Kapitel 16
Ach du Scheiße.« Ich wich zurück.
Van, ein nichtssagender, bleicher Mann, trat vor. Der unauffällige Eindruck verflog, als eine Woge magischer Macht uns überrollte. Verdammt. Der Kerl war stark. Camille schnappte nach Luft, und mir wurde klar, dass sie seine Energie noch viel mehr spürte als ich.
»Ist der übel?«, raunte ich ihr zu.
»Ja ... ganz übel.« Sie rückte dichter an mich heran.
Aus dieser Lage gab es kein glimpfliches Entkommen. Wir konnten uns jedenfalls nicht herausreden, was ihr zertrümmertes Labor anging, das stand fest. Ich ließ mein Stilett aus dem Ärmel vorschnellen und jammerte innerlich nach Lysanthra. Aber ich hatte schon gekämpft, ehe ich sie geführt hatte, und wenn es sein musste, auch mit bloßen Händen.
Camille holte tief Luft, und ich warf ihr einen Blick zu. Sie rief die Energie des Gewitters herab, das draußen gerade losbrach. Sie konnte nicht nur die Mondmutter beschwören, sondern auch Blitze. Sie hatte eine Schwäche für diese zackigen Energiestöße, und die Blitze wiederum hatten Camille ein bisschen zu gern.
Van hielt den Blick auf uns gerichtet und fragte Jaycee: »Was meinst du, wie viel wir für die beiden bekommen?«
Sie musterte uns von oben bis unten wie zwei Brathühnchen. »Zwei von den dreien? Mehr als wir erwarten würden, schätze ich, aber wir dürfen es nicht darauf ankommen lassen. Die Chefin soll doch nicht glauben, wir wollten nur den Preis in die Höhe treiben. Wenn sie auch nur den Verdacht hegt, wir würden sie übers Ohr hauen wollen, sind wir geliefert.«
»Wovon sprecht ihr?« Ich bewegte mich leicht, um genau die richtige Position zu finden. Es war offensichtlich, dass sie uns nicht erlauben würden, einfach davonzuspazieren.
»Anscheinend hat eine gewisse Dämonengeneralin, für die wir arbeiten, ein hübsches Sümmchen auf eure hübschen Köpfchen ausgesetzt«, antwortete Van. »Wir planen diesen Moment - oder zumindest einen ähnlichen - schon seit zwei Wochen. Unsere einzige Befürchtung war, dass die anderen Rekruten uns bei euch zuvorkommen könnten.«
Die Bedeutung seiner Worte traf mich wie ein kalter Schwall, und ich schwankte einen Augenblick lang. Dann fand ich wieder festen Stand, breitbeiniger als vorher. »Ihr arbeitet also für Stacia.«
»Das ist eine Falle.« Camille seufzte leise. »Die Kojote- Wandler, der Wolfsdorn ... alles nur, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen und uns zu euch zu locken ? «
»Nein, das mit den dämlichen Kojoten war pures Glück. Die wollten Wolfsdorn, um jeden Preis. Da haben wir beschlossen, euch damit aus der Reserve zu locken. Früher oder später musstet ihr ja darauf aufmerksam werden. Schließlich steckt ihr eure Nasen in alles rein, was in dieser Stadt vor sich geht. Wir brauchten nur ein wenig Geduld. Und je mehr Werwölfe wir inzwischen bekommen haben, desto mehr Rohstoffe konnten wir gewinnen, und desto mehr Profit haben wir obendrein gemacht. Alles, was wir für den Wolfsdorn einnehmen, ist unser persönlicher Gewinn.«
Verdammt... aber einen Vorteil hatten wir. Offenbar ahnten sie nicht, worauf die Kojoten es in Wahrheit abgesehen hatten, was bedeutete, dass sie nichts von Amber und dem
Geistsiegel wussten. Denn wenn Stacia erfahren hätte, dass wir dem sechsten Siegel auf der Spur waren, hätten wir sie persönlich im Nacken gehabt.
