Als Kluftinger den schwarzen Audi um die Straßenecke lenkte, sah er sofort, dass es vor seinem Haus einen regelrechten Menschenauflauf gab. Für normale Verhältnisse jedenfalls. Erika hatte ihm ja erzählt, dass Markus seinen Besuch angekündigt hatte, zudem brachte er seine japanische Freundin Yumiko mit. Die beiden standen nun mit Erika vor der Garage, zusammen mit Kluftingers Eltern, die Markus und Yumiko vom Bahnhof abgeholt hatten.

»Heu, Vatter, hast du endlich ein vernünftiges Auto gekauft? Davon hat die Mutter gar nichts erzählt!«, rief Markus und ging auf Kluftinger zu, der gerade aus dem Wagen stieg. »Aber ummelden musst du ihn noch«, merkte sein Sohn mit Blick auf das Memminger Nummernschild an. »Sonst meinen die Leut, du wärst ins Unterland gezogen!«

»Der Vatter und ein neues Auto!«, sagte Erika lächelnd. »Eher ziehen wir wirklich noch nach Memmingen, bevor er seinen geliebten Passat hergibt!«

»Dienstwagen«, brummte Kluftinger und gab ein resigniertes Seufzen von sich. Markus war wieder da, worüber er sich im Grunde ja auch sehr freute. Er liebte seinen einzigen Sohn, und auch Yumiko war ihm sehr sympathisch. Deswegen freute er sich darüber, dass diese es so lange wie bisher keine andere an der Seite seines Sprösslings ausgehalten hatte. Dennoch: Während ihrer Aufenthalte gab es einige Umstellungen in seinem geliebten Alltagstrott, mit denen er schwer fertig wurde. Meist würde man von nun an in der dritten Person über ihn reden, und Erika würde ihn auf einmal – wie Markus – »Vatter« nennen. So weit, dass sie sich mit »Vatter« und »Mutter« oder womöglich irgendwann mit »Oma« und »Opa« anredeten, hatte er es eigentlich nie kommen lassen wollen. Dagegen war »Butzele«, Erikas Spitzname für ihn, geradezu eine Wohltat. Nachdem sich alle Anwesenden herzlich begrüßt hatten, verabschiedeten sich Kluftingers Eltern auch schon wieder, schließlich habe der Vater am Abend noch das traditionelle Pensionistenkegeln der Polizeigewerkschaft. Wie immer fragte er seinen Sohn, ob er denn nun endlich in der Gewerkschaft organisiert sei, und wie immer verneinte der mit Hinweis auf den Mitgliedsbeitrag und den Umstand, dass man als Beamter eh kein Recht zu streiken habe, womit sich Kluftinger senior, ebenfalls wie immer, zähneknirschend zufriedengab.

Als sie ins Haus gingen, begann Erika wieder, an ihrem Mann zu schnuppern.

»Was willst du denn allweil?«, fragte Kluftinger genervt.

»Also irgendwie … riechst du schon wieder komisch. Wie gestern. Zwar anders, aber doch bekannt, irgendwie …« Plötzlich weiteten sich ihre Augen. »Femona«, presste sie hervor.

»Was?«, fragte Kluftinger. Er konnte nicht glauben, dass seine Frau diesen letzten Rest von Sandys Deo von heute Morgen noch wahrnehmen konnte.

»Das ist ein Frauen… na ja, ein Duft für Frauen eben«, zischte Erika mit versteinerter Miene, darauf bedacht, dass Markus und Yumiko sie nicht hören konnten.

»So ein Schmarrn«, beharrte Kluftinger, bedauerte aber schon wieder, dass er nicht sofort die Wahrheit gesagt hatte. Erika war neuerdings sehr empfindlich, was solche Dinge anging.

»Sag mal«, begann sie und sah ihm dabei tief in die Augen, »gestern dieses Parfüm, heute ein anderes, dann dein Anzug, ich meine, hast du, wie soll ich sagen …« Sie brach den Satz ab.

