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Wir dringen in ihr Revier ein

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich von niemandem beobachtet wurde, suchte ich mit der Hand einen Halt und sprang über die vier Meter sechzig hohe Mauer, die meinen Garten von dem meiner Vermieterin trennte. Ich klingelte an der Hintertür. Katie’s Ladies war das dienstälteste Bordell in New Orleans, und die Kunden der Ladies waren vorwiegend Vamps. Doch auch bei Vamps gab es anschließend Bettgeflüster. Oder vielleicht auch währenddessen Immerhin hatte ich hier schon einmal wertvolle Informationen erhalten.

Nach kurzer Zeit erschien der gähnende Troll, eine fleischige Faust vor dem Mund. Sein kahler Schädel glänzte im schummrigen Licht der Wandleuchter im Flur, als wäre er gerade frisch gewachst worden. »Moargn«, sagte er mit aufgerissenem Mund, und es sah aus, als würden seine großen Zähne in die Luft beißen. »Sie müssen hellsehen können.«

»Und warum?«

»Ein paar von den Mädchen sind bereits aufgestanden und essen eine Kleinigkeit im Speisezimmer. Sie kennen sich ja aus.« Er ruckte einen Daumen in die ungefähre Richtung des Zimmers. Wie nebenbei fügte er hinzu, als er zu Katies Büro weiterging: »Bliss ist auch da.«

Schuldgefühl überkam mich, was der Troll mit seiner Bemerkung wohl auch beabsichtigt hatte. Ich hatte die kleine Hexe nicht mehr gesehen, seitdem ich sie stark aus einem Vampbiss blutend in einer Damentoilette im French Quarter zurückgelassen hatte, um die Verfolgung ihres Angreifers aufzunehmen. Damals war es mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie möglicherweise zu viel Blut verlieren und sterben könnte, ich hatte nur den jungen Rogue fassen wollen. Seitdem Molly bei mir wohnte, war ich nicht mehr oft hier gewesen. »Ja. Danke«, sagte ich. Mit den Händen in den Taschen meiner Jeans schlenderte ich den Flur in entgegengesetzter Richtung hinunter.

Kurz vor der Tür hörte und roch ich sie schon, blieb stehen, lauschte und wusste sofort, dass vier der »Damen« ein spätes Frühstück bestehend aus Kaffee, Tee, kalten gekochten Shrimps und Gebäck zu sich nahmen. Ich konnte die Stimmen und Gerüche von Bliss, Najla, Christie und Tia unterscheiden, die von ihrer neuesten Vamperoberung schwärmte. Meine Mundwinkel hoben sich in echter Belustigung, als ich hörte, was Tia ihm beigebracht hatte. Dass Sex in dieser Position überhaupt möglich war, war mir neu, vor allem wenn ein Vamp währenddessen seine Zähne in ihre Oberschenkelarterie geschlagen hatte. Sie endete mit den Worten: »Mr Tom sagt, Carlos ist bereit, ein Angebot für mich zu machen, dann werde ich für ungefähr hundert Jahre seine Blutdienerin, was viel besser ist, als von einem menschlichen Mann verlassen zu werden, wenn ich alt werde, und mit Carlos werde ich ja sowieso nicht alt. Na ja, schon, aber nicht für, na ja, sehr lange Zeit.«

»Komm rein, Jane«, sagte Bliss, als Tia innehielt, um Luft zu holen.

»Wieso denkste, dass sie da draußen ist, Mädchen«, fragte eine Stimme mit seltsamem Akzent. »Wie? Riechste sie wieder?«

Es war Jahre her, seitdem ich von den anderen Mädchen im Kinderheim aufgezogen und tyrannisiert worden war, aber Hänseleien trafen mich immer noch, auch wenn ich dieses Mal nicht das Opfer war. »Bliss hat eben einen sehr guten Geruchssinn«, sagte ich vom Flur aus. Die Hände immer noch in den Taschen, betrat ich das Zimmer. Ich warf der Frau, die sich über Bliss lustig gemacht hatte, einen Blick zu, in dem ein wenig von Beast zu erkennen war, und fügte hinzu: »Kein Grund, gemein zu sein.«

»Haben Sie etwa gelauscht, Janie?«, fragte Christie. Ihr Ärger verbreitete einen scharfen Gestank. »Kein Grund, dass Sie da draußen stehen wie ein verirrtes Kind, das ins Warme will. Am Tisch ist noch ein Platz für Sie frei, auch wenn Sie eine verklemmte und spießige kleine Kirchgängerin sind.«

»Christie!«, sagte Bliss.

