Mittwoch, 8. September

Fahles Licht fiel durch das kleine staubige und fast zur Hälfte von Spinnweben überzogene Fenster in Kluftingers Garage, die er, in Ermangelung von etwas Besserem, gerne als »sein Reich« bezeichnete. Es war noch früh am Morgen, gerade machte die Nacht einem ersten Anflug von Dämmerung Platz. Der Wecker hatte heute mehr als eine Stunde früher geklingelt als gewöhnlich. Dennoch hatte der Kommissar eine knappe, eilige Katzenwäsche der Dusche vorgezogen und sich statt eines ausführlichen Frühstücks nur eine Tasse Pulverkaffee bereitet. Die stand jetzt auf dem schmalen Fensterbrett, während er selbst in der hinteren Ecke in der Kälte seiner gähnend leeren Garage kauerte und ächzte. Einen völlig platten Fahrradschlauch mit seiner altertümlichen Luftpumpe aufzufüllen, aus der hinten mehr Luft herauskam als vorn durchs Ventil, war kein Zuckerschlecken. Er wusste nicht genau, wann er zum letzten Mal sein Rad benutzt hatte, und hoffte inständig, dass der Reifen wenigstens kein Loch hatte, denn zum einen hatte er keine Ahnung, ob sich noch irgendwo Flickzeug befand, zum anderen lief ihm allmählich die Zeit davon. Doch nach einer Weile nahm er mit Zufriedenheit wahr, dass sich das Gummiprofil langsam, aber merklich vom Garagenboden hob. Na also, ging doch!

Er zuckte zusammen, als sich auf einmal die Seitentür, die in den Kluftinger’schen Hausgang führte, quietschend öffnete. Im Schein der Korridorlampe stand Erika in Bademantel und Hausschuhen. Sie sah ihren Gatten verwundert an, und als der nichts sagte, sondern nur ausdruckslos zurückstarrte, fragte sie: »Kannst du mir mal verraten, was du hier in der dunklen Garage machst? Warum du auf einmal eine Stunde früher aufstehst als die letzten dreißig Jahre? Und überhaupt: Wo ist eigentlich das Auto?«

Kluftinger wollte gerade zu einer detaillierten Beantwortung der Fragen ansetzen, hielt dann aber inne. Nach kurzem Überlegen sagte er nur: »Ich fahr heut mit dem Fahrrad! Mach ich jetzt übrigens öfters!« Dann pumpte er eifrig weiter.

Erika sah ihn ungläubig an. »Bist du … krank?« Sie klang ernsthaft besorgt.

Ihr Mann hielt inne und blickte sie von unten an. »Nein, Erika, ich bin nicht krank … noch nicht. Und damit ich es auch nicht werde, mache ich jetzt was für meinen Körper. Ein bissle Trimm-dich halt, damit ich wieder in Form komm! Ist auch gut für meine Linie.«

Erika musterte ihn skeptisch und begann schwerer zu atmen. Eine leichte Zornesröte machte sich auf ihren Wangen breit. »Du kannst ruhig auch gleich sagen, dass du eine andere hast! Dann weiß ich wenigstens Bescheid!« Sie schluchzte vernehmbar.

Kluftinger blickte seine Frau entgeistert an. Dann stand er ächzend aus der Hocke auf und ging laut lachend auf sie zu. »Erika! So ein Schmarrn!«

Doch als er sie in den Arm nehmen wollte, stieß sie ihn zurück. »Lachst du mich jetzt auch noch aus? Wer ist es denn? Die Henske?«

Kluftinger konnte sich einen weiteren Lacher nicht verkneifen. Ausgerechnet Sandy Henske – er hätte nie gedacht, dass seine Frau jemals einen Gedanken daran verschwenden könnte. Wieder zog er Erika an sich, und diesmal bekam er keine Gegenwehr zu spüren. »Jetzt hör halt auf! Als ob ich eine andere Frau hätt! Wer will mich alten Dackel denn noch? Und übrigens: Das wär mir viel zu anstrengend. Du reichst mir voll und ganz!«

»Ach so? Wenn das der einzige Grund ist, dann können wir uns auch gleich scheiden lassen!«, gab seine Frau zurück und entwand sich ihm wieder. »Und was war mit dem Parfüm gestern?«

»Ach, Erika, das war völlig harmlos, wirklich! Ich bin … ich erklär dir das nachher, versprochen! Nix, was du jetzt vielleicht meinst. Mach dir bitte keine Sorgen, ja?« Er zog sie lächelnd wieder an sich. »Aber ich muss jetzt mein Rad aufpumpen!«

»Was soll denn jetzt das auf einmal, mit dem Fahrrad? Ich mein, ich hab ja nichts dagegen, wenn du auf dich schaust, aber was ist denn plötzlich passiert, dass du …«

»Erika«, fiel ihr Mann ihr ins Wort, »es geht mir ja auch nicht nur um meine Gesundheit. Das ist ja auch eine Frage der Umwelt. Schau, wenn allein jeder von meiner Abteilung mit dem eigenen Auto ins Geschäft fährt, was da an Benzin draufgeht. Und wegen dem Treibhauseffekt! Wir können doch nicht so tun, als ob uns das alles nichts angehen würde.«

Mit zusammengezogenen Brauen sah Erika ihren Mann an. Kluftinger wurde klar, dass dieses Argument aus seinem Mund kaum glaubwürdiger klang als die plötzliche Sorge um seine körperliche Fitness. Daher beschloss er, schnell das Thema zu wechseln. »Du, ich hab außer dem Kaffee noch nichts gefrühstückt. Was haben wir denn da?«

»Von gestern sind noch Semmeln übrig. Was willst du drauf? Leberwurst oder Frischkäse?«

Kluftinger überlegte. Es war ganz schön weit nach Kempten, und da er keine körperliche Anstrengung gewohnt war, würde die Strecke kräftezehrend sein. Wahrscheinlich sollte er lieber irgendein Fitnessessen zu sich nehmen. Langhammer betonte doch immer wieder, dass sein Powermüsli ihm Kraft für den ganzen Tag gab. »Haben wir ein Müsli?«

Erika stockte regelrecht der Atem. »Du willst …. was?«

»Müsli halt. Und wenn du welche hast, nehm ich mir auch noch so Riegel mit, als Brotzeit!« Dann wandte er sich wieder seinem Rad zu.

Kopfschüttelnd stand Erika in der Tür. »Ich hab keine Ahnung, was mit dir los ist. Ich vertraue aber einfach darauf, dass du mir sagst, was es ist, wenn du so weit bist, ja?«

»Alles gut, glaub’s mir! Was ist jetzt mit dem Müsli?«

»Du, schau grad selber nach, ich geh jetzt erst mal ins Bad, mir ist kalt!«, erklärte Frau Kluftinger und schloss lautstark die Garagentür.

Zwanzig Minuten später radelte Kluftinger am Altusrieder Ortsschild vorbei. Er hatte im Vorratsschrank in einem Schraubglas tatsächlich noch Cornflakes gefunden, die allerdings alles andere als knusprig waren, aber das machte Kluftinger genauso wenig aus wie der Umstand, dass es sich dabei streng genommen nicht um Müsli handelte. In seine Aktentasche, die nun notdürftig auf dem Gepäckträger festgeklemmt war, hatte er noch drei Schokoriegel gepackt. Er hatte bei der Berichterstattung über die Tour de France einmal vom sogenannten »Hungerast« gehört, einer Körperschwäche, die durch mangelnde Nahrungszufuhr entstand und die Leistungsfähigkeit radikal einschränkte. So weit würde er es nicht kommen lassen.

Nun trat er kräftig in die Pedale. Bisher klappte es ja wirklich gut mit dem Radeln. Nur fünf Minuten hatte er bis zum Ortsausgang gebraucht; wenn das so weiterging, war er in einer halben Stunde bereits im Büro. Und damit sogar früher als sonst. Kluftinger atmete tief ein. Er sog die gute Herbstluft durch die Nase, genoss den Duft nach feuchtem Gras, in den sich eine leise landwirtschaftliche Note mischte, genoss es, die Kuhglocken von einer Weide und das unbeschwerte Zwitschern der Vögel zu hören, freute sich an den bunten Blättern der Bäume, die den Radweg säumten, der mit etwas Abstand parallel zur Straße verlief, und sah nach rechts hinüber zu den Gipfeln der Allgäuer Alpen, die in ein paar Wochen schon wieder von Schnee überzuckert sein würden. Allerdings wurden Kuhglocken und Vogelgesang immer wieder vom Lärm vorbeifahrender Autos übertönt. Er schüttelte den Kopf. Warum hatte er nicht schon längst den Wagen ab und zu gegen diese gesunde und umweltfreundliche Alternative getauscht? Noch dazu, wo es doch wirklich Spaß machte.

Bereits zehn Minuten später hatte Kluftinger seine Meinung schon wieder geändert. Er hatte den Ortsteil Krugzell hinter sich gebracht und fuhr jetzt auf den letzten Metern der neuen Ortsumgehung. Ein Auto nach dem anderen zog an ihm vorbei, und immer wieder hupten einige – ob die Fahrer ihn erkannt hatten oder ihn als Verkehrshindernis betrachteten, konnte er in seiner Haltung – weit nach vorn über den Lenker gebeugt – nicht feststellen. Tiefes Durchatmen war ihm kaum noch möglich, so sehr war er inzwischen außer Atem, und zu dem Ziehen in den Oberschenkeln hatte sich ein veritables Seitenstechen gesellt. Seine »Windjacke« hatte er mittlerweile ausgezogen, nun pfiff die kalte Luft durch seinen Wolljanker, unter dem er stark schwitzte.

Als er an einem Marterl am Wegrand vorbeifuhr, hielt er kurz an, sah sich nach allen Seiten um, kniete dann nieder und sprach, das Gesicht der Madonnenstatue zugewandt, leise: »Heiliger Antonius, kreizbraver Ma, bitte fihr mi an des Plätzle na, wo ma mei Auto hiverzoge hot. Danke. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Er bekreuzigte sich und fuhr mit frischer Zuversicht weiter – der heilige Antonius hatte ihn noch nie im Stich gelassen.

Mit hochrotem Kopf, an dem seine nassen Haare klebten, kam der Kommissar schließlich eine weitere Dreiviertelstunde darauf keuchend und völlig am Ende seiner Kräfte vor der Kriminalpolizeidirektion an. Er lehnte sein Fahrrad an die renovierte Fassade, wohlweislich den Hinweis auf einem Edelstahlschild ignorierend, der darum bat, genau dies nicht zu tun. Wenn man ihm schon keinen Parkplatz zur Verfügung stellte und deswegen das Auto geklaut wurde …

Kluftinger stutzte. Erst jetzt kam er überhaupt auf den Gedanken, dass er ja auch sein Fahrrad irgendwie gegen Diebstahl sichern musste! Die nötigen Vorbereitungen für seine morgendliche Tour und schließlich die ungewohnte körperliche Belastung hatten seine Sinne so in Beschlag genommen, dass er sich gar nicht damit befasst hatte. Dabei hatte er sich vor Jahrzehnten selbst ein Fahrradschloss gebastelt, das sicher auch den größten und massivsten Bolzenschneidern standgehalten hätte: Er hatte sich beim letzten Eisenwarenhändler der Stadt dreieinhalb Meter der stärksten Eisenkette besorgt, die der auf Vorrat hatte, und dazu drei schwere Vorhängeschlösser. Zwar brauchte er für diese Sicherung wegen ihres hohen Eigengewichts immer einen kleinen Rucksack, aber wenn er die Kette mehrmals durch Speichen und Rahmen schlang und dann dreimal Rahmen und Räder fest miteinander verschloss, gab ihm das ein gutes Gefühl. Die Nachfrage seiner Frau, warum er zwar einerseits Haus- und Autotür stets offen stehen ließ, meist sogar mit steckendem Schlüssel, andererseits aber sein Fahrrad sicherte, als sei es aus vierzehnkarätigem Gold, hatte er freilich nie schlüssig beantworten können. Nun lag ebendieses Schloss aber zu Hause in Kluftingers Garage.

