Kapitel 15
Im AETT-Hauptquartier fühlte ich mich nach den vergangenen Tagen entschieden zu heimisch. Wir parkten und eilten nach drinnen zu Chases Büro, doch er fing uns schon kurz hinter der Eingangstür ab.
»Kommt mit, wir müssen ins Leichenschauhaus.«
Wir stiegen in den Aufzug. Das erste Untergeschoss des Gebäudes diente als Arsenal, in dem Chase auch eine Reihe Waffen verwahrte, von denen die Stadtverwaltung nichts wusste. Die meisten wären denen sowieso ein Rätsel gewesen - Silbermunition, Knoblauchbomben und alle möglichen, auf sehr sonderbare Weise umgebaute Schusswaffen. Der Aufzug glitt weiter hinab, vorbei am zweiten Untergeschoss - Gefängniszellen für Übeltäter aus der Anderwelt. Das dritte Kellergeschoss war das unterste, soweit ich wusste, obwohl Chase angedeutet hatte, es könnte noch ein weiteres geben. Allerdings wollte er mir partout nicht sagen, wofür.
Im dritten Untergeschoss waren die Leichenhalle, das hauseigene Labor und die Archive untergebracht. Wir traten aus der Kabine auf den Betonboden. Camille stieß den angehaltenen Atem aus. Sie hasste beengte Räume und fuhr nur unter Protest mit dem Aufzug, weil niemand bereit war, mit ihr die Treppen hinunterzulaufen. Und um diese Treppen betreten zu dürfen, brauchte man einen besonderen Ausweis.
Während wir Chase den Flur entlang folgten, klapperten ihre Absätze im Staccato, und ich lauschte unwillkürlich und zählte die Schritte mit. Seit unserer Trennung hatten Chase und ich mehr Zeit miteinander verbracht als in den Wochen davor. Irgendwie fand ich das gerade gar nicht gut.
Wir blieben vor einer Doppeltür stehen, die zur Leichenhalle führte. Als Menollys Meister im vergangenen Dezember aus der Anderwelt herübergekommen war, um sie zu vernichten, hatten sich reihenweise neue Vampire erhoben. Menolly hatte eine Menge Neulinge erlegen müssen und dabei die Leichenhalle völlig verwüstet. Jetzt war von dem Schaden nichts mehr zu sehen.
Wir betraten den nach Desinfektionsmittel stinkenden Saal, und ich konzentrierte mich darauf, meinen plötzlich flauen Magen zu beruhigen. Bei manchen Dingen war ich eben immer noch empfindlich, und dazu gehörten Leichen, obwohl sie mir längst nicht mehr so zu schaffen machten wie früher. In den Regalen standen bauchige Flaschen mit gummiartigen, glitschig aussehenden Organen in diversen chemischen Mixturen. Die Behälter waren beschriftet, und ich gab mir Mühe, nicht zu genau hinzuschauen. Mein Magen hätte es nicht verkraftet, auch noch Namen zu den ekligen Bildern geliefert zu bekommen.
Camille und ich näherten uns einem langen Metalltisch. Daneben stand Mallen in voller OP-Montur mit Maske, Haube und Handschuhen. Er sah aus wie ein durchgeknallter Elfen-Wissenschaftler und hielt etwas in Händen, das nur ... o Scheiße, es war tatsächlich eine. Eine Lunge. Ich wandte mich ab.
»Konntest du schon feststellen, womit wir es hier zu tun haben?«, erkundigte sich Chase.
»Sieht ganz nach Werwolf aus.« Mallens Stimme klang gedämpft, doch die Worte waren deutlich zu verstehen.
Ich riss mich zusammen und drehte mich wieder zu dem Tisch um. Der Leichnam war gründlich seziert worden - zumindest sah es jetzt so aus. Der Körper war aufgeschnitten, und dünne Schichten waren so säuberlich voneinander getrennt worden, als hätte jemand fachmännisch eine Hühnerbrust zerlegt. Die einzelnen Schichten waren auseinandergeschält, beiseitegeklappt und mit Klammern befestigt worden.
