Kapitel 25

 

Spät am Abend versuchten wir immer noch zu begreifen, was passiert war. Es war noch zu früh, um über alles nachzudenken, was wir jetzt tun sollten, aber sobald der Schock abgeklungen war, würden wir genau planen müssen. Wir brauchten Hilfe, und ich wusste, dass ich demnächst Aeval einen Besuch abstatten und mir ihre Unterstützung sichern würde, koste es, was es wolle.

Ein Klopfen an der Haustür schreckte mich auf. Smoky ging zur Tür und kam mit einem seltsamen Gesichtausdruck wieder. »Du wirst im Wohnzimmer verlangt«, sagte er nur.

Als ich um die Ecke spähte, erlebte ich die Überraschung des Jahrhunderts. Da stand Derisa, die Hohepriesterin und Abgesandte der Mondmutter.

Derisa war über einen Meter neunzig groß, und das zum Zopf geflochtene Haar reichte ihr bis zu den Knien. Ihre feinen Gesichtszüge wirkten wie aus hellem Porzellan, und ihre Augen waren meerblau. Sie trug ein langes Gewand in einer Farbe irgendwo zwischen Schwarz und Indigo, bestickt mit Monden und Sternen aus gesponnenem Silber. Als sie mich sah, breitete sich ein Lächeln über ihr Gesicht. Derisa war diejenige, die mir den Eid abgenommen hatte in jener Nacht, als ich der Mondmutter die Treue geschworen hatte. Derisa hatte mich danach bei der Hand genommen und auf die Astralebene zu meiner allerersten Wilden Jagd geführt.

Ich kniete vor ihr nieder. Ich hatte mich noch nie im Leben so müde gefühlt und sehnte mich nach Erneuerung, nach Erholung vom ständigen Druck.

Sie beugte sich herab und berührte meine Schulter. »Steh auf.«

Ich erhob mich stumm und sonnte mich in ihrer Ausstrahlung. Derisa wirkte nicht nur Magie, sie war Magie. Ihre Energie wirbelte um mich auf und zog mich an sie, als sie mich umarmte. Sie duftete nach Flieder und Narzissen, nach weißen Gardenien in einer Sommernacht, und ich sog genüsslich ihren Duft ein, der die Tränen meines Herzens trocknete.

»Einige Zeit ist vergangen, seit wir uns zuletzt begegnet sind«, sagte sie, die Lippen ganz dicht an meinen, und sah mir tief in die Augen.

»Ich hätte nie erwartet, dich hier zu sehen«, flüsterte ich und konnte den Blick nicht von ihrem losreißen.

»Ich ebenso wenig«, entgegnete sie. Dann beugte sie sich vor und küsste mich auf den Mund, und ihre Zunge spielte sacht mit meiner. Ich gab mich ihrer Umarmung hin und ließ mein kummervolles Herz los. Wir waren Kinder derselben Göttin, Schwestern, die demselben Orden ihren Schwur geleistet hatten. Uns verband eine Macht, die viel stärker war als wir beide. Unter ihrem Kuss schmolzen meine Anspannung und meine Traurigkeit dahin und hinterließen eine köstliche, berauschende Entspannung. Ich roch ihren Duft, spürte ihre Macht und wollte ihr alles geben, worum sie mich auch bat. Einen Augenblick später richtete sie sich langsam auf. Mein Körper kribbelte, alle Erschöpfung war verflogen.

»Ich bringe dir deine Robe.« Sie reichte mir einen Koffer.

Mir stockte der Atem. Da lag es - das Gewand aus hauchfeinem Netzstrick, das nur die Priesterinnen der Mondmutter tragen durften. Das Gewebe war zart, durchscheinend, und Gold- und Silberfäden funkelten in dem Stoff von der Farbe prachtvoller Pfauenfedern: edle Blau-, Violett- und Grüntöne.