»Was habt ihr mit uns vor?« Ich versuchte abzuschätzen, was für Zauber sie so aus dem Ärmel schütteln konnten. Camille wusste das sicher besser als ich, aber vor den beiden konnte ich sie schlecht danach fragen. Die Sprengfalle an der Tür war eine deutliche Warnung gewesen, dass wir es hier nicht mit Anfängern zu tun hatten.
»Tja, das hängt ganz von euch ab - ob ihr brav mitkommen oder dummerweise euer Glück versuchen wollt.« Van trat vor, ein verschlagenes, boshaftes Lächeln auf den Lippen. »Hach, das wird ein Spaß, was, Jaycee?«
Jaycee schob sich hinter ihn und bewachte die Tür. »Ja, mein Lieber. Wir werden uns großartig amüsieren.« Ihre Augen leuchteten vor sadistischer Vorfreude.
»Bereit?«, raunte Camille so leise, dass selbst ich sie kaum hören konnte.
Ich neigte ganz leicht den Kopf.
»Nach links«, sagte sie.
Ich sprang beiseite, und Camille ließ es krachen.
Ein Blitz traf die Hauswand und zuckte durch den Keller. Unter lautem Kreischen und Bersten splitterte der Holzboden, als der Blitz direkt vor Van einschlug und ihn nur um wenige Finger breit verfehlte. Donner erschütterte das Fundament, der Boden wackelte, und die Spannung pfiff und zischte so heftig, dass es mir in den Ohren knackte.
Camille trat vor, ein dunkles Funkeln in den Augen. »Willst du nicht mehr mit mir spielen, Bürschchen?«
Van lachte. »Ich spiele gerne Ball ... hier, fang.« Ein Ball aus grellem Licht schoss knisternd aus seinen Händen hervor und direkt auf sie zu. Der Kugelblitz schien feine Fühler nach Camille auszustrecken.
Sie wich zur Seite aus, während ich auf Van zulief, mit einem Salto über seinen Kopf hinwegschnellte und vor Jaycee landete. Ehe die reagieren konnte, rammte ich ihr die Handfläche gegen die Nase, und das Knacken brechender Knorpel klang wie Musik in meinen Ohren. Blut lief an meiner Hand herab. Im Zurückweichen packte ich eine Handvoll von ihrem langen Haar und riss sie daran herum, so dass sie gegen die Wand geschleudert wurde.
»Miststück.« Ihre Stimme klang durch die blutige Nase gedämpft, aber sie sah nicht so aus, als litte sie irgendwelche Schmerzen. Gar nicht gut.
Was zum Teufel war sie bloß? Kein Mensch konnte einen solchen Schlag einstecken, ohne irgendeine Reaktion darauf zu zeigen. Ich hielt es für klüger, die Antwort auf diese Frage nicht abzuwarten. Ich ließ das Stilett durch die Luft zischen und zielte auf ihre Kehle.
Im nächsten Augenblick bewegte ich mich wie durch Götterspeise. Meine Hand mit der Klinge kam so langsam voran, als rührte ich mich gar nicht.
Jaycees Augen glommen auf. Sie lachte leise, und ihre Nase hörte schlagartig zu bluten auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie ansonsten keine Spuren im Gesicht trug. Gar keine.
»Du spielst gern hart, was?« Jaycee öffnete den Mund, und ehe ich mich versah, schnellte eine Art zusammengerollte Zunge aus Dampf aus ihrer Kehle hervor. Sie schlang sich um meinen Hals.
Ich versuchte den Brodem wegzuwedeln, merkte aber dann, dass sich das weißliche Gas verfestigte - es nahm körperliche Form an und packte mich so fest, dass ich kaum noch Luft bekam. Ein Konstriktor. Verdammt!
Ich grub die Fingernägel in das Ding und versuchte es zu lockern. Camille stieß einen schrillen Schrei aus, und ich hörte Van zur Antwort heiser lachen. Ich verdrehte mir den Hals, um nachzusehen, was da passierte, aber die dämonische Schlange würgte mich noch fester, und vor meinen Augen tanzten dunkle Flecken. Als der Raum um mich grau zu verschwimmen begann, fiel ich auf die Knie. Schon beinahe bewusstlos, erregte eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Weiße Schwingen donnerten über mich hinweg, und der Boden bebte erneut.
