Kapitel 7

 

Während ich auf die Stelle starrte, wo eben noch drei Drachen gestanden hatten, kamen Morio, r ß/ Iris und Delilah herein. Ich holte tief und zittrig Atem und wandte mich ihnen zu. »Ihr habt das gehört?«

»Wir konnten gar nicht anders«, entgegnete Iris. Sie wies auf das Tablett mit Tee, das Morio in den Händen hielt. »Ich habe dir einen Liebblütentee gekocht. Ich dachte, er könnte dich etwas beruhigen. Bei allen Göttern, mir flattern die Nerven, dabei war ich nur kurz mit ihnen in einem Raum, und weder sein Vater noch die Verlobte haben mit mir gesprochen.«

Delilah ließ sich auf der Sofalehne nieder. »Was wirst du tun, wenn sie ihn nicht wieder weglassen?«

Ich fuhr herum und starrte sie an. »Ich will kein Wort davon hören. Smoky wird zurückkommen. Da bin ich ganz sicher. Er muss einfach.« Ich sank in den Schaukelstuhl und barg den Kopf in den Händen. »Das ist alles zu viel. Und sein Vater ist ein Widerling. Wie er mich angefasst hat - es hat sich angefühlt, als stünde ich so kurz davor, vergewaltigt zu werden. Oder gefressen. Oder beides, in dieser Reihenfolge. Er hasst Menschen. Und ich habe den Eindruck, dass er alle Feen in einen Topf wirft. Dieser Blick, mit dem er mich angestarrt hat ...« Ich schauderte bei der Erinnerung an diese kalten, lüsternen Augen. Er konnte mich vergewaltigen, umbringen und dann meine Knochen als Zahnstocher benutzen, ohne die geringsten Bedenken dabei zu haben.

»Wenn er Anstalten gemacht hätte, dir etwas zu tun, wäre ich sofort bei dir gewesen. Und du weißt, dass Smoky es nicht so weit hätte kommen lassen.« Morio trat hinter mich und massierte mir die Schultern. »Er liebt dich. Er ist an uns gebunden, und er wird uns nicht im Stich lassen.«

»Tja, Hotlips liebt mich eindeutig nicht, und sie will Smoky für sich haben. Soweit ich verstanden habe, ist sie ein Goldener Drache, und das bedeutet ... Na ja, ich weiß nicht, was das bedeutet, aber Hyto ist es offenbar sehr wichtig.« Ich verzog das Gesicht. Wenn ich nur seinen Namen aussprach, fühlte ich mich schmutzig.

»Entspann dich«, sagte Iris. »Ich schenke den Tee ein. Und ja, du hast recht. Sie ist eine Goldschwinge, und die stehen an zweithöchster Stelle der Drachenhierarchie. Die Silbernen sind die mächtigsten Drachenfürsten.«

Ich musste etwas verwirrt dreingeschaut haben, denn sie seufzte laut. »Hat Smoky dir in den vergangenen Monaten denn gar nichts erklärt?« Sie reichte allen Tee und ließ sich dann mit ihrer Tasse in der Hand auf der Fußbank nieder.

»Ich bin nie auf die Idee gekommen, ihn danach zu fragen«, sagte ich.

»Drachen leben in einem strengen Kastensystem. Man kann nach unten wie nach oben heiraten, aber wenn du aus der niedrigeren Klasse stammst und dich hochheiratest, ist dein Status trotzdem geringer als der deines Gefährten. Je mehr Söhne und Töchter du allerdings nach oben verheiraten kannst, desto besser ist dein Stand im Rat. Das Ganze ist furchtbar kompliziert, aber sie haben ja auch Jahrtausende Zeit zum Nachdenken. Jedenfalls läuft es auf Folgendes hinaus: Smoky gehört zur allerobersten Kaste, den Kaiserdrachen. Er kann in seiner Gesellschaft gar nicht weiter aufsteigen. Aber sein Vater kann seinen Stand verbessern, wenn Smoky höher als einen Weißen Drachen heiratet, denn zu dieser Kaste gehört sein Vater.«

»Smoky gehört zum Kaisergeschlecht?« Wenn Silberdrachen den höchsten Rang in ihrer Gesellschaft hatten, war es nur logisch, was er gesagt hatte - dass er den Status seiner Mutter besaß, weil seine Eltern aus verschiedenen Kasten stammten.

