Kapitel 5
Wir müssen also zuerst die Knochen beisetzen?«, fragte Delilah.
Morio nickte. »Wenn wir das nicht tun, leiten sie der Goshanti immer weiter Energie zu.« Er stand auf und nahm Rodney die Kassette ab. Diese hatte den Schmuck wieder in den Beutel gelegt und die Knochen aussortiert. »Wir müssen die Knochen mit Salz begraben, dann die Erde darüber segnen und die Geister mit einem Zauber besänftigen. Was sie wohl mit den restlichen Leichen gemacht haben?«
»Abgesehen von Sabele habe ich keine Ahnung.« Ich blickte mich um, nicht sicher, ob ich das wirklich wissen wollte. »Ich hoffe nur, dass sie schon tot waren, als Harold ihnen die Finger abgehackt hat. Das sind ziemlich hässliche Klingenspuren, die nicht gerade von chirurgischem Geschick zeugen. Und ich bezweifle, dass er seine Opfer vorher in Narkose gelegt hat.«
Noch während ich das sagte, erkannte ich, dass die Angst dieser Frauen die Teufelskerle wie Treibstoff befeuert hatte - ihre Rituale und ihre sadistischen Vergnügungen. Und dann, ohne Vorwarnung, hörte ich sie plötzlich.
Leise Schreie der Verzweiflung im Wind. Frauen flehten: Bitte hört auf, bitte, lasst mich gehen, bitte tut mir nicht mehr weh.
»Ich wünschte, wir hätten Menolly erlaubt, den ganzen Haufen Dreckskerle umzubringen«, sagte ich leise. »Wenn sie jetzt hier wären, würde ich es eigenhändig tun.«
Delilah schüttelte den Kopf. »Da müsstest du schon schneller sein als ich. Ich kann sie auch hören«, erklärte sie blass und ernst.
Überrascht blickte ich zu ihr auf. Ihre Augen blitzten in kühlem Grün, und ich roch den Rauch von Herbstfeuern, der plötzlich von ihr ausging. In ihrer Tätowierung - der schwarzen Mondsichel auf ihrer Stirn - blinkten goldene Funken auf. Der Herbstkönig musste heute ihre Seele begleiten.
Wir alle veränderten uns, entwickelten uns zu regelrechten Freaks. Aber wenn wir schon am äußersten Rand leben mussten, standen wir zumindest auf der richtigen Seite am Abgrund.
Noch vor einem Jahr waren wir weicher gewesen. Jetzt waren wir fast ebenso blutrünstig wie jene, die wir bekämpften. Wie würden wir sein, wenn dieser Krieg zu Ende war? Würden wir dann überhaupt noch leben? Meine Gedanken stürzten in ein Loch, das so düster war wie die Wolken. Ich versuchte, diese Stimmung abzuschütteln, aber sie manifestierte sich erst recht, als ein Regenguss uns bis auf die Haut durchweichte.
Doch noch während mir das Wasser übers Gesicht lief und mein Make-up verschmierte, konnte ich erkennen, dass der Schauer schon nachließ. Uns blieben noch wenigstens ein paar Minuten, bis es richtig losging.
»Wo sollen wir die Knochen begraben?« Ich blickte mich nach einem passenden Ort um. »Macht es etwas aus, dass dieses Fleckchen Erde von all dem Unglück hier aufgewühlt und potthässlich ist?«
Morio schüttelte den Kopf. »Nein, denn wir werden diese Unruhe so weit wie möglich besänftigen.«
Und da entdeckte ich ihn, den perfekten Platz - eine Eibe. Der Baum der Ewigkeit, der über Tod und Wiedergeburt wachte. Als ich hinüberging, um mir die Eibe näher anzusehen, hörte ich Morio zustimmend brummen. Der immergrüne Baum seufzte, als ich mich auf seine uralten, knorrigen Wurzeln setzte und mich an den Stamm lehnte. Ich drückte den Kopf an das rauhe Holz und spürte, wie der Baum tief Luft holte und leicht erschauerte.
»Wir brauchen deinen Schutz, weise Alte«, flüsterte ich und sandte meine Worte tief hinab, damit sie auch die Wurzeln berührten. Es gehörte zu meinen besonderen Fähigkeiten als Mondhexe, dass ich mit Pflanzen und Kräutern sprechen konnte, obwohl ich das in den Wäldern erdseits meistens lieber nicht tat. Hier gab es zu viele zornige Pflanzen, die Menschen und ihresgleichen misstrauten und sie fürchteten. Und ich war nun einmal halb menschlich.