Und dann lag ich japsend auf der Seite, und köstliche Luft strömte in meine Lunge. Stimmen hallten durch den Raum. Jemand packte mich bei der Hand und riss mich auf die Füße.
Ich blinzelte und erkannte Vanzir - doch schon im nächsten Moment schob er mich zur Seite und wirbelte als verschwommener Schemen davon. Ich versuchte mich in dem Chaos um mich herum zu orientieren, und dann dämmerte mir, dass Smoky, Vanzir, Trillian und Morio gegen Jaycee und Van kämpften. Doch kaum hatte ich das begriffen, da lösten die beiden sich in Luft auf. Wir sechs waren allein im Keller.
»Camille? Was ist mit Camille?« Ich taumelte los und suchte nach meiner Schwester, panisch vor Angst, sie könnte entführt worden sein.
»Ich bin hier, Kätzchen.« Sie humpelte hinter der Plattform mit dem Becken hervor, die mitten im Raum stand. Sie blutete von Kopf bis Fuß aus Hunderten kleiner Schnittwunden.
»Was zum Teufel ...?«
»Van hat mich in die Scherben auf dem Boden gestoßen und mich darin herumgewälzt.« Sie verzog das Gesicht. Scharfe Glassplitter, manche kaum sichtbar, andere so groß wie Spielkarten, steckten in ihrer Haut.
»Heiße Scheiße, du siehst übel aus.«
Smoky warf einen einzigen Blick auf sie und stieß ein kurzes Schnauben aus. Er wandte sich an Trillian und Morio. »Bringt sie zu Sharah. Sofort.«
»Und wo willst du hin?«, fragte ich, weil mir plötzlich bewusst wurde, was hier auf Messers Schneide stand.
»Das geht dich nichts an.« Er warf mir einen frostigen Blick zu und verschwand dann im Ionysischen Meer. O Scheiße, das würde Tote geben.
»Dir ist doch klar, was das bedeutet, oder? Stacia hat eine Belohnung auf uns ausgesetzt. Jeder böse Bube, der was auf sich hält, wird das Kopfgeld kassieren wollen.« Ich ließ mich auf die Kellertreppe sinken.
»Ja, das ist mir klar.« Camille lehnte sich vorsichtig an einen Tisch und biss sich auf die Lippe. »Unser Leben dürfte jetzt derart kompliziert werden, dass wir uns nach den guten alten Zeiten sehnen werden, als wir es nur mit Degath-Kommandos zu tun hatten. Aber fürs Erste sollten wir verdammt noch mal endlich diese Kojote-Wandler aufspüren und das Geistsiegel an uns bringen, ehe Stacia etwas davon mitbekommt.«
»Ich glaube, da können wir euch weiterhelfen.« Morio begann Glassplitter aus Camilles Haut zu ziehen. Sie zuckte zusammen, sagte aber nichts, obwohl ihr das Blut über die Arme und an den Rückseiten der Oberschenkel hinabrann. Ich schauderte bei der Vorstellung, wie lange es dauern würde, sie von all dem Glas zu befreien. »Marion hat zu Hause angerufen, nachdem ihr das Café verlassen hattet. Offenbar hat sie mit einer Freundin gesprochen, die wiederum ... also, um es kurz zu machen: Wir haben eine Adresse.«
»Den Göttern sei Dank. Das ist der erste Lichtblick seit Tagen. Und wohin zum Kuckuck sind Jaycee und Van verschwunden? Und was sind die beiden eigentlich?« Mir drehte sich der Kopf, so viel war heute schon passiert.
»Du erkennst sie immer noch nicht, wenn du sie vor der Nase hast, oder?« Vanzir schüttelte den Kopf.