»Ja, durch das Blut seiner Mutter. Kinder werden der Blutlinie des höherstehenden Elternteils zugerechnet. Smoky und alle seine Geschwister von derselben Mutter gehören zur höchsten, herrschenden Klasse. Sein Vater steht ein paar Sprossen weiter unten auf der Leiter. Die einzigen Drachen, die außerhalb des Kastensystems leben, sind die Schwarzen Drachen, und die haben wegen ihrer besonderen Fähigkeiten ihre ganz eigene Hierarchie.«

Ich versuchte, all diese Informationen einzuordnen.

»Ich hätte ihn schon längst danach fragen sollen, aber ich hätte nie gedacht, dass sie ein so kompliziertes Gesellschaftssystem haben.« Ich nippte an dem dampfenden Tee. Der Duft und die zarte Farbe der Liebblüten begannen sofort zu wirken und beruhigten mich. »Ich war wohl zu sehr mit den Dämonen beschäftigt, um an Drachen-Etikette zu denken.«

Iris schnaubte. »Glaub mir, Mädchen, das war noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs. Während meiner Zeit in den Nordlanden habe ich mehr über Drachen gelernt, als mir lieb war, vor allem über die Weißen. Die halten zusammen wie Pech und Schwefel, und es zahlt sich immer aus, zu wissen, mit wem man es zu tun bekommen könnte. Aber die Silbernen - wie Smokys Mutter - haben Ehrgefühl und stehen in der Regel zu ihrem Wort. Sie sind nicht so gefährlich, zumindest solange man sie nicht verärgert. Wenn ich so darüber nachdenke - sie leben zwar nicht in den Nordlanden, aber die Goldschwingen und Grünrücken sind ähnlich. Weiße Drachen, und die Indigos und die Roten, sind eine ganz andere Sache.«

»Es leben also nicht alle Drachen in den Nordlanden«, sagte Delilah, zog den Obstkorb zu sich heran und kramte darin herum. Iris war auf einem Gesundheits-Trip und versuchte, die katastrophalen Fastfood-Gewohnheiten meiner Schwester zu ändern, doch das würde nicht funktionieren. Und tatsächlich, Delilah rümpfte die Nase und schob das Obst von sich. »Wir haben wohl keine Kekse mehr?«

Iris seufzte tief. »Ich backe nachher welche. Mädchen ... ach, schon gut. Um deine Frage zu beantworten, nein: Rotrücken und Goldschwingen leben in den Südlanden, und die Indigos und Grünrücken - na ja, ich weiß nicht genau, woher sie stammen. Schwarze Drachen gibt es hauptsächlich auf der Astralebene.«

»Und Weiße Drachen sind gefährlich«, fügte ich hinzu und lächelte über Delilahs niedergeschlagene Miene, mit der sie den Obstkorb erneut gründlich durchsuchte und dann den Kopf schüttelte.

»Die Weißen Drachen sind am wankelmütigsten, so viel ist sicher, und am habgierigsten«, fuhr Iris fort. »Deshalb habe ich mir anfangs Zeit gelassen, Smokys Verhalten gründlich zu beobachten. Drachen von gemischtem Blut können mehr nach einem Elternteil kommen oder auch nach beiden, genau wie bei den Feen. Aber Smoky hat seine Aufrichtigkeit immer wieder bewiesen. Das Blut seiner Mutter kommt durch, auch wenn er eine schurkenhafte Art hat und ziemlich egozentrisch sein kann.«

»Er hat mir gesagt, er hätte eine Möglichkeit gefunden, wie ich ein Kind von ihm bekommen kann«, platzte ich heraus.

