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Ich wohnte in einem ehemaligen Bordell
Laut Polizeiakten hatten die Vamps in manchen Städten der Welt nicht immer gänzlich im Verborgenen gelebt, bis der Secret Service Marilyn Monroe, wie man weiß, bei dem Versuch, Präsident Kennedy zu wandeln, gepfählt hatte. Durch dieses Ereignis war die Existenz von Vampiren und kurz darauf auch von Hexen erst öffentlich bekannt geworden. Aber auch früher schon waren Vampire in Städten wie Paris, London, Mumbai, Tokio und New Orleans eindeutig präsent gewesen, wenngleich sie stets zurückgezogen und im Verborgenen gelebt hatten. Im frühen neunzehnten Jahrhundert waren sie im French Quarter zu heimlicher Berühmtheit gekommen, in Storyville, dem verrufenen Teil der Stadt mit seinen Saloons, Spielhöllen, Spelunken, Varietés und ähnlichen Orten, die die niederen Bedürfnisse der Menschen befriedigten.
In diesem von Sidney Story 1897 gegründeten und bis 1917 den Vergnügungen vorbehaltenen Stadtteil hatten die Vamps mindestens drei Häuser besessen und geführt, die der Prostitution gedient hatten. Gemäß dem sogenannten Blue Book, in dem die Namen, Beschreibungen und Adressen von mehr als siebenhundert Prostituierten aufgeführt waren, gab es in den Vamphäusern vor allem »lüsterne Mädel, ein bisschen Blut und zarte Peitschenschläge zur rechten Zeit« sowie »die besten Professoren des Landes«, wobei mit Professoren die Musiker gemeint waren, die in diesen Häusern spielten. Die Namen der drei Vampbordelle waren ziemlich abgedroschen: Countess Simone’s Pleasure House – Countess Simones Haus der Freuden, Le Salon du Tigre – Der Tigersalon und Katie’s Ladies – Katies Damen. Letzteres war mir wohlbekannt.
Ich blickte mich um und suchte das Zimmer nach Kameras oder Abhörgeräten ab und seufzte erleichtert, als ich feststellte, dass es sauber war. Erst, als ich die Schultern fallen ließ, merkte ich, wie angespannt ich gewesen war. Beast mochte provokativ sein, aber ich war ein Feigling, wenn es um Cops ging. Ich atmete noch einmal tief durch und bemühte mich, mich vollständig zu entspannen.
Ich warf einen Blick auf die Fotos von den unzüchtigen Häusern und blieb an dem von Katie’s hängen. Vor dem Haus posierte eine blonde Frau vor einem Laternenpfahl, den Rücken durchgebogen, Röcke und Unterröcke hochgezogen, sodass die langen, schlanken Beine, Strumpfhalter, Strümpfe und Stiefeletten zu sehen waren. Ihr Kleid hatte ein tiefes Dekolleté und zeigte reichlich Haut. Es war Katie, die ihre Fangzähne ebenso sinnlich zur Schau stellte wie ihren Körper.
Das Haus, vor dem sie stand, war im französischen Stil gebaut mit viel schwarzem Schmiedeeisen in Lilienmustern. Der Eingang wurde von einem Balkon überragt. Gaslampen brannten im frühen Abendlicht und spiegelten sich in den Fensterscheiben. Die schmale Tür hatte ein Bleiglasfenster in der oberen Hälfte und kam mir sehr bekannt vor. Das Haus auf dem Foto war das, in dem ich im Moment wohnte. Na toll. Ich wohnte in einem ehemaligen Bordell.
Aber ein Vamp auf Film? Ich hatte nicht gewusst, dass das möglich war, doch als ich weiterblätterte, fand ich noch mehr Fotografien von Vamps, die nackte Haut und Fangzähne zeigten, alle signiert von dem bekannten Fotografen Storyvilles, Ernest J. Bellocq. Bellocq war es gelungen, eine Reihe berühmter Vampire auf Film zu bannen, obwohl Silber, das sowohl in der Daguerreotypie als auch später beim nassen Kollodiumverfahren verwendet wurde, sie eigentlich gar nicht hätte wiedergeben dürfen. Wie war ihm das gelungen? Die meisten Menschen glaubten, Vampire seien bis zur Erfindung der Digitalkamera unfotografierbar gewesen. Und hier war der Beweis, dass jemand doch einen Weg gefunden hatte.
