Kapitel 1

 

»Lauf! Raus hier, schnell!« Morio stieß mich auf die eisernen Torflügel zu.

Ich fragte nicht, warum. Ich stürzte nur zum Ausgang und achtete darauf, das Metall nicht zu berühren, als ich an den schmiedeeisernen Spitzen vorbeisauste. Kurz bevor ich die Treppe erreichte, die aus dem Mausoleum hinausführte, hörte ich einen weiteren Schrei von Morio. Ich blieb stehen und wirbelte herum. Er hatte die Tasche mit seinem Schädel - Talisman fallen gelassen und zwei Krummdolche gezückt. Sie waren mein Hochzeitsgeschenk an ihn, doch im Moment nahm er sich nicht die Zeit, die Griffe aus geschnitztem Horn zu bewundern.

Nein, jetzt war Showtime.

Zwei Menschen kamen mit langen, schlurfenden Schritten auf ihn zu. Oder vielmehr zwei Leichen.

»Kannst du ihnen die Köpfe abschlagen?«

Morio schnaubte. »Na klar. Ich hüpfe da einfach rein und säbele ihnen mit diesen Prachtstücken die Köpfe ab. Wach auf, Weib. Wir haben uns ein schönes Stück Arbeit eingehandelt.«

»He, so wäre das Leben gleich viel leichter«, erwiderte ich, aber natürlich hatte er recht. Das Problem war nicht, dass Morio nicht hätte kämpfen können. Morio war ein phantastischer Kämpfer. Nein, die Schwierigkeit bestand darin, dass unsere Gegner nicht direkt lebendig waren. Genau genommen waren sie bereits tot. Und gefährlich.

Einer der beiden war genau das, wonach er aussah - ein wandelnder Kadaver. Normalerweise stellte es kein großes Problem dar, einen Zombie zurück ins Grab zu schicken - sie waren nichts als herumschlurfende, hirnlose Monster. Je weniger Hirn, desto geringer die Herausforderung. Doch wir hatten einen potenziell tödlichen Fehler gemacht. Der Kumpel des Kadavers war sich nämlich unserer Absichten nur zu bewusst und hatte bereits zu flüstern begonnen.

Dass wir uns für unser Experiment versehentlich einen Dämonenleichnam ausgesucht hatten, war wirklich ungünstig. Außerdem hatten wir einen Geist in diesen Körper beschworen, was uns auch nicht gerade half. O ja, wir hatten gewaltige Scheiße gebaut.

Während ich zu ihm zurücklief, sprang Morio in die Luft und landete aus der Drehung einen Tritt gegen die Brust der ersten Leiche. Das Geschöpf taumelte rückwärts, prallte gegen die Wand und rutschte zu Boden. Aber es bewegte sich noch, und wenn wir unsere Sache vorhin gut gemacht hatten, würde es gleich wieder aufstehen. Allem Anschein nach verdienten wir eine Eins mit Stern für besonders gelungene Feinarbeit. Der Zombie versuchte bereits, sich aufzurappeln.

»Mist. Ausgerechnet jetzt muss unsere Magie funktionieren«, brummte ich, hin- und hergerissen zwischen dem Stolz auf unsere Leistung und dem Wunsch, wir wären nicht so verdammt gut. Ich ging in Gedanken mein Repertoire an Zaubern durch und versuchte, mir etwas Nützliches einfallen zu lassen. Wir mussten den Beschwörungszauber rückgängig machen, aber zuerst: Was konnte einen zornigen Geist, der im Körper eines toten Dämons herumspazierte, zum Erstarren bringen?

Morio ließ die Dolche durch die Luft zischen und erwischte den Zombie am Arm. Er schaffte es, einen langen Streifen Haut und Fleisch abzusäbeln, und ich verzog das Gesicht, als der Klumpen Dämon auf den Boden klatschte. Das Monster taumelte, als Morio ihm einen Kinnhaken versetzte. Es wankte ein paar Schritte rückwärts, wirkte aber so munter und fix wie zuvor.

O Mann, so hätte unser Experiment wirklich nicht laufen sollen.

