Kapitel 10

 

Als Luke in seinem eigenen Auto davonfuhr, war die Sonne gerade untergegangen. Menolly würde bald aufstehen, und ich wollte sie gern dabeihaben, wenn ich bei Doug und Saz vorbeischaute. Ich hatte das scheußliche Gefühl, dass ich da nicht allein reingehen sollte, und Nerissa wollte ich nicht in Gefahr bringen. Als wir vor dem Haus hielten, sah ich zu meiner Erleichterung, dass Morios Subaru schon dastand. Ich konnte also hoffen, dass alle zu Hause waren.

Nerissa und ich liefen den Weg zum Haus entlang, wichen Pfützen aus und zogen die Köpfe ein, denn noch immer prasselte der Regen unablässig vom finsteren Himmel. Wir polterten die Stufen hinauf und atmeten hörbar auf, als wir unter das Vordach schlüpften. Nerissa war auch eine Katze, und wir konnten Wasser beide nicht ausstehen.

Ich zog meine Jacke aus und schüttelte sie kräftig, ehe ich die Haustür öffnete, und sie tat es mir gleich. Als wir den Hausflur betraten, schlug uns der Duft von dickem Rindfleischeintopf entgegen, deftig und kräftig mit viel Zwiebeln. Aus Rücksicht auf Menolly verzichteten wir beim Kochen ganz auf Knoblauch, aber Iris machte kurzen Prozess mit sämtlichem Wurzelgemüse, das sie bekommen konnte.

Hinter dem Schwall von Fleisch und Gemüse trieb ein weiterer Duft heran - frisches Maisbrot. Mein Magen knurrte, obwohl ich am Nachmittag so viel Kekse und Süßigkeiten gegessen hatte. Ich eilte in die Küche und sah, dass Iris schon den Tisch abräumte. Aber der große Topf auf dem Herd brodelte

noch leicht vor sich hin, und ein Stapel dicker Maisbrotscheiben wartete nur auf uns.

Menolly sank von der Decke herab, schwebte zu Nerissa hinüber und blieb ein wenig in der Luft hängen, so dass sie einander gerade in die Augen schauen konnten. Nerissa schlang die Arme um Menollys Taille, und ihre Lippen trafen sich leidenschaftlich und forschend. Der Werpuma packte eine Handvoll von Menollys langem Haar, bog ihren Rücken durch und küsste sie hitzig. Dann glitten Nerissas Hände hinab und umfingen Menollys Taille und Hintern. Wir alle starrten die beiden an wie gebannt, und einen Augenblick später lösten sie sich voneinander. Ihre Augen waren glasig, und Menollys Fangzähne waren ein wenig ausgefahren.

O Mann, das war scharf gewesen. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und fragte mich, ob es in Ordnung war, dass es mich so anturnte, meiner Schwester beim Knutschen zuzuschauen. Ja, mir ging sogar der Gedanke durch den Kopf, dass ich mir vielleicht mal ein paar von Nerissas Freundinnen aus dem Rainier-Rudel näher ansehen sollte. Ich war der Vorstellung, mit einer Frau zu schlafen, nicht abgeneigt. Die Gelegenheit hatte sich nur noch nie ergeben.

Menolly schnippte direkt vor meinem Gesicht mit den Fingern. »Komm schon, Kätzchen. Essen.«

»Hä? Oh ... klar.« Ich setzte mich und nahm einen Teller Eintopf und eine Scheibe Maisbrot von Roz entgegen, der Iris bedeutete, sitzen zu bleiben. »Hört mal, wir müssen euch etwas ziemlich Hässliches sagen.«

»Camille hat es uns heute früh schon erzählt.« Menolly lehnte sich auf einem Stuhl zurück und legte die Füße auf Vanzirs Schoß. Er warf ihr mit anzüglichem Grinsen einen Blick zu, sagte aber nichts und ließ ihre hochhackigen Stiefel auf seinen Oberschenkeln ruhen. »Wolfsdorn. Perverses Dreckszeug. Wie geht es Luke?«

»Ganz prächtig. Luke hat tatsächlich eine Verabredung«, antwortete ich lächelnd. »Katrina, Nerissas Freundin vom Olympic-Wolfsrudel, war sehr angetan von ihm.« Nerissa und ich berichteten den anderen, was wir an diesem Nachmittag erfahren hatten.

»Habt ihr vor, mit Paulos Verlobter zu sprechen?«, fragte Menolly.

»Ich bin morgen mit ihr verabredet. Aber heute Nacht will ich mich bei Smith und Star Walker umsehen. Und zwar auf keinen Fall allein. Menolly, kommst du mit?«

»Scheiße. Ich wollte die ganze Nacht mit Nerissa verbringen.« Menolly schmollte höchst selten, aber jetzt schürzte sie die Lippen.

