»Jetzt schaut’s euch die Überwachungsbänder noch mal gescheit an, wir sehen uns derweil in der Garderobe ein bisserl um«, sagte Bydlinski. »Vielleicht hat er sich ja auf an Bügel gehängt.«
Kluftinger trat der Schweiß auf die Stirn. Wie hatte das passieren können? »Hat jemand die Kamera manipuliert?«, fragte er Maier verzweifelt.
»Hm, eher unwahrscheinlich. Es läuft ja eine Echtzeituhr mit.«
»Kreuzkruzifix«, schimpfte er so laut, dass Eva Brandstätter zusammenzuckte. Kluftinger sah sich um: Er wollte schnellstmöglich die fremden Leute hier loswerden. Sie mussten ja nicht noch mehr von dieser blamablen Vorstellung mitbekommen. Und sie machten ihn nur nervös.
»Frau Brandstätter, Herr Kuffler, Herr Preißler, es tut mir leid, dass diese unvorhersehbaren Ereignisse unser Gespräch ein wenig durcheinandergebracht haben. Aber wir haben doch wichtige Einschätzungen von Ihnen bekommen.« Mit diesen Worten erhob sich der Kommissar und streckte eine Hand zur Verabschiedung aus. »Wenn wir noch Fragen haben, melden wir uns, jetzt müssen Sie uns aber entschuldigen.«
Vom hektischen Gefuchtel seines Chefs angetrieben, spulte Maier das Video der Szenen, die sie gerade beobachtet hatten, wieder zurück.
»Stopp, ab da!«, rief Kluftinger, als sie die Stelle erreicht hatten, die zeigte, wie der Schutzpatron auf der Herrentoilette verschwand. Die Polizisten beugten sich vor und kniffen die Augen zusammen.
»Sagt’s mir einfach, wer alles rausgekommen ist«, quäkte Bydlinski aus dem Lautsprecher des Telefons.
Wie gebannt starrten sie auf die Toilettentür und zuckten jedes Mal leicht zusammen, wenn sie sich bewegte.
»Als Erstes haben wir da so einen kleinen Mann mit Glatze. Aber das …«, Kluftinger rückte noch etwas näher an die Leinwand, um sicherzugehen, »… nein, das kann er nicht sein.« Auch seine Kollegen schüttelten die Köpfe.
Reglos warteten sie auf den Nächsten, der herauskommen würde. »Jetzt ist da einer mit Kind. Können wir wohl auch abhaken, ich mein, wo soll der schon so schnell Nachwuchs herbekommen haben.«
Wieder vergingen ein paar Sekunden, ohne dass jemand etwas sagte. »So, jetzt haben wir ja regelrechten Stoßverkehr: ein junger Blondschopf mit Lederjacke, ein Angestellter vom Haus mit einem Wischmopp, ein älterer Mann mit Stock, der …«
»Moment!« Bydlinskis Stimme überschlug sich fast, als er das Wort ins Telefon bellte. »Scheiße, ich bin so ein Riesenhirsch!«
»Was ist denn los?«
»Er ist mir eh schon begegnet. Draußen.«
»Unser Mann?«
»Unser Mann. Eh.«
»Herrgott, jetzt lass dir halt nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Welcher ist es denn?«
»Der Putzmann!«
Kluftinger bedeutete Maier mit einer rotierenden Handbewegung, dass er die Aufnahme ein paar Sekunden zurückspulen solle. Als der Mann mit dem Mopp erneut erschien, hielt Maier den Film an.
Kluftinger kraulte sich das Kinn. »Was macht dich so sicher, dass er es ist?«, wollte er von seinem österreichischen Kollegen wissen.
Auf dem Schirm sahen sie einen Mann, dessen Größe mit der des Gesuchten durchaus übereinstimmte. Er war jedoch wesentlich korpulenter; unter seinem Overall zeichnete sich ein stattlicher Bauch ab. Das Gesicht konnten sie nicht erkennen, denn er trug eine Baseballkappe.
»Ich bin ein Rindviech, aber in der Eile ist es mir nicht aufgefallen«, schimpfte Bydlinski ins Telefon. »Uns hat es so pressiert, dass ich es nur unterbewusst wahrgenommen hab. Aber jetzt seh ich es genau vor mir. Ich bin die paar Stufen raufgegangen zum Eingang. Und da kommt der mir entgegen in diesem Arbeitsanzug. Irgendwas ist mir komisch vorgekommen, aber ich hab nicht drüber nachdenken können. Jetzt weiß ich es: die Schuhe!«
Kluftinger kniff die Augen noch ein bisschen weiter zu, aber die Aufnahme war einfach nicht gut genug, als dass man solche Details hätte erkennen können. »Was ist mit den Schuhen?«
»Es waren blank polierte Ledertreter. Edle Schuhe. Nix, was ein Putzmann anhaben würde. Scheiße, tut mir eh total leid, Kollegen.«
Kluftinger fand es beeindruckend, dass sich Bydlinski überhaupt an ein solches Detail erinnern konnte.
»Respekt, Valentin«, sagte er deswegen. »Mach dir keine Vorwürfe, dich trifft wirklich keine Schuld. Habt ihr seinen Rucksack im Klo gefunden?«
»Nein, ’s Häuserl ist ganz leer.«
»Dann hat er den wahrscheinlich um seinen Bauch geschnallt«, vermutete der Kommissar.
»Ganz schön gerissen, der Gute«, sagte Strobl, und es klang fast ein wenig anerkennend.
»Und was machen wir jetzt?«, wollte Hefele wissen.
»Könnt’s ihr euch bitte die Aufnahmen noch mal anschauen?«, bat Bydlinski. »Und zwar von da an, wo er das Gebäude betreten hat. Bleibt ihm auf den Fersen. Vielleicht entdeckt ihr noch irgendwas. Ich bleib auf Empfang, meine Herren.«
»Ich bleib auf Empfang, meine Herren«, äffte Hefele den österreichischen Kollegen flüsternd nach. »Ist das jetzt unser neuer Chef, oder was? Arbeiten wir jetzt neuerdings für den?«
»Der arbeitet gerade für uns, Roland«, versetzte Kluftinger ruppig. »Und wenn du persönliche Probleme mit ihm hast, unsere Sekretärin betreffend, dann trag die auch mit ihm persönlich aus.«
Hefele verschränkte schmollend die Arme.
»Ich bin schon mal auf den Anfang gegangen«, mischte sich Maier eilfertig ein und erntete dafür eine Grimasse von Hefele.
»Gut, also, fangen wir an. Konzentration bitte.« Sie blickten auch beim zweiten Mal so gebannt auf den Film, als wäre der ein spannender Krimi, auch wenn er nichts als alltägliche Bilder einer Ausstellung zeigte. Sie folgten dem Mann ohne Namen, der sich sehr aufmerksam, aber unauffällig in dem großen Ausstellungsraum umsah und besonders lange vor der Reliquienmonstranz verharrte – was er aber mit den meisten Besuchern gemeinsam hatte. Dann schlenderte er weiter, betrachtete die anderen Exponate, wiegte manchmal seinen Kopf. Hätten sie nicht gewusst, wen sie da beobachteten, ihnen wäre wie zu Beginn der Überwachung nichts aufgefallen.
»Was macht er denn da immer?«, durchbrach Kluftinger als Erster die Stille.
»Wo?«, fragte Strobl.
»Na, da. Er langt sich immer an seine Brusttasche. Seht ihr das? Da, jetzt wieder.«
»Vielleicht juckt es ihn«, schlug Hefele vor.
»Richie, kannst du das noch mehr vergrößern?«
»Ich glaube nicht. Bei der Auflösung würden wir da auch nicht mehr sehen.«
»Hm, vielleicht ist es auch nicht so wichtig.«
Wieder schwiegen sie eine Weile, sahen ihm zu, wie er gemächlich weiterschlenderte, bis Strobl sagte: »Da, jetzt kriegt er den Anruf. Mensch, der hat’s echt drauf. Der weiß genau, wo die Kameras sind, und jetzt dreht er sich weg. Nicht mal von seinen Lippen könnte man lesen, also, wenn man’s denn könnte.«
Kluftinger nickte. Der Mann verstand sein Handwerk.
»Und was macht er jetzt?«, fragte Hefele plötzlich.
»Wieso? Er schaut sich den Schatz an, siehst du doch«, kam es von Maier.
Der Mann stand nun mit dem Rücken zur Kamera vor einer Infotafel an der Längsseite.
»Ja, aber schaut mal auf seinen Kopf …«, beharrte Hefele.
»Hm, sieht aus, als ob er Kaugummi kaut oder so«, versuchte Kluftinger zu deuten, was sie alle sahen.
Ein paar Sekunden lang starrten sie auf das Videobild, dann fiel es Strobl und Kluftinger gleichzeitig auf: »Nein, er spricht. Herrgott noch mal, er spricht!«, rief der Kommissar. »Er redet mit dem Typ, der da neben ihm steht!«
»Was ist denn bei euch los, meine Herren?«, meldete sich Bydlinski wieder.