Katie hätte mir vielleicht meine Fragen zur Geschichte der Vamps beantworten können, aber sie war im Moment nicht verfügbar: Sie lag unter der Erde, um ihre Wunden zu heilen, die fast zu ihrem endgültigen Tod geführt hätten. Meine ersten wenigen Tage in New Orleans hatten zu recht großen Veränderungen im Leben einiger meiner Auftraggeber geführt.
Bei einem erotischen Foto von zwei Vamps, die gemeinsam posierten, hielt ich inne. Katie saß auf einer Bar, hinter ihr an der Wand reihten sich die Flaschen, den Kopf hatte sie in, wie es schien, sinnlicher Ekstase zurückgeworfen. Ihre Brüste lagen frei, die Röcke bauschten sich um ihre Hüfte. Ihre nackten Beine waren gespreizt. Dazwischen kniete ein Mann, der sie ganz offensichtlich mit dem Mund befriedigte. Der Mann sah aus wie ein Model, selbst bei dieser intimen Tätigkeit. Er trug eine kurze Jacke, wie es damals modern war, schmal geschnittene Hosen, Stiefel und einen Zylinder. Der Zylinder saß genau wie er sollte, genauso wie das lange schwarze Haar, das er zurückgekämmt und zu einem Zopf geflochten trug. Leo Pellissier.
Eine seltsame Hitzewelle erfasste mich. Ich erinnerte mich daran, wie Leo mich von einer Verletzung geheilt hatte, die bei einem normalen Menschen hätte operiert werden müssen und zu einer dauerhaften Behinderung geführt sowie einen langwierigen Heilungsprozess bedeutet hätte. Auch das war erotisch gewesen, und dabei hatte er nur über meinen Arm geleckt. Mir rann es kalt den Rücken hinunter.
Ich schüttelte den Kopf, um die Erinnerung, die für das plötzliche Ansteigen meiner Körpertemperatur verantwortlich war, zu vertreiben. Ich holte die Kamera aus meinem Stiefel und machte Fotos von den Fotos. Dem Himmel sei Dank für Digitalkameras. Ich bin so ehrlich zuzugeben, dass ich nicht alle für meine Ermittlung benötigte, aber schließlich kann ein Ermittler nie über genug Hintergrundwissen verfügen.
Ich nahm einen weiteren Ordner aus der Schublade. Auf dem Schildchen stand Vampira Carta – das Gesetzbuch der Vampire. Nach Aussage des Anwalts, der den Papierkram für meine Lizenz erledigt hatte, war darin die legale Rechtfertigung zu finden, um Rogue-Jäger zu engagieren. Und das bedeutete, dass meine Existenzgrundlage davon abhing. Eine Notiz auf dem Deckel besagte, dass die Papiere während des Baus der Iberville Sozialbausiedlung gefunden worden waren, dort wo früher das alte Storyville gewesen war. Iberville war das Ghetto, wo ich den Vamp getötet hatte und wo auch Derek Lee wohnte. Neugierig klappte ich den Ordner auf.
Es war ähnlich aufgebaut wie die Magna Carta, mit einer Präambel und nummerierten Paragrafen. Wenn mich meine Erinnerung aus der Highschool nicht trog, hatte die Magna Carta siebenunddreißig Paragrafen. Die Vampira Carta hatte zweiundzwanzig. Ich fragte mich, welches Dokument wohl älter sein mochte. Der Text war in altem Englisch verfasst oder vielleicht war es auch Latein; glücklicherweise schloss sich am Ende eine Übersetzung an.
Der erste Paragraf lautete:
Präambel: Jules, Blutmeister durch die Blutschande, Meister der Schuldigen von England, Irland und Aquitanien sendet seine ehrerbietigen Grüße allen, die dieses Schreiben erreicht. Betreffend die Freiheiten der Toten und der Lebenden, unterbreiten wir diese wichtige Carta dem Blutmeister von Europa, Lord Lucius, Vater der Mithraner.
Ich blätterte um. Es gab keine weitere Seite. Entweder hörte die Übersetzung hier auf, oder die nächste Seite war entfernt worden. Ich suchte in dem Geschichtsordner, aber der Rest der Übersetzung war fort oder hatte nie existiert. Ich breitete die Blätter auf dem Tisch aus und schoss schnell sechs Fotos, schob dann alles zurück in den Ordner und machte mich wieder an die Arbeit. Ich fragte mich, ob der Vampirrat mir wohl eine Übersetzung der Carta überlassen würde und mit welcher Geschichte ich aufwarten musste, um sie zu bekommen.
