Kapitel 17

 

Ich schlief ein paar Stunden, bis Menolly aufwachte. Trillian und Morio leisteten mir Gesellschaft. Es fühlte sich unglaublich gut an, beide in meinem Bett zu haben, und obwohl ich froh war, dass wir alle wieder zusammen waren, fragte ich mich, was bei Smoky los sein mochte. Aber ich war zu erschöpft, um lange darüber nachzugrübeln. Diese Jagd war die härteste gewesen, die ich je erlebt hatte, mit Ausnahme der allerersten, und mein Körper wie mein Geist brauchten Zeit, sich wieder aufzuladen. Leider war uns eine längere Auszeit nicht vergönnt, denn auf dem Friedhof wartete viel Arbeit auf uns.

Als der Wecker summte, schaltete Morio ihn aus, und wir alle quälten uns aus dem Schlaf. Ich gähnte und schlüpfte unter der Decke hervor. Trillian reichte mir meinen Morgenmantel, während Morio schon mal ins Bad ging. Blinzelnd schaute ich in den Spiegel auf meinem Frisiertisch. Ich hatte vergessen, mich abzuschminken, und mein Make-up war völlig verschmiert. Doch nach fünf Minuten mit Make-up-Entferner und dem üppigen Vorrat von M.A.C.-Kosmetik in den Schubladen des Tischchens sah ich wieder präsentabel aus.

Morio schlüpfte in eine dunkelblaue Jeans und einen Rollkragenpulli, Trillian wählte eine Lederhose und einen Pullover. Beide sahen ziemlich gut aus, doch Trillian hatte so einen gedankenverlorenen Ausdruck in den Augen, der mich innehalten ließ. Als ich ihn nach seinen Gedanken fragte, zuckte er mit den Schultern und lächelte schwach.

»Dann gehen wir wohl besser runter«, sagte ich, als mir klar wurde, dass ich keine Antwort bekommen würde. Ich zog einen wadenlangen Rock aus Kunstseide an, dazu einen violetten Pullover mit Wasserfallkragen. Die Nacht versprach sowohl kalt als auch blutig zu werden. Ich hatte nicht vor, in meinem besten Bustier in den Kampf zu ziehen. Ich legte extra kleine Ohrstecker an - große Ohrringe waren beim Kämpfen keine gute Idee, wie ich auf schmerzhafte Weise hatte feststellen müssen - und schlüpfte in meine hohen Schnürstiefel.

Wir schlenderten in die Küche, wo Chase schon für das Abendessen gesorgt hatte. Iris erschien, gähnend und noch im Bademantel.

»Danke, dass du das Kochen übernommen hast, Chase«, sagte sie. »Ich war völlig fertig von der Reise.«

Ich beugte mich über einen der Töpfe auf dem Herd und schnupperte. »Was ist das?« Was es auch war, es roch lecker.

»Hühnersuppe mit Klößchen.« Er fischte mit dem Löffel einen der weißen Klumpen heraus. Die Suppe dampfte, roch himmlisch, und in der Kelle tummelten sich klein geschnittene Karotten, Zwiebeln, Sellerie und dicke Stücke Hähnchenfleisch.

»Was sind denn Klößchen?«, wollte ich schon fragen, doch dann fiel es mir ein. »Richtig, Mutter hat so was ab und zu gemacht. Aber bei ihr waren sie süß und mit Zimt, in einem großen Topf Apfelmus.« Ich beugte mich vor und nahm gierig den Löffel in den Mund.

Dumme Idee!

»Heiß, heiß, heiß!« Ich presste die Hand auf die Lippe, wo sich von dem brühheißen Löffel eine kleine Brandblase bildete, konnte aber trotzdem nicht widerstehen, noch einmal zu kosten. »Aber, mm, ist das lecker. Ich wusste gar nicht, dass du so gut kochen kannst.«

Er zwinkerte. »Oh, kochen kann ich wirklich. Ich habe es früh lernen müssen, falls du dich an das erinnerst, was ich dir über meine Kindheit erzählt habe. Ich hatte die Wahl: selber kochen lernen oder immer nur Sandwiches essen. Jetzt setz dich an den Tisch, ich bringe dir eine Schüssel.«

Während Delilah und Chase Schüsseln voll dampfender Suppe auftrugen, schlenderte Menolly mit Rozurial und Vanzir vom Wohnzimmer herein. Das dämonische Duo wirkte ziemlich niedergeschlagen. Für Roz galt das buchstäblich. Sein rechtes Auge war blauschwarz umringt.