»Was willst du?« Der Gedanke war so stark, dass er mich beinahe hintenüberwarf. Ich blickte zu dem Baum auf und rechnete halb damit, ein Gesicht auf mich herabschauen zu sehen. Doch die Knoten und Aste blieben, wie sie waren.
Ich legte beide Hände an den Stamm und konzentrierte mich wieder. »Hast du die unruhigen Geister auf diesem Land gespürt? Die Geister der Frauen, die ermordet wurden?«
»Jaaahhhh ...« Die Antwort hallte im Wind wider, ein langer Hauch, der mir das Haar zerzauste.
»Wir haben Knochen von ihnen, die geläutert und in gesegneter Erde begraben werden müssen. Dürfen wir sie unter deinen Zweigen beisetzen?«
Ein Teil von mir wollte gar nicht fragen, sondern einfach die Knochen verbuddeln und das Beste hoffen. Aber der Baum könnte auch dann nein sagen. Also ging ich das Risiko lieber nicht ein, denn ohne die Zustimmung des Baums bestand die Gefahr, dass wir den Geistern keinen Frieden bringen konnten.
Ich genoss den Austausch mit Kräutern und Blumen, aber vor Baumdevas hatte ich schon immer eine Scheißangst. Sie waren mächtig und alt und besaßen eine ganz eigene, subtile Magie, die niemand - keine Hexe, kein Magier oder Nekromant - beherrschen konnte. Nur die Dryaden, Floreaden und Waldnymphen konnten die Macht der Wälder wahrhaftig verkörpern.
Morio kniete hinter mir nieder, behielt jedoch die Hände bei sich. Er kannte sich gut genug aus, um zu wissen, dass ich in Trance war, also würde er mich nicht stören. Nach einer langen, langen Pause rührte sich die Eibe wieder.
»Läutert und begrabt sie, und ich werde sie hüten. Doch hier gibt es weitere Geister, die noch auf der Erde wandeln, in ruheloser Suche. Das Band der Energie, das durch diesen Boden führt, ist erweckt worden. Es singt laut und lebhaft, aber misstönend und ruft Geister herbei, die auf ihm reisen.«
Die Eibe verfiel wieder in Schweigen, und ich lehnte mich zurück.
»Sie wird sie hüten«, sagte ich. »Aber sie hat mir erzählt, dass es auf diesem Grundstück noch mehr Geister gibt. Und sie hat etwas von einem Band aus Energie erzählt, das Geister hierherruft. Könnte das die Ley-Linie sein? Wir wissen ja, dass Harolds Haus über eine Ley-Linie mit dem Wedgewood-Friedhof verbunden ist. Dieselbe Linie führt auch durch den Wayfarer - wo das Portal ist - und über zwei der wilden Portale.«
Morio strich über sein Ziegenbärtchen. Dann nickte er. »Das klingt stimmig, aber was könnten wir da unternehmen?«
»Das überlegen wir uns später. Jetzt lasst uns erst mal diese Knochen begraben, ehe es wieder anfängt zu schütten.« Ich wandte mich Delilah zu. »Könntest du ein Loch am Fuß der Eibe graben? Versuch, es möglichst im Schutz der Wurzeln zu platzieren. Ich hole inzwischen das Salz, und Morio - würdest du die Kerzen aufstellen?«
Während ich einen Ring aus Salz um die Eibe streute, buddelte Delilah ein Loch für die Knochen. Morio stellte eine schwarze Stumpenkerze auf einer Seite der kleinen Grube auf, eine weiße auf der anderen.
Rodney, der uns schweigend beobachtet hatte, schnaubte laut. »Habt ihr Idioten nicht was vergessen?«
Wunderbar. Der Klugscheißer hatte sich offenbar erholt. »Was willst du denn jetzt schon wieder?«
»Ihr habt keinen Rosmarin unter das Salz gemischt. Jeder Nekromant, der nur halbwegs was taugt, weiß doch, dass man Rosmarin in das Salz mischt.«
Ich biss die Zähne zusammen und stieß langsam die Luft aus, um nicht zu explodieren. »Erstens sind wir keine Nekromanten, obwohl wir mit Todesmagie arbeiten ...«
»Du bist ja so klug.« Er ahmte einen Glockenschlag nach. »Einen Grabstein für die Braut mit den tollen Möpsen!«
Ich streckte den Arm aus und schnippte ihm den Zeigefinger gegen den Kopf. »Hältst du jetzt mal die Klappe und hörst mir zu? Rosmarin nimmt man für die Beschwörung. Wir brauchen Salbei zur Reinigung, aber nur in dem Grab selbst. Und jetzt halt den Mund und lass uns arbeiten.«
Rodney betrachtete mich einen Moment lang, dann glomm ein unheilvolles Feuer in seinen Augenhöhlen auf, und er begann zu wachsen. Ich stolperte rücklings, während er binnen Sekunden die Größe eines hochgewachsenen Menschen annahm.