Ganz hinten im Ordner fand ich ein liniertes Blatt Papier mit einer mit Bleistift handgeschriebenen Liste. Die Überschrift lautete: Anomalien. Als ich sie las, begann meine Kopfhaut zu prickeln.
Anomalien
Sabina Delgado y Aguilera – Schamanin, Vampirin, clanlos (Bedeutung?), Kreuz?, Zweite Generation?
Bethany NLN – Schamanin, Vampirin, clanlos (Bedeutung? Verwandt mit Sabina?), Kreuz? Dritte Generation? Krieg?
Söhne der Dunkelheit? Was zur Hölle sind sie?
Keine Unterschrift. Irgendwann hatte ein Cop in einem übernatürlichen Fall ermittelt und ganz offensichtlich noch ein paar Fragen übrig gehabt. Ich hätte gerne gewusst, ob er seine Neugier wohl überlebt hatte. Die Worte waren zu blass, um sie fotografieren zu können. Die eckige Handschrift kannte ich nicht, und als ich an der Seite schnüffelte, war mir auch die Duftsignatur fremd, die von Tabakrauch so überdeckt wurde, als hätte der Schreiber zwei Päckchen pro Tag geraucht. Aber etwas an der Liste kam mir wichtig vor, deswegen kopierte ich sie in mein kleines Notizbuch und schickte sie dann als SMS an mich selbst, nur für den Fall, dass mir jemand beim Gehen die Notizen abnahm. Dann widmete ich mich wieder den Ordnern.
Statt die Hintergrundinformationen über die einzelnen Clans hier zu lesen, schoss ich Fotos davon und konnte nur hoffen, dass sie scharf genug waren, um wirklich gelesen werden zu können. Dann suchte ich weiter und fand einen Stapel alter Vermisstenmeldungen, die mit dem Hinweis auf die Ordnernummer 666-OW versehen waren. Doch als ich in den anderen Schränken danach sehen wollte, fand ich sie alle verschlossen vor. Da fiel mir der Schlüsselbund ein, den Rick bei sich gehabt hatte. Achselzuckend widmete ich mich wieder meiner Schublade. Mein Blick fiel auf einen roten Ordner. Ein paar Minuten später wusste ich, dass es nicht viele davon in der Schublade gab, und als ich daran schnüffelte, roch er stark nach Jodi Richoux. Es war die Akte, die sie in den Schrank gelegt hatte, als sie mich so vielsagend angesehen hatte. Darin befanden sich weitere Vermisstenmeldungen.
Es handelte sich um Kinder oder Jugendliche, die alle in den letzten fünfundzwanzig Jahren als vermisst gemeldet worden waren, zehn von ihnen erst kürzlich. Sie waren ausnahmslos nachts verschwunden, unter achtzehn Jahre alt und Hexen. Ein Kältegefühl, das mich schon vorher immer wieder überkommen hatte, legte sich nun über meine Schultern, als ich die Fotos und Berichte anstarrte.
Alle waren nachts verschwunden. Vielleicht nur ein Zufall, doch war es möglich, dass Vampire involviert waren? Und wenn ja, was hatten sie dabei zu gewinnen?
Das letzte Hexenkind war vor drei Monaten verschwunden.
Die Akten waren dürftig, viel mehr als die Befragungen waren darin nicht zu finden. Vermutlich rissen die Cops sich kein Bein aus, um diese Kinder zu finden. Es war ein offenes Geheimnis, dass das NOPD etwas gegen Hexen hatte, und das Katrina-Debakel, bei dem ein einzelner Hexen-Coven versucht hatte, einen Hurrikan der Kategorie fünf vom Land wegzulenken, hatte nicht gerade zur Besserung des Verhältnisses beigetragen. Immerhin war es ihnen gelungen, den Sturm auf Stufe drei zu drosseln, aber sie hatten ihn nicht abwenden können. Der alte, baufällige Damm brach, und Tausende starben in New Orleans und entlang der Golfküste in dem Sturm und den Fluten. Aber war dieser Groll Grund genug, dass ein paar Cops jahrzehntelang wiederholtes Kidnapping von Hexenkindern ignorierten? Hoffentlich nicht. Aber mir schwante nichts Gutes.
