Kapitel 12
Der Rest des Abends raste verschwommen an mir vorbei. Das AETT durchforstete Saz' Haus gründlichst, und diesmal landeten sie einen Treffer. Sie entdeckten Telefonnummer und Adresse seiner Schwester. Ich wartete am Rande des Geschehens und sah zu, wie sie den Teppich nach Beweismaterial absuchten, Blut von der Wand kratzten, mit Staubpinseln nach Fingerabdrücken suchten, und was sie sonst noch für magische Prozeduren kannten. Ich wusste, dass sie zurzeit eine Methode entwickelten, magische Signaturen aufzuspüren, aber sie war noch nicht brauchbar.
Menolly und ich lehnten an einer Wand, während Vanzir sich draußen nach allem umsah, was irgendwie von Interesse sein könnte. Zwei von Chases Officers gingen von Tür zu Tür und befragten die Nachbarn.
»Was glaubst du, was hier läuft?«, fragte Menolly.
Ich schüttelte den Kopf. »Was wetten wir, dass jemand Wolfsdorn herstellt und Beta-Wölfe braucht, die er mit Steroiden vollpumpen kann? Ich habe das scheußliche Gefühl, dass wir weder Saz noch Paulo oder Doug finden werden. Jedenfalls nicht lebend oder in einem Stück.«
»Delilah?« Chase kam auf mich zu, einen Zettel in der Hand. »Würdest du mich begleiten, wenn ich mit seiner Schwester spreche? Eine Frau dabeizuhaben, wäre sicher besser, und dann bekommst du deine Informationen auf der Stelle, statt dich auf das verlassen zu müssen, was meine Männer und ich für wichtig halten.«
Ich nickte. »Ja, aber wir kommen alle mit. Menolly und Vanzir können im Auto bleiben.« Ich wollte nicht in seinem Wagen mitfahren, allein mit ihm sein. Jetzt nicht.
Er nickte. »Hier ist die Adresse. Fahren wir. Meine Leute werden hier auch allein fertig.«
Saz' Schwester wohnte in einer etwas besseren Gegend. In ihrem Haus brannte Licht, obwohl es schon gegen neun Uhr abends war. Als ich aus dem Auto stieg und neben Chase auf dem Gehsteig stehen blieb, dachte ich mir, dass dies mit zum Schlimmsten in seinem Job gehören musste.
»Bist du bereit?« Er rückte seine Krawatte zurecht, räusperte sich und steckte sich ein kleines Pfefferminz-Dragée in den Mund. Mir reichte er auch eins. »Wenn man schlechte Nachrichten überbringt, sollte wenigstens der Atem gut riechen. Es ist schon schlimm genug, was man den Leuten sagen muss. Hygiene zählt auch etwas.«
Ich steckte mir das Dragée in den Mund und verzog das Gesicht. Der Geschmack war zu stark, obwohl ich ihn eigentlich mochte, aber gleich darauf zerschmolz es auf meiner Zunge. Ich fragte Chase, ob ich noch eins haben könnte. Er schnaubte und reichte mir die Packung.
Wir gingen durch den Vorgarten, stiegen die paar Stufen zu dem Häuschen hinauf, und Chase klingelte. Gleich darauf öffnete eine Frau im Trainingsanzug die Tür. Sie hielt ein Baby auf ihre Hüfte gestützt, und im Hintergrund hörten wir Kinder kreischen. Die hatten entweder einen Riesenspaß oder einen Wutanfall.