»In welchem Zustand war er, als ihr ihn gefunden habt?«
»So wie jetzt - aufgeschlitzt wie ein Briefumschlag. Die Duftdrüsen fehlen. Die Hirnanhangsdrüse, Nebennieren, Hoden, alles weg. Und das Herz fehlt. Wer auch immer diesen armen Kerl erwischt hat, benutzt mehr als nur seine Duftdrüsen, aber ich wüsste nicht, wozu. Man bräuchte weder das Herz noch die Hoden, um Wolfsdorn herzustellen.« Langsam klappte er das Gesicht wieder auf den Schädel, von dem oben eine dicke Scheibe fehlte, so dass man das Gehirn sehen konnte. »Erkennst du ihn?«
Der Anblick drehte mir den Magen um, und ich verzog das Gesicht. »Nein, aber Katrina müsste ihn erkennen, wenn er einer ihrer Freunde war. Soll ich sie anrufen?«
»Ja, bitte. Aber warne sie schon mal vor. Wir werden den restlichen Körper bedecken, aber man kann unmöglich übersehen, dass der Kerl in seine Einzelteile zerlegt wurde wie Nachbars Kuh am Schlachttag.« Chase schüttelte den Kopf. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, das irgendjemandem anzutun. Organe zu ernten.«
»Da ist noch mehr«, sagte Mallen, als Camille zu dem Telefon hinüberging, das an der Wand installiert war, um Nerissa anzurufen, damit die Katrina informierte. Handys funktionierten hier unten nicht.
»Was soll das heißen?«, fragte ich, weil ich mir kaum vorstellen konnte, wie weit diese Kojoten gehen würden.
»Arme und Beine weisen Spuren wie von Hand- und Fußschellen auf. Er war mit etwas Hartem gefesselt, das sehr eng saß und seine Haut gequetscht hat. Die Verletzungen passen zu - also, ich würde sagen, Schellen aus Eisen oder Stahl. Wie breite Handschellen. Und sie waren sehr eng. Die Ergebnisse der ersten Blutuntersuchung müssten wir in ein paar Minuten bekommen. Wir suchen speziell nach Steroiden.«
»Kannst du dir das vorstellen ... du entführst einen Beta- Werwolf und pumpst ihn mit Steroiden voll, bis er vor Aggression rasend wird. Du kettest ihn in einem Käfig an und stachelst seinen Drang nach Kampf oder Flucht weiter an. Die Kraft und Wut, die man damit erzeugen würde, machen mir Angst.«
Ich konnte die Leiche nicht mehr sehen und wandte mich ab. Mir machten weniger Abscheu oder Ekel zu schaffen als vielmehr die Vorstellung, wie er gestorben sein musste. Zu Tode geängstigt, wahrscheinlich noch bei lebendigem Leib aufgeschlitzt, um ihn zur äußersten Raserei zu treiben. Wenn ich daran dachte, wollte ich nur noch seine Mörder jagen und packen und in Fetzen reißen - hübsch langsam.
Camille trat wieder zu uns. »Nerissa bringt Katrina hierher. Sie ist zäh, aber das wird sicher nicht leicht für sie. Vielleicht sollten wir einen starken Tee für sie bereithalten, für danach? Oben in der Notaufnahme?«
»Gute Idee.« Chase gab über das Haustelefon Order nach oben. »Ihr könnt jetzt eigentlich gehen. Außer ihr möchtet abwarten, ob Katrina ihn identifizieren kann.«
Langsam ging ich zu dem Tisch. Der Arm des Toten stand ein wenig ab, seine Hand hing über den Rand. Stumm strich ich mit den Fingern über ein Band weißer Haut um sein Handgelenk, das einen bedrückenden Kontrast zu der dunkler gebräunten Haut seines Arms bot.