»Schon gut«, sagte Nerissa und küsste sie auf die Wange. »Ich brauche sowieso erst ein Nickerchen, wenn wir später noch ausgehen wollen. Hilf du Delilah, und ich lege mich noch zwei Stündchen hin.« Sie umarmte Iris und schnappte sich noch zwei Scheiben Maisbrot. »Wenn ihr nichts dagegen habt, knabbere ich die im Schlafanzug. Darf ich wieder in deinem Spielzimmer schlafen, Delilah?«

Wenn sie bei uns übernachtete, überließ ich ihr mein Spielzimmer im zweiten Stock, wo es alles gab, was mein nicht nur inneres Tigerkätzchen glücklich machte.

Da Nerissa inzwischen regelmäßig über Nacht blieb, hatten wir ein Schlafsofa für sie darin aufgestellt - für sie und Menolly, wenn die beiden die Nacht zusammen verbringen wollten. Menolly war sich ihrer Selbstbeherrschung noch nicht sicher genug, um Nerissa mit hinunter in ihren Keller zu nehmen, und niemand machte ihr deswegen Vorwürfe. Bei

Vampiren bestand immer die Gefahr, dass sie in ihren Raubtier-Modus abglitten, ohne es zu merken. Falls irgendetwas Menolly ausrasten ließ, während die beiden miteinander schliefen, hatten wir so zumindest eine Chance, einzuschreiten und Nerissa zu schützen.

»Kein Problem, nur zu.« Ich winkte ihr nach, als sie die Treppe hinaufging. Dann drehte ich mich zu Camille um, die immer noch zusammengekuschelt im Schaukelstuhl saß. Sie sah schon etwas besser aus, aber der Wolfsdorn hatte sie verdammt hart getroffen. »Alles in Ordnung?«

»Ja, aber ich fühle mich immer noch mehr tot als lebendig.« Sie nickte. »Wir müssen herausfinden, wer das Zeug herstellt, und diese Schweine aufhalten. Es ist nicht nur für Werwölfe verdammt gefährlich. Wenn ich eine stärkere Ladung davon abbekommen hätte, könnte ich immer noch vollständig gelähmt sein.«

Smoky knurrte. Er saß an ihrer Seite und schaute jetzt zu mir herüber. »Ich helfe dir nur zu gern, falls du Unterstützung brauchst. Dunkle Magie ist die eine Sache, aber das ist etwas ganz anderes. Und wenn ihr herausfindet, wer diese Ladung installiert hat, die Camille getroffen hat, werde ich den oder die Schuldigen vom Angesicht der Erde tilgen.«

»Daran zweifle ich nicht. Wer kennt sich wohl mit Zauberläden in der Stadt aus?« Ich beugte mich vor und spielte mit einer Scheibe Maisbrot. »Irgendwelche Ideen?«

»Wilbur.« Morio hob langsam den Kopf. »Wilbur müsste sich damit auskennen. Möchte jemand da rübergehen und ihn hierher geleiten? Und dafür sorgen, dass er Martin zu Hause lässt.«

Ich stöhnte. Für Wilbur, unseren Nachbarn, hatte ich nicht viel übrig. Er war ein Nekromant und bewegte sich damit am schattigsten Rand der magischen Grauzone, aber er hatte uns schon mehr als einmal geholfen. Und wir hatten einen etwas wackeligen Waffenstillstand mit ihm geschlossen, nachdem Menolly Martin das Genick gebrochen und ihm beinahe den Kopf abgerissen hatte.

Martin war Wilburs Ghul. Er war schon lange tot, hatte sich aber gut gehalten und sah in seinem Anzug aus wie ein schauriger Buchhalter. Wilbur und Martin hatten eine Herr- und-Diener-Beziehung, über die ich nicht gern nachdachte, weil sie mir manchmal allzu vertraulich vorkam. Aber ich würde ganz sicher keine peinlichen Fragen stellen, durch die ich mehr erfahren könnte, als mir lieb war.

Menolly brummelte: »Dann gehe wohl ich. Ihr schickt ja immer mich, weil ihr genau wisst, dass Wilbur es unbedingt mal mit einer Vampirin treiben will, und immer hofft, er könnte irgendwann mal Glück haben.« Sie stand auf und reckte sich. »Na ja, falls er mich angrabscht, kann ich ihm eine scheuern, dass er bis vor Hels Tür fliegt. Bin gleich mit der Kavallerie wieder da.« Sie entschuldigte sich und ging zur Hintertür hinaus.

Ich aß auf und trug das Geschirr zur Spüle. Als ich gerade mit dem Abwasch anfing, klopfte es an der Haustür. Morio ging hin und kam mit Trenyth im Schlepptau zurück - dem Privatsekretär der Elfenkönigin Asteria. Auf dem Weg von Großmutter Kojotes Portal zu unserem Haus war er klatschnass geworden. Trenyth brachte kaum ein Lächeln zustande, und ich wusste, dass etwas passiert sein musste.

»Was ist los? Geht es Vater gut?« Ich bedeutete ihm, Platz zu nehmen.

Trenyth ließ den Blick um den Tisch schweifen. »Alle sind hier. Gut. Augenblick - wo ist eure Schwester Menolly?«

»Sie ist gleich wieder da. Ist Vater etwas zugestoßen?« Camille beugte sich auf ihrem Stuhl vor, und ihr Gesicht wurde noch eine Spur blasser.

