Kapitel 6
Bis ich zur Tür hereinplatzte, warf Iris einen einzigen Blick auf mein Gesicht und bugsierte mich sofort in die Küche, wo sie mich auf einen Stuhl niederdrückte.
»Du kannst nicht geladen und gespannt da reingehen. Ich kenne dich«, sagte sie. »Ich weiß, wozu dein Mundwerk fähig ist, und glaub mir, du solltest jetzt wirklich keinen Fehler machen. Wir haben drei Drachen im Wohnzimmer sitzen, und keiner von ihnen wirkt besonders glücklich. Das allein sollte dir schon eine Heidenangst einjagen, aber wie ich sehe, bist du zu einem vernünftigen Gedanken nicht mehr fähig.«
Da hatte sie verdammt recht. Während der ganzen Fahrt nach Hause hatte mich nur eines beschäftigt: Warum zum Teufel hatte Smoky mir nicht gesagt, dass er verlobt war, und wie würde sich das auf die Seelensymbiose auswirken, die wir eingegangen waren? Ich war noch nie in meinem Leben eifersüchtig gewesen, es hatte mich nie gekümmert, ob meine Liebhaber noch andere Partnerinnen hatten. Ich wollte nur die erste Geige spielen. Aber dass ein weiblicher Drache in meinem Wohnzimmer saß und eigens hergekommen war, um die Klauen in meinen Ehemann zu schlagen, tja, diese Kleinigkeit hatte wohl eine latente Neigung hervorbrechen lassen. Zornig und beschämt über meine Eifersucht, versuchte ich mich zu beruhigen.
Gleich darauf betrat Smoky die Küche. Ich blickte wortlos zu ihm auf. Er gab Iris und Delilah einen Wink, und sie zogen sich mit Maggie in Iris' Zimmer zurück. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also tat ich zur Abwechslung einmal das Nächstbeste. Ich hielt den Mund und starrte ihn stumm an. Morio kniete sich neben mich und nahm meine Hand. Er wusste, wann er sich besser nicht einmischte, aber ich war erleichtert, weil er offenbar nicht vorhatte, mich mit diesem Problem alleinzulassen.
Smoky seufzte tief und zog einen Stuhl neben meinen. »Camille ... geht es dir gut?«
Ich zuckte mit den Schultern und brachte immer noch kein Wort heraus.
»Es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest. Ich wollte es dir irgendwann sagen, aber es ist so viel passiert, dass mir der Zeitpunkt nie passend erschien.« Seine Stimme klang seidig und liebkoste mich förmlich, während eine Strähne seines Haars sich langsam hob und mir zärtlich übers Gesicht strich. Ich überlegte, ob ich sie wegschieben sollte, beschloss aber, noch abzuwarten.
»Du ... bist also verlobt? Wie lange seid ihr schon zusammen?« Ich schluckte meinen Stolz herunter. Wenn ich gleich die ganze Wahrheit erfuhr, wusste ich wenigstens, wo ich stand.
Er schüttelte den Kopf. »So ist das nicht. Es geht um eine arrangierte Ehe, mit der ich mich nie einverstanden erklärt habe. Unter meinesgleichen ist es üblich, dass die Eltern ihre Kinder verheiraten. Dabei geht es mehr um politische und finanzielle Vorteile als um irgendetwas anderes. Ich bin schon seit meiner Geburt verlobt, aber ich habe nicht... ich bin davon ausgegangen, dass sich dieses Problem noch viele Jahre lang nicht stellen würde. Ich war nie mit ihr zusammen, um es mit einer menschlichen Wendung auszudrücken, und abgesehen von einem höflichen Händedruck habe ich sie noch nicht einmal berührt.« Seine Augen blitzten, und obwohl Drachen so falsch sein konnten, hatte ich das Gefühl, dass er mir die Wahrheit sagte.
»Und was jetzt? Warum ist dein Vater hergekommen? Und warum ist sie hier?« Der Gedanke, dass er ihr keinen Antrag gemacht hatte, dass die Ehe arrangiert worden war und er dabei nichts zu sagen gehabt hatte, munterte mich ein wenig auf. Die Frage war nur: Was sollten wir jetzt tun? Oder vielmehr, konnten wir da überhaupt etwas tun?