Morio und Delilah starrten mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost.

Iris schluckte ihren Mund voll Tee herunter, stellte die Tasse ab und verschränkte die Arme. »Darüber muss ich unbedingt mehr erfahren.«

Ich merkte, dass sie alle auf mehr warteten, aber nachdem ich mein kleines Geheimnis ausgeplaudert hatte, wusste ich nicht mehr, was ich noch sagen sollte. Ich hatte ja nicht einmal eine Ahnung, was er in dieser Angelegenheit unternehmen wollte.

Als das Schweigen schon etwas unbehaglich wurde, flog die Tür auf, und Vanzir eilte herein, gefolgt von Roz. Beide sahen aus, als hätten sie seit Tagen nicht mehr geschlafen.

»He, Jungs, wo wart ihr denn?« Ich sprang auf, erleichtert, das Thema wechseln zu können. Im Moment bekam ich von der Unterhaltung über Smoky, Drachen, Väter, Verlobte und Kinder nur noch Kopfschmerzen, und das Dämonen-Duo lieferte mir eine willkommene Gelegenheit, das Thema loszuwerden - Abgang, Bühne links.

»Wo schon? Wir haben nach Hinweisen auf Stacia gesucht.« Vanzir ließ sich neben Delilah aufs Sofa fallen und lehnte sich mit gespreizten Beinen zurück. Warum mussten Männer eigentlich immer so tun, als hätten ihre Eier die Größe von Tennisbällen?

Aber er war niedlich, ein bisschen wie David Bowie als Jareth, der Koboldkönig. Sein kurzes Haar stand in Spitzen vom Kopf ab und war zu einem krassen Blond gebleicht, und seine Lederhose war so eng, dass jede Rundung der Kronjuwelen zu erkennen war.

Ich blinzelte. Vielleicht musste er doch mit so weit gespreizten Beinen sitzen. Wenn Vanzir eine Frau - oder einen Mann - ins Auge fasste, würde er jemanden sehr glücklich machen, das stand fest.

Roz trug seinen zur Waffenkammer ausgebauten Staubmantel. Der Feuer-und-Stahl-Exhibitionist, dachte ich, als er den schweren Mantel ablegte und vorsichtig über eine Sessellehne drapierte. Wenn man die - sowohl magische als auch technologische - Feuerkraft bedachte, die in dem Ding steckte, musste man dankbar dafür sein, dass er sich solche Mühe gab, ja nichts aus Versehen hochgehen zu lassen.

Er streckte sich in dem Sessel neben meinem aus, in einer Jeans so schwarz wie die Nacht und einem Mesh-Tanktop, das prachtvoll definierte Bauchmuskeln erkennen ließ. War ja klar, dass ein Incubus den Böser-Junge-Look perfekt draufhatte. Er merkte, dass ich ihn angaffte, zwinkerte mir genüsslich zu und blickte sich dann nervös um. »Wo ist Smoky?«

Ich grinste. »Warum? Hast du Angst, er könnte dich wieder zu Brei schlagen?«

Roz knurrte, doch ich würde ihn diese ruhmreiche Begebenheit nicht so schnell vergessen lassen. Ein paar Monate zuvor hatte Smoky Roz als Punchingball benutzt, woraufhin der Incubus zwei Wochen lang am ganzen Körper grün und blau gewesen war. Vor allem aber hatte sein Ego schwer gelitten, und er hatte die Lektion, seine Finger bei sich zu behalten, gründlich gelernt. Zumindest, was mich anging.

»Du stellst mir eine Falle, oder?« Er wandte mir diesen flehentlichen Hundeblick zu, und ich ließ mich erweichen.