»Hör zu, Valentin«, erklärte Kluftinger, »wir haben hier was. Er spricht hier mit einem Mann neben sich, der trägt einen Mantel und so eine Umhängetasche mit großen Streifen. Seht zu, dass keiner mehr rauskommt, und schaut, ob er noch da ist.«
Der Österreicher ließ sich nicht zweimal bitten. »Okay. Wenn ihr auf den Kameras irgendwas seht, dann sagt’s bitte Bescheid.«
Die Kemptener Polizisten verfolgten auf der Leinwand fieberhaft die Livebilder von Bydlinskis Suche. Sie sahen die Kollegen in den Räumen umherlaufen und hörten aus dem Telefon die Geräusche dazu. Plötzlich ertönten laute Stimmen, und einige Menschen auf dem Videobild liefen aufgeregt durcheinander. Dann knackte es, als wäre die Leitung gestört, und schließlich meldete sich Bydlinskis Stimme wieder: »Wir haben ihn. Wollte abhauen. Scheint eh der Richtige zu sein.«
»Wo seid ihr denn grad?«, fragte Kluftinger, der sie auf dem Schirm aus den Augen verloren hatte.
»Na da«, erwiderte Bydlinski.
Jetzt sah er ihn wieder: Er winkte in eine der Kameras, neben ihm stand der Mann, den sie eben noch mit dem Schutzpatron hatten reden sehen. Kluftinger seufzte und lächelte zufrieden. Damit hatten sie in ihrem Fall einen Riesenschritt gemacht.
»Sauber, Kollege. Sauber!«, rief er ins Telefon. »Damit habt ihr was gut bei uns.«
»Bitte danke! Dann gib mir doch die neue Telefonnummer von der Sandy«, tönte die Antwort aus dem Hörer. Mit einem heiseren Lachen legte der Österreicher auf.
Keine zwei Stunden später piepste Kluftingers Handy, und es erschien eine Nachricht auf dem Display: You have received an MMS from Bydlinski V.
Dem Kommissar, dem in dieser Zeile nur der Name seines österreichischen Kollegen etwas sagte, hätte gerne Sandy um Hilfe gebeten, doch das schien ihm aufgrund des momentan doch recht belasteten Verhältnisses keine gute Idee zu sein. Nach kurzem Nachdenken stand er auf und stattete Maier einen Besuch in seinem Büro ab.
»Was gibt’s, Chef?«, fragte der mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Ich … ach so, ja, wollt bloß … wollt bloß sagen, dass du das gut hingekriegt hast, mit diesem Bihmerdings …«
Maier strahlte übers ganze Gesicht bei diesem unerwarteten Lob und bemerkte deshalb nicht, wie Kluftinger sein Handy in das Aktenregal legte.
»Ja, also, das wollt ich bloß sagen«, beendete Kluftinger seinen Kurzbesuch und ließ einen glücklichen Maier zurück. Dann huschte er in sein Büro und rief seine eigene Nummer an. Er ließ es zwei Mal klingeln, dann legte er auf. In Gedanken zählte er die Sekunden, bis …
»Du hast dein Handy bei mir liegen lassen«, sagte Maier, als er in Kluftingers Büro stürmte. »Und eine MMS hast du auch bekommen. Vom Bydlinski.« Der Kommissar war sich sicher gewesen, dass Maier das auf keinen Fall entgehen würde.
»Eine MMS?«, wiederhole Kluftinger. »Ja, mach sie doch grad mal …«, er suchte nach der richtigen Präposition, um den Satz zu beenden, »… an.«
Maier drückte ein bisschen auf dem Gerät herum und las schließlich laut vor: »Seavas Kollegen, das haben wir im Hotelzimmer unseres neuen Freundes gefunden. Der Fisch, übrigens ein Allgäuer, scheint ins Netz gegangen zu sein. Bitte kommt selber nach Wien und schaut es euch an. Lg, byd«
»Aha. Und hat er nicht geschrieben, was sie gefunden haben?«, wollte Kluftinger verwirrt wissen.
»Geschrieben nicht«, antwortete Maier und hielt ihm das Handydisplay vors Gesicht. Darauf war ein Foto zu sehen, das einen großen, goldglänzenden Gegenstand zeigte: die Reliquienmonstranz des heiligen Magnus.
Kluftingers Blick haftete auf dem kleinen Bildschirm seines Handys. Er hatte sofort in Österreich angerufen. Bei dem Mann handelte es sich um Markus Strehl, wohnhaft in Lindenberg. Er war gelernter Goldschmied, arbeitete bei einem Juwelier in Lindau. Er war zwar bereits wegen kleiner Delikte aufgefallen, aber momentan lag nichts gegen ihn vor, das hatte Kluftinger sofort überprüfen lassen. Bydlinski hatte am Telefon noch einmal bekräftigt, dass er es für sinnvoll halte, wenn Kluftingers Leute möglichst bald nach Wien kommen würden, um den Mann zu vernehmen.
Der Kommissar legte das Telefon weg und ging zur Tür. Er bat Sandy, die Kollegen in sein Büro zu schicken. Dann ging er zum Fenster und atmete tief durch. Der Fall hatte auf einmal so sehr an Fahrt gewonnen, wie er es noch am Morgen nicht für möglich gehalten hätte. Im gegenüberliegenden Haus lehnte Uschi, die in die Jahre gekommene Blondine, gerade aus dem Fenster und rauchte eine Zigarette. Mittagspause, dachte der Kommissar. Er war immer wieder erstaunt, dass es auch in diesem Gewerbe dieselben Rituale gab wie in jedem anderen Beruf. Als sie den Kommissar sah, winkte sie eifrig herüber und schien ihm bedeuten zu wollen, das Fenster zu öffnen, doch Kluftinger grüßte nur kurz zurück, denn in diesem Moment betraten seine drei Kommissare nacheinander das Büro. Er schloss den Lamellenvorhang und bat die Kollegen, in der Sitzgruppe Platz zu nehmen.
»Also, Männer, der Richie hat euch ja schon informiert, was in Wien passiert ist. Es schaut ganz so aus, als würden wir damit ziemlich knapp vor dem Abschluss unseres Falles stehen – vorausgesetzt, die Fahndung nach dem Schutzpatron ist auch noch erfolgreich. Wie auch immer, die Kollegen in Wien erwarten, dass wir selbst kommen und diesen Strehl vernehmen. Das kann uns ja eigentlich nur recht sein!«
Die anderen nickten eifrig.
»Das heißt, zwei von uns … von euch werden möglichst heute noch nach Wien fahren.«
Das Nicken war nun schon deutlich weniger intensiv.
»Also, wenn ich das gleich mal sagen darf: Nach Wien fahren ist ja wohl ein ziemlicher Blödsinn!«, bemerkte Maier. »Wir müssen schnell dort sein, also sollten wir schon fliegen. Ich hab im Routenplaner nachgeschaut, mit dem Auto sind das sechs Stunden und vier Minuten.«
»Und vier Minuten, aha!«, wiederholte Hefele spöttisch. »Und wenn du fährst, vielleicht sogar elf, oder, Richie?«
»Ach was! Eigentlich sind’s neun, aber wir sind hier ja gut an die Autobahn angebunden, das hab ich abgezogen.«
Die anderen warfen sich vielsagende Blicke zu.
Maier ließ sich nicht beirren. »Mit dem Zug, auch das habe ich recherchiert, braucht man mindestens sechseinhalb Stunden. Mit dem Flugzeug gerade mal eine!«
Kluftinger nickte zustimmend. »Ich seh kein Problem, wenn ihr fliegen wollt. Wir kriegen das auf jeden Fall genehmigt, die Zeit drängt ja wirklich, noch dazu, wo der Schutzpatron nach wie vor auf der Flucht ist.«
Hefele meldete sich zu Wort: »Also, ich wollt nur sagen, dass ich da leider nicht zur Verfügung stehe.«
Kluftinger sah ihn stirnrunzelnd an. »Heu, ja wieso, hast du was vor heut Abend?«
»Ja, ich hab … ich muss halt so … Sachen noch … erledigen«, druckste er herum.
Die drei Kollegen sahen ihn grinsend an.
»So Sachen! Aha!«, gluckste Strobl. »Hat das am Ende was mit der Sandy zu tun?«
»Vielleicht ein Schwang…«, begann Maier, wurde aber von Hefele unterbrochen, der mit hochrotem Kopf aufsprang und sich vor seinem Kollegen aufbaute.
»Jetzt hör mal gut zu, du Krischpl! Ich hab verdammte Flugangst, okay? Und wenn ihr jetzt nicht gleich mit diesem Schmarrn aufhört, dann geh ich mich beschweren! Das ist lupenreines Mobbing, was ihr mit mir macht – und übrigens auch mit der Sandy!«
Maier schluckte. Hefele hatte sich jedoch wieder gefangen und setzte sich, noch immer vor Wut schnaubend, wieder auf seinen Platz.
Kluftinger warf Strobl einen eindringlich mahnenden Blick zu. Nun mussten sie sich alle am Riemen reißen, damit diese seltsam aufgeladene Stimmung, die seit einigen Tagen das ansonsten doch eher beschaulich dahinplätschernde Miteinander in der Abteilung belastete, nicht eskalierte. Schuld an allem war letztlich Sandys Schwangerschaft, resümierte der Kommissar für sich.
»Also, ruhig Blut, Männer! Flugangst ist ein ernsthafter Grund, der Roland ist raus aus der Sache«, entschied der Kommissar.