»Hurament!«, fluchte er schließlich und packte sein Rad. Musste er es eben mit ins Haus nehmen. Ein »Na, den Fluch hör ich aber ungern …! Morgen, Kommissar!« ließ ihn aufsehen: Im Haus gegenüber stand Uschi, eine der »Damen«, am offenen Fenster und rauchte. Kluftinger nickte und hob die Hand zum Gruß.

»Ich wollt nur sagen, wegen …«, fuhr sie fort, doch Kluftinger winkte ab.

»Ich hab wirklich keine Zeit für ein Schwätzchen … Frau … Uschi. Mir pressiert’s ein bissle!«, rief er, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Dann schleppte er sich und sein Fahrrad die wenigen Stufen zum Haupteingang hoch. An der Pforte nahm er den beiden diensthabenden Beamten in Uniform das Versprechen ab, besonders gut auf sein Rad aufzupassen, es sei wirklich ein außerordentlich wertvolles Fahrzeug. Die beiden Kollegen versicherten, den ganzen Tag ein Auge darauf zu haben, und Kluftinger konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein undefinierbares Grinsen dabei ihre Mundwinkel umspielte.

Jetzt möglichst unbemerkt ins Büro kommen und sich erst mal frisch machen, dachte sich Kluftinger, als er die letzte Treppenstufe nahm. So könnte er unmöglich einem seiner Mitarbeiter …

»Na, Chef, ham Sie heut Morgen schon mit’m wilden Zeisig gepimpert?« Sandy sah ihm ausdruckslos ins Gesicht, unter dem Arm trug sie einige Aktendeckel.

Kluftinger starrte sie entgeistert an und krächzte mit belegter Stimme: »Ich hab … was?«

»Mit’m wilden Zeisig gepimpert!«, wiederholte die Sekretärin. »Das haben wir in Dresden immer so gesagt. Sie wissen schon, in der Ostzone, die ich damals so fluchtartig verlassen habe, um nach Bayern, ins gelobte Land, zu pilgern.«

Dann ließ sie ihren Chef stehen und setzte ohne weiteren Kommentar ihren Weg in Richtung Treppe fort.

Priml, dachte Kluftinger. Nicht nur, dass sie ihn in einem derart derangierten Zustand gesehen hatte. Ihrer Reaktion war eindeutig zu entnehmen, dass sie ihm noch nicht annähernd seinen Fauxpas von gestern verziehen hatte. Gesenkten Hauptes begab er sich in sein Büro, immerhin ohne einem weiteren Kollegen zu begegnen. Dort warf er seine Tasche auf den Schreibtisch, ging zu dem kleinen Waschbecken, das in einem der Einbauschränke angebracht war, und zog sich Hemd und Unterhemd aus. Früher hatte es noch Stoffhandtücher bei der Polizei gegeben, doch in den neuen Räumen waren diese einem Spender für die hellgrüne kratzige Papiervariante gewichen, die man aus öffentlichen Toiletten kannte. Kluftinger seufzte und wischte sich den Oberkörper ab. Dann versuchte er, seine Haare zu trocknen und wieder in eine einigermaßen zivile Form zu kämmen. Schließlich spritzte er sich mit den Händen einen großen Schwall Wasser ins Gesicht, was jedoch dazu führte, dass seine Hose mehr als nur ein paar Tropfen abbekam. Seufzend zog er auch diese aus und legte sie auf der kleinen Sitzecke neben Hemd und Unterhemd zum Trocknen aus. Nur mit Socken und seiner weißen Doppelrippunterhose bekleidet, begab sich der Kommissar zu einem weiteren Einbauschrank, wo er immer einen Anzug zum Wechseln aufbewahrte. Es kam hin und wieder vor, dass er unvorhergesehen offiziell auftreten musste, etwa wenn eine eilige Pressekonferenz anberaumt wurde. Und da Erika ihren Mann dann ungern hemdsärmelig sah, bestand sie darauf, dass er den grauen Anzug mit dem Trachtensakko im Büro hängen ließ. In diesem Moment war ihr Kluftinger dafür sogar dankbar. Auch ein weißes Hemd befand sich säuberlich gebügelt in der Plastikhülle, die die Wechselkleidung vor Staub schützte. Der Kommissar machte sich gerade daran, diesen Überwurf vom Bügel zu ziehen, als er ein Geräusch hinter sich vernahm. Er fuhr herum. In der Tür stand Sandy Henske.

»Oh, ich wusste nicht … Ich hab aber geklopft«, sagte sie und wirkte dabei weniger forsch als eben auf dem Korridor, was Kluftinger erleichtert zur Kenntnis nahm. Wenn durch diese peinliche Situation die gespannte Atmosphäre wieder ins Lot kam, dann war es zumindest für etwas gut gewesen. Derweil musterte ihn Sandy in aller Ruhe von oben bis unten, um schließlich kurz, aber vernehmlich aufzulachen. »Ich hab genug gesehen, ich komm später wieder«, sagte sie und verschwand aus dem Zimmer.

Bevor er sich wieder anzog, prüfte der Kommissar ausgiebig sein Spiegelbild, wobei er unbewusst seine Brust blähte und den Bauch einzog, bis ihm die Luft wegblieb, und er sich selbst versicherte, dass die sportliche Aktivität, der er sich heute Morgen ausgesetzt hatte, bereits einen positiven Einfluss auf seine Figur gehabt habe. Dann verließ er frisch gekleidet sein Zimmer und spähte zu Sandys Schreibtisch hinüber. Erleichtert stellte er fest, dass die gerade nicht am Platz war, sah sich nach allen Seiten um, ging zu dem Tisch hinüber und zog die oberste Schublade auf. Er wusste, dass die Sekretärin dort nicht nur Kopfschmerztabletten aufbewahrte, mit der sie im Notfall die ganze Abteilung versorgte, sondern auch eine ordentliche Auswahl an Pflege- und Kosmetikprodukten. Er griff sich ein Deodorant und steckte es sich in die Tasche. Erst als er sich in seinem Zimmer großzügig damit eingesprüht hatte und es gerade wieder in die Schublade zurücklegen wollte, las er, was auf der Dose stand: Femona – der zarte Duft für die intimen Bereiche der Frau!

»Also ich riach auch nix, ned!«, tönte es aus dem Telefon, das mitten auf dem großen Besprechungstisch stand.

»Da seht ihr’s, der Herr Lodenbacher ist meiner Meinung!«, triumphierte Kluftinger und grinste in die Runde. Seine Kollegen schüttelten nur resigniert den Kopf. Widersprechen konnten sie schlecht, denn nach dem Zuspätkommen des Kommissars am Vortag hatte Lodenbacher darauf bestanden, bis auf Weiteres zu den Morgenlage-Besprechungen von Kluftingers Abteilung per Telefon zugeschaltet zu werden. Nachdem also alle eingetrudelt waren, hatte man beim Präsidenten angerufen, der gerade noch das Ende einer Diskussion über Kluftingers Anzug und zudem darüber mitbekommen hatte, ob es nun heute im Konferenzzimmer nach einem furchtbar aufdringlichen Parfüm rieche oder nicht. Während alle anderen nacheinander die Nase rümpften, beharrte Kluftinger darauf, lediglich den Duft von frisch gebrühtem Kaffee zu riechen.

Ein »Also, meine Herrn, jetzt fang ma an, ned?« schepperte aus dem kleinen Lautsprecher. »Ich hob noch einen wichtigen Termin! Ob es bei Eahna stinkt oder nicht oder ob der Herr Kluftinga ausnahmsweise mal angemessen gekleidet is, des duat do jetzt nix zur Sach!«

Die Anwesenden sahen sich an und schnitten Grimassen, Strobl kritzelte »Wichtigen Termin! Bestimmt rein dienstlich!« auf einen Zettel, und die Kollegen hatten Mühe, sich ein Lachen zu verkneifen, als er ihn Beifall heischend hochhielt, damit es die ganze Runde lesen konnte. Kluftinger grinste ebenfalls, gab Strobl dann aber ein Zeichen, dass es nun an der Zeit sei, mit der Morgenlage zu beginnen.

»Wir haben eine neue Leichensache, Herr Lodenbacher!«, sagte Strobl in Richtung des Telefons.

»Wer hot des gsogt?«, tönte es sofort von der Mitte des Tisches.

»Ich!«

»Wer soll des sein … Ich?«

»Wie jetzt? Wer ich bin? Oder … oder Sie?«, sagte Strobl grinsend, klang dabei aber völlig ernst.

»Höan S’ auf mit dem Schmarrn! Hefele, san Sie des?«

Hefele richtete sich dienstbeflissen in seinem Stuhl auf und sagte: »Nein, Herr Lodenbacher, ich kling so… wie Sie es grad hören.«

»Wissen S’ wos?«, blaffte Lodenbacher so laut, dass der Lautsprecher zu knistern begann. »Mir wird des zu bläd. Ab sofort nennen Sie Ihren Namen, bevor Sie was sagen!«

»Also gut!«, fasste sich Roland Hefele ein Herz. »Hefele Roland. Wir haben ein Tötungsdelikt seit gestern!«

»Aha, und warum weiß ich nix davon?«, wollte Lodenbacher wissen.

»Hefele Roland. Weil heut erst die Morgenlage ist und weil es auch keine aktuelle Tötung ist, also eine mit einer Leiche am Tatort, sondern eine, die der Böhm bei einer Routine-Obduktion entdeckt hat.«

»So. Kennan Sie mir jetzt endlich sogn, wer umkemma is?«

»Richard Maier …«, setzte der an, doch ein sich ankündigendes Niesen ließ ihn innehalten.

»Wos? Um Jessas, unser Maier is … is … tot?«, fragte Lodenbacher betroffen. »Der war doch gestern no bei Eahna!«

»Nein. Eugen Strobl. Nicht der Maier.«

»Wos? Schmarrn, jetzt höarn S’ abe auf, den Strobl hob ich doch grad noch gsprochen, ned?«

»Eugen Strobl. Nein, auch nicht ich. Eine alte Frau aus Kempten, Maria Zahn, zweiundachtzig Jahre, Lenzfrieder Straße. Ihr Hausarzt hat Herzversagen diagnostiziert und auch einen entsprechenden Totenschein ausgestellt. Und der Böhm hat im Nachhinein aber herausgefunden, dass sie stranguliert worden ist. Wir haben bisher keine Anhaltspunkte, was passiert sein könnte, die Frau wurde in der stillgelegten, vermieteten Autowerkstatt ihres Mannes, die sich im Wohnhaus des Ehepaars befindet, gefunden.«

»Roland, weißt du schon was von den Mietern?«

»Wer redt?«

»Kluftinger.«

»Wos?«

»Hefele Roland. Nein.«

»Wos nein?«

»Hefele Roland. Nein. Ich weiß nichts von den Mietern. Sie haben eine falsche Adresse und falsche Namen angegeben. Aus den Unterlagen der Verstorbenen geht hervor, dass sie die Miete immer bar bezahlt haben. Das hat sie zwar in einer Tabelle vermerkt, ging wohl aber an der Steuer vorbei. Die Zahn war ziemlich auf Geld aus, zumindest war die Miete für diese alte Klitsche sehr hoch, wie ich finde.«

»Richard Maier, Kriminalhauptkommissar, spricht …«

Die anderen sahen sich an. War ja klar, dass Maier es wieder besonders korrekt machen musste. Hefele schrieb »Streber!« auf seinen Zettel.

