Kapitel 2

 

In diesem Augenblick ging die Haustür auf, und Menolly kam herein, einen Arm um Nerissa geschlungen, die offensichtlich sturzbetrunken war. Die beiden lachten, und die Fangzähne meiner Schwester waren ausgefahren, doch ein Blick auf Nerissa zeigte mir, dass Menolly nicht die Kontrolle verloren hatte. Sie deponierte Nerissa sacht in einem Sessel, küsste sie auf die Wange und drehte sich dann zu uns um.

»Was zum Teufel machst du denn hier? Ist in der Bar alles in Ordnung?« Sie starrte Luke mit diesem unheimlichen Blick an, bei dem sie nie blinzelte. Ich konnte es kaum erwarten, bis sie ihn mir zuwandte. Was dann aus ihrem Mund kommen würde, konnte ich mir gut vorstellen, und nichts davon wollte ich unbedingt hören.

Luke zuckte mit den Schultern. »Chrysandra ist für mich eingesprungen. Ich musste mit deiner Schwester reden ... und mit dir, falls du es auch hören möchtest.«

Er hatte ihr gegenüber manchmal eine ziemlich große Klappe, und sie stutzte ihn hin und wieder zurecht, aber sie kamen besser miteinander aus, als es bei Werwölfen und Vampiren meistens der Fall war. Luke war ein verdammt guter Barkeeper und meine Schwester eine verdammt gute Chefin.

»Was gibt's?« Menolly schmiegte sich in die Sofaecke und zog die Beine unter. Dann hielt sie inne, schnupperte und sah mich an. »Bist du das? Warum zum Teufel...« Sie starrte mich an und stieß dann ein ersticktes Lachen aus. »Ach du Scheiße, was ist denn mit deinem Haar passiert?«

Ich verzog das Gesicht. »Ach so ... das. Ich. Stinktier. Tomatensaft. Bleiche und Natronlauge. Ich habe mich in eine knallorangegelbe Schildpatt-Katze verwandelt, nur ohne die schwarzen Flecken, wie du ja siehst. Iris forscht gerade nach, ob es von Haarfarbe noch schlimmer werden würde.«

»Bin ich froh, dass ich nicht zu atmen brauche.« Menolly lachte erneut.

»Ich glaube, bei dem Gestank kann ich dir helfen«, sagte Luke und lehnte sich zurück. »Aber diesen Mopp auf deinem Kopf fasse ich nicht mit der Kneifzange an.«

Ich sah ihn blinzelnd an und runzelte die Stirn. »Ja, ich habe das ungute Gefühl, dass ich damit werde herumlaufen müssen, bis die Flecken rauswachsen.«

Menolly unterdrückte ein Schnauben. Ich warf ihr einen bösen Blick zu, doch sie zuckte mit den Schultern. »Was denn? Es ist lustig - und wenn irgendjemand diesen Look tragen kann, dann du.«

»Na klar, und die Brooklyn Bridge gibt's für zehn Cent obendrauf.« Ich seufzte laut. »Was ist mit Nerissa? Solltest du dich nicht lieber um sie kümmern? Sie sieht aus, als würde sie gleich umkippen. Wie viel habt ihr - äh, hat sie - eigentlich getrunken?«

Menolly grinste mit reichlich Zähnen. »Ich glaube, sie hat ganz allein eine Flasche Champagner geleert. Camille und ihr Harem kommen übrigens auch bald nach Hause. Sie sind noch geblieben, um sich von den letzten Gästen zu verabschieden. Aber ich warne euch: Um das Thema unseres verehrten Vaters, der nicht geruht hat, zu ihrer Hochzeit zu erscheinen, macht ihr vorerst besser einen großen Bogen. Das hat sie tief getroffen. Ich habe vorhin gehört, wie sie kurz mit Iris darüber gesprochen hat, und da musste sie sich die Tränen verkneifen.«

»Verdammt. Warum hätte er nicht dieses eine Mal den lieben Papa spielen können? Er war noch nie so gemein zu Camille.«

»Stimmt, er hat ihr immer die Stange gehalten, außer damals, als sie ihm ihre sogenannte Affäre mit Trillian gebeichtet hat. Dass er sie jetzt so mies im Stich lässt, nach allem, was sie für den Nachrichtendienst und unsere Familie getan hat, finde ich kotzerbärmlich. Ich bin stinksauer auf ihn! Seine beschissene Einstellung kann er sich von mir aus in den -«

»Du sprichst von unserem Vater!« Ob er sich falsch verhielt oder nicht, ich konnte nicht anders, als ihn in Schutz zu nehmen. Das lag einfach in meiner Natur, obwohl ich in meinem Herzen diesmal nicht viel zu seiner Rechtfertigung finden konnte.