Der Gesandte seufzte. »Er ist nicht verletzt, in dieser Hinsicht kann ich euch beruhigen. Aber, ja, ich habe eine Botschaft von ihm.« Er sah traurig aus, und ich fragte mich, was zum Teufel das bedeuten sollte. Trenyth gehörte am Rande auch zu unserem Leben hier, seit wir damals Bad Ass Luke und Schattenschwinges erstes Degath-Kommando fertiggemacht hatten. Unser Verhältnis zu dem uralten Elf war freundlich, aber rein beruflich, sozusagen. Er war Königin Asterias rechte Hand, und ich hatte das Gefühl, dass sie ohne ihn verloren gewesen wäre.

Wir setzten ihm eine Tasse Tee und einen Teller Kekse vor, an denen er höflich knabberte, obwohl ich irgendwie den Eindruck hatte, dass sie ihm überhaupt nicht schmeckten.

»Wie geht es Ihrer Hoheit?«, erkundigte ich mich, um ein wenig Konversation zu machen.

»Königin Asteria erfreut sich guter Gesundheit. Sie ...« Er hielt inne und stieß dann ein langes Seufzen aus, als hätte er noch etwas sagen wollen.

»Was ist denn?«, drängelte ich. Camille richtete sich auf und musterte ihn aufmerksam. Dann warf sie mir einen Blick zu und schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Nichts weiter. Es entwickelt sich nur nicht alles wie erhofft. Aber belassen wir es dabei. Ich kann nicht mehr darüber sagen.« Er nippte an seinem Tee und starrte stumm in die dampfende Tasse.

Zehn Minuten vergingen, bis die Hintertür aufging und Menolly mit Wilbur in die Küche kam. Er sah aus wie von ZZ Top entlaufen: wallender Bart, langes, ungepflegtes Haar, zu einem rattigen Pferdeschwanz zurückgebunden, und er trug eine Sonnenbrille, obwohl es längst dunkel geworden war. Er war groß und massig und gekleidet wie ein Trapper, doch er hatte etwas an sich, das Magie verriet. Magie und eine Überdosis Testosteron.

»Da du nun wieder da bist, würde ich gern mit euch dreien allein sprechen, bitte. Danach breche ich sofort wieder auf. Es wird nicht lange dauern.« Trenyth bat Smoky und die anderen, Iris eingeschlossen, mit einer Geste zur Tür. »Wenn ihr uns bitte entschuldigen würdet.« Der Elf strahlte eine solche Autorität aus, dass alle automatisch die Küche verließen.

Wir warteten. Offensichtlich ging es um eine große Sache, denn sonst hätte er vor den anderen mit uns sprechen können. Endlich, nach einer unbehaglichen Pause, rieb er sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel und verzog das Gesicht.

»Ich will das nicht tun.« Er blickte zu uns auf, und ein kummervoller Ausdruck trat in sein Gesicht. »Im Lauf des vergangenen Jahres habe ich euch Mädchen kennen- und schätzen gelernt. Ich mag euch, alle drei. Das sollt ihr wissen. Und das macht es mir noch schwerer ...«

O-oh. Eine Mitteilung, die mit den Worten Ich will das nicht tun begann, konnte nicht gut sein. »Was ist los?«, fragte ich leise.

Er holte tief Luft, atmete langsam wieder aus, holte dann eine Pergamentrolle aus seiner Tasche und zeigte uns das Siegel. Königin Tanaquar. Scheiße. Aber warum überbrachte Königin Asterias Abgesandter ein offizielles Dokument der Feenkönigin?

Er erbrach das Siegel, entrollte das Pergament und räusperte sich.

»Ich, Trenyth Vesalya, Abgesandter der Königin von Elqaneve, Ihrer Majestät Asteria, überbringe hiermit im Auftrag der Krone eine offizielle Bekanntmachung von Königin Tanaquar, Freundin und Verbündete des Elfenthrons.«

Wir warteten schweigend darauf, dass er fortfuhr.

»Ihre Majestät Königin Tanaquar erteilt hiermit Camille Sepharial te Maria, auch bekannt als Camille D'Artigo, Tochter des königlichen Beraters Sephreh ob Tanu, folgenden Bescheid. Die Verfügungen sind unabänderlich.«

Er hielt inne.

Ich richtete mich auf. Diese Verfügungen betrafen Camille, nicht uns alle, aber das beruhigte mich keineswegs. Im Gegenteil, jetzt fühlte ich mich noch schlechter. Wir kamen als Team besser mit allem Möglichen klar. Zusammen waren wir nicht unterzukriegen oder zumindest ganz schön respekteinflößend.

Camille, die bleich und furchtbar verletzlich aussah, zwang sich offenkundig, sich ein wenig vorzubeugen. »Bitte, lies weiter. Bringen wir es einfach hinter uns ..., was immer es sein mag.«

Trenyth tat etwas, das ich bei ihm noch nie erlebt hatte. Er streckte den Arm aus, ergriff ihre Hand, führte sie an seine Lippen und küsste sie sacht. »Sehr wohl, verehrte Camille.«

Sie zog langsam die Hand zurück, und er rollte das Dokument wieder auf.