»Sie hat recht«, sagte ich, zog mir mit dem Fuß einen Stuhl heran und setzte mich. »Ich bin Christin und ich schätze, ich bin ziemlich verklemmt nach ihren Maßstäben.« Ich sah Tia an und lächelte sanft. »Zum Beispiel bin ich nicht gelenkig genug, von der Decke zu hängen, während ein Vamp an mir saugt, insbesondere da.« Tia kicherte, ein Laut, so kindlich und unschuldig, wie sie es aufgrund der Tatsache, dass ihre Eltern sie aus dem Kofferraum ihres Autos heraus gegen Drogen verkauft hatten, nie war und nie sein würde. Zu Bliss sagte ich: »Aber ich bin auch eine Cherokee, und ich erlerne die spirituellen Praktiken meines Volkes, in der Hoffnung, ihre Magie studieren zu können.«

Bliss sah schnell weg und machte ein abweisendes Gesicht. Sie hatte sich noch nicht als Hexe geoutet (oder vielleicht wusste sie gar nicht, dass sie eine Hexe war?), und jede Erwähnung von Magieanwendung war ihr unangenehm.

Aus einer Karaffe auf dem Tisch goss ich mir eine Tasse heißen grünen Tees ein. Ein warmer Duft nach Zitrone stieg empor. Ich glaubte, grünen Senchatee zu erkennen, sein Aroma von Zitronengras, Ingwer und Kamille. Ich gab zwei Löffel Zucker hinzu und rührte um, den Kopf geneigt, um Christie anzusehen. Heute war ihr Haar zu zwei Schulmädchenzöpfen geflochten und ihr Gesicht nicht wie sonst grell geschminkt. Sie trug weder Ringe noch Ketten durch ihre zahlreichen Piercings und war zur Abwechslung einmal züchtig gekleidet, wenn man einen durchsichtigen Morgenmantel über einem seidenen Babydoll züchtig nennen konnte. Ich hatte sie schon in Arbeitskluft zum Dinner erscheinen sehen, da trug sie deutlich mehr nackte blasse Haut zur Schau. Aber selbst angezogen und ohne Stahl in der Haut wirkte sie welterfahren, gelangweilt und argwöhnisch. Von Anfang an war Christie mir gegenüber immer ein wenig giftig gewesen, so als würde ich ihr etwas wegnehmen wollen, das ihr gehörte.

Wir dringen in ihr Revier ein, dachte Beast schläfrig. Wir sind Große Katze. Sie ist we sa.

We sa. Kleine Katze oder Luchs. Oh Mist, was bin ich dumm gewesen. Ich ließ es mir nicht anmerken, doch auf einmal verstand ich, was Beast meinte. Eigentlich ganz logisch, wenn man im Raubtier/Beute-Schema dachte. Bisher war Christie mit ihren Ketten und Peitschen und dem Nagelhalsband hier die Böse, Gefährliche gewesen. Bis ich aufgetaucht war. Und nun war sie plötzlich nicht mehr so böse und gefährlich und verstand nicht, warum.

»Aber Sie«, log ich, »Sie jagen mir eine Heidenangst ein.«

Christie lachte, ein erstauntes Aufbellen. Der Blick, den sie mir zuwarf, war nachdenklich, abschätzend, vielleicht eine Spur hoffnungsvoll. »Ach ja?«

»Ja. Ich sehe Ihnen gerne zu, wenn Sie mit dieser Peitsche trainieren, die Sie manchmal dabeihaben.« Es war zwar Beast, die Freude daran hatte, aber warum nicht?