Schnell, schnell, was konnte ich einsetzen? Feuer? Nein, das verdammte Ding war ein Dämon, also war der Körper wahrscheinlich noch immun gegen Flammen. Aber wie wäre es mit einem Blitz? Ich grinste. Elektrizität könnte funktionieren.

Ich riss die Arme hoch, schloss die Augen, rief die Mondmutter an und beschwor Blitze herab. Ein Gewitter zog gerade herauf, also hatten sie es nicht weit bis zu mir.

Die Blitze gehorchten augenblicklich. Ich konnte sie in etwa sieben Kilometern Entfernung krachen hören, als die Wolken heranrasten und das Gewitter zu mir brachten. Während die Energie sich um meine Hände ballte, wurde sie immer dichter, bis sie mich einhüllte wie Nebel. Die Kraft drang in meine sämtlichen Poren und mit dem wirbelnden Dunst auch in meine Lunge.

Die Energie sammelte sich wie eine aufgerollte Schlange am unteren Ende meines Rückens und stieg dann meine Wirbelsäule empor. Sie prickelte wie tausend kleine Nadelstiche, ein köstlicher, sinnlicher Schmerz. Mit dem Energiestoß kam heftige Erregung - Sex und Magie waren für mich eng miteinander verknüpft. Ich sog tief den Atem ein, als der Zauber meinen Körper übernahm. Dann bog ich den Rücken durch, breitete die Arme aus und richtete die Handflächen gegen den Dämon.

Morio schaute zu mir herüber, und ich hörte ihn mit entsetztem Blick brummen: »Ach du Scheiße.« Er sprang zurück, versetzte dem Dämon einen letzten Tritt und brachte sich dann mit einem Radschlag in Sicherheit. Sobald ich freies Schussfeld auf den Zombie hatte, streckte ich die Finger aus und ließ die Energie aus mir herausströmen. Sie bäumte sich auf, nahm die Form eines Drachen an und stürzte sich mit knisternden zehntausend Ampere auf den Dämon.

Der Geist, den wir beschworen hatten, kreischte und floh aus dem Körper, als der Kadaver zu Boden sackte. Ich fiel mit grässlichen Bauchschmerzen auf die Knie, doch als Morio aufschrie, blickte ich gerade rechtzeitig hoch, um zu sehen, wie der Blitz sich zusammenrollte, kehrtmachte und direkt auf mich zuraste. Ich kreischte und hob das Horn des Schwarzen Einhorns.

»Beuge!«

Der Herr der Winde, den das Horn barg, erhob sich und riss sein Schwert vor mir hoch. Der Blitz wurde davon angezogen, schlug krachend ein, fuhr durch den Körper des Luftelementars, ohne Schaden anzurichten, und floss in den Boden. Ich krabbelte von dem schwarzen Fleck zurück, der einen halben Meter vor mir auf dem Betonboden entstanden war, während Morio den zweiten Zombie in so kleine Teile zerhackte, dass er uns nicht mehr gefährlich werden konnte.

»Tja«, sagte ich keuchend und lehnte mich an die Wand. Mir war nur allzu bewusst, dass ich um Haaresbreite gegrillt worden wäre. Wieder einmal. »Das können wir jedenfalls auch auf unsere Du sollst nicht-Liste setzen. Die ist schon ganz schön lang geworden. Wessen dämliche Idee war das eigentlich?«

»Wir haben einen Fehler gemacht und uns den falschen Wirtskörper ausgesucht. So was kommt vor.« Er zuckte mit den Schultern.

»So was kommt vor? Wie um alles in der Welt haben wir es geschafft, den Leichnam eines Dämons aufzuwecken, ohne es zu merken?« Ich starrte ihn einen Moment lang an, bis er verlegen grinste. »Oh, ihr guten Götter, du hast es gewusst. Du wusstest, dass wir den Geist in den Körper eines Dämons beschwören, und mich ungeniert machen lassen. Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht? Bist du verrückt?«