»Camille te Maria, hiermit tue ich kund, dass Du, solltest Du tatsächlich Aeval, der Dunklen Königin, die Treue schwören und Dich ihrem Hof anschließen, aus Y'Elestrial verbannt werden wirst. Du wirst als Geächtete gelten, solange Du diesen Treueschwur nicht widerrufst. Deine Tätigkeit als Agentin des Anderwelt-Nachrichtendienstes wird auf Aufgaben beschränkt, die im unmittelbaren Zusammenhang mit den Geistsiegeln stehen. Solange dieser Bann nicht aufgehoben wird, ist es Dir verboten, das Stadtgebiet von Y'Elestrial sowie das Haus des Sephreh ob Tanu zu betreten. Du wirst Delilah und Menolly D'Artigo unterstellt, die weiterhin dem Hauptquartier des Anderwelt-Nachrichtendienstes Meldung zu machen haben. Du hast alle Anordnungen genau zu befolgen. Es ist Dir verboten, selbst Kontakt zu Angehörigen des Hofes und Bediensteten der Krone aufzunehmen, darunter auch Ratsherr Sephreh ob Tanu. Weiterhin werden Hof und Krone ausschließlich über Gesandte Verbindung zu Dir aufnehmen. Zur Strafe dafür, dass Du Deinen Treueschwur gebrochen und Uns den Rücken gekehrt hast, wirst Du in den Augen von Hof und Krone nicht länger existieren.«

Trenyth ließ das Dokument sinken und sah Camille an. »Ich habe noch eine weitere Nachricht, meine Liebe. Und wieder ... tut es mir entsetzlich leid. Dein Vater hat mich gebeten, dir dies zu geben.« Er reichte ihr einen Umschlag.

Zitternd nahm sie ihn an. Nach kurzem Zögern riss sie ihn auf, zog ein einzelnes Blatt Papier heraus und überflog den Brief.

»Oh!« Mit einem Aufschrei ließ sie ihn fallen und presste sich die Hand vor den Mund. Sie bemühte sich, nicht zu weinen, stark zu sein, doch die Tränen ließen sich nicht zurückhalten.

Ich hob den Brief auf und las laut vor:

»Camille, ich bedauere, dies tun zu müssen, doch bei mir standen Pflicht und Treue stets an erster Stelle, und ich dachte, Du folgtest meinem Beispiel. Offenbar habe ich mich getäuscht. Solltest Du Dich Aeval anschließen, bist Du nicht länger meine Tochter. Ich verstoße Dich. Wähle mit Bedacht.

Deine Zukunft in dieser Familie hängt von Deiner Handlungsweise ab. Deine mangelnde Treue Hof und Krone gegenüber hast Du bereits bewiesen, indem Du einen solchen Schritt auch nur in Betracht gezogen hast. Ich wünsche Dir alles Gute und werde Dich immer lieben, aber ich kann nicht länger Dein Vater sein, wenn Du bei Deiner Entscheidung bleibst.«

Ich knüllte das Blatt zusammen und kniete mich neben Camille. Sie warf sich schluchzend in meine Arme, und ich tätschelte ihr den Rücken.

»Verfluchter Lakai!« Menolly schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wusste ich doch, dass wir seinem versöhnlichen Tonfall nicht trauen können. Um die Geistsiegel zu finden, bist du also gut genug, aber die Stadt darfst du nicht betreten? Scheiß auf das Miststück und ihren Hof. Tanaquar ist wahrscheinlich kaum besser als Lethesanar, das war ja zu erwarten. Aber dass Vater Camille so behandelt, nach allem, was sie für diese Familie und für ihn getan hat! Ich verstoße ihn!«

Trenyth starrte uns einen Moment lang an. Dann stand er auf und löste Camille sanft aus meinen Armen. Er drehte sie zu sich herum, hielt sie an den Schultern fest und hob ihr Kinn an, als sie versuchte, seinem Blick auszuweichen.

»Sieh mich an, Camille. Sieh mir in die Augen. Ich versichere dir, dass Königin Asteria dich in keinster Weise verurteilt. Du bist in Elqaneve hochangesehen und stets in unserer Stadt willkommen. Du bist in den Gemächern der Königin willkommen. Und ... und in meinem Haus.«

»Danke sehr.« Sie sprach so leise, dass ich sie kaum hören konnte.

