Kapitel 19

 

Das Licht im Haus war ein willkommener Anblick, als wir durch den unablässig strömenden Regen vorfuhren. Der Pfad neben der Auffahrt hatte sich zum Teil in ein Schlammbad verwandelt, und ich war froh, dass wir auf die Idee gekommen waren, den Zufahrtsweg schottern zu lassen.

Morio legte mir eine Hand in den Rücken, und sogar Trillian schien meine Stimmung zu spüren. Er nahm meine Hand.

»Ganz gleich, was geschieht, Camille, du gehörst zu mir. Ganz egal, an wen du sonst noch gebunden bist, du und ich, wir werden immer zusammen sein«, flüsterte er.

Morio hörte es. Er bedachte Trillian mit einem langen Blick und sagte: »Mit mir auch. Geh du schon rein, wir verziehen uns mit Roz und Vanzir ins Gästehaus, damit du dich in Ruhe unterhalten kannst.« Er gab Roz und Vanzir einen Wink, und die vier gingen in Richtung des alten Schuppens davon, den wir zum Gästehaus ausgebaut hatten. Unsere kleine Familie hatte sich mehr als verdoppelt, und der zusätzliche Platz machte das Zusammenleben viel angenehmer.

Iris, Bruce und Delilah standen immer noch neben mir.

»Ich gehe mal die Grundstücksgrenze ab«, erklärte Delilah.

»Aber die Banne haben ganz normal geleuchtet, als wir reingefahren sind«, wandte ich ein, doch dann verstummte ich. Sie wollte mir sagen, dass ich ungestört sein würde. »Danke, Schwesterherz.«

Iris nahm Bruces Hand. »Wir gehen durch die Hintertür rein und machen uns etwas zu essen, dann stecken wir Maggie ins Bett. Smoky hat gesagt, er würde im Salon auf dich warten.«

Im Salon. Nicht in meinem Schlafzimmer. Das klang nicht gut. Ich holte tief Luft und stieg mit festem Schritt und gestrafften Schultern die Vordertreppe hinauf. Wenn er schlechte Neuigkeiten brachte, würde ich sie aufnehmen wie eine echte D'Artigo - ich würde sie schlucken und damit fertig werden, wie ich mit all dem Kummer in meinem Leben fertig wurde. Ich würde sie beiseiteschieben und weitergehen, denn im Grunde blieb mir gar nichts anderes übrig.

Ich betrat das Wohnzimmer. Die Tür zum Salon stand offen, und ich konnte ihn dort drin riechen. Smoky. Er duftete nach Zedern und Zimt und alten Büchern. Mein Herz machte einen Satz, und ich schob langsam die Tür auf.

Smoky stand da und wartete auf mich, den Blick auf die Tür geheftet. Er starrte mich eine scheinbare Ewigkeit lang an, dann verzogen sich seine Lippen zu einem triumphierenden Lächeln, und er breitete die Arme aus.

»Camille, meine Camille. Ich bin wieder da.«

Ich wusste zwar noch nicht, was das genau heißen sollte, aber ich betete, es möge das bedeuten, was ich hoffte. Ich ließ alles stehen und liegen und stürzte mich in seine Arme. Er hob mich hoch, schwang mich herum und bedeckte mein Gesicht mit weichen, leidenschaftlichen Küssen. Ich schlang die Arme um seinen Nacken, hielt mich fest und ließ mich von ihm im Kreis herumwirbeln, bis mir schwindelig wurde.

»Ich liebe dich, ich hebe dich, und ich bin wieder zu Hause«, raunte er. »Meine Camille, ich habe dir doch gesagt, dass uns nichts auf der Welt trennen könnte.«

»Ich liebe dich auch, aber würdest du mich jetzt bitte wieder Hinterlassen?« Sosehr ich mich auch freute, mein Magen wusste diese improvisierte Karussellfahrt nicht zu schätzen.

Er blieb abrupt stehen, ließ sich auf das kleine Sofa sinken und zog mich auf seinen Schoß. Ich schmiegte mich an ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter, während er mich zärtlich auf den Kopf, die Stirn, die Nase küsste.

»Du wirst also bleiben? Du gehst nicht zurück in die Nordlande? Du wirst Hotlips nicht heiraten?« Bei der letzten Frage brach meine Stimme, und trotz aller Entschlossenheit, ruhig und gefasst zu bleiben, brach ich in Tränen aus.

»Meine Süße, ach, meine Schöne.« Er legte mir eine Hand unters Kinn und sah mir in die Augen. »Ich habe dich zum Weinen gebracht. Das tut mir leid.« Er wischte meine Tränen fort, ließ seine Masken fallen, und Jahrtausende blickten aus seinen Augen - den Augen dieses uralten Ungeheuers, in das ich mich verliebt hatte.