Das Gewand bestand aus zwei Teilen - einer kimonoartigen Robe, die über einem schulterfreien Kleid mit Nackenträger und eingenähtem Büstenhalter getragen wurde. Ich nahm das Kleid aus dem Koffer. Darunter lagen ein silberner Gürtel und ein Stirnband aus Silber und Bronze mit einer Mondsichel, die Hörner nach oben gekrümmt, auf einem runden Vollmond.

Mein ganzes Leben lang hatte ich eine vollwertige Priesterin werden wollen. Und jetzt hatte sich mein Wunsch erfüllt, obgleich ich den Preis dafür mit Blut gezahlt hatte. So viel Blut.

Ich hob den Kopf und sah Derisa in die Augen. »Ich musste das Schwarze Einhorn opfern, um mir dies zu verdienen, weißt du das?«

Sie lächelte, diesmal gütig. »Glaubst du denn, irgendeine Priesterin hätte ihre Robe jemals einfach so geschenkt bekommen? Wir haben sie uns alle verdient, schwer verdient. Du hast nicht nur ein Leben geopfert, Camille. Du hast dem schwarzen Phönix die Wiedergeburt geschenkt. Jetzt läuft er frei wie der Wind, denn im selben Augenblick, da du ihn getötet hast, kam er als Fohlen eines Einhorns tief im Diesteltann wieder zur Welt. Der König ist tot. Lang lebe der König.«

Und jetzt begriff ich es erst ganz. Der Kreislauf war nicht nur eine Metapher. Der Fürst der Dahns musste sterben, um neugeboren zu werden. Er war schwach geworden, und ein schwacher König muss geopfert werden, um in einem jüngeren, stärkeren Körper wieder aufzuleben. Zitternd fuhr ich mir mit der Zunge über die Lippen.

»Was soll ich jetzt tun? Unterweise mich. Ich brauche so viel Hilfe in der Schlacht, die uns bevorsteht. Wir haben so viele Feinde und schon die ersten Freunde verloren.«

Sie lachte. »Der Krieg ist niemals leicht. Ein Krieg muss blutig sein. Er sollte Leben kosten und Kummer bringen - wenn er das nicht tut, ist es allzu leicht, ohne guten Grund zu den Waffen zu greifen. Aber, ja, ich habe auch Anweisungen für dich. Du wirst für deine neuen Pflichten hier in der Erdwelt ausgebildet, da du im Moment unmöglich für längere Zeit nach Hause kommen kannst.«

»Hier? Wer könnte mich denn hier lehren, was ich wissen muss?« Und da erschütterte mich eine flüsternde Stimme aus meinem Herzen bis ins Mark.

»Du weißt es bereits, meine Liebe. Du weißt, wer dich unterweisen wird.«

»Nein ... nicht Morgana.«

Derisa lächelte ein wenig verschlagen. »Sie ist ausgebildete Priesterin und eine der Gründerinnen des Zirkels.«

»Aber ... wird sie mich überhaupt ausbilden wollen? Und Königin Asteria wird furchtbar wütend sein ...«

»Die Mondmutter schert sich nicht darum, was die Elfenkönigin denkt. Du wirst von Morgana ausgebildet. Und du wirst Aevals Hof deine Dienste anbieten, denn die Todesmagie, die du gerade erlernst, braucht die Energie der Nacht, um sich ganz zu verwirklichen. Du bist wahrhaftig eine Priesterin des Dunklen Mondes, meine Liebe. Nicht eine des Lichts.« Sie reichte mir ein Buch. »Hier ist dein Buch der Schatten und Rituale. Zeig es Morgana, damit sie weiß, worin sie dich unterweisen muss. Und wenn du mit deiner Ausbildung fertig bist, wirst du deinen Platz als erste Hohepriesterin der Mondmutter einnehmen, die die Erdwelt seit Tausenden von Jahren gesehen hat.« Derisa wandte sich zum Gehen.

Ich war verblüfft und konnte kaum aufnehmen, was sie tatsächlich sagte, so sehr fürchtete ich mich auf einmal. Was, wenn ich es vermasselte? Was, wenn ich die Ansprüche der Mondmutter nicht erfüllen konnte?

