Kapitel 21
Ich öffnete die Augen und sah Morio neben mir auf dem Bett sitzen. Gegen die Morgensonne blinzelnd, richtete ich mich auf und sah mich um. Ich lag allein auf meinem riesigen Doppelbett. Morio hatte die Nacht auf meinem Sofa am Fenster verbracht, während Smoky und Trillian mich zwischen sich genommen hatten. Allerdings hatte ich sämtliche umherschweifenden Hände abgewehrt, denn ich war zu erschöpft gewesen, um auch nur an Sex zu denken.
»Guten Morgen.« Morio küsste mich flüchtig, und als ich unter der Decke hervorkam, schlang er den Arm um mich und zog mich an sich.
»Du durftest gestern Nacht nicht ran, und heute Morgen kriegst du auch nichts.« Ich versetzte ihm eine spielerische Kopfnuss.
»Ich will gar nichts von dir«, flüsterte er. »Nur dass du deinen entzückenden Hintern die Treppe hinunterschwingst. Wir haben heute viel vor, Schlafmütze.«
Ich wusste nicht recht, ob ich beleidigt oder nur verärgert sein sollte, und warf erst einmal einen Blick auf die Uhr. Halb zehn? Mist, ich hatte gut zwei Stunden zu lang geschlafen. Ich sprang auf und schnappte mir ein Handtuch.
»Lass mich nur schnell duschen.«
»Iris hat gesagt, wenn du noch Frühstück willst, solltest du besser in zehn Minuten unten sein.« Er lachte und gab mir im Vorbeigehen einen scharfen Klaps auf den Po. »Ich gehe rüber ins Studio und putze und reinige unseren ganzen Ritualkram.«
Zwanzig Minuten später erschien ich vollständig angezogen und geschminkt in der Küche. Iris stand zu ihrem Wort, und auf dem Tisch war nichts vom Frühstück zu sehen. Doch als sie mich hereinkommen sah, öffnete sie den Kühlschrank, und ehe ich wusste, wie mir geschah, saß ich mit Joghurt, einem getoasteten Brötchen, einer Banane und einer Tasse Kaffee am Tisch. Nicht ganz das herzhafte Frühstück, an das ich gewöhnt war, aber es würde reichen.
Delilah stürzte keuchend zur Hintertür herein. Ich warf ihr einen fragenden Blick zu, und sie zog ihre Windjacke aus und warf sie über eine Stuhllehne. »Als Morio gesagt hat, du wolltest erst duschen, bin ich noch schnell zum Birkensee und zurück gejoggt.«
Ich blickte mich in der Küche um. »Wo sind Smoky und Trillian? Das Haus kommt mir heute so leer vor. Und wo steckt Maggie?«
Iris antwortete, ehe Delilah dazu kam. »Smoky wollte zu seiner Höhle. Er sagte, er hätte etwas zu erledigen. Trillian ist mit Roz einkaufen gegangen. Vanzir ist drüben im Gästehaus, und Shamas bei der Arbeit. Maggie ist in meinem Zimmer, sie hat Auszeit.«
»Auszeit? Was hat sie jetzt angestellt?« Maggie hatte eine Phase erreicht, in der sie absolut alles ausprobierte. Manchmal konnte man ihr nur aufzeigen, dass es auch Grenzen gab, indem sie eine Auszeit bekam.
