»Himmelherrgottsackzement!« Wütend warf Kluftinger sein Handy auf den Beifahrersitz. Er hatte pflichtschuldig seinen Chef über die neueste Entwicklung informieren wollen, doch der war bereits zu einem weiteren Golftermin mit irgendeinem Großkopferten unterwegs. Außerdem war er wohl noch immer verärgert über Kluftingers überstürzten Aufbruch beim Arbeitskreis, weswegen seine Sekretärin ihn nun zum Rapport auf den Golfplatz zitierte. Der war zwar nur dreißig Kilometer entfernt, aber umständlich zu erreichen, und überhaupt hatte Kluftinger wenig übrig für diesen elitären Sport. Beim Blick auf die Uhr besserte sich seine Laune jedoch wieder ein wenig: Es war schon spät, jedenfalls lag der Feierabend in greifbarer Nähe, und wenn er jetzt noch den Golfplatz-Termin wahrnahm, dann könnte er danach eigentlich gleich heimfahren – mit dem Dienstwagen.

Eine knappe halbe Stunde später betrat Kluftinger das Lokal des Golfklubs Ottobeuren. Eine adrett gekleidete Dame an einem Schreibtisch blickte kurz auf, musterte ihn wortlos und widmete sich dann wieder ihrem Telefongespräch. »Nein, nein, ich organisiere nur das Catering für unser Benefizturnier nächsten Monat«, flötete sie in den Hörer und blickte Kluftinger dabei missbilligend an, der vor ihrem Schreibtisch stand. »Du, warte mal, Häschen, da ist grad … einer«, sagte sie schließlich und hielt eine Hand vor die Sprechmuschel, um dann Kluftinger weit weniger gut gelaunt zu fragen: »Ist was?«

»Ja, ich such den Lodenbacher und …« Der Kommissar überlegte kurz. Er wusste gar nicht, mit wem sich sein Chef hier traf. »… Und seinen Golffreund.«

Die Frau hob die perfekt gezupften Augenbrauen. »Ach, den Didi? Ja, der ist draußen. Müssten so auf Bahn vier sein. Das ist …«

»Find ich schon, danke.« Kluftinger setzte sich mürrisch in Bewegung, als die Frau ihm etwas nachrief.

»Was?«

»Die Schuhe. Mit den Schuhen können Sie nicht auf den Platz.«

Kluftinger blickte auf seine Haferlschuhe hinab. »Die halten das schon aus, das ist echtes Leder«, erklärte er der Frau, die daraufhin die Brauen zusammenzog, den Kommissar ein paar Sekunden mit zuckenden Mundwinkeln anstarrte, als müsste sie loslachen, um dann ernst zu erwidern: »Nein, nicht wegen der Schuhe. Wegen des Platzes. Das Profil macht den Platz kaputt.«

»So? Also, ich geh wirklich ganz vorsichtig, dann …«

Ein braun gebrannter Mann mit Baseballkappe schaute aus einer Tür heraus. »Ute-Schatz, gibt’s Probleme?«

Die Frau zuckte die Achseln. »Na ja, ich hab ihm gesagt, er kann nicht mit den Schuhen auf den Platz, aber er will es nicht so ganz einsehen.«

Der Mann blickte auf Kluftingers Füße. »Nein, also, da hat die Ute schon recht, das geht auf keinen Fall, ich bin hier der Head-Greenkeeper und kann Ihnen versichern, dass …«

»Was sind Sie?«

»Der Head-Greenkeeper. Ich kümmere mich um den Platz.«

»Ach so«, nickte Kluftinger verständig, »der Gärtner.«

Das Gesicht des Mannes verdunkelte sich noch ein wenig mehr, dann zischte er: »Schuhe aus jetzt!«

Dem Kommissar war klar, dass er so erstens nicht weiterkommen würde und zweitens ein Streit mit den Golfkumpanen seines Chefs ihm seinen Arbeitsalltag nur unnötig erschweren würde. Deswegen bückte er sich, band seine Schuhe auf, zog die Socken aus, stopfte sie in die Schuhe und hielt sie mit einem fragenden Blick in die Höhe. Als kein Widerspruch ertönte, drehte er sich um und ging durch die große Terrassentür nach draußen, wobei er noch hörte, wie die Frau ihr Telefongespräch wiederaufnahm: »Du glaubst nicht, Häschen, was hier gerade passiert ist …«