Derisa blieb vor der Tür stehen, drehte sich jedoch nicht um. »Bring deine Ängste zum Schweigen. Sie rauben dir deine Macht. Die Mondmutter hat dich erwählt. Das ist vorerst alles, was du wissen musst. Alles andere spielt dagegen kaum eine Rolle.«

Damit glitt sie aus dem Raum, aus dem Haus, und verschwand wie ein lebendiger Schatten in der Nacht.

 

Aufgedreht von der Begegnung mit Derisa, betrat ich mein Schlafzimmer. Meine Welt war binnen einer Woche schon so oft auf den Kopf gestellt worden, und nun stand ich vor einem weiteren Meilenstein: der Begegnung meiner drei Liebhaber, alle zusammen, in meinem Bett. Und ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Ich konnte nur beten, dass sie nicht meinetwegen einen Krieg anfingen.

Der Raum war in weiches Licht getaucht, und ich schnappte nach Luft, als ich mich umsah. Kerzen erhellten das Zimmer, lange Lüsterkerzen in Silber, Violett und Schwarz brannten in einem Dutzend Kerzenhalter auf der Kommode, meinem Toilettentisch und den Nachttischchen. Ein Himmel war über meinem Bett aufgestellt, mit glänzenden Seidenbahnen. Die gerafften Bettvorhänge gaben den Blick auf einen Teppich aus Rosenblättern auf der Tagesdecke frei. Sie erfüllten den Raum mit dem Duft des längst verflossenen Sommers. Romantik von der verführerischsten Sorte. Aber ich hatte das nicht arrangiert, also wer ... ?

Eine Bewegung an der Badezimmertür erregte meine Aufmerksamkeit. Smoky betrat den Raum in einer Robe, so silbrig wie der Mond. Er lächelte zärtlich.

»Gefällt es dir?«

»O ja, es ist wunderschön. Hast du das alles gemacht?«

Wieder durchströmte mich die Erleichterung - Smoky war zu Hause, bei mir, und er würde nicht wieder fortgehen.

»Nicht allein«, sagte er und wies mit einem Nicken über meine Schulter.

Ich drehte mich um. Morio trat hinter mir durch die Tür zum Flur, in seinem schwarzen Kimono mit goldener Stickerei.

»Meine Camille ... meine Herrin«, sagte er, nahm meine Hand und küsste sie. »Wir dachten, du könntest ein wenig Aufmunterung gebrauchen.«

Dankbar nickte ich. »Allerdings. Es funktioniert. Ich danke euch.«

»Eigentlich war das Trillians Idee«, bemerkte Smoky, und Trillian trat in einem Hausrock aus purpurrotem Samt ein.

»Trillian?«, stieß ich erstickt hervor. Ich hatte mir solche Sorgen wegen dieses Augenblicks gemacht - darum, wie sie miteinander auskommen würden, wenn wir alle zusammen waren. Darum, wie ich die potenziellen Landminen entschärfen könnte.

Er trat vor und strich mir über die Wange. »Da ich dich nun einmal werde teilen müssen und da ich dein erster und wichtigster Ehemann sein werde, dachte ich, dass wir drei lernen sollten, zusammenzuarbeiten. Zumindest im Schlafzimmer.« Trillians Lippen verzogen sich zu diesem arroganten, ironischen Lächeln, das ich so sehr liebte. Doch dahinter stand ein Angebot, und ich wusste, wie viel ihn das kostete.

Schweigend stand ich im Mittelpunkt meines Liebhaber - Dreiecks und schaute von einem zum anderen. Sie erwiderten meinen Blick still und abwartend. Meine Geliebten. Die Männer meines Herzens, die mich vervollständigten, die meine Stärken und meine Fehler akzeptierten, meine Leidenschaft und meine Tränen. Die in unserem Krieg gegen die Dämonen an meiner Seite kämpfen würden bis in den Tod.