»Sie hat mich gebissen«, sagte Delilah und hielt ihren Zeigefinger hoch. Er steckte in einem dicken weißen Verband. »Die kleine Teufelin hat nach mir geschnappt, als ich sie nach dem Frühstück in den Laufstall zurücksetzen wollte. Sie muss lernen, dass sie nicht beißen darf, sonst verliert irgendwann noch jemand einen Finger.«
»Allerdings.« Ich starrte ihren eingewickelten Finger an. »Was macht denn der Biss? Glaubst du, die Wunde hat sich entzündet?«
»Nein. Sie ist sauber, und Roz hat etwas von seiner Wundersalbe aufgetragen. Also, was steht heute auf dem Plan? Ach, als wüsste ich das nicht schon.« Sie setzte sich auf einen Stuhl und nahm sich einen Apfel aus der Obstschale auf dem Tisch. »Iris, warum steht hier eigentlich in letzter Zeit so viel Obst herum? Verschenken sie auf dem Wochenmarkt jetzt Äpfel und Orangen?«
»Obst ist gut für dich. Du isst viel zu viel Junkfood.« Iris wandte sich von der Spüle ab, wo sie gerade den Abwasch erledigt hatte. Sie stemmte die Hände in die Hüften und starrte Delilah nieder, die sie mürrisch ansah. »Wenn du ständig Doughnuts essen willst, wirst du sie dir schon selbst kaufen müssen. Du bist süchtig nach Zucker, und das ist nicht gesund.«
»Ich bin nicht süchtig«, brummte Delilah, biss aber trotzdem in den Apfel.
Ich löffelte meinen Joghurt. »Heute sollten wir uns wohl eine Strategie zurechtlegen. Aeval darum zu bitten, dass sie uns bei Stacia hilft, wird nicht lustig.« Ich wollte das wirklich nicht tun, aber uns blieb nichts anderes übrig. Wir brauchten Hilfe, und zwar bald.
Delilah kreuzte die Arme auf dem Tisch und stützte das Kinn darauf. »Glaubst du wirklich, dass Vater mit Tanaquar schläft?«
Sie klang so wehmütig und traurig, dass ich den Löffel weglegte. »Was hast du denn, Kätzchen?«
»Es ist nur ... Er hat immer gesagt, dass er Mutter nie vergessen könne ...«
Das war es also. Ich streckte den Arm über den Tisch und tätschelte ihre Hand. »Er hat Mutter über alles geliebt, aber sein Leben muss weitergehen. Wenn nur nicht ausgerechnet Tanaquar die Klauen in ihn geschlagen hätte. Ich glaube, sie benutzt ihn nur, und vermutlich ahnt er nichts davon. Er wollte mir wohl davon erzählen, als ich zu Hause war, hat sich aber dann doch nicht getraut.« Als ich in das Brötchen biss, zerschmolz die köstliche Butter in meinem Mund, und ich genoss den Geschmack mit geschlossenen Augen.
»Ich weiß ja, dass sein Leben weitergehen muss. Das wünsche ich ihm auch. Aber ... es kommt mir nur so ... er treibt es mit der Königin. Das ist einfach ganz falsch, und ich kann dir nicht erklären, warum ich so empfinde.« Trübselig warf sie den Rest ihres Apfels in den Komposteimer und durchwühlte die Küchenschränke, bis sie schließlich eine Tüte Kartoffelchips zum Vorschein brachte. »Wusste ich's doch, dass noch irgendetwas Gutes da sein muss.«
Iris räumte die letzten Teller weg und verschränkte die Arme. »Schön, ich gebe auf. Wenn ich nächstes Mal einkaufen gehe, besorge ich dir dein ungesundes Zeug, aber wenn du Pickel bekommst oder schlapp davon wirst, beschwer dich bloß nicht bei mir.« In diesem Moment klingelte das Telefon, und sie nahm ab. Dann reichte sie es an mich weiter. »Camille, für dich. Henry ist dran.«
Ich wischte mir die Hände an meiner Serviette ab und nahm das Telefon entgegen. »Henry? Was gibt's?«
»Camille?« Henrys Stimme klang zittrig. »Wir haben ein Problem. Ich habe bereits Detective Johnson angerufen, und er ist auf dem Weg hierher. Ich fürchte, du solltest auch so schnell wie möglich in die Buchhandlung kommen.«
»Was ist passiert?« Ich runzelte die Stirn. Wenn Henry von einem Problem sprach, dann war es etwas Ernstes. Er neigte nicht zu Übertreibungen.