»Was zum Teufel ist dir denn passiert?«, platzte ich heraus.

Er zuckte mit den Schultern. »Tja, wenigstens war es diesmal nicht dein Irrer von einem Ehemann.« Er schnupperte und fügte hinzu: »Und ich will unbedingt etwas von dem, was hier so gut riecht.«

»Setz dich. Ich bringe dir etwas.« Delilah nahm ihm den Mantel ab.

Vanzir setzte sich rittlings auf einen Stuhl an den Tisch und schüttelte den Kopf, als Chase ihm eine Schüssel Suppe anbot. »Ich habe keinen Hunger, danke.«

Menolly glitt hinter mich und umarmte mich kurz. »Schön, dass du wieder da bist, und Trillian auch«, sagte sie.

»Guten Abend, verehrter Reißzahn.« Trillian wedelte mit dem Messer in ihre Richtung, nachdem er ein dickes Stück Butter in seiner Suppe versenkt hatte. »Was macht das Nachtleben?«

»Wird immer lebhafter«, erwiderte sie. »Leg das weg, ehe du noch jemandem wehtust. Und willkommen zu Hause.«

»Wir sind alle froh, dass du wieder da bist«, sagte Roz zu Trillian. »Wir brauchen wirklich jede Unterstützung, die wir bekommen können.«

»Freut mich, dich wiederzusehen.« Trillian erwiderte Roz' Nicken. Dann starrte er Vanzir an. »Du bist ein Dämon, nicht wahr?«

»Das ist Vanzir«, sagte ich. »Ich habe dir von ihm erzählt, weißt du noch?«

»Ach so.« Trillian warf ihm noch einen prüfenden Blick zu und widmete sich dann wieder seiner Suppe.

Vanzir hüstelte. »Ja, ich kann mir ungefähr vorstellen, was sie über mich gesagt hat.«

»Du bist wieder mal paranoid.« Ich seufzte tief. »Fühl dich doch nicht immer gleich in die Defensive gedrängt. Ich habe dich in meiner Beschreibung geradezu gerühmt. Zurück zur Sache. Roz, wo hast du das blaue Auge her?«

Rozurial runzelte die Stirn. »Das ist nichts, was wir auf der Stelle in Ordnung bringen könnten, aber ignorieren sollten wir es auch nicht.«

Ich legte den Löffel beiseite. Er hatte mich gerade aus der fröhlichen Stimmung gerissen, die ich dank Chases Essen wiedergefunden hatte. »Was ist passiert?«

»Die Knochenbrecherin hat ihre Spione ausgeschickt. Treggarts. Nicht allzu schlau, aber sehr loyal. Und sie sind abartig stark. Das habe ich auf die harte Tour festgestellt. Und ich vermute, dass sie versucht, irgendwo in den Wäldern ein Trainingslager aufzubauen.«

»Ein Trainingslager? Wozu denn? Allgemeine Grundausbildung für den Dämonen-Gefechtsdienst? Heilige Scheiße. Das kann nur eine Katastrophe geben. Und, hast du sonst noch etwas erfahren? Und wie genau bist du an dieses blaue Auge gekommen?«

»Wie wäre es mit einer Frage nach der anderen? Ich habe versucht, unserem Informanten mehr abzupressen, als er rausrücken wollte. Der verfluchte Mistkerl hat mich überrascht, mir eine verpasst und mir dann das Knie zwischen die Beine gerammt.« Roz errötete, und Vanzir lachte auf. »Halt bloß die Klappe, Kumpel. Du hast ja nichts abgekriegt. Sein Knie hat sich angefühlt wie aus purem Stahl. Meine Eier sind dermaßen blau, dass ich sie wohl eine ganze Weile in der Garage lassen muss.«

Menolly seufzte hörbar. Ich warf ihr einen feixenden Blick zu, und sie wurde sofort wieder ernst.

Ich ebenfalls. »Und weiß er, wer du bist? Wir müssen unauffällig vorgehen. Wir können es uns nicht leisten, Verdächtige zu misshandeln und sie dann laufen zu lassen.«

»Keine Sorge«, entgegnete Vanzir an seiner Stelle. »Er ist weg. Ich habe ihn erwischt, ehe er es bis zur Tür geschafft hatte.« Er verneigte sich vor mir, mit einer dreisten, schnörkeligen Handbewegung am Schluss.

»Gut«, sagte ich, obwohl ich mir viel zu blutdurstig vorkam. Das war Menollys Abteilung, nicht meine.