»Also: Ich würd schon mal auf jeden Fall mitfliegen!«, bot sich Maier an.
»Gut, also, wenn’s nicht anders geht: Richie, Eugen, ihr beide …«
»Moment, Klufti, ich kann echt auch nicht fliegen. Nicht heut.«
Kluftinger sah Strobl mit großen Augen an.
»Ja, wie? Du auch nicht? Jetzt sag bloß, du hast auch Flugangst!«
Strobl schüttelte energisch den Kopf. »Schmarrn Flugangst. Wegen dem neuen Bad. Morgen kommen der Fliesenleger und der Installateur, und ich muss noch den Boden rausreißen, sonst können die gar nicht anfangen. Echt, Klufti, du weißt, dass ich mich nicht drücken würde, ich würd fahren, aber diesmal geht es echt nicht.«
Kluftinger seufzte. »Echt klar.«
»Na, da bleiben wohl nur wir zwei beide!«, tönte Maier vergnügt. »Also, ich hab schon mal geschaut wegen einem Flug.«
Kluftinger sah zu Boden. Priml. Nicht im Traum hatte er daran gedacht, selbst die spontane Reise anzutreten. Und dann auch noch in dieser Begleitung. »Also, wenn’s denn sein muss, dann fahr ich halt mit!«, brummte er. »Richard, wie lange dauert das noch mal mit dem Auto, sagst du?«
»Wie gesagt, indiskutabel lang!«
»So lang ist das doch gar nicht! Schau mal: Bis wir erst mal in München am Flughafen sind und dann diese ganzen Ausreiseformalitäten erledigt haben, da sind wir schon halb in Wien!«
»Ausreiseformalitäten?« Maier runzelte ungläubig die Stirn. »Österreich ist Teil des Schengenraumes, das weißt du schon, oder?«
Der Kommissar zog die Brauen nach oben. »Mei, bist du gescheit! Das weiß ich schon. Halt das Ein…schecken und so!«
»Sag mal, wer hat vorher gesagt, es ist kein Problem, wenn wir fliegen?«, schaltete sich Strobl ein.
»Ich hab halt grad noch mal drüber nachgedacht! Und rein ökologisch gesehen ist das schon viel schlechter, die Fliegerei!« Er musste zugeben, dass diese Worte ausgerechnet aus seinem Munde nicht allzu überzeugend klangen.
Roland Hefele, der sich anscheinend wieder vollständig beruhigt hatte, sagte, die Hand auf Kluftingers Arm gelegt: »Du, Klufti, also wenn du auch Flugangst hast, dann sag’s einfach. Wir finden dann schon eine Lösung!«
Der Kommissar zog seinen Arm weg. »Schmarrn! Flugangst!«, blaffte er. »Was weiß denn ich, ob ich Flugangst hab!«
»Wie, du weißt es nicht?«, bohrte Maier nach.
Diesmal war es Kluftingers Gesicht, das eine rote Färbung annahm. »Ja, wie gesagt: Ich kann es nicht sagen! Ich bin noch nicht geflogen, also … bisher!«
Die drei anderen sahen sich grinsend an, verkniffen sich jedoch angesichts der angespannten Stimmung jeglichen Kommentar.
Maier sagte in verständnisvollem Ton: »Du … Chef, ich bin doch bei dir!«
»Ja, eben!«, stöhnte Kluftinger und musste ebenfalls grinsen.
»Jedenfalls hab ich mich schon erkundigt: Es geht heute noch eine Maschine von Memmingen nach Wien, um zwei Uhr ist Abflug, wenn wir Internet-Check-in machen und nur Handgepäck mitnehmen, müssen wir gerade mal eine halbe Stunde vorher da sein.«
»Komm, Klufti, mal vom Allgäu Airport fliegen ist schon ein Erlebnis! Und es wird Zeit für deinen ersten Flug!«, ermunterte ihn Strobl.
»Ja, ist ja schon recht, von mir aus, wenn’s nicht anders geht! Aber apropos Handgepäck: Ich hab noch nicht mal das! Ich war doch nicht drauf eingerichtet!«
»Ja, meinst du, ich? Ich würd halt jetzt schnell heim nach Leutkirch fahren und was holen.«
»Du, Richie, weißt du was, da fährst du am Rückweg schnell bei mir vorbei. Ich sag meiner Frau, dass sie mir was zusammenpacken und dir dann mitgeben soll!«
»Bitte, ganz wie du meinst.«
»Und du musst das alles buchen, gell? Beziehungsweise, das kann auch die Sandy machen. Sagst du es ihr bitte? Ich kann mich da um nix kümmern!«
»Lass mal, ich buche lieber selber, vielleicht kann ich uns noch tolle Plätze ergattern, weißt du, direkt am Notausgang. Das sind mir die liebsten!«
Kluftinger schluckte. Priml, das schien ja heiter zu werden, wenn selbst Maier, der jeglicher Art von Technik in allen Belangen des Lebens blind vertraute, sich vorsichtshalber direkt an den Notausgang setzte! »Du, Richie, sag mal, wer fliegt denn da? Ich mein, schon die Lufthansa, oder?«, fragte er besorgt.
»Lufthansa? Ach was, die fliegen doch nicht von Memmingen aus! Nein, das ist so eine neue ungarische oder tschechische Chartergesellschaft, soviel ich weiß. Ganz klein, die haben wohl nur zwei oder drei Flugzeuge.«
»Zwei oder drei … insgesamt jetzt?«
Maier zog die Schultern hoch. »Schon, glaub ich. Ich wollte letztes Jahr mit denen nach Kroatien, da hieß es, dass eine von den beiden Maschinen gerade einen Triebwerksschaden gehabt hätte, und wir mussten vier Stunden auf die andere warten.«
»Einen … Triebwerksausfall? Bei so einem neuen Flugzeug?«
»Also, neu würd ich die nicht nennen! Die Maschine damals hatte mindestens dreißig Jahre auf dem Buckel. Aber dafür sind die Dinger ja ausgelegt!«
Dreißig Jahre? Älter als sein Passat waren diese Dinger! Kluftinger spürte, wie sich eine nervöse Unruhe in ihm breitmachte. War das etwa Flugangst?
»Also ich buch uns das jetzt schnell, und dann fahr ich heim und hol meine Sachen!«, sagte Maier bestimmt und zog die Tür auf.
»Du, Richie, weißt du, lass uns doch noch einmal nachschauen wegen dem Zug. Ich mein, so ein Expresszug, der …«, startete Kluftinger einen letzten Versuch, seinem ersten Flug doch noch zu entkommen, doch Maier drehte sich wortlos zu ihm um und stimmte pfeifend eine Melodie an, die der Kommissar erst erkannte, als sein Kollege schon die Tür hinter sich geschlossen hatte: »Wind Nordost, Startbahn nulldrei …«
»Erika, ich hab’s dir doch grad schon erklärt. Es geht nicht anders. Ja, es geht um diese Magnus-Ausstellung. Die Wiener haben einen Verdächtigen festgenommen«, erklärte Kluftinger wenig später am Telefon, »und nach einem weiteren fahnden sie noch. Und da muss ich schon selber hin. Ich hab auch grad noch mit dem Lodenbacher geredet, der erwartet das von mir.«
»Ach so, da kann man auf einmal schon fliegen«, empörte sich seine Frau, »aber wenn ich einmal im Urlaub weiter weg will als nach Südtirol, dann blockst du jedes Mal ab, weil du ja nur mit dem Auto verreisen kannst!«
»Jetzt, Erika, ich kann’s mir auch nicht aussuchen. Ich würd lieber daheim bleiben, das darfst du mir glauben! Und jetzt pack mir bitte ein paar Sachen ein, der Maier Richard holt sie dann nachher bei dir ab.«
»Und was hätt der Herr dann gern dabei in Wien?«
»Mei, halt einen Schlafanzug und ein bissle Gwand. Nix Feines, ich hab nicht vor, auf den Opernball zu gehen!«
»Pff! Du hast doch eh nix Feines! Vor der Hochzeit heißt’s eh noch mal nach Metzingen ins Outlet fahren, du brauchst schon einen neuen Anzug, gell?«
Der Kommissar rollte die Augen. Was durch diese vermaledeite Hochzeit noch alles auf ihn zukäme, war im Moment noch gar nicht abzusehen. Und dieser Tag im Autlett wäre sicher noch lange nicht das Schlimmste.
»Ja, ja, schon recht, das kömmer ja dann … sehen!«, wiegelte er fürs Erste ab. »Also dann, bis morgen oder übermorgen, gell? Pfiati!«
»Bis morgen oder übermorgen – pfiati! Sag mal, dürft ich als deine Frau aber schon noch erfahren, wann du gedenkst zurückzukommen, wo du wohnst, wer mit dir fliegt, wann du in Wien landest, oder? Fliegt da eine Frau mit?«
»Du, ich meld mich bei dir. Ich weiß doch selber noch nicht, wie das alles abläuft. Und die Henske muss erst mal ein Hotel suchen. Übrigens nicht für sich und mich, wenn es dich beruhigt. Der Maier fährt mit! Das ist ja wohl Strafe genug, oder?«
»Immerhin, der ist wenigstens ein grundanständiger Kerl, kein solcher Hallodri, wie du es von diesem Bydlinski erzählt hast!«
»Jetzt schau: Vielleicht taugt mir das Fliegen ja so gut, dass wir im Urlaub auch mal was Größeres machen.« Diese Hypothese war zwar mehr als unwahrscheinlich, doch für den Moment hoffte er, damit diese leidige Diskussion beenden zu können.