»Christie ist unglaublich«, sagte Tia nickend, die vollen Lippen zu einem kleinen Bogen verzogen. »Sie kann einen Vamp auspeitschen, bis er fast blutet. Aber nur fast. Die Haut verletzt sie nie. Sie ist talentiert

Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, doch Beast schnurrte bei diesem Bild. »Sie haben alle eine Gabe«, sagte ich in dem Versuch, auf Bliss’ Hexenkräfte und ihre unbekannte Herkunft zu sprechen zu kommen. »Etwas Besonderes, das die anderen nicht haben.«

»Sie meinen, so wie Christie und ihre Peitsche?«, fragte Tia aufgeregt. Als ich nickte, wurden die Augen in dem milchkaffeefarbenen Gesicht groß. »Was habe ich für eine Gabe?«

Okay, vielleicht hätte es eine bessere Möglichkeit gegeben, das Thema anzuschneiden, aber jetzt war ich gezwungen, ihr eine Antwort zu geben. Zuerst wusste ich nicht, was ich sagen sollte, entschied mich aber schließlich für die Wahrheit, auch wenn mich das vermutlich nicht weiterbringen würde. Mich langsam vortastend sagte ich: »Sie sind sanft und freundlich und fürsorglich und sehr nachsichtig. Und bereit, Ihren Kunden nicht nur Ihren Körper zu geben, sondern auch Ihre Liebe und Zuneigung. Und das merken sie. Sie merken, dass sie Ihnen nicht egal sind.«

Während ich sprach, weiteten sich Tias haselnussfarbene Augen, und ihr Mund formte ein erfreutes, überraschtes O. »Lesen Sie auch aus der Hand?« Mit eifriger Miene streckte sie ihre Hand aus.

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Kein Handlesen.«

»Jetzt Christie«, sagte sie.

Ich ließ mich zurücksinken und spielte mit der Tasse, dann nahm ich einen Schluck süßen Tee. Wie hatte ich mir das nur eingebrockt? »Christie ist forsch und abenteuerlustig. Und beherrscht. Das muss sie sein, um bei den verletzten Menschen nicht zu weit zu gehen, die zu ihr kommen, weil ähem « Sie wilden, dominanten, blutigen Sex erleben wollen? Nein. »… sie sich Hilfe erhoffen, um ihre besonderen Bedürfnisse zu befriedigen. Und sie ist mutig und clever. Und ich glaube, dass sie eine gute Beobachtungsgabe und eine gute Menschenkenntnis hat.« Als ich Christie einen verstohlenen Blick zuwarf, machte sie einen verblüfften, aber nicht unzufriedenen Eindruck. Nachdenklich biss sie in ein Gebäckstück, aus dem rotes Gelee quoll. Sie nickte kauend.

»Und jetzt kommt Najla dran«, sagte Tia.

Ich sah Najla an, deren Haut so schwarz war, dass sie in dem schummrigen Licht bläulich wirkte. »Najla ist härter. Sie ist eine Kämpfernatur. Verschlossen. Aber ich würde sie, ohne zu zögern, als Freundin wählen, denn ich glaube, dass sie, wenn sie mir schließlich ihre Freundschaft gewährte, mich niemals verraten würde.«

Najlas Augen wurden schmal, als würde sie in meinen Worten etwas suchen, auf das sie sich stürzen könnte. Als sie nichts fand, legte sie den Kopf schräg und starrte mich mit hartem Blick an. Tia klatschte aufgeregt in die Hände. »Das ist Najla. Als der Rogue uns überfallen hat, hat sie alle Mädchen nach oben gebracht, die Tür verbarrikadiert und einen Stuhl zerbrochen, um an alle Pflöcke zu verteilen. Wenn er hereingekommen wäre, hätte sie ihn umgebracht. Jetzt Bliss! Jetzt Bliss!«