»Spiel nicht den Geheimnisvollen. Das kauft dir keiner ab«, erwiderte ich und funkelte ihn an. »Wir haben keine Zeit für Rätselspielchen.«
»Sie sind Treggarts. Sehen aus wie Menschen, sind aber Dämonen. Da sie obendrein Hexer sind, könnt ihr beide von Glück sagen, dass ihr noch am Leben seid.«
»Ihr Geruch hat mich schon an Dämonen erinnert, aber ... warum habe ich das nicht an ihnen gespürt?« Camille erstickte einen Aufschrei, als sie sich eine besonders fies aussehende Glasscherbe aus dem Oberschenkel zupfte. »Verdammt, tut das weh. Jetzt weiß ich, wie sich eine Zwiebel im Zerkleinerer fühlt.«
»Die beiden waren sehr wahrscheinlich maskiert. Derart mächtige Hexer können ihre Dämonennatur leicht verhüllen, also macht euch keine Vorwürfe. Sieht allerdings so aus, als hättest du auch fleißig mit Zaubern um dich geworfen, Süße. Du solltest in Dachfenster machen.« Vanzir blickte zu dem riesigen Loch in Kellerdecke und Hauswand hoch, das der Blitz in die Mauern gesprengt hatte. Dann musterte er Camille rasch von oben bis unten. »Wir schaffen dich jetzt besser zum Arzt.«
»Ah, ja, ich glaube, das wäre angebracht.« Sie humpelte ein paar Schritte auf die Kellertür zu, sog zischend den Atem ein und blieb stehen. »Bei jedem Schritt bohren sich die Splitter tiefer hinein. Die Treppe wird die Hölle.«
»Ich bringe dich hin.« Roz war schon an ihrer Seite und schlang vorsichtig einen Arm um ihre Taille. »Ich bringe dich übers Ionysische Meer zum AETT-Hauptquartier. Und ihr überlegt euch inzwischen, was wir als Nächstes tun sollten. Bin bald zurück.«
»Moment«, sagte sie, fischte ihren Autoschlüssel aus der Tasche und warf ihn mir zu. »Okay. Bringen wir es hinter uns.«
Roz schloss die Augen, die beiden waberten kurz in der Luft und verschwanden dann. Das Ionysische Meer war nicht die angenehmste Art, Entfernungen zurückzulegen, und Smoky und Roz nahmen uns nur mit, wenn es unbedingt sein musste. Im Notfall war die blitzschnelle Reise durch die frostigen Astralreiche allerdings sehr praktisch.
Vanzir, Trillian, Morio und ich stiegen die Treppe hinauf. Hier gab es nichts mehr für uns, nur Trümmer und Scherben. Die beiden hatten den Rest des Hauses wahrscheinlich nie benutzt, nur das Labor im Keller. Und diese flache Wanne auf dem Podest, in der sie ... Bilder von Paulos verstümmeltem Leichnam standen mir vor Augen, und ich presste die Lippen zusammen. Wir würden sie aufspüren und sie vernichten. Und die Koyanni aufhalten, wo wir schon mal dabei waren.
Draußen lehnte ich mich an Camilles Lexus. »Wohin? Ich hätte gern Menolly dabei, wenn wir uns die Kojoten vornehmen. Sie wäre ungeheuer nützlich, falls wir in eine Situation geraten, in der wir alle die Luft anhalten müssen. Wir haben jetzt ihre Adresse, aber ohne Menolly und Smoky sind wir zu wenige. Camille wird wohl wieder eine Weile ausfallen, wenn mich nicht alles täuscht.«
»Sie ist bestimmt bald wieder fit, wenn sich die Schnittwunden nicht entzünden. Aber sie wird Schmerzen haben. Du weißt doch, dass sie niemals zu Hause bleiben wird, während wir Übrigen uns in Gefahr begeben. Fahr du zum AETT- Hauptquartier und schau nach ihr. Wir fahren inzwischen zu der Adresse, die Marion uns genannt hat, und versuchen, so viel wie möglich herauszufinden. Wir können ja mal an dem Haus vorbeifahren, es uns näher ansehen ... Jede Kleinigkeit könnte uns jetzt einen Vorteil bringen.« Vanzir winkte mir zu und ging mit Morio und Trillian zu Morios SUV.