»Ja, ja, du und was Größeres machen im Urlaub, da bring ich dich ja leichter zu einem neuen Tanzkurs!«, tönte es aus dem Hörer.
Kluftinger wechselte schnell das Thema: »Und denk an meine Zahnbürste – die mit dem Saugfuß und der Kappe über dem Bürstenkopf, damit nix dreckig wird. Und mach’s gut. Sonst ist ja der Markus auch da, wenn am Haus was ist!«
»Butzele, ich komm schon allein zurecht«, erwiderte Erika etwas sanfter und mit der brüchigen Stimmlage, die sie bei Abschieden immer anschlug. »Und am Haus war die letzten Monate auch nix, was soll denn da passieren? Sei du vorsichtig und geh kein Risiko ein, gell? Man weiß ja nie, in was für Situationen du da kommst!«
Na also. Das war die Erika, die er kannte und liebte: besorgt, einfühlsam, liebevoll. Er rang sich sogar als Abschiedsgruß ein »Bussi« ab, und sie legten einigermaßen versöhnt auf.
»Richie, jetzt trag dein Damenköfferle lieber mal eine Weile, sonst meinen die im Tower noch, da landet ein unangemeldeter Jumbojet!«
Maier ging gar nicht auf Kluftingers Bemerkung ein und zog ungerührt seinen quietschgelben und infernalisch lärmenden Hartschalentrolley in Richtung Flughafenterminal. Auf Geheiß seines Chefs hatte Maier seinen Wagen auf einem weit entfernten Langzeitparkplatz, zum Missfallen des Kommissars Longtime-Parking genannt, abgestellt, da der nur einen Bruchteil dessen kostete, was vorn direkt am Flughafengebäude zu berappen war. Maiers Einwand, es handle sich doch um eine Dienstreise, deren Kosten ja voll erstattet würden, ließ sein Chef nicht gelten: Für das Abstellen eines Fahrzeugs über die Maßen Geld auszugeben kam nicht infrage – aus Prinzip.
Kluftinger begann zu schwitzen. Mit seiner Brotzeit-Plastiktüte und seinem alten Kunstlederkoffer, einem grauen Modell aus den Siebzigern, hatte er ein wenig Probleme, mit dem Kollegen Schritt zu halten. Anscheinend hatte es Erika ziemlich gut gemeint beim Einpacken. Immer wieder stellte er das Gepäck kurz ab und wechselte die Seite, um seine Handgelenke ein wenig zu entlasten. »Die könnten ja auch so Gepäckwägen bereitstellen, oder?«
»Ja, oder einen Dienstmann!«
»Schmarrn, so was gibt’s doch schon lange nicht mehr!«
»Na ja, in der Zeit, als man solche Koffer wie deinen hatte, gab’s das schon noch! Du weißt schon, Engel Aloisius und so. Und nicht zu vergessen ›Hallo Dienstmann!‹ mit Hans Moser und Paul Hörbiger!« Maier grinste und begann zu singen. »Hallo Dienstmann! Hallo Dienstmann! Nehmen Sie hier diese Dahlie! Hallo Dienstmann! Hallo Dienstmann! Geh’n Sie damit zur Amalie …«
In der Abflughalle sah es tatsächlich aus wie auf einem richtigen Flughafen. Mitten im Allgäu! Kluftinger hätte sich alles hier viel improvisierter vorgestellt, schließlich hatte man einfach einen Hangar der Luftwaffe umgebaut. Links fanden sich die Schalter der Fluglinien und ein Zollschalter, gegenüber waren Reisebüros und Autovermietungen, und ein großes Café markierte die Mitte der Halle. Maier hatte sich bereits auf eine der Ruhebänke gefläzt und spielte mit seinem Handy.
»Richie, gibst du mir jetzt mal meinen Flugschein?«
Maier sah auf, senkte dann seinen Blick wieder auf das Mobiltelefon und erklärte: »Ich hab keinen Flugschein für dich!«
»Ja, wie jetzt, du hast doch gesagt, du hast alles gebucht. Hast du jetzt Tickets, ja oder nein?«
»Wenn du so direkt fragst: nein.«
»Ja, sag mal … spinnst du? In nicht mal einer Stunde geht der Flieger! Und wenn der jetzt ausgebucht ist? Du hast Nerven, echt! Ich hab dem Lodenbacher versprochen, dass wir das nächste Flugzeug nehmen!« Er wollte sich gerade auf den Weg zum Schalter der Fluglinie machen, da hielt ihm Maier lächelnd sein Smartphone hin.
»Logisch hab ich für uns beide gebucht. Aber mit Handyticket!«
»Aha. Krieg ich jetzt den Schein?«
»Chef, das ist doch da drauf!« Er zeigte ihm das Display, auf dem eine Art Strichcode zu sehen war.
»So, verstehe. Und wie krieg ich das jetzt auf mein Handy drauf?«
»Auf deinen Knochen? Gar nicht. Das hier gilt für uns beide.«
»Kannst du eigentlich nichts normal machen? Ich mein, wie andere Menschen auch?«
»Hast du denn deinen Perso dabei?«
»Ja, Mama. So, und jetzt gehen wir mal … ein…schecken!«
Nachdem Maiers elektronischer Flugschein zu Kluftingers großem Erstaunen tatsächlich akzeptiert worden war, legte Kluftinger seinen Ausweis auf den Tresen und stellte, wie ihm von der Angestellten im hellblauen Kostüm geheißen wurde, seinen Koffer auf das Band neben dem Schalter.
»Das macht dann bitte sechzig Euro. Bar oder mit Karte?«
Kluftinger sah die Frau verdutzt an. »Nein, mein Kollege hat das Ticket schon bezahlt. Das ist neu, das geht über das Telefon, wissen Sie?«
»Natürlich, der Flug kostet ohnehin nur neununddreißig Euro. Die sechzig bezahlen Sie für das Übergepäck. Sie dürfen leider nur zehn Kilo mitnehmen, Ihr Koffer wiegt aber fast vierzehn. Sie sehen, ich habe Ihnen ein Kilo nachgelassen«, erklärte die Frau und blickte ihn aus wasserblauen Augen gleichgültig an.
»Wie jetzt? Ein Kilo Gepäck kostet zwanzig Euro? Vierzig Mark? Sagt’s mal, habt’s ihr einen Schuss?«, entfuhr es dem Kommissar.
»Nein, keinen Schuss. Wir haben Allgemeine Geschäftsbedingungen, die Sie übrigens bei Ihrer Buchung akzeptiert haben. Respektive Ihr … Freund.«
Freund! Der Kommissar fuhr herum und wollte Maier gerade auffordern, die Sache irgendwie zu klären, da fiel sein Blick auf das kleine gelbe Rollköfferchen. Kluftinger atmete tief ein und wandte sich wieder an die Dame hinter dem Schalter. »Mein Dings, mein … Freund und ich reisen ja zusammen, sozusagen. Also können Sie ruhig die Koffer miteinander wiegen. Macht somit also zwanzig Kilo Freigepäck für uns beide«, erklärte der Kommissar triumphierend und stellte Richard Maiers Koffer neben seinen auf das Band.
Doch die Frau schüttelte gelassen den Kopf. »Tut mir leid, die Gewichtsangabe gilt pro Gepäckstück, nicht pro Reisegruppe. Steht übrigens auch in den AGBs!«
Kluftinger merkte, dass es wenig Sinn hatte, hier auf Kulanz zu hoffen. »Richie, wir packen um!«, erklärte er daher kurzerhand, griff sich die beiden Koffer und ging ein paar Schritte zur Seite zu einer Bank. Dort klappte er den Deckel seines Koffers auf, schüttelte den Kopf und seufzte: »Erika!« Priml. Diesmal hatte sie es mit der Fürsorge doch ein wenig übertrieben. Der Koffer war vollgestopft mit Dingen, die er auf seiner ein-, höchstens zweitägigen Reise niemals brauchen würde, und er hörte förmlich, was sich seine Frau beim Einpacken gedacht hatte: ein Paar Schuhe zum Wechseln (falls es regnet), ein Anorak (falls es kühl wird), eine Flasche Multivitaminsaft, eine Plastiktüte mit diversen Medikamenten, Pflasterstreifen, Salben und Pröbchen diverser Parfüms und Cremes – die er nie benutzte, wie Erika eigentlich wusste –, feuchtes Toilettenpapier, Desinfektionsspray, sein großer kunstlederner Waschbeutel, geschätzt die Hälfte der gesamten Kleidung, die er besaß (man weiß ja nie), und sage und schreibe drei Bücher (vielleicht wird es mal langweilig).