»Das ist Paulo Franco«, flüsterte ich und holte die Armbanduhr aus der Tasche. Das Band passte haargenau zu dem Abdruck auf seiner Haut. »Und das hier ist seine Uhr. Wir wissen, wo sie ihn geschnappt haben, und wann. Wir wissen, was sie ihm angetan haben. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wer das getan hat, und diejenigen zur Strecke bringen.«
Chase nahm mir die Uhr ab, las die Gravur und presste die Lippen zusammen. Dann legte er sie auf ein Tablett neben einen goldenen Ring und ein Ding, das ein Ohrring hätte sein können. »Ja«, sagte er gleich darauf. »Ich glaube, du hast recht.«
»Verdammt noch mal!« Ich packte Camille am Arm. »Wir fahren sofort zu diesem verfluchten Zauberladen und verlangen ein paar Antworten.« Während ich sie zur Tür zerrte, rief ich Chase zu: »Ruf mich auf dem Handy an, wenn ihr ihn zweifelsfrei identifiziert habt, ja?«
Wir rannten zum Wagen. Camille war nach einem einzigen Blick in mein Gesicht verstummt, und ich sah ihr an, dass sie nicht einmal versuchen würde, mir das auszureden. Sie signalisierte mir nur, dass ich einsteigen könne, und schon rasten wir vom Parkplatz.
Als wir vor Madame Pompey's Magical Emporium angekommen waren, wandte sie sich mir zu. »Ehe du wie ein kleiner Hitzkopf da hineinstürmst, hör mir zu«, mahnte sie. »Wilbur hat gesagt, die Besitzer seien Hexer. Das bedeutet, dass sie gefährlich und ziemlich sicher mächtiger sind als ich. Du wirst sie unter keinen Umständen beschuldigen, Paulo umgebracht oder Wolfsdorn hergestellt zu haben. Nicht, ehe wir genau wissen, mit wem wir es zu tun haben.«
Ich starrte verdrossen geradeaus und wollte nichts hören. »Sie haben ihn praktisch bei lebendigem Leib gehäutet. Sie haben seine Verlobte und ihr ungeborenes Kind ermordet. Sie halten Amber gefangen, die eines der Geistsiegel bei sich hat. Was sollen wir denn machen - da reinspazieren und schön lieb sein?«
»Genau. Kätzchen, ich arbeite mit Todesmagie. Ich finde mich in so einem Laden zurecht. Also komm mir nicht in die Quere. Wir werden viel mehr erfahren, wenn sie nicht davon ausgehen, dass wir sie umbringen wollen. Verstanden?«
Ich wusste ja, dass sie recht hatte, aber ich wollte es nicht zugeben. Trotzdem nickte ich und folgte ihr in das Geschäft.
Es glich einem dieser finsteren, verstaubten kleinen Kramläden, in denen man in einem Korb in der Ecke, unter einem Tisch oder in der halb geöffneten Schublade einer uralten Kommode die erstaunlichsten Dinge finden konnte. Regale vom Boden bis zur Decke standen voller Gläser mit Kräutern, Stückchen irgendwelcher Lebewesen und Flüssigkeiten, über die ich nicht einmal spekulieren wollte.
In der Mitte des Ladens standen Tische voller Knochen - nicht menschlichen, hoffte ich - und Zauberstäben aus Metall, Kristall und Holz. Am Rand drängten sich verschiedene Tarotdecks, dazwischen Körbe mit winzigen Schriftrollen, von denen ein seltsames Leuchten ausging. Und hinter der Ladentheke standen große Vorratsgläser mit verschiedenen Pulvern, manche funkelnd, andere so pechschwarz wie getrocknete Tinte.
Der Duft von Moschus und nachtblühendem Jasmin stieg von langen, handgefertigten Räucherstäbchen auf, die auf dem Ladentisch vor sich hin schwelten.
Wir sahen uns um, und Camille drehte hier einen Knochen um und betrachtete dort einen Zauberspruch, während sie den Laden unter die Lupe nahm. Ich bemühte mich, etwas von dem aufzuschnappen, was sie anscheinend aufnahm, aber ich spürte nur eine Art nervtötendes statisches Rauschen, bei dem ich die Zähne zusammenbeißen musste. Nach einer Weile suchte Camille einen Knochen heraus, offenbar die Rippe irgendeines kleinen Tiers, und ein Deck Tarotkarten, und wir gingen damit zur Ladentheke.