»Mein Vater hat herausgefunden, dass ich geheiratet habe und die Seelensymbiose mit einer Frau eingegangen bin, die kein Drache ist. Ich warne dich, er ist gar nicht glücklich darüber. Wir haben uns nie gut verstanden. Ich bin der neunte Sohn eines neunten Sohnes, und man erwartet von mir, die Tradition fortzuführen und ebenfalls neun Söhne zu bekommen. Ich kann dir nicht sagen, warum, jedenfalls nicht jetzt, aber mein Vater war der Grund dafür, dass ich aus den Nordlanden in die Erdwelt gekommen und hiergeblieben bin.« Er runzelte die Stirn und starrte zu Boden.
Morio stand auf und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Dein Vater will dich also zwingen, deine Pflicht zu erfüllen und die Frau zu heiraten?«
»So sieht's aus, ja.« Smoky stand schwerfällig von seinem Stuhl auf und ging zur Küchentheke. Wenn ich seinen Gesichtsausdruck so sah, wollte ich gerade wirklich nicht mit seiner Zukünftigen tauschen - mit einer Frau, die ihm aufgezwungen wurde. »Ich bin noch nicht bereit, zu meiner Sippe zurückzukehren. Es wird noch einige Zeit dauern, bis ich vergeben kann, was ...« Er verstummte und starrte die Wand an.
»Was denn vergeben?« Er hatte es zwar nicht ausgesprochen, doch irgendetwas hatte ihn aus seiner Heimat vertrieben. Ich konnte es ihm ansehen, spürte es dank unserer Verbindung, und Morio ebenfalls.
Smoky wurde kreidebleich. »Ich kann nicht darüber sprechen. Nicht jetzt. Nicht hier. Belassen wir es dabei, dass ich Entscheidungen treffen muss, und zwar gleich, viel früher, als ich gedacht hatte. Entweder ich kehre nach Hause zurück und heirate sie, oder ich kehre nach Hause zurück und verzichte auf mein Geburtsrecht. Ich sehe keine andere Möglichkeit.«
Grauen packte mich. Ich klammerte mich an den Tisch. »Wenn du fortgehst ...«
Er blickte mir ins Gesicht und sah mir offen in die Augen. »Dann wird das Band zu weit gedehnt und zerrt an uns beiden. An uns allen dreien.«
»Und wenn du bleibst...«
»Dann kehre ich meinem Erbe den Rücken und laufe Gefahr, aus dem Reich der Drachen verbannt zu werden.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn du doch nur mit mir kommen könntest. Wenn du dort mit mir leben könntest. Ich bin nur der Form halber verpflichtet, sie zu heiraten und Kinder mit ihr zu zeugen. Sie hätte alle Ansprüche als meine gesetzmäßige Ehefrau, aber sie könnte nichts gegen dich einwenden. In unserer Gesellschaft ist es üblich, sich Mätressen zu halten und Zweitfrauen oder -männer zu haben.«
Ich hörte zwar nicht gern, dass ich nur Zweite sein sollte, aber egal - das kam gar nicht in Frage. »Ich kann nicht mit dir kommen. Das weißt du doch. Meine Pflicht ist es, hier zu sein, bei meiner Familie, und in diesem Krieg weiterzukämpfen.« Und dann konnte ich einfach nicht anders und setzte hinzu: »Du hast gesagt, du liebst mich.«
Mit zwei Schritten war Smoky wieder bei mir. Er zog mich von meinem Stuhl, fasste mich bei den Schultern und sah mir tief in die Augen. »Und das stimmt, ich liebe dich. Ich liebe dich mehr, als du dir vorstellen kannst. Mein Hexling, du bist meine Frau.«
»Aber ich werde nicht so lange leben wie du. Wie könnte ich dich bitten, Tausende von Jahren mit deinesgleichen aufzugeben, um nur ein paar hundert... mit mir zu verbringen?« Ich brach in frustrierte Tränen aus. »Kannst du sie nicht pro forma heiraten und erst dann zu ihr zurückkehren, wenn ich ... wenn ich ...«
»Psst ... nicht doch, Liebste.« Smoky zog mich an sich und küsste mich zärtlich. »Das soll nicht deine Sorge sein. Bitte mach dir keine Gedanken. Ich werde mich um alles kümmern. Ich verlasse dich nicht. Ich finde eine Möglichkeit, das zu regeln.«
Ich blinzelte gegen die Tränen an und war wütend auf mich selbst, weil ich vor ihm so zusammengebrochen war. »Wenn du wieder dort leben musst, könntest du vielleicht jeden Monat für ein paar Tage hierherkommen, wenn die Verbindung allzu schwach wird ... nur, damit wir nicht alle durchdrehen.« Ich wollte mich nicht hysterisch anhören. Seine Verlobte wurde vermutlich nie hysterisch. Im Gegenteil, da sie ja ein Drache war, belauschte sie uns wahrscheinlich gerade vom Wohnzimmer aus und lachte über mich.