Trillian verdrehte die Augen - ob angewidert oder amüsiert, konnte ich nicht erkennen - und fragte: »Heute Nacht haben wir also Friedhofsschicht? Wir müssen wissen, womit wir es zu tun bekommen. Hat jemand eine Ahnung?«

Chase runzelte die Stirn. »Ich bin da nicht der beste Ansprechpartner. Ich weiß nicht, was das alles für Wesen sind oder wie man Geister von Gespenstern oder ... was auch immer unterscheidet.«

»Nach allem, was Chase mir erzählt hat, ehe ihr zum Abendessen hereingetröpfelt seid, haben wir da draußen eine Mischung aus wandelnden Toten und Geisteraktivität.« Menolly seufzte. »Keine Vampire vermutlich, das ist immerhin schon mal gut. Aber bei solchen spirituellen Turbulenzen werden wir mehr als nur Waffen brauchen. Wir müssen sie irgendwie abwehren können. Und falls da so etwas wie Schatten dabei sind ... « Sie ließ den Gedanken unvollendet, aber die Schlussfolgerung war leicht zu ziehen und gar nicht hübsch.

»Oder Wiedergänger«, fügte Delilah hinzu.

»Ich fürchte, wir werden mehr magische Feuerkraft brauchen, als Morio und ich aufbringen können. Und Smoky ist noch nicht zurück.« Ich starrte nachdenklich auf die Tischplatte. Die Vampire würden uns nicht helfen - da Wade und Menolly immer noch nicht miteinander sprachen, konnten wir die Anonymen Bluttrinker nicht um Unterstützung bitten. Und in der ÜW-Gemeinde wimmelte es nicht gerade von magisch Begabten, wenn man von gewissen angeborenen Fähigkeiten absah.

»Wilbur«, platzte es plötzlich aus mir heraus, und ich riss den Kopf hoch und starrte die anderen an. »Wir müssen Wilbur um Hilfe bitten. Er ist ein Nekromant.«

»Wie kommst du darauf, dass er uns helfen würde? Er ist nicht gerade unser bester Kumpel.« Menolly verzog das Gesicht. »Jedes Mal, wenn ich ihm begegne, würde ich ihn am liebsten beißen - und nicht zum Vergnügen. Der betrachtet Frauen doch nur als Spielzeug für seinen Schwanz.«

»Ja, ich weiß, aber es muss irgendetwas geben, womit wir ihn überreden könnten, uns zu helfen. Vielleicht ein paar Leichen zum Spielen?« Ich blickte in die Runde und blieb bei Chase hängen, als ich dessen Miene sah. Er starrte mich beinahe traurig an. »Was ist?«

»Nichts«, sagte er kopfschüttelnd.

»Nein, sag schon.«

»Es ist nur... du hast dich verändert. Jetzt verteilst du schon Leichen als Belohnung? Ich weiß, dass du Tote auferstehen lassen musst, um deine Magie zu üben, aber vergiss nicht - das waren einmal lebendige, atmende Menschen. Leute, die ein Leben, geliebte Menschen und Familien hatten.«

Ich fühlte mich zu Unrecht angegriffen und blinzelte gegen plötzliche Tränen an. »Jetzt hör mir mal gut zu. Mir gefällt das auch nicht. Ich schände nicht gerne Gräber. Ich wühle nicht gerne in Fäulnis herum. Aber wenn ich nicht lerne, diese Magie zu nutzen, sind wir den Dämonen gegenüber noch mehr im Nachteil. Mag sein, dass ich unmenschlich werde. Mag sein, dass ich mich allmählich in ein Scheusal verwandle, aber wenn es notwendig ist, dann tue ich es eben. Und wer hat behauptet, dass die Leichen menschlich sein müssen? Wir finden bestimmt irgendwo ein paar Goblin-Kadaver für Wilbur. Vielleicht hätte er Spaß daran, zur Abwechslung mal etwas anderes auferstehen zu lassen.«

Delilah flüsterte Chase etwas ins Ohr, und er verzog das Gesicht.