Ich sah ihm lange nach. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, wie wir den symbiontischen Halsreif entfernen könnten, würde ich inzwischen ernsthaft daran denken. Vanzir hatte sich seinen Platz in unserer Mitte verdient, doch der Knechtschaftsbann galt für den Rest seines Lebens. Er war unser Sklave und würde niemals frei sein. Aber wir vertrauten ihm immer mehr. Mit einem letzten Blick über die Schulter stieg ich in Camilles Wagen und machte mich wieder einmal auf zur Notaufnahme.
Sharah grinste, als sie mich hereinkommen sah. »Nicht schon wieder! Was ihr beiden nur habt? Allmählich glaube ich, es gefällt euch hier zu gut.«
»Wie geht es ihr?« Ich blickte mich nach Chase um, aber falls er hier war, dann in seinem Büro, nicht im Kliniktrakt.
»Wir sind immer noch dabei, jeden Splitter einzeln mit der Pinzette zu ziehen. Es sind so viele, dass es wohl noch eine ganze Weile dauern wird. Die ersten zwanzig Minuten lang haben wir mit klarem Klebeband gearbeitet - wir haben es vorsichtig an ihre Haut gedrückt und dann abgezogen. So haben wir die größeren Scherben und viele von den kleineren
Splittern herausbekommen. Ein Glück, dass sie sich offenbar erst kürzlich die Beine rasiert hat, das kann ich dir sagen.« Sharah biss sich auf die Lippe und sagte dann: »Ich muss etwas mit dir besprechen. Die anderen sind noch mit ihren Pinzetten zugange, also musst du sowieso noch eine Weile auf Camille warten.«
Ich folgte Sharah zu ihrem Büro und fragte mich besorgt, ob Camille womöglich doch mehr abbekommen hatte als die unzähligen Schnittwunden. »Was fehlt ihr denn? Wird sie wieder gesund?«
»Camille? O ja - die Verletzungen werden schmerzen und wahrscheinlich ein paar kleine Narben hinterlassen, aber sie kommt schon wieder in Ordnung. Es geht um etwas anderes - etwas Persönliches.« Sie seufzte tief und setzte sich, aber nicht hinter ihren Schreibtisch, sondern neben mich auf den zweiten Stuhl davor. »Delilah, ich muss dich etwas fragen, und das wird dir wahrscheinlich nicht gefallen, aber ich kann nicht länger schweigen. Ich muss es wissen.«
Sharah war immer freundlich, aber sie vertraute uns normalerweise nicht ihre Probleme an, und wir hatten nie wirklich persönlich miteinander gesprochen, bis Chase in der Notaufnahme gelandet war.
»Was ist los? Geht es Chase nicht gut?«
»Darüber könnte man streiten. Wir werden noch lange nicht abschätzen können, welche Wirkungen der Nektar des Lebens letztlich auf ihn haben wird. Aber, nein, darüber wollte ich nicht mit dir sprechen. Nicht direkt. Ich weiß, dass ihr euch getrennt habt - er hat es mir gesagt. Er hat mir auch gesagt, dass die Trennung von ihm ausging und der Grund dafür nichts mit dir zu tun hat.« Sie räusperte sich und fühlte sich sichtlich unbehaglich.
»Äh ... ja. Das ist alles richtig.«
»Ich weiß, dass er nicht bereit ist für eine Beziehung, aber glaubst du ... wenn er so weit ist... willst du dann wieder mit ihm zusammen sein?« Sie blickte zu mir auf, und da sah ich es in ihren Augen. Ich entdeckte in ihrem Blick dieselben Gefühle, die ich am Anfang empfunden hatte, als der Reiz des Neuen nachließ und sich dafür echte Zuneigung einstellte. Sharah ist in Chase verliebt.
Verdammmich. Wie sollte ich darauf reagieren? Kannte ich die Antwort auf ihre Frage überhaupt? Wir hatten uns erst vor ein, zwei Tagen getrennt. War ich bereit, die Hoffnung auf ein Leben mit ihm für immer aufzugeben? Ich erforschte mein Herz und merkte, dass ich die Antwort doch schon kannte - obwohl ich nie damit gerechnet hätte, dass ich so empfinden würde.