»Nein, ich verlasse dich nicht. Ich habe dir doch versprochen, dich nie zu verlassen. Ich würde mich von meiner Familie lossagen, wenn es sein müsste. Aber Hotlips ist ausgezahlt worden. Wir brauchen uns um sie keine Gedanken mehr zu machen. Meine Mutter war nicht gerade begeistert, aber sie ist... sie ist nicht wie mein Vater.« Er senkte die Stimme, und ich schaute auf und sah eine dunkle Wolke durch diese Gletscheraugen ziehen.

»Was ist passiert?«, fragte ich und rappelte mich von seinem Schoß auf. »Ist alles in Ordnung? Haben sie dich rausgeworfen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Im Gegenteil, die Ratsversammlung war so dankbar für die Neuigkeiten über Schattenschwinge, dass sie uns ihren Segen gegeben hat. Im Prinzip haben sie Hotlips gesagt, dass sie das Geld nehmen und die Klappe halten soll.«

Doch da war noch etwas. Nichts Gutes. Ich konnte es in seiner Stimme hören, und ich sah es in dem besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht.

»Du hast mir noch nicht alles erzählt. Ich will, dass du aufrichtig zu mir bist. Keine weiteren Überraschungen mehr.« Nach dem kleinen Anfall von Gefühlsduselei war meine Entschlossenheit zurückgekehrt, und ich holte tief Luft. »Smoky, ich kann es mir nicht leisten, mir Sorgen um uns zu machen, wenn ich Dämonen und Ghulen gegenübertreten muss.«

Er nickte langsam. »Ich verstehe. Und da du mir ja nicht erlauben willst, dich von diesem Krieg fortzubringen, hast du recht. Ich hätte dir früher von der Verlobung erzählen sollen, aber ich dachte, ich hätte noch reichlich Zeit, mir etwas zu überlegen, ehe das zum Problem wird. Also gut. Mach dich auf was gefasst. Meine Sorge ist diese: Wir haben uns einen mächtigen Feind geschaffen, und ich habe Angst um dich.«

Ich runzelte die Stirn. Welcher mächtige Feind hatte noch keinen Hass auf uns entwickelt?

»Na wunderbar. Auf wessen Liste stehe ich jetzt wieder? Du hast mir erzählt, der Rat der Drachen sei auf deiner Seite, und deine Mutter ist vielleicht nicht gerade glücklich, aber du hast doch gesagt, dass sie ... o nein.« Ich griff mir an die Kehle, wo sich ein faustgroßer Kloß bildete. »Sag mir bitte, dass du nicht deinen Vater meinst? Was ist zwischen dir und deinem Vater vorgefallen, Smoky?« Die Erinnerung an Hytos Hand auf meinem Hintern schoss mir durch den Kopf.

»Hyto wurde aus dem Rat geworfen, und meine Mutter hat sich von ihm losgesagt. Er ist also nicht nur seinen Sitz im Rat los, sondern obendrein von der Familie verstoßen worden und hat jetzt keinerlei Rechte mehr über die Kinder. Im Prinzip hat meine Mutter sich von ihm scheiden lassen, und er hat die gesellschaftliche Stellung verloren, die wir Kinder ihm gebracht hatten. Meine Mutter hat schon lange darüber nachgedacht, und das war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.«

Ich spürte die Angst, die sich hinter dieser gelassenen Miene verbarg. »Ach du Scheiße. Was hat er denn angestellt? Ist es nicht ziemlich schwierig, aus dem Rat der Drachen rauszufliegen?«

»Normalerweise, ja. Aber er ist ein Weißer, und weiße Drachen gehören einer niedrigeren Kaste an und haben nicht viel Einfluss. Als die Ratsversammlung ihr Einverständnis zu meiner Vermählung mit dir gegeben hat, ist er ausgerastet und hat vom Schwingenfürsten verlangt, seine Entscheidung abzuändern. Schlimmer noch: Als sie ihn aus dem Rat geworfen haben, wollte er auch diese Entscheidung nicht hinnehmen.«

Beinahe hätte ich meine Zunge verschluckt. »Ist der Schwingenfürst euer König?«

»Nein, der Schwingenfürst ist der oberste Richter und Vorsitzende des Rates. Er ist ermächtigt, im Namen des Kaisers zu sprechen - wir haben keinen König -, wenn es um solche Dinge geht. Als Vater sich dem Rat widersetzte, hat der Schwingenfürst ihm befohlen, Mutters Dreyrie augenblicklich zu verlassen, und dann hat er ihn auf tausend Jahre zum Ausgestoßenen erklärt.«

Bilder von Drachen, die sich gegen andere Drachen erhoben, schössen mir durch den Kopf, und ich war froh, dass Smoky mich zurückgelassen hatte. Diese Szene hätte ich nicht mitansehen wollen.