»… ich hab mich gestern noch mit den Kollegen vom Diebstahl unterhalten. Wie wir ja schon wissen, gibt es aktuell eine Serie von Autodiebstählen im Allgäu. Aber die Kollegen tappen nach wie vor im Dunklen. Sie haben zwar den Verdacht, dass einige zwielichtige Autohändler damit zu tun haben, aber einen echten Anhaltspunkt haben sie nicht. Und andererseits gibt es auch keine rechte Verbindung, schließlich haben wir kein gestohlenes Auto in Zahns Werkstatt gefunden.«

»Wo werden denn die meisten Autos gestohlen, Richie?«, fragte Kluftinger und versuchte dabei, möglichst gelangweilt zu klingen.

»Meine Herrn: Disziplin! Wer redt?«

»Herrgott … Kluftinger halt!«

»Hier spricht wieder Kriminalhauptkommissar Richard Maier, bitte. Also, die Kollegen haben gemeint, dass schon das meiste in den Städten gestohlen wird, Kempten und Memmingen sind die Schwerpunkte.«

»Vor allem tagsüber?«, wollte Kluftinger wissen.

»Kriminal…«, setzte Maier an, wurde aber von Kluftinger unterbrochen, der ein scharfes »Richie!« zischte.

»Maier spricht. Schmarrn, tagsüber. Natürlich werden die meisten Wagen nachts gestohlen. Soll das jetzt eine Fangfrage sein?«

»Kluftinger. Und welche Typen von Autos sind die beliebtesten?«

»Maier antwortet jetzt wieder, Herr Polizeipräsident. Also, beliebt sind wohl nach wie vor teure Sportwagen, aber auch Coupés, SUVs und große Kombilimousinen …«

Kluftinger horchte auf.

»… vor allem also eher große Autos.«

»Baujahr?«, fragte der Kommissar nach.

»Maier redet nun. Wie, Baujahr?«

»Ja, alt oder neu?«

»Erneut hat Richard Maier das Wort. Ja, neu halt, was soll denn die Frage? Klar sind auch Klassiker älterer Baujahre dabei, die sind ja besonders wertvoll.«

Kluftinger nickte kaum merklich. Das war es also. Die Diebe hatten sein Auto gesehen, es völlig richtig als klassisches Automobil eingeschätzt und kaltblütig zugegriffen! »Richie, was meinen denn die Kollegen … äh, Kluftinger hier … was mit den gestohlenen Autos passiert?«

»Nun antwortet wiederum Richard Maier, Leutkirch. Sie wissen es natürlich aktuell nicht. Aber es gibt wohl einige klassische Methoden. Zum einen werden vielen Autos neue Identitäten gegeben, das heißt, es werden neue Fahrgestellnummern eingraviert, die wiederum aus gestohlenen, echten Fahrzeugbriefen stammen. Oder sie fälschen Fahrzeugpapiere. Das klassische Modell, dass die Autos schon auf dem Schiff oder über die Grenze nach Osteuropa sind, bevor sie hier als gestohlen gemeldet wurden, ist die andere Variante. Viele Autos werden auch zerlegt und in Teilen transportiert, oder man puzzelt diese Teile neu zusammen. Jetzt planen die Kollegen wohl, eine Art Lockvogel-Wagen mit winzigen Sendern zu präparieren, um den Typen auf die Spur zu kommen.«

»Mal angenommen …«

Ein Räuspern kam aus dem Telefon.

»Ja, ja … Kluftinger … mal angenommen, ein Auto wird einem gestohlen. Wie groß sind die Chancen, dass …«, hakte der Kommissar nach, wurde aber von Lodenbacher unterbrochen.

»Kluftinga, wos wolln S’ denn alweil mit den Autos? Kümmern Sie sich um die Mordsache, da haben Sie gnug zum tun, ned? Verzetteln Sie sich ned so, verstanden? Ach so, und denken Sie dran, Sie kommen heut Nachmittag um vierzehnhundert zu mir ins Büro!«

»Hundert was?«

»Um zwei!«

Die anderen sahen den Kommissar mitleidig an. Der versuchte, doch noch einmal aus der Sache mit der Ausstellung rauszukommen.

»Ist das denn wirklich unumgänglich? Ich mein, ich hab ja schon viel zu tun grad mit dem neuen Fall …« Kluftinger grauste davor, in einer Arbeitsgruppe zu sitzen, die ausgerechnet von Lodenbacher geleitet wurde. Außerdem wurde um die Schau seit Wochen ein großes Tamtam gemacht: Anfang der Achtzigerjahre hatte ein Spaziergänger einen wertvollen Schatz unter der Burgruine Kalden in Altusried entdeckt. Eine Reliquienmonstranz mit sterblichen Überresten des heiligen Magnus, des Schutzpatrons des Allgäus. Bei gezielten Grabungen hatte man daraufhin weitere Funde gemacht, wie einige kunstvoll gestaltete Kelche und allerlei Schmuck. Die genaue Untersuchung hatte ergeben, dass diese nicht nur materiell, sondern vor allem kunsthistorisch und auch aus Sicht der Kirche von unschätzbarem Wert waren.

Die Altusrieder hatte die ganze Sache nicht sehr überrascht. Vor allem die Alten hatten nur wissend genickt und die Sagen wieder hervorgeholt, die schon seit Jahrhunderten über die Burg kursierten, die geheimnisvollen Gänge darunter, das jähe Ende des steinernen Baus bei einem Erdrutsch und seine verborgenen Schätze, die dabei mit in die Tiefe gerissen worden waren.

Als junger Polizist hatte Kluftinger damals sogar mit dem Fund zu tun gehabt. Während die Archäologen, Kunsthistoriker und Restauratoren ihn aufarbeiteten, war es dann recht still darum geworden, dann aber ging er geradezu um die Welt: Immer wieder hatte Kluftinger in der Zeitung Meldungen gelesen, dass er in Paris, Rom, London und sogar New York im Rahmen großer Ausstellungen zu sehen war. Schließlich war es mehreren Gremien und Politikern aus dem Allgäu gelungen, den Schatz zurück in seine Heimat zu holen. Dafür war nach der riesigen Freilichtbühne ein weiteres sündteures Großprojekt der Gemeinde in Auftrag gegeben worden – ein eigens gebauter moderner Ausstellungsraum auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofs neben der Burg. Kluftinger befürchtete bereits einen nicht enden wollenden Besucherstrom, der in Zukunft das Dorf heimsuchen würde.

Ein »Homm S’ mi?« seines Vorgesetzten riss den Kommissar aus seinen Gedanken. Er hatte gar nicht recht zugehört, gab aber mit einem »Mhm« zu verstehen, dass er Lodenbachers Ausführungen gefolgt war.

»Gut. Also zum Fall zurück: Roland und Richie, ihr fahrt heut zu den Nachbarn von dem Zahn, um sie zu befragen, bitte. Das war ich, also Kluftinger quasi.«

»Ach so«, meldete sich Strobl zu Wort, »wir haben gestern Abend noch einen Anruf einer Nachbarin bekommen, die schräg gegenüber wohnt. Sie hat unsere ganzen Autos vor dem Haus von den Zahns gesehen und will jetzt irgendwas Auffälliges beobachtet haben. Ich hab gesagt, du kommst im Lauf des Vormittags bei ihr vorbei. Ist dir das recht?«

»Hm?« Kluftinger dachte kurz nach. »Nein, das ist nicht recht, die soll bitte herkommen. Ich hab wirklich einen Haufen Arbeit, da kann ich nicht dauernd in der Weltgeschichte rumgondeln. Für was haben wir ein Büro.«

Strobl verstand nicht. Kluftinger nutzte doch sonst jede Gelegenheit, seinem Schreibtisch zu entkommen. Er schüttelte den Kopf und wollte gerade etwas sagen, als Lodenbacher vernehmen ließ, dass er das nur begrüßen könne, auch er finde, dass effizientes Arbeiten bei der Polizei am besten im Büro geschehe. Zudem erkläre er die Morgenlage-Besprechung hiermit für beendet, »seine Herrn« sollten jetzt an die Arbeit gehen. Noch einmal ermahnte er Kluftinger, pünktlich zu erscheinen, dann verabschiedete er sich mit einem »Lodenbacher Ende«.

Die Polizisten standen auf, Kluftinger bat Eugen Strobl aber, noch kurz bei ihm zu bleiben. Als die anderen die Tür geschlossen hatten, zog er ihn zu sich. Was Maier vorher über die Autodiebstähle erzählt hatte, hatte ihn auf eine Idee gebracht. Doch dafür galt es jetzt noch die nötigen Vorkehrungen zu treffen.

»Eugen«, begann er in konspirativem Ton, »sag mal, wenn man so einen Dienstwagen braucht, was muss man da noch mal schnell machen?«

Strobl sah ihn verwundert an.

»Ich mein, muss man sich die jetzt unten beim Präsidium anfordern, oder haben wir da grad was da? Also was, was frei wär?«

»Was, was frei wär?«, wiederholte Strobl.

»Ja, ich mein, den Audi wirst du ja nehmen, wenn ihr in die Stadt fahrt, was haben wir denn sonst noch?«

Strobl warf einen Blick aus dem großen Fenster auf den Hinterhof. »Also, wenn du es genau wissen willst: Wir hätten einen 3er BMW in Weiß, einen Golf Variant in Weinrot, einen grauen Opel Astra und den neuen schwarzen A4, aber den nehmen meistens die vom Betrug. Aber sag mal: Wieso brauchst jetzt du auf einmal einen Dienstwagen? Ist dein Passat kaputt, oder wie?«

»Du …«, tat Kluftinger möglichst unbeteiligt, »einfach so. Ich schone halt jetzt mein Auto mal ein bissle. Steht mir ja auch zu, oder?« Gegen Ende des Satzes hatte seine Stimme einen fast schon feindseligen Klang angenommen.

»Ja, ja, schon gut«, antwortete Strobl und hob die Hände. »Also: Du gehst runter zum Fuhrpark, lässt dir einen Schlüssel geben und trägst dich in die Liste ein. Fertig. Aber du hast ja eh erst mal beschlossen, den Vormittag über hierzubleiben. Ich schau, dass die Frau, also die Nachbarin, möglichst bald kommt.«

Gut zwanzig Minuten später öffnete Kluftinger im winzigen Hinterhof der Kriminalpolizeidirektion die Heckklappe eines nagelneuen schwarz glänzenden Audi A4, der jüngsten Errungenschaft des Kemptener Polizei-Fuhrparks. Die Sache mit dem Schlüssel hatte schon mal problemlos geklappt, die Kollegen vom Betrug hatten eingewilligt, jedoch gleich ihren Anspruch auf den Wagen für den nächsten Tag angemeldet. Kluftinger hatte versprochen, spätestens um neun am nächsten Morgen sei das Auto wieder verfügbar. Sein Blick fiel auf eine längliche Tasche, aus der gut und gerne zehn Nummernschilder herausragten. Bei der Ermittlung erwies es sich hin und wieder als hilfreich, wenn man das Autokennzeichen wechseln konnte, deswegen hatten die Dienstwagen immer verschiedene Schilder im Kofferraum. Der Kommissar überlegte. Im Moment war ein Mindelheimer Nummernschild montiert. Ob er es gegen eines aus dem Oberallgäu austauschen sollte? Oder doch lieber ein Kemptener? Oder gar ein Münchener? Möglicherweise wurde das Gelingen seines Plans dadurch ja beeinflusst … Da kam ihm eine Idee. Er zog sein Handy aus der Tasche des Trachtensakkos und wählte Strobls Anschluss. Als der abhob, fragte Kluftinger, ob er denn wisse, woher die meisten gestohlenen Fahrzeuge stammten.