Henry senkte die Stimme, und es hörte sich an, als hielte er eine Hand vor die Sprechmuschel. »Da schleichen zwei Männer und eine Frau im Laden herum. Ich habe sie noch nie hier gesehen. Camille, sie machen mir Angst. Ich habe gefragt, ob ich ihnen behilflich sein kann, und einer der Männer hat mich angeknurrt.«
Scheiße! Mein erster Gedanke war, dass die Leute zu den Freiheitsengeln oder dieser Bruderschaft der Erdgeborenen gehören mussten.
»Ich bin in zwanzig Minuten da, fünfzehn, wenn der Verkehr nicht allzu schlimm ist. Bleib nur ruhig. Und bring dich sofort in Sicherheit. Mach dir keine Gedanken um den Laden - halte dich nicht auf, um das Geld aus der Kasse zu nehmen oder sonst was. Und, Henry ...« Ich zögerte, denn ich wollte ihn warnen, wusste aber gar nicht, wovor eigentlich. Wir konnten da drüben Dämonen herumlaufen haben oder Anti-Feen-Faschisten oder sogar jemanden, der einen persönlichen Groll gegen uns hegte.
»Was ist, Camille?«
»Henry ...«
Ich bekam keine Chance mehr, den Satz auszusprechen. Eine laute Explosion krachte an mein Ohr, und Henry schrie auf. Dann brach die Verbindung ab.
»Verflucht, das darf nicht wahr sein!« Ich ließ das Telefon auf den Tisch fallen.
Delilah und Iris starrten mich an.
Ich raffte Handtasche und Schlüsselbund an mich. »In der Buchhandlung ist irgendwas passiert. Ich habe eine Art Explosion gehört, und dann ist die Verbindung abgebrochen.
Henry hat Chase schon angerufen - aber, Iris, sieh zu, dass du ihn erreichst, und sag ihm, dass er sich verdammt noch mal beeilen soll. Wir müssen sofort da hin, los.«
Iris griff zum Telefon. »Soll ich nicht mitkommen? Ich könnte Maggie zu Menolly in den Keller bringen.«
»Ja, aber wir fahren auf der Stelle los. Lass dich von Morio hinbringen, wenn du dich um Maggie gekümmert hast. Und falls Vanzir noch da ist, soll er auch mitfahren. Ich habe das Gefühl, dass wir jeden Mann brauchen werden. Hinterlass eine Nachricht für Roz und Trillian, sie sollen hierbleiben und auf das Haus aufpassen.« Ich zögerte kurz. »Nein, besser, du rufst sie an und sagst ihnen, dass sie nach Hause kommen sollen. Sofort.«
Während Delilah und ich zu meinem Auto rannten, fragte ich mich, was zum Teufel da passiert sein mochte. Vor allem machte ich mir Sorgen um Henry. Denn was immer das für ein Krach gewesen war, mein Gefühl sagte mir, dass diese Sache nicht gut ausgehen würde.
Als wir die Straße entlangfuhren, in der meine Buchhandlung, der Indigo Crescent, lag, sah ich schon von weitem die dicke Rauchwolke. Feuerwehrwagen blockierten die Straße, und die Polizei hatte sie für den Verkehr gesperrt. Mit quietschenden Reifen hielt ich direkt an der Absperrung, und Delilah und ich sprangen aus dem Auto und rannten auf die Buchhandlung zu.
Als wir in Sichtweite heran waren, hielt uns ein Polizist auf. Absperrband und uniformierte Polizisten des AETT riegelten die Straße ab. Shamas war dort, und er nickte mir knapp zu. Wenn er arbeitete, war er ganz und gar im Dienst, was ihn Chase sehr sympathisch gemacht hatte.