Smoky schüttelte wieder den Kopf. »Camille. Bitte hör auf zu weinen. Ich lasse nicht zu, dass irgendetwas unsere Verbindung beeinträchtigt. Du bist meine Ehefrau, Punktum.«
»Und meine«, meldete Morio sich mit einem Augenzwinkern zu Wort.
Smoky bedachte ihn mit einem reservierten Blick und knurrte dann leise. »Tja, daran lässt sich wohl nichts ändern.
Aber ich halte es für besser, wenn du erst mal in der Küche bleibst, während ich Camille meinem Vater vorstelle. Je weniger Durcheinander, desto besser. Ich bin Sterblichen gegenüber sehr nachsichtig, aber mein Vater ist nicht ... so freundlich. Und was ...sie ... angeht - ich habe keine Ahnung, und es interessiert mich auch nicht besonders.«
Morio zuckte mit den Schultern. »Ich bin ein Dämon. Ich glaube kaum, dass einer von beiden bei mir viel Schaden anrichten könnte, wenn ich mich verwandle, aber du hast recht. Die Situation ist ohnehin schon schwierig genug. Ich warte hier. Aber ich warne dich - wenn einer von ihnen Camille etwas antut... «
»Das reicht«, sagte Smoky und funkelte ihn drohend an. »Wenn einer von ihnen auch nur versucht, ihr weh zu tun, werde ich das verhindern. Ganz gleich, was es mich kosten mag.« Er legte mir einen Arm um die Schultern. »Also, jetzt wasch dir das Gesicht, und dann solltest du wohl deinen Schwiegervater kennenlernen.«
Da ich nicht nach oben gehen konnte, ohne an Smokys Vater und Verlobter vorbeizumüssen, schlüpfte ich in den Waschkeller und fand einen Rock und ein Bustier, die schon fast trocken waren. Ich duschte in Iris' Badezimmer, frischte dann rasch mein Make-up auf und vergewisserte mich, dass meine Augen nicht verweint aussahen. Delilah und Iris starrten mich erwartungsvoll an, doch ich zuckte nur mit den Schultern und zog mir die sauberen Sachen an.