»Keine Sorge. Smoky musste für eine Weile weg.« So plötzlich, wie mein Lächeln gekommen war, erlosch es wieder. »Sein Vater hat ihn hier abgeholt. Anscheinend hat Smoky sich um eine wichtige Sache gedrückt, als er hierherkam. Sein Vater ist ein absolutes Ekel, und man kann ihm nicht über den Weg trauen. Smoky hatte keine andere Wahl. Er musste mitgehen. Aber er kommt zurück, sobald er kann.«

»Die Eidechse hat Eltern? Eltern, die ihn herumkommandieren können?« Roz schauderte. »Bei denen möchte ich nicht auf der schwarzen Liste stehen.«

»Ich bin schon drauf«, brummte ich. »Also, was gibt's Neues über die Knochenbrecherin?«

»Nicht viel mehr, als wir schon wussten. Die Informationen, die wir haben, sind korrekt. Sie kann menschliche Gestalt annehmen, das heißt, sie könnte als sehr große, muskulöse VBM-Frau durchgehen. Das tut sie offenbar gerade, sie hält sich bedeckt, und wir können einfach keine Spur von ihr finden.«

Ich hatte das Gefühl, dass wir ihr, wenn wir sie irgendwann aufspürten, in ihrer natürlichen Gestalt begegnen würden. Und die taugte nun wahrlich für einen Horrorfilm. Geschichten aus der Gruft vielleicht. In ihrer natürlichen Gestalt hatte sie den Oberkörper und Kopf einer Frau - sehr menschlich -, aber ihr restlicher Körper glich einer sieben Meter langen Anakonda und besaß die gleiche Kraft, mit der sie ihre Opfer umschlang und zerquetschte.

Vanzir nahm eine Tasse Tee von Iris entgegen. Er balancierte die Untertasse auf einem Knie und trank vorsichtig einen dampfend heißen Schluck. »Carter hat seine Fühler überall ausgestreckt. Er meint, wir kämen ihr allmählich näher, aber bis jetzt hat sie es geschafft, unauffindbar zu bleiben. Entweder hat sie einen unglaublich sicheren Unterschlupf oder irgendeine angeborene Fähigkeit, sich vor jedem zu verbergen, der sie mit magischen Mitteln sucht. Und keiner unserer Späher hat sie aufspüren können.«

Ich biss mir auf die Unterlippe. »Mist. Und der halb dämonische Magier, der sie hier herübergebracht hat?«

»Auch eine Sackgasse. Wir haben sämtliche Dämonen überprüft, die hierhergereist sind - jedenfalls alle, die im Netzwerk erfasst sind. Irgendwo läuft da draußen ein Halbdämon herum, der es geschafft hat, sich in die Erdwelt zu schmuggeln und all das zu arrangieren. Auch auf diese Spur hat Carter seine Kundschafter angesetzt.«

Frustriert stellte ich meine Tasse hin. »Wir müssen herausfinden, wo sie ist und was sie vorhat. Wenn sie zu lange einfach frei herumläuft, werden wir bald eine Menge Leichen sehen.«

»Glaubst du, sie könnte etwas mit der veränderten Energie der Ley-Linie zu tun haben?«, warf Iris ein. Sie setzte sich neben Roz, der ihr gemächlich zuzwinkerte. Der Incubus hatte versucht, jede Einzelne von uns ins Bett zu kriegen. Bisher hatte er es nur bei Menolly geschafft.

»Das halte ich für möglich.« Morio ging zum Fenster und starrte hinaus. »Stacia, die Knochenbrecherin, ist eine Lamie, was bedeutet, dass sie mächtiger ist als Karvanak. Und wir wissen nur zu gut, wie schwierig es war, ihn zu erledigen. Beinahe hätten wir dabei Chase und Zach verloren.«

»Weiß denn jemand, welche Magie sie wirken kann? Oder besitzt sie überhaupt magische Fähigkeiten außer denen, die sie von Natur aus im Ärmel hat?« Delilah sprang auf und eilte in die Küche, und wir hörten, wie Schranktüren hastig geöffnet und zugeschlagen wurden. Sie kehrte mit einer Tüte Cheetos zurück und ließ sich mit ihrer Beute auf dem Sofa nieder.