Verwundert kam von Strobl zurück: »Sag mal, ist das jetzt dein Hobby mit den Autodieben, oder was? Ich glaub, wir haben echt was anderes zu tun, findest du nicht? In einer Stunde kommt die Nachbarin vorbei. Willst du uns eigentlich dabeihaben bei der Vernehmung?«

»Ja«, antwortete Kluftinger, »freilich will ich euch dabeihaben. Aber jetzt sag halt: Sind die meisten aus dem Oberallgäu gewesen oder aus Kempten oder …«

»Herrschaft, Klufti, was weiß ich. In den Städten wird am meisten geklaut, hat der Maier gesagt, und mehr weiß ich auch nicht. Servus. Sag mal, wo bist denn du eigentlich, dass du mit dem Handy anrufst? Ich hab gedacht, du wolltest am Schreibtisch …«

»Das tut jetzt nix zur Sache, Eugen. Kommt bitte mit der Frau in mein Büro, wenn sie da ist, wir befragen sie lieber da als im Vernehmungszimmer.« Kluftinger kramte in der Kennzeichentasche und zog schließlich zwei Schilder mit der Buchstabenkombination MM-KE heraus. Nachdem sich auf diesen gleich zwei Allgäuer Städte verbanden, erschien es ihm einleuchtend, sie auszuwählen.

Kurz darauf saß er bei laufendem Motor im Wagen. Es hatte ihn zwar einige Mühe gekostet, die Funktionsweise der elektrischen Sitzverstellung zu durchschauen, das Lenkrad in eine akzeptabel hohe Position zu bringen, das Auto mit dem seltsamen Steckschlüssel per Knopfdruck zu starten und schließlich die elektronische Handbremse zu lösen, aber schließlich hatte er all diese Klippen umschifft. Ein Anflug von Stolz machte sich in ihm breit angesichts dieser Leistung. Er fuhr vom Hof, bog in die Straße ein und drehte eine Runde um den Block, um das Auto nach zwei Minuten wieder direkt vor der Direktion abzustellen, unmittelbar unter dem Halteverbotsschild, das jedoch ausdrücklich auf die Ausnahmegenehmigung für Einsatzfahrzeuge der Polizei hinwies. Er machte den Motor aus und ließ die vorderen Fenster herunter. Vorsichtshalber schloss er noch das Handschuhfach ab, in dem sich das mobile Blaulicht befand, dann verließ er den Wagen. Er blickte in den Fond, wo sich ein Pilotenkoffer mit Polizeiausrüstung befand. Kluftinger nahm ihn, steckte die übrigen Nummernschilder aus dem Kofferraum notdürftig hinein und ging noch einmal um das Fahrzeug herum. Zufrieden nickte er, als er die heruntergelassenen Scheiben sah.

Der Kommissar atmete tief durch, stieß noch ein »Jetzt derwisch i di!« aus, wandte sich schwungvoll um und rannte in Richtung Eingang. Ohne den verwunderten Blicken der Kollegen an der Pforte Aufmerksamkeit zu schenken, stürmte er die Treppe hinauf, riss die Tür zu seinem Büro auf, stellte den Koffer ab und lief zum Fenster. Er warf einen erleichterten Blick auf den schwarzen Audi. Gott sei Dank, bis jetzt war nichts passiert. Dann öffnete er das Fenster und stützte sich auf dem Rahmen auf. Nun musste er nur noch ein wenig warten, dann würden ein, zwei Männer vorbeilaufen … sich erst einmal unauffällig umsehen … wie beiläufig an dem Audi stehen bleiben … und sich dann an ihm zu schaffen machen. Dann musste Kluftinger lediglich die grünen Kollegen alarmieren, und sie hätten die Diebesbande dingfest gemacht.

Kluftinger blinzelte in die Sonne. Heute Abend würde er wahrscheinlich schon wieder mit seinem geliebten Passat nach Hause fahren können und hätte nebenher Amtshilfe für die Kollegen geleistet. Dann würde zum Glück auch das Versteckspiel mit Erika ein Ende haben.

Das Klingeln seines Telefons ließ ihn aufschrecken. Sofort streckte er den rechten Arm in Richtung des Schreibtisches aus, ohne jedoch auch nur einen Moment den Blick von der Straße abzuwenden. Doch er kam nicht an den Hörer, auch nicht durch einen weiten Ausfallschritt, und auch die wilde Verrenkung, bei der er sich mit der Linken noch am Fensterrahmen festkrallte und mit dem Fuß versuchte, den massiven Schreibtisch zu sich herzuziehen, zeitigte keinen Erfolg. Es half nichts, er musste das Telefon einfach klingeln lassen. Wenn es wichtig war, würde der Anrufer sich schon noch einmal melden. Dennoch erkannte Kluftinger, dass es nun zu handeln galt: Er musste ja neben der Observation des Dienst-Audis auch noch seiner normalen Arbeit nachgehen können, und davon hatte er angesichts des neuen Falls mehr als genug. Dazu aber musste er seinen Schreibtisch so umstellen, dass er von ihm aus zum Fenster hinaussehen konnte. Und das musste er erstens allein schaffen, und zweitens hatte es schnell zu gehen, denn er konnte seinen Posten unmöglich länger als eine Minute verlassen. Den Diebstahl eines unverschlossenen, fabrikneuen Dienstwagens mit heruntergelassenen Seitenscheiben direkt vor dem Polizeigebäude zu erklären oder zu vertuschen hätte auch seine Phantasie entschieden überfordert.

Der Kommissar zimmerte sich blitzschnell einen Plan zurecht: Er würde einfach mit schnellen Wechseln zwischen Fenster und Tisch versuchen, diesen etappenweise in Richtung Fenster zu ziehen. Er hatte jedoch das Gewicht des Tisches unterschätzt und zudem nicht an die vielen Kabel gedacht, die diesen mit dem Schacht am Boden verbanden und die sich bei der Aktion als äußerst widerspenstig erwiesen.

Dennoch schaffte er es in rund zehn Minuten, wenn auch eher schlecht als recht: Der Tisch stand zwar direkt vor dem Fenster, allerdings hatte er Computer, Bildschirm und Maus an der alten Stelle belassen müssen, am Boden, versteht sich, denn die Länge der Kabel hatte einfach nicht ausgereicht. Die fest installierte Lampe hatte Kluftinger ebenfalls nicht abmontieren können. Egal, schließlich war es hell – und bis zum Einbruch der Dunkelheit wäre das Problem längst vom Tisch. Der Kommissar grinste wegen seines gedanklichen Wortspiels.

Mit einem Auge stets auf dem nach wie vor verwaist dastehenden Fahrzeug, widmete er sich seinen Aufgaben. Vor der Vernehmung der Anwohnerin war noch Zeit genug, einige Akten abzuschließen und Berichte zu unterschreiben. Kluftinger zog gerade einen Aktendeckel zu sich her, als es an der Tür klopfte. Der Kommissar drehte sich mit dem Stuhl kurz zur Tür, von wo ihn Sandy Henske verwundert anblickte.

»Was … ich mein …«, setzte Sandy an, doch Kluftinger war nicht um eine prompte Erklärung verlegen: »Wissen Sie, Sandy, ich hab das Gefühl, dass vielleicht eine Wasserader durch das Büro läuft. Ich fühl mich ein bissle unwohl, wenn ich da drüben sitze. Und ich schwitze auch in letzter Zeit so stark. Ist jetzt nur mal zum Probieren.«

Statt des erwarteten skeptischen Kommentars seiner Sekretärin erhielt Kluftinger jedoch Unterstützung für seine seltsamen Ausführungen. »Da mag schon was dran sein. Wenn Sie möchten, ich hab ein Buch über Feng-Shui zu Hause. Ich kann es ja mal mitbringen. Da gibt es doch allerhand Wissenswertes«, bot sie an und legte ihm einige Papiere auf den Tisch. Dann fuhr sie fort: »Aber überlegen Sie sich das mit der Schreibtischposition noch einmal. Das mag ergonomisch schön und gut sein, wenn das Licht von vorn kommt, aber mit dem Rücken zur Tür und zum gesamten restlichen Raum zu sitzen ist furchtbar schlecht für den Energiefluss!«

»Aha!«, versetzte Kluftinger und versicherte, sich das noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Sandy verließ den Raum wieder und zog die Tür hinter sich zu, doch das Schloss schnappte wieder heraus, und die Tür schwang einen Spaltbreit auf. Das, fand der Kommissar, war sicher noch schlechter für den Energiefluss, also stand er seufzend auf, um die Tür zuzudrücken. Er wollte gerade wieder zum Fenster zurücksprinten, als er einen Gesprächsfetzen vom Korridor her vernahm: »Nee, Richie, ich weiß nich, der Alte wird ooch immer wunderlicher!«

»Chef?« Sandy Henske hatte sein Büro betreten und machte, weil er mit dem Rücken zu ihr saß, verbal auf sich aufmerksam.

»Hm?«, fragte er, ohne sich umzudrehen.

»Die Frau Sommer wär jetzt da.«

»Wer?«

»Die Frau Sommer. Sie sollte herkommen. Die Nachbarin von der Frau Zahn.«

»Ach ja. Gut, soll reinkommen.«

»Wie jetzt?«

»Kann reinkommen. Die Dame.«

»Sie ist doch schon drin.«

Kluftinger drehte sich um. Im Zimmer stand eine attraktive dunkelhaarige Frau, er schätzte sie auf Mitte dreißig. An der Hand hielt sie einen Buben, der ihn wie seine Mutter erwartungsvoll anblickte. »Ach so, ja, ja, freilich, ich mein: Setzen Sie sich doch bitte.«

Mit einer fahrigen Handbewegung deutete er auf einen Stuhl, der wegen der neuen Schreibtischposition nunmehr verlassen im Raum stand, dann drehte er sich wieder zum Fenster.

»Und der Kleine?«, fragte Sandy in seinen Rücken.

»Was?«

»Na, der Kleine sollte vielleicht nicht unbedingt hören, was Sie hier zu besprechen haben, oder?«

»Ich bin nicht klein«, protestierte der Junge.

Erneut drehte sich der Kommissar um. Er musterte den etwa sechsjährigen Jungen und wollte gerade etwas zu ihm sagen, als Maier zur offenen Tür hereinkam.

»Du, ich hab da noch eine Frage wegen …« Er stutzte, als er die Frau und das Kind sah, grüßte die Mutter, beugte sich dann zu dem Jungen und sagte: »Na, und wer bist du, kleiner Mann?«

»Ich bin nicht klein«, protestierte der Bub etwas heftiger und boxte Maier in die Seite.

»Ah, Richie, ich seh, du kannst gut mit Kindern«, tönte Kluftinger.

»Ich, also na ja, ich …«

»Keine falsche Bescheidenheit. Nimm doch mal den … den jungen Mann mit zu dir ins Büro, ich hab mit seiner Mutter was zu besprechen.«

»In mein Büro? Also, ich weiß nicht, ich hab eine Menge …«

»Das war keine Bitte.«

Zerknirscht senkte Maier den Blick. Dann streckte er die Hand aus und sagte: »Na, dann komm mal mit, Kleiner.«

Hefele betrat gerade den Raum, als die beiden hinausgingen, wobei der Bub Maier missmutig ansah und Grimassen schnitt. Hefele grinste seinen Kollegen an: »Endlich hat man hier mal eine adäquate Verwendung für dich.«

Sandy lachte laut auf, worauf Hefele rot anlief und sich schnell in die Sitzgruppe fallen ließ.

