Ich schaltete den Motor aus. Unsere Ankunft hätte niemandem entgehen können, also hatte es keinen Sinn, sich anzuschleichen. Aber trotzdem blieben wir einen Moment lang - nur einen Augenblick - sitzen und beobachteten das Haus. Dann sagte Roz: »Ich gehe übers Ionysische Meer rein - das werden sie nicht erwarten. Ich habe Camille gesagt, dass Smoky dasselbe tun soll. Wenn wir aus dem obersten Stock kommen, dürften wir jeden überraschen, der dort irgendwo ist.«

»Gute Idee.« Ich schloss die Augen und suchte nach meinem inneren Licht, streckte mich, um die Angst zu überwinden, damit ich effektiv kämpfen konnte. »Ich muss aussteigen und meine Panthergestalt annehmen. Ihr Übrigen geht rein. Amber, verdammt, wir können dich unmöglich mitnehmen, aber allein lassen dürfen wir dich auch nicht. Vanzir, du musst sie beschützen. Mit deinem Leben. Das Geistsiegel darf nicht in die falschen Hände geraten. Also dann ... Menolly, geh du mit Camille, Morio und Trillian rein.«

Die drei gingen gerade an meinem Jeep vorbei, und Menolly schloss sich ihnen schweigend an. Ich drehte mich zu Amber um. »Was auch immer du tust, sie dürfen dich nicht erwischen. Lauf wie der Teufel, wenn es sein muss, aber lass niemanden an diese Kette heran. Nein, Moment - Vanzir, kannst du eigentlich Autofahren?«

Er grinste. »Ich glaube, das kriege ich hin. Aber sicher nicht besonders gut.«

»Das ist nicht witzig. Fahr sie raus zu Großmutter Kojotes Portal und versteck dich dort mit ihr. Wenn wir nicht in etwa einer Stunde nachkommen, bring sie rüber zu Königin Asteria.«

»Königin wer? Portal? Ihr wollt mich in die Anderwelt schicken?« Amber wirkte leicht panisch.

»Besser, als dich den Dämonen in die Hände fallen zu lassen«, entgegnete Vanzir. »Schon gut. Vertrau mir.« Er setzte sich ans Steuer, und ich zeigte ihm, wie man den Motor anließ und wo Bremse und Gaspedal waren.

»Gib dir Mühe, keinen Unfall zu bauen, ja? Du kennst den Weg?«

»Ja«, sagte er, hob dann die Hand und umfasste sacht mein Kinn. »Du wirst mutiger, Schmusekätzchen. Und härter. So muss eine gute Soldatin sein.« Damit legte er den Rückwärtsgang ein und fuhr ruckelnd und mit aufheulendem Motor die Einfahrt entlang.

Ich schaute ihm nach, sog dann scharf die Luft ein und nahm meine Panthergestalt an. Die Welt sah anders aus, sobald ich mich verwandelt hatte, und ich fühlte das Raubtier in mir emporsteigen. Oh, ich liebte diese Gestalt - es war herrlich, als Panther durch die Nacht zu streifen.

Ich holte tief Luft und fragte mich, wie ich Arial herbeirufen könnte, und plötzlich wusste ich es. Anscheinend hatte der Ausflug mit Greta eine unbewusste Erinnerung daran hinterlassen, wie ich nach Haseofon gelangen konnte. Denn kaum hatte ich daran gedacht, da tapste ich auf Pantherpranken in den Saal. Die anderen blickten zu mir auf, erkannten mich aber offenbar auch in meiner Wergestalt, denn sie winkten mir nur zu. Ich sah mich um, bis ich Arial fand. Sie saß auf einem Kissen und las ein Buch. Ich lief hinüber und stupste sie mit der Nase an.

Ich brauche deine Hilfe. Der Gedanke war ganz deutlich, und sie nickte.

»Ich bin immer bereit, dir zu helfen.« Sie ließ das Buch fallen, stand auf und schüttelte ihr zobelfarbenes Haar aus. Dann trat sie zurück und begann zu schimmern. Fasziniert schaute ich zu. Ich hatte schon gesehen, wie Nerissa sich verwandelte, und ich wusste, wie es sich anfühlte, aber meiner Schwester dabei zuzusehen, war etwas ganz anderes. Binnen Sekunden stand ein goldener Leopard vor mir, mit Flecken in der Farbe ihres Haars.