Kluftingers Gang über den Golfplatz erinnerte ihn ein wenig an einen dieser Geländetage, die er bei der Bundeswehr hatte über sich ergehen lassen müssen: geduckt, ständig Haken schlagend, um eventuellen Geschossen auszuweichen, die hier in Gestalt von Golfbällen unterwegs waren. Seine Gefechtsbereitschaft wurde allerdings beeinträchtigt, als die majestätischen Türme der Ottobeurer Basilika am Horizont auftauchten. Das war schon eine malerische Kulisse, um diesem überflüssigen Sport nachzugehen, musste Kluftinger einräumen, und er blieb stehen, um den Anblick des prächtigen Baus zu genießen. Er war nicht oft im Unterland, was er bei solchen Anlässen bedauerte. Denn es war wirklich …

Kluftinger zuckte zusammen. Ein lang gezogenes, fiependes Hupen hatte ihn derart erschreckt, dass er seine Schuhe fallen ließ. Als er sich umdrehte, begriff er jedoch, dass es von einem dieser lächerlichen weißen Wägelchen kam, mit dem einige hier auf dem Platz herumfuhren. Bislang kannte der Kommissar diese Gefährte nur aus Filmen, in denen immer glatzköpfige Männer mit grotesk karierten Hosen, ledernen Handschuhen und Schiebermütze darin saßen. Der Fahrer dieses Exemplars winkte ihm aus der Ferne aufgeregt zu. Kluftinger blickte sich um. Stand er ihm im Weg? Er hielt es nicht für ausgeschlossen, auch wenn rechts und links neben ihm noch jeweils zwanzig Meter Grasbahn verliefen. Aber die Golfer waren seltsame Menschen, da konnte man so etwas nicht ausschließen.

»Überhol halt, Depp«, brummte Kluftinger und unterstrich seine Aufforderung durch eine weit ausholende Geste. Dann hob er seine Schuhe wieder auf und stapfte weiter, darauf bedacht, möglichst in der Mitte der Bahn zu laufen.

Seine Gedanken wanderten wieder zur Klosterkirche, zu den Mönchen, die dort noch immer lebten, zu den …

Er machte einen Satz zur Seite, als nun unmittelbar hinter ihm die Hupe wieder ertönte.

»Ja, Kruzitürkn, reicht Ihnen die Bahn nicht, oder was?«, sagte er im Umdrehen und verstummte dann.

In dem Wagen saß Doktor Martin Langhammer mit grotesk karierten Hosen, ledernen Handschuhen und Schiebermütze. »Na, mein Lieber, da sind Sie jetzt aber platt, dass Sie mich hier treffen, was?«

Der Kommissar musterte sein Gegenüber lange, dann seufzte er: »Eigentlich nicht.«

»Aber sagen Sie: Was machen Sie denn an so einem … exklusiven Ort? Soll ich Sie diesmal ein Stück mitnehmen? Oder sind Sie wieder …«, Langhammer senkte seinen Blick auf Kluftingers nackte Füße, »… in geheimer Mission unterwegs? Auf Samtpfötchen, wenn Sie so wollen?« Er lachte derart laut über seinen Scherz, dass Kluftinger das Gesicht verzerrte, als habe er Magenkrämpfe. »Also, was ist jetzt? Wollen Sie bei mir aufspringen?«

Das wollte Kluftinger eigentlich nicht, aber er wollte auch nicht noch Kilometer barfuß bis zu seinem Chef laufen. Also bejahte er, schwang sich auf der Beifahrerseite in das kleine Gefährt, das erheblich Schlagseite bekam, und sagte: »Loch vier.«

»Loch vier, aye, aye, Sir.« Damit drückte Langhammer aufs Gaspedal des Elektromobils, was jedoch nur die Wirkung hatte, dass sie nun in, so schätzte Kluftinger, eineinhalbfachem Schritttempo dahinzuckelten, auch wenn der Doktor das Lenkrad mit beiden Händen umklammerte und sich leicht vorbeugte, als säße er in einem Rennwagen.