»Und wenn wir hier von Zeus persönlich sprechen würden - er hatte kein Recht, ihr das anzutun.« Sie warf einen Blick zu Nerissa hinüber. »Ihr geht's gut. Sie hat es bequem. Wo ist Vanzir?«

»Er ist rüber ins Gästehaus gegangen«, antwortete Iris.

Menolly nickte. »Also dann, Luke - sag mir, was los ist.«

Während Luke ihr von seiner verschwundenen Schwester erzählte, starrte ich aus dem Fenster. Menolly hatte recht. Dass Vater Camille die kalte Schulter zeigte, nach allem, was wir im vergangenen Jahr durchgemacht hatten, war schlimmer als ein Schlag ins Gesicht.

Also, wer bin ich? Manchmal weiß ich das selbst nicht mehr genau - so viel hat sich im vergangenen Jahr verändert. Früher dachte ich, das Leben und die Leute seien im Allgemeinen gut, aber jetzt lebe ich praktisch in einem Kriegsgebiet und habe die Naivität, mit der ich anfangs durch die Erdwelt gelaufen bin, so ziemlich abgelegt. Die meisten VBM - Vollblutmenschen -, denen man auf der Straße begegnet, ahnen nichts davon, aber ihr Leben und ihre Welt sind in Gefahr. Ich bin eine von nur wenigen Kriegerinnen an der vordersten Front, die versuchen, eine Katastrophe zu verhindern.

Noch vor einem Jahr hätte ich mich nie als Soldatin bezeichnet. Als Agentin, ja - beim Anderwelt-Nachrichtendienst. Doch wir sind alle zu Kriegern geworden, meine Schwestern und ich und unsere Freunde. Wir kämpfen gegen Horden von Dämonen, die die Grenze zwischen den Welten niederzureißen versuchen. Schattenschwinge, der oberste Herr der Unterirdischen Reiche, will sowohl die Erdwelt als auch die Anderwelt zu seinem privaten Spielplatz machen, indem er die Geistsiegel wieder zusammenführt. Das sind die neun Teile eines uralten Artefakts, das zerbrochen und über die ganze Welt verstreut wurde, um die Welten der Feen und der Menschen vor den Bestien aus den Unterirdischen Reichen zu schützen. Aber die Siegel kommen wieder zum Vorschein, und nun liefern wir uns ein Rennen mit den Dämonen, wer sie zuerst findet: Schattenschwinge oder wir.

Ich heiße Delilah D'Artigo, und ich bin eine Werkatze. Außerdem habe ich eine weitere Seite meines wandelbaren Wesens entdeckt: Ein schwarzer Panther kommt hervor, wenn mein Herr ihn lockt - der Herbstkönig, einer der Schnitter. Er hat mich als die einzige Lebende unter seinen Todesmaiden gezeichnet, und es ist mir bestimmt, ihm ein Kind zu gebären. Mein Panther-Selbst ist wild und mitleidlos wie die Natur, und allmählich lerne ich es zu lieben, statt es zu fürchten. Der Panther wird zu einem so festen Teil von mir, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ich stehe voll zu meiner Raubtiernatur, als Hauskatze wie als Panther. Und ich habe eine Zwillingsschwester, Arial, die bei unserer Geburt starb und manchmal als Geist eines Leoparden erscheint, um mir beizustehen. Ich kann sie immer in meiner Nähe spüren - sie beschützt mich. Ich wünschte nur, dass wir uns eines Tages richtig zusammensetzen und miteinander reden könnten.

Meine Schwestern - Menolly, eine Vampirin, und Camille, eine Mondhexe - und ich haben halb Menschen- und halb Feenblut, und diese Abstammung bringt unsere besonderen Fähigkeiten in den unmöglichsten Momenten zum Absturz. Belassen wir es einfach dabei, dass keine von uns je als Mitarbeiterin des Monats ausgezeichnet wurde, obwohl wir uns redlich bemüht haben.