»Ach, du Schande. Wurde jemand verletzt? Gab es einen Kampf?«

Smoky verzog das Gesicht, und sein Blick war kummervoll. »Beinahe. Vater hat Feuer gegen mich gespien, aber ich konnte ausweichen. Die Wachen haben ihm die Schwingen gefesselt, weil er sich dem Richtspruch widersetzt hatte. Und auf dem heiligen Grund des Rates dürfen niemals Flammen lodern. Nie. Nur der Kaiser und die Kaiserin dürfen bei Hof und bei Gericht Feuer speien.«

Er sah so unglücklich aus, dass ich ihn am liebsten in den Arm genommen und seine Schmerzen weggeküsst hätte, aber ich konnte nichts tun, um diesen Schlag erträglicher zu machen.

»Es tut mir so leid - und alles meinetwegen«, flüsterte ich. Wenn Smoky mich nicht kennengelernt hätte, wäre er nicht mit seinem Vater aneinandergeraten. Ich fühlte mich verantwortlich dafür, dass ich seine Familie zerstört hatte. Ich ging zum Fenster und starrte in die Herbstnacht hinaus. »Was kann ich tun, um das wiedergutzumachen? Gar nichts, oder?«

Smoky drehte mich herum und packte mich fest bei den Schultern. Er zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. »Du brauchst dich für nichts zu entschuldigen. Für nichts. Zwischen Vater und mir wäre es ohnehin irgendwann so weit gekommen. Der Boden für diesen Konflikt wurde schon vor langer Zeit bereitet, ehe ich die Nordlande verließ.«

»Was meinst du damit?« Ich fühlte mich so jung im Vergleich zu ihm. Und tatsächlich war ich noch sehr jung. Eine erwachsene Frau, ja, aber noch ein Kind nach den Maßstäben der vielen Jahre, die Smoky schon hatte kommen und gehen sehen.

»Ich habe die Nordlande verlassen, damit es nicht zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit ihm kommt. Als ich noch jünger war, wollte ich ihn umbringen, so sehr habe ich ihn gehasst, aber wir Drachen werden dazu erzogen, unsere Eltern und Ahnen zu ehren. Ich dachte, wenn ich fortginge, würde es zu Hause besser werden. Dass er sich vielleicht ändern würde, seine Fehler einsehen würde. Aber Hyto ist nur noch schlimmer geworden. Er hat unsere Dienstboten misshandelt, er hat meine Mutter immer wieder bedroht, und obwohl sie ihn einfach ignoriert hat, war da immer die Angst, dass er seine Drohungen irgendwann wahr machen würde. Und er hatte großes Vergnügen daran, die menschlichen Siedlungen in der Nähe zu überfallen. Er hat geplündert, Häuser in Brand gesteckt und Frauen vergewaltigt.«

Ich schauderte. Mein Instinkt hatte mich nicht getrogen. Und dann erinnerte ich mich an eine meiner ersten Begegnungen mit Smoky, als er gesagt hatte: »Ich könnte dich jederzeit davontragen, und niemand würde mich daran hindern.« Er hatte also doch einiges von seinem Vater in sich, aber er bemühte sich, diesen Teil seines Blutes unter Kontrolle zu behalten.

»Ich dachte, er hätte an der Seite der Menschen gekämpft? Du hast mir erzählt, dein Großvater wäre damals mit den Menschen in den Krieg gezogen, und dein Vater auch.«

»Hyto hat in den Kriegen gekämpft, ja, aber nur, um nicht als Feigling abgestempelt zu werden. Mein Großvater ist derjenige, der wirklich tapfer und ehrenhaft ist. Nach dem Richtspruch im Rat hat er Hyto sogar enterbt und ... mich zu seinem Erben erklärt. Also ist mein Vater jetzt wahrhaftig allein. Er ist von seiner gesamten Familie verstoßen worden. Er kann sich im Drachenreich nicht mehr sehen lassen - mindestens tausend Jahre lang.« Seine Stimme brach. »Es war schlimm, Camille. Sehr schlimm.«

Leise fragte ich: »Was sagt deine Großmutter denn dazu? Hytos Mutter?«

Er schüttelte den Kopf. »Sie ist schon vor langer Zeit verstorben. Ein Rotrücken hat sie ermordet.«

Ich erstarrte. Sollte ich ihm berichten, was sein Vater zu mir gesagt hatte? Würde das alles nur noch komplizierter machen? Aber eigentlich konnte es kaum mehr schlimmer werden. Ich seufzte tief und erzählte ihm alles.