Während sie so auf dem scheinbar endlosen Grün dem Horizont entgegenruckelten, begann Langhammer ungefragt seine Anwesenheit zu erklären. Man wolle ihn als Mitglied im Klub, erzählte er, er müsse sich das aber erst einmal anschauen, schließlich wisse er noch gar nicht, ob das hier alles seinen Ansprüchen genüge. »Wissen Sie, die Architektur und die Oberflächenstruktur einer solchen Anlage und dann das Greenkeeping, das sind ja Wissenschaften für sich. Aber das sagt Ihnen sicher gar nichts, Sie sind ja kein Golfer.«

»Doch, ich hab schon öfters gespielt«, erwiderte Kluftinger eingedenk der vielen Stunden, die er mit seiner Familie auf der Neun-Loch-Minigolfanlage im Altusrieder Ponypark zugebracht hatte und die meistens in einem handfesten Krach mit einem weinenden Markus oder mit einer beleidigten Erika geendet hatten, auch wenn er nachher nie so genau sagen konnte, warum eigentlich.

»Ach, tatsächlich? Das wusste ich ja gar nicht.«

»Ja, mei, ich häng’s ja auch nicht an die große Glocke.«

»Verstehe. Und was haben Sie für ein Handicap?«

Misstrauisch beäugte der Kommissar den Doktor. War das eine Anspielung auf seine Körperfülle? »Also bittschön! Keins.«

»Wie – keins. Sie meinen, ein niedriges?«

»Nein«, entgegnete Kluftinger auf einmal entschieden. »Wenn, dann schon ein hohes. Sicher höher als Ihres jedenfalls.«

Der Doktor grinste. »Davon kann man wohl ausgehen.«

Eine Weile blieb es still, dann fragte Langhammer: »Wann haben Sie denn Ihre Platzreife erlangt?«

»Mit zwölf.«

»Vor zwölf Jahren?«

»Nein, mit zwölf. Da hat der Platz aufgemacht, und ich war einer der Ersten, die gespielt haben.«

»Ach, so früh bereits? Und jetzt? Spielen Sie noch?«

»Ja, ja, wenn sich die Gelegenheit dazu halt ergibt. Ich hab ja viel zu tun. Aber hin und wieder schon. Auch wenn wir mal einen Ausflug mit der Musik machen.«

»Ach, ich hatte ja keine Ahnung davon, dass die Musiker auch dieses Hobby teilen.«

»Doch, doch, grad der Johann, der ist ganz wild drauf. Besonders die Windmühlen-Bahnen mag er.«

»Die Wind… in Holland oder was?«

Kluftinger sah ihn entgeistert an.

»Hier läuft es jedenfalls ganz gut«, fuhr Langhammer fort. »Habe gerade einen Eagle gespielt. Hatten Sie auch ab und zu Eagles?«

Kluftinger dachte nach. Igel? »Nein. Ratten hat’s in der Anlage ein paarmal gehabt, aber das haben die wieder in den Griff gekriegt, das war nur, weil der Wirt das Essen …« Kluftinger hielt inne, weil er an Langhammers Blick merkte, dass sie offensichtlich nicht von derselben Sache redeten.

»Übrigens, ich kenne einen tollen Golferwitz …«, wechselte der Doktor das Thema.

Jo, priml, dachte der Kommissar.

»Also, ein Ehepaar spielt Golf. Zwischen dem zweiten und dem dritten Loch fragt sie ihn: Wärst du traurig, wenn ich sterben würde? Da sagt er: Natürlich. Zwischen dem fünften und dem sechsten Loch fragt sie ihn: Und würdest du wieder heiraten? Darauf er: Wenn die Richtige daherkommt. Sie spielen also weiter, und zwischen dem achten und dem neunten Loch fragt sie dann: Und würdest du sie mit meinen Golfschlägern spielen lassen? Worauf er … sagt …« Der Doktor unterbrach sich, weil er schon vor der Pointe in herzhaftes Lachen ausbrach, was Kluftinger bei Witzeerzählern sogar noch mehr hasste als die Tatsache, dass sie überhaupt Witze erzählten. »… Also, darauf sagt der Mann: Geht nicht, sie ist Linkshänderin!« Das letzte Wort ging in ein lautstarkes Prusten über.