Das war meine Chance, aber ich wusste, wenn ich jetzt das Falsche sagte, hatte ich es vermasselt. Ich wählte einen Krispy-Creme-Donut und biss hinein. Mein Lieblingsdonut, mit Cremefüllung und Schokoglasur, der ausgezeichnet mit dem Zitronenaroma des Tees harmonierte. Langsam kauend sah ich mich in dem Raum um. Seit dem Überfall des Rogues war ich nicht mehr hier gewesen. Das altehrwürdige Esszimmermobiliar aus dunklem Holz, das er zerstört hatte, war durch modernere Stücke aus Wurzelpekannussholz mit schmiedeeisernen Verzierungen im spanischen Stil an den Füßen und Stuhllehnen ersetzt worden. Die Wände waren ausgebessert und in einem warmen Milchschokoladenton gestrichen worden, und die blutbespritzten Gemälde von Katie an den Wänden und die schweren Vorhänge waren gereinigt worden und hingen nun wieder an ihrem Platz. Ich schluckte das letzte Stück Donut hinunter und leckte mir die Finger ab. Trank meinen Tee. Und bemerkte, dass die vier Mädchen mich schweigend beobachteten. Dabei schwiegen sie sonst nie.

»Bliss«, sagte ich. Sie beugten sich näher. »Bliss hat Fähigkeiten, die die der meisten anderen Menschen übertreffen. Sie riecht Dinge, die andere nicht riechen, hört Dinge, die andere nicht hören. Und ich wette, sie sieht auch Dinge, die andere nicht sehen, oder sie sieht sie anders als andere.«

»Wie die alten Frauen, erinnert ihr euch?« Tia sah die anderen an, mit der Hand einen schnellen Kreis malend, als wollte sie sie antreiben. »Schon drei Mal ist das jetzt passiert. Wir haben alle fünf alte Frauen gesehen, aber Bliss sagte, sie seien in Wirklichkeit jünger und ganz mit blauen und schwarzen Pailletten bedeckt.« Tia zuckte die Achseln, als wollte sie sagen: »So zum Beispiel.«

»Ja«, sagte ich vorsichtig. ›Blaue und schwarze Pailletten‹, so würde man eine Machtsignatur beschreiben, wenn man nicht weiß, was das ist. »Bliss sieht etwas anderes, weil sie durch magische Illusionen hindurchsehen kann. Sie hat das, was die Iren vielleicht ›den Blick‹ nennen würden.«

Bliss erhob sich abrupt, so schnell, dass ihr Stuhl ins Kippen geriet und halb herumgerissen wurde. Wortlos und mit schwingendem blauschwarzem Haar verließ sie den Raum. Tias Mund öffnete sich, Tränen traten ihr in die Augen. »Sie ist dir böse. Aber ›der Blick‹ hört sich doch an, als sei es etwas Gutes.« Flehend sah sie Najla und Christie an. »Das ist doch etwas Gutes, oder?«

Christie sah mich mit kalten Augen an. »Nicht, wenn man nicht will, dass es bekannt wird.«

Mit tränennassen Wangen blickte Tia von Christie zu mir. »Bliss!«, rief sie und lief ihrer Freundin nach. Najla warf mir einen Blick zu, der Fleisch hätte pökeln können und folgte ihnen. Ich hörte ihre Schritte, als sie die Treppe hinauf und in ihre Zimmer im Obergeschoss eilten.

»Gut gemacht, Yellowrock«, sagte Christie. »Wie sagen wir ihr, dass sie eine Hexe ist, wenn sie es gar nicht wissen will?«

»Sie wussten es?«, fragte ich.

»Natürlich. Sie hat den Blick, wie Sie gesagt haben. Aber sie will nicht über ihre Eltern reden oder ihr Leben, bevor sie hierher kam. Katie hatte vorgeschlagen, wir sollten ihr Raum geben, damit sie auf ihre Weise damit klarkommen kann.«

Was gut zu wissen gewesen wäre. »Habt ihr alle diese fünf Frauen mit dem Illusionszauber gesehen?« Sie nickte, aber so steif, als hätte sie am liebsten gelogen und die Frage verneint, brächte es aber nicht über sich. »Wo? Und waren es immer dieselben Frauen?«, fragte ich, weil ich glaubte, so etwas Ähnliches schon einmal gesehen zu haben, mich aber nicht mehr an die genauen Umstände erinnern konnte.