Was ist passiert?

Jemand ist in unser Haus eingedrungen - möglicherweise die Dämonen. Bitte geh auf der Astralebene rein und versuche, möglichst viel herauszufinden.

Geh voran.

Ich wandte mich um und rannte aus Haseofon davon, Arial mir dicht auf den Fersen. Wir jagten durch den Nebel und landeten genau da, wo ich zuvor gestanden hatte, vor dem Haus. Ich drehte mich nach Arial um, die als geisterhafte Erscheinung zum Haus aufblickte.

Kannst du reingehen und herausfinden, was da drin los ist? Ich schleiche mich von hinten an.

Bin gleich wieder bei dir. Sie verschwand wieder, wie Quecksilber, das sich in den nächtlichen Schatten auflöste. Ich fragte mich, wie es wäre, wenn sie überlebt hätte. Dann wären wir zu viert gewesen - und vieles vielleicht anders. Welche Wendung unser aller Leben dann wohl genommen hätte ? Aber das waren müßige Überlegungen. Wir waren die, die wir waren, und zumindest wussten wir inzwischen, dass sie glücklich war und wir Verbindung zu ihr aufnehmen konnten. Im Augenblick ging es darum, dass Iris in Gefahr schwebte und wir mehr Feinde hatten, als wir zählen konnten.

Ich tapste durch den Garten und versuchte, die Witterung der Eindringlinge aufzunehmen. Ein plötzlicher Aufschrei von der Rückseite des Hauses schrillte durch die Nacht, und ich raste los und flitzte um die Ecke. Camille und Morio sprachen gerade irgendeinen Zauber gegen - o Mist, ein Blähmörgel. Hatten wir in den letzten Monaten nicht genug von denen niedergemacht?

Er öffnete den Mund und spie ihnen einen Flammenstrahl entgegen, und die beiden mussten ausweichen, einer nach links, der andere nach rechts. Der Zauber, den sie gerade aufgebaut hatten, war unterbrochen. Morio kramte hastig in seiner Tasche und holte einen kleinen Sarg heraus, etwa dreißig Zentimeter lang. Scheiße. Rodney, der chauvinistische Knochenmann, den Großmutter Kojote ihm geschenkt hatte. Aber wir brauchten alle Unterstützung, die wir kriegen konnten.

Camille sprang auf und schleuderte dem Blähmörgel einen Blitz entgegen. Der kreischte laut, als er in den aufgetriebenen Bauch getroffen wurde, und schlug mit den Armen um sich, die zu lang für seinen Körper waren. Aber er ging nicht zu Boden. Die Mistkerle waren gefährlich, weil sie so schwer zu töten waren - und wegen ihres feurigen Atems.

Ich schlich mich, verborgen in Gebüsch und Unkraut, in seinen Rücken, sprang ihn an und packte seinen Hals mit beiden Vorderpfoten. Dann fuhr ich ihm mit den Klauen einer Pranke über die Kehle, während Morio Rodney befahl, seine volle Größe anzunehmen. Zugleich wuchs der Yokai-kitsune ebenfalls zu seiner vollen Dämonengestalt. So konnte er viel mehr Schaden anrichten als in seiner menschlichen Gestalt.

Er sprang vor und schlitzte dem Blähmörgel mit langen, schwarzen Krallen den Bauch auf. Ich zerrte den Dämon zugleich am Hals nach hinten, und das Biest verlor das Gleichgewicht, glitt aus und fiel auf den Rücken. Morio stürzte sich auf ihn und brachte es zu Ende, während ich mich umsah und versuchte, Iris' Witterung aufzunehmen. Ein Laut ließ mich herumfahren, und ich sah Arials geisterhafte Gestalt auf mich zurennen. Ich rieb die Schnauze an ihrer.

Was hast du gesehen?

Im Haus sind Schlangen und eine Gruppe Männer, die alles zerschlagen. Und Menolly und eure Freunde, der Drache und der Incubus, kämpfen mit ihnen. Sie brauchen Hilfe.