»So, jetzt nehmen Sie bitte da Platz, dann fangen wir an.« Kluftinger deutete erneut auf den Stuhl, dann setzte auch er sich, wobei er seinen Schreibtischstuhl nur so weit zum Raum hin drehte, dass er die Straße noch gut im Blick hatte. Dabei kehrte er der jungen Frau nach wie vor fast vollständig den Rücken zu. Sichtlich irritiert blickte die zu Sandy, die mit einem Schulterzucken und den Worten »Schlechtes Feng-Shui« aus dem Zimmer verschwand.

»Sie wissen, worum es geht?«, fragte der Kommissar schließlich, ohne die Frau anzusehen. Als er keine Antwort erhielt, wiederholte er seine Frage, diesmal mit dem Zusatz: »Frau Sommer?«

»Wie? Ach, Sie meinen mich. Tschuldigung, ich wusste nicht, ich hab nicht gesehen, wo Sie hinschauen, deswegen …«

»Ja, ist ja egal, also: Sie wissen, worum es geht?«

»Um den Tod von Frau Zahn, nehme ich an.«

»Richtig.«

»Ich dachte, es sei ein Infarkt gewesen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Hat doch der Hausarzt gesagt. Sie wissen ja, so was spricht sich schnell rum.«

»Verstehe. Nein, es war kein Herzinfarkt. Könnte sein, dass es überhaupt kein natürlicher Tod war«, formulierte Kluftinger vorsichtig.

»Um Gottes willen. Sie meinen, ihr Mann hat sie …«

»Frau Sommer, wenn wir das alles schon wüssten, wären Sie ja nicht hier. Aber sagen Sie, wie kommen Sie denn darauf, dass Herr Zahn ihr etwas angetan haben könnte?«

»Wissen Sie«, erklärte die Frau, »die haben sich eigentlich nur noch angeschrien. Wenn sie überhaupt miteinander geredet haben. Das war schon keine Gleichgültigkeit mehr, das war Hass.«

»Ihnen ist also etwas … sagen wir … Ungewöhnliches aufgefallen in der letzten Zeit?«

»Ja.«

»Was denn?«, erkundigte sich Kluftinger und wandte sich für einen Moment der Frau zu.

»Die sind immer in der Nacht gekommen.«

»Die?«

»Na ja, die Leute halt. Die Mieter, nehm ich mal an. Ich hab es der Frau Zahn schon mal gesagt, dass das ein bisschen komisch ist, aber sie hat abweisend reagiert wie immer. Danach hab ich mich geärgert, dass ich überhaupt was gesagt hab. Ich mein, geht mich ja nix an, ist ja ihre Werkstatt, da hat dann sie die Scherereien. Wobei, andererseits, wenn da irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht, wo ich ja gleich daneben wohne, also dann bin ich vielleicht auch irgendwann … und mit dem Buben …«

»Schon klar. Was war denn jetzt nachts?«, unterbrach Hefele die Frau, nachdem sein Chef sich wieder dem Fenster zugewandt hatte und keine Anstalten machte, ihren Redefluss in für die Ermittlungen nützliche Bahnen zu lenken.

»Also, die sind immer erst gekommen, wenn’s schon dunkel war. Das waren ein Kombi und ein Porsche, Neunelfer Targa. Ich sag mal aus den Achtzigern.«

»Woher wissen Sie denn das?«, fragte Hefele überrascht.

»Weil ich’s gesehen hab.«

»Schon, aber ich mein, woher Sie das mit dem Modell wissen. Und dem Baujahr. Als Frau …« Er führte den Satz nicht zu Ende.

»Was soll denn das jetzt heißen? Als Frau … Sie meinen, nur weil ich eine Frau bin, muss ich froh sein, dass ich ein Auto von einem Traktor unterscheiden kann, oder was? Ihr Männer seid doch alle gleich, genau wie der Vater von meinem Kleinen. Immer gescheit dahergeredet, aber als es drauf ankam, war er weg.«

Hefele hob entschuldigend die Hände. »So hab ich das nicht gemeint.«

»So? Nein, sicher haben Sie das nicht. Sie haben nur gemeint, weil ich doch den ganzen Tag meine Nägel lackieren und meine Haare tönen muss, krieg ich von der Welt um mich rum nix mit, hm?«

»Woher wissen Sie’s denn jetzt?«, unterbrach sie Kluftinger.

»Was?«

»Das mit dem Auto.«

Die Frau schien kurz nach Luft zu schnappen, dann sagte sie: »Mein Sohn sammelt Modellautos. Den ganzen Tag schaut er aus dem Fenster und sagt: ›Mami, guck mal, ein Ford sowieso!‹ oder ›Ein Audi diesunddas!‹. Und der kam ja immer wieder, das hab ich mir gemerkt.« Vorsichtig blickte sie zu Hefele, der sich Mühe gab, nicht allzu zufrieden zu nicken. »Und er war schwarz, das hab ich auch ohne meinen Sohn rausgefunden.«

»Warum kam Ihnen das seltsam vor?«

»Na, hören Sie mal, die sind immer gekommen, wenn’s dunkel war. Dann haben sie den Porsche draußen stehen lassen und haben den Kombi, so einen weißen Ducato, reingefahren. Wirklich gesehen hat man nie einen von denen. Und mal ehrlich, so kaputt kann der gar nicht gewesen sein, dass sie den so oft haben richten müssen.«

»War das alles?«, wollte Kluftinger wissen.

»Wie man’s nimmt.«

»Geht’s etwas genauer?«

»Wenn sie drin waren, hat es immer so geblinkt.«

»Geblinkt?«

»Ja, ich weiß auch nicht, wie ich das besser beschreiben soll. Immer so … geblinkt.« Sie hob eine Hand und wischte damit unbestimmt in der Luft herum. »Und manchmal ist auch so ein bläuliches Licht durch die Rollos gedrungen.«

Hefele seufzte. »Von Rollos haben Sie uns noch gar nichts erzählt.«

»Na, wenn sie keine gehabt hätten, hätte ich ja wohl gesehen, was drinnen vor sich geht«, giftete die Frau zurück, und Hefele zog unwillkürlich den Kopf ein. »Jedenfalls war es dann auch immer mal länger dunkel.«

»Bläuliches Licht und Blinken«, murmelte Kluftinger.

»Bitte?«

»Hm, meinen Sie, es könnte drinnen irgendjemand was geschweißt haben?«

Die Frau dachte nach. »Ja, das könnte sein, das würde vom Licht her passen. Und, na ja, immerhin ist es ja auch eine Werkstatt.«

»Sonst noch was?«

»Also, außer dem Licht waren da noch so komische Geräusche.« Sie dachte nach, dann schüttelte sie den Kopf und fuhr fort: »Ab und zu war eine Art Klingeln oder Läuten zu hören, wie von einem … ach, ich weiß auch nicht.« Sie schluckte. »Ich krieg jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.« Zur Bestätigung rieb sie sich über die Arme.

Die Beamten konnten sich darauf keinen Reim machen. »Und Sie haben die Leute nie gesehen?«

»Leider nein. Einen Abend sind mehrere rausgekommen und haben einen gestützt, der hat irgendwie gehinkt. Aber das war das einzige Mal. Und einmal stand dann irgendwas auf dem Lieferwagen, aber das hab ich nicht erkennen können.«

Hefele setzte sich auf. »Was meinen Sie mit einmal?«

»Na ja, ich glaube, das stand vorher nicht drauf. Aber ich bin mir nicht sicher, ich meine, ich hab ja keine Observierung durchgeführt …«

Kluftinger erhob sich langsam aus seinem Stuhl, den Blick strikt auf die Straße geheftet. Gerade näherte sich ein älterer Mann dem Fahrzeug. Der Kommissar hielt den Atem an, als der Mann die heruntergelassenen Scheiben sah, sich hinunterbeugte, umblickte – und schließlich den Kopf schüttelte und weiterlief. »Zefix«, zischte der Kommissar und ließ sich zurück in seinen Stuhl fallen.

»Ist bei dir alles klar?«, erkundigte sich Hefele, doch Kluftinger machte nur eine wegwerfende Handbewegung.

»Pizza haben sie gerne gegessen.«

»Was?«

»Sie haben sich öfter Pizza liefern lassen, vom Jesolo, das hab ich gesehen. Ich dachte schon, vielleicht sind es Italiener, aber …«

Kluftinger streckte sich und angelte sich das Telefon vom Boden. »Ja, Richie? Ich bin’s. Hör mal, du musst einen Pizzaservice für mich anrufen. Pizzeria Jesolo. Nein, nicht deshalb, Schmarrn!«

Schließlich fragte er: »Können Sie sich erinnern, an welchen Tagen die Pizzas bestellt worden sind?«

Die Frau zuckte mit den Schultern.

»Richie, frag halt einfach nach, wann etwas an die Adresse der Werkstatt geliefert worden ist. Und wenn du den Fahrer findest, der das Essen gebracht hat, dann sag, er soll am besten gleich vorbeikommen, ja?« Er überlegte kurz, blickte dann fragend zu Hefele, der eifrig nickte, und schloss mit den Worten: »Und wenn er eh schon da ist, soll er zwei Pizzas mitbringen. Mit Schinken und Pilzen. Und kümmer dich weiter gut um das Kind, ja?« Der Kommissar legte auf. »Ich hab heut noch nix Rechtes im Magen«, sagte er entschuldigend in Richtung der Frau. Die unfreiwillige Radtour hatte seinen Essensplan durcheinandergebracht.

»Noch eine Frage: Haben Sie sich die Autonummern gemerkt?«

Frau Sommer senkte den Blick und errötete leicht. »Ich hatte sie mir aufgeschrieben. Aber der Berti, mein Kleiner, hat den Zettel gegessen.«

»Gegessen?«

»Tja, Kinder eben! Seitdem sein Vater das Weite gesucht hat, hat er wirklich eine kleine Macke. Ist das schlimm?«

Kluftinger schüttelte den Kopf. »Nein, nicht schlimm. Nur … ungewöhnlich. Die Autonummern wären wahrscheinlich eh gefälscht oder gestohlen gewesen. Trotzdem danke für Ihre …«

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und der Bub kam herein. Kluftinger erwartete, dass Maier ihm folgen würde, doch alles was der Kommissar sah, war das bleiche, entsetzte Gesicht seiner Sekretärin, die unverwandt auf den Jungen starrte.

Er wollte sie schon fragen, ob sie ein Gespenst gesehen habe, da erkannte er, was ihr einen solchen Schrecken eingejagt hatte: Der Junge trug um seine Schultern ein Pistolenholster – mit Inhalt. Kluftinger stockte der Atem. Starr vor Schreck schaute er zu, wie das Kind breitbeinig in das Zimmer spazierte und rief: »Keine Bewegung!«

Da ließ ein gellender Schrei den Kommissar zusammenfahren, und er sah, dass der Junge entsetzt in Richtung seiner Mutter blickte. Sie war es, die geschrien hatte, und der Bub rührte sich nicht mehr. Kluftinger nutzte den Moment, sprang auf, lief zu dem verängstigten Kind und riss ihm das Holster von der Schulter. Erst nach ein paar Sekunden entspannte er sich wieder.

Frau Sommer breitete die Arme aus, und der verschreckte Junge lief zu ihr. Sie zerstrubbelte seine Haare und sagte lachend: »Du Lausbub!«, wobei sie dem Kommissar gleichzeitig einen eiskalten Blick schickte. Der lief knallrot an und stürmte mit einem wütend gezischten »Maier!« aus dem Zimmer. Hefele folgte ihm und prallte fast gegen ihn, als er vor der Tür zu Maiers Büro abrupt stehen blieb und ungläubig hineinstarrte.