Langsam begann ich mich auszuziehen, einen Knopf, ein Band, einen Fingerbreit nach dem anderen, bis ich schließlich meine Kleider beiseitewarf. Ich straffte die Schultern und stand nackt vor ihnen. Die Tätowierungen auf meinen Schulterblättern schimmerten im Kerzenschein. Die Kraft der Mondmutter durchströmte mich, aber es war die finstere Energie ihrer Phase als dunkle Mutter, blutig, verborgen, leidenschaftlich und magisch - Tod und Sex, die sich durchs Dunkel heranschlichen.

Ich bewegte mich leicht in Trillians Richtung, und er hob die Hand und liebkoste meine Brüste, während ich still vor ihm stand, ohne ihn zu berühren. Dann ließ er die Hand sinken und sah mir tief in die Augen.

»Was wünschst du dir, meine Liebste? Dies ist deine Nacht. Wir sind deine Diener.«

Ich zog ihn an mich und küsste ihn mit gierigen Lippen. Als seine Arme mich umschlangen, streifte ich ihm den langen Rock von den Schultern. Er ließ mich los, damit das lange Jackett von ihm abfallen konnte, und ich trat zurück, betrachtete ihn von Kopf bis Fuß und genoss den Anblick meines prachtvollen Svartaners. Steinharte Bauchmuskeln, kraftvolle Schultern und Haut so glatt wie dunkle Seide schimmerten im Kerzenschein. Seine Augen glitzerten - blau wie zugefrorene Seen.

»Du bist mein Alpha, mein Feuer und meine Leidenschaft, für immer und ewig«, sagte ich, und er neigte den Kopf.

Ich wandte mich halb um und ging zu Smoky. Zwei Strähnen seines Haars hoben sich und spielten mit meinem Nacken, meinen Lippen, meinem Haar. Ich atmete seinen Dult ein, den Geruch nach Drachen, nach Macht und Feuer. Dann breitete ich die Arme aus, und sein Haar hob mich hoch. Ich küsste ihn auf Augenhöhe und schob dann auch ihm die Robe von den Schultern.

Er ließ mich wieder herunter und stand vor mir, nackt, bleicher als bleich in der schimmernden Nacht, groß und stark und steif vor Verlangen.

»Du bist mein Drachenfürst und Beschützer«, flüsterte ich.

Dann trat ich vor Morio hin, und er griff nach mir - nicht mit den Händen, sondern mit einem Band aus Energie, das um mich herumwirbelte und kitzelnd über meine Oberschenkel, meinen Bauch und meine Hüften flatterte. Ich trat vor, umfasste sein Kinn mit der Hand und zog seine Lippen zu mir herab, um mich tief in die Energie seiner Dämonennatur hineinsinken zu lassen. Sein Kimono öffnete sich und hei sacht zu Boden.

»Du bist mein Gefährte, mein Priester im Licht der Mondmutter, mein finsterer Dämon«, sagte ich, und er kniete vor mir nieder und küsste mich auf den Bauch, einen Fingerbreit unter dem Nabel.

Ich trat zurück und betrachtete die drei, die nur darauf warteten, jedem meiner Wünsche zu gehorchen. Dies war die Nacht, in der wir unseren gemeinsamen Rhythmus finden konnten. Die Nacht, in der jeder von uns seinen Platz in dieser Beziehung finden konnte, die so viel mehr umfasste, als ich mir je hätte träumen lassen. Und in diesem Augenblick erkannte ich, wie vollkommen es war. Diese Männer würden mich bis zum Ende begleiten, wie dieses Ende für uns auch aussehen mochte. Sie waren meine Liebhaber, meine Geliebten. Ihre Herzen schlugen wie Echos meines Herzens, und gemeinsam stellten wir eine gewaltige Macht dar. Die Welt um uns herum verstand das vielleicht nicht, aber das spielte keine Rolle. Ich liebte jeden von ihnen so sehr wie die anderen, und sie konnten akzeptieren, dass mein Herz ihnen allen gleichermaßen gehörte. Und das war genug. Ich brauchte keine Erlaubnis oder Zustimmung von irgendjemandem sonst.