Unsere menschliche Mutter, Maria D'Artigo, verliebte sich in unseren Vater, der zum Feenvolk der Sidhe gehört. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs folgte sie ihm zurück in die Anderwelt. Sie heirateten, führten eine romantische Ehe, und dann bekamen sie uns. Camille kam als Erste, ein paar Jahre später ich, und weitere zwei Jahre später wurde Menolly geboren. Nach menschlichen Maßstäben sehen wir aus wie Anfang zwanzig. Unserer geistigen Reife nach würde man uns auch so schätzen, obwohl wir in den vergangenen zwei Jahren schnell erwachsen geworden waren. Tatsächlich sind wir jedoch alle über sechzig Erdwelt-Jahre alt.

Mutter starb, als wir noch sehr jung waren. Sie stürzte vom Pferd. Camille bemühte sich, ihre Rolle zu übernehmen, eine viel zu große Aufgabe für ein junges Mädchen. Und vor etwa dreizehn Erdwelt-Jahren wurde Menolly in einen Vampir verwandelt. Aber auf Vater hatten wir uns immer verlassen können. Bis vor einem Monat war er unser Fels in der Brandung gewesen, auf dessen Unterstützung wir zählen konnten. Jetzt ist vieles im Wandel, das Rad des Schicksals dreht sich weiter, und nichts ist mehr so, wie es scheint.

Uns bleibt keine Zeit, uns an all das zu gewöhnen. Die Karten sind verteilt, und wir sitzen in einem Turnier auf Leben und Tod, aus dem man nicht aussteigen kann.

 

Menolly lehnte sich zurück, den Blick auf Luke geheftet. »Wir werden tun, was wir nur können, um sie zu finden. Und falls ihr beschissenes Arschloch von Ehemann hinter ihr her ist, sorgen wir dafür, dass er ihr nie wieder zu nahe kommen kann.« Gewalttätigen Männern bekam Menollys Nähe schlecht, denn meistens wurden sie zu ihrem Abendessen. Sie ernährte sich vom Abschaum und von den Gewaltverbrechern dieser Welt.

Luke lächelte dünn. »Danke, Boss. Das sieht jetzt vielleicht so aus, als hätte ich einen übertriebenen brüderlichen Beschützerinstinkt. Aber Amber war noch nie in einer Großstadt, und ich kann nicht anders, als mir Sorgen zu machen.«

Menolly beugte sich vor, und die Elfenbeinperlen in ihren Afro-Zöpfen klapperten. Ihr Haar hatte die Farbe von poliertem Kupfer, und sie war so zierlich wie ich groß.

»Luke, kann ich dich etwas fragen?«, begann sie.

»Sicher, was denn?«

»Warum hat das Rudel nichts dagegen unternommen, dass ihr Mann sie misshandelt hat?« Menolly runzelte die Stirn und tippte mit den Fingernägeln auf der Sofalehne herum.

Er seufzte. »Das ist einer der Gründe, weshalb ich weggegangen bin. Na ja, genau genommen wurde ich verbannt. Ich rede nicht gern darüber. Die Männchen des Zone-Red-Rudels sind extreme Alpha-Tiere - im schlechtesten Sinne. Ich habe es nicht mehr ausgehalten.«

»Was ist passiert?«, fragte ich. Auf einmal kam mir der Gedanke, dass an Luke viel mehr dran war, als ich bisher angenommen hatte.

»Ich war in ein Mädchen verliebt - Maria. Wir wollten heiraten, aber der Rudelführer hat sie an jemanden vergeben, der sie grün und blau geprügelt und dann an seine Kumpels ausgeliehen hat. Ich habe versucht, mit ihr abzuhauen, und sie haben uns erwischt. Es kam zu einem großen Kampf ... eine üble Sache. Sie ist tot, und ich bin ein Ausgestoßener. Ich kann nie dorthin zurück. Ich habe mich dem Rudelführer widersetzt.«

Weder Menolly noch ich sagten etwas, wir warteten nur ab. Der Schmerz, den ich in seiner Stimme hörte, stand ihm auch in den Augen, und ich hatte das Gefühl, dass ich zu aufdringlich gewesen war.