»Ich erzähle euch später alles. Ich weiß nicht, was gleich passieren wird, aber eines sage ich euch: Das nächste Mal, wenn eine von uns heiratet, sollte sie ihren Zukünftigen unbedingt vorher fragen, ob er noch irgendwo eine Verlobte oder eine Freundin sitzen hat.«
Delilah errötete wie ein angestoßener Pfirsich. »Ja, das habe ich auch auf die harte Tour gelernt. Aber zumindest war ich mit Chase nicht verheiratet.«
Ich verzog das Gesicht. »Smoky behauptet, er hätte diese ... dieses Weibchen ... noch nie angerührt. Die Ehe wurde von den Eltern arrangiert. Ich weiß nicht, ob ich ihm das glauben soll, aber durch die Seelensymbiose wäre es schwer für ihn, mich zu belügen. Oder umgekehrt. So ist es auch bei Morio. Also, kann ich so da rausgehen und meinen Schwiegervater kennenlernen?«
Iris lächelte mich energisch an. »Kopf hoch. Wie könnte irgendjemand dir widerstehen?« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um mich auf die Wange zu küssen. »Du siehst wunderhübsch aus. Jetzt geh da rein und hau sie um. Pass nur auf dein loses Mundwerk auf, und was immer du tust, lass sie nicht merken, dass du das Einhorn-Horn besitzt.«
Himmel. Sie hatte recht. Smoky war so liebenswürdig, es mir nicht einfach aus der Hand zu reißen, aber andere Drachen könnten weniger rücksichtsvoll sein. Ich hob den Rocksaum und löste das Strumpfband, mit dem ich es stets an meinem Oberschenkel befestigte. »Versteckt das. Bitte. Ich will kein Risiko eingehen.«
Delilah nahm es und nickte mir zu. »Du solltest jetzt endlich da reingehen.«
Ich wappnete mich und marschierte zurück in die Küche. Smoky nickte anerkennend, als er den Blick über die saubere Kleidung und mein tränenfreies Gesicht schweifen ließ.
»Du bist wunderschön«, flüsterte er, und ich hakte mich bei ihm unter. Morio gab mir einen zarten Klaps auf den Hintern, als ich an ihm vorbeiging, und ich warf ihm ein schiefes Lächeln zu. So hatte ich mir meine erste Begegnung mit den Schwiegereltern nicht vorgestellt, aber in unserem Leben lief wohl nie etwas ganz einfach. Ich holte tief Luft und ließ mich von Smoky ins Wohnzimmer führen, schnurstracks in die Höhle des Drachen.
Ich hatte keine Ahnung, was ich erwarten sollte, und mein erster Eindruck war eher ein Gefühl als ein Anblick. Wir betraten das Wohnzimmer, und die Macht traf mich wie ein Vorschlaghammer und warf mich beinahe um. Es war, als hätte ich zwei Säulen aus reinem Feuer vor mir - eine weiß, die andere golden. Sie blendeten mich. Ich blinzelte, und da standen ein großer - ein ungeheuer großer - Mann und eine Frau von so strahlender Schönheit, dass mir die Knie weich wurden.
Der Mann sah Smoky sehr ähnlich, doch sein Haar war reinweiß, nicht silbern, und sein Gesicht war zerfurcht und viel rauer. Er sah nicht alt aus, aber er fühlte sich unvorstellbar alt an. Ich hatte keine Ahnung, wie lange dieser Drache schon in der Welt herumgezogen war, doch im Vergleich zu ihm kam Smoky mir geradezu jugendlich vor.
Er war mindestens zwei Meter zehn groß und breitschultrig. Seine Bartstoppeln hatten die Farbe frisch gefallenen Schnees, und seine Haut wirkte sogar noch heller als Smokys, beinahe durchscheinend. Der Drache trug ein fließendes Gewand aus etwas, das wie Seide aussah. Silberne Stickerei schmückte das Wappen auf der Brusttasche. Ich konnte ihm kaum in die Augen sehen, so wild wirbelten in dem hellen Blau glitzernder Raureif und Schnee umher.
Ich holte tief Luft und wandte mich der Frau zu. Sie schien etwa in Smokys Alter zu sein, aber ihre Haut hatte einen warmen Bronzeton, und sie war knapp einsneunzig groß. Ihr Haar erinnerte mich an gesponnenes Gold, und es fiel ihr bis zur Taille. Sie war kräftig gebaut, muskulös, mit großen, strammen Brüsten, einer schlanken Taille und Oberschenkeln, die meinen Schädel knacken könnten wie eine Nuss o ja, sie war prachtvoll. Ihre Augen schimmerten ebenso golden wie alles an ihr, und nun kam ein herzhaftes Lachen über ihre vollen, üppig geschwungenen Lippen. Sie trug ein rotes Kleid, das mehr enthüllte, als es bedeckte, gegürtet mit einem vergoldeten Taillenmieder. Nein, nicht einmal die berühmteste Schönheit zu Hause in Y'Elestrial hätte sich mit dieser Alptraumphantasie vergleichen können.