»Ich bin Detective Johnson, Ma'am.« Chase zeigte ihr seine Dienstmarke. »Sind Sie Madge Renault?«
Sie nickte und beäugte argwöhnisch die Marke. »Ja, was gibt's?«
»Haben Sie einen Bruder namens Saz Star Walker?«
Der gereizte Ausdruck auf ihrem Gesicht wich der Angst. Sie öffnete den Mund zu einem O, trat zurück und bat uns mit einem Nicken herein. »Ist er ... steckt Saz irgendwie in Schwierigkeiten, Detective?«
Wir folgten ihr in ein winziges Wohnzimmer, in dem überall Spielzeug herumlag. Ein großer Hund schnupperte an meinem Knöchel, kläffte einmal und rannte dann davon, um mit drei sehr schmuddeligen, aber glücklich aussehenden Kindern zu spielen. Keines schien älter als drei zu sein. Aber das konnte täuschen - Werwesen altern langsamer als Menschen. Allerdings wachsen sie die ersten fünfzehn, zwanzig Jahre offenbar recht normal. Dann verlangsamt sich der Alterungsprozess drastisch.
Die Frau versuchte, ein Ende des Sofas frei zu räumen, und ich trat rasch vor und half ihr. Madge lächelte mir dankbar zu, zog sich in einen Schaukelstuhl zurück und legte sich das Baby an die Brust, wo es prompt zu trinken begann.
»Entschuldigen Sie - mein Mann arbeitet abends, und mit fünf Kindern ... ist es nicht so einfach, Ordnung zu halten.« Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, und ich bemerkte einen Ausdruck in ihren Augen, der mir Sorgen machte. Madge Renault stand kurz davor, zusammenzubrechen. Ich nahm mir vor, den ÜW-Gemeinderat darauf anzusprechen. Wir würden jemanden vorbeischicken und feststellen, ob wir ihr vielleicht irgendwie helfen konnten - und sei es nur ein bisschen. Wir hatten schon darüber gesprochen, eine flexible Tagesbetreuung für die Werkinder in der Gegend aufzubauen, und es wurde höchste Zeit, das in Angriff zu nehmen.
»Mrs. Renault, ich muss Ihnen einige Fragen über Ihren Bruder stellen.«
Der besorgte Ausdruck erschien wieder auf ihrem Gesicht. »Ja. Worum geht es? Ihm ist doch nichts passiert, oder? Saz ist ein guter Junge, er macht selten Ärger.«
Chase schüttelte den Kopf. »Soweit ich weiß, ist er nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten, Mrs. Renault. Aber anscheinend ist er verschwunden, und in seiner Wohnung haben wir Spuren eines Kampfes gefunden. Wir versuchen festzustellen, wann jemand ihn zuletzt gesehen oder gesprochen hat. Und ob er vielleicht etwas gesagt hat, das uns einen Hinweis darauf geben könnte, wo er jetzt ist.«
Sie wurde blass und wies das kleine Mädchen ab, das an ihrem Ärmel zog. »Saz ist verschwunden? Nein, das kann nicht sein. Er war gerade erst hier ...« Sie zeigte auf ihre Handtasche, und ihre Tochter brachte sie ihr. Madge holte einen Kalender heraus und schlug ihn auf. »Verdammt, das ist schon eine Woche her. Die Zeit rast mir im Moment nur so davon.« Sie hob den Kopf und fragte: »Was glauben Sie denn, was ihm passiert sein könnte?«
Ich zwang mich, nicht mit der Wimper zu zucken. Was wir glaubten, war viel zu grausig, um laut darüber zu spekulieren. Zum Glück sah Chase das genauso.
»Das können wir noch nicht sagen. Wissen Sie, ob Ihr Bruder irgendwelche Feinde hat? Jemanden, der es aus irgendeinem Grund auf ihn abgesehen hat?«
Langsam schüttelte sie den Kopf. »Nicht dass ich wüsste ... na ja, er ist mit ein paar Leuten aneinandergeraten, aber das tun alle hitzigen Werwölfe in seinem Alter. Ich weiß nicht ... unsere Eltern sind zurzeit verreist. Ich möchte sie nicht beunruhigen, solange wir nicht wissen, ob ihm wirklich etwas zugestoßen ist.«
»Kennen Sie zufällig seine Blutgruppe?« Das Blut von Werwesen war zwar anders zusammengesetzt als das von Menschen, aber trotzdem konnte man Blutproben vergleichen und Typen klassifizieren.