»Was ist denn los?«, wollte Hefele wissen, worauf Kluftinger lediglich mit dem Kopf ins Zimmer wies. Dort saß Richard Maier auf seinem Schreibtischstuhl, die Hände mit Handschellen an die Lehne gekettet, der Kopf hochrot von den Anstrengungen, die er unternommen hatte, um sich aus dieser Lage zu befreien. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es kam kein Wort über seine Lippen.

Eine Weile starrten die Beamten ungläubig in das Zimmer, dann brachen sie gleichzeitig in derart schallendes Gelächter aus, dass sich die Türen der anderen Büros öffneten und die Kollegen neugierig ihre Köpfe herausstreckten. Als Kluftinger das sah, legte er seine Hand auf die Klinke, warf noch einen letzten Blick zu Maier, sagte: »Du verhältst dich besser ganz ruhig! Zu dir komm ich später!« und zog die Tür zu.

»Das regeln wir intern«, beantwortete Kluftinger Hefeles fragenden Blick.

Die Frau und ihr Sohn waren schon seit fast einer halben Stunde weg. Zeit, die Kluftinger damit zugebracht hatte, die Straße zu überwachen und darüber nachzusinnen, wann Maier wohl seine Lektion gelernt hatte und er ihn wieder befreien sollte. Wenn der Vorfall bekannt werden würde, hätte das schlimme dienstrechtliche Konsequenzen, deswegen hatten Kluftinger und Hefele Stillschweigen vereinbart, wobei sie sich gleichzeitig in die Hand versprachen, dieses Wissen durchaus gegen Maier zu verwenden – und zwar jahrelang. Vielleicht würde das den in letzter Zeit doch ziemlich forsch agierenden Kollegen etwas bremsen.

Weil ihm der Fensterrahmen unangenehm in die Unterarme schnitt, holte er sich nach einer Weile ein Kissen von der Sitzgruppe und stützte sich darauf. Viel besser, dachte er, und auf einmal verstand er die Menschen – meist fortgeschrittenen Alters –, die in dieser Stellung einen Großteil ihrer Tage zubrachten. Das war wirklich fast so gut wie Fernsehen. Noch dazu an der frischen Luft.

Unterbewusst nahm er eine Bewegung im Haus gegenüber wahr und hob den Kopf.

»Huhu«, schallte es von dort.

Kluftinger grinste, als er die üppige Wasserstoffblondine winken sah.

»Hallo, Fräulein Uschi«, rief er zurück. »Alles klar?«

»Natürlich, wenn so ein Mann wie Sie auf uns Mädchen aufpasst.«

»Ja, gell, hier kann Ihnen nix … he, du Saukrüppel, geht’s noch?« Mit Zornesröte im Gesicht brüllte Kluftinger einen Jugendlichen an, der gerade sein Eispapier ins offene Fenster des Dienstautos geworfen hatte. Doch der zuckte nur mit den Schultern und schlenderte weiter, wobei er genüsslich an seinem Eis schleckte.

»Machst des bei dir daheim auch, du … du …« Der Kommissar rief sich innerlich zur Ruhe, er wollte hier nicht mehr Aufsehen erregen als unbedingt nötig, das wäre für seinen Lockvogel-Plan kontraproduktiv.

»Also, Herr Kommissar«, sagte Uschi und drohte ihm dabei scherzhaft mit dem Finger, »Sie sind ja ein richtiger Vulkan. Ich mag es, wenn Männer noch Männer sind.«

»Ja, also … ich … sicher.« Ihm war die Situation einigermaßen unangenehm, außerdem verspürte er ein immer dringender werdendes Bedürfnis. Andererseits konnte er den Wagen nicht aus den Augen lassen.

»Äh, Fräulein Uschi, könnten Sie mal … also, wo Sie ja gerade nix zu tun haben«, er stockte. Er musste dringend an seiner Gesprächskompetenz im Bezug auf die neue Nachbarschaft arbeiten. »Ich mein, könnten Sie mal bitte ein Auge auf das schwarze Auto da unten werfen?«

»Sicher, mach ich doch. Und wenn wirklich Kundschaft kommt, dann werd ich die schon so dirigieren, dass ich trotzdem noch auf Ihr Auto aufpassen kann.«

»Oh, das ist … nett, dann vergelt’s Gott.«

Als er von der Toilette zurückkehrte, machte er noch einen Abstecher in Maiers Büro und befreite den Kollegen aus seiner misslichen Lage – allerdings ohne ein Wort zu sagen und mit vorwurfsvollem Blick. Dann verließ er das Zimmer und roch schon vom Gang aus, dass der Pizzabote bereits eingetroffen war, ein Student an der Fachhochschule, der sich mit den Ausfahrten etwas dazuverdiente, wie er angab. Mit vollem Mund schilderte ihm Hefele, was sie von ihm wissen wollten, während Kluftinger seine Pizza schweigend am Fenster vertilgte.

»Ja, ich kann mich noch an die Fahrten erinnern, weil die schon etwas komisch waren«, gab der junge Mann zu. Die beiden Beamten sahen sich an.

»Komisch?«, fragte Hefele.

»Ja, meistens lag das Geld schon da. Mit einem Zettel, auf dem stand, ich solle alles vor die Tür legen. Das ist eher ungewöhnlich.«

»Wie oft sind Sie denn dahin gefahren?«

»Ich denke, so vier-, fünfmal.«

»Hatten Kollegen von Ihnen auch diese Fuhre?«

»Nein. Jedenfalls nicht bei unserem Pizzaservice. Wir haben ja nicht viele Fahrer, und abends bin ich eigentlich immer da. Ich hab dann auch immer geschaut, dass ich das machen kann. Auch wenn ich die Leute nicht zu sehen gekriegt hab – das Trinkgeld war immer geil.«

»Gut, danke, aber wenn Sie die nie gesehen haben, war’s das eigentlich schon«, tönte Kluftinger vom Fenster aus.

»Hab ich doch.«

Die Polizisten bekamen große Augen.

»Aber Sie haben doch gerade …«

»Ich habe gesagt, dass meistens das Geld draußen lag. Aber einmal, da bin ich gekommen, als einer gerade vor der Tür stand.«

»Erinnern Sie sich noch an ihn?«, fragte Hefele schnell.

Der Student dachte nach. »Hm, ich weiß nicht. Wenn ich so drüber nachdenke: Er sah irgendwie aus wie so ein Schauspieler.«

»Welcher?«

»Gott, wie heißt denn der? Sie wissen schon, der immer in den deutschen Filmen mitspielt, die an irgendwelchen exotischen Stränden spielen. Karibik und so.«

Die Polizisten sahen ihn ratlos an.

»Ach kommen Sie. So ein Älterer. Wie Sie ungefähr.«

Kluftinger verschluckte sich.

»Steht immer unter Palmen, spielt abgehalfterte Ärzte und sagt mit so einer ganz tiefen Stimme schwülstige Sachen wie ›Es darf nicht sein‹ oder ›Wir müssen einen neuen Weg für uns finden‹. Na, klingelt’s jetzt?«

Bei dir im Oberstübchen vielleicht, dachte Kluftinger.

»Wissen Sie was«, beendete Hefele das Gespräch, indem er aufstand, »wir machen jetzt ein kleines Protokoll, und wenn Ihnen der Name nicht einfällt, schauen Sie halt daheim im …«

»Christa Brinkmann!«, entfuhr es dem jungen Mann.

»Bitte?«

»Er war der Geliebte von Schwester Christa, also später Frau Doktor Brinkmann, der Frau von Professor Brinkmann in der ›Schwarzwaldklinik‹. Ist zurzeit Kult bei uns Studenten.«

»Tut uns leid«, schaltete sich Kluftinger ein, »aber wir sind hier leider keine Experten für …«

»Ja! Jetzt weiß ich, wen Sie meinen. Aber haben die denn wirklich ein Verhältnis gehabt? Hinter dem Rücken des Professors? Ich bin mir da nämlich nicht sicher …«, unterbrach ihn Hefele mit einem breiten Grinsen.

Entgeistert blickte Kluftinger seinen Kollegen an.

»Ja, ich hab das immer angeschaut, früher. Und inzwischen hab ich alle Folgen auf DVD. Wir können ja gerne mal einen Klinikabend machen, so unter Kollegen. Mit Schwarzwälder Kirsch und Schinken und so.«

»Mhm, sicher«, murmelte der Kommissar. Nach so einem Abend würde er eine Klinik brauchen. Er blickte auf die Uhr. »Au weh, ich muss jetzt eh weg, zu dieser saublöden Sitzung vom Chef. Roland, du machst das alles hier fertig, oder?« Er zeigte unbestimmt auf den jungen Mann. Hefele nickte. Bevor Kluftinger die Tür schloss, sagte er noch: »Und räum die Pizzakartons weg, ja?«

Als Kluftinger den schwarzen Dienst-Audi vor dem Polizeipräsidium abstellte, war ihm ein wenig mulmig zumute. Hatte er vorher noch gehofft, jemand würde sich für den Wagen interessieren, war jetzt genau das Gegenteil der Fall. Denn ein Verlust dieses teuren Gefährts hätte ihn neben seinem guten Ruf wahrscheinlich auch sein gesamtes Erspartes gekostet. Nun besaß das Auto aber nur eine dieser neumodischen Fernbedienungen, denen der Kommissar zutiefst misstraute. Ihm konnte keiner weismachen, dass es für jeden ausgelieferten Wagen einen eigenen Code gab. Zwar waren einige Autos zusätzlich noch mit echten Türschlössern ausgestattet, doch hier suchte er diese vergeblich. Schweren Herzens drückte er auf den Verriegelungsknopf, das Auto blinkte auf, und nach einem sonoren Klacken senkten sich die Knöpfle, wie sie der Kommissar nannte, in die Türverkleidung. Sorgfältig prüfte er bei einem Rundgang die Verriegelung aller Türen. Doch dann stellte er fest, dass neben dem Fahrertürknöpfle ein kleines rotes Lichtlein ruhig, aber stetig vor sich hin blinkte. Was das wohl zu bedeuten hatte? Möglicherweise handelte es sich ja um eine Warnleuchte, die anzeigte, dass die Türen nicht dauerhaft verriegelt waren? Kluftinger drückte immer wieder den Verriegelungsknopf, doch jedes Mal meldete sich auch das Lämpchen wieder.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es für ein ausgiebiges Studium der Gebrauchsanweisung zu spät war. Also stieg er noch einmal ein und parkte den Wagen fast direkt vor dem Haupteingang, wo man ihn von der Pforte aus gut sehen konnte, führte erneut die komplette Verriegelungsprozedur durch und bat beim Eintreten die verwunderten Kollegen vage, doch bitte hin und wieder ein Auge auf das Auto zu werfen.

Dann meldete er sich bei Lodenbachers Sekretärin, die ihn in einen Konferenzraum führte, in dem bereits mehrere Personen im Stehen miteinander plauderten. Kluftinger blickte in die Runde und sah außer Lodenbacher, der ihm wortlos zunickte, noch einen weiteren Bekannten: Am Fenster stand Dieter Hösch, der Altusrieder Bürgermeister. Er war so ins Gespräch mit einer Frau mit wilder roter Lockenmähne vertieft, dass er das Kommen des Kommissars gar nicht bemerkte. Außerdem waren noch zwei Männer und eine grauhaarige Frau anwesend, von denen Kluftinger jedoch nicht wusste, wer sie waren. Einer der beiden Herren wandte sich um, schien einen Moment zu überlegen und lief schließlich zielstrebig auf ihn zu. Der hagere dunkelhaarige Mann kam ihm irgendwie bekannt vor, doch er kam nicht darauf, woher.