Hastig fuhr er fort: »Ihr Mädchen seid für mich beinahe so etwas wie Ziehtöchter geworden. Ich habe keine Kinder und keine Ehefrau. Ich bin wahrhaftig mit meinem Dienst an der Krone verheiratet. Aber ich habe gesehen, wie ihr drei euch tapfer Gefahren gestellt habt, bei denen viel stärkeren Männern der Mut versagt hätte. Ich habe gesehen, wie ihr Angst und Kummer überwunden habt, um eure Pflicht so gut wie nur möglich zu erfüllen. Das schätze ich sehr. Deshalb biete ich euch meine Gästezimmer an, falls ihr in der Anderwelt je eine Bleibe brauchen solltet. Und meine Gastfreundschaft und Dankbarkeit für alles, was ihr tut, um diese beiden Welten zu retten.«

In diesem Moment trat der stets so weise Ausdruck in seinen Augen zurück, und dahinter kamen Mitgefühl, Sorge und große Zuneigung zum Vorschein. Ich glaubte ihm, dass er jedes Wort ernst gemeint hatte.

Menolly offenbar auch. »Du bist in Ordnung, Trenyth.« Sie trat gegen den Wohnzimmerschrank, aber ich merkte, dass sie nicht mit dem Herzen dabei war. Sie hinterließ nämlich kein klaffendes Loch im Holz. »Wir sollten einfach alles hinschmeißen. Und denen sagen, dass sie uns mal können. War doch klar, dass Vaters angeblich so tolerante neue Einstellung nicht lange halten würde. Er hat behauptet, dass er Trillian tolerieren würde, und das war gelogen, also lügt er auch, wenn er behauptet, dass er mich jetzt akzeptiert hätte. Wenn er eine von uns verstößt, verstößt er uns alle.«

Camille wischte sich die Tränen von den Wangen. Sie zitterte immer noch, und ich wusste, dass der Brief ihr das Herz gebrochen hatte. Aber sie zwang sich, die Schultern zu straffen. »Würdest du dem königlichen Berater Sephreh ob Tanu und der Königin von Y'Elestrial eine Botschaft von mir überbringen?«

Trenyth nickte. »Selbstverständlich. Möchtest du sie niederschreiben?«

»Nein, das kannst du ihnen einfach ins Gesicht sagen. Auf dein Gedächtnis ist Verlass. Sag Königin Tanaquar, dass ich meine Pflicht erfüllen werde, wie sie es verlangt. Ich unterstelle mich dem Kommando meiner Schwestern. Und richte Ihrer Majestät aus, dass sie sich die Mühe sparen kann, mich zu bezahlen, wenn ich eine solche Enttäuschung für sie bin. Gegen die Dämonen kämpfe ich auch umsonst, wenn es sein muss. So wichtig ist mir dieser Krieg.«

»Und an deinen Vater?«

Ich hielt den Atem an und wartete. Menolly wandte den Blick keine Sekunde von Camille.

»Sag ihm ... übermittle dem Ratsherrn mein Beileid zum Verlust seiner Tochter. Richte ihm aus, dass Camille D'Artigo gesagt hat: Die Berufung durch die Mondmutter ist stärker und bedeutender als sein Wohlwollen. Und dass ...« Ihre Stimme brach, doch sie fasste sich wieder. »Dass meine Treuepflicht zuallererst der Göttin gilt. Ich wünsche ihm ein langes, glückliches Leben. Offenbar darf ich es nicht mehr mit ihm teilen.«

Dann wandte sie sich ab und ging in Richtung Gästebad hinaus.

Menolly und ich wechselten einen Blick.

Nach kurzem Schweigen sagte ich: »Das war's dann wohl. Richte Vater aus, dass Menolly und ich stinkwütend sind und er vorerst besser nur in rein offiziellen Angelegenheiten Kontakt zu uns aufnehmen sollte. Ich würde ihm das ja selbst durch den Flüsterspiegel sagen, aber ich bin zu wütend. Wahrscheinlich würde ich mich verwandeln, wenn ich mich jetzt mit ihm anlege.«

»Ich habe ihm nichts mehr zu sagen«, fügte Menolly hinzu, »nur dies: Ich brauche ihn nicht. Ich will nichts mit ihm zu tun haben. Aber, Trenyth, wir sind nicht sauer auf dich. Du hattest heute Nacht nur das Pech, einen beschissenen Auftrag erteilt zu bekommen.«

Er senkte mit flammenden Wangen den Kopf. »Ich wünschte, den hätte man nicht mir zugewiesen. Mir hat davor gegraut. Dennoch - lieber ich als irgendein dienstbeflissener Esel von einem Bürokraten.« Er raffte seinen Umhang um sich und fügte hinzu: »Ich sollte jetzt zurückreisen. Bitte kümmert euch um sie. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ihr jetzt zumute sein muss.«

»Machen wir.« Ich begleitete ihn zur Hintertür und sah ihm nach, als er den Garten durchquerte. O ja, der Herbst ließ sich wirklich großartig an.

Während Menolly nach Camille schaute, holte ich die anderen in die Küche zurück und bedeutete ihnen, leise zu sein. »Ich erzähle euch später alles, aber im Moment sollten wir die Sache einfach auf sich beruhen lassen.« Und meiner Schwester Gelegenheit gehen, ihre Wunden zu lecken, dachte ich.

