Eine Woche zuvor

Lucia fuhr zusammen, als der Alarm ertönte. »Verdammter Mist«, schimpfte sie, wütend über sich selbst. Schrill hallte das Klingeln der Glocke in ihrem Kopf. Wieder hatte sie es nicht geschafft, die Sicherheitsvorkehrungen zu überwinden.

»Konzentrier dich, Mädchen«, sagte Magnus und legte die Kuhglocke weg, mit der er den Alarm simuliert hatte. »Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass sie den Stellplatz für die Vitrine geändert haben. Das musst du draufhaben, sonst …« Er vollendete den Satz nicht, denn er hielt es für wirkungsvoller, die Folgen ihrer Phantasie zu überlassen.

»Ja, tut mir leid«, murmelte Lucia und zog sich die Augenbinde vom Kopf. »Ich hab es drauf, wirklich, aber das mit der Änderung irritiert mich eben noch ein bisschen. Keine Sorge, ich krieg das noch rechtzeitig hin.«

»Das wär auch besser«, seufzte Magnus. »Vielleicht sollte jetzt lieber mal jemand anderes weitermachen.«

»Nein, ich will es noch einmal probieren.« Die umstehenden Männer rollten mit den Augen, sagten aber nichts.

»Gut, wie du meinst«, sagte Magnus. »Aber diesmal wenden wir uns den Schaltkreisen zu, okay? Dann sehen wir schnell, wie gut du dich noch konzentrieren kannst.«

Lucia nickte, trat an eine der Werkbänke und zog sich die Augenbinde wieder über den Kopf. Dann nahm sie ein Metallkästchen, öffnete es, zog aus ihrer Hosentasche einen Draht, steckte ihn sich zwischen die Zähne und begann, die Kabel in dem Kasten zu ertasten. Die Männer hielten den Atem an und achteten genau auf die Leuchtdioden, die daran angebracht waren. Sie blinkten grün, als Lucia den Draht aus dem Mund nahm und ihn an einen der anderen heranführte. In dem Moment, in dem sich die kupfernen Enden berührten, schalteten die Dioden von Grün auf Rot um. Lucia machte weiter, denn sie konnte diese Veränderung nicht sehen. Magnus ergriff die Kuhglocke, hielt den Klöppel fest, schlich sich ganz nah an die Frau heran und begann dann direkt neben ihr mit Getöse zu läuten. Wieder fuhr Lucia zusammen und riss sich die Augenbinde herunter.

»Lass mal gut sein für heute«, sagte Magnus sanft, und die junge Frau trollte sich in den weniger beleuchteten Teil der Werkstatt.

»Wie wär’s, wenn wir jetzt mal mit dir weitermachen?«, sagte der Schutzpatron an Georg gewandt. »Mir wurden ja wahre Wunderdinge von dir berichtet.«

Sein Gegenüber grinste gelassen.

»Vorschusslorbeeren werden dir hier aber nichts nutzen«, erklärte Magnus, und das Grinsen auf Georgs Gesicht verschwand. »Du wirst uns schon überzeugen müssen.«

Die Augen des kleinen, drahtigen Mannes wurden schmal, und eine Weile taxierten sich die beiden, bis Georg plötzlich losrannte, unvermittelt einen Salto vollführte, der ihn auf der Werkbank landen ließ, Anlauf nahm und mit drei schnellen Schritten über Bank und Wand nach oben sprang, wo er sich mit einer Hand in das Sims des kleinen Fensters krallte. Als wiege er nichts, zog er sich empor, stieß sich aber sofort wieder ab, bekam die Rohre zu fassen, die an der Decke entlangliefen, hangelte sich an ihnen bis zur gegenüberliegenden Wand, zog seine Beine nach und hing nun wie eine Spinne an der etwa vier Meter hohen Decke, den erstaunten Gesichtern am Boden zugewandt, ehe er sich wieder abstieß und mit einem Salto direkt vor Magnus landete. Der hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als der Körper auf ihn zugeflogen kam, verzog nun aber die Lippen zu einem schiefen Grinsen und begann, in die Hände zu klatschen, worauf sich nach und nach auch die anderen anschlossen.

»Beeindruckend«, kommentierte der Schutzpatron die eben dargebotene Aktion. »Aber wir sind hier nicht beim Zirkus. Wenn du diese beachtlichen Fähigkeiten allerdings in etwas für uns Brauchbares umwandelst, dann mache ich mir um deinen Part schon mal keine Sorgen.« Er blickte die restlichen Männer an. An einem von ihnen blieb sein Blick haften. Er warf ihm die Augenbinde zu.

»Servatius, du bist an der Reihe!«

Der dunkelhaarige Mann erhob sich, schüttelte seine Arme aus und ging bis zur Tür. Dort zog er die Binde über sein Gesicht, nickte einmal kurz und setzte sich in Bewegung. Wie bei der Wachablösung einer Leibgarde bewegte er sich im Stechschritt in Richtung der Mitte des Raumes. Nach genau acht Schritten führte er eine zackige Neunziggraddrehung aus.

Die anderen schluckten. So wie er ging, marschierte er direkt auf den Nachbau der Vitrine zu. Magnus hob die Hand und bedeutete den anderen, sich ruhig zu verhalten. Noch einen Schritt, und Servatius würde direkt in die Holzinstallation laufen. Magnus hielt seine Glocke auf Hüfthöhe, da knallte das Schienbein des Südländers mit voller Wucht gegen eine der Querstreben. »Au, Scheiße!«, schrie er, dann zog er sich reflexartig die Augenbinde herunter, fasste sich an den Unterschenkel und trat noch einmal leicht gegen die Vitrinenattrappe, was Wunibald mit einem aggressiven »Hey, geht’s dir noch gut?« quittierte. Servatius krümmte sich vor Schmerzen am Boden. Die anderen blickten ihn besorgt an, nur Nikolaus zeigte grinsend seine Zahnlücken.

Magnus lief kommentarlos zu ihm und ließ die Glocke zweimal ertönen. »Noch mal!«

Servatius sah zu ihm auf und schüttelte den Kopf, während er sich das Bein rieb. Er zog seine Hose hoch und gab so den Blick auf einen blutenden Riss frei, um den herum der Fuß gerade bläulich anschwoll.

Magnus kniff die Augen zusammen. Verächtlich sah er auf die Wunde, streckte dem Mann am Boden dann aber eine Hand entgegen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog sich Servatius daran hoch, knickte mit dem verletzten Bein jedoch wieder ein.

»Morgen kannst du es«, zischte Magnus und entzog seinem Gegenüber die Hand, die der noch immer festhielt.

»Nikolaus, Wunibald, bringt unseren Patienten nach draußen! Wir sind ja kein Lazarett hier.« Dann wandte er sich Servatius zu: »Und nun geh mit Gott, du Weichei!«