»Das ist mein Laden«, erklärte ich dem Polizisten, der uns zurückhalten wollte. »Mein Mitarbeiter stand da drin an der Kasse, und ich mache mir Sorgen um ihn. Er ist ein guter Freund. Ich habe gerade mit ihm telefoniert, als ich eine Explosion gehört habe, und dann ist die Verbindung abgebrochen.«
In diesem Moment kam Chase mit grimmiger Miene zu uns herübergelaufen.
»Was ist passiert? Wie geht es Henry?« Ich warf noch einen Blick in sein Gesicht, und mir sank der Mut. Was immer er mir zu sagen hatte, war nicht gut.
Chase legte den Zeigefinger an die Lippen und bedeutete uns mit einem Nicken, mitzukommen. »Ist schon gut, Glass.« Der Polizist nickte und winkte uns durch.
»Henry ist mit Verbrennungen dritten Grades an über sechzig Prozent seines Körpers ins Krankenhaus gebracht worden. Es sieht nicht gut aus«, sagte Chase sanft. Er legte mir eine Hand auf den Arm. »Camille, er wird es vielleicht nicht schaffen.«
Er hätte mir ebenso gut die Faust in den Magen rammen können. Delilah stieß ein leises Miauen aus, verwandelte sich aber nicht, den Göttern sei Dank.
»Was ist passiert?« Der Qualm um uns herum war so dick, dass mir übel wurde. Delilah und ich waren sowieso empfindlicher als die meisten VBM, was Rauch anging, aber ich sah Chase an, dass dieser Qualm sogar ihm zusetzte. Feuerwehrleute mit Atemschutzmasken vor den Gesichtern wimmelten um den Laden herum, und ich nahm in der Luft noch etwas anderes wahr außer dem Rauch. Es war kein Schießpulver, aber da war irgendein Rückstand, den ich schon einmal gerochen hatte.
»Jemand hat irgendeine Art Sprengsatz in deinem Laden gezündet. Wir sind nicht sicher, was, aber ich habe der Feuerwehr ein paar von meinen Leuten zur Seite gestellt, weil ich das Gefühl habe, dass die Bombe vielleicht nicht von Menschen gemacht wurde.«
In Gedanken war ich immer noch bei Henry, trotzdem musste ich es wissen. »Wie schlimm hat es die Buchhandlung erwischt?«
»Die Explosion an sich war relativ begrenzt - etwa ein Drittel des Ladens ist zerstört. Die Flammen waren aber gar nicht das Problem, sondern das verdammte Zeug, aus dem die Bombe bestand. Henrys Verbrennungen sind chemischer Natur.« Er unterbrach sich, weil sein Handy klingelte. »Ja, was hast du für mich? ... Tatsächlich? ... Okay, sie sind gerade hier bei mir. Soll ich dir Camille geben?« Er reichte mir das Telefon.
Sharah war am Apparat, die Leiterin der Ambulanz im AETT-Hauptquartier. Sie war Königin Asterias Nichte, doch ihre Verbindung zu der Elfenkönigin schien nicht allzu eng zu sein. »Wir haben deinen Freund Henry hier.« Ehe ich fragen konnte, wie es ihm ging, fuhr sie fort: »Er ist in sehr schlechtem Zustand. Hat Chase dir seine Verletzungen geschildert?«
»Verbrennungen dritten Grades an über sechzig Prozent der Körperoberfläche, richtig?« Meine Stimme klang tonlos. Wenn ich mir jetzt erlaubte, irgendetwas außer emotionaler Betäubung zu empfinden, würde ich niemandem etwas nützen.