Kluftinger war beinahe gerührt, weil er sofort wusste, worauf sie hinauswollte, wehrte sie aber nur barsch ab: »Ganz ehrlich, manchmal hast du echt einen Knall. Wer soll mich schon wollen außer … dir.« Dann drehte er sich um und ging ins Wohnzimmer. Seine Frau blieb noch eine Weile stehen und blickte ihm nachdenklich hinterher.

Eine Viertelstunde später saßen die vier um den kluftingerschen Esstisch, und Erika schien die Unterhaltung von eben bereits wieder vergessen zu haben. Sie trug ihr »Allgäuer Filettöpfle« auf, das sie als Willkommensgruß für ihren sicherlich ausgehungerten studierenden Sohn gemacht hatte. Kluftinger lief das Wasser im Mund zusammen. Doch er wusste, dass nicht er es war, der heute als Erster an die Reihe kam. Zuerst wurde Yumiko mit einer normalen, dann Markus mit einer Riesenportion versorgt, bevor Erika ihm den Löffel hinhielt. Selbst während des Essens strahlte seine Frau immer wieder geradezu verklärt ihren Sohn und dessen Freundin an. Unglaublich, fand Kluftinger, wie sehr man den eigenen Sohn vergöttern kann.

»Also, Papa«, begann Markus in seltsam feierlichem Tonfall, »wir müssen dir etwas …«

»Sag mal, Bub, seit wann bin ich jetzt wieder der Papa?«, wollte Kluftinger wissen.

»Früher hast du dich über ›Vatter‹ aufgeregt, jetzt passt dir ›Papa‹ wieder nicht. Soll ich ›Alter‹ sagen, oder wie?«

»Ich geb dir gleich Alter!«

»Also bitte«, mischte sich Erika ein, »jetzt fangt nicht schon wieder an zu streiten!«

»Ich streit doch gar nicht!«, grummelte Kluftinger.

»Also, Vatter, auf jeden Fall ist es so …«

»Weißt du, wenn man sich mal dran gewöhnt hat, dann will man auch gar keine andere Bezeichnung mehr. Ich mein, Vatter, das passt schon.«

»Das ist doch jetzt völlig wurscht, der Markus wollte doch gerade …«, setzte Erika erneut an.

»Ja, Himmelarsch, kann ich jetzt auch mal was sagen?«, rief Markus so laut, dass Kluftinger die Gabel aus der Hand glitt und in die Soße fiel, wobei ihm etwas davon auf sein Hemd spritzte. Also stand er auf, ging mit den Worten »Das hätt ich mich mal trauen sollen, bei meinem Vatter« in die Küche und kam zwei Minuten später mit einem großen Wasserfleck auf der Brust zurück. Dann wandte er sich an Yumiko: »Ist er schlecht drauf, dein Markus heut?«

»Vatter, übertreib’s nicht, ja? So brauchst du dich nicht aufführen, wenn du zu unserer Hochzeit nach Japan kommst, nur dass das klar ist! Da braucht man ein bissle Manieren!«, versetzte Markus, zu Kluftingers Überraschung aber nicht ärgerlich, sondern ebenso breit grinsend wie vorher schon Erika.

»Ja, ja, jetzt jagt mir nur einen Schrecken ein! Markus, tut mir leid, ich wollt dich nicht blöd anreden. Ich hab grad ein bissle viel um die Ohren im G’schäft. Eine neue Mordsache, ganz kompliziert, dann die Ausstellung in Kalden und so eine Autoschiebergeschichte. Also, du wolltest mir was sagen?«

Markus sah ihn mit großen Augen an. Dann schüttelte er den Kopf. Auch Yumiko hatte einen unsicheren Blick, den der Kommissar nicht recht einzuschätzen vermochte.

»Jetzt bittschön, was habt ihr denn da ausgeheckt miteinander? Willst du dein Studium abbrechen? Brauchst du mehr Geld?«

»Wir heiraten, Vatter, geht das jetzt endlich in deinen Allgäuer Sturschädel rein?«

»Ihr …« Sein Blick wanderte von einem finster dreinschauenden Markus über eine unsicher lächelnde Yumiko hin zu einer mittlerweile besorgt aussehenden Erika. Die Gedanken schossen ihm durch den Kopf, bis sich einer von ihnen festsetzte, den er dann sofort artikulierte: »Bist du schwanger?«, fragte er an Markus’ Freundin gewandt.