Smoky spürte, dass ich schwankte, und stützte mich diskret mit einer Hand. Ich holte tief Luft und wartete auf sein Stichwort.
»Vater, darf ich Euch meine Gemahlin vorstellen, Camille te Maria.« Er benutzte meinen Nachnamen, wie er in der Anderwelt bekannt war. »Camille, das ist mein Vater. Vater, welchen Namen darf ich ihr nennen, damit sie Euch ansprechen kann?«
Aber natürlich. Ich kannte Smokys richtigen Namen immer noch nicht. Und sein Vater würde mir ganz gewiss nicht den seinen nennen.
Der alte Drache warf mir einen Blick zu, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Nein, er war nicht glücklich. Überhaupt nicht glücklich. Großer, böser Drache. Auf einmal fürchtete ich, der große, böse Drache könnte mich auffressen wollen. Und damit meine ich nicht, dass er mich zum Fressen gern hatte.
»Ich nenne keinem Menschen meinen Namen. Sie sind nicht einmal eines zufällig gewählten Namens würdig.« Seine Stimme war kalt, und ich erkannte augenblicklich, dass sein Herz gegen mich hart gefroren war. Ich rückte näher an Smoky heran, der mir einen Arm um die Schultern legte. »Du entehrst deine wahre Verlobte, indem du uns die Gesellschaft dieser Frau zumutest.«
Ich holte zittrig Atem und bemühte mich, ja den Mund zu halten. Der weibliche Drache lachte laut - ihre Stimme klang rau und unangenehm. Sie trat einen Schritt vor und beugte sich ein wenig herab.
»Du wagst es, dich als Iampaatars Gemahlin zu bezeichnen? Wie amüsant, aber welch ungeheure Dreistigkeit. Du kannst meinem Verlobten nicht einmal Kinder gebären.« Sie spie die Worte aus, als fände sie es ekelhaft, überhaupt mit mir zu sprechen.
Iampaatar? Ich blickte kurz zu Smoky auf, der vor Wut kochte. »Ist das dein Name?«, flüsterte ich.
»Nein«, antwortete er ruhig. »So lautet mein Name in der Welt der Nordlande. Ich habe ihn abgelegt, als ich die Dreyrie meiner Familie verließ. Mein Name ist Smoky.« Er sah die Frau an. »Ihr maßt Euch zu viel an, Hotlips. Viel zu viel.«
Hotlips? Na toll, der perfekte Name für die perfekte Männerdiebin. Allerdings klang seine Stimme nicht so, als wollte er ihr damit ein Kompliment machen.
»Hotlips? Entzückend, aber immerhin erweist Ihr mir so viel Respekt, meinen Namen aus den Nordlanden nicht vor dieser Schlampe zu erwähnen.« Sie schnaubte. »Und wo sollte ich anmaßend gewesen sein? Es ist recht offensichtlich, dass Ihr Euch ein ganz gewöhnliches Flittchen ausgesucht habt, mein zukünftiger Gemahl.«
»Ihr haltet lieber Eure Zunge im Zaum, sonst verbrennt Ihr sie Euch noch.« Smokys Augen funkelten jetzt, und ich wusste, dass er wütend war, denn eine kalte Brise schnurstracks vom Ionysischen Meer blies uns auf einmal an, eiskalt und betäubend.
Ich versuchte beiseitezuriicken. Das Letzte, was ich brauchte, war, zwischen kämpfende Drachen zu geraten. Doch Smoky ließ mir keine Möglichkeit zur Flucht, er drückte mich noch fester an sich.