»Verstehen Sie … Linkshänderin …« Dem Doktor schossen Tränen in die Augen, und er verlangsamte seine Fahrt, bis sie fast zum Stehen kamen.

»Priml«, war der einzige Kommentar des Kommissars, doch Langhammer schien sich auch allein so gut zu amüsieren, dass ihn die verhaltene Reaktion seines Beifahrers nicht weiter anfocht.

Nach zwei weiteren Golfwitzen ähnlicher Güte tauchten hinter einer Baumgruppe endlich der Polizeipräsident und sein Mitspieler auf, den Kluftinger sogar auf diese Entfernung als den leitenden Oberstaatsanwalt Doktor Dieter Möbius erkannte. Dafür brauchte es nicht viel, er hätte nicht gewusst, dass sonst noch jemand mit rosafarbenen Hosen auf den Golfplatz ging.

Als Lodenbacher den Kommissar im Elektromobil erkannte, legte er überrascht die Stirn in Falten: »Wos mochan Sie denn do?«

»Sie sind gut«, erwiderte Kluftinger bitter, »Sie haben mich doch herbestellt!«

»Ich?«

»Ja, Ihre Sekretärin hat gemeint, Sie erwarten umgehend Bericht.«

Lodenbacher schien immer noch verwirrt, drehte sich dann aber zu seinem Mitspieler und schlug einen selbstbewussten Ton an: »Do, sehen Sie, meine Männer, die kemman sogar zu mir aufn Goifplotz, wann’s wichtig is.«

Langhammer rutschte inzwischen unruhig auf seinem Sitz hin und her, wobei seine Karohose auf dem Kunstleder quietschende Geräusche verursachte.

»Was ist denn?«, platzte Kluftinger schließlich genervt heraus, als der Doktor auch noch damit begann, ihm mit dem Ellenbogen in die Seite zu boxen. Daraufhin deutete Langhammer mit dem Kinn auf Lodenbacher und zog dabei die Brauen nach oben. Kluftinger verstand.

»Ach so.« Und mit einem Seufzen fuhr er fort: »Darf ich vorstellen: der Langhammer.«

Der schien nur auf die Nennung seines Namens gewartet zu haben und sprang geradezu aus dem Wagen, worauf der Polizeipräsident und der Staatsanwalt unwillkürlich einen Schritt zurückwichen.

»Doktor Langhammer«, sagte der Arzt und zupfte an seinem Handschuh, um sogleich seinen Arm auszustrecken. »Ich bin ein guter Freund von Herrn Kluftinger und zudem sein Hausarzt. Er ist ja ebenfalls ein großer Golfer, wie ich gerade erfuhr.«

Kluftinger verzog das Gesicht und murmelte: »Eher ein kleiner.«

Nachdem sich auch Lodenbacher und Möbius vorgestellt hatten, tönte der Doktor: »So, ich würde ja gerne noch mit so wichtigen Persönlichkeiten plaudern, aber der Klubmanager erwartet mich.« Dann schwang er sich wieder in sein Gefährt. »Aber wenn hier so illustre Menschen spielen, werde ich wohl auch Mitglied, und dann haben wir ohnehin ausgiebig Gelegenheit zum Plauschen.« Mit diesen Worten drückte er aufs Gas, winkte noch einmal gravitätisch mit dem Handrücken und erinnerte Kluftinger dabei ein bisschen an den Papst in seinem Glasmobil.