Er stand auf. »Ich habe Delilah alles über Amber gesagt, was mir eingefallen ist. Den Skunk-Entferner bringe ich morgen in die Bar mit. Da kannst du ihn jederzeit abholen, Delilah.«

Er nickte, tippte sich wieder an den Hut, und ich errötete unwillkürlich. Ich hatte seit über einem Monat mit niemandem mehr geschlafen, und er war schlank, groß und sehr männlich. Doch er warf nicht einmal beiläufig ein Auge auf mich, und eigentlich war ich erleichtert darüber. Ich war so durcheinander wegen Chase. Und Zach, der Werpuma, mit dem ich zweimal geschlafen und der Chase das Leben gerettet hatte, brauchte sehr viel länger, um sich von seinen schweren Verletzungen zu erholen, als man zunächst angenommen hat- Als ich ihn das letzte Mal in der Reha-Klinik besucht hatte, hatte er mich nicht sehen wollen, und wir hatten seit über einem Monat nicht mehr miteinander gesprochen, obwohl ich jede Woche dort anrief.

Menolly begleitete Luke zur Tür, während ich die Notizen durchging. Als sie zurückkam, blickte ich auf, und sie lächelte mir sanft zu. Ihre Augen waren früher leuchtend blau gewesen, doch je tiefer sie in ihr neues Leben als Vampirin einsank, desto grauer wurden sie. Inzwischen schimmerten sie beinahe silbrig.

»Du bist scharf, nicht?« Sie seufzte tief. »Das ist das Problem, wenn man sich auf eine Beziehung einlässt. Man fängt an, den anderen zu brauchen ... und dann ...« Mit einem Blick auf Nerissa zuckte sie mit den Achseln. »Und dann kann man sich das Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.«

Erst jetzt fiel mir ein goldener Ring an ihrem rechten Zeigefinger auf. Ich deutete darauf. »Der ist neu. Seit wann und woher genau hast du ihn?« Ich hielt ihren Blick gefangen, und sie kniff die Augen zusammen und schnaubte leicht. Wenn sie atmete, obwohl sie gar keine Luft mehr brauchte, wusste ich immer, dass ich sie erwischt hatte. Volltreffer!

»Ach, na gut. Nerissa hat ihn mir geschenkt. Das ist... ein Freundschaftsring. Ein Symbol dafür, dass wir nicht mehr zu haben sind, zumindest, was andere Frauen betrifft. Kerle - pff, die kommen und gehen, aber ... Wir haben ausgemacht: keine anderen Frauen. Ich habe ihr auch einen geschenkt.« Sacht hob sie die Hand des Werpumas an, und ich sah das Gegenstück an Nerissas Finger. Beide Ringe waren mit keltischen Knoten verziert. Mir stockte der Atem, und ich sah meiner Schwester erstaunt in die Augen.

Menolly hatte eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht, seit sie gefoltert, vergewaltigt, ermordet und dann als Vampirin wieder in die Welt hinausgeschickt worden war. Inzwischen war sie glücklich, jedenfalls meistens, und sie hatte sich tatsächlich wieder der Liebe geöffnet - so, wie sie im Moment damit klarkam.

Ich ergriff ihre freie Hand und drückte sie an meine Wange, und zum ersten Mal zuckte ich nicht zusammen, als ich die Kälte ihrer Haut spürte. Als ich die Lippen auf ihre Finger drückte, blickte ich auf und sah blutige Tränen über Menollys Wangen rinnen. Stumm breitete sie die Arme aus, ich schmiegte mich an sie und ließ mich von ihr drücken.

»Es tut mir leid. Es tut mir so leid. Ich habe mich so lange bemüht, dich zu akzeptieren wie Camille, ohne jeden Vorbehalt. Aber ich hatte Angst ... und jetzt ...«

»Und jetzt hast du keine mehr«, flüsterte sie.

»Und jetzt habe ich keine mehr«, wiederholte ich, und mir wurde klar, dass das stimmte. Ihr grausiger Tod und ihre Wiedergeburt als Untote hatten mir stets Angst gemacht, doch die war auf einmal von mir abgefallen wie ein Grabtuch, und jetzt stand nur noch Menolly vor mir. Meine Schwester, endlich offen und unverschleiert in ihrem neuen Leben, fröhlich und strahlend und nicht länger das Ungeheuer, in das Dredge sie verwandelt hatte. Ich erinnerte mich nur zu gut an dieses Ungeheuer, das nach Hause geschickt worden war, um uns zu töten, und daran, wie Camille mich zum Fenster hinausgescheucht hatte, um mich zu schützen.