»Ich habe mir gedacht, dass du schon dahinterkommen würdest«, erwiderte er lachend. Er sah aus, als genieße er dieses Fiasko geradezu. »Wir leben noch, also betrachte ich das Ganze als Erfolg. Und wenn du dir nicht den Geist eines Magiers zum Beschwören ausgesucht hättest, wären wir gar nicht in Schwierigkeiten geraten. Wenn du einfach Joe Sixpack auferweckt hättest, hätte er keine magischen Fähigkeiten gehabt, und wir hätten ihn kontrollieren können. Kannst du dir vorstellen, was ein Dämonen-Zombie in einem Kampf für uns tun könnte? Schwer zu töten, schwer außer Gefecht zu setzen. Goblins, Trolle und sogar andere Dämonen hätten damit alle Hände voll zu tun.«

Ich blinzelte ungläubig. »Jetzt bin ich also schuld daran?« Er lachte wieder, und ich fauchte empört: »Du hast mir nicht gesagt, wen ich beim Geister-Lieferservice bestellen soll. Ich habe willkürlich irgendjemanden genommen. Ich wusste doch nicht, dass er mal Magier war ...«

»Camille, Süße, ist schon gut.« Morio lehnte sich an mich und strich mir über die Wange. Seine Haut fühlte sich oh, so weich an. »Uns ist nichts passiert. Wir kommen damit klar, also ist alles in Ordnung. Und jetzt hoch mit dir, Weib. Wir müssen noch diesen Geist in die Schattenwelt zurückverbannen.« Er deutete auf die Wand gegenüber.

Dort schwebte ein gespenstischer weißer Schemen, beinahe so dicht vor uns, dass wir ihn berühren konnten - der Geist, den wir in den Dämonenleichnam beschworen hatten. Doch da wir das Phantom aus seinem Wirt herausgepustet hatten, konnte es jetzt nichts mehr tun. Der Magus hatte im Leben irdische Magie praktiziert, was bedeutete, dass er uns von jenseits des Grabes nichts anhaben konnte, wenn ihm kein Körper dafür zur Verfügung stand. Und ich hatte sein Urlaubsdomizil soeben in Stücke gesprengt, die nicht einmal ein Dämonen-Pit-Stop fix wieder zusammenschrauben konnte.

Ich klopfte mir den Staub vom Rock, den ich wohl nur mit einem Fusselroller und reichlich Feinwaschmittel würde retten können.

»Gut. Wohin also?« Ich humpelte Morio nach - mein Knie tat weh. Ich hatte es mir ordentlich angehauen, als ich dem Blitz ausgewichen war.

»Hast du dir wehgetan?« Er schlang den Arm um meine Schultern, presste die Lippen auf meine und spielte in einem langen, genüsslichen Kuss leicht mit meiner Zunge. Morio mochte schlank bis schmächtig sein, und er war nicht der größte meiner Liebhaber, aber er hatte einen verdammt heißen Körper.

»Mit noch so einem Kuss wird es bestimmt gleich besser«, flüsterte ich, schmiegte mich an ihn und ließ die Finger an ihm hinabgleiten. Ich strich mit der Hand über seine Hose und sog die Luft ein, als ich durch den dünnen Stoff spürte, wie er hart wurde.

»Lass das«, flüsterte er grinsend. »Wir haben zu tun.«

»Ich brauche dich«, widersprach ich. Zaubern und den Tod überlisten waren meine liebsten Aphrodisiaka. In Kombination sorgten sie dafür, dass ich mir auf der Stelle die Kleider vom Leib reißen und einen Nahkampf der anderen Art ausfechten wollte.

»Geduld, Geduld«, raunte er und knabberte an meinem Ohrläppchen. »Wenn wir nach Hause kommen, werden Smoky und ich dir geben, was du willst, Liebste.«

Ich wandte mich beinahe tanzend von ihm ab. »Dann sehen wir zu, dass wir hier fertig werden. Je schneller wir nach Hause kommen, desto eher könnt ihr beiden ein Duett auf mir spielen.« Ich liebte meine beiden Ehemänner. Und zusammen konnten sie Dinge mit mir anstellen, die mich ins Weltall katapultierten. Sex war zum reinsten Füllhorn verschiedener Genüsse geworden, und wenn Trillian, mein Alpha-Lover, erst zurückkehrte, würde ich ziemlich sicher die glücklichste Frau sowohl der Erdwelt wie auch der Anderwelt sein. Sofern Trillian nicht explodiert, wenn er erfährt, dass ich Smoky und Morio geheiratet habe. Er wusste, dass sie meine Liebhaber waren, doch dass ich sie ganz offiziell zu meinen Ehemännern gemacht hatte, könnte ihn überschnappen lassen. Bei Morio würde er es vielleicht nicht ganz so schlimm finden, aber bei Smoky ... da hatte immer ein Testosteron-Krieg in der Luft gelegen, wenn Trillian zu einem Auftrag wegbeordert wurde.