»Ihr alle seid ein Teil von mir.« Ich ging zum Bett und wartete auf sie. »Ich will euch alle ... jetzt... zusammen. Ich will, dass ihr alle mich berührt, mich ausfüllt und mich daran erinnert, was es heißt, eure Geliebte zu sein.«

Morio kam als Erster. Er legte sich auf den Rücken, und seine vollen Lippen versprachen die dunkelsten Freuden. Ich schwang mich über ihn, so dass ich auf Händen und Knien hockte, den Kopf über seinen Beinen. Er schob die Finger in mich hinein, machte mich nass, ließ dann die Hand sinken, verteilte die Feuchtigkeit langsam auf seinem Schwanz und schob ihn zwischen meine Brüste. Er hob sich leicht an und begann mich zu lecken und sanft an meiner Klit zu saugen. Die langsame Liebkosung ließ Flammen in mir hochschlagen, und ich stöhnte.

»Smoky«, flüsterte ich und rang nach Luft, als Morio begann, mich richtig mit der Zunge zu bearbeiten.

Stumm stieg Smoky hinter mir ins Bett. Sein Schwanz spielte an meinen Schamlippen und ließ jeden Nerv um den Eingang zu meiner Vagina vibrieren. Ich wand mich ihm entgegen, denn ich wollte ihn in mir spüren, tief und hart und wild.

»Bitte fick mich, fick mich endlich«, stöhnte ich.

»Oh, keine Angst, meine Liebste, das habe ich vor«, sagte er und drang mit einem kraftvollen Stoß in mich ein. Ich öffnete mich ihm, weitete mich, um ihn aufzunehmen, ließ mich noch mehr erregen von dem Gefühl, ihn in mir zu spüren. Als sein Haar meine Taille umfing und mich festhielt, wurde mir plötzlich schwindelig wie im Rausch, und ich schrie auf.

Und dann kniete Trillian vor mir und beugte sich herab, um mich zu küssen. Seine Zunge tänzelte über meine, und er sah mir unverwandt in die Augen. Zärtlich fuhr er mir mit den Fingern durchs Haar. Seine Augen glänzten.

Dann richtete er sich auf. »Bist du glücklich, Liebste? Ist es das, was du wirklich willst? Uns drei, für immer bei dir? Der Fuchswelpe, die Eidechse und ich?«

Ihr Moschus hing dick in der Luft und vermengte sich mit dem Duft meiner eigenen Leidenschaft. Smoky hielt inne, tief in mir. Morios Lippen wurden still, und nur sein Atem kitzelte noch leicht meine Klit. Ich erkannte, dass sie alle auf meine Antwort warteten.

Ich blickte forschend in Trillians Gesicht und suchte nach irgendeinem Anzeichen dafür, dass er wütend war. Doch in seinem tiefen Blick fand ich nur Einverständnis ... und Liebe.

»Ja, ich bin glücklich«, flüsterte ich mit tränenerstickter Stimme.

Es gab so viel Hass auf der Welt, so viel Angst und Zorn. Und hier - hier herrschte die Liebe. Die Liebe und die Schöpfung, denn was war Sex, wenn nicht das Gegenteil von Zerstörung? Sex verkörperte die schöpferischen Energien der Bewegung, des Lebens. Und doch fürchteten so viele Leute diese Macht, missbrauchten sie als Waffe oder versuchten sie durch strenge Regeln einzudämmen, statt sie frei fließen zu lassen, damit sie die Herzen berühren konnte.