Menolly und Camille kamen zurück. Es war nicht zu übersehen, dass Camille geweint hatte, doch Menolly schleuderte allen einen Blick entgegen, der deutlich sagte: Lasst es, und niemand wagte es, ihre Warnung zu ignorieren. Smoky funkelte sie böse an, und Trillian und Morio wirkten besorgt, aber Menolly schüttelte nur leicht den Kopf, und sie hielten den Mund.

Roz sprang auf, um von Camille abzulenken. »He, Wilbur«, sagte er. »Möchtest du was essen?«

Wilbur räusperte sich und ließ sich auf einem Stuhl nieder. »Lieber einen Kaffee, wenn ihr welchen habt. Schwarz und stark. Und gegen etwas Süßes hätte ich nichts einzuwenden«, fügte er hinzu und starrte dabei Menolly an.

Sie stieß ein lautes Fauchen aus. »Behalt schön die Finger bei dir, Bursche. Das habe ich dir auf dem Weg hierher schon mal gesagt.«

»Das verflixte Weib hat mir eine gescheuert«, sagte er und rieb sich lachend die Wange. »Schon gut, schon gut, ich lass dich in Ruhe. Aber ich sehe Kekse - da hätte ich auch nichts dagegen.«

Ich reichte ihm den Teller und dachte bei mir, wenn es nach ihm ginge, wären wir alle drei seine persönliche Keksdose. Aber keine von uns interessierte sich für ihn. Wilbur war zu derb für unseren Geschmack. Er biss in einen Keks, und Roz schenkte ihm eine Tasse Tee ein.

Wilbur betrachtete stirnrunzelnd Camille und schnupperte dann. »Wolfsdorn. Ich kann ihn an dir riechen. Hat deine Sinne ziemlich scheppern lassen, was, Mädchen?«

Ich warf Menolly einen Blick zu, weil ich mich fragte, ob sie ihm schon davon erzählt hatte, doch sie schüttelte den Kopf. »Du kannst das Zeug riechen? Was weißt du noch darüber?«

Er schluckte den Keks hinunter, ehe er antwortete: »Wolfsdorn - hab ich im Dschungel kennengelernt, als ich bei der Spezialeinheit war.« Wir hatten erst kürzlich erfahren, dass zu Wilburs Dienstzeit beim Militär einige Missionen mit irgendeinem speziellen Einsatzkommando gehört hatten. Diese Spezialeinheit war so geheim, dass sie nicht mal einen Namen hatte. Wir wussten nur, dass sie aus Marines bestand.

»Gibt es da unten im Regenwald viele Werwölfe?« Dass er irgendwo in Südamerika gewesen war, wussten wir, aber er hatte uns nie gesagt, wo genau.

»Ja, sind uns reichlich begegnet. Da unten gibt es Stämme von Gestaltwandlern, neben denen dein Panther aussieht wie ein Schmusekätzchen«, sagte er und wies mit einem Nicken auf mich. »Die Jaguarkrieger - tödlich, blitzschnell, unglaublich gefährlich. Aber selbst die sind nicht so schlimm wie die Caniden-Clans. Es gibt einen Stamm mexikanischer Grauwölfe, die bei uns die Dschungel-Stalker hießen. Sie sind geschickte Jäger und töten jeden Eindringling. Aber dann sind die Kojote-Wandler aus Nordamerika eingedrungen, und die sind sehr viel unberechenbarer. Man weiß nie, ob sie einem die Kehle aufschlitzen oder aus der Klemme helfen werden. Die haben Wolfsdorn dazu benutzt, ein paar von den Dschungelclans zu übernehmen.«

»Die Werkojoten benutzen Wolfsdorn? Aber ist das nicht so, als würden sie ihre eigenen Vettern verraten?« Ich hatte bisher nur wenige Wer-Präriewölfe kennengelernt - zum Beispiel Marion, eine Freundin von Siobhan, der Werrobbe. Marion gehörte das Superurban Café, und sie war eine von den Guten. Erst vor ein paar Wochen hatte sie Camille und unserer Freundin Siobhan geholfen, einem irren Stalker zu entkommen, der Siobhan verfolgt hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Marion versuchen würde, andere Werwesen zu verdrängen.

»Moment mal - sind Kojote-Gestaltwandler echte Werwesen?«, fragte Roz.

»Ja«, antwortete Wilbur. »Aber sie gebrauchen eher den Begriff Gestaltwandler. Sie sind etwas anders als die meisten Werwesen. Es heißt, sie stammen vom Großen Kojoten selbst ab.«

»Hm, ein bisschen wie die Werspinnen, mit denen wir es zu tun hatten. Die stammten von Kyoka, dem Schamanen ab.

Aber sie waren keine natürlich entstandene Art.« Ich zögerte und räusperte mich dann. »Kojoten gibt es auch in Arizona, oder?«

»In so ziemlich jedem Bundesstaat, soweit ich weiß.« Wilbur runzelte die Stirn. »Also, was wollt ihr wissen? Eure Morticia hier hat gesagt, es geht um Zauberläden?«

Menolly fauchte ihn an, und er zeigte ihr den Stinkefinger. Alle erstarrten. Langsam wandte ich den Blick in ihre Richtung. Sie fixierte ihn. Nicht gut. Oh, das konnte übel ausgehen. Aber dann verblüffte sie uns alle - auch Wilbur, dem die Schweißperlen auf der Stirn standen -, indem sie in Lachen ausbrach. Ich entspannte mich.