»Heilige Scheiße!« Ich blieb stehen, als er auf mich zukam.
Ein feuriger Schein umgab ihn wie ein feiner Nimbus in seiner Aura - um die Beckenknochen loderte er richtig hell -, und er lachte leise. Ich sprang noch einen Schritt zurück. Ein Kingsize-Rodney stand nicht gerade auf meiner Wunschliste.
»Du bist wirklich ein prächtiges Luder, und ich werde mich heute mal so richtig amüsieren«, sagte er.
Ich stieß ein schrilles Quietschen aus und flüchtete mich zu Morio, der von den beiden Kerzen aufblickte.
»Uff«, ächzte Morio, als ich ihn umwarf in meiner Hast, mich vor Rodney in Sicherheit zu bringen. Er sprang auf und hielt inne, als er Rodney sah, dessen neue Gestalt nicht als Verbesserung gelten konnte. »Was zum - hör auf! Das reicht jetzt!« Er sprang auf und griff nach Rodneys Holzschatulle.
Rodney erstarrte mitten im Schritt. »Ach, bitte, überlass sie mir doch. Nur für eine Stunde. Ihr beiden seid die schrägsten Perversen, die ich kenne. Lässt du mich auch mal mit der Feenschlampe spielen? Bitte, bitte! Du darfst auch zuschauen...«
Morio schob mich beiseite und ging auf Rodney zu. Er sah alles andere als erfreut aus. »Warum hast du uns nicht gesagt, dass du so groß werden kannst?«
Rodney zuckte mit den Schultern. »Ihr habt nicht danach gefragt.«
»Und wie oft kannst du?«
»Die ganze Nacht lang. Willst du es selbst herausfinden, du geiler kleiner Yokai?«, erwiderte das Skelett schnaubend. Dann wies er mit einer knochigen Hand auf seinen Körper. »Ach, das. Gefällt dir, ja? Ich sage dir, was ich mit diesen Fingern alles ...« Als Morio finster die Stirn runzelte, räusperte sich Rodney und sagte: »Schon gut. Wenn ich voll aufgeladen bin, kann ich diese Größe ein, zwei Stunden beibehalten. Dann schrumpfe ich wieder zusammen.«
»Gut. Und jetzt rein in deine Kiste.« Morio hielt Rodneys kleine Wohnung hoch. »Sonst zerlege ich dich, Knochen für Knochen.«
Rodney klang genervt. »Jetzt sei doch nicht so ...«
»Sofort.« Morios Stimme klang zu ruhig. Offenbar fand Rodney das auch, denn er schrumpfte ohne ein weiteres Wort auf seine normale Größe und stieg in die Schatulle. Morio knallte den Deckel zu und starrte das Kästchen an. »Beschissenes Dreckstück. Wo zum Teufel hat Großmutter Kojote das Ding bloß her?« Er steckte die Schatulle in seine Tasche und drehte sich zu mir um. »Alles in Ordnung?«
Ich nickte. »Ja, aber lass mich nie wieder mit ihm allein, wenn er aus der Kiste draußen ist, ja?« Von der Vorstellung, Rodney allein ausgeliefert zu sein, vor allem, wenn er meine Größe annehmen konnte, wurde mir so übel, dass ich gar nicht daran denken wollte.
Delilah starrte uns beide an, als hätten wir sie nicht mehr alle. »Ich komme mir vor wie im miserabelsten Splatter-Film, den ich je gesehen habe. Und ich wüsste gern, was ihr beiden in den vergangenen zwei Monaten getrieben habt.«
Grinsend setzte ich zu einer Antwort an, doch sie winkte hastig ab.
»Wenn ich es mir recht überlege, spar dir die Mühe. Sonst bekomme ich noch B-Movie-Alpträume.«
Ich schüttelte den Kopf. »Machen wir endlich weiter, sonst wird es dunkel, ehe wir fertig sind, und dann treibt die Goshanti sich hier herum.«
»Warum kann Chase dann nicht herkommen, wenn sie tagsüber ruht?«, fragte Delilah.
Morio erklärte es ihr. »Die Goshanti schläft zwar, aber sie könnte jederzeit aufwachen. Oder andere Geister in ihrer Nähe haben. Manchmal tun sie sich mit anderen Geschöpfen aus der Schattenwelt zusammen.«
Ich starrte ihn an. »Davon hast du mir nichts gesagt.«
»Du hast nicht danach gefragt«, erwiderte er lächelnd.