»Herr Kluftinger, wie schön, dass wir beide uns einmal wiedersehen«, sagte Möbius mit heller, sanfter Stimme, und eine Wolke seines Parfüms waberte dem Kommissar um die Nase. Kluftinger musste unwillkürlich an sein Autostoppabenteuer vom Vortag denken, und sofort kamen ihm die Gerüchte um Möbius’ … »Orientierung« in den Sinn, die bei den Kollegen immer Anlass zu allerlei Tratsch waren. Auch eine kurze Affäre mit seiner Sekretärin Sandra Henske hatte das Gerede nicht verstummen lassen. »Sie sind also auch Golfer? Davon hat mir Ihr Chef ja gar nichts erzählt. Spielen Sie doch ein paar Runden mit uns.«

Lodenbacher machte einen zerknirschten Eindruck, schloss sich der Einladung aber an: »Jo, sicher, des wär doch wos … ned?«

»Nein, nein, danke«, wehrte Kluftinger ab. »Ich bin ja eher … kürzere Bahnen gewohnt.«

»Ach kommen Sie«, ließ Möbius nicht locker, »haben Sie Ihre Schläger dabei?«

»Nein, die leih ich mir immer aus.«

»Verstehe, das ist lobenswert pragmatisch gedacht. Sie können sich aber gerne bei meinen bedienen. Ein Nein wird nicht akzeptiert, nicht wahr, Herr Lodenbacher?«

»Jo mei, wann er ned wui … man soll niemand zu seinem Glück zwingen, ned?«

Die Einlassung seines Chefs gab für Kluftinger den Ausschlag: »Ach, was soll des G’schiss, dann spiel ich halt eine Runde mit.« Er wollte sowieso schon immer mal testen, ob das Golfen auf freier Wildbahn wirklich leichter war als das filigrane Spiel auf den Bahnen, das er betrieb. Jedenfalls hatte er das immer vermutet, bisher aber noch keine Gelegenheit gefunden, diese Annahme zu überprüfen. Möbius legte also einen Ball auf die Abschlagmarkierung und forderte Kluftinger auf, sich einen Schläger auszusuchen.

»Ach, ham Sie mehrere?« Der Kommissar war überrascht, beim Minigolf bekam man immer nur einen.

Möbius lachte herzhaft und zeigte auf seinen Caddie. Kluftinger schaute sich die Schläger an, wusste aber nicht so recht, welchen er nehmen sollte.

»I daat a Hoiz nehma«, schlug Lodenbacher vor, worauf Kluftinger mit den Augen rollte und sagte: »Sehr witzig, ich probier’s doch lieber mit einem Schläger.«

Lodenbacher schien nicht zu verstehen. »Jo, i moan jo an Holzschläger.«

Noch einmal besah sich Kluftinger die Schläger. Wollte sein Chef ihn hier vor dem Staatsanwalt für dumm verkaufen? Die Schläger waren doch alle aus Metall. Schließlich kürzte Möbius die Sache ab, indem er einen herauszog, ihn Kluftinger reichte und sagte: »Vertrauen Sie mir, ich weiß, was gut für Sie ist.« Dabei zwinkerte er ihm zu, und der Kommissar war heilfroh, dass die Kollegen diese Anmerkung nicht mitbekommen hatten. Vor seinem inneren Auge sah er ihr hämisches Grinsen.

Kluftinger fackelte nicht lange, nahm sich den Schläger, stellte sich seitlich zum Ball und drosch sofort heftig und ziemlich ungelenk drauflos, woraufhin alle überrascht der Flugbahn des Balles nachsahen – bis auf Kluftinger, der peinlich berührt auf das große Loch starrte, das er in den Rasen geschlagen hatte.

»Nicht schlecht, mein Lieber«, sagte schließlich der Staatsanwalt, und auch Lodenbacher klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Als Kluftinger versuchte, die Rasenstelle mit seinen nackten Füßen wieder notdürftig festzutreten, machte Möbius nur eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, lassen Sie mal, soll sich der Greenkeeper darum kümmern.«

»Also doch Gärtner«, zischte Kluftinger, und sie gingen los.

»Wos woitn Sie eigentlich, Kluftinga?«, fragte der Polizeipräsident, nachdem sie ein paar Meter gegangen waren.