»Ein paar Mal im Quarter. Einmal im Warehouse District. Bliss hat einen Stammkunden, einen Vamp, der ihr seinen Wagen schickt, der sie in sein schickes Appartement im District bringt, deshalb ist sie ziemlich oft dort. Tia hat einen Stammkunden in der Royal Street, den sie zweimal die Woche besucht. Ich weiß nicht, ob es immer dieselben Frauen waren, aber es war jedes Mal derselbe Illusionszauber. Mittleres Alter, altbacken, ein bisschen pummelig. Warum?«

»Ich bin mir nicht sicher. Aber würden Sie die anderen bitten, dass sie mich anrufen, wenn sie sie das nächste Mal sehen? Ich würde mir das gern selbst einmal ansehen.«

Christie verdrehte die Augen. »Klar. Meinetwegen.« Sie schob mir ein grellpinkfarbenes Handy zu. »Das funktioniert noch nicht wieder, aber Sie können Ihre Nummer darin speichern. Und dann verschwinden Sie. Ich brauche meinen Schönheitsschlaf.«

Ich parkte Mischa in einer öffentlichen Garage in der Nähe des Haupteingangs des NOPD, des New Orleans Police Departments in der South Broad Street. In dieser Gegend gab es bereits wieder Strom: Die Ampeln blinkten, die Klimaanlagen summten, und die Einsatzwagen sausten los, um Notrufen zu folgen. Ich war nicht bewaffnet, aber ich hatte mein Handy, Kleingeld für die Snack-Automaten, falls ich Hunger bekäme, ein spiralgebundenes Notizbuch und eine Kamera bei mir. Und hier gab es auch wieder ein Netz. Super.

Ich hoffte, mehr über das Verhältnis zwischen Hexen und Vamps zu erfahren, sowie Informationen über die Geschichte der Vamps zu bekommen, die mich zu dem Schöpfer des jungen Rogue führen würden. Es war verboten, Kameras mit ins Revier zu nehmen, aber wenn sie mich nicht abtasteten, würde ich sie nicht mit der Nase darauf stoßen. Wenn man mich ließ, würde ich reichlich Fotos schießen und sie an mich selbst mailen. Schließlich wollte ich handfeste Beweise. Mit dem Handy konnte ich zwar zur Not auch fotografieren, aber ich würde möglicherweise viel Platz brauchen und kannte die Speicherkapazität nicht. Ich schob Kamera und Handy in meine Stiefel.

Drinnen war der Teufel los: Zwei Dutzend nach Wodka, Bier, Starkbier, Wein und billigem Duftwasser stinkende Querulanten in Handschellen warteten darauf, dass ihre Personalien aufgenommen wurden. Uniformierte Polizeibeamte flitzten hierhin und dorthin okay, schlenderten hierhin und dorthin , Tastaturen klapperten, Funkgeräte und Telefone Handys und Festnetzgeräte klingelten, Computer piepten, Drucker ratterten, und die Lautsprecher der Notrufzentrale plapperten. Eine irgendwie gemütliche Atmosphäre, trotzdem war ich so nervös wie eine Katze in einem Raum voller Wölfe.

Beast spitzte die Ohren und lauschte auf das organisierte Chaos. Ihre Pfoten machten Melkbewegungen an meinem Geist, wie immer, wenn sie an etwas interessiert war: Sie streckte die Krallen aus, ein schmerzhafter Piks in meinen Geist, dann zog sie die Krallen wieder ein. Nicht angenehm, aber auf diese Weise blieb ich wachsam.

Ein wenig zu schnell atmend und vor Nervosität schwitzend meldete ich mich an. Der bewaffnete Wachbeamte warf einen Blick auf meinen Ausweis und hängte sich ans Telefon. Während ich wartete, sah ich auf das Display meines Handys und stellte fest, dass ich noch Empfang hatte. Sehr gut. Wenn das jetzt auch hinter den Mauern des NOPD so war und es mir gelang, Kamera und Handy hineinzuschmuggeln, wäre alles bestens.