Die zog erstaunt die Brauen nach oben und setzte zu einer Antwort an, wurde aber von Markus unterbrochen.

»Also Vatter, ganz ehrlich, jetzt reiß dich mal zusammen! Die Miki ist nicht schwanger, und wenn du willst, dass du überhaupt mal Enkelkinder kriegst, dann führ dich jetzt vernünftig auf!«

»Enkel … ich mein … ich?«

»Also ich freu mich so für euch zwei!«, versuchte Erika etwas zu laut die Situation zu retten. Dazu setzte sie wieder ihr verklärtes Lächeln auf und fasste ihren Sohn und dessen Freundin an den Händen.

Kluftinger nutzte die Zeit, um sich ein wenig zu fangen. Die beiden wollten also heiraten. Und wenigstens würde er noch nicht zum Großvater – darauf konnte er gut und gern noch fünf Jahre warten – allein die blöden Kommentare der Kollegen klangen ihm schon jetzt in den Ohren. Doch Markus war nicht der Typ dafür, sich leichtfertig zu binden. Nein, dazu hatte er in der Zeit vor Yumiko seine Freundinnen dann doch zu oft gewechselt. Er musste also einen triftigen Grund haben, die Japanerin … Natürlich, schoss es ihm durch den Kopf. Sie war doch Ausländerin. Sollte das der Grund für …

»Vatter, nur falls das deine nächste Frage sein sollte, es wird auch keine Scheinehe, weil die Miki eine Aufenthaltserlaubnis braucht, um endlich in einem zivilisierten Land leben zu können!«, blaffte Markus.

»Also bitte, Markus«, gab Kluftinger entrüstet zurück, »als ob ich an so was denken würde! Ich weiß doch, dass die Yumiko aus gutem Haus ist und ja keine solche Ausländerin ist, in dem Sinn jetzt!«

»Äh, wenn ich fragen darf«, meldete sich Yumiko endlich auch einmal zu Wort, »was ist denn eine ›Ausländerin in dem Sinn‹?«

»Nein, ich mein halt«, Kluftinger begann zu schwitzen, »niemand, der jetzt so was … ausnutzen würde und … also Japan ist ja schließlich ein Land, das … halt … jedenfalls freu ich mich sehr für euch, ehrlich!«

»Das ist doch toll, Herr Kluftinger!«, erwiderte Yumiko erleichtert. »Dann müssen wir mal darauf anstoßen!«

»Ja, mei, das stimmt!«, frohlockte Erika. »Ich hol mal schnell einen Sekt rauf!«

»Erika, lass, ich mach das schon, hol du die Gläser!«, bot Kluftinger an.

»Können wir das auch machen, wenn wir fertig gegessen haben? Wird ja kalt!«, gab Markus zu bedenken. Kluftinger blickte auf seinen fast noch vollen Teller und wog seinen Hunger gegen die Möglichkeit ab, über diese Neuigkeiten auf dem Weg in den Keller noch einmal in Ruhe nachdenken zu können und kurzzeitig dieser Harmonieblase zu entkommen. »Esst ihr mal weiter, ich hol schnell den Sekt und stell ihn in den Kühlschrank, dann ist er nachher kalt genug!«, erklärte er schließlich.

Als der Kommissar nach fünf Minuten zurückkam, hatte er sich wieder gefangen. Na gut, heirateten sie eben. Mit Yumiko als Schwiegertochter konnte man doch mehr als zufrieden sein!

»Du, Butzele, ich hab gesagt, das geht nicht, dass die Yumiko immer noch ›Sie‹ zu uns sagt«, vermeldete Erika, als er sich gerade wieder seinem Essen widmete. »Deswegen haben wir schon grad beschlossen: Wir sind ab sofort alle per Du!«

Kluftinger nickte zustimmend und aß weiter. »Woll, mir sehr recht. Ich sag ja eh schon immer Yumiko«, presste er mit vollem Mund heraus. Jetzt musste es schnell gehen, denn kalte Rahmsoße gehörte nicht gerade zu seinen Leibspeisen.