»Es tut mir leid. Ich weiß, dass du kein Vergnügen daran hast«, sagte er. Dann hob er seine Hand und starrte auf den Finger, dem das letzte Glied fehlte. »Das hier sollte mich wohl daran erinnern, warum du das alles tust. Warum wir tun, was wir tun. Ich habe nie beim Militär gedient, Camille. Ich bin nicht in einem militärischen Haushalt aufgewachsen, so wie ihr. Ich hatte eine beschissene Kindheit, und ich habe versucht, das zu kompensieren, indem ich zur Polizei gegangen bin. Aber dadurch bin ich nur Facetten der Gesellschaft begegnet, die noch düsterer und schäbiger sind als alles, was ich als Kind erfahren hatte. Ich glaube, ich habe die Nase voll davon, an vorderster Front gegen Widerlinge, Versager und Irre kämpfen zu müssen. Aber eine Versetzung oder Entlassung ist nicht abzusehen.«

Menolly überraschte uns alle, indem sie hinter den Detective trat und ihm das Haar zerzauste. Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und beugte sich herab, um ihm aus nächster Nähe in die Augen zu starren. »Keine Panik, du weißt doch, dass ich dich nicht beißen werde. Und es tut mir leid, dass du dich so mies fühlst. Aber, Chase, glaub mir, was du gesehen hast, war noch gar nichts. Was auch immer Karvanak dir angetan hat, es wird tausendmal schlimmer kommen, falls es uns nicht gelingt, Schattenschwinge aufzuhalten. Wenn wir dafür einige Opfer bringen müssen ... oder ein paar Tote aufwecken ...«

»Wo wir gerade von schlimmer sprechen«, unterbrach ich sie, »ich hätte da auch was für euch. Jedenfalls glaube ich das. Ich wünschte, Großmutter Kojote wäre da gewesen, denn wir brauchen dringend ihren Rat.«

»Was ist passiert? Hat es etwas mit dem Schwarzen Einhorn zu tun?«, fragte Delilah.

»Ja, ich glaube schon«, sagte ich gedehnt. »Ich bin nicht sicher, ob da ein Zusammenhang besteht, aber ... ja ...« Ich holte tief Luft, atmete langsam aus und erzählte ihnen alles. Ich erzählte ihnen, dass ich während der Wilden Jagd das Schwarze Einhorn geopfert hatte und jetzt eine Priesterin der Mondmutter war, wer die Keraastar-Ritter waren und wie Tanaquar und Asteria sie benutzen wollten, um die Portale zu stabilisieren, und ich erzählte ihnen vom Überfall dieses Zauberers in König Upala-Dahns' Palast. Zuletzt fügte ich noch hinzu: »Und ich fühle mich auch nicht mehr wohl dabei, Vater nach seiner Meinung zu alledem zu fragen.«

»Warum?«, fragte Menolly und fing meinen Blick auf. Ich erkannte den Argwohn, der in ihren Augen lauerte. Sie glaubte mir jedes Wort.

»Weil ich ganz sicher bin, dass er es mit Königin Tanaquar treibt«, antwortete ich.

»Was?« Delilah sprang fast vom Stuhl. »Aber Vater würde doch ... mit der Königin ? Bist du sicher?«

»Ja. Jedenfalls so sicher, wie ich mir zurzeit in irgendeiner Frage sein kann. Er hat sich unseren Rat also endlich zu Herzen genommen und sich eine Freundin zugelegt. Aber obwohl Tanaquar verdammt viel besser ist als Lethesanar, traue ich ihr nicht hundertprozentig.«

»Wir haben uns bisher bemüht, die Siegel möglichst nicht zu benutzen. Sind sie denn sicher, dass das eine gute Idee ist?«, fragte Menolly.

»Ich weiß es nicht. Anscheinend weiß ich gerade gar nichts mehr.«

»Bist du sicher, dass dieser Plan schiefgehen wird?«, fragte nun Chase. »Ich will dich nicht verärgern, aber vielleicht haben sie ja recht?«

»Woher soll ich das wissen? Sie werden uns nicht in alle Einzelheiten einweihen, das war mir von Anfang an klar.« Ich hielt inne und beruhigte meinen Atem. »Entschuldigung, ich bin nur ziemlich nervös. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, ob das funktionieren würde. Deshalb will ich ja mit Großmutter Kojote sprechen. Mein Instinkt kreischt mir förmlich ins Ohr, dass dieser Plan alles nur noch mehr aus dem Gleichgewicht bringen wird, aber ich möchte ihre Meinung dazu hören. Vielleicht bin ich auch nur paranoid.«

»Aber wenn der Versuch nach hinten losgeht und die Dämonen nur stärker macht? Ich sehe da zu viel Katastrophen-Potenzial«, sagte Menolly.