Der Kommissar schlug sich gegen die Stirn: In der ganzen Aufregung um die Schuhe, den Doktor und den Rasen hatte er ganz den eigentlichen Grund für seine Anwesenheit vergessen. Er erzählte ihnen also die Sache mit der Werkstatt und dem Plan, wobei er etwas weiter ausholen musste, um Möbius ebenfalls ins Bild zu setzen.

»Das ist ja eine ganz tolle Nummer«, sagte der schließlich, als Kluftinger geendet hatte, und pfiff durch die Zähne. »Aber eigentlich ja ganz gut, nicht wahr, lieber Lodenbacher? Damit wissen Sie ja jetzt schon vorher, dass etwas passieren wird, und obendrein auch noch, wo. Das ist ein Luxus, den Sie sonst nicht haben.«

Der Polizeipräsident machte ein zerknirschtes Gesicht.

Inzwischen waren sie bei Kluftingers Golfball angekommen, der am weitesten von dem mit Fähnchen gekennzeichneten Loch entfernt war, das rund fünfzig Meter weiter auf einer kleinen Anhöhe lag. Während der Kommissar sich wieder in Position stellte und, von seinem vorherigen Schlag beflügelt, ein bisschen genauer Maß nahm, wandte sich der Staatsanwalt an Lodenbacher: »Haben Sie sich mal überlegt, woher die diese detaillierten Informationen über die Sicherheitsvorkehrungen im Museum haben?«

Lodenbacher bekam große Augen. »Woin Sie do odeitn, dass …«

»Ich will gar nichts andeuten, ich will nur zur Vorsicht mahnen. Ich meine: Irgendwoher müssen die ja wissen, wie es da aussieht, also scheint es zumindest so, als …«, Möbius schien seine Worte genau zu überlegen, »… als sei Ihr Inner Circle nicht ganz so geschlossen, wie Sie das vielleicht vermutet haben.«

»Ich … oiso … ich hob gar nix ge…«

»Jawoll!« Kluftingers Freudenschrei unterbrach die Unterhaltung der Männer. Sein Ball war geradewegs auf dem besonders schön gemähten Stück Rasen um die Fahne herum gelandet.

»Prächtig, mein lieber Herr Kluftinger. Sie sind ja ein echtes Talent. Nicht wahr, Herr Lodenbacher?« Der gab Kluftinger mit einem düsteren Blick zu verstehen, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht war – jedenfalls nicht, wenn es nach ihm ging. »Jo, der Herr Kluftinger muss dann auch wieda …«, begann er, doch Möbius ignorierte ihn einfach.

»Ich frage mich nur, was die alte Frau damit zu tun hat.«

»Also, wenn Sie mich fragen: gar nichts«, antwortete Kluftinger, und mit diesen Worten setzten sie sich wieder in Bewegung.

»Wie meinen Sie das?«

»Mei, ich glaub, die ist nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Und wie es aussieht, war sie wohl auch recht neugierig. Kann also gut sein, dass sie ihre Nase in Dinge gesteckt hat, die sie nicht hätte sehen sollen.«

»Hm, klingt plausibel …«, entgegnete der Staatsanwalt nach einigem Nachdenken. Dann schnappte er sich einen der Schläger, stellte sich vor seinem Ball in Position, blickte einmal kurz in Richtung Fahne und bugsierte den Ball mit einem eleganten Schwung nur knapp am Loch vorbei.

»Sehr gut, Herr Staatsanwoid, wirklich sehr gut«, sagte Lodenbacher und machte sich nun seinerseits zum Schlag bereit. Er nahm sich mehr Zeit, blickte immer wieder zur Fahne, befeuchtete seinen Finger, um den Wind zu prüfen, und machte einige Luftschläge zur Übung. Gerade als er zu seinem richtigen Schlag ausholte, tönte Möbius laut: »Herr Kluftinger, was meinen Sie, hat der Lodenbacher die richtigen Leute für diese Arbeitsgruppe ausgesucht?«

Der Polizeipräsident gefror in der Bewegung, setzte sie dann zwar fort, hatte jedoch nicht mehr genügend Schwung, und der Ball verlor schnell an Höhe und Geschwindigkeit, um schließlich in einem Sandbunker seitlich des Lochs zu landen.