»Du, Miki, erzähl dem Vatter doch, was sein Name auf Japanisch bedeutet!«

Die wirkte plötzlich erschrocken: »Also, ich glaube … ehrlich gesagt … ich fürchte, eine Entsprechung für einen solchen Namen haben wir gar nicht«, brachte sie stockend hervor. »Am ehesten vielleicht … Fudo.«

»Fudo?«, fragte Kluftinger skeptisch. »Klingt wie ein Sofa. Und was heißt das?«

»Ja, das ist … also, wie soll ich sagen … der Gott des Feuers.« Als sie Kluftingers finsteren Blick sah, überlegte sie erneut. »Vielleicht auch, ich weiß nicht, Amida?«

»Gefällt mir schon besser. Was heißt das?«

»Gar nichts, das ist der Name eines Gottes.«

Kluftinger grinste breit.

»Eines Buddhas, um genau zu sein.«

Priml. Offenbar war die Mutter-Sohn-Koalition, die hier zusammengekommen war, dabei, sich einen weiteren Verbündeten mit ins Boot zu holen. Der Kommissar rang sich ein Lächeln ab. Er wollte jetzt keinen Ärger. Nicht nach diesem Tag! »Also wie auch immer, ich freu mich sehr für euch. Wo wollt ihr feiern? Beim Mondwirt oder im Stiefel?«, stellte er daher eine unverfängliche Frage.

»Das kommt jetzt halt drauf an, ob wir hier oder drüben heiraten«, erklärte Markus.

Kluftinger blickte ihn entgeistert an. »In der DDR

Sein Sohn verdrehte die Augen. »In Japan natürlich. Da gibt es meines Wissens gar keinen Mondwirt. Oder, Miki?«

Yumiko lächelte. Kluftinger blieb die Luft weg. »Ihr wollt wirklich in Japan …«, setzte er an.

»Die beiden wissen es noch nicht«, griff Erika ein, »aber ich hoffe schon auch, dass sie sich hier das Jawort geben. Gell, ihr zwei? So eine Reise ist halt wahnsinnig weit.«

»Und teuer«, fügte Kluftinger hinzu.

»Weißt du, Mama, für Mikis Eltern ist es genauso weit nach Altusried wie für euch nach Okinawa.«

Erika schluckte. »Nein, klar. Für die Miki ist das auch so eine Sache. Aber du sagst ja, dass deine Eltern eigentlich ganz gern reisen.«

»Eben!«, rief Kluftinger dazwischen.

»Ihr macht das, wie ihr meint, Markus«, fuhr Erika fort. »Ich mein ja bloß, stell dir mal den Vatter in Japan vor!«

»Ihr tätet euch wundern!«, erwiderte Kluftinger trotzig.

Markus grinste: »Das glaub ich auch. Und nicht nur wir.«

Kluftinger überging diese Bemerkung einfach: »Ihr wohnt dann doch eh hier.«

»Wo? Bei euch?«, hakte Markus ungläubig nach.

»Nein. Aber hier halt. In Bayern. Und irgendwann ja mal wieder im Allgäu, oder?«

»Mach mal langsam, Vatter, da würd ich keinen Eid drauf schwören.«

»Ja, wollt ihr am Ende in … Franken bleiben?« Kluftinger hätte nicht besorgter klingen können, wenn es sich dabei um den Gazastreifen gehandelt hätte.