Smokys Augen gefroren von Gletschergrau zu eisigem Weiß, als ich Hytos kaum verhüllte Drohung wiederholte. Er packte mich am Handgelenk.

»Hör mir gut zu. Falls jemand, irgendjemand, je wieder so etwas zu dir sagt, musst du es mir sofort erzählen. Sollte Hyto dir je zu nahe kommen, bringe ich ihn um. Wenn er dich anrührt, werde ich ihn bei lebendigem Leib häuten. Und du darfst niemals so etwas vor mir verbergen. Falls du ihn siehst, sagst du es mir. Falls du etwas von ihm hörst, sagst du es mir. Hast du verstanden?« Er unterstrich seine Worte mit einem leisen Grollen, und ich fürchtete schon, er würde sich auf der Stelle in einen Drachen verwandeln.

»Schon verstanden! Lass meine Hand los, Drachenmann, du tust mir weh.«

Er lockerte seinen Griff und zog mich an sich. »Vater hat mir - und dir - unmissverständlich gedroht, ehe er geflohen ist. Und die Drohungen eines Drachen darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Camille, ich meine es ernst. Wenn du auch nur einen Hauch von diesem Rethoule in deiner Nähe riechst, sag mir sofort Bescheid.«

»Ja«, entgegnete ich und schmiegte mich in seine Arme. Ich wusste zwar nicht, was ein Rethoule war, aber es klang nicht schmeichelhaft. »Ich verspreche es dir.«

Er küsste mich innig, tastete mit der Zunge nach der meinen und strich mit den Händen über meinen ganzen Körper.

»Ich will dich, ich will dich jetzt«, sagte er mit leiser, heiserer Stimme.

»Du wirst mich teilen müssen«, erwiderte ich flüsternd. »Wir haben Trillian gefunden. Und, Smoky, es ist so viel passiert. Ich muss dir alles erzählen.«

»Nicht jetzt. Ich brauche dich, ich will dich. Ich will deine Beine um meine Taille spüren und hören, wie du meinen Namen schreist. Wenn du die anderen dabeihaben willst, von mir aus, aber ich bin der Erste. Ich berühre dich heute Nacht als Erster im tiefsten Inneren. Verstanden?«

Er war so wild entschlossen, so wütend auf seinen Vater und voll aufgestauter Anspannung nach ihrem Konflikt, dass ich nur nicken konnte.

Doch ehe wir uns in Richtung Schlafzimmer aufmachen konnten, steckte Delilah mit aschfahlem Gesicht den Kopf durch den Türspalt.

»Ich störe euch wirklich ungern, aber ihr beiden werdet hier draußen gebraucht.« Sie warf einen Blick auf Smokys Hand, die unter meinem Shirt meine Brust liebkoste. Sein Haar, das mir den Rock hochgeschoben hatte und mich zwischen den Oberschenkeln streichelte, fiel plötzlich wieder zu seinen Knöcheln herab. Ein versonnenes Lächeln breitete sich über ihr Gesicht. »Zwischen euch beiden ist also wieder alles in Ordnung?«

Ich nickte und löste mich aus Smokys Umarmung. »Alles bestens. Was ist los?«

»Wir haben Besuch, und ihr solltet bei dem Gespräch dabei sein, denn nach dem bisschen, was wir bisher gehört haben, wird es ein Hammer. Menolly habe ich schon angerufen. Die Überwachungskamera ist installiert, und sie und Chase sind auf dem Heimweg.« Sie unterdrückte ein hämisches Kichern, als sie sich aus dem Salon zurückzog. »Smoky, mein Guter, du lässt dir besser noch einen Moment Zeit, dein Zelt abzubauen.«

»Danke für den guten Rat«, rief er ihr lachend nach. »Es ist schön, wieder zu Hause zu sein«, fügte er leise hinzu.

Ich ließ den Blick an ihm hinabgleiten. »Holla die Waldfee, da hat sie recht.« Der Umriss, der sich am Reißverschluss seiner eng anliegenden weißen Jeans abzeichnete, überließ wirklich nichts der Phantasie. »Wir treffen uns gleich in der Küche.« Ich zupfte meinen Rock und das Shirt zurecht, vergewisserte mich, dass nichts herausguckte, was nicht herausgucken sollte, und ging zur Tür.

 

Als ich die Küche betrat, sah ich Aeval am Tisch sitzen, mit Titania. Morgana war nirgends zu sehen. Ein weiteres vertrautes Gesicht stand in der Nähe der Tür: Feddrah-Dahns. Und Mistelzweig saß auf der Küchentheke und hatte es sich auf einem Serviettenring bequem gemacht. Iris unterhielt sich leise mit ihm.