Obwohl die Vermisstenmeldungen nicht auf dem neusten Stand waren, war die Richtung, die die Ermittlungen eingeschlagen hatten, doch gut zu erkennen – nämlich zurück in die Gemeinde der Hexen selbst, was, fand ich, ein guter Ausgangspunkt war. Anscheinend war im Laufe der letzten zehn Jahre jede bekannte Hexe über zwölf Jahren befragt worden. Ich fand auch den Namen der Chefermittlerin. Elizabeth Caldwell. Das sagte mir nichts, aber ich konnte Rick später nach ihr fragen. Dann erinnerte ich mich an Leos Gesichtsausdruck im flackernden Licht der Flammen, wie er Angelina über mir auf dem Balkon angesehen und ihren Duft mit bebenden Nasenflügeln eingesogen hatte. Leo konnte nichts mit den verschwundenen Kindern zu tun haben. Und doch hatte ich, als ich darüber nachdachte, das Gefühl, als würde ein Eisregen auf meine Schultern niedergehen und meinen Rücken hinunterrinnen, scharf wie kalte Messer.
Die nächsten vier Stunden verbrachte ich damit, Polizeiakten zu fotografieren, ohne zu wissen, wonach ich eigentlich suchte, bis ich auf einen Ordner mit siebenundzwanzig Polizeiberichten stieß. Die Berichte handelten von versuchten oder erfolgreichen Rogue-Angriffen. Auch diese stammten aus den letzten zwanzig Jahren.
Ein heißer Schauder überlief mich, als ich begriff. Das war es.
Da die Berichte nach keinem bestimmten Prinzip geordnet waren, breitete ich sie erst einmal auf dem Tisch aus. Dann schob ich alle Berichte, die meiner Vermutung nach alte Rogues betrafen, zu einem Stapel zusammen, die über junge Rogues zu einem zweiten. Nachdem ich sie getrennt hatte, hatte ich einundzwanzig, die zu meinem Profil passten – kleine Fangzähne, zu keinem Clan gehörend. Jetzt brauchte ich die Angriffsorte, um sie auf einer Karte zu markieren; so würde ich sehen können, ob bestimmte Orte herausstachen. Leider verfügte mein Handy nicht über eine Karten-App, sodass ich mir die Angaben notierte und an mich selbst schickte, zusammen mit allem, was mir irgendwie von Bedeutung zu sein schien. Dann fotografierte ich auch die Akten. Dreifach hielt besser. Ich wollte auf jeden Fall sichergehen.
Einem Bauchgefühl folgend, machte ich einen schnellen Abgleich, um zu sehen, ob das Verschwinden der Hexen in Beziehung zu den Angriffen der Rogues stand, doch musste ich enttäuscht feststellen, dass keiner der Fälle zeitgleich passiert war. Aber doch in so engem zeitlichen Abstand, dass ich neugierig wurde.
Bevor ich sie weglegte, schnüffelte ich an den Berichten. Drei der ältesten Berichte rochen nach demselben Zigarettentabak wie die Liste der Anomalien. Jodi hatte sie alle in der Hand gehabt. Zufrieden räumte ich sie wieder weg und vergewisserte mich, dass ich nichts zurückließ.
Ich betrachtete die verschlossene Tür. Dann sah ich mich in dem Raum um. Kein Festnetztelefon. Hatte Rick nicht gesagt, ich solle ihn an seinem Schreibtisch anrufen, wenn ich fertig sei? Ich sah auf mein Handy. Kein Empfang. Ich hatte mir viele Infos gesimst, die jetzt in meinen gesendeten Nachrichten warteten, aber trotzdem … Ich war eingeschlossen. Beast erwachte und knurrte. Sie mochte keine Käfige.
Ich hielt sie zurück und klopfte einmal an die Tür, und noch bevor meine Knöchel sie ein zweites Mal berührt hatten, öffnete sie sich. Vor mir stand ein runzliger, schlecht rasierter, übergewichtiger Streifenpolizist. Auf seinem Hemd meinte ich Puderzucker zu entdecken, wie von einem Donut oder der New-Orleans-Version, einem Beignet, aber vermutlich wäre es undiplomatisch gewesen, ihn danach zu fragen oder daraufzustarren. Oder wäre das schon ethnisches Profiling? Gab es so etwas wie Mitarbeiter-Profiling? Oder wäre das politisch inkorrekt? Ich lächelte ohne die Nervosität, die mich sonst in Anwesenheit von Cops befiel. Beast legte sich wieder ab, nur ihr Schwanz zuckte. Verärgert.