Ich hob die Hand und strich ihr sacht über die Wange. »Du hast Gefühle für ihn, nicht wahr?«
Sie errötete - an einer Elfe wirkten flammend rote Wangen nicht unbedingt attraktiv - und zuckte leicht zusammen. Das verriet mir, dass sie sich vor meiner Reaktion fürchtete.
»Es ist doch in Ordnung, wenn du mir sagst, was du empfindest. Bitte, ich würde es lieber wissen. Nach der Sache mit Erika kann ich auf Heimlichtuerei wirklich verzichten.«
»Bitte glaub nicht, ich wäre wie sie. Ich würde nie, niemals, jemanden so hintergehen.« Sie schlug die Augen nieder.
»Das weiß ich. Ich ... wollte damit sagen, dass ich lieber von vornherein Bescheid weiß. Also, liebst du ihn?«
»Ja«, flüsterte sie. »In den vergangenen zwei Jahren, seit ich mit ihm zusammenarbeite, habe ich ... ihn sehr liebgewonnen. Ich sehe all das Gute in seinem Herzen, obwohl er selbst nicht weiß, was er damit anstellen soll, und immer wieder Mist baut. Er liebt dich wirklich, Delilah, aber ich glaube ... ich glaube, er ist nicht sicher, ob er sich selbst liebt.«
Ich schloss die Augen und lauschte meinem Schmerz. Es tat weh, von ihr zu hören, dass sie ihn liebte, aber es fühlte sich nicht an wie der Schmerz, betrogen worden zu sein. Nicht wie der Schmerz, verlassen zu werden. Es tat einfach weh, loszulassen.
»Er weiß nicht, was du für ihn empfindest, oder?«
Sie schüttelte den Kopf. »Und ich werde es ihm nie sagen, falls ihr euch nur vorübergehend getrennt habt, weil er eine Pause braucht. Ich würde mich nie dazwischendrängen und versuchen, ihn dir wegzunehmen. Und auch wenn es mit euch beiden als Paar wirklich aus ist, verspreche ich dir, dass ich kein Wort zu ihm sagen werde, bis er so weit ist - falls er es überhaupt schafft.«
Ich fasste sie sanft bei den Schultern und blickte in ihr jungenhaftes Gesicht. Sie war wirklich sehr schön, auf eine bleiche, atemlose Art. Ätherisch, und zugleich so praktisch veranlagt. Sie war mutig und stark, aber sanftmütig genug, um einen Mann wie Chase nicht zu verunsichern.
»Sharah, Chase und ich hatten eine schöne Zeit. Wir haben viel voneinander gelernt, und wir werden immer Freunde bleiben. Ich werde ihn immer lieben, und er mich wahrscheinlich auch, aber ... ich glaube nicht, dass wir je wieder ineinander verliebt sein werden. Wenn du das Gefühl hast, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist, zögere nicht meinetwegen. Sei mutig und rede mit ihm. Vielleicht bist du genau die Frau, die er braucht, denn ich bin es nicht.«
Ihre Augen strahlten plötzlich, und ich dachte, sie würde gleich in Tränen ausbrechen. Da wusste ich, dass ich das Richtige getan hatte. An meinem inneren Ohr flüsterte der Nordwind mit Hi'rans Stimme: »Sei nicht bekümmert, mein Liebling. Du wirst niemals einsam sein. « Dann verstummte er, und ich lächelte Sharah traurig an.
»Er wird mir fehlen, wenn er nicht mehr so oft bei uns zu Hause ist. Aber ganz gleich, wie sehr man jemanden liebt, manchmal funktioniert es einfach nicht.«
»Ja, ich weiß.« Sharah blickte zu mir auf. »Genau aus diesem Grund habe ich in Elqaneve jemanden verlassen. Er war ... zu festgefahren in seinen Ansichten. Mit meiner Versetzung in die Erdwelt war er ganz und gar nicht einverstanden. Er wollte, dass ich zu Hause bleibe und Kinder bekomme. Und das konnte ich nicht, obwohl ich ihn sehr geliebt habe.«
Ich lehnte mich zurück und lächelte sie an, und der nachdenkliche Ausdruck wich plötzlich von ihrem Gesicht. Vor mir saß eine Frau, die meinen Detective tatsächlich glücklich machen könnte. Sharah war keine ständige Herausforderung. Sie war stoisch und willensstark, aber bei ihr würde er nicht dauernd das Gefühl haben, kaum mithalten zu können, und sich um seiner Liebe willen immer wieder wie ein Schwächling vorkommen.