Maggie war nirgends zu sehen. Wir hielten sie lieber versteckt, wenn die Dreifaltige Drangsal da war, oder auch nur zwei Drittel der Drangsal, und auch, wenn Königin Asteria uns besuchte. Obwohl keine von uns so genau sagen konnte, warum, waren wir uns einig, dass es so besser war. Wenn die Königinnen zu Besuch kamen, stellte das irgendeine Bedrohung für unser kleines Mädchen dar, also brachten wir sie außer Sicht, entweder in Iris' Schlafzimmer oder in Menollys Keller.

»Feddrah-Dahns!« Ich freute mich so, ihn wiederzusehen, dass ich zu ihm rannte und ihm die Arme um den mächtigen Hals schlang. »Was für eine schöne Überraschung.«

»Ihr werdet noch überraschter sein, wenn Ihr erfahrt, was hier vor sich geht«, entgegnete er. In diesen Worten lag keine Drohung, aber sie machten mich trotzdem nervös.

Ich setzte mich auf einen Stuhl, nahm mir einen Keks - Iris hatte Spitzbuben gebacken - und schleckte die Marmelade aus der Mitte, um Zeit zu gewinnen. Ich hatte keine Ahnung, was ich den beiden Feenköniginnen sagen sollte. Smoky kam herein und setzte sich zu meiner Linken.

»Wo sind denn Trillian und Morio?« Ich blickte mich fragend um.

»Auf dem Weg vom Gästehaus.« Delilah bot mir ein Glas warmen Apfelwein an. Ich nahm den dampfenden Becher entgegen und nippte dankbar an dem würzigen Cidre. »Roz und Vanzir wollten etwas zum Abendessen besorgen. Sie müssten bald wieder da sein. Roz hat vorhin angerufen, dass sie schon unterwegs sind.«

Trillian und Morio stapften herein. Trillian warf Smoky einen langen Blick zu, ehe er sich rechts von mir niederließ. Morio setzte sich neben ihn. Smoky begrüßte Trillian mit einem knappen Nicken, das der Svartaner erwiderte. Na wunderbar, würde ein weiterer Testosteronkrieg ausbrechen, sobald wir allein waren? Na ja, solange sie sich nicht gegenseitig umbrachten, würde ich mich nicht beschweren.

Gleich darauf schlenderten Menolly und Chase herein, und keine fünf Minuten später erschienen Roz und Vanzir.

Es wurde nur wenig gesprochen, bis wir alle um den Tisch versammelt waren. Iris reichte Becher mit Apfelwein, stellte zwei Schüsseln Popcorn und noch mehr Plätzchen auf den Tisch und servierte die Pizzen, die das Dämonen-Duo mitgebracht hatte. Endlich hatten alle Platz genommen, und Feddrah-Dahns beugte den Kopf über meine Schulter.

Aeval ergriff das Wort. »Wir sind hier, um mit euch über diesen absurden Plan zu sprechen, den Asteria und Tanaquar sich ausgedacht haben. Sterbliche die Geistsiegel gebrauchen zu lassen, ist reiner Wahnsinn. Wir dürfen das nicht zulassen.«

»Woher wisst Ihr denn davon?«, fragte ich sie. Meine Hand war mit einem weiteren Keks auf halbem Weg zu meinem Mund erstarrt.

»Ich habe es ihnen gesagt«, gestand Feddrah-Dahns. »Ich bin so besorgt, dass ich dachte, sie sollten es wissen.«

»Dein Vater wird dich umbringen!« Delilah schlug sich die Hand vor den Mund und starrte ihn entsetzt an. »Verzeihung. Ich meine, Euer Vater. Er ist mit dem Plan einverstanden, weil er ihn für richtig hält.«

»Ist schon gut. Und manchmal, liebe junge Katze, muss die Vernunft schwerer wiegen als die Loyalität. Vor allem dann, wenn es ein großer Fehler wäre, dieser Loyalität zu gehorchen.« Das Einhorn wieherte leise. »Mein Vater wird mir zürnen, ja. Aber letzten Endes wird er hoffentlich erkennen, dass ich recht habe.«

»Was das Einhorn sagt, ist wahr«, erklärte Smoky. » Manchmal muss man die Vernunft über alle Blutsbande stellen.«

Ich warf ihm einen Blick zu. Ich war noch nicht dazu gekommen, ihm zu berichten, was passiert war, doch er schüttelte den Kopf, lehnte sich zu mir herüber und flüsterte: »Iris hat mir einiges erzählt. Ich kenne nur die Grundzüge, aber das genügt mir fürs Erste.«