»Die kann ich Ihnen sagen«, antwortete sie leise. »Er hat Blutgruppe U sieben. Genau wie ich. Als ich die Drillinge bekommen habe, brauchte ich eine Bluttransfusion, und er war der einzige passende Spender.« Tränen blinkten in ihren Augen. »Bitte finden Sie ihn. Er ist ein guter Junge. Er hat es in der Rangordnung nie weit nach oben geschafft, aber seinen Platz hat er sich hart erarbeitet. Ich habe ihn sehr gern.«
Chase nickte. »Wir tun unser Bestes. Wissen Sie zufällig, wohin er abends so gegangen ist?«
»In die Loco Lobo Lounge - da darf nur unser Rudel rein. Und, Moment... eine Bowling-Bahn. Er ist ein toller Bowler. Aber ich habe nicht die Zeit, mir jeden Laden anzusehen, in dem mein kleiner Bruder gern herumhängt.«
»Dann vielen Dank. Wir melden uns bei Ihnen, sobald wir etwas herausfinden. Ich denke, Sie sollten sich vielleicht mal seine Wohnung ansehen. Sie ist...« Chase senkte die Stimme. »Ich will Sie nicht belügen. Da sind Blutflecken, und die Wohnung wurde verwüstet.«
Madge schwankte. »Glauben Sie, er lebt noch?«
Chase warf mir einen Blick zu. Ich räusperte mich. »Das wissen wir nicht. Wir hoffen es, Mrs. Renault. Wenn er noch lebt, werden wir unser Bestes tun, um ihn zu finden und nach Hause zu bringen.«
Als wir gingen, liefen ihr Tränen über die Wangen. Ich hatte das Gefühl, dass ich der armen Frau gerade eine weitere unerträgliche Last aufgebürdet hatte.
»Wie machst du das?«, fragte ich. »Wie bringst du es fertig, bei den Leuten zu klingeln und ihnen zu sagen, dass ihr Leben gleich in Scherben liegen wird? Wie gehst du damit um?«
Er schwieg kurz. Dann sagte er: »Ich denke mir, wenn ich das tue, erfahren sie die schlechte Neuigkeit zumindest von jemandem, der Mitgefühl zeigt. Ich stehe ihnen jedenfalls nicht gleichgültig gegenüber.«
Nun war ich es, die schwieg. Als ich wieder in meinen Jeep stieg, tief in Gedanken versunken, fuhr Chase in Richtung AETT-Hauptquartier los. Ich drehte mich zu Menolly und Vanzir um. »Manchmal ist das Leben wirklich beschissen«, flüsterte ich.
»Ja, da kann ich mitreden.« Menolly lächelte und fuhr die Fangzähne ein Stückchen aus. »Ich werde jeden Abend und jeden Morgen daran erinnert, wenn der Sonnenuntergang mich ruft und das Tageslicht mich in den Schlaf verbannt.«
Vanzir deutete auf seinen Hals. »Das Geschöpf unter meiner Haut ... ist ein weiterer Beweis dafür.«
Ich sah die beiden an. »Ja. Schon kapiert. Also gut, machen wir Schluss für heute. Menolly, soll ich dich an der Bar absetzen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich brauche meinen Jaguar. Kommst du klar?«
Ich lächelte schwach. »Irgendwie bin ich mir sicher, dass ich immer klarkommen werde. Einer der Schnitter passt auf mich auf. Selbst im Leben nach dem Tod ist mir ein guter Job sicher, weißt du?«
Mein Lachen klang leicht hysterisch. Ich ließ den Motor an, und wir fuhren nach Hause.
Als wir ankamen, war ich fix und fertig. Ich schleppte mich ins Haus und sank in der Küche auf einen Stuhl. Menolly winkte uns zu, schnappte sich ihre Schlüssel und machte sich auf zu ihrer Bar. Vanzir war zum ehemaligen Schuppen und jetzigen Gästehaus abgebogen, das er sich mit Roz und Shamas teilte.