Er steckte die Flasche in seine Brotzeittüte und gab mit einer Handbewegung seinem Kollegen zu verstehen, dass der nun seinen Koffer öffnen solle. Widerwillig schwang Maier seinen Trolley auf die Bank. Auch was er nun sah, löste bei Kluftinger Stirnrunzeln aus. Es war das exakte Gegenteil seines Kofferinhalts: Den größten Teil stellten irgendwelche Ladekabel und elektronische Geräte dar – Maier hatte eine große Spiegelreflexkamera samt Wechselobjektiv dabei, einen Elektrorasierer und einige andere flache, mit Bildschirm ausgestattete Geräte, deren Sinn sich Kluftinger auf den ersten Blick nicht erschloss. Mindestens so interessant war aber, was der Kommissar nicht sah: Neben einem einzigen T-Shirt befand sich nur ein Paar Socken im Koffer. Nicht einmal eine Unterhose zum Wechseln war zu sehen. Maiers Kulturbeutel bestand aus einer Brotzeittüte mit einer Zahnbürste samt Minitube Zahnpasta.
»Aha, der Herr reist dann doch eher mit kleinem Gepäck!«, bemerkte Kluftinger und begann seine Umräumaktion, die Maier mit bitterer Miene verfolgte.
Nachdem der Kommissar schon die Hälfte seiner Oberbekleidungskollektion umgeladen hatte, schritt er jedoch ein. »Nein, Chef, alles, was recht ist, aber deine Unterhosen und Socken kannst du grad selber tragen!«
»Jetzt hab dich doch nicht so! Du musst es ja eh nur durch die Gegend schieben!«, bemerkte Kluftinger und schickte sich an, weitere Habseligkeiten aus seinem Koffer auszulagern, was von Maier jedoch dadurch unterbunden wurde, dass er seinen Trolley energisch schloss und schnell die Kombination des Zahlenschlosses verstellte. »Ich bin doch nicht dein Sherpa!«, versetzte er und zog beleidigt in Richtung Check-in-Schalter ab.
»Tut mir leid, das ist jetzt noch immer genau ein Kilo zu viel. Wenn es jetzt nur 650 Gramm wären – okay, da könnte man ein Auge zudrücken, aber so … ich hab auch meine Richtlinien.«
Kluftinger sah eine Weile entgeistert in die wasserblauen Augen, dann kam ihm die Idee. Er öffnete seinen Koffer einen Spaltbreit, tastete mit seiner Rechten nach dem Waschbeutel, öffnete ihn blind und zog schließlich sein Duschgel heraus. Er besah es sich und nickte: 350 Milliliter.
»Gnädige Frau – wir machen das jetzt folgendermaßen: Ich lass das hier bei Ihnen – zu treuen Händen. Passen Sie bitte darauf auf, ist immerhin ein Markenprodukt.« Er reichte ihr die Flasche. »Schreiben Sie halt vielleicht meinen Namen drauf, ich hol das morgen, spätestens übermorgen bei Ihnen ab!«
Mit einem Seufzen nahm die Dame das Duschgel entgegen, nickte zustimmend und klebte ein Gepäckbändchen um den Koffergriff. Als Kluftinger sich umgewandt hatte, warf sie die Flasche mit den Worten »Aldi, typisch!« in den Abfalleimer.
»Gibst du mir bitte deine Dienstwaffe?«, fragte Maier, als sie sich an der Sicherheitsschleuse angestellt hatten.
Kluftinger erschrak. »Kreuzkruzifix, ich hab die Waffe dabei! Hab ich völlig verschwitzt!«
Maier winkte ab. »Kein Problem. Wer weiß, schließlich fahren wir ja nicht zum Spaß nach Wien. Wir geben die Pistolen vor dem Flug ab, sie werden sicher verpackt, kommen in einen Extrabereich im Frachtraum, und wir kriegen sie in Wien wieder ausgehändigt. Also, gib her, dann kümmer ich mich schnell noch um den Papierkram.«
Kluftinger sah sich um und zog, als er sicher war, dass niemand ihn beobachtete, seine Waffe aus dem Holster. Dann drückte er sie Maier in die Hand und sagte: »Aber nicht wieder Kinder damit spielen lassen, gell?«
Sein Kollege nahm sie an sich und verschwand kommentarlos in der Tür der Flughafenpolizei.
Nun stand er allein an der Schleuse, seine Brotzeittüte in der Hand, und wusste nicht, wie er sich zu verhalten hatte. Der Sicherheitsangestellte sah ihn erwartungsvoll an und deutete erst auf seine Tüte, dann auf die Kunststoffkisten, worauf sich Kluftinger in Bewegung setzte, seine Brotzeit in eine der Kisten und diese auf das Laufband schob. Mit forschem Blick durchschritt er sodann den Metalldetektor, der aussah wie ein frei stehender Türrahmen, worauf ein schriller Warnton ertönte und eine rote Leuchte zu blinken begann.
Der Mann schüttelte den Kopf. »So wird das nix.«
»Ach so … ich bin Polizist, das passt schon«, sagte Kluftinger und zog seinen Geldbeutel heraus, um seinen Dienstausweis vorzuzeigen.
»Und? Das ändert nix. Alle werden kontrolliert, da gibt es keine Ausnahmen«, brummte der Mann. »Sämtliche metallischen Gegenstände bitte in eines der kleinen Kästchen legen, durch das Röntgengerät schieben und dann noch mal durchgehen, der Herr Polizist!«
Kluftinger ging missmutig zurück. Er legte seine Armbanduhr, den Hausschlüssel und seinen Geldbeutel ab.
»Was ist mit dem?«, fragte der Flughafenangestellte gelangweilt und zeigte auf Kluftingers Hose.
»Mit … wem?«
»Dem Gürtel.«
»Was soll damit sein?«
»Metall?«
»Ja, sicher.«
»Also: ausziehen.«
»Den Gürtel?«
Der Mann seufzte. »Ja, wovon red ich die ganze Zeit.«
»Aber … dann rutscht meine Hose.«
Der Mann warf ihm einen prüfenden Blick zu, als sei er nicht sicher, ob es der Kommissar ernst meinte. »Dann halten Sie sie fest.«
Kluftinger fügte sich, legte den Gürtel ab und durchschritt das Gerät, wobei er mit einer Hand seine Hose am Schritt hielt. Wieder schlug der Detektor Alarm.
»Ein Handy vielleicht?«
Kluftinger sah sein Gegenüber verdrossen an, erklärte, sein Handy sei nicht aus Metall, sondern aus Kunststoff, ging dann aber zurück, zog sein Telefon nebst einigen Bonbonpapierchen, ein paar Euromünzen und einem Stofftaschentuch aus der rechten Hosentasche und schickte diese letzten Devotionalien, die er anzubieten hatte, auf die Reise durch den Scanner.
Als es beim Durchschreiten der Schleuse erneut piepste, hörte Kluftinger die Reisenden in der inzwischen beträchtlich gewachsenen Schlange murmeln und kichern.
»Bitte setzen Sie sich hier auf den Stuhl und ziehen Ihre Schuhe aus!«
»Die Schuhe?« Das war doch reichlich absonderlich. Ob ihn der Sicherheitstyp bewusst schikanieren wollte?
»Die Schuhe!«
»Haben Sie Angst, dass ich im Flugzeug meine Socken als Waffe benutze?«
Fünf erniedrigende Minuten ohne Schuhe und Gürtel später hatte der Flughafenmitarbeiter einen weniger geduldigen Ton angeschlagen. »Also, zum letzten Mal jetzt: Trinken oder stehen lassen!«, blaffte er Kluftinger an. Der hatte eben erfahren, dass er zwar seine üppige Brotzeit – zwei Paar Landjäger, eine dicke Scheibe Presssack, eine kleine Tüte Senf, drei Semmeln und einige Schokoriegel – mit in den Flieger nehmen durfte, nicht aber die Saftflasche, die Erika ihm eingepackt hatte.
Der Kommissar fühlte sich gegenüber dem bulligen Sicherheitsmann schwach und hilflos, noch dazu, weil seine Hose ständig rutschte. Es ging ihm nicht um das Geld für das Getränk, aber er wollte ihm diesen Triumph nicht gönnen. »Hören Sie, ich geh noch mal schnell raus zu der Frau am Schalter, die hat mein Duschgel auch schon in Verwahrung, der geb ich noch den Saft dazu.«
Mit Blick auf die Schlange schüttelte der andere den Kopf. »Entweder trinken oder dalassen. Sonst können Sie Ihren Flug vergessen!«
Kluftinger lief knallrot an. Schnaubend riss er dem Mann die Flasche aus der Hand, schraubte sie auf und trank sie in einem Zug aus. Dann bestückte er seine Hosentaschen wieder mit den abgelegten Dingen, zog Schuhe und Gürtel an, ging ohne ein weiteres Wort in die Abflughalle, wo er in dem kleinen Shop das Pfand für die Plastikflasche auslöste, und stieß dann zu Maier, der ihn bereits erwartete.
»Und, alles glattgelaufen, oder gab’s irgendwelche Probleme?«
Kluftinger setzte ein betont erstauntes Gesicht auf. »Probleme? Wieso? Alles gut so weit!«
»Du, das Boarding hat grad angefangen.«
»Ah ja, das ist ja … gut.« Kluftinger setzte sich.