»Camille ist meine Ehefrau. Wir haben das Ritual der Seelensymbiose vollzogen, also ist diese Frau außerdem meine Seelengefährtin. Sie ist kein gewöhnlicher Mensch, sondern zur Hälfte Fee. Aber ob sie sterblich oder unsterblich ist, spielt keine Rolle. Ich liebe sie und habe sie zu meiner Gefährtin erwählt. Mehr braucht ihr beide nicht zu wissen.«
Smokys Vater stieß ein tiefes Knurren aus und trat vor. Er packte mich grob und zornig am Handgelenk und schleuderte mich beiseite. Ich stolperte über die Fußbank und krabbelte hastig von ihm weg, als er die Hand hob und Smoky eine Ohrfeige verpasste, die eine rote Spur auf dessen Wange hinterließ. Mir hätte dieser Schlag das Genick gebrochen.
»Das ist für deine dreiste Widerrede.« Er schlug Smoky erneut mit dem Handrücken ins Gesicht, und ich starrte Smoky an, der einfach stehen blieb und das hinnahm, statt zurückzuschlagen. »Und das dafür, dass du deine Verlobte beleidigt hast, die von höherem Stand ist als du.«
Aus Smokys Nasenloch rann Blut über seine bleiche Haut, doch mein Liebhaber ignorierte es. Er blieb mit gestrafften Schultern stehen und schüttelte langsam den Kopf. »Sie mag über Euch stehen, über mir aber nicht. Ihr seid ein Weißer Drache, aber ich bin der Sohn einer Silbernen Mutter und trage daher ihren Status. Die Goldenen sind eine Kaste, die meiner würdig ist, aber nicht von meinem Stand.«
Hotlips' Augen glühten, doch sie sagte nichts und senkte nur zustimmend den Kopf.
»Du wagst es, mir vor einem Menschen zu widersprechen? Was für ein missratener Sohn du bist! Hast du vergessen, welche Pflichten du deiner Familie schuldig bist?« Smokys Vater schlug ihn ein drittes Mal, und diesmal hinterließ ein silberner Ring an der Hand des Drachen eine Schnittwunde an Smokys Wange. Das Schmuckstück sah aus wie ein Ehering.
Wieder nahm Smoky den Schlag hin, ohne seinerseits die Hand zu erheben. Doch in seinen Augen wirbelte es eisig. »Ich erkenne Eure elterliche Macht über mich nicht mehr an. Ich wäre gern bereit, meiner Familie zu dienen, wenn meine Familie mir zuhören würde. Aber Ihr habt keine Ahnung davon, was hier unten vor sich geht. Euch interessiert nur der Vorteil, den Ihr selbst aus dieser ... dieser ...« - er wies auf Hotlips - »... dieser politischen Allianz ziehen könnt.«
Er wandte sich dem goldenen Drachen zu und sagte: »Ihr werdet benutzt, Mylady. Ich will Euch nicht beleidigen, doch Ihr müsst wissen, dass ich nicht der Gemahl bin, den Ihr Euch wünscht. Eine Verbindung mit mir mag den Besitz Eurer Familie wie meinen eigenen mehren, und ja, sie würde auch das Ansehen meines Vaters erhöhen und den Status Eurer Kinder. Aber ich liebe Euch nicht. Wie mein Großvater vor mir, so weigere auch ich mich, eine Zweckehe einzugehen, nur weil es meine Pflicht wäre. Abgesehen von alledem braut sich etwas Düsteres zusammen. Ein Krieg steht bevor, und Ihr habt keine Ahnung, womit wir es zu tun bekommen werden.«
Ich rechnete fest damit, dass Smokys Vater ihn erwürgen würde, doch er blieb stehen und neigte den Kopf zur Seite. »Krieg? Was für ein Krieg?«
Smoky entspannte sich gerade so weit, dass ich es spüren konnte. »Wenn Ihr glaubt, Großvaters Krieg sei schlimm gewesen, dann ist das, was uns bevorsteht, noch zehnmal schlimmer. Die Dämonen brechen durch die Portale, und alle Welten sind in Gefahr. Wenn sie die Erdwelt und die Anderwelt überrennen, werden sie auch irgendwann die Nordlande unterwerfen.«
Der ältere Drache musterte mich mit schmalen Augen. »Was hat sie damit zu tun?«
»Mehr, als Ihr ahnt«, sagte Smoky und nickte mir zu. »Camille und ihre Schwestern sind unsere größte Hoffnung. Das Letzte, woran ich zurzeit denken möchte, sind eine Ehe, die mich nicht interessiert, Kinder schon in meinem jungen Alter und Katzbuckelei, um Euren gesellschaftlichen Aufstieg voranzubringen. Und wenn Mutter hier wäre, würde sie mir zustimmen.«
Smokys Vater machte ein finsteres Gesicht, sagte jedoch nichts. Dann kam er langsam zu mir herüber und musterte mich von oben bis unten wie eine Zuchtstute. Ich machte mich bereit, sofort zu verschwinden, falls er auf die Idee kommen sollte, mir eine zu kleben wie zuvor seinem Sohn.