Roz zuckte mit den Schultern. »Auch das wissen wir nicht.« Er wandte sich Vanzir zu. »Meinst du, dass Carter Informationen über ihre magischen Fähigkeiten hat?«

»Wenn ja, dann hätte er uns das wahrscheinlich schon gesagt, aber ich rufe ihn schnell an. Wartet hier«, sagte der Dämon und ging in die Küche.

Delilah, deren Finger von den Käsechips schon orangerot gefärbt waren, schaute auf die Wanduhr. »Wann reist ihr nach Dahnsburg ab?«

Ich schloss die Augen und lehnte den Kopf an Morios Schulter, als er sich neben mich in den Sessel quetschte. »Ich möchte heute Nacht aufbrechen, wenn Menolly aufgewacht ist. Delilah, du musst hier alles übernehmen, bis wir zurückkommen, und ich weiß nicht, wie lange das dauern wird. Wenn wir erst drüben sind, werden wir von Portal zu Portal springen. Wir können uns unmöglich die Zeit nehmen, über Land zu reisen.«

Der Gedanke an eine Reise heim in die Anderwelt war aufregend und beängstigend zugleich. Wir hatten keine Zeit für Ausflüge, wenn eine Lamie in der Stadt war. Und jetzt war auch noch Smoky in die Nordlande verschwunden, und uns fehlte ein Mann. Aber ich hatte die Anweisung bekommen, um die Tagundnachtgleiche in die Anderwelt zu reisen, um Trillian zu treffen, und ich wollte ihn unbedingt nach Hause zurückholen.

»Du musst dich um Maggie kümmern«, sagte Iris zu Delilah. »Du und Menolly. Ich habe in der Anderwelt etwas zu erledigen, also kann ich ebenso gut gleich mit Camille und Morio reisen. Das ist sicherer. Roz und Vanzir werden ja hier sein. Und Shamas und Chase, falls du ihn einmal von seinem Job loseisen kannst.«

»Wenn nur Zach endlich aus diesem Rollstuhl heraus wäre«, sagte Delilah. »Kaum zu glauben, wie lange das schon dauert. Karvanak hat ihm beinahe ein paar Wirbel gebrochen.«

»Karvanak hat ihm vielleicht nicht das Rückgrat gebrochen, aber so viele Knochen, dass Zach noch eine ganze Weile außer Gefecht sein wird. Dabei ist das bei einem Werpuma wirklich nicht einfach. Ich bin heilfroh, dass er das überlebt hat«, entgegnete ich. Müde blickte ich in die Runde. »Also gut, wir brechen kurz nach Sonnenuntergang auf, sobald Menolly wach ist. Hoffentlich sind wir zurück, ehe die Mondmutter voll ist, aber ich habe das Gefühl, dass wir es wohl nicht schaffen werden. Also muss Menolly sich die nächsten Abende frei nehmen und zu Hause bleiben, weil du als Kätzchen durch die Gegend streunen wirst. Wir können uns der Macht des Mondes nun einmal nicht entziehen.« Ich warf einen Blick auf Morio, der ganz schläfrig wirkte. »Wir sollten jetzt packen. Ich möchte noch ein Nickerchen machen, ehe es losgeht.«

Als wir beide aufstanden, kam Vanzir wieder herein. Seine bedrückte Miene machte mir Sorgen. Irgendetwas stimmte nicht. Iris bemerkte es auch.

»Was ist los?«, fragte sie. »Konnte Carter dir etwas sagen?«

Er nickte. »Ja, er hat es geschafft, noch ein bisschen mehr über sie auszugraben, aber ich garantiere euch, dass ihr das nicht hören wollt. Die Information war zwischen den Zeilen in ihrem Dossier versteckt. Schattenschwinge hat ihre Geschichte so gut wie möglich unter Verschluss gehalten, weil sie eine seiner Generäle ist, aber Carter hat tatsächlich gefunden, wonach wir suchen. Das Miststück ist eine Nekromantin.«