»So ist es. Ich habe herausgefunden, was die Verbrennungen hervorgerufen hat. Die gute Neuigkeit lautet also, dass wir versuchen können, sie zu behandeln.«
Ich wollte es nicht hören, aber ich musste einfach fragen: »Und die schlechte?«
»Meine Prognose für ihn ist nicht gut. Ich gehe davon aus, dass er eine Chance von zwanzig Prozent hat - bestenfalls -, die nächsten achtundvierzig Stunden zu überleben. Wenn er zwei Tage durchhält, gebe ich ihm vierzig Prozent. Er hat die stärksten Verbrennungen im Gesicht, an der Brust und am Bauch erlitten. Mehrere innere Organe sind schwer geschädigt, und er muss künstlich beatmet werden.«
Verflucht. Am liebsten hätte ich das Handy auf dem Boden zerschmettert, aber Sharah konnte natürlich nichts dafür. Wenn Henry überlebte, würden wir das allein ihr verdanken.
»Was hat die Verbrennungen verursacht?«
»Alostar-Präparat, gemischt mit Myokinar-Pulver.«
Zweimal verflucht. Der Letzte, in dessen Händen ich diese Mischung gesehen hatte, war Rozurial. Da ich wusste, dass er diese Bombe nicht gelegt hatte, musste ich davon ausgehen, dass die Angreifer aus der Anderwelt kamen oder sich mit jemandem aus der Anderwelt zusammengetan hatten.
»Danke.« Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte, also fügte ich nur hinzu: »Tu dein Möglichstes für Henry, ja? Er ist ein guter Mensch und ein guter Freund. Ich fände es schrecklich, ihn zu verlieren.«
»Camille.« Sharahs Stimme klang zögerlich. »Mach dir keine allzu großen Hoffnungen. Wir werden tun, was wir können, aber langfristig sieht es nicht gut für ihn aus. Wenn er das überleben sollte, wäre es schon beinahe ein Wunder.«
Ich gab Chase wortlos das Handy zurück. Er sprach noch kurz mit Sharah, klappte dann das Telefon zu und steckte es wieder in die Tasche.
Ich erzählte ihm von der Mixtur aus Alostar-Präparat und Myokinar-Pulver. »Kann ich den Laden betreten? Vielleicht spüre ich dort etwas.«
Chase winkte Shamas herüber. »Geh mit den Mädels in die Buchhandlung und behalte sie im Auge. Sie wollen nachsehen, ob sie etwas herausfinden können. Und schick mir den Brandermittler raus. Ich muss mit ihm reden.«
Ehe wir den Laden betraten, wies Shamas uns an, genau hinter ihm zu gehen. »Wir halten die Statik für sicher - und da es hier keinen Keller gibt, kann der Boden nicht einbrechen. Es sieht zwar so aus, als hätten die Flammen die Decke nicht erreicht, aber es wäre möglich, dass die Explosion die Streben und Balken beschädigt hat. Also geht nicht rauf in Delilahs Büro. Seht euch schnell um, und seid vorsichtig. Fasst nichts an. Jetzt, da wir die Ursache kennen, kann ich euch sagen: Wenn ihr irgendetwas, das mit diesen Chemikalien in Kontakt gekommen ist, mit bloßen Händen anfasst, handelt ihr euch mindestens eine böse Blase ein, wenn nicht noch Schlimmeres. Erinnert ihr euch an die Säure dieses Höllenhundes?«
Ich zuckte zusammen. »O ja. Wir werden nichts anrühren.« Ich hatte immer noch eine hässliche Narbe an der Hand, wo ich ein paar Tropfen stark säurehaltiges Höllenhund-Blut abbekommen hatte. Die verdammte Wunde hatte mich fast umgebracht.
Das Innere der Buchhandlung war völlig verwüstet. Überall lagen verkohlte Bücher verstreut, es roch nach verbranntem Papier. Eine dünne Decke einzelner Seiten bedeckte den Boden. Die Glasvitrine, die mir als Ladentisch gedient und in der ich immer ein paar seltene Erstausgaben ausgestellt hatte, war zu tausend rasiermesserscharfen Glassplittern zerborsten. Sie sahen aus, als warteten sie nur darauf, sich einem ins Fleisch zu bohren. Die Sitzecke des Vereins der Feenfreunde und der anderen Lesegruppen war abgebrannt. Von dem Sofa war nur noch ein qualmender, scheußlicher Klumpen aus Ruß und Löschwasser übrig geblieben.