»Künstlerpech«, kommentierte Möbius den verunglückten Schlag, schnappte sich seinen Caddie und zog los. Als Kluftinger an seinem Chef vorbeiging, zuckte er lediglich die Schultern.

Lodenbacher eilte ihnen nach: »Höarn S’, hod des … Zeug da ned scho amoi oaner stehlen woin? Mir is, als hätt i do amoi wos ghöart.«

Sie blieben stehen. Möbius’ Brauen zogen sich zusammen: »Natürlich, Sie haben recht. Ja, jetzt erinnere ich mich, da gab es mal so einen Fall. Das muss in den Achtzigern gewesen sein. Der Schatz ist damals nach seiner Entdeckung lange Zeit im Archäologischen Institut der Uni München untersucht worden. Als man ihn dann schließlich freigegeben hat und er zur Ausstellung in ein Museum überführt werden sollte, ist er bei diesem Transport geklaut worden. Das war ziemlich spektakulär damals. Nicht wahr?« Er sah Lodenbacher an, schüttelte dann aber den Kopf. »Ach, das war ja noch vor Ihrer Regentschaft. Das Kuriose an der Sache war, dass es keinen Überfall in dem Sinn gegeben hat. Nichts. Bei der Ankunft war der Wagen einfach leer. Bis heute weiß keiner, wie er das gemacht hat.«

»Er?«, fragte Kluftinger.

»Ja, Rösler hieß der Mann, ich habe ein gutes Gedächtnis für Namen. Man hat ihn über einen Lockvogel geschnappt, der vorgab, die Monstranz kaufen zu wollen. Aber, wie gesagt, er hat nie verraten, wie er es gemacht hat. Der hat, glaube ich, immer behauptet, er sei gar nicht der Dieb, sondern habe den Schatz über einen Hehler erworben oder so.«

Sie gingen schweigend die letzten Meter bis zum Sandbunker und sahen dort einem immer nervöser werdenden Lodenbacher zu, wie er verzweifelt versuchte, seinen Ball wieder auf das Grün zu befördern. Als es ihm nach dem sechsten Schlag immerhin gelang, ihn auf die andere Seite des Grüns aus dem Bunker herauszubugsieren, stapfte er mit hochrotem Kopf auf seinen Caddie zu, pfefferte den Schläger hinein und blaffte dann Kluftinger an: »Und? Wos woin S’ jetzt mocha in dera Soch?«

»Na ja, ich hab gedacht, also, ich mein …«

»Sie werden doch sicher mal den Mann aufsuchen wollen, der damals den Diebstahl begangen hat«, schlug der Staatsanwalt vor. »Wenn der noch lebt. Der könnte Ihnen ja vielleicht ein paar Insiderhinweise geben, oder?«

»Eben«, sagte Kluftinger und nickte.

»Gut, oiso donn, an d’ Arbeit, ned?« Lodenbacher machte dabei eine Handbewegung, als wolle er ein Insekt verscheuchen.

Kluftinger merkte, dass dem Präsidenten seine Anwesenheit zuwider war, noch dazu, da der Kommissar mitbekommen hatte, welch schlechte Figur sein Chef heute beim Spielen gemacht hatte. Da ihm klar war, dass Lodenbacher das die nächsten Tage an der ganzen Abteilung im Allgemeinen und ihm im Besonderen auslassen würde, dachte er fieberhaft nach, wie er für ein wenig bessere Stimmung sorgen könnte. Ihm fiel jedoch nichts ein – bis auf die Witze von Langhammer.

»Kennen Sie den schon?«, begann er also ohne Umschweife: »Ist ein Mann mit seiner Frau beim Golfen. Sagt die Frau: Wenn ich hin wär, wärst du dann traurig? Sagt er …«

»Wie – hin?«, unterbrach ihn sein Chef.