»Eine Nekromantin?« Ich blinzelte und kämpfte gegen den Drang an, mich aufs Sofa zu werfen und einfach aufzugeben. »Heilige gottverdammte Scheiße. Kein Wunder, dass wir Probleme mit allen möglichen Biestern aus der Schattenwelt haben.«

Das war nicht gut. Gar nicht jut. Wenn man noch die Tatsache berücksichtigte, dass Stacia eine Dämonengeneralin war, hatten wir es sicher nicht mit einer kranken Pfuscherin zu tun, die einfach gern mit Leichen spielte. Nein, sie musste über ein unglaubliches Arsenal an magischer Feuerkraft verfügen und konnte Morio und mich wahrscheinlich mit einer einzigen kleinen Beschwörung auslöschen.

»Was zum Teufel tun wir jetzt?« Roz beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie und faltete die Hände. »Das ist wirklich übel. Ich wünschte, Smoky wäre hier.«

»Sollten wir nicht besser bleiben?«, fragte ich, an Morio gewandt. »Das lässt die Situation in einem ganz neuen Licht erscheinen.«

»Du musst da hin - Trillian wartet auf dich«, sagte Delilah. »Und es sind ja nur ein paar Tage. Stacia suchen wir jetzt schon seit Wochen. Auf zwei, drei Tage kommt es auch nicht mehr an.«

»Hoffentlich hast du recht.« Ich zögerte und sah dann Iris an. »Was meinst du? Deine Intuition liegt normalerweise goldrichtig.«

Iris schürzte die Lippen und bedeutete uns, still zu sein. Sie setzte sich auf die vordere Kante der Fußbank, und ich sah ihr an, dass sie in Trance ging. Als die Talonhaltija tiefer in ihrer Meditation versank, lockte das sanfte Wogen ihrer Aura mich an, und ich ließ meine Energie zögerlich nach ihr tasten.

Sobald unsere Auren sich berührten, schnappte sie nach Luft und riss mich in ihre Welt.

Wir standen im Schnee, hoch oben auf einem Berg, mitten in einem Schneesturm. Iris war in einen langen, dicken, mitternachtsblauen Umhang gehüllt, ihr Haar unter der pelzbesetzten Kapuze verborgen. Auf ihrer Stirn glitzerte ein sternförmiger Kobalt - ob er in der Haut versenkt oder nur angebracht war, konnte ich nicht erkennen, doch er strahlte und pulsierte sacht im Rhythmus ihres Herzschlags.

Sie hob den Blick und sah mich an, und ich schaute in einen Wirbel aus Nebel, Dunst und Eis. Iris' Macht rollte über mich hinweg und warf mich auf die Knie. Ich fiel in den schweren Schnee. Er war nass und dicht und würde bald zu Eis gefrieren. Durchnässt bis auf die Haut, konnte ich den Blick nicht von der Frau abwenden, die auf einmal viel mehr war als ein Hausgeist.

Iris streckte die Hände aus, und auf ihren Handflächen ruhte eine hell topasblaue Kristallkugel. Aqualin - das war der Kristall, den sie sich aus der Anderwelt gewünscht hatte. Während ich mich aufzurappeln versuchte, krümmte sie die Finger um die Kugel, schloss die Augen und murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte.

In diesem Moment erschien ein riesiger Schatten über dem Berg, der wie tintenschwarze Finger über die schneebedeckte Landschaft kroch. Der Schatten nahm mir die Sicht, und irgendetwas drängte mich, vor ihm davonzulaufen, doch ich konnte mich nicht rühren. Als er uns beinahe erreicht hatte, riss Iris die Augen auf und reckte der kriechenden Finsternis die Hand entgegen.