Die Frau, die aus einem Hinterzimmer durch den Vorhang geschlüpft kam, war apart, auffällig, vor allem für einen VBM. Viele menschliche Frauen waren wunderschön, umwerfend ... aber in den Augen dieser Frau glomm der Funke der Magie, ein gefährliches Feuer, das kaum gezügelt schien, als könnte es jeden Augenblick aufflammen. Das rabenschwarze Haar fiel ihr lang und glatt über den Rücken, und ihre Züge waren fein und doch wie in Stein gemeißelt. Sie trug ein langes, blaues Gewand, hauteng und lasterhafter als selbst Camilles Fetisch- Klamotten.
Sie glitt an den Ladentisch. Einerseits konnte ich den Blick nicht von ihr lassen. Andererseits wusste ich jetzt genau, was Wilbur damit gemeint hatte, dass diese Frau ihm eine Scheißangst eingejagt habe. Obwohl ich Magie gegenüber praktisch blind war, empfand ich diese Frau als finster, und ein Schatten sickerte aus ihrer Aura und durchdrang das ganze Geschäft.
»Was kann ich für Sie tun?« Ihre Stimme glitt über den Ladentisch wie Blutegel oder Fangarme aus derselben finsteren Energie. Sie blieb neben der Kasse stehen.
Camille schnappte kaum merklich nach Luft. »Das möchte ich bezahlen, und ich würde Sie gern noch etwas fragen. Ich brauche einige Komponenten, die man in den meisten Läden in der Nähe nicht für mich herstellen will. Machen Sie denn Pulver und Tränke nach Kundenwunsch?«
Die Frau blinzelte. »Hin und wieder, wenn der Preis stimmt, und falls wir interessiert sind. Ich kann deine Energie spüren, Todespriesterin. Warum machst du sie nicht einfach selbst?« Sie neigte den Kopf zur Seite und musterte Camille aufmerksam.
»Ich bin zu Hause nicht dafür eingerichtet, und einige der Zutaten sind ... na ja, sagen wir mal ... schwierig zu beschaffen, und nicht ungefährlich.« Camille drehte ihren Glamour voll auf und erwischte die Frau, die nicht darauf vorbereitet gewesen war. »Wie darf ich dich nennen?«
»Jaycee«, antwortete die Inhaberin, die nun vollkommen auf meine Schwester fixiert war. »Wonach suchst du denn? Vielleicht haben wir es sogar vorrätig. Für einige unserer Stammkunden halten wir ein besonderes Sortiment bereit.«
»Kadaver-Reanimationspulver und Dämonenwächter-Öl.« Camille zählte mit seidig glatter Stimme die Zutaten auf, als lese sie eine Einkaufsliste vor. »Natternschleim, falls du welchen hast.«
Jaycees Blick loderte auf. »Ich habe alle drei, aber natürlich nicht hier. Es wäre unklug, solche Substanzen ganz offen anzubieten. Ich kann sie dir mitbringen, wenn ich morgen früh reinkomme.«
Camille runzelte die Stirn. »Ja, das ginge, obwohl mir heute lieber gewesen wäre.« Sie zückte ihr Portemonnaie und bezahlte den Knochen und die Tarotkarten. »Dann bis morgen - und ich brauche jeweils eine Unze.«
»Dir ist bewusst, dass der Natternschleim auf gut hundertfünfzig Dollar pro Unze kommt?«, bemerkte Jaycee, als wir zur Tür gingen.
»Kein Problem«, rief Camille über die Schulter zurück.