»Was weiß denn ich, wohin es uns verschlägt, Herrschaft!«

Der Kommissar überlegte fieberhaft. Er würde alles tun, um nicht in diesen sehr exotischen und sehr fernen Bereich der Erde, der Asien zweifellos war, reisen zu müssen. »Ja, schon recht. Aber wegen der Hochzeit: Wir organisieren das für euch. Von hier aus. Ihr müsst euch ja weiter eurem Studium widmen. Und wir regeln hier alles, mit Feier und Kirche und Blumenschmuck und so. Also … die Mutter halt!«

»Vatter, jetzt lassen wir erst mal ein bissle Zeit ins Land gehen. Jetzt kommen erst mal Yumikos Eltern, und dann entscheiden wir das alles.«

»Heu, das ist ja nett. Kommen euch deine Eltern in Erlangen besuchen?«

»Nein, die beiden kommen zu uns nach Altusried«, klärte Erika ihn auf.

Um Himmels willen! Was war heute nur für ein Tag! Besuch aus Japan? Wo sollten die Leute denn wohnen? Was sollten sie essen? Wer sollte in welcher Sprache mit ihnen reden?

»Aber bitte, Erika«, sagte Yumiko, »lass die beiden im Hotel wohnen, dann hast du keine Arbeit damit!«

Ein patentes Mädle, also doch!, schoss es Kluftinger durch den Kopf. Doch er hatte nicht mit seiner Frau gerechnet.

»Yumiko, das könnt ihr uns aber wirklich nicht antun! Ihr schlaft alle bei uns, wir haben doch genügend Platz! Das wär ja noch schöner, ins Hotel. Auf keinen Fall!«

»Äh, jetzt mal blöd gefragt«, setzte Kluftinger an, »warum eigentlich nicht? Ich mein, wir haben ja gar kein Futon. Und ganz ehrlich, mein Japanisch ist ja auch nicht so ganz lupenrein.«

Yumiko zog die Brauen zusammen und warf ihm einen fragenden Blick zu.

»Nein, jetzt versteh mich nicht falsch. Wir zahlen das fei auch gern«, log der Kommissar. »Aber schließlich ist unser Essen hier daheim gar nicht so für deine Eltern geeignet. Wenn sie in Kempten im Hotel sind, können wir ja ins Han-Po gehen, weißt du, den Japaner, wo wir damals beim Essen waren.«

Yumiko lächelte verlegen.

»Erinnere uns besser nicht daran, Vatter!«, seufzte Markus.

»Schluss jetzt, keine Diskussion mehr, alle schlafen hier, deine Eltern bekommen unser Schlafzimmer für die Woche!«, beendete Erika das Thema so deutlich, dass Kluftinger nicht einmal mehr den Versuch einer Gegenrede machte. »Und jetzt holen wir den Sekt!«

»Erika, bleib sitzen, ich übernehm das!«, bot sich Yumiko an und machte sich in Richtung Küche auf. Erika ließ sie lächelnd gewähren. Eine Schwiegertochter, die freiwillig im Haushalt half – da musste sie sich um das Wohlergehen ihres Sohnes also keine Sorgen machen.

Sie holte die bunten Kristall-Sektgläser mit den eingravierten Rosenranken aus dem Wohnzimmerschrank, wischte sie mit einer Stoffserviette aus und brachte sie an den Esstisch. »Schau, Markus, die haben wir damals zur Hochzeit bekommen, der Vatter und ich! Mei, wenn ich mir vorstelle, was man euch wohl Tolles schenkt!«

»Hoffentlich keinen solchen Kitsch!« Markus rückte auf der Eckbank näher zu seinem Vater, legte ihm einen Arm um die Schulter und prostete ihm mit seinem Speziglas zu. Erika deckte derweil den Tisch ab, nachdem sie versichert hatte, ihre beiden »Männer« sollten mal ruhig sitzen bleiben, sie mache das schon allein.