»Camille, ja? Du hast meinen Sohn also behext. Wahrhaftig, du musst über erstaunliche Gaben verfügen, dass du ihm so den Kopf verdrehen konntest.« Ein lüsternes Lächeln breitete sich langsam über sein Gesicht, er beugte sich dicht zu mir vor und bedrängte mich. »Vielleicht ist es ja auch nicht sein Kopf, an dem du herumspielst, sondern ein anderer Körperteil. Dein Feenblut könnte dir immerhin Verlockungen schenken, von denen man durchaus einmal kosten möchte. Du bist recht ansehnlich für deine Rasse.«
Sein Blick heftete sich an meine Brüste. Er hob eine Hand und strich mir übers Kinn. Ich schauderte. Seine Berührung war begehrlich und herrisch, nicht sanft und zärtlich wie Smokys. Diese Berührung verhieß Eroberung - er würde sich nehmen, was er wollte, mit oder ohne Erlaubnis. Ach ja, die alte »Schänden und plündern«-Mentalität - aber er besaß die Kraft, diesem Vergnügen auch nachzugehen. Ich wappnete mich und blickte ihm direkt in die Augen, und er beugte sich herab und küsste mich auf den Mund. Seine Zunge spielte mit meinen Lippen, doch ich weigerte mich, sie zu öffnen, und er stieß ein leises Brummen aus.
»Willkommen in unserer Familie ... solange es uns beliebt, die Launen meines Sohnes zu tolerieren«, flüsterte er mir ins Ohr. »Aber vergiss nicht: Als Iampaatars Vater ist es mein gutes Recht, Anspruch auf alles zu erheben, was ihm gehört. Und er ist eidlich verpflichtet, es mir zu übergeben, worauf ich es nach Gutdünken benutzen kann.«
Da wurden mir die Knie schwach, und er fing mich auf. Seine Finger begrapschten mich allzu begierig, als er mich auf das Sofa niederdrückte. Ich wollte nur noch davonkriechen und duschen, um mir das Gefühl seiner Hände vom Körper zu waschen.
Er wandte sich Smoky zu, der einem Tobsuchtsanfall so nah zu sein schien, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, und sagte: »Wir haben viel zu besprechen. Ob ich dir erlauben werde, die Auslösesumme für die Verlobung zu bezahlen, wird sich noch entscheiden. Doch wir müssen dem Rat von diesem Krieg berichten. Du wirst uns darlegen, was du weißt, mein Sohn. Und dann unterhalten wir uns über deine Hochzeit.«
Hotlips wirkte stinkwütend. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und tippte mit einem prachtvollen, klauenlangen Fingernagel auf ihre nackte Haut. »Ihr seid ein Narr, wenn Ihr ihm gestattet, Euch diese Hochzeit auszureden, Hyto. Sie würde Eure Position im Rat stärken.« Offenbar hatte sie keine Skrupel, mir den gebräuchlichen Namen des alten Drachen zu enthüllen.