Sobald wir draußen waren, wurde sie hektisch, drängte mich zum Auto und warf unterwegs das Tarotdeck und den Knochen in einen Mülleimer. »Ich halte es nicht aus, die in der Hand zu haben. Sie stinken so bestialisch wie Dämonenenergie.«
Kaum saßen wir im Auto, wandte sie sich mir zu. »Wir müssen herausfinden, wo die wohnen. Wilbur hat recht. Die Leute in dem Laden sind diejenigen, die Wolfsdorn herstellen. Ich konnte ein paar der Inhaltsstoffe an ihrem Kleid riechen, aber ich garantiere dir, dass die so etwas nicht im Laden herumliegen haben. Und wo auch immer sie das Zeug aufbewahren - auf jeden Fall dürfte es Aufzeichnungen darüber geben, wer ihnen die Werwölfe geliefert hat. Wolfsdorn herzustellen ist an sich schon schlimm genug, aber Werwölfe zu entführen, um sie auszuschlachten? Das ist unglaublich.«
»Was ist mit diesem Van?«
»Ich habe jemanden in dem Hinterzimmer gehört und eine Energie gespürt, ganz ähnlich wie Jaycees. Ich würde wetten, dass das Van war. Da beide bei der Arbeit sind, ist wahrscheinlich niemand zu Hause.«
»Wir werden also bei ihnen einbrechen. Womöglich halten sie noch Doug und Saz gefangen - vielleicht leben die beiden noch. Und wenn wir beweisen könnten, dass sie den Wolfsdorn herstellen, können wir ihren Laden dichtmachen. Außerdem suchen wir nach Hinweisen darauf, wo sich die Kojote- Wandler aufhalten - und die haben Amber.«
»Zwei Fliegen mit einer Klappe, Süße.« Sie ließ den Motor an. »Wie kriegen wir jetzt raus, wo sie wohnen?«
»Sie haben einen Laden, also muss im Handelsregister eingetragen sein, wem der gehört. Ganz einfach. Halt an irgendeinem Café, dann gehe ich online und schaue schnell nach. Solche Angaben sind öffentlich zugänglich.«
Wir hielten beim nächsten Starbucks, und während Camille Kekse und einen riesigen Caffè Latte kaufte, fuhr ich meinen Laptop hoch, loggte mich im Hot Spot ein und öffnete den Browser. Auf dem Laptop hatte ich viele Websites als Lesezeichen gespeichert, auf denen ich alles Mögliche über Leute herausfinden konnte. Bei einigen Diensten musste man die Information kostenpflichtig freischalten, für andere hatte ich ein Abo, und viele weitere waren frei zugänglich. Binnen fünf Minuten hatte ich die Adresse der Geschäftsführerin und des Zeichnungsberechtigten von Madame Pompey's Magical Emporium Inc., Van und Jaycee Thomas, herausgefunden, und sie wohnten nur ein paar Kilometer von unserem Haus in Belles-Faire entfernt.
»Auf geht's«, sagte ich. »Ich will da sein, ehe die auch nur daran denken, Feierabend zu machen.«
Camille schnappte sich ihren Kaffee und die Kekse, und wir eilten zum Auto zurück.
Das Haus der Thomas' stand genau wie unseres weit von der Hauptstraße zurückversetzt auf einem Grundstück von einem guten Hektar. In der Gegend um Seattle bedeutete das, dass sie nicht gerade arm waren. In der Einfahrt hielt Camille kurz an.
»Denk daran: Die haben sich wahrscheinlich mit Bannen geschützt. Halt die Augen offen.« Sie stieß den Atem aus und rollte langsam die Auffahrt entlang. Wie die meisten Zufahrtsstraßen in dieser Gegend war sie gekiest und zu beiden Seiten von dichtem Gebüsch gesäumt.
Nervös hielt ich Ausschau, während wir langsam vorrückten. Die Sonne verschwand hinter der Wolkendecke, und es roch nach nahendem Regen. Heidelbeer- und Himbeersträucher griffen von beiden Seiten nach uns und streiften das Auto, während Camille sich ganz darauf konzentrierte, in den tiefen Rinnen zu bleiben, die sich im Kies gebildet hatten. Ich entdeckte einen Hirsch, der ein Stück vor uns den Kopf aus dem Gebüsch auf der rechten Straßenseite steckte.
Der Vierender beobachtete uns, als wir leise an ihm vorbeirollten. Ich starrte in seine Augen und erhaschte einen Blick auf etwas - eine gewisse Intelligenz, die ich bei einem Hirsch normalerweise nicht vermutete. Hirsche waren gewiss nicht dumm, aber dieser Blick ... er wirkte listig und verschlagen, gar nicht hirschartig. Ich prägte mir seinen Kopf ein für den Fall, dass wir diese Information später brauchen würden. Wer konnte schon wissen, ob die Thomas' hier womöglich magisch aufgemotzte Tiere als Wächter züchteten.