»Und, Vatter, wie findest du das jetzt?«

»Was? Das mit der Hochzeit?«

»Schon.«

Kluftinger sah sich verschwörerisch um, dann setzte er mit gesenkter Stimme an: »Braucht es das denn jetzt wirklich? Bub, überleg dir das gut! Du kennst doch das Sprichwort: ›Drum prüfe, wer sich ewig bindet …‹ und so. Also, nicht dass du mich da falsch verstehst! Die Yumiko ist wirklich nett, und ich find, sie passt zu dir. Und sie tut dir auch gut, du bist jetzt viel … solider irgendwie. Aber denk drüber nach! Ich mein, es drängt euch doch niemand.«

»Vatter, wir wollen das aber! Wir lieben uns nämlich!«

Kluftinger schluckte. Nun musste er sich auf dünnes Eis begeben – so emotionale Themen waren nicht gerade ein Heimspiel für ihn. »Lieben, soso. Schon, das ist ja schön und gut. Ihr könnt euch doch auch einfach so lieben! Heutzutage ist doch das nichts Schlimmes mehr! Und kein Grund, gleich zu heiraten!«

»Vatter, warum habt ihr denn damals geheiratet? Ich mein, bis ich kam, sind doch allemal noch drei Jahre vergangen!«

»Das war damals halt so!«

»Das war damals so? Deswegen hast du die Mutter …«

Kluftinger schüttelte heftig den Kopf und warf einen sorgenvollen Blick zur Tür. Markus hatte ziemlich laut gesprochen. »Nein, ich hab sie schon auch … ich sie … schon auch lieb … halt. Ach, das wirst du doch schon gemerkt haben in all den Jahren, oder? Aber wirklich, Bub, hör auf deinen Vater und lass dir alles ganz, ganz gut durch den Kopf gehen! Ich sag dir eins aus Erfahrung«, flüsterte er über den Tisch gebeugt, »man stellt sich das recht romantisch und toll vor mit der Ehe und so, aber sobald du verheiratet bist, ist Schluss mit lustig! Da hast du nix mehr zu melden, und nix ist mehr, wie es vorher war!«

»Vielen Dank, mein Göttergatte, ist schon recht!«

Erika stand auf einmal neben ihm. Er blickte sie mit dem unterwürfigsten Dackelblick an, den er auf die Schnelle zustande brachte, und stellte beruhigt fest, dass Erika ihn milde anlächelte. »Mein alter Holzklotz! Du kannst es halt nicht besser ausdrücken, gell?«

Ihr Mann überhörte den betulichen Tonfall.

Dann setzte Erika zu Markus gewandt hinzu: »Aber meinen tut er es gut, der Vatter.«

»Wenn du es sagst, Mama, dann glaub ich das halt auch!«

»Du, ich bräucht übrigens morgen mal das Auto, ich würd gern noch nach einem neuen Wohnzimmerteppich schauen, bevor die Eltern von Yumiko kommen. Nimmst mich halt in der Früh mit dem Dienstauto mit, dann nehm ich das Auto, und der Markus oder ich holen dich wieder ab.«

»Au, das wird nicht gehen, morgen!«, widersprach Kluftinger schnell.

»Und warum nicht?«

»Weil … das Auto … der Passat … ist … muss … zum Kundendienst, da hab ich ihn angemeldet.«

»Kundendienst?«, hakte seine Frau nach. »Und wieso macht das nicht der Klausi?«

Klausi, ein Klarinettist aus der Musikkapelle, war der Inhaber einer freien Werkstatt in Altusried und somit für gut und gerne sechzig Prozent des Fuhrparks der Musiker zuständig.

»Du, ich hab den Dings getroffen heut, beim Lodenbacher … egal … auf jeden Fall hat der … na, Kohler, genau, von dem wir damals das Auto gekauft haben, gemeint, dass … ich ihn lieber zum VW-Service bringen soll, weil da vielleicht was an der Elektrik sein kann.«

Erika runzelte die Stirn.

»Zum VW-Service? Da war das Auto ja schon fünfundzwanzig Jahre nicht mehr!«

»Aber morgen halt schon. Hat dann auch mit Garantie zu tun und so … Ich bring ihn gleich morgens hin.«

Markus lachte auf. »Garantie! Bei der Karre! Ich krieg die Krise!«

»Und was ist jetzt mit meinem neuen Teppich?«

»Also komm, Erika, jetzt übertreib halt nicht so! Unser Teppich ist doch noch pfenniggut! Bloß wegen dem Besuch! Es kommt ja nicht der Kaiser von China, oder?«