührte sie, wand sich spiralförmig höher, um ihre Beine, ihren Rücken, ihren Bauch, zärtlicher als die Hand eines Geliebten. Und während der Rauch sie umschlang, wurden die Falten in ihrem Gesicht weicher, ein leichtes Lächeln erschien auf ihren Lippen, und sie seufzte, als würde ein ständiger Schmerz für kurze Zeit nachlassen. Als es genug war, setzte sich U ni lisi, die Augen geschlossen, kaum wahrnehmbar atmend.

Aggie hielt mir das Bündel hin und wandte sich ab. Ich kam mir ungeschickt vor, als ich das Räucherbündel nahm. Ich kniete mich hin und konzentrierte mich auf den Rauch, der in der stillen Luft aufstieg und über ihren Körper strich wie der Finger Gottes. Sie hob ihr Haar, und ich hielt das Bündel so, dass der Rauch hindurchströmen konnte. Ich drehte mich und sie ebenfalls, ein Bein anhebend, damit der Rauch die Hinterseite ihres Oberschenkels berühren und sich über ihr Gesäß winden konnte. Als jeder ihrer Körperteile vom Räucherrauch gesegnet war, öffnete sie die Augen und lächelte. Doch ihr Blick schien in die Ferne gerichtet zu sein.

Mit einer langsamen Geste zeigte Aggie auf ihre Mutter, und ich reichte der alten Frau das Räucherbündel. Dann wandte ich mich, wie sie beide vorher, zur Seite und schloss die Augen. Der warme, duftende Rauch wand sich von meinen Knöcheln hoch, und ich atmete ihn ein. Und drehte mich ein wenig, dann noch einmal. Hob die Arme. Bewegte mich mit dem Tanz des Rauches.

»Halte dein Haar hoch, Dalonigi i Digadoli.« Mein ganzer Körper erschauerte beim Klang dieser Worte, als ich sie richtig ausgesprochen hörte, die geflüsterten Silben der Sprache des Volkes, der Cherokee. »Halte dein Haar hoch.«

Ich schluchzte auf, heftig. Mit tränenüberströmtem Gesicht hob ich mein Haar an. Aggies Mutter ging langsam um mich herum, das Räucherbündel hob und senkte sich, der wohlriechende Rauch berührte meine Haut, strömte durch mein Haar, den langen Schleier, durch meine gespreizten Finger, immer und immer wieder. Der Rauch schlängelte sich meine Beine hoch, über meinen Bauch. Er strich über meinen Rücken, berührte mein Gesicht, so zart, als würde er von meinen Tränen kosten. Ich atmete seinen Duft ein, sog ihn tief in mich hinein. Meine Lunge bebte. Die Welt geriet kurz ins Taumeln, dann war sie wieder ruhig. Mein Herz stolperte und wurde langsamer, fand einen Rhythmus, der älter war als die Erinnerungen der Menschen. Ich schloss die Augen und atmete. Atmete einfach nur. Während das Wasser im nahen Bayou dahinfloss, ein beinahe lautloses, uraltes Lied sang.

»We sa«, flüsterte eine leise Stimme. »Zeit zu gehen, we saKatze. Luchs. Eines meiner Tiere. Es war mein Vater, der meinen Namen sagte, seine Stimme echote in meiner Erinnerung, wie vor so langer Zeit. Ich öffnete die Augen und sah, dass der Schutzkreis geöffnet war und U ni lisi in das Wasser des Bayou stieg, und dann Aggie. Ich folgte ihnen über das dunkle, glitschige, lehmige Ufer an den Rand des Wassers und in den Bayou, wo schwerer Schlamm an meinen Knöcheln sog. Hier war das Wasser klarer, nicht so stark getrübt von den Folgen des Hurrikans, sodass ich sehen konnte, wie sich meine Füße in den schwarzen Morast drückten.

Mir fiel ein, dass ich beten müsste, aber die Worte und rituellen Gebete, die Aggie mir beigebracht hatte, waren wie weggeblasen. Statt ihrer kamen mir ganz von allein andere Worte über die Lippen. »Ich erbitte Weisheit und Stärke im Kampf und Reinheit des Herzens, des Geistes und der Seele.« Damit beugte ich die Knie und tauchte ein in das Wasser. Dunkel schloss es sich über mir, schwappte träge an meine Haut, kühl und nass, der Schoß der Welt.

Sieben Mal tauchte ich auf und wieder hinein, und jedes Mal sagte ich mein Gebet. Als ich das letzte Mal hochkam, waren Aggie und U ni lisi bereits am Ufer und zogen sich wieder an. Die Sonne schwebte über dem Horizont. Und ich fühlte mich leer und leicht und so frei.

Ich stapfte durch den tiefen Grund, aus dem Wasser und über das schwarze, lehmige Ufer. Ich schüttelte die Füße, aber als ich hinuntersah, stellte ich erstaunt fest, dass kein Matsch an mir klebte. Doch vielleicht hätte mich das auch nicht erstaunen sollen.

Schnell zog ich mich an. Immer noch schweigend löschten wir das Feuer mit Wasser aus dem Bayou und stocherten in den Resten der Kohlen, bis sie kalt waren. Dann gingen wir drei in einer Reihe nebeneinander zurück zum Auto und fuhren davon.