»Was gibt’s?«, fragte er heftig, etwas in meinen Augen sehend, das ihm nicht gefiel. »Sind Sie fertig?«
»Ähm … fast. Ich muss mal auf die Toilette.«
Er schüttelte den Kopf, wandte sich ab und winkte mir, ihm zu folgen. Er führte mich zwei Treppen hoch und wartete draußen. Ich nahm die Speicherchips aus Handy und Kamera, entdeckte, dass sich zwei Balken abzeichneten, und lud alle Fotos auf eine sichere Webseite hoch, die ich letztes Jahr erstellt hatte. Zur Sicherheit, falls Kamera und Handy auf dem Weg nach draußen konfisziert wurden.
Als ich erst halb damit durch war, begann ich zu schwitzen. Es dauerte zu lange. Nach zwölf Minuten öffnete der Officer die Tür, um nach meinem Wohlbefinden zu fragen. Das waren zwar nicht ganz seine Worte, aber es klingt freundlicher als sein: »He Lady, ich will Sie ja nicht hetzen oder so, aber raus damit oder runter vom Pott. Ich habe zu tun.«
Die Polizei, dein Freund und Helfer.
Ich war endlich so weit, zwang mich, mich wieder zu entspannen, betätigte die Spülung, um keinen Verdacht zu erregen, und ging hinaus. »Ich fühle mich nicht gut«, sagte ich dem Wachmann, mir den Bauch haltend. »Vielleicht habe ich etwas Verdorbenes gegessen, es kann ja nichts gekühlt werden.«
»Ja«, sagte er. »Das Krankenhaus ist voller Kotzender. Wollen Sie da hin?«
»Nein, schon gut«, sagte ich und schüttelte im Geiste den Kopf. Vor mir sah ich den Metalldetektor und streckte ihm die Hand zum Schütteln entgegen. »Danke. Ab hier finde ich mich schon zurecht.«
Der Cop sah auf meine Hand, ergriff sie jedoch nicht, sondern wich zurück. »Nehmen Sie’s mir nicht übel, Lady, aber Sie haben gerade gekotzt.«
Ich nickte und ließ die Hand sinken. »Das stimmt.«
Er ging und ließ mich ohne Beobachter zurück. Auf dem Weg nach draußen konnte ich zwar Rick nirgendwo entdecken, doch ich löste den Metalldetektor aus. Ich zog das Handy aus dem Stiefel, hielt es hoch, um einem Cop, der gerade zur Tür hereinkam, den Schuldigen zu zeigen, und er schüttelte den Kopf. Ich spürte einen Adrenalinschub, als ich aus dem Gebäude des NOPD rannte und den Regen vom Motorradsitz wischte. Das war das Problem bei Motorrädern, selbst mit so coolen Maschinen wie meiner. Sie waren nicht vor Wind und Wetter geschützt. Ich schwang mich auf den nassen Ledersitz, setzte den Helm auf, ließ den Motor an und gab Gas. In der Nacht zuvor hatte ich nicht viel Schlaf bekommen und brauchte jetzt ein Nickerchen.
Das Haus roch göttlich. Der Duft von langsam garendem Rindfleisch durchzog alle Räume. Bei diesem Geruch wurde Beasts Drang, sich zu wandeln und zu jagen, noch stärker. Das letzte Mal war schon einige Zeit her, und sie war unruhig, und damit wurde die Gefahr größer, dass sie die Kontrolle übernahm, dass sie mit mir spielte wie mit ihrer Beute, bevor sie sie erlegte. »Noch nicht«, sagte ich zu ihr. Sie schnaubte und melkte mich mit ihren Krallen. Als ich den Schmerz ignorierte, rollte sie sich beleidigt herum.