Morio spielte mit seiner Teetasse und tippte sacht mit einem Finger an das Porzellan. »Ich glaube, sie unterschätzen die Macht der Dämonen. Seht es doch mal so«, erklärte er. »Die beiden Königinnen haben gerade einen Krieg gewonnen. Beide fühlen sich stark und siegreich. Was, wenn ihnen das zu Kopf gestiegen ist?«

Delilah hüstelte. »Irgendwie kommt mir der Gedanke, ein Sieg könnte Königin Asteria derart zu Kopf steigen, lächerlich vor, aber ich nehme an, sie ist auch nicht unfehlbar.«

Trillian räusperte sich. »Es gibt da noch eine Möglichkeit. Was, wenn sie die neu erstandenen Feenhöfe fürchten und sich Sorgen machen, dass die Dreifaltige Drangsal sich mit den Dämonen verbünden könnte? Oder sogar, dass ihr drei euch mit der Dreifaltigen Drangsal verbünden könntet? Euch ist sicher aufgefallen, dass weder Titania noch Aeval zu diesem kleinen Plausch eingeladen waren. Von Morgana ganz zu schweigen.« Da die drohende Dreifaltigkeit sich ja nun verwirklicht hatte, waren wir auf diesen neuen charmanten Spitznamen verfallen. Ich starrte ihn an. »Glaubst du wirklich, dass sie befürchten, wir könnten die nächsten Siegel den Erdwelt-Feenhöfen übergeben?«

»Gäbe es ein besseres Mittel, um sicherzustellen, dass ihr sie weiterhin in die Anderwelt bringt, als euch einzureden, wie viel dringender Asteria sie jetzt braucht?«

»Dann hältst du das Ganze für eine List?«

Er zögerte und überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, nicht direkt. Ich denke, sie glauben selbst daran, was sie sagen. Aber genau wie du habe ich das Gefühl, dass das ein zweischneidiges Schwert ist. Ich kann es allerdings nicht wagen, irgendetwas zu sagen. Svartalfheim gilt in der Anderwelt immer noch als verdächtig, seit wir mit der gesamten Stadt aus den Unterirdischen Reichen geflohen sind. Wir hätten viel zu verlieren, wenn wir die Motive der Königinnen offen in Frage stellen würden. Und wenn ich König Vodox von meinen Sorgen berichten würde, wüsste er ebenfalls von den Geistsiegeln, und glaubt mir, das wollt ihr wirklich nicht.«

»In einem Punkt hat er jedenfalls recht«, sagte Rozurial. »Da jetzt bekannt ist, dass ihr Mädchen mit Morgana verwandt seid, fürchten sie sie vielleicht umso mehr.«

»Aber unser Vater ist auch mit ihr ver-« Ich unterbrach mich. »Oh. Glaubt ihr, dass Tanaquar vielleicht deshalb mit ihm ins Bett geht? Um ihn auszuhorchen und herauszufinden, was wir so tun?«

»Tanaquar hat alles getan, was nötig war, um den Krieg gegen ihre Schwester zu gewinnen. Blutsbande sind ihr keineswegs heilig. Du kannst sicher sein, wenn sie Lethesanar gefangen genommen hätte, wäre die Opiumfresserin binnen eines Wimpernschlags einen Kopf kürzer gewesen. Da die Feenköniginnen der Erdwelt jetzt wieder eigene Höfe regieren, stellen sie eine potenzielle Bedrohung für Tanaquars Herrschaftsanspruch als Königin aller Feen dar.«

»Aber was ist mit Königin Asteria? Fürchtet Tanaquar sie auch?«, fragte Delilah.

»Nein«, antwortete Trillian. »Asteria ist keine Bedrohung für sie - sie ist die Königin der Elfen, und Elfen und Feen spielen in verschiedenen Sandkästen. Aber seht es mal so: Wir haben hier drüben drei frisch gekrönte Monarchinnen. Was würde wohl passieren, wenn Tanaquars Untertanen beschließen sollten, dass sie zum alten System zurückkehren wollen? Dass sie wieder einen Lichten und einen Dunklen Hof haben wollen, wie früher, vor der Spaltung?« Trillian aß den letzten Löffel Suppe und schob seinen Teller von sich.

»Aber das ist doch lächerlich. Sie hat gar keinen Grund, sich solche Sorgen zu machen«, warf Delilah ein und begann, den Tisch abzuräumen.

»Ich kümmere mich um den Abwasch, Mädels. Ihr müsst heute Abend an andere Dinge denken«, sagte Iris und nahm ihr die Teller ab.