»Na, hinüber halt. Tot. Gestorben, wenn Sie so wollen.«

»Sie hom vielleicht eine Ausdrucksweise.«

»Jedenfalls sagt sie, ich mein, er … wie war das noch mal?« Lodenbachers in aggressivem Ton vorgebrachte Zwischenfrage hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Er war sowieso ein miserabler Witzeerzähler, und die angespannte Stimmung hier machte die Sache nicht gerade leichter. »Ach ja, er sagt: Ja, ziemlich traurig. Dann golfen sie weiter, und schließlich fragt sie: Und würdest du auch wieder heiraten? Darauf er …« Jetzt war es Kluftinger, der aus Verzweiflung losprustete, bevor die Pointe kam. »… Darauf er, also, nein, nein, sie ist ja Linkshänderin.« Die anderen beiden sahen sich nur verständnislos an und zuckten die Achseln.

»Wos soi nocha des für a Witz sei?«, murrte Lodenbacher, und Kluftinger verstummte schlagartig.

»War vom Langhammer«, gab er kleinlaut zurück.

»Jetzt gengan S’ zua und mochan S’ Eahna Arbeit.«

»Aber, aber, Herr Präsident, der gute Herr Kluftinger muss doch erst noch einlochen«, schaltete sich Möbius ein. »So viel Zeit muss sein.«

Er reichte ihm einen weiteren Schläger, der im Gegensatz zu den anderen einen schmalen, länglichen Kopf hatte. Als Kluftinger sich wieder in Position stellte, schritt Möbius ein: »Nein, nein, nicht so. Sie müssen beim Putten etwas mehr, wie soll ich sagen … Ach, ich zeig es Ihnen am besten.« Mit diesen Worten stellte er sich hinter den Kommissar, legte beide Arme um ihn und fasste damit ebenfalls den Schläger. Dann holte er mehrfach aus, wobei sich ihre beiden Körper aneinander rieben, und Möbius sagte: »Ja, ja, so ist es gut.«

Mit geweiteten Augen blickte Kluftinger zu seinem Chef, dem er in diesem Moment zweifelsfrei ansah, dass auch er schon von den Gerüchten über Möbius gehört hatte. Priml. Wenn das seine Kollegen erfahren würden, hätte er bis Weihnachten keine Ruhe mehr. Hastig führte er deswegen den Schlag aus, folgte dem Ball ebenso gebannt wie seine beiden Mitspieler und sah, wie er schließlich im Loch landete.

Möbius klatschte euphorisch, und Kluftinger war einigermaßen zufrieden mit sich. Schnell gab er dem Staatsanwalt den Schläger zurück, hob die Hand zum Gruß und wollte sich schon zum Parkplatz aufmachen, als Lodenbacher sagte: »Naa, nix, jetzt suachen S’ erst no meinen Ball mit uns. Dann war’s wenigstens für irgendwas guat, dass Sie do woarn, ned?«

Seufzend und wenig enthusiastisch machte sich der Kommissar daran, bei der Suchaktion zu assistieren – und erspähte, nachdem er ein wenig durch das Gelände gestreift war, tatsächlich einen Ball im höheren Gras, etwa zehn Meter unterhalb der Grünfläche, auf der die Fahne stand. Er drehte sich um, winkte, doch die anderen beiden sahen ihn nicht. Er holte schon Luft, um nach ihnen zu rufen, da hielt er plötzlich inne. Er dachte kurz nach, bückte sich und zog seine Schuhe an. Dabei griff er mit einer Hand nach dem Ball und ließ ihn in eine Tasche gleiten. Dann sprang er behände auf und schlenderte zu den anderen.

»Nicht gefunden?«, fragte er.

»No ned«, gab Lodenbacher zurück.

»Sie, Herr Lodenbacher, ich hab ja jetzt wirklich noch einiges zu tun, da haben Sie schon recht, deswegen glaub ich, ist es besser, ich mach mich mal langsam an die Arbeit.«

Sein Chef blickte ihn an, den Kopf rot vom Suchen in gebückter Haltung. Er sah erst zu Kluftinger, dann zu Möbius und antwortete schließlich: »Ja, des is a brave Einstellung. Guada Mo, wiederschaun.«

Als Kluftinger zum Abschied dem Staatsanwalt die Hand reichte, zog der ihn an sich und flüsterte: »Das mit dem Ball bleibt unser kleines Geheimnis, keine Sorge.«