»Abgemacht«, sagte Morio.

Lachend folgte ich ihm aus dem Mausoleum. Ausnahmsweise heftete der beschworene Geist sich nicht an unsere Fersen. Im Gegenteil, er blieb zurück und schaute sich nach rechts und links um, als überlege er, wohin er sich verziehen sollte. »Was ist mit dem Geist? Er ist für das Ritual quasi unentbehrlich.«

Morio zuckte mit den Schultern. »Keine Sorge. Er kommt schon. Er kann sich ja nicht weigern.«

Während er das sagte, schlüpfte der Geist um die Ecke in einen schmalen Gang, der tiefer in das Mausoleum im Wedgewood-Friedhof hineinführte. Wir sahen zu, wie er darin verschwand.

Ich schüttelte den Kopf. »Glaubt er wirklich, er könnte einfach so davonkommen? Er muss doch wissen, dass er nur hier ist, weil wir ihn gerufen haben. Und weil wir ihn beschworen haben, ist er magisch gezwungen, in unserer Nähe zu bleiben, bis wir mit ihm fertig sind. Oder ihm einen anderen Körper geben, in dem er herumlaufen kann.«

»Vielleicht ist er Optimist«, entgegnete Morio. »Komm, gehen wir raus und schicken ihn dahin zurück, wo er hingehört.« Er schauderte, als uns ein kalter Luftschwall traf. »Es wird doch wohl keinen Frost geben - noch vor der Tagundnachtgleiche.«

»Der Herbst ist trotzdem schon da«, sagte ich. »Glaub mir. Und dieser Winter wird der Hammer.«

 

Als wir nach draußen traten, fiel ein Flecken Mondlicht auf unseren Weg. Der Wind frischte auf, so dass es mir noch kälter vorkam. Die Temperatur lag bei etwa sieben Grad, und der Geruch von Regen hing schwer in der Luft. Das Gewitter näherte sich rasch, und noch in der kommenden Stunde würde es kräftig schütten, wenn der Herbstregen über Seattle niederging.

Ich atmete langsam und tief ein, um mich zu beruhigen. Der satte Duft von lehmiger Erde und Moos durchströmte mich und stärkte mich mit der Magie irdischer Essenzen. Die Erdmutter hatte die ganze Nacht lang zu mir gesprochen, und ich spürte ihren langsamen, kräftigen Herzschlag als steten Rhythmus unter meinen Füßen.

Wir kehrten zu dem Altar zurück, den wir auf einer steinernen Bank hinter einem Dickicht aus Rhododendren errichtet hatten. Die rechteckige Steinplatte nur ein paar Schritte neben dem Mausoleum war etwa fünfundvierzig Zentimeter hoch. Links hatte Morio eine dicke, schwarze Kerze aufgestellt, rechts eine elfenbeinfarbene. Die Flammen flackerten in der kräftigen Brise. In unserer Abwesenheit war Wachs an den Seiten heruntergelaufen und hatte sich um die Kerzen herum auf der Granitplatte verteilt. O ja, hübsch ordentlich sah das aus. Nächstes Mal mussten wir unbedingt Kerzenhalter mitnehmen.

Neben der schwarzen Kerze lag ein Dolch aus Obsidian, dessen Klinge im weichen Kerzenschein glänzte. Der Griff war aus Eibenholz geschnitzt, und um die Klinge pulsierte sacht ein violetter Lichtschimmer.

Neben der weißen Kerze stand ein Kristallkelch mit einer dunklen Flüssigkeit. Sie sah aus wie Blut, doch tatsächlich handelte es sich um einen kräftigen Merlot.

