Kapitel 24
Stumm starrte ich auf die leere Terrasse. In diesem Moment kam Rodney aus dem Haus geschlurft. Morio trat neben mich, und Trillian an meine andere Seite.
»Was ist da drin los?«, fragte Morio.
Das Licht in Rodneys Augenhöhlen flackerte auf. »Nicht mehr viel. Die sind verdammt schnell abgehauen. Haben nicht mal alle ihre Zombies mitgenommen, die Säcke. Sind auch noch ein paar Knochenwandler drin. Aber - was zum Teufel ist das?« Er neigte den Schädel zur Seite, als lauschte er.
Ich runzelte die Stirn. Ein leises Summen drang aus dem Haus. Es erinnerte mich an das Rumoren eines Düsentriebwerks. Und dann übernahm mein Instinkt, und ich brüllte: »Weg hier, schnell - lauft zu den Bäumen!«
Niemand fragte nach einer Begründung. Alle nahmen nur die Beine in die Hand.
Wir schafften es zwischen die Bäume, ehe ein tiefes Grollen und dann eine laute Explosion zu hören waren. Die Schockwelle schleuderte uns nach vorn, aber wir waren in Sicherheit vor den Flammen, die hinter uns emporschossen. Ich fiel hart auf Hände und Knie.
Ich japste und bekam im heißen Rauch kaum noch Luft. Vanzir fluchte: »Der kleine Schwanzlutscher ... Er wollte, dass wir noch da sind, wenn das passiert.«
Delilah rappelte sich hustend auf und half mir hoch. »Aber er hat doch gesagt ...«
»Vergiss, was er gesagt hat. Vergiss, dass ich je vorgeschlagen habe, wir könnten mit ihm zusammenarbeiten. Er ist ein Daimon. Er wollte uns in die Luft sprengen, um sicherzustellen, dass wir ihm nicht in die Quere kommen. Die müssen irgendwie erfahren haben, dass wir kommen, und haben diese kleine Sprengfalle gebastelt.«
»Wie? Wie sollen sie das erfahren haben?« Das Haus war in lodernde Flammen gehüllt, und Feuerwehrsirenen heulten in der Ferne.
»Ich weiß es nicht. Da muss irgendwo eine undichte Stelle sein«, sagte er langsam. »Jemand ... jemand hat es ihnen gesagt. Wem habt ihr von unserem Plan erzählt?«
»Allen möglichen Leuten. Chases AETT-Leute wissen Bescheid, Nerissa weiß davon ... Wer noch?« Irgendetwas spukte mir im Hinterkopf herum, aber ich bekam es nicht zu fassen. Ich war einfach zu mitgenommen.
»Darüber sollten wir mal gründlich nachdenken.« Morio deutete in den Graben. »Los, verschwinden wir von hier, ehe die Polizei kommt.«
Delilah schluchzte auf. »Chase - ich muss wissen, wie es ihm geht.«
»Ja, und Iris ...« Ich warf einen Blick auf die Talonhaltija, die mit zusammengepressten Lippen in die Flammen starrte. Ihr Gesicht wirkte so kummervoll. Da begriff ich erst, dass ihr selbst nicht klar gewesen war, was sie tun würde. Wahrscheinlich war sie nicht einmal sicher gewesen, ob sie diesen Zauber noch wirken konnte. Und es rief sicher die schlimmen Erinnerungen an ihren Verlobten wieder wach.
»Komm. Gehen wir«, flüsterte ich und legte ihr einen Arm um die Schultern. Wir verschwanden zwischen den Bäumen. »Heute Nacht können wir sowieso nichts mehr tun, Leute.«
Während wir im Schutz der regennassen Blätter weitergingen, fragte ich mich, was zum Teufel wir jetzt tun sollten.
Wir hatten einen Verräter in unseren Reihen - das war die einzige Erklärung dafür, dass die Dämonen uns schon erwartet hatten. Die Feenköniginnen aus beiden Welten saßen uns im Nacken. Und Stacia würde gewiss nicht zögern, uns anzugreifen, wenn sie erkannte, dass wir die Explosion überlebt hatten.
Ich hatte keine Ahnung, wie wir alle diese Probleme anpacken sollten, aber eines wusste ich ganz sicher: Wir würden die Knochenbrecherin finden und sie in Fetzen reißen.
Wir trafen durchweicht und mit Matsch und Asche verschmiert im AETT-Hauptquartier ein. Sharah erwartete uns schon. Delilah lief mit versteinerter Miene auf sie zu. Menolly und ich blieben an ihrer Seite.
»Chase ...« Ihre Stimme war schwach, ihre Schultern waren stocksteif.
Sharah starrte sie einen Moment lang an und sagte dann langsam: »Sein Zustand ist kritisch. Ich weiß nicht, ob er durchkommt. Wir tun, was wir können.«
»Nein ... nein ...« Delilah schwankte, und Menolly stützte sie mit einer Hand im Rücken. »Du musst ihm doch irgendwie helfen können.«
Ich schloss die Augen und wollte nicht mehr atmen, nicht mehr sprechen. Ich kannte die Lösung, doch ich wollte auf keinen Fall diejenige sein, die das vorschlug. Aber wenn es ihn retten könnte ...