Delilah war mit dem Loch fast fertig. Ich schloss den Kreis aus Salz um die Eibe und bereitete dann eine Schale Salz für das Grab vor. Ich mischte eine großzügige Dosis Salbei darunter und sicherheitshalber noch ein paar Eibennadeln.
Dann holte ich meinen Dolch hervor und ließ mich im Lotussitz auf dem nassen Boden nieder. Morio kniete sich hinter mich und legte die Hände auf meine Schultern. Ich spürte seine Wärme in der kalten Luft um mich herum, und sie wanderte durch meine Brüste bis hinab in meinen Bauch.
Als seine Energie mein Steißbein erreichte, verband sie sich mit meiner eigenen, und ich spürte, wie unsere gemeinsame Essenz aufstieg und uns beide durchströmte - meinen Körper hinauf, in seine Hände, durch ihn hinab, in die Erde, und dann wirbelte sie durch Erde, Schmutz und Steine, drang von unten in meine Beine ein und reiste über meinen Beckenboden wieder hinauf. Ein Kreislauf entstand, ein Möbiusband der Kraft, und wir waren nun seelisch wie magisch miteinander vermengt.
Seit wir die rituelle Seelensymbiose vollzogen hatten, waren unsere Rituale wirkungsvoller geworden. Jetzt bedurfte es keiner Worte mehr, wir wussten fast immer, was der andere vorhatte. Morio konnte meine Mondmagie nicht verstärken - die kam von der Mondmutter selbst und wirkte durch mich allein. Soweit ich wusste, konnte er meine Arbeit mit dem Einhorn-Horn auch nicht unterstützen. Doch unsere Todesmagie war zu einer eigenen Macht geworden, und gemeinsam waren wir wesentlich stärker als einer von uns allein.
Die Magie kreiste durch unsere Körper, und ich begann, sie nach außen zu richten. Ich sandte eine kleine, kreisförmige Welle aus, die wie ein Kräuseln der Energie die Eibe einschloss, mit dem Wind aufstieg und in den Boden sickerte. Morio gab seine Kraft hinzu, und aus dem kleinen Kräuseln wurde eine reinigende Welle, während er mir seine Energie überließ und ich sie dirigierte. Die Welle rollte über die bekümmerten Seelen und verwundeten Knochen hinweg, und ich hörte einen ganzen Chor von Stimmen, die nach Erlösung flehten.
Tief Luft holen ... noch ein Atemzug, und Morio gibt mir die Kraft ein, die Geister auf den richtigen Pfad zu führen ...
Langsam ausatmen, und die Magie breitet sich aus, zerstreut die Seelen und befreit sie von den Fesseln, die sie an ihre Knochen binden ...
Wieder einatmen ... die Energie flammt auf, und alles innerhalb des Kreises erstrahlt in hellem, goldenem Licht. So viele Leute glauben, Weiß sei die Farbe der Reinheit, dabei ist Weiß die Farbe des Todes. Gold läutert, Silber schützt...
Und ausatmen ... ich spüre, wie die Seelen dieses Land fliehen, um endlich Ruhe zu finden und zu ihren Ahnen heimzukehren. Der Schmerz an diesem Ort lässt nach ... Und da - da ist die Goshanti. Sie schläft, denn dies ist ihre Zeit zu ruhen, aber sie weiß, dass etwas nicht stimmt, und sie bemüht sich aufzuwachen ...
»Camille! Camille! Komm zu dir. Wir müssen uns beeilen«, sagte Morio und rüttelte an meinen Schultern.
Ich blinzelte. Die leuchtenden Farben der Magie blendeten mich, bis sie auf meine Umgebung herabfielen und ohne das leiseste Geräusch im Land um mich herum versanken. Die Eibe seufzte tief und zufrieden, und ich kippte rasch die Mischung aus Salbei und Salz über die Knochen. Dann stellten Morio, Delilah und ich uns vor das winzige Grab und sangen die Litanei für die Toten.
»Was Leben war, ist verdorrt. Was Gestalt war, verfällt. Sterbliche Ketten lösen sich, und die Seele fliegt frei. Mögest du den Weg zu deinen Ahnen finden. Mögest du den Weg zu den Göttern finden. Mögen Lieder und Legenden deines Mutes und deiner Tapferkeit gedenken. Mögen deine Eltern stolz auf dich sein und deine Kinder dein Geburtsrecht weitertragen. Schlaf und wandle nicht länger.«
Als wir fertig waren, rauschte ein leiser Windstoß vorbei und trug die letzten Spuren der Seelen ihrem fernen Ziel entgegen. Ich streckte mich und sah zu, wie Delilah das Loch zuschüttete. Wir zeichneten eine Binderune in die frische Erde, damit nichts ihren Schlaf stören konnte.