Aus meinem Schrank förderte ich eine Karte der Stadt mitsamt der angrenzenden Gemeinden zutage. Louisiana war nicht in Countys unterteilt, sondern in Gemeinden, was auf das Gleiche herauskam. Ich befestigte sie kurzerhand und ohne Rücksicht auf dem makellosen Anstrich der Schlafzimmerwand. Dann markierte ich die Angriffe junger Rogues in den letzten zwanzig Jahren. Es gab drei Punkte, an denen sich alles konzentrierte, und seltsamerweise war ich an zweien von ihnen gewesen. Mir wurde ganz heiß vor Aufregung. Ich lud die Fotos, die ich an mich selbst geschickt hatte, auf meinen Laptop und sortierte sie in Ordner, um sie auszudrucken, wenn es wieder längere Zeit am Stück Strom gab.
Als ich feststellte, dass ich Empfang hatte, machte ich ein paar Anrufe per Handy, hinterließ Nachrichten und fiel ins Bett, als ein zweiter Sturm im Gefolge von Ada über die Stadt hinwegfegte.
Im Obergeschoss brachte Molly die Kinder ins Bett. Dass ich tagsüber den Schlaf nachholte, den ich verpasste, wenn ich nachts in Katzengestalt herumstreifte, war nichts Neues für mich. Doch dass sich alle Hausbewohner gemeinsam zu Bett begaben, war neu und seltsam beruhigend. Ich schloss die Augen, und der Schlaf zupfte verführerisch und friedlich an mir.
Ebenfalls schläfrig rollte Beast herum. Das Gefühl war so real, dass ich spürte, wie ihr Fell über die Innenseite meiner Haut strich. Mein letzter Gedanke galt Beast, die sich in der Dunkelheit zusammenrollte, ihr/mein Schwanz eng um meinen Körper gelegt. Kleine, pelzige Gestalten schmiegten sich an meinen Bauch, zwischen meinen vier Pfoten, schlafende Junge, die atmeten, schnupperten und nach Milch und Erschöpfung rochen.
Als ich aufwachte, roch es nach dem Rauch von Mariengras, eine Trommel schlug einen langsamen Viervierteltakt, und mein Handy klingelte. Der Traum glitt davon wie Seidenlaken, die langsam von mir gezogen wurden. Ich öffnete die Augen. Der Sturm war vorbei, draußen klimperte und plätscherte der Regen, und die Welt war heller als vor zwei Stunden. Ich tastete in meinen Boots herum, die neben dem Bett standen, und nahm ab. »Hallo?«, presste ich mit kratziger, schläfriger Stimme hervor. Okay, zugegeben, so kurz nach dem Aufwachen war ich einfach nicht in Topform.
»Hier ist George Dumas. Sie haben mir eine Nachricht hinterlassen« – ein Hauch von Belustigung sickerte in seine Stimme – »bevor Sie ein … Schläfchen gemacht haben?«
Eine Hitzewelle erfasste meinen Körper und kam in meinem Unterleib zur Ruhe. Der Mann hatte aber auch wirklich eine wunderbare Stimme. Mich räuspernd, rollte ich mich auf den Rücken und starrte zur Decke, die drei Meter sechzig über mir war. Oder besser, drei Meter, denn ich lag ja nicht auf dem Boden. Ich riss mich zusammen. Wenn ich mit Bruiser zu tun hatte, musste ich auf Zack sein, kein Pfützchen geschmolzener Hormone. Aber ich konnte die Wärme in meinem Ton hören, als ich sagte: »Bin ich so durchschaubar?« Mist. Das hörte sich an, als würde ich flirten. Auf keinen Fall durfte ich mit diesem Mann flirten. Ich musste professionell bleiben. Bei diesem Gedanken fiel mir das Foto von Leo und Katie ein. Wie professionell sie gewesen war.
»Sie klingen wie ein Kind kurz nach dem Aufwachen«, sagte er mit sanfter Stimme.
Ich werde nicht mit diesem Mann flirten. Aber offenbar konnte ich nicht anders. »Ja, Bruiser. Ich bin wirklich niedlich.« Ich rollte mich zum Sitzen hoch und stellte die Beine auf den Boden. Im Schlafen hatte sich mein Zopf halb gelöst, und nun fiel mir das Haar über die Schenkel. Ich brauchte Koffein. Viel Koffein.
Beast richtete sich auf. Wir müssen uns paaren.