Wir bogen um eine Kurve, und plötzlich ragte das Haus vor uns auf. Es war eine weitläufige viktorianische Villa wie unsere, drei Stockwerke hoch. Im Gegensatz zu unserem Haus musste an diesem dringend etwas getan werden - die Villa hätte es mit dem Haus der Munsters aufnehmen können. Die Farbe war verblasst, die Windfahne abgeknickt, mindestens drei der Fensterscheiben, die ich sehen konnte, hatten einen Sprung, und die vordere Veranda hing gefährlich durch.
»Die sollten mal ein bisschen Geld im Baumarkt ausgeben«, bemerkte Camille und schaltete den Motor aus. »Dieses Vordach sieht nicht gerade sicher aus. Gehen wir hintenrum, mal sehen, was wir da finden. Ich bin ziemlich sicher, dass wir schon ein paar. Banne ausgelöst haben, also machen wir schnell - rein und gleich wieder raus. Nur für den Fall, dass der Alarm auch bei ihnen im Laden gemeldet wird.«
Vorsichtig umkreisten wir das Haus. Ich ging voran und wünschte, ich hätte daran gedacht, meinen Dolch mitzunehmen, aber die Polizei von Seattle sah es nicht gern, wenn man in der Öffentlichkeit Waffen trug. Ich nahm ihn also mit, wenn ich wusste, dass uns ein Kampf bevorstand, ging damit aber nicht auf offener Straße spazieren.
Von hinten sah das Haus nicht besser aus als von vorn, doch zumindest wirkte die Holztreppe an der Hintertür stabiler. Vorsichtig stieg ich die Stufen hinauf und prüfte sie mit meinem Gewicht. Oben angekommen, winkte ich Camille weiter und machte mich gleich daran, das Schloss zu knacken.
Sie stand Schmiere, während ich meine Picks ins Schlüsselloch schob und darin herumstocherte. Gleich darauf hörte ich ein leises Klicken. Bingo! Wir waren drin. Vorsichtig schob ich die Tür auf und schlich mich nach drinnen, gefolgt von Camille.
Die Tür führte in eine Waschküche. Waschmaschine und Trockner hatten auch schon bessere Zeiten gesehen, und ich bekam allmählich den Eindruck, dass Van und Jaycee ihr gesamtes Geld in den Laden gesteckt hatten statt in ihr Haus. Eine zweigeteilte Tür führte zur Küche, und ich spähte durch die offene obere Hälfte, ehe ich die untere aufschob.
Die Küche war sauber und ordentlich. Zu ordentlich. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass jemals irgendwer in diesem Raum aß - keine Obstschale auf dem Tisch, kein Geschirr im Spülbecken, weder Kaffeemaschine noch Toaster oder sonst irgendwelche Küchengeräte. Stirnrunzelnd öffnete ich den nächsten Küchenschrank, während Camille einen Blick in den Kühlschrank warf.
»Nichts«, flüsterte ich. »Kein Geschirr, kein Essen.«
»Hier ist auch nichts drin.«
»Bist du sicher, dass die menschlich sind?«, fragte ich. »Die Frau hat beinahe zu ... zu lebhaft und strahlend ausgesehen für einen YBM, aber ich dachte, das läge vielleicht an ihrer Magie.«
Camille lehnte sich an die Küchentheke. »Ich weiß nicht. Vampire können sie nicht sein, wenn sie tagsüber im Laden arbeiten. Aber du hast recht - sie hatte tatsächlich gewaltige Ausstrahlung. Allerdings hat mein Glamour bei ihr gewirkt.«
»Das könnte sie auch vorgetäuscht haben.« Dieser beunruhigende Gedanke scheuchte uns weiter in den nächsten Raum, der sich als Wohnzimmer entpuppte. Auch hier stand zwar das übliche Mobiliar herum, aber nichts deutete darauf hin, dass hier jemand wohnte. Alles war ordentlich, sauber, staubfrei ... aber da waren keine Fotos, überhaupt keine persönlichen Gegenstände, nichts, was uns mehr über Van und Jaycee verraten hätte.