Titania beugte sich vor, das Gesicht in besorgte Falten gelegt. »Camille, du warst dort. Du hast meinen lieben Tarn Lin gesehen. Hast du irgendetwas Seltsames an ihm wahrgenommen - oder an den anderen Sterblichen? Irgendetwas Ungewöhnliches?«

Ich war hin- und hergerissen, wem ich denn nun die Treue halten sollte, und überlegte, wie viel ich ihnen sagen konnte. Doch Feddrah-Dahns hatte die Bombe ja schon platzen lassen. Egal, was ich sagte, ich konnte kaum mehr Schaden anrichten, als noch eine Gasflasche ins Feuer zu werfen.

»Nein. Ich war zu schockiert, um darauf zu achten. Ich wollte noch mit Venus Mondkind sprechen, aber ich bekam keine Gelegenheit dazu.«

»Ich könnte vielleicht mehr erfahren«, sagte Delilah. »Ich habe Verbindungen zum Rainier-Rudel.«

Ich warf ihr einen Blick zu und wünschte, sie hätte diese gute Idee für sich behalten, bis Titania und Aeval wieder gegangen waren. Hastig suchte ich nach einem Thema, das sie davon ablenken würde. »Ich habe immerhin herausgefunden, dass Königin Tanaquar mit unserem Vater schläft. Vermutlich, um auf dem Laufenden zu bleiben, was uns angeht. Ich weiß nicht, wie sie Tom, Ben und Venus benutzen wollen, aber ich war ziemlich schockiert.«

»Das sind wir auch, deshalb sind wir ja gekommen«, sagte Aeval. »Königin Asteria mag sehr vornehm und elegant sein, aber sie hat ein kluges Köpfchen, und dieser plötzliche Sinneswandel ist merkwürdig, um das Mindeste zu sagen. Die Frage lautet: Was wissen sie, was wir nicht wissen? Und wie haben sie es herausgefunden?«

Titania hauchte ein Seufzen. »Es wäre immerhin möglich, dass sie durch Drohungen dazu bewogen wurde.«

»Wer könnte ihr drohen?«, fragte ich. »Sie ist eines der mächtigsten Geschöpfe, die ich kenne.«

»Das kommt dir gewiss so vor«, erwiderte Aeval, »aber selbst die Elfenkönigin muss auf der Hut sein. Es gibt mächtige Feen in der Anderwelt. Feen, die äußerst verärgert darüber sind, dass die Erdwelt wieder ihre Feenköniginnen hat. Feen, die uns nicht trauen. Zweifellos sind sie auch über eure Arbeit hier im Bilde und über eure Verbindung zur Elfenkönigin. Womöglich erpressen sie Asteria.«

Ich legte meinen Keks weg. Erpressung. Nah dran an Trillians Gedanken. Mir fiel eine weitere Möglichkeit ein, obwohl sie mir sehr weit hergeholt schien. »Kann man sie verzaubern?«

Titania zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, aber ich würde das stark bezweifeln. Erpressung halte ich für wahrscheinlicher.«

Menolly, die dicht unter der Decke schwebte, nickte langsam. »Einige der Feenfürsten, die für die Spaltung der Welten verantwortlich waren, sind noch am Leben. Aber würden die nicht eher ihr Möglichstes tun, um die Trennung der Reiche aufrechtzuerhalten? Sie müssen wissen, dass die Zusammenführung der Siegel nur die Schleier zerreißen und die Welten wieder miteinander vereinen würde.«

Aeval lächelte. Es war ein Lächeln, das mir nicht gefiel - kalt und erbarmungslos und ohne jedes Mitgefühl. »Denk daran, sie sprechen nicht davon, die Siegel zusammenzusetzen - sie wollen sie benutzen. Das ist ein ganz anderer Plan, der sich möglicherweise gegen Titania und mich richtet.«

»Aeval und ich haben uns damals mächtige Feinde geschaffen«, fügte Titania hinzu. »Die Armeen von Sommer und Winter kämpften gemeinsam gegen die neue Ordnung. Wir vernichteten viele, die uns die Krone von den Köpfen reißen wollten. Feenblut wurde lange in Strömen vergossen. In der Anderwelt streifen nicht wenige Abkömmlinge jener Feen herum, die wir getötet haben. Sie haben nicht vergessen, und aus ihrer Erinnerung heraus hassen sie uns dafür, dass wir damals Widerstand geleistet haben.«

»Ihr glaubt also, statt sich gegen unser aller gemeinsamen Feind zu vereinen, hätten die Feenfürsten in ihrer unendlichen Weisheit beschlossen, einen neuen Krieg gegen Euch anzufangen? Und dass die Keraastar-Ritter irgendetwas damit zu tun haben?« Der Gedanke machte mich schwindeln, aber das Volk meines Vaters konnte ziemlich kleinkariert sein und einen Groll sehr lange hegen.