Vanzir beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Nein, das ist gar nicht lächerlich. Trillian hat recht. Je mehr Autorität ein Herrscher besitzt, desto mehr fürchtet er sich davor, sie zu verlieren. Vergesst nicht, welch ungeheure Macht nötig war, um die Welten auseinanderzureißen. Die Feenfürsten, die diese Entscheidung getroffen haben, wollen todsicher nichts mit den neu erstarkten Königinnen Titania und Aeval zu tun haben, und schon gar nichts mit Morgana. Denkt daran, diese Fürsten haben die Feenköniginnen hier gestürzt, Titania um den Verstand gebracht und Aeval in ein Eis am Stiel verwandelt. Ein derart diplomatisches Vorgehen vergisst man nicht so leicht. Was, wenn die Feenfürsten befürchten, dass Titania und Aeval es ihnen mit gleicher Münze heimzahlen wollen?«

Die Spaltung der Welten war ein chaotisches, blutiges, alles erschütterndes Ereignis gewesen. Während die Menschheit kaum noch etwas davon ahnte - die wenigen Aufzeichnungen darüber waren vernichtet worden -, erinnerten die Feen in beiden Welten sich sehr gut daran, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aeval, Titania und Morgana hatten für niemanden, der bei diesem Krieg vor vielen Zeitaltern die Finger im Spiel gehabt hatte, sonderlich viel übrig.

»Genug geredet«, verkündete Menolly. »Wir wissen noch nicht einmal, wo wir das nächste Siegel suchen sollen, und heute Nacht können wir wegen dieses seltsamen neuen Plans sowieso nichts unternehmen. Erst mal wartet ein ganzer Friedhof voll Untoter auf uns.«

Widerstrebend stemmte ich mich von meinem Stuhl hoch. Der Regen prasselte noch heftiger als vorhin, und es würde da draußen kalt, matschig und scheußlich sein. »Wie wäre es, wenn du zu Wilbur gehst und mit ihm redest, während wir zusammenpacken, was wir brauchen?«

»Gute Idee. Ich bin in zehn Minuten wieder da, mit unserem Nachbarn.« Menolly schlüpfte zur Tür hinaus, und wir übrigen begannen alles einzusammeln, was wir für den Kampf brauchen würden. Oder zumindest alles, was uns einfiel.

Morio stopfte Rodneys Kiste in seine Tasche, und ich verzog das Gesicht. »O nein. Sag bloß nicht, dass du den auch mitnehmen willst.«

»Tut mir leid, Süße, aber wir können ihn vielleicht gebrauchen.« Er küsste mich flüchtig. »Kopf hoch. Wenn er allzu ekelhaft wird, können wir ihn an die Zombies verfüttern.«

Ich verdrehte die Augen. Obwohl ich jetzt eine Priesterin war - was ich mir mein Leben lang gewünscht hatte -, entpuppte sich dieser September allmählich als der übelste seit langem. Und Rodneys unflätige Witzchen waren das Letzte, was ich heute Nacht brauchen konnte.

 

Wilbur sah aus wie ein ausgeschiedenes Bandmitglied von ZZ Top und roch, als wäre er seit einem Monat nicht mehr mit Seife in Berührung gekommen, aber er erklärte sich bereit, uns zu begleiten. Sobald ich das hörte, schlug ich vor, mit zwei Autos zu fahren.

»Wir sind zu viele, sogar in Chases gigantischem SUV wäre es ganz schön eng.« Das war jedenfalls meine Behauptung, und bei der blieb ich. Ich sorgte außerdem dafür, dass Wilbur bei Chase mitfuhr, nicht bei uns.

Als wir vor dem Wedgewood-Friedhof hielten, war es stockdunkel. Der Mond war zwar noch beinahe voll, doch die Wolkendecke war so dick, dass sie nicht einmal einen schwachen Schimmer hindurchließ.

Der Regen wurde vom Wind waagerecht durch die Luft gepeitscht. Ich zog mein kurzes Cape fester um die Schultern. Das Einhorn-Horn war zu Hause in einem sicheren Versteck, zusammen mit dem Umhang. Die Opferung des Schwarzen Tiers hatte jedes Quentchen Energie aus dem Horn gezogen, und ich würde es erst beim nächsten Neumond wieder aufladen können. Und ich trennte den Umhang nicht gern von dem Horn. Das fühlte sich irgendwie nicht richtig an.