»Na so was - dem Dämonenbalg und der Feenschlampe fällt endlich ein, dass ich auch noch da bin, und sie kommen herbeistolziert wie die Drag Queens zu einer Gala-Show. Ich dachte schon, ich würde euch hässliche Gestalten hier nie wiedersehen«, drang eine schwache Stimme von einem Rhododendronzweig. »Wo zum Teufel habt ihr zwei Volltrottel so lange gesteckt?«

Ich verzog das Gesicht. Das Skelett war ganze dreißig Zentimeter groß. Es hockte auf einem Zweig und hielt sich an einem Blatt fest. Großmutter Kojote hatte Morio das Ding geliehen. Genau genommen war es eine Art Golem aus ein paar Knochen, denen Leben und eine gewisse Intelligenz eingehaucht worden war. Ob sie es selbst erschaffen oder irgendwo gefunden hatte, wusste ich nicht. Und ich würde sie gewiss nicht danach fragen. In den Privatangelegenheiten einer der Ewigen Alten herumschnüffeln? Auf gar keinen Fall.

»Halt die Klappe, Rodney«, sagte Morio stirnrunzelnd. Der kleine Knochenmann war ein Großmaul, und ein reichlich unflätiges obendrein.

»Wollt ihr jetzt meine Hilfe oder nicht, ihr Dummbeutel?« Schwache blaue Funken glommen in seinen leeren Augenhöhlen, und er klang ein bisschen aufgedreht.

Morio gab ihm einen leichten Klaps auf den Schädel, der Rodney beinahe vom Ast geschleudert hätte. »Immer mit der Ruhe, kleiner Knochenmann. Also, ist jemand vorbeigekommen, während wir da drin waren?« Morio warf mir einen Blick zu, und sein Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass er über Rodneys Hilfe auch nicht eben glücklich war.

»He, Vorsicht!« Rodney richtete sich wieder auf. »Nein. Keiner hat euch bemerkt.«

Morio lächelte. »Gut. Dann zurück in deine Schachtel!« Er hielt eine hölzerne Schatulle hoch, die einem Mini-Sarg sehr ähnlich sah. Der Deckel war aufgeklappt, das Innere dick gepolstert und mit violettem Samt ausgekleidet.

»Da soll mich doch ein Pferd ficken.« Rodney schnaubte genervt. »Muss ich wirklich?«

»Ja«, antwortete Morio.

Rodney hob langsam den Mittelfinger und reckte ihn uns entgegen. Dann hüpfte er geschickt in das Kästchen, legte sich hin, und das Glimmen in seinen Augen erlosch. Morio klappte den Deckel herunter und verschloss die Schatulle.

»Man soll einem geschenkten Gaul ja nicht ins Maul schauen, aber ich habe das Gefühl, dass Rodney demnächst auf der Müllkippe landen wird.« Ich stupste die Schatulle mit dem Zeigefinger an. »Meinst du, Großmutter Kojote wäre beleidigt, wenn wir ihn ihr zurückgeben?«

Morio lächelte mich gemächlich an. »Möchtest du sie fragen?«

Kehrt Marsch, stählernes Gebiss unmittelbar voraus. »Nein, nein ... pack ihn einfach irgendwo weg. Wir überlegen uns später, was wir mit ihm anstellen.« Ich fragte mich, ob wir ihn mit einem Verstummzauber belegen könnten. Ihm den Mund mit Seife auszuwaschen würde nichts nützen. Er hatte weder eine Zunge noch Geschmacksknospen.

Als Morio das Kästchen in seiner Tasche verstaute, blickte ich zum Himmel auf. Der Wind raschelte im Laub und ließ eine Handvoll Blätter zu Boden wirbeln. Sie verfärbten sich dieses Jahr früh. Der Herbst zog schwer herauf. Ich holte noch einmal tief Luft und spürte den Friedhofsstaub in meiner Seele. O ja, die Schnitter des Todes waren unterwegs.

Morio bedeutete mir, meinen Platz vor dem Altar einzunehmen. In seinen dunklen Augen blitzten topasgelbe Flecken, und ich wusste, dass in meinen violetten Augen Silber aufflammte. Wir hatten schon seit Tagen heftig Magie gewirkt und so viel wie möglich geübt, um unsere Zauber zu perfektionieren und für ein Zusammentreffen mit der neuen Dämonengeneralin gerüstet zu sein, die Schattenschwinge auf Seattle losgelassen hatte. Wenn wir die Lamie erst gefunden hatten, würde reichlich Arbeit auf uns zukommen. Sie hielt sich verborgen, und keiner unserer Kontakte konnte sie aufspüren oder den halb dämonischen Magier, der sie vermutlich herübergeschmuggelt hatte. Aber irgendwann würde sie in Aktion treten, und dann mussten wir bereit sein.