»Pysäyttä!« Ihre Stimme war kraftvoll und klar, und der Schatten hielt inne. Iris trat vor. Ihre Worte donnerten durch den Schnee. »Kehr um. Zieh dich in deine Höhle zurück, Geschöpf der Finsternis. Die Stunde, da wir einander gegenübertreten, ist noch nicht gekommen.«

Vor meinen Augen begann der Schatten sich langsam zurückzuziehen, und ein langgedehntes, schwaches Seufzen hing in der Luft, während er langsam von dem Berg hinabrollte. Ich wandte mich Iris zu, um sie zu fragen, was das gewesen sei, doch sie war wieder ganz auf die Kristallkugel konzentriert. Und dann begann es heftig zu schneien, in großen, dicken Flocken. Ich blinzelte und fand mich in unserem Wohnzimmer auf dem Sofa wieder.

»Camille, geht es dir nicht gut?« Delilah beugte sich über mich, als ich mich mühsam aufrichtete. »Du bist in Ohnmacht gefallen.«

Ich schwang die Füße vom Sofa und rutschte ein Stück vor, um nach Iris zu sehen. Sie saß noch mit geschlossenen Augen auf der Fußbank, doch jetzt regte sie sich, streckte sich und gähnte. Sie warf mir einen langen Blick zu, mit dem sie mich um Schweigen bat. Was da draußen geschehen war - wo auch immer wir gewesen sein mochten -, wollte sie vorerst geheim halten.

»Mir fehlt nichts«, sagte ich. Iris war unsere Freundin, und wenn sie etwas für sich behalten wollte, würde ich mitspielen, solange ich nicht den Eindruck hatte, dass es Auswirkungen auf uns oder den Kampf gegen die Dämonen haben könnte. »Ich bin sehr müde. Iris, was hast du gesehen?«

Ein Ausdruck der Erleichterung breitete sich über das Gesicht der Talonhaltija, und sie strich ihren Rock glatt. »Wir müssen gehen. In der Anderwelt bahnen sich Dinge an, die uns und unsere Arbeit hier betreffen werden. Wir müssen Trillian zurückholen - wir können es uns nicht leisten, ihn womöglich zu verlieren. Und ... in der Anderwelt wartet etwas auf dich, Camille. Auf dich und Morio. Ihr müsst diese Reise antreten. Große Veränderungen stehen bevor, und sie werden uns alle erfassen.«

»Damit wäre das wohl geklärt«, sagte ich. »Also gut, wir brechen auf, sobald wir mit Menolly gesprochen haben. Delilah, könntest du dich ums Abendessen kümmern? Wir drei sollten uns etwas ausruhen, wenn wir heute Abend von Portal zu Portal hüpfen wollen.«

Delilah nickte und half mir auf. Während Morio und ich die Treppe hinaufstiegen, um uns hinzulegen, musste ich an den Schatten denken, der auf Iris und mich zugerast war. Aber hatte er wirklich auf mich zugehalten? Als ich mir die Szene gründlich in Erinnerung rief, hatte ich das Gefühl, dass er schnurstracks auf Iris zugesteuert war. Und was hatte sie gleich zu ihm gesagt? Kehr um. Zieh dich in deine Höhle zurück, Geschöpf der Finsternis. Die Stunde, da wir einander gegenübertreten, ist noch nicht gekommen.

Was wollte diese Finsternis von ihr? Und warum hatte ich den Eindruck, dass sie diesem Geschöpf schon einmal begegnet war? Ich versuchte, die Gedanken an die Knochenbrecherin und den Schatten über dem Berg beiseitezuschieben, und konzentrierte mich auf Trillian. Er würde nach Hause kommen, zurück zu mir. Doch in meine Freude hinein flüsterte eine Stimme leise Zweifel. Was, wenn er ausrastete, sobald er erfuhr, dass ich sowohl Morio als auch Smoky geheiratet hatte? Was würde er dann tun? Und was würde ich tun, wenn er nicht bereit war, sich mit dieser Situation abzufinden?

Ich konnte meine Sorgen einfach nicht abschütteln. Also stellte ich den Wecker auf kurz nach Sonnenuntergang und stieg ins Bett. Morio schien meinen Kummer zu spüren, er legte sich zu mir und hielt mich in den Armen, während wir beide einnickten.