Langsam ließ sie mich los, und ich setzte mich wieder. Menolly verzog das Gesicht. »Ich bin sehr glücklich. Aber, Kätzchen, du musst mir versprechen, etwas für mich zu tun.«

»Was denn?«, fragte ich atemlos. Ob sie eine Wiedergutmachung dafür erwartete, dass ich ihr all die Jahre so zögerlich begegnet war?

»Unternimm etwas gegen diesen Wischmopp.« Sie deutete auf mein Haar.

Iris schlenderte in einem seidenen Kimono herein. Ihr offenes Haar, das wie ein goldener, seidiger Wasserfall bis zu ihren Knöcheln hinab schimmerte, war ein wenig zerzaust. Ihre Wangen hatten so ein rosiges Glühen, das sie unmöglich hätte verbergen können.

Grinsend tadelte ich sie mit erhobenem Zeigefinger. »Na, was habt du und Bruce so gemacht?«

»Du sei still«, schalt sie. »Das geht dich nichts an, Mädchen. Aber ich erzähle dir gern, was ich herausgefunden habe. Die Haare sollten wir dir lieber nicht färben, jedenfalls jetzt noch nicht. Nach dem Peroxid würde Haarfarbe sie noch mehr schädigen, und du würdest wahrscheinlich noch schlimmer aussehen als jetzt.«

»Also, das kommt nicht in Frage.« Ich runzelte unglücklich die Stirn. »Verdammt.« Ich warf Menolly einen Blick zu. »Du hast recht, ich muss irgendetwas unternehmen - so kann ich es unmöglich lassen. Vielleicht wird es Zeit für eine neue Frisur.« Ich bat Iris: »Hol deine Schere.«

»Wie bitte? Du machst wohl Witze.« Sie starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

»Nun mach schon. Ich will sie kurz und flippig haben. Wenn ich schon aussehe wie ein Punk, dann wenigstens richtig. Außerdem wächst die Farbe so schneller heraus, und ich brauche immer nur die Spitzen nachzuschneiden, bis die ganzen Macken weg sind.«

Menolly kicherte. »Willst du das wirklich tun, Kätzchen? Ich wette, das ziehst du nicht durch.«

Ich schnaubte. »Das wirst du gleich sehen. Schalt Jerry Springer ein und hol die Chipstüte, wir feiern eine Party.«

Menolly brachte mir liebenswürdigerweise eine Tüte Cheetos, die ich so sehr liebte, und dazu ein Glas Milch. Dann bugsierte sie Nerissa sanft aufs Sofa, wo die prachtvolle, goldblonde Amazone einfach weiterschlief. Menolly zog die Beine an, schwebte hinauf an die Decke und warf mir die Fernbedienung zu.

Während ich mich durch die Programme zappte, legte Iris ihr Werkzeug zurecht und bat mich dann, auf dem Bodenkissen vor ihr Platz zu nehmen. Sie musste trotzdem auf einen Tritthocker steigen, weil ich so groß war.

»Kannst du es richtig stylish machen?«

»Ich weiß, was du willst, Mädchen. Und jetzt halt still.«

Der erste Schnitt war die reinste Folter. Ich hörte die Schere säbeln und schauderte, als Iris mir eine Handvoll fleckiger langer Haare reichte. Doch während ich das Büschel anstarrte, fand ich die Idee mit dem radikalen Kurzhaarschnitt auf einmal gar nicht mehr so übel. Ich hätte abscheulich ausgesehen, denn die Haare waren ganz strohig von der Bleiche und der Natronlauge.

Während sie sich kreuz und quer über meinen Kopf schnippelte und hier und da auch rasierte, freute ich mich allmählich auf die Verwandlung. Verdammt, ich fühlte mich auch schon anders - endlich meine Angst vor Menollys Vampirnatur zu verlieren, hatte in mir den Drang geweckt, große Veränderungen anzugehen und die Teile von mir zu opfern, die mich unsicher und furchtsam machten. Ich hatte es satt, ängstlich und zaghaft zu sein.

»Bin gleich fertig«, sagte Iris und pinselte meinen Nacken ab.

Mein Kopf fühlte sich viel leichter an und der Nacken eigenartig nackt und schutzlos, so ganz unbedeckt. »Darf ich es jetzt sehen?«

»Einen Moment noch.« Sie verschwand kurz und eilte mit einer Tube Haargel, einer Sprühflasche und einem Fön wieder herein. Sie sprühte mein Haar ein, verrieb ein wenig Gel zwischen den Fingern, zupfte die Spitzen zurecht, hielt noch kurz den Fön daran und trat dann zurück. »Okay, sieh es dir an.«

Langsam stand ich auf und ging auf den Spiegel über dem Kamin zu. Ich starrte hinein und hätte mein Spiegelbild beinahe nicht wiedererkannt. Ich war eins zweiundachtzig groß, und mit der neuen Frisur wirkte ich sogar noch größer. Mein Haar sah völlig anders aus - immer noch fleckig, doch jetzt wirkte es süß, frech - beinahe ein bisschen zickig und hart.