»Wir können schon einsteigen!«
»Ach so. Auch gut.« Er erhob sich wieder. Irgendwie war er erleichtert, nun wieder seinen reiseerfahrenen Kollegen neben sich zu haben – auch wenn er ihn das niemals merken lassen würde. Nach ihm durchschritt er die Tür hinaus auf das Rollfeld und war überrascht, dass dort bereits die hellblau lackierte Maschine stand. Er genoss den frischen Wind, der heute trotz des strahlenden Sonnenscheins blies, wunderte sich aber, dass man hier einfach so zu Fuß zum Flugzeug ging. Das war seiner Ansicht nach doch alles andere als üblich heutzutage. Er hatte mindestens einen Bus oder einen dieser Ziehharmonikatunnel erwartet. Aber ihn beunruhigte eigentlich etwas anderes: Von Weitem hatte das Flugzeug nagelneu und blitzblank ausgesehen, doch je näher sie ihm kamen, desto betagter wirkte es: Zahlreiche verschiedenfarbige Lackschichten kamen zum Vorschein, und um die Triebwerke herum hatte sich Ruß gebildet. Auch das Reifenprofil schien nicht mehr das beste. Wie bei meinem Passat, dachte der Kommissar, was ihn trotz seiner dreißig nahezu pannenfreien Jahre nicht wirklich beruhigte. Beim Einsteigen verstärkte sich seine Beklemmung noch ein wenig. Er hatte sich alles hier viel größer vorgestellt. Und auch die wenig luxuriöse Atmosphäre, die die abgewetzte graue Kunstlederausstattung verbreitete, machte ihn nervös.
Er beschloss, sich abzulenken und der älteren Stewardess mit der strengen Frisur am Eingang eine Bild-Zeitung abzukaufen – mehr wollte er für Lektüre während des kurzen Fluges nicht ausgeben. »Ich zahl’s dann am Platz«, sagte er, als er die Zeitung an sich nahm. Als er sich dorthin vorgekämpft hatte, entschied er sich kurzerhand für den Fensterplatz, da der noch ein wenig näher am Notausgang war, zog aber sofort den Sichtschutz vor dem kleinen Bullauge herunter. Er wollte selbst entscheiden, wann er für den Ausblick aus schwindelerregender Höhe bereit war. Maier verstaute unterdessen zwei Zeitungen im Ablagenetz und schlug eine weitere so raumgreifend auf, dass Kluftinger gar nicht mehr richtig sitzen konnte. Er drückte so lange mit dem Ellbogen gegen Maiers Arm, bis dieser nachgab.
»Hast du gleich drei Zeitungen gekauft, Richie?«
»Wie: gekauft? Die sind doch umsonst!«
»Die sind …«, begann der Kommissar, stand auf und drängte sich noch einmal zurück zum Eingang, um wenig später mit einem ganzen Stapel unterm Arm zurückzukehren. Erst am Platz betrachtete er seine Beute genauer, die ein breites Spektrum der Presselandschaft abdeckte: Neben einem Jachtmagazin, Psychologie heute und Börse aktuell waren auch zwei Frauenillustrierte darunter. Zu seiner Überraschung hielt er schließlich noch den Playboy in seinen Händen.
Die hektische Betriebsamkeit im Flugzeug legte sich allmählich. Fast alle Passagiere hatten mittlerweile ihr Handgepäck verstaut und Platz genommen, und die Stewardessen kontrollierten die Klappen der Gepäckfächer, als eine Lautsprecherdurchsage ertönte:
»Einen wunderschönen guten Tag, meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Herzlich willkommen auf unserem heutigen Flug nach Wien-Schwechat vom Allgäu Airport Memmingen. Die KingAir begrüßt Sie und wünscht Ihnen einen angenehmen Flug. Bitte achten Sie nun auf die Durchsagen unseres Kabinenpersonals und auf die Sicherheitshinweise. Ich melde mich noch einmal mit näheren Informationen zum Flug, wenn wir unsere Reiseflughöhe erreicht haben. Mein Name ist Kevin Schreiner.«
»Ogottogottogott, nicht der!«, presste Maier hervor.
Kluftinger sah ihn erschrocken an. »Stimmt was nicht? Kennst du den?«
Maier grinste. »War bloß Spaß. Uralter Pilotenwitz. Aber ob ein Kevin als Pilot viel Wert hat?«
Es ärgerte den Kommissar, dass Maier offenbar gemerkt hatte, wie unwohl ihm hier drin war. »Du, Richie, die haben doch ein Klo hier, oder?«
»Schon.«
»Ich geh noch mal schnell.« Während des Fluges war es sicher verboten, die Toilette zu benutzen.
»Nein, jetzt darfst du nicht. Das geht erst wieder, wenn wir gestartet sind!«
Priml. Dabei hätte er dringend gemusst, weil sich der Inhalt der Saftflasche, die er eben noch so hastig geleert hatte, wieder meldete. Missmutig untersuchte er das Ablagenetz vor sich, fand darin jedoch nur ein Magazin der Fluggesellschaft, eine laminierte Karte mit Sicherheitshinweisen und immerhin einen praktischen Müllbeutel mit der rätselhaften Aufschrift »Sick Bag«.
Nun begann das, wovon er schon öfters gehört hatte: die Sicherheitsvorführung der Flugbegleiter. Während die Triebwerke des Flugzeugs bereits zu röhren begannen, stellte sich die älteste der Stewardessen, eine dünne Frau mit streng zurückgekämmten Haaren, in die Mitte des Ganges und vollführte zu einer Bandansage ausladende Handbewegungen mit den Armen, was Kluftinger ein bisschen an den Tanzstil von Doktor Langhammer erinnerte. Er wischte den Gedanken jedoch gleich wieder beiseite, denn er wollte der Darbietung dieser im Notfall lebensrettenden Anweisungen aufmerksam folgen. Ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Fluggästen, die sich weiter unterhielten, in Zeitschriften blätterten oder im Stehen ihre Jacken auszogen, was dem Kommissar das Zuschauen erheblich erschwerte. Auch Maier schien sich nicht dafür zu interessieren, denn er tippte gelangweilt auf dem Touchscreen seines Handys herum.
Der Kommissar boxte ihn mit dem Ellenbogen in die Seite: »Jetzt pass halt auch mal auf, das ist wichtig.«
Er erntete nur ein mildes Lächeln. »Ach, da schaut doch niemand zu, das ist total uncool, ehrlich.«
»Ja, und? Lieber uncool als tot.«
»Kannst mich ja dann retten, wenn du als Einziger beim Crash lebendig rauskommst, weil du zugehört hast.«
Als die Stimme vom Band darauf hinwies, dass man alle elektronischen Geräte abschalten solle, weil diese die Bordinstrumente stören könnten, herrschte Kluftinger seinen Kollegen an, dem umgehend Folge zu leisten, er wolle nicht wegen dessen blöden Telefoncomputerdings sterben.
Dann wandte Kluftinger sich wieder der Frau in der hellblauen Uniform zu, die gerade mit routiniert wirkenden Bewegungen die Funktionsweise des Gurtes erklärte. Kluftinger vollzog jeden ihrer Schritte nach, öffnete und schloss den Gurt probehalber noch einmal, kontrollierte die aufrechte Position seines Sitzes und die Verriegelung des Tischchens vor sich, versicherte sich, dass Maiers Handgepäck ordnungsgemäß verstaut war, ahmte eifrig die Bewegungen bei der Erklärung der Sauerstoffmaske pantomimisch nach, was ihm jedoch einen bitterbösen Blick der Stewardess eintrug. Irgendwann wurde ihm die dargebotene Informationsfülle jedoch zu viel, und er zog einen seiner Bedienungsblöcke hervor, die er immer bei sich trug, um sich das Wichtigste mitzunotieren. Die Flugbegleiterin schien dieses ungewohnte Interesse an ihren Ausführungen zu irritieren, und ihre Stirn bewölkte sich zunehmend. Offensichtlich vermutete sie, dass der Kommissar sie veräppeln wolle.
Als die Lautsprecherstimme schließlich sagte, alle, die an einem Notausgang säßen, sollten sich fragen, ob sie sich den Anforderungen dieses Platzes – andere zum Notausgang geleiten, notfalls die Tür öffnen – gewachsen fühlten, kritzelte der Kommissar ein dreimal unterstrichenes »NEIN!« in seinen Block. Dann hielt er auf einer kleinen Skizze die Lage der anderen Notausgänge fest.
»Wenn Sie Fragen haben, melden Sie sich jederzeit bei unserem Kabinenpersonal«, endete die Ansage schließlich, und im selben Moment schoss Kluftingers Finger in die Höhe. Er nahm ihn auch während der Wiederholung der Durchsage auf Englisch nicht herunter, bis die Stewardess zu ihm kam und ihn mit mühsam abgerungener Freundlichkeit fragte: »Was kann ich für Sie tun?«
»Ich hätt da noch ein paar Fragen, Fräulein.« Kluftinger blätterte in seinen Notizen. »Wie ist das mit der Sauerstoffmaske, kommt die von selber runter, oder muss ich da was drücken?«
»Nein, die kommt von selbst«, sagte sie leise, als fürchte sie, ihre Unterhaltung könne mit angehört werden. Dann wandte sie sich zum Gehen.