Während ich meinen Mann betrachtete, fiel mir auf, dass er älter aussah. Nicht alt, aber weiser, stärker und abgeklärter als bei unserer ersten Begegnung. Verdammt, wir waren alle gealtert, wenn auch nicht äußerlich, so doch innerlich.

Morio trug ein indigoblaues Musselinhemd mit passender, weiter Hose. Als Gürtel diente eine silberne Schärpe, an der eine Scheide mit einem gezahnten Schwert hing. Sein Haar, das er ausnahmsweise einmal nicht zum Pferdeschwanz gebunden hatte, war glatt und glänzte pechschwarz. Mein Ritualgewand passte zu seinem: ein indigoblaues, tief ausgeschnittenes Kleid, dessen Saum den Boden streifte. Es war so fließend, dass ich mich gut darin bewegen konnte, aber figurbetont genug, um mich nicht zu behindern. Rechts am Gürtel trug ich meinen Silberdolch, links das Einhorn-Horn.

Morio zögerte, hielt den Zeigefinger in den Wind und nickte dann.

»Also, wir wiederholen einfach den Beschwörungszauber, aber genau umgekehrt, und dazu den Bannzauber?«

»Genau. Mach ruhig. Da du den Geist gerufen hast, solltest du auch diejenige sein, die ihn wieder vertreibt.«

Ich beugte mich über die Bank, auf der eine Schicht Salz mit Rosmarinblättern verteilt war. Ich nahm den Obsidian-Dolch, erfasste die Energie mit der Spitze und zeichnete das ins Salz gemalte Pentagramm rückwärts nach. Dann zog ich gegen den Uhrzeigersinn einen Kreis darum, um das Pentakel zu öffnen.

»Suminae banis, suminae banis, mortis mordente, suminae banis.« Ich konzentrierte mich darauf, den Geist zu verbannen, den wir beschworen hatten.

Die Energie wirbelte durch meinen Körper und über die Klinge in das Salz und den Rosmarin. Plötzlich war es ganz still, der Wind flaute ab und die Luft wurde drückend. Über der Mitte des Altars erschien die geisterhafte Gestalt. Mit einem langgezogenen Kreischen wurde sie in einen kreiselnden Strudel hineingesogen und verschwand. Ich besiegelte den Zauber, indem ich energisch mit dem Dolch durch die Luft fuhr und die Energie durchtrennte, die das kleine Tor zur Welt der Schatten geöffnet hatte. Mit einem leisen Knall verschwand das Portal.

»Cool! Es hat funktioniert. Nicht ganz so machtvoll wie ein Dämonenportal, aber he, dafür habe ich diesmal nicht ein Dutzend eigensinnige Geister losgelassen«, sagte ich. In diesem Moment öffnete der Himmel alle Schleusen und ließ Donner, Blitze und einen Hagelschauer über uns hereinbrechen. Die Kerzenflammen zischten und erloschen, und es begann in Strömen zu regnen, so dass wir bis auf die Haut durchnässt waren.

»Meinst du, das Universum möchte uns damit etwas sagen?« Ich sah zu, wie der Regen alle Spuren von Salz und Rosmarin wegwusch.

Morio seufzte tief, sammelte die Kerzen ein und kippte das Wasser aus, das sich bereits um die Dochte gesammelt hatte. »Komm, wir müssen noch die Überreste von zwei Zombies aufwischen. Danach will ich nur noch nach Hause in die heiße Badewanne, und dann ...« Er verstummte und warf mir einen tiefen Blick zu.

»Und dann wirst du dich auf mich stürzen und mich zu einer sehr glücklichen Frau machen«, beendete ich den Satz für ihn.

Er neigte den Kopf zur Seite und zwinkerte. »O ja«, sagte er. »Und mich selbst zu einem sehr glücklichen Mann.«