Während wir uns durch die Ruine arbeiteten, die noch heute Morgen meine Buchhandlung gewesen war, fiel mir auf, dass die meisten Regale im hinteren Teil noch intakt waren. Die Erschütterung der Explosion hatte nur ein paar davon umgestürzt und den Inhalt auf den Boden geschleudert. Als wir zu meinem Büro kamen, sah dort alles fast normal aus. Ich drehte mich um und bemerkte Chase hinter uns.
»Du hast angeordnet, dass niemand die Treppe betreten darf?«, fragte ich ihn. Delilah führte ihre Privatdetektei vom ersten Stock des Gebäudes aus.
»Ja.« Shamas zuckte mit den Schultern. »Zu gefährlich, bis wir überprüfen konnten, ob die Treppe sicher ist. Außer du beherrschst einen Schwebezauber.«
»Nein, leider nicht. Menolly könnte da hochschweben, aber sie kann natürlich erst heute Nacht kommen.« Stirnrunzelnd sah ich mich in meinem Büro um. Irgendetwas war anders als sonst, aber ich kam nicht darauf, was es war, bis mein Blick an einem Briefumschlag auf dem Schreibtisch hängen blieb. Er war groß, von der Sorte, in der man Einladungen und Grußkarten verschickte, und aus beigefarbenem Leinenpapier. Der Umschlag war an mich adressiert.
»Der war vorher nicht da. Ich bin mir ganz sicher«, sagte ich und deutete darauf.
»Dann sollten wir ihn auf Fingerabdrücke untersuchen«, sagte Chase und trat zu uns.
»Die Mühe kannst du dir sparen.« Meine Worte klangen gepresst, denn der überwältigende Gestank nach Dämon stieg von dem edlen Papier auf. »Den hat kein Mensch hier hinterlassen, Chase.« Ich ignorierte seinen Protest und griff danach. Dämonische Energie schoss durch meine Hand, so stark, dass ich das Ding beinahe fallen gelassen hätte.
»Dämonen.« Der Umschlag trug weder Briefmarke noch Poststempel. Er war sicher nicht mit der Post gekommen. Ich drehte ihn um und betrachtete die Lasche. Sie war mit Siegelwachs verschlossen, in das ein großes, geneigtes S eingestempelt war. »Stacia. Ich wette, der Brief ist von der Knochenbrecherin.«
Delilah schnappte nach Luft und spähte über meine Schulter. In diesem Moment steckte ein Polizist den Kopf durch den Türspalt.
»Detective? Wir haben hier draußen zwei Männer, die behaupten, sie hätten etwas mit dem Laden zu tun. Sie haben eine Liliputanerin dabei«, meldete der Uniformierte. Er war ein VBM und wirkte nervös.
»Iris. Sie wollte mit Morio und Vanzir kommen«, erklärte Delilah.
Chase wandte sich dem Polizisten zu. »Erstens lautet die korrekte Bezeichnung -›kleinwüchsige Person‹. Zweitens ist sie keine kleinwüchsige Person, sondern eine Talonhaltija.«
»Talon-was-ja?«
»Sie ist eine Fee, verdammt noch mal. Lassen Sie sie rein, aber sagen Sie ihnen, dass sie vorsichtig sein müssen.« Als der Polizist sich abwandte, murrte Chase vor sich hin: »Ehrlich, ich schicke diese Leute zu Sensibilisierungskursen, ich sorge dafür, dass sie die angemessene Verfahrensweise kennen, und ein paar von ihnen treten immer noch auf wie der Elefant im Porzellanladen.« Er fing meinen Blick auf und deutete auf den Brief. »Hast du vor, den aufzumachen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Erst müssen wir irgendeinen Zauber darauf sprechen, um festzustellen, ob er mit magischen Fallen versehen ist.«
Ein paar Minuten später bahnte Iris sich vorsichtig einen Weg durch das Chaos, gefolgt von Morio und Vanzir. Schweigend zeigte ich ihnen den Brief.