Flankiert von Delilah und Menolly ging ich auf den Friedhof zu. Wilbur folgte uns, mit Trillian und Morio zu beiden Seiten. Rozurial, Vanzir und Chase bildeten die Nachhut. Als wir uns dem Tor zu dem beleuchteten Friedhof näherten, fiel mir als Erstes auf, dass einige der hübschen, altmodischen Laternen zerstört worden waren. Anscheinend hatten die lebenden Toten es nicht so mit der Sonne oder guter Beleuchtung.

»Fühlt ihr das?«, fragte Menolly und blieb mitten auf dem Gehweg stehen.

»Was denn?«

»Die Toten streifen umher.« Ihre Augen wurden schmal und blutrot, und als sie lächelte, blitzten ihre Reißzähne hervor. »Widerliche Tote. Keine Vampire, keine Toten, die denken, sondern Zombies und andere Wesen, die nur töten und verschlingen können. Ich kann sie spüren, wie ein Nest voll summender Insekten ohne einen eigenen Gedanken.«

 

Ich holte tief Luft, schloss die Augen und sandte tastend meinen Geist hinaus. Und da waren sie, genau wie Menolly gesagt hatte. Eine Masse wimmelnder Maden, ein Schwärm Ameisen, hungrig und auf der Suche nach Futter. Und da war noch etwas. Etwas hinter dieser Energie, beinahe wie ... Ich schauderte und öffnete die Augen.

»Sie sind im alten Teil des Friedhofs. Aber die magische Signatur hinter ihnen, diese Energie - die ist dämonisch. Ich spüre deutlich, dass hier Dämonen am Werk sind.«

Wilbur meldete sich zu Wort. »Ich kann auch die Toten unter der Erde spüren - diejenigen, die noch nicht von dem Zauber berührt wurden. Wenn wir nichts unternehmen, werden sie sich auch erheben, jemand hat hier einen hammermäßigen Zauber gewirkt, und der ist nicht auf bestimmte Gräber gerichtet. Wer auch immer dahintersteckt, benutzt irgendeine Leitung für seine Energie - als würde man ein Medikament über einen Tropf verabreichen.«

»Scheiße«, sagte Delilah. »Die Ley-Linie.«

Ich starrte sie an. »Stacia Knochenbrecherin. Zehn zu eins, dass sie dahintersteckt. Sie leitet ihre Magie direkt über die Ley-Linie, die durch den Wedgewood-Friedhof verläuft. Harold Youngs Haus, oder das, was davon übrig ist, steht auf derselben Linie, und da haben wir die Goshanti gefunden. Die Linie führt außerdem durch den Wayfarer, wo das Portal ist, und über zwei weitere, wilde Portale. Und wenn sie die Ley-Linie manipulieren kann, dann ...«

»Könnte sie vielleicht an den Portalen herummachen.« Delilah wurde blass. »Was, wenn sie das dritte Geistsiegel hat? Das Siegel, das Karvanak uns gestohlen hat. Würde es sie nicht noch mächtiger machen, so dass sie richtiges Unheil anrichten kann?«

»Heilige Scheiße!« Menolly fuhr herum. »Versucht sie vielleicht, die Ley-Linie zu benutzen, um die Portale aufzureißen oder so zu verdrehen, dass sie sich in die U-Reiche öffnen?«

»Wer weiß schon, was zum Teufel sie vorhat?« Ich starrte verbittert auf die Grabsteine vor mir und hielt dann auf den ältesten Teil des Friedhofs zu. Die anderen folgten mir. »Wir müssen ihre Halloween-Party sprengen und dann herausfinden, wie wir sie daran hindern können, an der Ley-Linie herumzupfuschen. Im Moment sieht es so aus, als würde sie noch experimentieren, nur um mal zu sehen, was sie alles tun kann. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis sie ernst macht.«

Als wir das schmiedeeiserne Tor erreichten, hinter dem die ältesten Gräber lagen, trat Menolly vor und öffnete es für uns. Eisen setzte ihr zwar immer noch zu, aber ihre Wunden würden viel schneller heilen als bei Delilah und mir. Sie stieß das Tor auf, versengte sich die Hände daran, und wir schössen hindurch.

Und da waren sie, die lebenden Toten. Es waren mindestens zwanzig, die herumschlurften wie die Monster in Diablo. Na, hurra. Die meisten waren Knochenwandler - blanke Skelette. Ein paar Kadaver waren mumifiziert. Aber alle suchten sie nach Opfern. Ein hasserfülltes Glitzern leuchtete aus ihren Augenhöhlen. Der Anblick machte mich unerklärlich traurig. Sie hatten ihr Leben gelebt, sie waren zu ihren Ahnen gegangen; sie sollten nicht aus ihrer Ruhe gerissen werden.