Nach einem einzigen Blick auf mich stellte Iris den Teekessel auf den Herd. Ehe ich noch ein Wort sagen konnte, drückte sie mir Maggie in die Arme, die gerade mit ihrer Barbie spielte - die Puppe hatte ihren Kopf verloren und trug stattdessen den einer Yoda-Figur. Dann kramte Iris im Küchenschrank. Ausnahmsweise einmal tadelte sie mich nicht wegen meiner ungesunden Essgewohnheiten, sondern stellte einfach eine Schüssel Käsechips vor mich hin.
Ich begrub das Gesicht in Maggies weichem, flaumigem Fell. Die Schildpatt-Gargoyle war unser Schätzchen, unser Baby, unser Haustier - sämtliche Unschuld der Welt in einem niedlichen, wenn auch etwas zerstörerischen kleinen Paket. Aber nicht einmal sie würde so niedlich bleiben, und wie Katzen und Wölfe war auch sie im Herzen ein Raubtier. Aber im Moment war sie nur ein Baby, das mit seiner Yobie-Puppe spielte, wie es sie nannte. Kreischend fuhr es mit den Fingern durch mein stacheliges Haar.
»Deeyaya! Schi-pad!« Sie schien sich über meine neue Frisur sehr zu freuen, und mir fiel plötzlich auf, dass meine seltsame Haarfarbe gut zu ihrem Fell passte.
»Ja, Süße, das stimmt. Delilah trägt jetzt Schildpatt!« Ich lachte, pustete auf ihren Bauch und kitzelte sie unter dem Kinn. Wir hatten ihr endlich beigebracht, nicht zu beißen, obwohl sie es hin und wieder versehentlich doch tat. Aber jetzt kreischte sie nur und lachte. Dann gähnte sie so gewaltig, dass ich ihre Mandeln hätte sehen können - wenn sie denn welche hätte -, und ihr fielen die Augen zu. Ich gab sie Iris zurück.
»Ich glaube, sie gehört ins Bett.«
»Ja, die Sahnemischung macht sie schläfrig, wenn es spät ist und sie sich ausgetobt hat.« Iris trug sie in ihr Zimmer, wo Maggies Bett stand, und kam ein paar Minuten später zurück. »Maggie schläft schon. Sie hatte heute einen anstrengenden Tag - sie hat mir beim Unkrautjäten und bei der Hausarbeit geholfen. Ihre Hilfe war natürlich eher hinderlich, aber das macht mir nichts aus. Und Trillian und Morio sind mit ihr spazieren gegangen. Mit Halsband und Leine, was ich jetzt noch unnötig finde - sie kann ja kaum laufen. Aber sie fühlen sich so sicherer. Ihre Beinmuskulatur kräftigt sich allmählich. Noch ein, zwei Jahre, dann wird sie hier munter herumtapsen.«
»Wann soll sie eigentlich mit dem Fliegen beginnen?«, fragte ich, griff in die Cheetos-Schüssel und schloss beim ersten würzigen Bissen selig die Augen.
»Ach, erst in zehn oder zwanzig Jahren. So lange dauert es, bis ihre Flügel groß genug sind. In der Wildnis in der Anderwelt wachsen die Jungen etwa fünfzig Jahre lang gut versteckt auf, und die Eltern bringen ihnen Nahrung. Maggie muss schneller lernen, als dort normal für sie wäre, aber ihr Körper kann nicht schneller wachsen als normal.« Iris schenkte uns beiden Tee ein und setzte sich zu mir an den Tisch.
»Einerseits scheint sie so schnell zu wachsen, aber andererseits ...« Ich seufzte und fragte mich, wie wir mit einem Gargoyle-Teenager fertig werden sollten. Aber uns blieben noch viele, viele Jahre, um uns darüber Gedanken zu machen. Vorerst einmal mussten wir nur am Leben bleiben.