»Jetzt nehmen wir uns die Goshanti vor«, sagte Morio. Er gab mir einen Wink, und ich hob den Beutel mit dem Salz auf. »Delilah, würdest du Wache halten? Stell dich am Rand des Grundstücks auf den Gehsteig.«
Sie nahm ihren Platz ein, und ich sah Morio an. Er nickte, also ging ich langsam einmal um das ganze Grundstück herum und verteilte ganze Hände voll Salz, das einen weißen, ungleichmäßigen Ring aus Klarheit und Reinheit bildete. Das Salz zischte, wenn es auf den Boden traf, an manchen Stellen stieg sogar Rauch auf, so aufgewühlt war das Land. Ich schloss die Augen und ließ aus der Energie, die aus meinem Körper hinter mir her floss, eine schimmernde, glitzernde Barriere entstehen. Auch sie war weiß - weiß und rot. Tod und Macht.
Dann erreichte ich den Anfangspunkt, wo Morio schon auf mich wartete, um mich in die Mitte zu führen. Ich würde den Brennpunkt bilden, die Linse, und er würde mich dazu benutzen, die Energie zu fokussieren. Ich kniete mich hin und streckte die Arme aus. Morio trat hinter mich und stellte sich mit den Beinen an meinen Seiten auf, die Hände zum Himmel erhoben. Ich wartete, erspürte die Energie, und da war es - das Band, das sich von ihm zu mir wand. Es heftete sich an meine Aura, und ich erschauerte leicht, denn nun würde die Kraft in mich strömen.
Todesmagie war sinnlich und leidenschaftlich, sie machte geradezu süchtig, und doch war der magische Prozess selbst kühl und abgehoben. Er führte uns an den Rand jener letzten Grenze, über die jedes Lebewesen schließlich gehen musste. Selbst die Götter starben irgendwann einmal. Als Morio und ich uns zu einem einzigen Kanal verbanden, schnappte ich nach Luft, und mein Kopf fiel zurück. Ich konnte Morio spüren, aufmerksam und prachtvoll hinter mir aufgebaut.
Er schwankte kurz, und ebenso schnell, wie die Energie uns gepackt hatte, führte sie uns tief in die Schatten der Bäume, die Schatten des Lebens, und wir wandelten am Rand der Schattenwelt zwischen den Reichen. Schweigende Geister zogen in Scharen an uns vorbei. Sie sahen uns nicht und bemerkten auch nicht, dass wir in ihr Reich eingedrungen waren.
Ich atmete tief ein und ließ mich von Morio führen. Er packte einige Stränge der Magie, von denen man an den Toren der Schattenwelt viele fand, und flüsterte etwas. Dann verbanden sie sich mit ihm und durch ihn auch mit mir. Wir waren so weit.
»Öffne die Augen«, sagte er leise.
Ich schlug die Augen auf. Das Grundstück sah vollkommen anders aus. Wohin ich mich auch wandte, konnte ich an den Auren der Pflanzen erkennen, welche starben und welche gediehen. Ich konnte die Knochen, die wir vergraben hatten, am Fuß der Eibe spüren. Und die Aura der Eibe selbst, die leuchtete wie Blaulicht auf einem Rettungswagen. Und ich konnte das Blut sehen, das diesen Boden genährt hatte - schon vor langer Zeit war es tief eingesickert und halb vertrocknet, doch es war noch da, noch mit dem Land verhaftet.
»Siehst du?«, fragte Morio.
»Ich sehe es.«
»Dann such die Goshanti.« Er hielt die Arme immer noch über den Kopf erhoben. Ich lenkte die Energie durch meine ausgebreiteten Arme und die Fingerspitzen hinaus und schickte sie auf die Suche nach der Teufelin. Sie kräuselte sich durch die Luft wie Rauch, schraubte sich zwischen den Bäumen hindurch, suchte, tastete, spürte nach der Signatur der Goshanti.
Wie auf Nebelschwaden trug der Dunst meine innere Sicht mit sich, und ich konnte eine Katze sehen, die sich unter einem Farn versteckte, eine Strumpfbandnatter glitt durchs Gras, Insekten und Vögel suchten nach Futter. Und dann hielt der Nebel in einem Ginstergestrüpp inne. Da. Hinter den kräftigen, wuchernden Zweigen war der farbige Wirbel, der die Goshanti anzeigte. Tagsüber zeigte sie sich als Kugel aus Energie, nur nachts konnte sie Gestalt annehmen.