Auf einmal blieb mir alles, was ich hatte sagen wollen, im Hals stecken. Nach einer unbehaglichen Pause brachte ich heraus: »Ich brauche Hilfe.«
Jetzt war er es, der zögerte. »Meinem Boss gefällt es vielleicht nicht, wenn ich Ihnen helfe.«
»Sie sagten vielleicht. Das heißt, er hat Ihnen nicht ausdrücklich untersagt, mir zu helfen.«
»Stimmt. Nicht ausdrücklich.«
»Diese Woche finden vier Vamppartys statt. Ich muss nur – wissen, welche Partys Leo nicht besuchen wird, und dann brauche ich eine Einladung zu mindestens einer von ihnen.«
Die folgende Stille war schneidend und bedrohlich, wie ein Bajonett, das auf ein Herz gerichtete ist. »Und woher wissen Sie, dass diese Woche vier Partys stattfinden?«, fragte er. Aus seiner Stimme war jede Spur von Flirt gewichen. Was mir half, mich zu konzentrieren und mich daran zu erinnern, dass dieser Mann Leos Sicherheitsfachmann war und mich, ohne zu zögern, töten würde, wenn Leo es ihm befahl.
Ich rief mir den Kalender ins Gedächtnis, der in Rosines/Ernestines Büro gehangen hatte. Darin waren alle gesellschaftlichen Aktivitäten in Ernstines hübscher Handschrift notiert gewesen. Doch ich hatte nicht vor, jetzt eine Information aus der Hand zu geben, die mir später vielleicht noch einmal nützlich sein würde. Da ein Flirt mit Bruiser außer Frage stand, entschied ich mich für einen flapsigen Ton. »Ich habe meine Verbindungen. Ist Leo noch in Trauer? Na ja, außer wenn er seinem Sarg entsteigt, um zu versuchen, mich in meinem Bau bei lebendigem Leib zu verbrennen.«
Jeder weiß, dass Vamps nicht in Särgen schlafen, sondern in sehr gut gesicherten, versteckten, unterirdischen Räumen, die sie Nester nennen. Von Särgen zu sprechen, war leicht beleidigend, und Bruiser sagte: »Ich habe gehört, Sie seien auf der Veranda gewesen, als Sie Leo und seine Vasallen vertrieben haben, und nicht in einem Bau.«
Oha. Bau, so nannte Beast das Haus. Ich war doch noch verschlafener, als ich gedacht hatte. Oder Beasts Bemerkung über die Paarung hatte mich ernsthaft aus dem Gleichgewicht gebracht. Vielleicht sollte ich lieber damit warten, den mächtigsten Vamp der Stadt ködern zu wollen, bis ich wacher war und weniger daran denken, wie Bruisers Hintern in seinen engen Jeans ausgesehen hatte, als er mir Leos Aufforderung, die Stadt zu verlassen, überbracht hatte. Vorsichtig sagte ich: »Nur so eine Redewendung. Tratscht ihr Jungs über mich?«
»Als Sie die Kreatur, die Immanuels Platz eingenommen hatte, getötet haben, haben Sie damit auch den meisten Blutdienern des Arceneau-Clans das Leben gerettet. Deshalb sind Brandon und Brian noch am Leben. Aber Sie haben ihre Blutmeister in Silberketten zurückgelassen, als Sie sie fanden, was nicht zu Ihrem Vorteil ausgelegt wird, und obwohl sich herausgestellt hat, dass die Kreatur nicht Immanuel war, leidet Leo unter dem Verlust seines Sohnes.« Ich konnte die Missbilligung in seiner Stimme hören. »So oder so, die meisten Sicherheitsleute der Clans haben ein mehr als flüchtiges Interesse an Ihnen, Jane.«
Das weckte mich gründlicher auf als eine ganze Kanne Tee. »Na, da wird mir doch ganz warm ums Herz.«
»Das war nicht meine Absicht. Warum wollen Sie an einer Vampirparty teilnehmen?« Nicht, weil ich mit den Reichen und Blutsaugenden Boogie tanzen wollte. Das dachte ich, sprach es aber nicht laut aus. Was tatsächlich über meine Lippen kam, war sehr viel schlimmer. »Ich muss an ihnen riechen.« Bruiser lachte ungläubig, und ich hätte mich ohrfeigen können. Ich überlegte schnell und sagte dann: »Kurz, nachdem der Hurrikan vorbei war, fand ich den Ort, an dem sich der Schöpfer der jungen Rogues aufgehalten hatte. Er oder sie trägt ein auffallendes und unverwechselbares Parfum.«