»Wie fühlst du dich heute Abend?« Iris nippte an ihrem Tee und atmete genüsslich den Dampf ein. Mit einem Nicken bedeutete sie mir, es ihr gleichzutun.
Ich hob die Tasse an und ließ mich von dem nach Minze duftenden Dampf einhüllen. Er beruhigte den Kopfschmerz, der sich hinter meiner Stirn zusammenbraute, konnte aber mein schweres Herz nicht erleichtern. »Mir geht es wahrscheinlich noch besser als Camille. Ich habe meinen Freund verloren. Sie ihren Vater. Es ist so still hier, ist sie ins Bett gegangen?«
»Ja, schon vor ein paar Stunden. Ihre Männer haben sie noch vor zehn Uhr ins Bett gesteckt. Sind wirklich gute Jungs, die drei. Sie können manchmal etwas anstrengend sein, aber sie lieben Camille sehr. Und du hast recht. Camille hat ihren Vater vergöttert - ein dunkler Tag für sie, da er so etwas fertigbringt.« Sie schüttelte den Kopf.
»Ich bin so wütend auf ihn. Ich finde gar keine Worte dafür, wie stinksauer ich bin. Menolly und ich werden ihn bald damit konfrontieren müssen.« Während ich dasaß, zufrieden meine Cheetos mampfte und zuschaute, wie Iris mit ihrer Magie kleine Schneezeichnungen auf den Tisch kritzelte, trieb ich allmählich davon. Der Raum verschwamm, und als ich wieder aufblickte, stand ich in dichtem Dunst.
»Du bist hier.« Die Stimme und die Präsenz kamen mir vertraut vor. Ich drehte mich um, konnte aber nur vage Schemen im Nebel um mich herumhuschen sehen.
»Ich ... ich weiß nicht ... Was tue ich denn hier? Wer bist du?« Verwundert blickte ich mich um. Ich war irgendwo im Astralraum, das konnte ich immerhin erkennen.
Augen schimmerten im Nebel, sie leuchteten wie die einer Katze, aber das war keine Katzenenergie. Die Präsenz fühlte sich an wie Hi'ran, und doch ... war sie irgendwie anders. Die Stimme war weicher als seine, aber mit demselben Timbre. »Du musst müde sein. Mir war nicht klar, dass du so stark senden kannst.«
»Bist du ...« Hi'rans Name wollte mir nicht über die Lippen kommen. »Du bist nicht ...« Meine Stimme versagte. »Aber du fühlst dich so ähnlich an wie er. Wer bist du? Sag es mir.«
Ein Schatten bewegte sich auf mich zu. Er trug das Flackern von Herbstfeuern mit sich, den Duft kalter Nordwinde, und dann zog die Silhouette eines Mannes, etwa so groß wie ich, mich in seine Arme. Obwohl ich ihn nicht einmal deutlich sehen konnte, fühlte sich das völlig natürlich an.
»Oh, ich wünschte, ich könnte dich hier nehmen. Jetzt... « Er schmiegte das Gesicht an meinen Hals, und ich schloss die Augen und ließ die Leidenschaft wie eine gewaltige Welle über mich hinwegrollen. Es fühlte sich an, als würde ich von einem dunklen Meer verschlungen. Ich schmiegte mich in seine Umarmung und wollte ins süße, erholsame Nichts hinabgleiten.
Der Schatten küsste mich, und ich kostete Loganbeerwein. Er presste die Lippen an meinen Hals, und seine Hände glitten forschend über meinen Körper und lösten kleine Explosionen aus - einen Funkenregen, einen Schauer kleiner petits morts. Plötzlich erkannte ich, dass ich bei Hi'ran zwar gespürt hatte, wie seine Energie mich umfing und liebkoste - aber das hier war greifbarer. Dies waren wirkliche Finger, die mich berührten, echte Hände, die über meinen Körper strichen.