Als der bewaffnete Officer mich endlich durchwinkte, musste er mir die Wegbeschreibung zuschreien, um sich gegen das Gebrüll am Eingang durchzusetzen. Ein Transvestit mit reichlich Piercings in einem hautengen lilafarbenen Paillettenabendkleid und sonst nichts hatte lautstark sein Recht eingefordert, auf die Damentoilette zu gehen, trotz der männlichen Geschlechtsteile, die sichtbar unter dem lilafarbenen Kleid baumelten. Dank ihres seines? dramatischen Auftritts konnte ich mir mein Handy und die Kamera selber nehmen und durchschlüpfen, ohne dass der Metalldetektor losging.

Der Schweiß lief mir über den Rücken, als ich hastig beides zurück in den Stiefelschaft schob, meinen Besucheranstecker entgegennahm und den gebrüllten Anweisungen folgte, indem ich die Treppe in den zweiten Stock hochstieg. Ich schlängelte mich durch das zweckmäßig, aber langweilig eingerichtete Großraumbüro, in dem es nach Starbucks roch jemand hatte Kaffee für alle geholt, und nun lagen die Becher zerdrückt zwischen den Schreibtischen. Als ich schließlich Rick LaFleur entdeckte, hatte ich aufgehört zu schwitzen und war entspannt oder gab mir wenigstens den Anschein. Rick saß auf einem unbequem aussehenden Schreibtischstuhl, die Füße vor sich auf dem Tisch gekreuzt. Er hatte schwarze Augen und schwarzes Haar, einen Frenchy Look, wie die Leute hier in der Gegend das nennen. Ein schöner Mann, bei Weitem der schönste, den ich kannte. Auf einer Schulter, versteckt unter dem Hemd, trug er das kunstvoll ausgeführte Tattoo eines Luchses und Pumas meine beiden Tiere und um die andere einen Ring aus Katzenkrallen. Und vermutlich viele Narben von einem Säbelzahntiger, der ihn angefallen hatte.

Seitdem hatten wir uns weder gesehen noch miteinander telefoniert, abgesehen von dem einen Mal, als ich ihm alles, was ich konnte, über die Attacke berichtete, die er beinahe nicht überlebt hätte. Jetzt beobachtete Rick mich dabei, wie ich den Raum durchquerte. Er lächelte nicht. Er wirkte kalt, distanziert und nicht besonders freundlich.

Warum machten nur alle meine männlichen Bekanntschaften so saure Gesichter, wenn sie mich sahen? Dagegen musste ich dringend etwas unternehmen. Denn saure Mienen konnten nur bedeuten, dass man abserviert und kaltgestellt wurde. Auch Beast hatte andere Vorstellungen, und ich spürte, wie sie durch meine Augen spähte. ›Provokativ‹ hieß Beast mit zweitem Vornamen. Ihrem Beispiel folgend, stieß ich Ricks Füße vom Tisch und nahm ihren Platz ein. »Lange nicht gesehen, Ricky-Bo. Für Katzenfutter sehen Sie bemerkenswert gesund aus.«

Er machte schmale Augen und nahm die Beine vom Tisch. Es blieben ihm ja auch nicht viele andere Möglichkeiten. Doch bevor er sie auf den Boden stellte, ließ er seine Westernstiefel von Frye und die Beine seiner abgewetzten Jeans einen Moment in der Luft hängen. Rick war nicht glücklich. Bis vor Kurzem hatte er noch undercover gearbeitet. Dabei war ich ihm als Beast gefolgt und hatte ein oder zwei Unterhaltungen belauscht, inklusive Bettgeflüster. Außerdem hatte ich ihm das Leben gerettet, aber seine Erinnerung daran war eher wirr und konfus. Wenn er sich an den Kampf erinnern würde, wäre er sicher dankbarer, redete ich mir ein. Andererseits war er immer noch an den Schreibtisch gefesselt. Laut Aussage des Trolls, dem Majordomus bei Katie’s Ladies, und Ricks Onkel, würde er jetzt, da die Vamps wussten, dass er ein Cop war, nie wieder undercover arbeiten können. Vielleicht war er mir doch nicht dankbar.