Bruiser biss nicht an. »Sie sind kein Mensch«, sagte er. »Ich habe den Beweis dafür selbst gesehen. Bedeutet das, dass Sie, welche Art von übernatürlichem Wesen Sie auch sind, einen besonders scharfen Geruchssinn haben?«
Statt mich höflich vorzustellen, als wir uns das erste Mal begegneten, hatte ich Bruiser niedergeschlagen und anschließend seinen Boss mit einem Silberkreuz verbrannt. Ein Mensch hätte das niemals geschafft. Ich war dabei, es zu vermasseln. Verlegen hob ich die Nase, eine Geste, die an Beast erinnerte. »Was ist jetzt mit dieser Einladung? Je eher ich sie bekomme, desto besser.«
Aber Bruiser ließ sich nicht drängen. »Das letzte Mal, als Sie auf einer Vampirparty waren, standen Sie unter Leos persönlichem Schutz. Dieses Mal wird niemand dort sein, der sie beschützt.«
»Sie könnten mich doch begleiten.« Bevor ich michs versah, waren mir die Worte entschlüpft. Dieses Mal dauerte die Stille länger. Sehr viel länger. Mir brach der Schweiß aus. Am liebsten hätte ich etwas dahingeplappert, nur um das Schweigen zu überspielen, aber ich biss mir auf die Lippen und wartete.
»Darüber müsste ich Leo informieren und ihn um Erlaubnis bitten«, sagte Bruiser sehr vorsichtig.
Ebenso vorsichtig, sein Bild vor Augen, als er auf meiner Veranda gestanden hatte, sagte ich: »Das wäre nett.«
»Ich würde ihm sagen, dass, Sie auszuführen eine willkommene Gelegenheit sei, Sie und was immer Sie tun, im Auge zu behalten.«
Sie auszuführen, das klang, als hätten wir ein Date. Ich fragte mich, ob er es auch so meinte. Mir wurde heiß, und ich spürte ein sehnsüchtiges Ziehen. »Ähm … ja. In Ordnung.«
Nach einer weiteren langen Pause, während der ich das Blättern von Seiten und das Klappern von Computertasten hörte, sagte er: »Der Rousseau-Clan hat heute zu einer Abendveranstaltung im Old Nunnery im Warehouse District geladen.«
»Heute Abend«, quiekte ich, sah mir eine verknotete Strähne meines Haares an und musterte eingehend meine unrasierten Beine. »Nach einem Hurrikan?«
»Der Warehouse District ist ein recht teures Viertel, dort ist die Stromversorgung wiederhergestellt.«
»Ich … äh … ich habe ein Kleid«, sagte ich und dachte dabei an mein kleines Schwarzes.
»Der Rousseau-Clan schreibt formelle Kleidung vor.«
»Noch formeller als mein Kleid?«
»Sehr viel formeller«, sagte er trocken. »Wenn Leo einwilligt, schicke ich jemanden mit einer Auswahl zu Ihnen.«
Von Kleidern? Oh, Mist. »Schwarz steht mir.«
Sein Ton wurde warm. »Ja, das stimmt. Ich rufe Sie nach Sonnenuntergang an.« Dann war die Leitung tot.
Ich klappte das Handy zu und starrte zu Boden. »Okay«, sagte ich, nicht ganz sicher, was eigentlich gerade passiert war.
»So, so«, sagte Molly gedehnt. Ich hob den Blick vom Boden und sah, dass sie am Türpfosten lehnte. »Tiger hat ein Daa-aate«, sang sie. Und selbstgefällig fügte sie hinzu: »Und vielleicht auch noch mehr!«
Ich ließ mich zurück auf die Bettdecke fallen und schlug mehrfach mit dem Kopf auf das Kopfkissen, während Molly mich auslachte. Mir fiel die Reaktion meines Körpers beim Anblick von Bruisers Hintern ein und die Tattoos meiner Tiere auf Ricks Schulter. Ich hatte die Mondphasen nicht verfolgt. Wenn heute Nacht Vollmond war, war es wahrscheinlicher, als mir lieb war, dass Beasts und Mollys Hoffnung, dass ich »mehr« als ein Date hatte, erfüllt wurde. Denn bei Vollmond war Beast stärker als gewöhnlich. Und Beast hatte sich seit sehr, sehr langer Zeit nicht mehr gepaart. Wie ich übrigens auch nicht.