»So, jetzt muss ich schon mal fragen«, setzte der Unbekannte an, »Herr Kluftinger, gell?«

Kluftinger nickte, weiterhin mit zusammengepressten Lippen überlegend, und streckte dem Mann die Hand zum Gruß entgegen.

»Sagen Sie«, gab sich sein Gegenüber redselig, »wie geht’s Ihnen denn so – und vor allem: Wie geht es Ihrem Passat?«

Kluftinger schluckte und fixierte den Mann. Wusste er etwas über den Verbleib seines Wagens? Steckte er mit den Dieben unter einer Decke? Noch schlimmer: War er es selbst? Oder wollte er ihm versteckt einen Hinweis geben? Noch in diese Überlegungen hinein erklärte sein Gesprächspartner: »Wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht mehr, gell? Mein Name ist Andreas Kohler.«

»Mei, klar, jetzt bin ich wirklich auf der Leitung gestanden«, versetzte der Kommissar und fasste sich an die Stirn. Er hatte keine Ahnung, wer dieser Kohler war und woher sie sich kannten.

Das vermutete wohl auch sein Gegenüber, denn Kohler fügte hinzu: »Ich hab Ihnen doch damals den Schatz gebracht und das Auto verkauft.«

»Ja, ja, weiß ich doch, klar, Sie sind der Finder des Burgschatzes!«, erwiderte Kluftinger überschwänglich. Jetzt, wo er wusste, wer es war, freute er sich ehrlich, den Mann nach so langer Zeit wiederzusehen. »Für mich war das ja ein toller Zufall, so bin ich zu meinem Auto gekommen!«

»Sagen Sie bloß, Sie haben den Passat noch«, sagte Kohler erstaunt.

Kluftingers Kopf wurde heiß. »Ja, klar. Ich mein … schon.« Er wollte sich noch nicht eingestehen, dass der Wagen für immer fort sein könnte.

»Ui, nach all den Jahren! Der ist ja schon ein Oldtimer! Wie viele Kilometer haben Sie denn drauf?«

»Dreihundertsechsundneunzigtausend und ein paar Zerquetschte. Und immer noch mit dem ersten Motor! Das muss mir erst mal einer nachmachen. Das ist noch Wertarbeit. Der hat meine Familie durch alle Lebenslagen begleitet!«

»Haben Sie ihn nicht bei der Abwrackaktion drangegeben und die Prämie eingestrichen?«

»Ach, hören Sie mir damit auf!« Kluftinger machte eine wegwerfende Handbewegung. »Was meinen Sie, wie oft ich das gehört hab! Verschrotte doch die alte Mühle endlich, haben sie gesagt! Keine Ahnung haben die. So ein Auto kriegt man nicht wieder. Der ist noch pfenniggut, braucht sechseinhalb Liter Diesel, und wenn’s sein muss, schraub ich den selber auseinander und wieder zusammen. Da kommt kein Mercedes hin. Und Platz hat der! Allein was ich mit dem schon Äpfel gefahren hab. Und mal ehrlich: Jetzt hat der fast vierhunderttausend Kilometer gehalten, wieso soll denn jetzt auf einmal was kaputtgehen?«

»Nun, Sie werden ihn natürlich entsprechend gepflegt haben, nehm ich an.«

»Ehrlich gesagt«, sagte Kluftinger verschwörerisch, »nicht grad so viel. Mein Sohn, der Markus, hat ihn früher immer alle zwei Wochen geputzt und poliert, um sich sein Taschengeld aufzubessern. Aber das ist jetzt auch schon fünfzehn Jahre her, und seitdem wasch ich ihn so drei-, viermal im Jahr. Aber ich hab alle Kundendienste machen lassen. Scheckheftgepflegt, auch wenn ich schon das dritte hab!«

Kohler lachte kurz auf.

»Aber sagen Sie«, fuhr der Kommissar fort, »was ist denn aus Ihnen so geworden? Sie fahren wahrscheinlich einen Rolls-Royce vom Finderlohn, oder?«

Der Mann schüttelte energisch den Kopf. »Glauben Sie mir, da lag für mich persönlich kein großer Segen auf dem Schatz! Ich hab ja fast nix gekriegt für den Fund. Mich haben sie jahrelang damit abgefertigt, dass halt der historische Wert im Vordergrund steht. Und jetzt? Versicherungssumme von zig Millionen Euro. Aber meine Ansprüche sind doch längst verjährt. Na ja, was soll’s, es kommt ja nicht aufs Geld an. Ich hab damals eine Entscheidung getroffen und bin heut noch überzeugt: Es war die richtige. Aber ich freu mich, dass ich jetzt mit in den Gremien bin: Was das Museum angeht, den Bau und jetzt auch diese Sicherheitskommission. Das find ich toll, dass man mich da nicht vergisst. Aber finanziell hab ich beim Verkauf von Ihrem Auto beinahe mehr verdient!«

Kluftinger stutzte. Also doch, dachte er, ich hab immer gewusst, dass ich zu viel bezahlt hab, damals!

»Haben Sie ihn denn dabei?«, riss ihn Andreas Kohler aus seinen Gedanken.

»Wen jetzt?«

»Ja, den Passat!«

»Den … Passat? Nein, ich hab … ein Dings … ein Dienstauto hier. Wissen Sie, heutzutage muss man mit einem modernen, offiziellen Dienstwagen ausgerüstet sein«, log Kluftinger, »ein 54-PS-Diesel reicht halt für eine Verbrecherjagd nicht mehr!«

»Verstehe«, sagte Kohler nickend, dann bat Polizeipräsident Lodenbacher die Anwesenden, Platz zu nehmen.

Nach einer allgemeinen Begrüßung stellte der Polizeipräsident alle Teilnehmer vor. Die rot gelockte, schlanke Frau im lachsfarbenen Walkjanker hieß Doktor Margit Wallmann und war Historikerin der Universität München, die grauhaarige Frau, die aus der Nähe deutlich jünger wirkte, war Eva Brandstätter, eine Expertin einer großen Stuttgarter Versicherung. Und der letzte unbekannte Mann, den Kluftinger insgeheim schon »den Bodybuilder« getauft hatte, ein bärtiger, kräftiger und athletischer Mann in Jeans, dessen Sakko über dem T-Shirt kaum zuging, wurde ihnen als René Preißler, Chef der Sicherheitsfirma AllSecur, vorgestellt. Der Altusrieder Pfarrer sei ebenfalls Mitglied der Kommission, heute allerdings wegen einer Beerdigung verhindert.

»Als Erstes is wichtig, dass wir uns alle auf den gleichen Wissensstand bringen, ned?«, begann Lodenbacher. »Denn wenn mir für die Sicherheit dieses einmaligen Schatzes do … also … garantieren sollen, dann müass mer wissen, was dahintersteckt. Herr Hösch, möchten Sie gleich anfangen, wie alles begann?«

Kluftinger nickte kaum merklich. Es war ein anerkennendes Nicken, und er zog innerlich den Hut vor Lodenbacher. Denn der kaschierte offenbar mangelnde Vorbereitung geschickt durch taktisches Vorgehen. Und der Kommissar, dessen Kenntnisse ebenfalls einer Auffrischung bedurften, konnte davon nur profitieren.

Zunächst betonte der Bürgermeister die immense Bedeutung und Chance für die Gemeinde, die die dauerhafte Ausstellung eines so bedeutenden Kunstschatzes mit sich bringe, wobei er dieselben Floskeln verwendete wie bei jeder Rede, die Kluftinger bisher von ihm gehört hatte. Und das waren im Laufe von Höschs jahrzehntelanger Amtszeit einige gewesen. Erstens schaffte er es bei jeder Rede, irgendeinen Bezug zur Laienspieltradition des Ortes herzustellen, der Bürgermeister hielt dies wohl für eine Art moralische Verpflichtung. Und immer ging es um »großes Engagement«, um »Gemeinschaftsleistung«, »Zusammengehörigkeitsgefühl, Stolz und Freude«, um »Tradition und Fortschritt« und ein »lebenswertes Miteinander«. Kluftinger hätte die Reihe noch eine Ewigkeit fortsetzen können. Noch dazu, da sich Höschs Kollegen aus anderen Gemeinden sehr ähnlich ausdrückten, egal welchem politischen Lager sie angehörten. Vielleicht gab es da so eine Art Lehrbuch, das man bei Übernahme eines Amtes automatisch bekam und das die Würdenträger geflissentlich auswendig zu lernen hatten.

»Besonders wichtig ist mir natürlich der Schutz der Ausstellung vor Raub und Diebstahl, denn ein Zwischenfall kann die gesamte innere Sicherheit von Altusried in Gefahr bringen!«, tönte Hösch schließlich pathetisch.

Kluftinger verdrehte die Augen. Die »innere Sicherheit« einer Zehntausend-Seelen-Gemeinde! Bald würde man in Altusried ein eigenes Verteidigungsministerium brauchen. Einen Geheimdienst hatte man eh schon, auch wenn der nicht institutionell war, sondern aus sämtlichen Vereinsmitgliedern, Frauenbünden, der Musikkapelle und der Feuerwehr bestand – denen blieb im Dorf nichts verborgen.

»Zuletzt möchte ich betonen«, erklärte Hösch, »dass ich es großartig finde, mit Herrn Kohler als dem Finder einen so würdigen Schirmherrn zu haben, der noch dazu aus der Nachbargemeinde Dietmannsried stammt. Ein Zeichen, dass die Altusrieder gewillt sind, auch mal über den Tellerrand und somit die Ortsgrenzen hinauszusehen.«

Ein Akt wahrer Völkerverständigung, dachte Kluftinger.

Dann war die Historikerin an der Reihe. Sie stand auf, entfaltete ein Blatt und begann zu lesen: »Aus dem Altusrieder Bekanntmachungsblatt des Jahres 1935. Doktor Heberle über die Burg Kalden in der Überlieferung des Volkes, welche ihm sein Vater berichtet hat: Ferner schreibt mein Vater, dass einmal bei einem angehenden Gewitter zwei Hexen mit aufgezogenen Röcken in der Iller unterhalb Kalden standen und einen Hagel heraufbeschwören wollten. Die eine rief: ›Schlag! Schlag!‹ Dann sagte die andere: ›I ka it schla, Mange Hund billt!‹ Von der Sankt-Magnus-Kapelle in Sommersberg jenseits der Iller ertönte eben das Wetterglöcklein.«

Die Historikerin blickte auf. »Was Sie hier eben gehört haben, war eine Volkssage, klar. Aber die moderne Geschichtswissenschaft ist zunehmend gewillt, solche Sagen als Quellen für ihre Forschung zu nutzen. Und das Mange Hund billt, also der Hund von Sankt Mang bellt, sprich, die Glocke der nahen Magnuskapelle läutet, dürfte wohl der erste Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen der Burg Kalden und dem Schutzpatron des Allgäus sein, der überliefert ist.«

Sie machte eine Pause und blickte die Anwesenden an. Kluftinger fand das einen reichlich theatralischen Beginn. Dennoch hatte ihn die Geschichte sofort gefesselt. Wieder zitierte sie aus ihrer Quelle: »Auch von Schätzen, die in der Burg verborgen sein sollen, weiß die Sage zu berichten. Von dem fast senkrecht abfallenden Ufer soll ein unterirdischer Gang zur Burg führen. Dort bewacht ein schwarzer Pudel, gespensterhaft mit feurigen Augen, eine eiserne Geldkiste.« Die Frau faltete das Blatt wieder zusammen: »Nun, eine Geldkiste haben wir nicht gefunden. Wohl aber einige unterirdische Gänge, auch hier also hatte die Überlieferung recht. Noch haben wir das Geflecht aus Tunneln nicht ganz entwirrt, das wird eine Menge Geld kosten, das wir uns aber durch das neue Museum und die, da bin ich zuversichtlich, zahlreichen Besucher erhoffen. Wohl aber haben wir andere, echte Schätze entdeckt.«

Sie lobte die herausragende Bedeutung des in historischer, kunsthistorischer und künstlerischer Hinsicht einzigartigen Fundes, dann lobte sie sich selbst: Die Restaurierung sei exzellent und immens wertsteigernd gewesen, die Dokumentation des Fundes und der dazugehörenden Geschichte lückenlos, die historische Dimension didaktisch und museumspädagogisch wundervoll aufbereitet, die Präsentation schnörkellos modern und die Kooperation mit allen Stellen reibungslos gelaufen. Aber das sei ja auch kein Wunder, sie habe schließlich die nötige Erfahrung, und die zahle sich bei einem solchen Projekt vielfach aus.