»Ich weiß, was seine Wunden heilen würde. Aber langfristig gesehen könnte es seinen Untergang bedeuten«, platzte ich heraus. Genug Qual und Schmerz für eine Nacht. Wenn wir ihn jetzt retten konnten, würden wir uns später mit der Zukunft befassen.
»Was? Wir dürfen Chase nicht verlieren. Ich darf ihn nicht verlieren!« Delilah packte mich bei den Schultern. »Sag es mir!«
Ich holte tief Luft. »Du wolltest ihn doch den Nektar des Lebens trinken lassen. Das Elixier heilt selbst extrem schwere Verletzungen. Ohne die zugehörigen Rituale könnte es ihn über kurz oder lang um den Verstand bringen, aber jetzt würde es ihm das Leben retten.« Ich wandte mich Sharah zu und fragte: »Hat er ansonsten eine Chance?«
»Eine Chance, ja ... aber eine sehr geringe ...« Ihre Stimme erstarb, und ich sah Tränen in ihren Augen glitzern.
»Dann ist alles klar«, sagte Delilah. »Gib ihm das.« Sie holte das Fläschchen aus ihrer Handtasche und drückte es Sharah in die Hand. »Tu es.«
»Aber ... Seid ihr sicher?« Die Elfe sah mich an, und ich nickte.
Menolly trat vor. »Uns bleibt nichts anderes übrig. Wenn er sowieso sterben würde, können wir es ebenso gut damit versuchen, denn ich kann wirklich keinen Sohn gebrauchen, und ihn zum Vampir zu machen wäre die einzige andere Möglichkeit.«
Sharah seufzte tief, wirbelte dann herum und marschierte den Flur entlang. »Kommt mit«, rief sie.
Wir folgten ihr. Als wir Chases Krankenzimmer betraten, sahen wir, dass er an mehreren Infusionsschläuchen und einem Beatmungsgerät hing.
»Er hat vier Stichwunden erlitten, die seine Organe schwer beschädigt haben«, erklärte Sharah. »Die Klinge ist genau an den falschen Stellen eingedrungen. Wer auch immer ihn angegriffen hat, wusste genau, wie man möglichst tödlichen Schaden anrichtet.«
Delilah zuckte zusammen, doch Sharah bemerkte es nicht. Sie nahm eine große Spritze aus einer Schublade. »Der Nektar des Lebens wirkt genauso, wenn man ihn spritzt, wie wenn man ihn trinkt.« Während sie langsam die Spritze aufzog, blickte sie zu meiner Schwester auf. »Dir ist doch klar, dass das auf deine Kappe geht? Ich weiß, dass wir Chase brauchen und dass du ihn liebst, aber ich tue das hier wider besseres Wissen. Ohne die Rituale könnte das Elixier große Veränderungen in seiner Persönlichkeit hervorrufen wie auch in seinem Körper.«
»Tu es«, knurrte Delilah.
Ich sah das Flimmern ihrer Aura, das stets eine Verwandlung ankündigte, und eilte zu Sharah hinüber. »Wenn du nicht einen sehr wütenden schwarzen Panther hier drin haben willst, tu lieber, was sie sagt. Wir übernehmen die Verantwortung dafür.«
Sharah nickte und injizierte das Elixier direkt in Chases Drosselvene. Als die funkelnde Flüssigkeit darin verschwunden war, trat sie zurück. »Wir werden gleich wissen, ob wir ihm das Leben gerettet haben oder nicht.«
Delilah fiel auf die Knie. »Große Mutter Bast, ich flehe dich an. Bitte rette Chase. Ich brauche ihn. Ich weiß nicht, weshalb du uns zusammengeführt hast, aber wir sind noch nicht fertig. Wir sind noch nicht am Ende.«
Niemand sprach ein Wort, während die Sekunden verstrichen. Und dann, als ich schon glaubte, es hätte nicht funktioniert, schnappte Chase nach Luft. Sharah entfernte vorsichtig den Beatmungsschlauch aus seinem Mund. Er war noch nicht bei Bewusstsein, doch er atmete wieder aus eigener Kraft. Nach einer weiteren Minute begannen die Stichwunden sich zu schließen. Sharah beeilte sich, noch einmal Heilsalbe aufzutragen, und wandte sich dann zu Delilah um.
»Er wird es überleben. Und er wird sehr viel länger leben als fast alle anderen Menschen. Du musst ihm helfen, mit verdammt vielen Veränderungen zurechtzukommen, wenn er wieder bei Bewusstsein ist. Ich hoffe, du bist dieser Aufgabe gewachsen, denn sein Leben liegt jetzt in deinen Händen. Menschen, die den Nektar des Lebens trinken, haben für gewöhnlich keine Vorstellung davon, was eine Lebensspanne von tausend Jahren bedeutet.«
Als Sharah noch einmal Chases Vitalwerte prüfte, brach Delilah weinend zusammen, und Menolly führte sie zu einem Stuhl. Ich drehte mich um und sah Smoky neben mir stehen. Er legte einen Arm um mich, und so standen wir schweigend vor dem Bett, während summende, piepsende Apparate über Chases Leben wachten.