Plötzlich verstand ich, warum Chase meinen Vorschlag so abscheulich gefunden hatte. Aber ich wusste auch, dass die Seelen, die einst in diesen Körpern gelebt hatten, nicht mehr hier waren. Wir kämpften gegen Hüllen. Gefährliche Hüllen, ja. Dennoch waren sie nicht mehr als leere Gefäße. Es wäre schlimmer gewesen, wenn jemand von ihren Körpern Besitz ergriffen hätte, solange sie lebendig gewesen waren.

Wilbur und Morio traten vor, und Morio nahm meine Hand. Delilah und Menolly wichen ein Stück zurück, um uns Platz zum Zaubern zu geben.

Der Regen stürzte herab wie ein Wasserfall, klebte mir das Haar an den Kopf, lief mir übers Gesicht und ließ mich frieren bis auf die Knochen. Ein Blitz knallte über uns. Das Gewitter tanzte von einer Wolkenbank zur nächsten, und der Donner grollte so unheilvoll, dass mir die Zähne klapperten.

Morio schloss die Augen, und ich spürte, wie er die finstere Macht beschwor. Die Macht des Grabes. Ich passte meinen Atem dem seinen an, und als er zu singen begann, lenkte ich die Kraft, die er aufbaute.

»Kehr zurück in den Staub, zurück in dein Grab, zurück in die Nacht, zurück in die Erde, zurück in die Tiefe, zurück zur Mutter, zurück in den Schoß ...«

Wilbur stimmte in seinen Rhythmus ein und hob die Hände, die Handflächen gegen die Gruppe schlurfender Knochenwandler gerichtet. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Allein der Klang seiner Stimme verriet mir, dass er mächtiger war als Morio und ich. VBM hin oder her, dieser Mann beherrschte seine Magie, und sie hatte ihn verändert. Eine grau-grüne Energie flammte in seiner Aura auf, umgab ihn mit einem Nimbus der Macht, und er sog sie mit dem Atem ein, gab sie durch die Hände wieder ab und zielte auf die Skelette.

»Staub zu Staub, kehr zurück in den Boden, wandle nicht länger. Ich nehme das Leben von dir, der du kein Leben hast. Kehr zurück zur Fäulnis ...«

Ich blinzelte, ließ mich in die Energie hineinsinken und ignorierte die Tropfen, die mir den Nacken hinabrannen. Der Drang, mich zu bewegen, war stark, und ich trat vor, durch eine Spur aus Energie mit Morio verbunden.

Eines der Skelette griff mich an, und ich hob die Hand. Gleißendes Licht schoss aus meiner Handfläche hervor, traf das Skelett und hüllte es in purpurrote Flammen. Das Geschöpf öffnete den Mund und kreischte, dann fiel es klappernd zu einem Haufen alter Knochen zusammen. Morio folgte mir - ich konnte ihn hinter mir spüren.

Wilbur tat irgendetwas, doch ich konnte nicht sehen, was. Ich war ganz darauf konzentriert, die Energie zu fokussieren, die Morio und ich zwischen uns aufgebaut hatten. Aber ich hörte ein weiteres Kreischen, das ich nicht bewirkt hatte. Wieder riss ich die Hände nach vorn, und das purpurrote Licht verschlang noch zwei Skelette. Sie zerfielen zu Staub. Und dann schrie Morio auf, und das Band zwischen uns riss.

Ich wirbelte herum und sah, dass er von einem Zombie angegriffen wurde. Er stieß ein tiefes Knurren aus und nahm seine Dämonengestalt an. Ich sah mich um und verschaffte mir rasch einen Überblick. Ich stand inmitten eines Schlachtfelds voll lebendiger Knochen, und da kam etwas von links - zwei Knochenwandler hielten auf mich zu. Ich tastete hastig nach dem Dolch, den ich in einem Futteral am Oberschenkel trug.

In diesem Moment schrie Wilbur auf, und ich blickte in seine Richtung. Auch er wurde überrumpelt. Ein Zombie wankte hinter einem nahen Gebüsch hervor und griff ihn von hinten an.

Nun stürzte sich Delilah ins Getümmel, ihren Dolch Lysanthra hoch erhoben. Die Klinge sang ihren Namen, ihren Schlachtruf. Und dann schoss Menolly an mir vorbei und rannte eines der Skelette über den Haufen. Sie rammte es förmlich in den Boden und rutschte dabei auf dem nassen Gras aus.

Und nun tobte die Schlacht.