»Ich bin glücklich«, wiederholte ich, und jetzt liefen die Tränen über. »Das hier will ich mehr als alles andere - euch drei, alle drei, bei mir bis ans Ende aller Zeiten. Ihr gehört zu meiner Familie, ihr seid meine Liebhaber, meine Ehemänner. Ihr seid meine Krieger, meine Kameraden. Ich will euch bei Tag an meiner Seite haben, wenn wir gegen alle Dämonen der Welt kämpfen, und bei Nacht will ich euch in mir spüren, damit ihr mich das Blut und den Schmerz vergessen macht. Ihr vervollständigt mich, ihr alle drei, und ich ergänze euch.«

»Wenn es das ist, was du willst, dann sollst du es haben, meine Liebste«, sagte Trillian. »Bis ans Ende aller Zeiten werden wir bei dir sein, mit unseren Schwächen, Streitereien, Beleidigungen und allem drum und dran - wir gehören dir. Wir werden uns Mühe geben, nicht zu streiten. Jedenfalls nicht allzu oft.«

»Sprich nur für dich selbst«, sagte Smoky und begann sich in mir zu bewegen. Ich spürte die köstliche Reibung und hörte das Lächeln in seiner Stimme, während die Worte im sinnlichen Nebel verschwanden. Morio schwieg und löste mit seiner flatternden Zunge eine ganze Serie von Explosionen in mir aus, während sein Schwanz langsam zwischen meinen Brüsten auf und ab glitt.

Ich blickte zu Trillian auf. Er richtete sich auf den Knien vor mir auf. Gierig schloss ich die Lippen um ihn, kostete den süßen Wein seiner Leidenschaft, das Salz seiner Haut, die Essenz seines Wesens.

Und dann gab es nichts mehr zu sagen. Ich war ganz und vollkommen, wir waren alle zusammen, und für diese eine Nacht verflogen Sorge und Angst, denn alles außer uns vieren verschwamm hinter dem flackernden Kerzenschein. Im Angesicht der heiligen Mondmutter besiegelten wir unseren Bund mit einem Ritus, der so alt war wie die Menschheit selbst.

Später, sehr spät in der Nacht, saßen Menolly, Delilah und ich draußen auf meinem Balkon. Der Regen prasselte herab, aber das Vordach schützte uns, und wir hatten uns warm eingewickelt.

Mit einem Gefühl himmlischer Befriedigung lehnte ich mich in meinem Liegestuhl zurück und erzählte ihnen, was Derisa gesagt hatte. Sie starrten mich an.

»Für dich hat sich in der vergangenen Woche sehr viel verändert«, bemerkte Menolly. »Wie fühlst du dich?«

»Es wird noch lange dauern, bis ich das alles einsortieren kann. Ich habe keine Ahnung, was ich Vater sagen soll - ob ich ihm überhaupt etwas sagen werde. Anscheinend hat die Magie, die ich mit Morio praktiziere, mich auf die dunkle Seite der Mondmutter gerückt. Wo das alles hinführen wird ... Ich weiß es nicht, aber ich habe das Gefühl, dass zwischen Morgana und der Rabenfürstin irgendeine Verbindung besteht. Mit der Mutter der Raben bin ich noch nicht fertig, ebenso mit dem Schwarzen Einhorn. Mein Bauchgefühl zeigt gerade zehn Komma null auf der Richter-Skala an. Aber wenigstens streiten sich die Jungs nicht. Im Moment.«

Ich seufzte tief und wandte mich zu Delilah um. »Was gibt es Neues von Chase?«

Sie lächelte, wenn auch gezwungen. »Die Verletzungen heilen bemerkenswert schnell. Aber jetzt müssen wir damit fertig werden, dass er den Nektar des Lebens ohne jede Vorbereitung getrunken hat. Wer weiß, was das mit ihm anstellen wird? Er hat einen Funken übernatürlicher Fähigkeiten - das haben wir schon vor langer Zeit gemerkt. Das Elixier könnte ihn aufflammen lassen ... so oder so.« Sie wischte eine Träne weg, die ihr aus dem Augenwinkel rann. »Aber zumindest wird er weiterleben.«

»Hast du Angst, dass sich eure Beziehung dadurch verändern wird?«, fragte ich.