Vanzir schauderte. »Von der Knochenbrecherin, kein Zweifel. Spürst du die Macht, die dieser Umschlag verströmt?«
»Ja. Nächste Frage: Ist der irgendwie manipuliert? Macht es Bumm, wenn ich ihn öffne, oder ist das nur eine Art Visitenkarte?« Ich seufzte tief und fuhr mir mit der Hand über die Augen. Ich war jetzt schon todmüde und wollte nur noch nach Hause laufen und mich verstecken. So ging es mir in letzter Zeit viel zu oft.
Morio nahm den Brief und sprach einen Zauber. Licht flammte auf, doch nichts passierte. »Keine Illusionen. Und ich habe eine Variante benutzt, die auch nach Fallen sucht. Nichts. Du kannst ihn ruhig öffnen.«
In der Hoffnung, dass er recht hatte, öffnete ich vorsichtig die Klappe und zog den Brief heraus. Als ich die Seite auffaltete, sah ich, dass er getippt war - Stacia war wirklich schlau. Sie hatte den Brief nicht mit der Hand geschrieben. Ich war sogar ziemlich sicher, dass sie das Papier nicht einmal angefasst, sondern den Brief von einem Untergebenen hatte falten lassen. Denn wenn wir etwas hätten, das sie berührt hatte, hätten wir Magie gegen sie wirken können. Aber das Blatt war in ihrer Nähe gewesen, das spürte ich deutlich.
»Was steht drin?«, fragte Delilah und drängelte sich an mich heran. Ich bedeutete ihr, mir ein bisschen mehr Platz zu lassen, und überflog den Brief. Scheiße, das war nicht gut. Gar nicht gut.
»Gehen wir erst mal raus, ehe ich euch das vorlese. Wer weiß, vielleicht haben sie den Laden auch gleich verwanzt, wo sie schon mal da waren, um ihn zu zertrümmern. Kommt mit.« Ich schob mich an ihnen vorbei und marschierte zur Ladentür hinaus in den morgendlichen Nieselregen. Als die anderen mich einholten, führte ich sie über die Straße, lehnte mich an Chases Dienstwagen und ließ erst einmal den Kopf hängen.
»Komm schon, Camille, raus damit. Was ist los?« Shamas' Gesichtsausdruck war sehr besorgt, und mir wurde klar, dass er sich in den vergangenen Monaten ernsthaft darum bemüht hatte, ein Teil dieser Familie zu werden. Allerdings war er nach wie vor recht distanziert, und seine finstere Natur schien immer mehr hervorzutreten.
»Verfluchter Mist. Hört zu.« Ich hielt den Brief hoch und las vor:
Camille etc.:
Betrachtet diese Renovierung als Vorgeschmack. Ihr habt viele Freunde, und wir wissen, wer sie sind und wo sie wohnen. Wir werden jeden vernichten, der euch lieb ist, einen nach dem anderen. Ihr habt zwei Möglichkeiten: Kehrt zurück in die Anderwelt. Oder kämpft für uns. Ihr steht am Scheideweg.