»Das halte ich durchaus für möglich. Nehmt nur Lethesanar als Beispiel. Sie ist die Enkelin eines der Fürsten, der damals gegen Aeval und mich gekämpft hat. Tanaquar mag im Vergleich zu ihrer Schwester ein Muster an Vernunft sein, aber eines garantiere ich euch: Sie wird sich ihren Titel und den Platz im Rampenlicht gewiss nicht freiwillig mit dem Hof der Drei Königinnen teilen.«

Delilah räusperte sich. »Ich glaube, wir haben noch nie direkt danach gefragt, was eigentlich passieren würde, wenn die Grenzen und Portale versagen und die Welten wiedervereint werden? Während der Spaltung gab es große Verheerungen - Vulkanausbrüche, schwere Erdbeben und riesige Flutwellen. Viele Legenden erzählen von Naturkatastrophen, die sich alle auf die Spaltung der Welten zurückführen lassen ... Aber was würde diesmal passieren?«

Aeval runzelte die Stirn. Sie tippte einen Moment lang mit einem langen Fingernagel auf den Tisch. »Um ehrlich zu sein, wir wissen es nicht. Möglicherweise würde die Realität nur ein wenig verschwimmen - wie bei einem Wurmloch im Gewebe des Universums. Oder es könnte gewaltige Umwälzungen geben. Ich glaube, niemand weiß genau, was geschehen würde.«

»So unnatürlich die Spaltung der Welten auch gewesen sein mag - die Reiche dürfen nicht einfach so wieder aufeinanderknallen.« Menolly ließ sich langsam zu Boden sinken. »Wir müssen die restlichen Geistsiegel finden, aber ehe wir sie abliefern, sollten wir uns überzeugen, dass Tanaquar und Asteria auf der richtigen Spur sind. In jedem Fall müssen wir verhindern, dass die Schleier und Portale weiter aufreißen. Und außerdem müssen wir uns noch damit befassen, dass Gruppen wie diese Bruderschaft der Erdgeborenen allmählich anfangen zu spinnen.«

Chase meldete sich zu Wort, obwohl er sich sichtlich unwohl dabei fühlte, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Als die Erdwelt-Feen und Übernatürlichen sich geoutet haben, gab es eine erste Phase der Begeisterung, aber jetzt macht sich auch Angst in der Bevölkerung breit. Ich dachte, wir wären nicht mehr so rückständig, aber ...«

»Ach, tatsächlich?«, fragte Menolly. Sie klang nicht sarkastisch. »Ich habe den Abschaum des Abschaums erlebt - ich ernähre mich von den Schmarotzern und Schädlingen der Gesellschaft. Wenn man glaubt, man hätte den Fanatismus an einer Ecke ausgelöscht, kommt er in einer anderen wieder zum Vorschein.«

Chase seufzte. »Ja, ich weiß. Allerdings glaube ich wirklich nicht, dass die Mehrheit so empfindet. Jedenfalls möchte ich das nicht glauben. Aber in wirtschaftlich schlechten Zeiten, wie wir sie gerade durchmachen, beklagen sich die Leute immer, wenn sie glauben, jemand würde bevorzugt. Das ist wieder so ein Kampf um Bürgerrechte. Nur dass es diesmal nicht um Schwarze, Frauen oder Homosexuelle geht, sondern um die ÜWs und Feen, die bisher benachteiligt wurden.«

»Das glaube ich gern«, sagte ich. Ich hatte von meiner Kundschaft genug Klagen über Lebensmittelpreise, teure Mieten und Arztrechnungen gehört. Wenn die Leute glaubten, die Feen nähmen ihnen die Arbeit weg, würden sie stinkwütend werden.