»Wir haben das ja selbst geplant, aber jetzt ... kam es so plötzlich. Es ist gar nicht möglich, dass das unsere Beziehung nicht verändert. Ich weiß nicht, was ich erwarten soll. Und um ehrlich zu sein, habe ich Angst. Da ist dieses scheußliche Gefühl, dass sich nichts so entwickeln wird, wie wir es wollten. Was, wenn etwas schiefgeht? Was, wenn ... wenn er es bereut? Da sind so viele Dinge, die ich bedenken muss.« Ihre Miene verfinsterte sich. »Und was ist mit dem Herbstkönig? Mir bleiben noch so viele Jahre - vielleicht dauert es noch sehr lange, bis er von mir verlangt, ihm ein Kind zu gebären ... Aber wenn es so weit ist ... «

»Lade dir keine unnötigen Sorgen auf«, sagte Menolly. »Lass sie bis morgen ruhen. Heute Nacht können wir sowieso nichts für Chase tun, und Sharah kümmert sich um ihn. Und der Herbstkönig tut, was er will, wann er will.« Sie trat an die Brüstung und starrte in die Nacht hinaus. »Also, wie geht es jetzt weiter?«

»Wir spüren die Knochenbrecherin ein zweites Mal auf und vernichten sie. Ich schwöre Aeval die Treue und schließe mich ihrem Hof an. Wir finden das nächste Geistsiegel, und ihr beiden bringt es Königin Asteria, denn wenn sie herausfindet, dass ich die Seiten gewechselt habe ...« Ich biss mir auf die Lippe angesichts der beängstigenden Aufgaben, die uns erwarteten.

Es klopfte an der Balkontür, und wir drehten uns um. Da standen Trillian, Smoky und Morio. Sie hatten sich angezogen und sahen sogar ziemlich schick aus - schicker als gewöhnlich. Morio und Smoky traten beiseite, und Trillian kam zu mir herüber und fiel vor meinem Liegestuhl auf ein Knie.

»Nenn mich ruhig altmodisch«, sagte er, »aber ich finde ja, dass immer noch der Mann den Antrag machen sollte. Also, Camille, willst du mich heiraten und mir erlauben, mich mit dir, Morio und Smoky durch das Ritual der Seelensymbiose zu verbinden?«

Ich starrte ihn an. Inmitten des Chaos leuchtete ein Hoffnungsschimmer auf. In all dem Kummer ein Freudenschimmer. Ich nahm seine Hände und nickte. »Natürlich, Trillian. Du bist meine erste Liebe, mein Alpha. Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen.«

»Du verdienst eine Hochzeit wie für eine Königin. Und die werden wir feiern - mit deiner Familie und all euren Freunden. Ich heirate schließlich nur einmal, da soll es schon etwas Besonderes sein.« Er zog mich auf die Füße.

Ich drehte mich zu meinen Schwestern um. »Ich gehe wieder ins Bett.« Sie nickten, und Menolly grinste irre.

Also zogen wir uns wieder in mein Schlafzimmer zurück - unser Schlafzimmer -, diesmal aber, um zu schlafen und zu träumen. Mich überlief ein köstlicher Schauer, als ich an ihre Hände auf meiner Haut dachte, ihre Lippen, die sich auf meine pressten, ihre Körper, die sich an meinem rieben. Und mir wurde klar, dass ich sie ebenso glücklich machen wollte, wie sie mich glücklich machten. Das ist es schließlich, wofür sich das Leben lohnt - jenen Glück und Freude zu schenken, die wir unsere Liebsten nennen.

Denn ob wir uns an eine Person binden oder an drei, ob wir uns zu Männern oder Frauen oder beiden hingezogen fühlen, ob wir den Weg der Priesterin beschreiten, den einer Hexe oder einer Buchhändlerin, ein Leben ohne Leidenschaft kann gar kein Leben sein.

 

 

Ende - Schwestern des Mondes 07 - Hexenzorn