Treggarts! Und Schlangen ... Verdammt, Stacias Truppe. Wir können jede Unterstützung gebrauchen.

Ich werde auf der Astralebene tun, was ich kann. Sie wandte sich ab und verschwand.

Ich nahm so schnell meine menschliche Gestalt an, dass es weh tat. Noch während ich ein lautes Jaulen ausstieß, stand ich wieder auf zwei Beinen vor Camille, Morio und dem toten Blähmörgel.

»Treggarts sind im Haus, und Schlangen. Sie kämpfen mit Menolly, Smoky und Roz. Kommt, schnell!«

Wir rannten zur hinteren Veranda. Ich sprang die Treppe hinauf, stieß die Hintertür auf und platzte in die Küche, dicht gefolgt von Camille und Morio. Der Raum war verwüstet worden. Wir hielten uns nicht auf, um den Schaden zu begutachten, sondern liefen weiter. Als wir den Hausflur erreichten, hatte sich der Kampf auf die vordere Veranda verlagert. Eine Gruppe Männer, die wie Motorradrocker aussahen, schwang Ketten und Schwerter.

Menolly kämpfte am Ende der Veranda mit zwei dieser Typen, und einer verstecke einen Holzpflock hinter dem Rücken.

»Weg da, Menolly! Er hat einen Pflock!«

Menolly sagte nichts, sondern sprang geschickt auf das Geländer und von dort auf den Boden. Die Dämonen schwangen sich über das Geländer und folgten ihr. Inzwischen hatte Smoky zwei Treggarts erledigt, war aber auf dem Weg die Vordertreppe hinab von drei der Dämonen umzingelt worden. Roz rang bei Camilles Kräuterbeeten mit einem Blähmörgel.

Ich stürzte mich ins Getümmel, machte einen Riesensatz über das Geländer und landete neben Menolly. Ehe der Kerl sich auch nur umdrehen konnte, stieß ich dem Treggart mit dem Pflock meinen Dolch in den Rücken. Er jaulte auf. Ich zog Lysanthra mit einer kräftigen Drehung wieder heraus, und die wirkte - er ließ den Pflock fallen, ging in die Knie und schaffte es nicht, sich wieder aufzurappeln. Menolly versetzte ihm einen Tritt gegen den Kiefer, und er kippte stöhnend zur Seite. Der andere Dämon starrte uns an. Er sah aus wie ein schlechtfrisierter Hells Angel, doch unter dieser Lederjacke schlug das Herz eines echten Dämons.

Camille verschwand im Haus, und ich fragte mich, wo sie hinwollte, konnte mich aber nicht länger auf sie konzentrieren. Es waren noch zu viele Dämonen um mich herum.

Smoky erledigte einen, und Roz schaffte es endlich, seinen Blähmörgel auszuschalten, indem er dem Biest eine seiner magischen Granaten in den Hals stopfte, als es den Mund aufriss, um Feuer zu speien. Das darauffolgende Flammeninferno setzte auch einen nahen Rosenbusch in Brand. Smoky drehte sich um und atmete tief aus, und ein eisiger Nebel senkte sich auf die Flammen herab und löschte sie.

In der Dunkelheit, nur schwach erhellt von den Lichtern im Haus, herrschte das Chaos. Ich verschnaufte kurz und half dann Menolly gegen den letzten Dämon. Zusammen schafften wir es, ihn in eine Ecke zu treiben, und sie bearbeitete ihn mit ihren Fangzähnen, während ich ihm meinen Dolch fein säuberlich zwischen zwei Rippen stieß.

Ich hörte Geschrei, drehte mich um und sah Wilbur um die Hausecke kommen. Er verfolgte zwei Blähmörgel, die um ihr Leben liefen. Holla. Was immer er getan haben mochte, hatte ihnen eine Scheißangst eingejagt - eine seltene Leistung, denn Blähmörgel sind normalerweise nicht leicht zu erschrecken. Die beiden rannten geradewegs auf uns zu, und ihr Gebrüll hallte durch die Nacht. Rozurial hechtete beiseite, Smoky bearbeitete den einen mit seinen Klauen, und Morio nahm sich den anderen vor. Sie tobten sich aus, während Menolly und ich uns dem letzten Treggart zuwandten.