Menolly schüttelte den Kopf. »Wir sind unterhaltsam, aber niemand sieht uns als Nachbarn, die auch ihre Miete bezahlen müssen. Eine Menge Leute glauben, wir könnten von unseren besonderen Fähigkeiten allein leben, und bei Vampiren liegen sie damit fast richtig. Aber für die anderen ÜWs ist das Leben hier nicht gerade ein Sonntagsspaziergang. Nur, jemanden eines Besseren belehren, der Angst hat, seinen Job im Supermarkt an der Ecke zu verlieren, ist eine Herkulesaufgabe. Was tun wir also?«

Ich holte ein Notizbuch und begann, unsere Sorgen aufzulisten. »Da wäre als Erstes Schattenschwinge. Dann die ganze Sache mit den Keraastar-Rittern. Dazu noch die Probleme, die sich in der VBM-Gesellschaft zusammenbrauen. Wo stehen wir also?«

»In turbulenten Zeiten.« Titania erhob sich. Die Königin der Morgensonne war strahlend und schön, und alle Kraft, die sie bei der Spaltung verloren hatte, war wiedergekehrt. Ihr Haar schimmerte, und ihre Augen hatte ich noch nie so klar gesehen. Sie lächelte uns sanft zu. »Und nun zum eigentlichen Grund unseres Besuchs. Wir bitten euch, euch auf die Seite der Feenhöfe in der Erdwelt zu stellen.«

Ich öffnete den Mund, doch sie hob die Hand.

»Ich weiß, dass Morgana deswegen bereits bei dir war, aber sie hat dich ohne unser Einverständnis aufgesucht. Wir bitten auch nicht aus demselben Grund wie sie. Im Wesentlichen sind wir uns doch einig: Wir dürfen nicht zulassen, dass die Siegel benutzt werden, ob sie nun in den Händen von Feen oder Menschen liegen. Falls Morgana das nicht allmählich begreifen sollte ...« Ihre Stimme ließ die letzten Worte klingen wie eine Drohung.

Aeval griff den Gedanken auf. »Wenn Morgana sich nicht umstimmen lässt, werden Titania und ich dafür sorgen, dass sie unseren Standpunkt einnimmt. Soweit wir die Legenden verstehen, besitzt niemand die Macht, die Geistsiegel zu gebrauchen, ohne alle Welt in Gefahr zu bringen. Wir brauchen euer Wort darauf, dass ihr Asteria keine weiteren Siegel übergeben werdet, bis wir mehr wissen. Wir bitten euch nicht, sie uns zu geben, nur darum, dass ihr sie hütet und gut versteckt.«

Ich starrte die beiden an. Sie meinten es ernst. Als ich Blicke mit Delilah und Menolly tauschte, wirkten ihre Mienen besorgt und unentschlossen. Ich wandte mich wieder Titania zu. »Würdet Ihr uns etwas Zeit lassen, in Ruhe darüber zu sprechen? Wir setzen uns mit Euch in Verbindung, wenn wir eine Entscheidung getroffen haben.«

»Zögert nicht zu lange«, mahnte Aeval. »So viel steht auf dem Spiel. Und lasst euch von verwandtschaftlicher Loyalität nicht den Blick auf die Tatsachen verstellen.«

Sie folgte Titania zur Tür. Wieder einmal war ich fasziniert von ihrer Schönheit. Sie glich einer wandelnden Säule aus Schatten und feinsten Spinnweben, eingehüllt in das samtene Schwarz des Nachthimmels. Ihr Gesicht war blass - so blass wie meines -, und allein ihre Haltung strahlte königlichen Adel aus.

Sie fing meinen Blick auf. Ohne Vorwarnung hallte ihre Stimme durch meinen Kopf, so klar und deutlich, als spräche sie laut mit mir.

Camille, du hast das Schwarze Einhorn geopfert. Du hast getan, was nötig war, um ihm die Wiedergeburt zu schenken.

Du begreifst die Natur des ewigen Kreislaufs. Die Mondmutter hat klug gewählt, als sie dich für diese Aufgabe aussuchte. Du wirst eine würdige Priesterin sein, aber wirf diese Gelegenheit nicht um Bewunderung und Zugehörigkeit willen weg, aus denen du herausgewachsen bist. Du kannst nicht in die Vergangenheit zurückkehren, nichts wird je wieder so sein, wie es einmal war.

Ich blickte mich um, doch offenbar hörte sie niemand außer mir. Ich wandte mich ihr wieder zu, schaute in diese strahlenden Augen und spürte, wie die Magie der Nacht in mir aufstieg. Ich verstehe, entgegnete ich in Gedanken. Wir werden Eure Bitte nicht einfach abtun. Das verspreche ich Euch. Es ist zu viel geschehen, um irgendetwas als gegeben anzunehmen.

Sie nickte kaum merklich und sandte mir einen letzten Gedanken zu. Denke daran, dass ich dir einen Gefallen schulde. Wenn du dich auf unsere Seite stellst, kannst du dich auf diese Gunst berufen und dich meinem Hof anschließen statt Morganas Gefolge. Sie mag deine Verwandte sein, aber du tust gut daran, ihr mit Vorsicht zu begegnen. Sie ist zu gierig und will zu viel zu schnell.

Und damit verabschiedeten sie sich und gingen durch die Hintertür hinaus.