S.K
Delilah stieß pustend die Luft aus. »Scheiße.«
»Ich weiß nicht. Da stimmt etwas nicht.« Morio kniff sich in den Nasenrücken, als hätte er plötzlich Kopfschmerzen. »Lasst mich kurz überlegen.«
Ich sah ihn erwartungsvoll an. »Was meinst du?«
»Na ja ... denk doch mal darüber nach. Warum sollte sie uns nicht alle zu Hause in die Luft sprengen, wenn sie uns loswerden wollte? Karvanak hätte das schon tun können, aber er hat lieber Chase entführt und versucht, uns zu erpressen. Dabei hätte er in aller Stille ganze Kohorten versammeln, das Haus umstellen und einen kleinen Privatkrieg anzetteln können. Warum hat er sich so viel Mühe gemacht, und warum will jetzt auch Stacia Knochenbrecherin, dass wir uns mit ihr verbünden? Denkt daran, Karvanak hat euch mehrmals angeboten, dass ihr die Seiten wechseln könntet, also lautet die Frage: Warum wollen sie euch drei so dringend haben? Was übersehen wir die ganze Zeit?«
Da stellte er eine sehr gute Frage, über die noch keine von uns richtig nachgedacht hatte. Wenn Schattenschwinge uns tot sehen wollte, warum ordnete er dann nicht einfach einen gewaltigen Angriff auf unser Haus an oder sprengte uns alle in Fetzen? Warum ging er solche Umwege und schickte seine Dämonengenerale aus, die zwar über ungeheure Kräfte verfügten, aber nie ihr gesamtes Arsenal ausschöpften?
»Du hast recht. Da ist irgendetwas. Aber wie zum Teufel sollen wir herausfinden, was? Und vor allem müssen wir uns überlegen, wie wir unsere Freunde schützen können, denn ich glaube, sie meint ihre Drohung ganz ernst. Sie werden sich einen nach dem anderen vornehmen. Dieser Brief ist im Grunde eine Erpressung.«
Chases Handy klingelte schon wieder, und er trat beiseite, um den Anruf anzunehmen.
»Wir müssen zu Großmutter Kojote. Wir brauchen unbedingt ihren Rat«, erklärte Morio.
Ich nickte. »Wir fahren jetzt gleich zu ihr raus.«
Chase kehrte mit aschfahlem Gesicht zu uns zurück. »Camille, es tut mir so leid ...«
»Was? Was ist los?« Sein Gesichtsausdruck konnte nur eines bedeuten, aber ich wollte es nicht hören.
»Henry. Er ist tot. Er hatte einen Herzinfarkt, während sie ihn behandelt haben, und sein Körper ist mit dem doppelten Schock nicht fertig geworden. Sharah hat gesagt, es sei ganz schnell gegangen.« Er schürzte die Lippen, und Delilah schmiegte sich in seine Arme. Tränen liefen ihr über die Wangen.
Ich starrte ihn stumm an. Morio legte einen Arm um meine Taille, aber ich schob ihn von mir und trat vor das Schaufenster meines Ladens. Henry hatte den Indigo Crescent geliebt, und er war so glücklich gewesen, als ich ihm die Stelle angeboten hatte. Und jetzt war er tot - unseretwegen.
Ich spürte eine Hand in meine gleiten und blickte hinab. Iris drückte meine Finger. Ihr standen Tränen in den Augen.
»Ich konnte ihn nicht so lieben, wie er es sich gewünscht hat«, sagte sie heiser. »Ich wünschte, es wäre anders gewesen, aber ... «
»Ist schon gut«, murmelte ich dumpf und blinzelte selbst gegen Tränen an. Iris fühlte sich schuldig, das sah ich ihr an. Henry hatte sie geliebt, hatte sie heiraten wollen, doch sie hatte seine Gefühle nicht erwidern können. Und jetzt war er tot, ermordet in unserem Laden, und sie gab sich selbst die Schuld daran. »Iris, du bist an seinem Tod ebenso wenig schuld wie ich. Er war glücklich hier, er hat gern bei uns gearbeitet.«
»Ich will sie tot sehen«, knurrte Iris mit funkelnden Augen. »Ich will die Dreckskerle finden, die das getan haben, und sie zur Strecke bringen.«
»Das werden wir«, flüsterte ich, mehr an mich selbst gewandt. »Glaub mir. Das werden wir.«