»Und gibt’s auch so eine Schwimmweste?«
»Ja, die gibt es, aber da wir nicht übers Meer fliegen, werden Sie die wohl nicht brauchen.«
»Aber es gibt auf dem Weg ja einige große Seen. Und was, wenn unser Flug umgeleitet wird?«
Die Frau mit den streng zurückgekämmten Haaren sah sich Hilfe suchend um. »Nun, in dem praktisch unmöglichen Fall einer Notwasserung ist die Weste unter Ihrem Sitz. Ich muss mich jetzt weiter um die Startvorbereitungen kümmern, wenn Sie gestatten.«
»Ja, schon, bloß …« Er deutete mit dem Kopf nach rechts und verdrehte die Augen in Maiers Richtung.
»Wie bitte?«
Wieder bewegte Kluftinger den Kopf und verdrehte die Augen. Sie folgte seinem Blick, der direkt auf Maiers Handy ging.
»Sie müssen Ihr Telefon jetzt ausschalten«, entfuhr es ihr barsch. Ihre Geduld mit dieser Sitzreihe schien schon vor dem Start langsam ihrem Ende entgegenzugehen.
»Siehst du, ich hab’s dir gleich gesagt«, flüsterte der Kommissar, nachdem die Stewardess verschwunden war. Dann murmelte er etwas von »Weste kontrollieren«, beugte seinen Kopf zwischen seine Beine und fummelte unter seinem Sitz herum. Als er eine Kordel zu fassen bekam, zog er daran, worauf sofort ein durchdringendes Zischen erklang. Er steckte den Kopf noch weiter zwischen die Beine und sah, wie sich der Platz unter seinem Sitz mit orangefarbenem Plastik füllte. Blitzartig setzte er sich wieder gerade hin und schaute zu Maier.
»Ist dir zu warm?«, kommentierte der seinen roten Kopf.
»Mir … nein, wie kommst du denn da drauf?«
»Zischt da was?«
»Ich hör nix.« Kluftinger begann zu pfeifen, um so die Geräusche unter seinem Sitz zu übertönen. Dann haute er mehrmals mit seinen Hacken gegen die nun vollständig entfaltete Schwimmweste, um sie wieder ganz unter den Sitz zu schieben.
»Hast du was am Bein?«
»Wieso am Bein?«
»Du zuckst so.«
»Herrgott, was ist denn los mit dir? Bin ich hier beim Arzt oder was? Sei doch nicht so nervös. Wird schon alles gut gehen.«
Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Ruck abgelenkt, als sich das Flugzeug langsam in Bewegung setzte und auf seine Startposition rollte. »Cabin crew prepare for take-off«, hörte Kluftinger, doch diesmal wollte er gar nicht wissen, was es bedeutete, denn sein ganzer Körper vibrierte, als die Triebwerke plötzlich hochgedreht wurden. Sie standen eine Weile, dann brandete ein ohrenbetäubendes Getöse auf, unter dem das ganze Flugzeug erzitterte. Der Kommissar presste stoßweise seinen Atem hervor, als der Schub einsetzte. Die Maschine beschleunigte so stark, dass sein Körper in den Sitz gepresst wurde. Er krallte sich in die Armlehnen und versuchte, nicht daran zu denken, mit welcher Geschwindigkeit sie hier über die Startbahn rasten. Dann hob die Maschine vom Boden ab, und Kluftinger drehte sich der Magen um. Seine Ohren fielen zu, und er schloss die Augen. Er öffnete sie erst wieder, als Maier sich zu Wort meldete: »Hättest du doch nur früher mal was gesagt«, sagte er mit anzüglichem Grinsen. Kluftinger folgte seinem Blick – und erstarrte. Seine rechte Hand hatte sich nicht in die Lehne, sondern in Maiers Schenkel gekrallt. Er zog sie so schnell zurück, als läge sie auf einer heißen Herdplatte.
Die nächsten zwanzig Minuten verbrachten sie schweigend, und Kluftingers Puls normalisierte sich dank mehrmaligen innerlichen Absingens von Über den Wolken allmählich wieder – soweit das in dieser Höhe für ihn eben möglich war. Plötzlich knackte es im Lautsprecher, und die Stimme des Piloten meldete sich erneut: »Guten Tag, meine Damen und Herren, hier spricht noch einmal Ihr Kapitän. Wir haben inzwischen unsere Reiseflughöhe von einundzwanzigtausend Fuß beziehungsweise sechstausendfünfhundert Metern erreicht. Die Geschwindigkeit beträgt momentan siebenhundertdreißig Kilometer pro Stunde. Wir haben leichten Rückenwind und werden unser Flugziel Wien Schwechat voraussichtlich um 15.05 erreichen. Dort erwarten Sie Temperaturen um die achtzehn Grad bei leichter Bewölkung. Im Moment fliegen wir Nordnordost, werden aber vor dem Landeanflug eine Kurve Richtung Südosten fliegen, oder laienhaft ausgedrückt: nach rechts abbiegen …«
»Also, die haben schon ein ziemliches Mitteilungsbedürfnis, oder?«, kommentierte Kluftinger abfällig.
»Wieso, ist doch interessant.«
»Rechts unter Ihnen können Sie jetzt Altötting sehen …«
»Mach doch mal auf«, bat Maier.
»Was?«
»Das Rollo, ich will was sehen.«
Kluftinger war noch nicht so weit, aus solcher Höhe auf die Erde zu blicken. »Ach was, das kennt man doch eh alles.«
»Jetzt sei doch nicht so«, maulte Maier, beugte sich über ihn und schob das Rollo hoch. Kluftinger drehte den Kopf demonstrativ in die andere Richtung, was er schon nach kurzer Zeit mit einem steifen Nacken bezahlte. Als der Kapitän sich dann noch einmal meldete, um ihnen die aktuelle Außentemperatur samt Luftfeuchtigkeit durchzugeben, wurde es Kluftinger zu bunt. Er packte seine Brotzeit aus und kommentierte, indem er den Tonfall der Durchsagen nachahmte: »Meine Damen und Herren, ich packe nun meinen mitgebrachten Presssack aus, der über eine Kerntemperatur von geschätzten siebzehn Grad verfügt. Dazu lege ich im Neunziggradwinkel eine Scheibe Brot und nordnordöstlich daneben eine kleine Tube Senf, die ich nun auf dem Presssack verteile …«
»Wissen Sie, es gibt durchaus Menschen, die sich für diese Durchsagen interessieren.«
Kluftingers Kopf fuhr herum. Neben ihrer Sitzreihe stand die Stewardess, die er gedanklich bereits Zenzi getauft hatte, wie die Kuh auf dem Hof seiner Nachbarn, die ihm auf dem Schulweg immer solche Angst eingejagt hatte.
»Oh … äh, also ich …« Der Kommissar lief rot an. Dann beschloss er, die Flucht nach vorn anzutreten. »Fräulein, würden Sie mir bitte einen Filterkaffee bringen und ein bissle Milch dazu? Und ein kleines Bier.«
Zenzi lächelte ihn süßlich an. »Vielleicht noch ein Stück Kuchen aus unserer Frischetheke? Mit Sahne dazu?«
»Ja, wenn das geht, dann das bitte auch.«
Ihr Lächeln verschwand. »Das ist hier doch kein fliegendes Wirtshaus. Wir werden in Kürze mit unseren Snacks durchgehen, so lange müssen Sie schon warten.« Dann rauschte sie davon.
Schulterzuckend packte Kluftinger seine Brotzeit wieder ein. Ohne etwas zu trinken, wäre es für ihn nur der halbe Genuss. »Ich geh mal schnell aufs Klo«, sagte er zu Maier und zwängte sich an ihm vorbei nach draußen. Vor der Toilettentür wartete bereits eine Frau, die er fragte, wo sich denn die Herrentoilette befinde, wofür er nur einen feindseligen Blick erntete, gefolgt von dem Kommentar: »Sobald Sie drin sind, ist es eine.«
Als er schließlich an der Reihe war, die Tür abgeschlossen und gerade seinen Reißverschluss geöffnet hatte, leuchtete das Gurtanschnallzeichen auf, gepaart mit einem warnenden Klingelton. Kluftinger fuhr es wie ein Blitz in die Magengrube. Mein Gott, jetzt war es also so weit, sie stürzten ab! Er riss die Tür auf, sprintete an seinen Platz und warf sich an Maier vorbei förmlich in seinen Sitz, worauf dem Kollegen ein »Aua, spinnst du?« entfuhr. Dann zog er mit zitternden Fingern seinen Gurt fest.
»Geht’s eigentlich noch?«, fragte Maier.
»Ja, hast du denn nicht gesehen?« Kluftinger zeigte mit glühenden Wangen auf das leuchtende Gurtsignal.