Kluftinger hätte gern noch mehr über die Geschichte des heiligen Magnus gehört, seine Reliquie, die Umstände, unter denen sie nach Altusried gekommen waren. Einiges war ihm bekannt, aber nun begannen ihn auch die Details zu interessieren. Doch er verspürte keine Lust, ausgerechnet in dieser Runde nachzufragen, noch dazu bei der selbstzufriedenen Frau Doktor. Er würde das schon noch auf andere Weise in Erfahrung bringen.

Eva Brandstätter, die Frau von der Versicherung, war da schon eher seine Kragenweite. Mit einem sonoren Schwäbeln in der Stimme erklärte sie das Sicherheitskonzept des neuen Museumsbaus. Kluftinger mochte diesen Klang gern. Auch wenn der Stuttgarter Dialekt nicht der beliebteste war, er fand viel Selbstironie und Verschmitztheit darin. Und schließlich stand das Allgäuerische auch nicht gerade weit oben auf der Beliebtheitsskala deutscher Regionalfärbungen. Außerdem waren Frau Brandstätters gemütliches Auftreten und ihre zurückhaltende Kleidung dem Kommissar sympathisch. Für ihn sprach nach wie vor nichts gegen ein dezentes graues Kostüm, auch wenn darin kein Modelkörper, sondern eine ganz normale Frau steckte.

»Wir wollen Sie von Anfang an in unser Konzept einbeziehen. Die Sicherungen entsprechen dem neuesten Stand der Technik, das versteht sich«, erläuterte die Frau. »Ich werde Ihnen in einer kleinen Präsentation die einzelnen Komponenten erklären, die die Sicherheitsfirma, übrigens ein international überaus renommiertes Unternehmen, zusammengeschaltet hat. Natürlich will ich nicht vergessen zu erwähnen, dass das Ganze finanziell für die Gemeinde nur machbar ist, weil solvente Sponsoren gefunden wurden und wir hier einige Prototypen einsetzen können, die quasi testweise installiert werden.«

Höschs Miene verfinsterte sich.

»Aber keine Angst, Herr Bürgermeister, das sind ausgereifte Produkte. Die Firma benutzt Altusried nur als Referenzprojekt, um ihre Leistungsfähigkeit zu demonstrieren. Jetzt möchte ich Sie aber mit den Räumlichkeiten in Kalden ein bisschen vertraut machen. Dazu habe ich von den Architekten die Pläne mitgebracht, die werden wir uns jetzt als Erstes ansehen.«

Die Frau faltete einen riesigen Plan in der Mitte des Tisches auf.

»Hier sehen Sie den gesamten Ausstellungsraum. Die Rechtecke sind die einzelnen Vitrinen. Jede verfügt natürlich über eine Spezialverglasung und Einzel-Alarmüberwachung. Die besteht darin, dass sowohl die Vitrinen als auch die Exponate darin mit Kontakten gesichert sind. Neben dieser elektronischen Sicherung gibt es meist noch eine mechanische, sprich, wir verankern die Stücke entweder in der Vitrine oder der Wand, je nachdem, wo sie ausgestellt sind.«

Sie geriet allmählich in Fahrt. »Eine meiner Lieblingssicherungen ist aber diese hier.« Sie hielt ein Foto einer Schraube hoch. »Alles, was nicht in Vitrinen steht, wird irgendwie in den Mauern verankert. Doch jetzt kommt’s: Diese Schrauben hier sind eine Attrappe. Wir nennen sie Beschäftigungstherapie. Wenn sich Eindringlinge daran abmühen, sehen sie erst, wenn sie sie gelöst haben, dass sie gar keine Bedeutung für die Sicherung hatten.« Sie lächelte.

Auch Kluftinger gefiel der Gedanke, dass irgendwelche Einbrecher sich an einer völlig nutzlosen Schraube zu schaffen machen, während die Polizei bereits auf dem Weg ist.

»Es gibt noch einige weitere Optionen, die wir hier besprechen sollten. Zum Beispiel gibt es Co2-Sensoren, die eigentlich für den Einsatz an Grenzübergängen entwickelt wurden. Sie wissen schon: um zu testen, ob beispielsweise auf einem Lkw Menschen versteckt sind. Man könnte so ein Messgerät natürlich auch so konfigurieren, dass es anschlägt, wenn sich die Co2-Konzentration in einem Raum verändert. Des Weiteren könnten wir RFID-Chips an die Gegenstände kleben, womit sie weltweit zu orten wären. Das würde allerdings eine ganze Stange extra kosten. Und auch kombinierte Hitze- und Bewegungssensoren wären denkbar. In jedem Fall ist es sicher eine gute Entscheidung, die ganze Anlage mit einem Notstromaggregat abzusichern, das übernimmt, falls der Strom ausfällt oder …«, sie ließ ihre Handkante wie ein Beil auf den Tisch niedersausen, »… oder gekappt wird.«

Eva Brandstätter legte nun einen vergrößerten Ausschnitt des Planes auf den Tisch. »Lassen Sie uns nun zum Herzstück kommen. Hier eine Detailzeichnung des Raums mit der Reliquienmonstranz, unserem Hauptschatz, der geradezu im Raum zu schweben scheint.«

Kluftinger besah sich die Zeichnung, und ihn beschlich gleich das seltsame Gefühl einer gewissen Vertrautheit. »Der gläserne Kasten hängt von oben her in der Luft, und solange die Räume geöffnet sind, können die Leute sogar von unten in die Monstranz hineinsehen. Doch sobald das Museum schließt, aktiviert sich sozusagen ein unsichtbarer Schutzvorhang aus Sensoren und Laserlicht, der jede noch so kleine Erschütterung oder Bewegung erfasst. Sie müssen sich das ein wenig vorstellen wie in den alten Filmen, etwa dem ›Diamantenraub in Rio‹, als eine Art imaginäres Fadengerüst, das …«

Kluftinger sprang auf und stieß dabei seine Apfelschorle um, worauf Frau Brandstätter blitzschnell den Plan anhob, um ihn vor der auslaufenden Flüssigkeit in Sicherheit zu bringen. Mit einer Serviette wischte der Kommissar den Saft eilig zusammen.

»Tut mir leid«, rief er, »ich muss dringend weg. Ich erkläre Ihnen alles, wenn ich wieder da bin. Es geht nicht anders, Sie werden es verstehen!«

Dann stürzte er zur Tür und ließ sechs verdutzt dreinblickende Augenpaare zurück.

Ungeduldig wippte Kluftinger von einem Bein auf das andere, während er die Türklingel drückte. Er wusste, dass der Mann schlecht zu Fuß war, aber in diesem Moment konnte es ihm nicht schnell genug gehen, da war jede falsche Rücksichtnahme fehl am Platz. Selbst als er ihn im Inneren bereits schimpfen und immer wieder »I komm ja, i komm ja scho« rufen hörte, klingelte der Kommissar weiter Sturm.

So war es immer, wenn er plötzlich einen Geistesblitz hatte. Dann hielt ihn nichts mehr auf. Zum einen, weil er fürchtete, er könnte den Gedanken wieder verlieren, zum anderen wohl auch, um die Zeit, die er bis zu der Idee mit seiner Begriffsstutzigkeit vertrödelt hatte, möglichst schnell wieder reinzuholen.

»Kreuzhimmel … Herr Inspektor?«

»Kommissar, wenn schon.«

»Was?«

»Ich heiß Kommissar. Ich mein, Schmarrn. Kluftinger. Ich muss dringend noch mal in die Werkstatt.«

»Sicher, sicher. Aber so pressieren müssen Sie nicht, die läuft Ihnen ja nicht weg.« Mit einem kehligen Lachen setzte sich der Mann in Bewegung, sehr zu Kluftingers Leidwesen ohne Rollstuhl, sodass er schon befürchtete, er müsse das schwankende Männlein vor sich die Treppe hinunter bis zur Werkstatt tragen. Nach zwei endlos scheinenden Minuten waren sie endlich angekommen.

Doch als Herbert Zahn ungelenk mit dem riesigen Schlüssel im Schloss herumfuhrwerkte, riss Kluftinger der Geduldsfaden, und er drängte den Alten beiseite, um selbst aufzusperren. Mit großen Schritten durchquerte er die Werkstatt auf den hinteren Raum zu, stürmte hinein und blieb mit offenem Mund stehen.

»Da lecksch mi doch am …«

»Haben Sie was vergessen?« Zahn hatte den Raum nun ebenfalls erreicht.

»Was? Ach so, ja, das kann man wohl sagen.« Kluftinger schritt langsam durch das Gewirr aus Schnüren, Kartons und Holzleisten, blieb hin und wieder stehen, murmelte etwas vor sich hin, sagte einmal »Ach, verstehe!«, ein andermal »Dann ist das also …«, was sein Beobachter zunächst interessiert, mit zunehmender Dauer jedoch entgeistert verfolgte.

Schließlich blieb Kluftinger mitten im Raum stehen und schluckte. »Au weh, da müss mer ja das Konzept ändern.«

»Was müssen Sie ändern?«

»Das Sicherheitskonzept.«

»Von was?«

»Von der Ausstellung.«

Der Gesichtsausdruck des Mannes verriet, dass der keinen blassen Schimmer hatte, wovon er sprach.

»Dieser Raum«, sagte Kluftinger schließlich mehr zu sich selbst als zu dem Alten, »ist eine Nachbildung des Raumes, in dem der Altusrieder Burgschatz ausgestellt werden soll.«

Zahn schien noch immer nicht zu verstehen, und Kluftinger begann zu erläutern, vor allem, um sich selbst darüber klar zu werden, was das alles zu bedeuten hatte. »Ihre Mieter, das waren keine Autoschieber, Herr Zahn. Das waren … sind … na ja, werden Schatzräuber sein.«

Er fand, das Wort klang ein bisschen zu wildromantisch, eher nach den Freibeutern in den alten Seeräuber-Filmen, die er sonntagnachmittags so gerne sah.

»Die Männer, die hier waren, die …«, Kluftinger stockte, »… also, die Ihre Frau umgebracht haben, das sind hundsgemeine Diebe. Auch wenn die vielleicht meinen, sie seien was ganz Besonderes, haben sie doch nix anderes vor, als was zu klauen. Was sehr Wertvolles, das muss ich allerdings zugeben.«

Zahn blickte ihm starr in die Augen, und Kluftinger hatte das Gefühl, dass er noch irgendetwas sagen müsse. Also schob er nach: »Ich werd das zu verhindern wissen, verlassen Sie sich drauf.«