»Wilbur, weißt du von irgendwelchen Hexern, die hier in der Gegend ein Geschäft aufgezogen haben? Jemand, der möglicherweise Wolfsdorn herstellen könnte? Das ist wirklich wichtig - es geht um Leben und Tod.« Camille beugte sich vor. Sie sah immer noch schwer gebeutelt aus, tat aber, was sie immer tat: Sie stellte die Pflicht an erste Stelle. »Bitte, wenn du irgendetwas weißt, sag es uns.«

Er musterte sie, ließ den Blick langsam über ihren ganzen Körper gleiten, doch ausnahmsweise wirkte dieser Blick nicht lüstern. »Ich weiß, wie übel dieses Zeug sein kann.« Seine Stimme klang barsch, aber ich spürte einen sanften Unterton heraus, den ich bei ihm noch nie gehört hatte. »Jemand hat mir mal eine Ladung davon verpasst, und ich war tagelang außer Gefecht. Natürlich habe ich auch kein Gegenmittel bekommen, aber trotzdem ... du siehst völlig erledigt aus. Okay, Süße. Gib mir was zu schreiben. Ich sage euch, was ich weiß.«

Ich schob Notizblock und Stift über den Tisch zu ihm hin, und er schrieb einen Namen und eine Adresse auf.

Wilbur ließ den Block zu mir zurückflattern. »Dieser Kerl ist vor ein paar Monaten in die Stadt gekommen. Ich habe gehört, dass er einen Laden eröffnet hat, also wollte ich mir mal ansehen, was er so zu bieten hat. Ich war auf der Suche nach ein paar seltenen Komponenten. Aber ich war kaum zur Tür rein, da wäre ich beinahe umgekippt.«

»Was ist passiert?« Ich sah ihm in die Augen und dachte bei mir, dass unter Wilburs ungehobelter Schale vielleicht doch ein guter Kern steckte.

»Die Energie in dem Laden war so dicht, dass ich kaum noch Luft bekommen habe. Seid vorsichtig. Der Kerl heißt Van, und er hat eine Partnerin namens Jaycee. Soweit ich feststellen konnte, betreiben sie beide Hexerei. Ich weiß nicht, welcher Tradition sie folgen, aber eines kann ich euch sagen: Sie sind gefährlich und chaotisch. Ich bin so schnell wie möglich aus dem Laden verschwunden und nie wieder hingegangen. Aber ich nehme an, das Geschäft gibt es noch.«

Scheiße. Wenn Wilbur sich da nicht hintraute, mussten diese beiden wirklich verdammt übel sein. Wilbur ließ sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen. Er war ein sehr fähiger Nekromant, und es bräuchte schon eine gewaltige Ladung böser Energie, um ihn einzuschüchtern. Ich schaute auf den Notizblock.

»Madame Pompey's Magical Emporium. Wow, das klingt wie ... wie ... aus einem zweitklassigen Horrorfilm.« Bilder aus Science-Fiction-Streifen und Wahrsager-Zigeuner-Werwolf-Storys der Sechziger schössen mir durch den Kopf.

»Glaub mir, von zweitklassig kann keine Rede sein. Diese Leute meinen es ernst, und wenn hier in der Gegend jemand Wolfsdorn herstellt, würde ich auf die beiden wetten. Es gibt böse, und es gibt übelst. Und diese Hexer ... wandeln eindeutig auf der dunklen Seite.« Wilbur stieß den Atem aus, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. Er schüttelte den Kopf. »Ich frage mich ...«

»Woran denkst du?« Camille verzog das Gesicht, als sie sich ein wenig aufrichtete. »Könnte ich bitte noch einen Tee haben?«

Trillian beeilte sich, ihr nachzuschenken.

Wilbur strich sich mit den Fingern durch den Bart. »Na ja, bei einer Mission unten im Dschungel bin ich mal dem alten Schamanen eines Dschungelkrieger-Clans begegnet. Er war bei einer Visionssuche zu weit herumgeirrt und versteckte sich ganz allein, gut fünfzehn Kilometer von seinem Dorf entfernt. Ich habe ihn gefragt, warum er sich versteckt hielt, und er hat mir erklärt, dass er versehentlich ins Revier der Koyanni geraten war - Kojote-Wandler, die Wolfsdorn herstellten. Dieser alte Mann hätte praktisch jeden von uns mit einem Wimpernschlag töten können, aber er hatte entsetzliche Angst vor den Koyanni.«

»Und?«

»Na ja. Ich frage mich, ob Van und Jaycee etwas mit Kojote-Gestaltwandlern zu tun haben. Ich weiß nicht genug über Werkojoten, um einschätzen zu können, ob alle so sind wie die, die mir im Einsatz begegnet sind, aber ...«

»Aber es ist eine gute Idee, der Frage mal nachzugehen«, beendete ich den Satz für ihn.