Ich beugte mich vor und sagte leise: »Ricky-Bo, ich brauche Einsicht in die Akten und Berichte über alle jungen freilaufenden Rogues, sagen wir, der letzten paar Jahre. Hat das NOPD Vampakten?«

Seine Augen wurden schärfer, und ich sah, wie etwas dahinter passierte. Ich war ziemlich sicher, dass mir das Ergebnis nicht gefallen würde. »Vielleicht. Was haben Sie dafür anzubieten?«

Eine Verhandlung. Ich hätte es wissen müssen. »Wie wäre es mit Ihrem Leben. Erinnern Sie dich daran? Und wie wäre es mit dem Rogue, der die Cops getötet hat, Ihre Freunde und Kollegen? Sie haben die Fotos gesehen. Sie schulden mir etwas.«

Ricks Gesicht verschloss sich und wurde zu einer Maske, einem Cop-Gesicht. »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wie wäre es, wenn Sie mir sagen, woran Sie für die Vamps arbeiten? Wenn es mir gefällt, werden wir sehen, ob das NOPD etwas hat, das Ihnen von Nutzen sein kann.«

Ich ließ es zu, dass Beast in meinen Augen erschien, und lehnte mich vor. Rick ergriff nicht die Flucht, aber sein Körper erstarrte, und ich roch das Adrenalin, das aus seinen Poren drang. Ich redete leise, damit nur er mich hören konnte, und Beast beobachtete dabei seine Augen, schätzte ihn ein, wie es ein Raubtier tat. »In meinem Vertrag steht, dass ich einen Vamp unschädlich machen soll, der junge Rogues erschafft und sie dann freilässt, ungeheilt, damit sie sich an der Bevölkerung nähren. Bisher habe ich noch nichts, deswegen kann ich Ihnen auch noch nichts sagen, aber das ist wohl auch schon genug Quidproquo

Ich ließ meinen Blick hinunter zu seiner Brust wandern und zu den Narben unter seinem Hemd, die ihm die Säbelzahntigerkrallen zugefügt hatten. Plötzlich sah ich wieder vor mir, wie Rick in der riesigen Blutlache inmitten des verwüsteten Zimmers gelegen hatte. Die Erinnerung war so frisch und schmerzhaft, als wäre es gerade erst passiert.

Seine Augen verdunkelten sich, als würde er ebenfalls diese Nacht sehen, die Erinnerung an den Angriff. Er fluchte, aber ohne Überzeugung, den Blick nach innen gewandt, die Hand auf der vernarbten Brust. Ich wusste nicht, was er dachte, aber der verlorene Blick, der in seinen Augen erschien, gefiel mir nicht. Ich stupste sein Knie mit meinem an. »Also, sagen Sie mir jetzt, was ich wissen muss? Über die Vamps?«

Mit sichtlicher Anstrengung zwang er sich zurück in die Gegenwart, und sein suchender und seltsam verletzlicher Blick begegnete meinem. Für einen Moment glaubte ich, er würde die Hand heben und mein Gesicht berühren, doch dann seufzte er ergeben. »Ja, ich glaube, das reicht für ein Quidproquo. Sie haben irgendetwas an sich, Yellowrock, ich weiß nicht, was.« Da ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach, sagte ich lieber nichts. Nach einer Weile stieß er die Luft aus, wieder verärgert, aber dieses Mal ohne den resignierten Unterton. »Kommen Sie.« Und damit war ich dabei. Rick LaFleur, ehemaliger Undercovercop, jetzt zum Schreibtischdienst verdonnert, führte mich über mehrere Treppen vor eine Zimmertür, an der kein Name stand, nur eine Nummer: 666.

»Niedlich«, sagte ich, als ich die Zahlen sah.