»Also«, sagte ich nach kurzem Schweigen. »Wollen wir mal nach meiner Schwester schauen?«
Damit war unser Gespräch beendet, und meine Zukunft mit Chase war geklärt und Vergangenheit.
Ehe ich in den Klinikbereich betrat, schaute ich schnell in der Einsatzzentrale vorbei.
»Chase zufällig da?« Ich hatte nicht die Absicht, Chase zu erzählen, worüber ich gerade mit Sharah gesprochen hatte, sondern ihm von Van und Jaycee zu berichten.
»Nein«, antwortete Yugi. »Es gab irgendeine Explosion in einem der Zauberläden, er ist in den Einsatz gefahren.«
Mir wurde eiskalt. Ich fragte. »Welcher Laden?«
Yugi schaute auf sein Klemmbrett. »Madame Pompey's Magical Emporium. Anscheinend hat irgendjemand das Geschäft in Schutt und Asche gelegt.«
Verdammt - das also hatte Smoky vorgehabt. Ich entschied mich dafür, lieber den Mund zu halten. Es wäre nicht gut, den Drachen zu verärgern. Vor allem, da er seine Frau beschützte.
Stattdessen fragte ich: »Sag mal, hat Andy Gambit mich eigentlich angezeigt?« Wenn ich schon mal hier war, konnte ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erledigen, fand ich.
Yugi schüttelte den Kopf. »Mach dir deswegen keine Gedanken - meine Männer haben sich noch ein bisschen mit ihm unterhalten, nachdem sie ihn euch aus dem Haus geschafft hatten. Aber, Delilah, dir ist doch klar, dass er die Geschichte im Seattle Tattier breittreten wird? Dieses Boulevardblättchen wird dich in Grund und Boden trampeln.«
Ich verzog das Gesicht und nickte. Er hatte recht, ich sollte mir das Schmierblatt vornehmen, sobald die Ausgabe der nächsten Woche im Briefkasten lag. Wir hatten es abonniert, um auf dem Laufenden zu bleiben, was diesen kranken Spinner anging. Eigentlich hatte er sich auf Camille eingeschossen, aber diesmal würde ganz sicher ich die Zielscheibe abgeben.
»Danke, Yugi. Sag Chase ... ach, grüß ihn einfach von mir, ja?«
Er nickte, und ich machte mich auf den Weg zu Camille. Sie saß aufrecht auf der Untersuchungsliege und sah reichlich mitgenommen aus. Man hätte denken können, sie habe sich rasieren wollen und dabei ungefähr hundertmal geschnitten.
»Vielleicht kann Roz' Wundersalbe verhindern, dass Narben zurückbleiben.« Ich schauderte, als ich den Haufen Scherben und Splitter in der großen Metallschale auf einem Rolltisch bemerkte. »Verdammt, das sieht übel aus. Habt ihr denn alles rausbekommen?«
»Wir glauben schon«, antwortete Mallen. »Zum Schluss musste ich einen der Heiler dazuholen, damit er mit einem Zauber die letzten Splitter herauszieht. Camille hatte solche Schmerzen, dass ich mit der Pinzette nicht weitermachen konnte. Wir haben einen speziellen Balsam aufgetragen, der hoffentlich dafür sorgen wird, dass die Wunden schnell verheilen und keine Spuren zurückbleiben. Aber ein paar Stellen mussten wir leider nähen. Du darfst zwei Tage lang nicht baden oder duschen, und zupf ja nicht an dem Schorf herum!«
Als wir das Gebäude verließen, lächelte Sharah mir zu und winkte. Ihre Augen strahlten, und zum ersten Mal seit Wochen hatte ich das Gefühl, mit mir und Chase im Reinen zu sein.