»Ich habe sie«, flüsterte ich. »Geh durch mich.«
Morio zog an den Fäden aus der Schattenwelt, verknüpfte sie mit seiner eigenen Energie und formte den Zauber, der die Teufelin in das Reich zurückschicken würde, aus dem sie gekommen war. Die Kraft schoss an den Fäden und Bändern entlang wie funkelndes Licht. Morio schwankte zur Musik des Reichs der Schatten, die mit der Magie in ihm pulsierte.
Als sie seine Hände erreichte, lenkte er sie in mich hinab, indem er die Arme herabriss und meine Schultern packte.
Der plötzliche Schwall riss auch mich mit in den Tanz. Zusammen stiegen wir in die Astralebene auf, während unsere Körper fest und sicher geerdet blieben. Wir umkreisten einander wie sich paarende Schlangen. Morio lachte kehlig und wild, und seine Freude durchfuhr auch mich. Die Macht der Toten, die Macht dieses dunklen Reiches war so viel mehr als das, wonach sie aussah. Flammen fauchten durch meinen Körper und brachten mich zum Orgasmus.
Morio streichelte mein Kinn und flüsterte: »Ich liebe dich. Ich liebe dich mehr als das Leben selbst, Camille.«
Ich strich mit dem Zeigefinger über seine Lippen. »Ich habe dich erwählt«, sagte ich und spürte, wie seine Zunge meine Fingerspitze umkreiste. »Du bist eine der Lieben meines Lebens, und wir werden immer zusammen sein. Wir sind für alle Ewigkeit gebunden, mein Yokai, und ich würde alles noch einmal ganz genauso machen. Und wenn unsere Zeit gekommen ist, diese Grenze ganz zu überschreiten, werden wir die Tore gemeinsam einrennen, und du wirst mit mir ins Land der silbernen Wasserfälle gehen.«
»Wir sollten uns jetzt um die Goshanti kümmern«, sagte er, und seine Gedanken schmiegten sich an mich wie eine warme Umarmung.
»Benutze mich, führe mich.« Widerstrebend wandte ich mich wieder dem Land zu, obwohl ich nichts lieber getan hätte, als noch eine Weile auf der Astralebene herumzuhängen. Aber wir hatten Wichtigeres zu tun.
Wir passten uns dem Rhythmus der Energie an. Morio tippte mir auf die Schulter, und ich stand auf und führte ihn zu der Goshanti. Ich konnte das Land um mich herum kaum sehen, so strahlend und stark waren die Farben. Zwischen meinen Füßen und meinem Geist bestand kaum noch eine Verbindung, aber Morio stützte mich. Etwas glitt über meine Schuhe hinweg, aber es war nur eine Schlange, und ich achtete nicht weiter darauf.
Und dann hatten wir die Goshanti erreicht. Sie schlief, und in ihrem stillen Schlummer tat sie mir leid. Ich sah ganz deutlich, woraus sie geboren worden war. Ihr Körper, ihre Essenz, war ein Strudel aus Schmerz, Zorn, Kummer und Qual. Tränen liefen mir über die Wangen, während ich sie betrachtete, im Schlaf zusammengerollt wie eine Katze.
»Du armes Ding«, flüsterte ich. »Die Welt kann so krank und kaputt sein, und du bist genauso ihr Opfer wie deine eigene Beute.«
Morio drückte verständnisvoll meine Schulter. »Uns bleibt keine andere Wahl, Camille. Sie wird weitere Unschuldige töten, wenn wir sie einfach hierlassen. Aber wenn wir sie zurück in die Schattenwelt schicken, wird sie andere ihrer Art um sich haben.«
»Können wir sie nicht töten? Sie von ihrem Leid erlösen? Das ist doch kein Leben, so in Hass und Bitterkeit getaucht. Ganz egal, wo man ist.«
Ich hörte mich selbst nicht gern so reden, aber ich an ihrer Stelle wäre lieber tot als eine lebende, leere Hülle. Allein der Schmerz, Tropfen für Tropfen aus den Qualen von Frauen kondensiert, die hier auf grauenvolle Weise ermordet worden waren, bestimmte ihr Handeln.
Mit einem tiefen Seufzen nickte Morio. »Das können wir. Bist du dir sicher?«
Ich biss mir auf die Lippe, und wieder einmal fiel mir auf, welch nebulöser Pfad die Todesmagie war - ein schmaler Grat zwischen schützender Kraft und dem Missbrauch von Macht.