Camille räusperte sich. »Wir wissen, dass nicht alle so sind. Denkt nur an Marion. Aber ... wir könnten sie nach anderen Kojote-Wandlern in der Gegend fragen und feststellen, ob es eine Verbindung zwischen dem Laden und den Gestaltwandlern gibt.«

»Heikle Sache, das müssen wir sehr feinfühlig angehen«, sagte Menolly. »Somit ist das keine passende Aufgabe für mich - ich bin nicht diplomatisch genug. Camille, du und Delilah könntet sie morgen mal in ihrem Café besuchen. Meinst du, du schaffst das?«

»Sicher. Ich bin bald wieder in Ordnung, ehrlich.« Sie gähnte, und ich sah ihr an, dass sie kurz davor stand, vor Erschöpfung und Schock in Ohnmacht zu fallen. »Morgen geht es mir sicher gut genug. Aber jetzt will ich nur noch schlafen. Falls heute Nacht irgendetwas passiert, wenn ihr beiden nach diesen vermissten Werwölfen schaut, sagt Bescheid. Dann komme ich und ...«

»Du wirst dieses Haus heute Nacht nicht mehr verlassen.« Iris gab Smoky einen Wink, der sich Camilles Wolldecke über die Schulter warf. »Smoky, schaff sie rauf ins Bett.«

Der Drache nahm Camille auf die Arme und trug sie zur Treppe, und Trillian folgte ihnen mit einem Teetablett. Morio wandte sich mir zu, ehe er ihnen nachging. »Falls ihr uns braucht, kommen wir drei euch zu Hilfe, aber wenn es eurer Schwester morgen bessergehen soll, muss sie mal richtig ausschlafen. Der Wolfsdorn hat sie seelisch und körperlich völlig durcheinandergebracht. Es ist schlimmer, als ihr meint.«

»Das war nicht nur der Wolfsdorn.« Menolly runzelte die Stirn. »Iris, geh mit nach oben. Vielleicht will sie darüber reden, was Trenyth ihr zu sagen hatte. Aber fasst sie ja ganz sanft an, sonst reiße ich euch allen die Kehle heraus.«

Ich sah Morio an. »Glaubst du, der Wolfsdorn könnte dauerhaften Schaden angerichtet haben? Sharah hat gesagt, morgen müsste sie wieder ganz in Ordnung sein.«

»Sharah ist eine hervorragende Medizinerin, aber sie arbeitet kaum mit Magie. Nicht wie Camille und ich.« Morios Miene war ernst. »Ich habe das Gefühl, dass Camilles Zauber in den nächsten Tagen noch unzuverlässiger sein könnten als sonst. Ich hoffe schon, dass das nicht dauerhaft ist, aber wissen kann man das nicht. Wir müssen einfach abwarten.« Er eilte am Tisch vorbei und die Treppe hinauf.

»Verflucht. Ich will doch hoffen, dass sich das Zeug bis morgen vollständig abbaut. Aber die Nachricht von unserem geliebten Vater wird sie nicht so schnell verdauen.« Menolly sank langsam von der Decke herab. Grimmig sagte sie: »Scheiß wie dieser Wolfsdorn schadet der gesamten ÜW-Gemeinde, nicht nur den eigentlichen Opfern. Also, bist du so weit? Schauen wir mal nach den beiden Werwölfen. Ich will nicht die ganze Nacht unterwegs sein. Nerissa und ich können so wenig Zeit miteinander verbringen, da ist uns jede Minute kostbar.«

Ich schnappte mir meine Jacke und warf einen Blick zur Treppe. »Ich finde, wir sollten das Terror-Trio bei Camille lassen. Sie braucht alle Unterstützung, die sie kriegen kann. Vanzir, Roz? Würde einer von euch mit uns kommen?«

Vanzir sprang auf. »Ich gehe mit. Roz, du bleibst hier und geleitest Wilbur nach Hause.« Er holte seine schwere Jeansjacke und folgte uns nach draußen zu meinem Jeep. Menollys Jaguar war ziemlich unbequem für mich, weil ich so groß war, und der Sportwagen mochte ja ein schönes Spielzeug sein, aber nicht annähernd so nützlich wie mein Jeep.

Menolly nahm den Beifahrersitz, Vanzir stieg hinten ein. Als wir in den Sturm hinausfuhren, fragte ich mich, in wie vielen verregneten Nächten wir schon im Dunkeln aufgebrochen waren, um irgendeiner Gefahr entgegenzutreten. Mir war bewusst, dass wir dabei jedes Mal unser Glück herausforderten. Und dass es nicht ewig anhalten konnte.

Wir hatten schon so viel verloren, aber es gab noch viel, viel mehr, was unter unseren Füßen wegbrechen könnte. Jeder Schritt war ein Fragezeichen. Jeder Zug ein Risiko. Und wir konnten nichts weiter tun, als die beste Entscheidung zu treffen, die uns gerade möglich war, und zu hoffen, dass das gesamte Kartenhaus nicht über uns zusammenstürzte.