»Ja, Polizeihumor. Hier bewahren wir die schrägen Fälle und den Hokuspokus-Kram auf.« Jetzt klang er wieder wie er selbst, heiter und sorglos. Er öffnete die Tür und ging vor mir hinein. Und ich hörte, wie sich eine Metallschublade öffnete. Über Ricks Schulter hinweg entdeckte ich Jodi Richoux, die einen dünnen roten Ordner in einen metallenen Aktenschrank tat. Der Blick, den sie mir zuwarf, war sehr vielsagend, wenn ich nur clever genug gewesen wäre, zu verstehen, was sie mir sagen wollte. Ganz offensichtlich war Jodi nicht überrascht, mich hier zu sehen. Sie schien mich sogar erwartet zu haben. So, als habe sie mich ankommen sehen und sich beeilt, um vor mir hier in diesem Raum zu sein. Ich roch ihre Unruhe, als sie die Schublade zudrückte und abschloss.

Bevor Molly gekommen war, war ich einmal mit Jodi ein paar Bier trinken gegangen. Das machte uns natürlich nicht zu Busenfreundinnen, aber irgendwie waren wir im Lauf des Abends auf der Tanzfläche gelandet und hatten halb betrunken getanzt. Es war ein schönes Gefühl gewesen, so etwas Ähnliches wie eine Freundin zu haben, denn ohne Molly hatte ich mich ein wenig einsam gefühlt. »LaFleur, Yellowrock«, sagte sie.

»Richoux«, sagten wir gleichzeitig. Sie nickte und verließ den Raum, wobei sie mir im Vorbeigehen wieder diesen eigenartigen Blick zuwarf und von der Tür aus noch einmal zurückschaute auf die Schublade, die sie zuvor geöffnet hatte. Und dann war sie fort.

Die Wände des Raums entlang zogen sich graue und militärgrüne Metallaktenschränke. In der Mitte standen ein langer Tisch und sechs metallene Klappstühle. Keine Fenster. Nur zwei nackte Glühbirnen, die den Raum in ein harsches, grelles Licht tauchten. Rick tätschelte den Aktenschrank, den Jodi gerade geschlossen hatte, und sagte: »Alles, was wir über die Vamps haben, seitdem sie sich geoutet haben, ist hier drin.« Er klapperte mit einem Schlüsselbund, wählte einen aus und schloss den Schrank auf.

Alles das war eine Hängeregistratur mit zwei Schubladen mit der Aufschrift 666-OV. Auf dem Schrank standen drei Pappkartons. Ich zog eine Schublade auf und sah Ordner, die in zwei Gruppen eingeteilt und mit kleinen Schildchen beschriftet waren Clans, Geschichte, Diverses, solche Sachen. Mich juckte es in den Fingern, also zog ich einen dicken Ordner mit der Aufschrift Geschichte heraus und öffnete ihn. Lose Blätter verrutschten mit einem trockenen, raschelnden Geräusch, wie Schlangen, die über Felsen gleiten. Obenauf lag ein Polizeibericht aus dem Jahre 1978.

»Ahhh«, sagte ich, ohne den Kopf zu heben. Meine Aufregung stieg. »Das könnte eine Weile dauern.«

»Ich schließe Sie ein.«

»Was? Nein.« Ich hasste geschlossene Räume und Beast ebenfalls. Ich spürte, wie sie aus meinen Augenhöhlen starrte, und ein Knurren stieg tief aus ihrer Kehle, das ich gerade noch unterdrücken konnte, bevor es aus meiner drang.

»Dieser Flur ist voller vertraulicher Akten über paranormale Ermittlungen, viele davon so alt, dass es sie nur in Papierform gibt. Wenn ich die Zeit hätte, Sie zu babysitten oder einen Uniformierten herunterschicken könnte, wäre es etwas anderes. Aber so muss es das Schloss tun. Rufen Sie mich an meinem Schreibtisch an, wenn Sie fertig sind.«

Ich sah wieder auf den Ordner in meiner Hand und wusste, ich würde bleiben müssen. Okay, na gut. Ich würde es schon schaffen.