»Ich bin mir in gar nichts mehr sicher.« Ich zuckte mit den Schultern. »Aber wenn wir sie töten, ist die Energie frei, sich zu zerstreuen, gereinigt und erneuert zu werden. Wir haben vorhin schon andere Geister befreit. Damit würden wir die Welt nur von weiteren grausamen Erinnerungen befreien, die hier gefangen sind.«
»Dann gebrauchen wir den Mordente-Zauber, aber statt dem banis - benutzen wir den despera-Gesang.« Er streckte die Hand aus, und ich ergriff sie und schloss die Augen.
Unsere Magie erfüllte meinen Mund mit dem Geschmack von Friedhofserde und Staub, Totenhand und Hand der Macht. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und fiel ein, als Morio mit der Anrufung begann. Wieder würde ich die Energie fokussieren, die durch Morio und mich strömte, und sie auf die Goshanti lenken.
»Mordente reto, morden te reto, mordente reto despera.«
Die Goshanti öffnete die Augen, doch noch befand sie sich in ihrer energetischen, nicht in der körperlichen Gestalt. Sie hob den Kopf und sah uns mit glühenden Augen neugierig an.
»Mordente reto, mordente reto, mordente reto despera.«
Ich spürte die Energie in mir beben, und der Wind frischte auf. Es begann wieder zu regnen, und in den dunklen Wolken grollte es. Die Goshanti öffnete den Mund und stieß ein Wimmern aus.
»Mordente reto, mordente reto, mordente reto despera.«
Morios Wille war stark, und meiner ebenfalls. Der Zauber jagte durch uns hindurch, nahm eigenes Leben und eigenes Bewusstsein an und fixierte sich auf sein Ziel. Ich konzentrierte mich auf die Goshanti und wünschte mir von ganzem Herzen, dass sie still und friedlich gehen würde. Wenn sie uns erlaubte, sie freizulassen, so hoffte ich, würde ihr Schmerz seinen Kreislauf durch das Universum fortsetzen, um gereinigt und wieder in Freude verwandelt zu werden.
»Mordente reto, mordente reto, mordente reto despera.«
Morios Stimme erhob sich donnernd über meine, und seine Ausrichtung war rigoros. Ich zögerte einen Moment lang, doch dann erinnerte ich mich daran, wie die Teufelin entstanden war, und blieb hart. Unsere Stimmen tanzten in der frischen Brise, wirbelten mit dem Herbstlaub herum und löschten die Lebenskraft der Goshanti aus.
»Mordente reto, mordente reto, mordente reto despera.« Während Morio den monotonen Gesang fortsetzte, begann ich den Zauber im Gegenrhythmus.
»Geh in Frieden, geh und ruhe, geh und schlafe. Geh zu deinen Ahnen, zu den dunklen Schatten deiner Welt, und verlasse deinen Körper. Geh zurück in das Reich, aus dem du kamst, zerstreue dich mit dem Wind, zerstreue dich im Regen, zerstreue dich in den Flammen, zerstreue dich in die Erde ... «
Die Goshanti kreischte, nun vollends erwacht. Sie bäumte sich auf, noch immer auf der Astralebene, und starrte mich mit einem Blick voll Hass und Lust an. Doch ihre Kräfte schwanden. Wir bewirkten etwas.
»Mordente reto, mordente reto, mordente reto despera«, befahl Morio und zwängte die Energie nun so unglaublich schnell und stark durch mich hindurch, dass ich der astralen Flutwelle, die durch meinen Körper donnerte, kaum mehr standhalten konnte.
»Kehre zurück zu den Elementen, zurück in die Leere, kehre zurück ins Herz des Universums, das dich läutern und erneuern wird. Geh jetzt, lass die Lebenskraft aus deinem Wesen strömen und die Macht des Atems aus dir fließen. Dein Blick werde trübe, dein Hass erlahme. Mögest du in den Armen deiner Ahnen ruhen ... «
Die Goshanti stürzte sich auf mich wie ein Wirbel aus Klauen und Kraft. Sie konnte mir sehr wohl etwas anhaben, weil ich zum Teil mit der Astralebene verbunden war, doch ich wich ihrem Angriff aus, und sie schoss an mir vorbei und wirbelte herum, sobald sie erkannte, dass sie mich verfehlt hatte. Sie schätzte die Situation ab und beäugte Morio, scheute aber offenbar vor einem weiteren Angriff zurück. Ich konnte die Angst in ihren Augen sehen, doch es gab keinen Fluchtweg für sie.
»Mordente reto, mordente reto, mordente reto despera.«
Ich hob die Stimme so laut wie Morio und stemmte mich gegen den Strom der Energie, die sich aus der Schattenwelt durch ihn und mich ergoss. Sie glich einem Strudel aus Tod und Vernichtung und erschütterte mich zutiefst.