»Das?« Maier lachte. »Das bedeutet doch nix. Das machen die immer an, wenn sie meinen, es könnte leichte Turbulenzen geben. Ist aus versicherungstechnischen Gründen. Wenn einer stolpert oder so. Aber da passiert nie was.«
»Du meinst, wir stürzen gar nicht ab?«
»Abstürzen? Ach, quatsch, wer sagt denn so was?«
»Wer? Da … da vorne hat einer so was … behauptet.«
Maier schüttelte den Kopf. »Echt? Deppen gibt’s, also wirklich. Übrigens: Deinen Reißverschluss kannst du jetzt wieder zumachen.«
Fast zehn Minuten brauchte Kluftinger, um sich wieder so zu beruhigen, dass ein erneuter Gang auf die Toilette möglich war. Er quetschte sich also erneut aus seinem Sitz und wartete vor dem gerade rot leuchtenden WC-Schildchen. Fünf Minuten später öffnete sich die Tür, und ein dicker, ungepflegt wirkender Mann, der eine Illustrierte unter den Arm geklemmt hatte, trat heraus, zögerte kurz, als er Kluftinger sah, grinste ihn dann an und zwängte sich an ihm vorbei. Der Kommissar sah ihm kurz nach, ging dann erneut in das bei diesem Fluglärm nicht allzu stille Örtchen – und bekam feuchte Augen. Ein bestialischer Gestank erfüllte die winzige Kabine. Automatisch hielt er die Luft an, doch er wusste, dass er sein eigenes kleines Geschäft nicht ganz ohne zu atmen würde verrichten können. Er presste also sein Gesicht in die Armbeuge und klappte mit der anderen Hand die Klobrille hoch. Als ihm sein erster Atemzug klarmachte, dass das bei dieser Geruchsbelastung nicht ausreichen würde, packte er seinen Pullover am Ausschnitt und zog ihn sich über die Nase, wobei er die Schultern fast bis zu den Ohren heben musste, damit diese provisorische Gasmaske auch bestehen blieb. Diese Anstrengung verschaffte ihm zumindest kurzzeitig olfaktorische Erleichterung. Zum Händewaschen musste er die Schultern aber wieder herunternehmen, weswegen er die Tür kurz öffnete, einen tiefen Atemzug nahm und dann unter dem entgeisterten Blick der davor wartenden Frau wieder schloss. So schaffte er die Handreinigung ohne weiteres Luftholen, und mit einem tiefen Seufzer verließ er die Kabine wieder, von all der Anstrengung stark schwitzend.
Als sich die Frau an ihm vorbeischob, blickte sie fragend in das purpurfarbene Gesicht des Kommissars. Noch bevor sie ganz in der Kabine war, sah der Kommissar, wie sich ihre Nasenflügel blähten, ihre Augen groß wurden und sie ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Er wollte gerade zu einer Erklärung ansetzen, da knallte sie die Tür zu.
Mit hängenden Schultern machte er sich auf den Rückweg zu seinem Platz – und musste jäh innehalten. Eine Stewardess versperrte ihm mit einem Servierwagen den Weg. Ein prüfender Blick verriet ihm, dass es unmöglich war, daran vorbeizukommen, ohne über mindestens drei Sitze zu steigen.
»Äh, Entschuldigung, ich müsst grad mal …«, begann er, verstummte aber, als sich seine Stewardess zu ihm umdrehte.
»Sie schon wieder! Was ist denn diesmal? Brauchen Sie eine Sauerstoffflasche?«
»Nein, ich wollt eigentlich nur vorbei.«
»Na, Sie sehen ja, dass das nicht geht. Sie hätten eben nicht während des Service aufstehen sollen. Jetzt müssen Sie warten.«
»Gibt’s denn keinen … Umweg, oder so?«
Sie dachte nach. »Na ja, sie könnten durch den Keller gehen und hinten wieder rauf.«
»Aha, und wie komm ich in den …«
Sie verdrehte die Augen, und Kluftinger wurde klar, dass es hier gar kein Untergeschoss gab, durch das er hätte gehen können. Er blieb also resigniert hinter ihr, hörte etwa einhundert Mal die Frage: »Darf es für Sie etwas zu trinken sein? Und ein kleiner Snack? Cookie oder Laugenstange?«, bis er schließlich wieder an seinem Platz war.
»Hast du Verstopfung?«, empfing ihn sein Kollege.
»Hä?«
»Weil du so lange gebraucht hast.«
»Nein, das war … ach, das ist eine lange Geschichte.« Kluftinger machte eine wegwerfende Handbewegung. »Jetzt hab ich aber wirklich Hunger. Hast du mir was zum Trinken bestellt?«
»Ja, hier.«
Maier reichte ihm ein Plastikbecherchen mit einer roten, dickflüssigen Brühe.
»Was soll denn das sein?«, fragte Kluftinger angewidert.
»Tomatensaft.«
»To… was?«
»Ja, das trinkt man gemeinhin in Flugzeugen.«
Kluftinger seufzte. »So, tut man das?« Er hatte keine Kraft mehr für eine Gegenwehr, und wenn er ehrlich war, schmeckte der Saft gar nicht so schlecht, ein bisschen wie die Fertigsoße, die bei seinen Lieblingsspaghetti immer dabei war. Gegen seinen Durst half das Gebräu freilich nichts. Dennoch mampfte er tapfer seine Brotzeit, packte die Reste in seine kleine Mülltüte und fiel ermattet in einen kurzen Dämmerschlaf.
Ein lautes Rauschen weckte ihn unsanft daraus, und sofort begann sein Herz wieder wie wild zu pochen. Er blickte nach oben und fand das Gurtzeichen bedrohlich leuchtend, worauf er nach draußen sah und beobachten konnte, wie sich die Tragfläche in sich verschob. Irgendetwas musste sich gelöst haben. Er kratzte sich am Kopf, an der Nase und am Brustbein, um zu verbergen, dass er sich eigentlich bekreuzigte, und versprach sich innerlich hoch und heilig, dass er, sollten sie diesen Flug überleben, ganz sicher mit dem Auto zurückfahren würde. Doch seine Hoffnung darauf schwand, als das Flugzeug zur Seite kippte und er plötzlich fast senkrecht auf den Erdboden starrte. Sein Kopf ruckte zu Maier, der selig in seinem Sitz schlief. Sollte er ihn wecken? Oder sollte er ihm die letzten Sekunden Todesangst lieber ersparen und ihn friedlich ins Jenseits hinübertreten lassen? Kluftinger blickte sich gehetzt um. Niemand schien von dem sich anbahnenden Drama Notiz zu nehmen. Selbst die Stewardessen schienen noch bester Laune. War vielleicht alles doch gar nicht so schlimm? Gab es noch die Chance auf Rettung? Aber wie sollte er das einschätzen, es war ja sein erster Flug.
Jetzt drehte sich die Maschine wieder in die Waagrechte, was Kluftinger ein bisschen beruhigte, allerdings nur, bis es unter ihm so heftig rumpelte, dass sogar Maier aufwachte und er sich sicher war, der komplette Gepäckraum sei soeben vom Rumpf abgerissen worden.
»Ah, das Fahrwerk ist ausgefahren, gleich landen wir«, kommentierte Maier mit einem lang gezogenen Gähnen das Geräusch.
»Ja, ja, das Fahrwerk. Eh klar«, nickte Kluftinger wissend.
»Du schwitzt ja schon wieder so«, bemerkte sein Kollege.
»Ach, ich weiß auch nicht, ich glaub, ich werd krank.«
Da verzog Maier die Lippen zu einem schiefen Grinsen: »Du, wenn du wieder mein Knie möchtest, greif ruhig zu.«
Doch selbst wenn er gewollt hätte: Er konnte sich nicht rühren. Sein Körper war gespannt wie die Sehne eines Bogens. Quälend lang dehnten sich die Sekunden, bis das Flugzeug mit einem nervenzerreißenden Poltern aufsetzte, vom Boden abprallte und dann noch einmal aufschlug.
Das war’s jetzt aber, schloss Kluftinger mit allem ab, nur um von einem noch beängstigenderen Geräusch eines Besseren belehrt zu werden. Das mussten die Bremsen sein, denn schlagartig wurde das Flugzeug langsamer. Als könnte er selbst diesen Vorgang unterstützen, stemmte er seine Beine auf ein imaginäres Bremspedal, wie es Erika immer tat, wenn sie bei ihm im Auto mitfuhr. Erika! Würde er sie jemals wiedersehen?
»Bremsen!«, entfuhr es ihm plötzlich laut, und die Köpfe der Umsitzenden ruckten herum.
Dann verlor das Flugzeug sanft immer weiter an Fahrt und fuhr schließlich nur noch in Schrittgeschwindigkeit. Kluftinger wollte es nicht glauben: Sie hatten es geschafft. Sie hatten überlebt. Euphorisch klatschte er in die Hände, hörte auch nicht auf, als Maier ihm einen entsetzten Blick zuwarf, und brach erst ab, als er merkte, dass er der Einzige war, der Applaus spendete. Doch es war ihm nicht peinlich, denn die Erleichterung war zu groß. Endlich. Das Martyrium war beendet. Der letzte Flug seines Lebens war gut ausgegangen.
Da sich Kluftinger während der Landung geschworen hatte, ein besserer Mensch zu werden, packte er bei ihrem Aufbruch den Müll an seinem Platz zusammen und drückte die kleine Tüte, die bis zum Bersten gefüllt war, am Ausgang Zenzi in die Hand, worauf deren Kiefer herunterklappte, vermutlich, weil sie derartige Mithilfe der Passagiere nicht gewohnt war.
»Schon gut«, sagte er lächelnd.
Eine halbe Stunde später begegnete er ihr zum letzten Mal, als sie ihnen in der Empfangshalle ihre Waffen zurückgab. Er wollte ihr gerade etwas Nettes mit auf den Weg geben, da sagte sie: »Also, dass jemand wie Sie eine Pistole tragen darf, finde ich unverantwortlich!«