»Das gefällt mir nicht«, sagte Camille. »Es ist zu ... steril. Wir müssen uns beeilen. Inzwischen bin ich ganz sicher, dass sie irgendeine Alarmanlage installiert haben und vielleicht schon auf dem Weg hierher sind. Und wenn man bedenkt, was wir alles nicht finden, fühle ich mich hier entschieden unwohl. Suchen wir nach einem Keller. Wäre das nicht das beste Versteck für Gefangene?«
Wir lugten durch Türspalten und suchten nach Stufen, die hinunterführten. Die ersten beiden Türen, die ich vorsichtig öffnete, gehörten zu kleinen Zimmern - offenbar Salon und Toilette. Auch in diesen Räumen wies nichts darauf hin, dass dieses Haus bewohnt sein sollte. Bei der dritten Tür hatte ich Glück und stieß auf eine Treppe dahinter. Ich winkte Camille zu mir. Sie hob die Hand und zückte ihr Handy.
»Ich rufe schnell zu Hause an und sage Bescheid, wo wir sind ... nur für alle Fälle.«
Der Gedanke an alle Fälle gefiel mir nicht, aber die Idee war gut. Camille erreichte Iris und sagte ihr, wenn sie nicht in zwanzig Minuten wieder von uns hörte, solle sie jemanden herschicken. Nachdem sie ihr Handy wieder eingesteckt hatte, stiegen wir die Treppe hinunter.
»Das erinnert mich zu sehr daran, wie wir auf diesen Höllenhund gestoßen sind«, flüsterte ich. Ich fand einen Besen - neu und makellos - und benutzte ihn dazu, die Stufen vor mir zu prüfen.
»Zumindest haben wir diesmal keine Dämonen gerochen.«
»Noch nicht. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass diese beiden nicht mit irgendwelchen Dämonen herumspielen.« Van und Jaycee schienen mir genau die Sorte Leute zu sein, die hier und da einen Dämon herbeiriefen und einen Gefallen von ihm forderten.
»Ob du es glaubst oder nicht, nicht alles Böse kommt aus den Ü-Reichen. Es gibt eine Menge böse Menschen auf der Welt und reichlich böse Geschöpfe im Astralraum.«
Ich klopfte mit dem Besenstiel auf die ersten paar Stufen. Sie wirkten stabil, also stiegen wir hinunter. Je weiter wir in den Keller vordrangen, desto stiller wurden wir. Ich blickte mich um. Keine Spinnweben? Das war unmöglich. In jedem Keller gab es Spinnweben. Außer die hatten hier irgendeinen magischen Putzservice engagiert, der alles mit einem Augenzwinkern blitzblank bekam.
Die Treppe wollte scheinbar gar nicht mehr aufhören. Dieser Keller war tief, tiefer als unserer, in dem Menolly ihr Versteck hatte. Er war sogar tiefer als der Keller, in dem Chase gefangen gehalten worden war. Aber nach einer Weile erreichten wir den Fuß der Treppe und eine Tür.
Ich probierte den Drehknauf. »Abgeschlossen. Ich weiß nicht, ob ich dieses Schloss knacken kann.«
Camille richtete ihre kleine Taschenlampe auf das Schlüsselloch, und ich werkelte daran herum, erst auf die eine Weise, dann auf eine andere, bis das Schloss endlich aufsprang.
Als die Tür aufging, blendete mich ein greller Blitz, und ich schrie auf und warf mich zur Seite. Camille kreischte, als das Holz in Flammen aufging, die gierig nach uns leckten. Sie machte kehrt und krabbelte hastig von der Treppe weg, die wie ein Kamin wirkte und die Flammen nach oben zog.
Ich presste mich an die Wand, und sie schob sich neben mich.
»Was machen wir jetzt? Das ist magisches Feuer, und ich garantiere dir, dass ich es nicht löschen kann. Ich weiß nicht, wie lange es dauern ...«
Aber noch während sie sprach, verebbten die Flammen, die plötzliche Hitze ließ nach. Die Tür war nur noch ein Häufchen verkohlter Trümmer, doch Stufen und Seitenwände des Kellers waren nicht einmal angesengt. Ich runzelte die Stirn.