»Gefällt mir«, sagte ich und wandte den Kopf hin und her. Die Tätowierung mitten auf meiner Stirn schimmerte unter den schräg gekämmten Ponysträhnen hervor. Die schwarze Sichel kennzeichnete mich als Maid des Herbstfürsten. Langsam hob ich die Hand und betastete sie. Die pulsierende Energie, die ich darin spürte, war immer da, und im Lauf der vergangenen Monate war sie noch stärker geworden. Ich hatte das Gefühl, dass etwas auf mich zukam, etwas Großes, Erschreckendes, fühlte mich aber seltsamerweise zugleich getröstet und geborgen.

Während ich noch in den Spiegel starrte, verschob sich plötzlich die Realität, mein Gesicht wechselte flackernd zwischen meinen menschlichen Zügen und denen des Panthers. Ich wappnete mich, denn ich wusste, was jetzt kam.

Und dann war er da, Hi'ran. Der Herbstkönig stand hinter mir. Menolly und Iris konnten ihn nicht sehen, aber für mich war er da. Er lächelte mich mit diesen bleichen, vollen Lippen an, und das lange dunkle Haar floss wie eine Spur aus Frost und Silber über seinen Rücken.

Er legte mir die Hände auf die Schultern, und ich ließ mich mit dem Rücken an ihn sinken. Die Energie, die aus seinen Fingern strömte, verlockte mich dazu, mich in seine Arme zu stürzen.

»Ich habe heute Nacht an dich gedacht. Ich spüre, dass du mich brauchst.«

Hi'ran beugte sich herab - er war so groß, und sein Umhang war schwarz, bedeckt mit feurigem Herbstlaub, das unablässig von seiner Krone fiel. Als sein Gesicht sich meinem näherte, sah ich mein Spiegelbild in seinen Augen, umgeben vom Glitzern der Sterne, das über den Abgrund der Welt hinwegschimmerte wie ein Echo.

Ich sog seinen Duft ein. Herbstfeuer und Friedhofserde, längst getrocknete Tinte und vergilbtes Papier, der Geruch von Moder und Fäulnis, Kröten und Moos ... all das umwehte mich als berauschende Mischung, die mein Herz rasen ließ.

»Ich bin traurig«, flüsterte ich. »Ich verliere meinen Liebsten. Es geschieht so viel auf einmal, und ich glaube nicht, dass unser Band den aufziehenden Sturm überstehen kann.«

»Du verlierst nicht deinen Liebsten«, raunte Hi'ran, und ich spürte seinen Atem wie einen Schwall kühler Herbstluft an meiner Haut. »Du schaffst Platz. Halte die Augen offen, meine Schöne. Und deinen Geist. Denke an die Form meiner Lippen, den Duft von altem Leder und Erntefesten, an den Hauch von Rauhreif in meinem Atem. Lausche auf das Lied, das dein Mal singt, wenn ich in der Nähe bin.«

Damit beugte er sich herab und pustete sacht auf die glänzende schwarze Mondsichel. Ein Beben durchlief meinen Körper wie eine Harfe und ließ mich vibrieren, Saite für Saite. Ich stieß ein langgezogenes Stöhnen aus, ich wollte ihn, wollte mich ihm ganz hingeben, selbst meinen Atem. Er drehte mich herum, senkte langsam die Lippen auf meine herab und schloss mich in die Arme.

Die Welt begann sich zu drehen wie ein Strudel aus Leben und Tod, Blut und Knochen, Blätter in einem Wirbelsturm. Auf seiner Zunge schmeckte ich Cognac, Wacholder und Eintopf mit geräuchertem Wild. Während ich in seinem Kuss versank, raste ein eisiges Feuer durch mich hindurch, erfüllte mich bis in den letzten Winkel, und meine Brüste begannen zu kribbeln und setzten meinen ganzen Körper in Flammen.