Ich sprang blitzschnell hinter ihn, und als Menolly ihm einen ordentlichen Tritt versetzte, der ihn auf mich zuschleuderte, brauchte ich nur Lysanthra auszustrecken, und er landete genau auf der Spitze ihrer Klinge. Sein Schwung brachte mich aus dem Gleichgewicht, ich schlug mit dem Kreuz hart auf einem großen Stein auf, und er landete obendrein auf mir. Er rührte sich nicht, und ich spürte, wie das Blut aus der Stichwunde an mir herablief.

Gleich darauf war alles still. Ich stöhnte, als Menolly den toten Dämon von mir wuchtete und mir aufhalf. Als ich meine Klinge im Gras abgewischt hatte, drehte ich mich um und stellte fest, dass unser Vorgarten aussah wie ein Schlachtfeld. Es war schwierig, die vielen Leichen im Dunkeln genau zu zählen, aber der klebrige, metallische Geruch von Blut blieb mir im Halse stecken.

»Pfui Teufel, das war unschön. Iris hatte recht - wir brauchen hier Schutz. Ich finde es scheußlich, aber wir können das Haus nicht mehr unbewacht lassen. Und da wir gerade von ihr sprechen ...« Ich reckte den Hals und sah mich um. »Wo ist Iris?«

»Im Haus ist sie nicht«, sagte Camille, die gerade langsam aus der Haustür trat. Sie hielt Maggie auf dem Arm, die sich an ihre Schulter schmiegte. »Ich habe überall nach ihr gesucht, aber da drin ist sie nicht, Leute.«

»Scheiße - schaltet sämtliche Außenbeleuchtung an«, sagte ich.

»Ich sehe im Gästehaus nach.« Roz raste los, als sei Hei persönlich hinter ihm her. Er vergötterte Iris. Wie wir alle.

Trillian gab Morio einen Wink. »Komm mit, wir suchen den Wald ganz hinten ab.« Sie eilten davon.

Smoky sagte nichts, sondern lief in die Gegenrichtung los, zum vorderen Teil unseres Grundstücks. Ich wirbelte herum und packte Menolly am Arm.

»Komm, wir suchen in Richtung Birkensee.« Während wir auf die Bäume zurannten, betete ich im Stillen darum, dass wir sie finden würden. Ihr war bestimmt nichts passiert, alles würde wieder gut werden. »Das muss es«, flüsterte ich, als ich einen Blick auf Arial erhaschte, die auf der Astralebene neben uns herlief.

»Wo könnte sie sich versteckt haben?« Menolly blieb am Anfang des Pfades durch den Wald stehen. »Würde sie dem Weg folgen oder sich in den Wald schlagen?«

»In den Wald, denke ich. Rufen wir einfach nach ihr. Jetzt droht ja keine Gefahr mehr.« Ich formte die Hände zum Trichter und brüllte hinein wie in ein Megaphon: »Iris! Iris! Du kannst rauskommen! Wo bist du? Alles in Ordnung?«

»Iris!« Auch Menolly begann nach ihr zu rufen und lief den Pfad entlang. »Du nimmst den Wald links vom Pfad, ich gehe weiter bis zum Teich. Iris!«

Ich kletterte über den umgestürzten Baumstamm, der quer über dem Weg lag, und schlug mich dann in den Wald. Da kam mir ein Gedanke, ich zückte mein Handy und rief Vanzir auf dem Handy an, das wir ihm gekauft hatten.

»Wir haben sie erledigt, aber das war ein harter Kampf. Du kannst Amber jetzt zurückbringen.« Ich legte auf, als mir etwas ins Auge fiel. Auf dem Boden glitzerte etwas. Zwischen den feuchten, muffigen Gerüchen von Moos und Wald roch ich versengte Erde. Ich setzte über einen Baumstamm, bückte mich dann unter den nächsten, der etwa auf Kopfhöhe hing, und da sah ich ihn. Auf dem Boden lag ein Zauberstab. Aus Silber, mit einem Aqualin.

Iris' Zauberstab. Was hatte der hier draußen zu suchen?

Und wo war Iris?