Mit einem schaudernden Beben kam ich zum Höhepunkt. Der Schatten küsste mich, während ich nach Luft schnappte. Ich fühlte mich erfrischt und neu gestärkt.
»Ich weiß ja nicht, wer du bist«, flüsterte ich. »Aber so habe ich nur bei einem einzigen anderen Wesen empfunden.«
»Nicht mehr lange ...« Er hielt inne, und ich starrte den dunklen Schemen an, der nach Holzrauch, Moos und Eichenlaub roch.
»Nicht mehr lange, bis ... was? Werde ich bald sterben?« Ich wollte es nicht wissen, aber - wissen musste ich es doch.
»Nein, meine Liebe. Nein ... nichts dergleichen. Aber halte die Augen offen. Höre auf dein Herz.«
»Was ist mit ... dem Herbstkönig?«
Und dann erschien Hi'ran selbst. Stark und riesig ragte er hinter mir auf, und der Schatten verblasste. Hi'ran schlang seinen Umhang um mich, und auch diesmal war es seine Energie, die meine berührte, keine Finger auf meiner Haut.
»Während du letzten Endes mir gehörst, bin ich kein eifersüchtiger Herr. Solange du nicht vergisst, dass ich dein Herr bin. «
Und dann, wie der Wind, war er plötzlich verschwunden, und ich öffnete die Augen. Iris starrte mich grinsend an.
»Er ... schon wieder?« Sie konnte die Energie spüren, das sah ich ihr an.
»Ja, er. Der Herbstkönig. In seiner Nähe fühle ich mich ... schön und strahlend und mächtig. Ich fürchte und begehre ihn auf eine Weise, wie ich noch nie jemanden gewollt habe. Aber ...« Wie sollte ich ihr erklären, dass da noch jemand gewesen war, der sich zwar anfühlte wie Hi'ran, aber nicht er war? Ich beschloss das vorerst lieber für mich zu behalten. »Ich fühle mich nicht mehr so erschöpft.«
Ich war müde, aber das Herz tat mir nicht mehr so weh. Es fühlte sich an, als hätte ich gerade die beste Massage aller Zeiten bekommen, und in gewisser Weise stimmte das auch. Von Göttern gegebene Orgasmen - unschlagbar. Ich trank meinen Tee aus und schnappte mir die Cheetos.
»Ich gehe jetzt nach oben, esse die hier auf und gönne mir gute acht Stunden Schlaf. Bis morgen, liebe Iris.« Ich küsste sie auf die Wange, und sie lächelte, doch hinter diesem Lächeln spürte ich Besorgnis. Und dann fiel es mir wieder ein - sie hatte selbst ein Geheimnis, von dem sie Menolly und mir noch nicht erzählt hatte. »Und dann kannst du mir vielleicht sagen, was mit dir los ist - warum du in die Nordlande musst.«
Der Hausgeist senkte den Kopf. »Irgendwann wirst du es erfahren. Aber jetzt schlaf gut, meine Liebe. Schlaf gut.«
Ich stieg die Treppe hinauf und dachte darüber nach, was das für ein Geheimnis sein könnte. Es war immerhin so wichtig, dass Camille Iris versprochen hatte, sie in die Nordlande zu begleiten, und das war nichts für Feiglinge. Nein, diese Reise war ziemlich beängstigend und - da Smokys Vater möglicherweise Rachepläne gegen meine Schwester und ihren Mann hegte - womöglich gefährlich.
Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich schlüpfte in mein Hello-Kitty-Nachthemd, schaltete den Fernseher in meinem Zimmer an und machte es mir für ein, zwei Stündchen Glotzen und Knabbern gemütlich. Und obwohl die andere Seite des Bettes leer war, wurde mir bewusst, dass ich nicht einsam war. Ich fühlte mich geborgen und behaglich, und ausnahmsweise einmal war ich froh, mit meinen Gedanken allein zu sein. Das war ein sehr beruhigender Ausklang eines unglaublich stressigen Tages.