Ich presste mich an ihn. Er schob ein Bein zwischen meine Knie, und ich öffnete mich ihm, aber er griff nicht nach mir, sondern bot es mir nur dar, damit ich mich an ihm reiben konnte, während er mir mit einem starken Atemzug das Leben aus dem Leib sog. Während ich nach Luft rang, presste er die Lippen wieder auf meine und blies mich sanft zurück in meinen Körper, und ich kam mit einem leisen Wimmern.

Der Orgasmus breitete sich in mir aus wie geschmolzene Butter, warm und köstlich, so satt wie glühende Lava und knisternd wie ein Kaminfeuer. Ich keuchte auf, als er meinen Hals küsste und seine Zunge jeden Nerv in meinem Körper zum Beben brachte.

»Meine lebende Braut, meine lebende Braut«, murmelte er, und seine Hände umfingen vorsichtig meine Taille. »Ich kann dich nicht nehmen. Noch nicht - wenn ich es täte, würdest du sterben. Aber ich will dich. Es wird einen Weg geben, und dann, eines Tages, wirst du in meiner Welt bei mir sein.«

»Du hast gesagt, du willst, dass ich dir einen Erben gebäre - aber wie sollte das gehen, wenn du nicht... wenn wir nicht... « Ich starrte in seine Augen, gebannt von seinem Zauber.

»Oh, keine Sorge, es wird geschehen, aber nicht ganz so, wie du es erwartest. Bis dahin weine nicht mehr, mein reizender Panther. Weine nicht mehr.« Dann wich Hi'ran zurück, und ich streckte die Hände nach ihm aus. In seiner Welt schien alles so einfach zu sein - entweder Leben oder Tod. Er war einer der Schnitter, ein Avatar des Todes, und es wäre so leicht gewesen, ihm einfach in seine Welt zu folgen.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du hast noch so viel zu tun, ehe ich daran denken darf, dich zu mir zu holen und dich mir zur Seite zu setzen. Aber ich werde immer bei dir sein, dich immer spüren und immer wissen, was du denkst.« Und dann, binnen eines Wimpernschlags, war er verschwunden.

»Delilah? Delilah! Alles in Ordnung?«

Menollys Stimme drang zu mir durch und holte mich in die Gegenwart zurück. Ich drehte mich um, und sie sprang zurück und fuhr die Fangzähne aus. Dann bekam sie sich in den Griff und schloss hastig den Mund.

»Ich bin ...« Ich errötete und fragte mich, ob ich ihnen eine kleine Show geliefert hatte. Iris sah mir die Befürchtung an und schüttelte den Kopf.

»Du brauchst es nicht zu erklären«, sagte sie, um Fragen zu unterbinden. »Wir können es an dir spüren. Du warst bei ihm. Du warst in Trance.«

Ich nickte. »Ja.« Langsam führte ich die Hand an meinen Hals, wo die Haut noch vom Spiel seiner Zunge kribbelte.

Menolly beugte sich vor und musterte mich mit einem langen Blick. »Muss ja eine interessante Botschaft gewesen sein, wenn man deinen Hals so ansieht.«

Ich drehte mich zum Spiegel um und sah den riesigen Knutschfleck, den seine Küsse hinterlassen hatten. »Ah, ja ... kann man wohl sagen.« Ich lächelte und lief dabei rot an.

Und dann fiel all der Zauber von mir ab. Ich sank zu Boden, erschöpft von dieser Nacht, immer noch nach Skunk stinkend, mit Punkfrisur und der Aussicht auf ... na ja, was immer der Herbstkönig für mich geplant hatte.

»Alles ist so durcheinander. Chase hat sich sehr verändert, seit er den Nektar des Lebens getrunken hat...«

»Du und Camille, ihr habt ihm das Leben gerettet. Ohne das Elixier wäre er gestorben.« Iris wuselte geschäftig herum und beseitigte die abgeschnittenen Haare.

»Im Moment ist er mir jedenfalls nicht gerade dankbar dafür. Ich glaube, dass es ihn umgehauen hat, zu erkennen, was das wirklich bedeutet. Und dann ohne jede Vorbereitung - ich kann dir sagen, das ist nicht hilfreich. Ich habe das Gefühl, dass sich über mir irgendetwas zusammenbraut. Der Herbstkönig hat Pläne ...« Ich konnte Hi'rans Namen nur ihm gegenüber aussprechen - er war ein Geheimnis zwischen uns beiden, und nur ich kannte ihn.