»Ruhe jetzt, schlafe für immer, träume und erwache nicht mehr. Ergib dich dem süßen Vergessen, versinke in der Dunkelheit, schließe dich glitzernden Sternen an - in die Leere schleudern wir dich, ins Nichts schicken wir dich, zum Abgrund geleiten wir dich, ergib dich - lass los, werde eins mit der Welt und sei nicht mehr!« Als ich die letzten drei Worte hervorstieß, kreischte die Goshanti. Dann rollte sie sich langsam zusammen, ihre Farben verblassten, während sie immer kleiner wurde und schließlich mit einem letzten Wimmern verschwand.
»Geschafft.« Morio rang nach Luft. »Sie ist weg.«
Ich starrte auf die Stelle, wo sie eben noch gewesen war. Ich konnte mir keine Reue erlauben, durfte nicht darüber nachdenken, ob wir das Richtige getan hatten. Ich drehte mich zu ihm um und legte die Hände auf seine Brust. Er zog sie an seine Lippen und küsste zärtlich jeden meiner Finger.
»Sie ist weg«, wiederholte ich erschöpft. Ich wollte mich nur noch in einem gemütlichen Sessel ausruhen, mit einer Decke und einer Tasse Tee.
Ich winkte Delilah zu uns heran. Mit großen Augen kam sie langsam näher und hielt mir ihr Handy hin.
»Du kannst Chase sagen, dass er und seine Männer das Grundstück jetzt betreten können. Den Rest werden wir später reinigen, aber vorerst dürften sie hier sicher sein.«
»Gut. Der Anruf ist für dich. Iris ist dran. Sie wollte warten, bis ihr fertig seid, also muss es ziemlich wichtig sein.«
Mein erster Gedanke war der, dass Trillian etwas passiert sein könnte. Ich riss ihr das Handy aus der Hand und sagte: »Iris? Camille. Was gibt's?«
Sie flüsterte, was an sich schon merkwürdig war, aber sie hörte sich außerdem an, als hätte sie einen Frosch verschluckt. »Du musst nach Hause kommen. Sofort. Wir haben Besuch.«
»Wer ist es? Trillian?« Das Herz schlug mir plötzlich bis zum Hals. Hatte er früher abreisen können und war nach Hause gekommen, ohne vorher Bescheid zu sagen, weil er mich überraschen wollte?
»Nein«, antwortete sie, und ihre Stimme klang belustigt und argwöhnisch zugleich. »Smokys Vater ist hier. Und er hat noch jemanden mitgebracht.«
Smokys Vater? Alles Blut wich mir aus dem Gesicht, und ich sank zu Boden, ohne darauf zu achten, dass ich in einer matschigen Pfütze landete. »Und was zum Teufel will Smokys Vater von mir?«, fragte ich leise. Wenn Smoky schon mächtig und uralt war, dann musste sein Vater wahrhaft beängstigend sein.
»Offenbar ist Smoky ... na ja ... Also, es ist noch jemand hier. Eine Frau - ein Drachenweibchen. Sie behauptet, sie sei Smokys Verlobte, und Smoky streitet das nicht ab.«
Dümmlich starrte ich das Handy an und konnte einfach nicht begreifen, was ich da hörte. Ich stand auf und deutete zum Auto. »Wir müssen nach Hause. Sammelt alles ein, und dann nichts wie los. Schnell.«
Iris hörte mich und verabschiedete sich flüsternd. Ich klappte das Handy zu und gab Delilah meinen Autoschlüssel. »Fahr du. Ihr werdet nicht glauben, was ich euch jetzt sage. Verdammt, ich weiß ja selbst nicht, was ich davon halten soll.«
Doch während wir alles einpackten und in Richtung Belles-Faire fuhren, wurde mir sehr deutlich bewusst, was ich davon hielt. Smoky gehörte mir. Er gehörte zu mir und Morio.
Unwillkürlich trat ein eifersüchtiger Zug in mir zum Vorschein - ein Gefühl, das ich kaum kannte und überhaupt nicht mochte. Aber ich sah rot und konnte an nichts anderes mehr denken, als so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, damit ich das Miststück vermöbeln konnte, das Anspruch auf meinen Ehemann, meinen Seelengefährten erheben wollte. Das Problem war nur: Wie zum Kuckuck sollte ich einen Drachen dazu bringen, die Klauen von meinem Ehemann zu nehmen?
»Ganz, ganz vorsichtig«, riet ein leises Stimmchen in mir. »Sehr vorsichtig.«