»Was zum Teufel ist denn jetzt passiert?«
»Magisches Feuer kann auf ein bestimmtes Ziel eingestellt sein. Ich vermute mal, es hat auf etwas Lebendes gezielt, das eine bestimmte Größe überscheitet. Die Stufen sind nicht lebendig. Die Tür wurde durch die Explosion beschädigt, nicht durch die Flammen.« Vorsichtig spähte sie durch das Loch in der Tür. »Wir hatten noch mal Glück. Also, weiter. Ich muss mich in zehn Minuten bei Iris melden.«
Wir kletterten durch das Loch in der Tür und fanden uns in einem Labor wieder. Hier, so schien es, lebten die Thomas' in Wirklichkeit. Zumindest hatten sie hier gearbeitet.
Arbeitsflächen zogen sich an den Wänden entlang, mit Messbechern, Reagenzgläsern, diversen Pülverchen, Bunsenbrennern und was man sonst noch so brauchte, um alle möglichen Zauberkomponenten herzustellen. In der Mitte des Raumes befand sich eine flache Wanne, die groß genug für einen menschlichen Körper war. Am unteren Rand waren Abflüsse in gleichmäßigen Abständen verteilt, und die Flecken auf dem Porzellan sahen nach Blut aus. Ich verzog das Gesicht, als mir klarwurde, dass darin Körperflüssigkeiten abgelassen wurden.
»Hier stellen sie ihn her, den Wolfsdorn«, stieß Camille hervor. »Sie müssen mit den Kojoten zusammenarbeiten - die Gestaltwandler beschaffen die Werwölfe, und die ... was immer sie sein mögen ... also, Van und Jaycee sezieren sie hier. Aber ich sehe keine Käfige und kein Fleckchen Wand, hinter der sich ein weiterer Raum verbergen könnte.«
Camille starrte voller Grauen auf die Wanne. »Ich musste in letzter Zeit einige ziemlich grausige und widerliche Zauber lernen, aber wir haben noch nie ein lebendiges Wesen angerührt. Die Toten auferstehen zu lassen, ist eine Sache ..., die Lebenden zu töten, um an Zauberkomponenten heranzukommen, eine ganz andere. Aber ich weiß, wie wir herausfinden könnten, ob hinter den Labortischen etwas versteckt ist.«
Mit einem großen Schritt stand sie vor dem ersten Arbeitstisch an der Wand. Sie packte ihn, ruckte kräftig daran und neigte ihn, so dass sämtliche Glasbehälter zu Boden krachten. Diverse Flüssigkeiten und Tränke vermischten sich und reagierten mit Zischeln und kleinen Explosionen. Gleich darauf kippte Camille den Tisch ganz um, und er krachte in die
Glasscherben am Boden. Sie nahm ein abgebrochenes Tischbein und schlug damit an die Wand hinter dem umgestürzten Tisch.
»Da ist nichts«, sagte sie und ging zur nächsten Laborbank.
»Du gestattest doch.« Ich trat vor sie und ließ den Arbeitstisch durch die Luft fliegen. Wieder klirrte berstendes Glas, Flüssigkeiten zischten und dampften, doch auch hier war die Wand solide. Dann ging unser Frust über die gesamte Situation mit uns durch, und wir wüteten in dem Labor wie die Irren, schleuderten Messbecher durch die Gegend und fegten alles Glas von den Tischen, ehe wir sie krachend umkippten.
»Das ist für Paulo ...«, knurrte ich.
»Und das ist für Mary Mae und ihr Baby ...«
Als wir den Raum gründlich verwüstet hatten, deutete Camille auf ihre Armbanduhr. »Ich muss Iris anrufen, ehe sie jemanden herschickt ...«
»Na, sieh mal an, was wir da haben, Jaycee. Besuch. Wie nett. Ist es nicht schön, dass sie sich so für unsere Arbeit interessieren?«
Die Stimme kam von hinten. Erschrocken drehte ich mich um. Vor der ruinierten Tür standen Van und Jaycee. Und sie sahen stinkwütend aus.