»Was hat Chase denn gesagt?«

Ich schüttelte den Kopf. »Um ehrlich zu sein, wollte ich gar nicht richtig zuhören. Er war so steif, so distanziert. Ich komme mit seiner existenziellen Angst im Moment einfach nicht klar. Das macht mich zu einer miserablen Freundin, nicht?«

»Nein, dass macht dich zu einer halb menschlichen Frau. Wenn du eine reinblütige Fee wärst, wäre er längst Geschichte.« Iris setzte sich neben mich auf die Fußbank. »Schätzchen, Chase braucht mehr Hilfe, als du ihm geben kannst. Lass Sharah mit ihrer Magie daran arbeiten. Sie ist dafür ausgebildet, in solchen Fällen zu helfen.«

»Dann ist er bei ihr wohl in besseren Händen. Ich lasse ihn lieber in Ruhe.« Der Gedanke schmerzte mich immer noch, aber ich konnte es mir nicht leisten, noch mehr Kraft darauf zu verschwenden. Ich war schon ganz erschöpft von meinen Bemühungen, zu helfen, wo meine Hilfe nicht erwünscht war.

Während wir da im Schein der Tiffany-ähnlichen Lampen herumsaßen, die Morio in einem Trödelladen gefunden hatte, ging die Haustür auf, und Camilles Lachen hallte durch den Flur. Mühsam rappelte ich mich vom Boden auf und setzte mich in einen Sessel, doch als sie ins Wohnzimmer gerauscht kam, reichte ein einziger Blick in mein Gesicht, und sie ließ ihren Umhang über die Lehne des Schaukelstuhls fallen, setzte sich neben mich und packte meine Hand.

»Was ist passiert? Schlimme Neuigkeiten? Hast du etwas von zu Hause gehört?«

Das war ihre Art zu fragen, ob unser Vater uns über den Flüsterspiegel eine Nachricht geschickt hatte. Es widerstrebte mir, ihre hoffnungsvolle Seifenblase zerplatzen zu lassen, und ich schüttelte knapp den Kopf. »Nein, Süße, keine Nachrichten. Nicht, dass ich wüsste.«

Sie fuhr zurück und starrte mich an. »Was zum Teufel hast du mit deinem Haar gemacht?« Dann brach sie in Lachen aus. »Gefällt mir - du siehst aus wie ein Punk! Das steht dir phantastisch! Aber, puh, Iris hatte recht.« Sie wedelte sich mit der Hand vor dem Gesicht herum und rümpfte die Nase. »Das Stinktier hat dich voll erwischt.«

»Ja, aber es ist schon besser geworden.« Als ich aufstand, drängten Camilles Männer ins Wohnzimmer. Zumindest waren sie höflich genug, sich Kommentare über meine neue Frisur und das außergewöhnliche Parfüm zu verkneifen. Aber mir entging nicht, dass Smokys Lippen sich zu einem Lächeln verzogen und Morios Nase zuckte. Trillian erbot sich einfach, Iris die Schale mit den Überresten abzunehmen und in die Küche zu bringen.

»Und ... willst du es so lassen?« Camille ging einmal um mich herum und begutachtete meine Frisur. »Gefällt mir wirklich. Du siehst damit reifer aus.«

Ich lächelte schwach. »Ich weiß nicht. Vielleicht. Alles verändert sich, alles ist in Bewegung.«

Als ich wieder in den Spiegel sah, flackerte mein Spiegelbild. Es war, als überlagerten mein Panther- und mein Kätzchenanteil mein eigenes Gesicht. Alle drei Seiten meines Selbst traten hervor und verschwammen miteinander, als die Tätowierung auf meiner Stirn leuchtend rot aufflammte, um gleich darauf wieder schwarz zu schimmern. Eine Hitzewelle überlief mich, und ich hielt mich am nächststehenden Sessel fest, um nicht umzukippen.

»Verdammt, was war das?« Mein ganzer Körper schien zu kochen, und ich legte den Kopf in den Nacken, als mir der Schweiß ausbrach. So ähnlich hatte ich mich gefühlt, als ich zum ersten Mal meine Panthergestalt angenommen hatte, aber das hier war weniger Verwandlungsenergie, sondern eher ... als wäre ich zur Flammensäule geworden.

»Scheiße, was ... was passiert mit mir?« Dann wurde alles dunkel, und das Letzte, was ich spürte, war der Boden, der mir entgegenkippte.