Hyto zuckte nur mit den Schultern. »Letztendlich liegt die Entscheidung bei meiner Gemahlin, da ihr Rang der höhere ist. Vorerst werden wir in die Nordlande zurückkehren und uns mit diesem Krieg befassen, von dem mein Sohn gesprochen hat. Iampaatar, komm.« Das Wort klang endgültig, und ich wusste, dass Smoky um diese Reise nicht herumkommen würde.
Er nickte, verneigte sich leicht vor seinem Vater und kam dann zu mir, zog mich hoch und hob mich auf die Arme. Den Blick tief in meinem versenkt, trug er mich aus dem Wohnzimmer in den Salon hinüber. Dort schloss er die Tür, führte mich in die hinterste Ecke und zog mich fest an sich.
»Es tut mir so leid, wie mein Vater sich benommen hat. Wenn er tatsächlich versucht hätte, dir etwas zu tun, hätte ich ihn daran gehindert. Bitte glaube mir, dass ich das nicht geduldet hätte. Aber in dieser schwierigen Situation die richtige Balance zu finden ...«
Ich reckte mich nach seinen Lippen, und er küsste mich lange und zärtlich. Seine Zunge wand sich um meine, und seine Hände hielten mich ganz fest und erinnerten mich daran, dass ich ihm gehörte. Endlich entspannte ich mich ein wenig. Der Unterschied zwischen ihm und seinem Vater war so groß wie der Grand Canyon. In diesem Fall war der Apfel weit, weit vom Stamm gefallen.
Ich gab mich ganz diesem Kuss hin und fürchtete, dass ich ihn nie wiedersehen würde, wenn er jetzt ging. »Komm zurück zu mir«, flüsterte ich. »Lass nicht zu, dass sie dich dort festhalten. Komm zurück zu mir ... zu uns. Wir brauchen dich. Ich brauche dich. «
Smoky neigte den Kopf und lehnte die Stirn an meine. »Camille, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf. Bei meinem Feueratem, ich werde nicht zulassen, dass sie uns trennen. Ich werde zu dir und deinen Schwestern zurückkehren. Deine Familie ist jetzt auch die meine, und falls diese Familie am Ende die einzige ist, die mir bleibt, dann kann ich das akzeptieren. Du gehörst zu mir. Ich gehöre zu dir. Nichts - weder Dämonen noch Drachen oder Versprechen, die jemand vor meiner Geburt gegeben hat - könnte daran etwas ändern.«
Jetzt liefen mir Tränen über die Wangen, und ich schlang die Arme um seinen Nacken und klammerte mich an ihn. »Ich habe Trillian verloren«, flüsterte ich. »Und obwohl ich weiß, dass er bald zurückkommt, denke ich immer: Was, wenn etwas schiefgeht? Ich kann dich nicht auch verlieren. Keinen von euch. Du, Morio und Trillian, ihr seid meine Liebe, mein Leben. Ihr macht mich vollkommen. Ihr schützt mich davor, den Verstand zu verlieren.«
Er drückte mir den Zeigefinger an die Lippen. »Psst ... alles wird gut. Das verspreche ich dir. Ich bin nicht wie mein Vater. Meine Mutter besitzt Ehre, obwohl sie so hochmütig und streng ist, wie es ihrem Stand entspricht. Mein Vater hat das raffgierige Wesen der Weißen Drachen. Er stammt aus einer niederen Kaste und hat sich in seine jetzige Position emporgeheiratet, und er will immer noch höher hinaus. Mein Großvater allerdings ... ist eher wie ich. Du würdest ihn mögen, und er dich.«
»Ich bezweifle, dass ich je die Chance bekommen werde, ihn kennenzulernen«, entgegnete ich unerklärlich traurig.
»Sag niemals nie, meine Liebste.« Smoky küsste mich erneut. »Ich werde Hotlips nicht heiraten, selbst wenn ich dafür aus meiner Dreyrie fliegen sollte.« Er zögerte und sagte dann langsam: »Als ich vorhin gesagt habe, dass wir Seelenverwandte seien, habe ich das ganz ernst gemeint. Das Ritual hat uns für immer aneinander gebunden. Camille - bevor ich gehe, muss ich dir etwas sagen. Ich glaube, ich habe eine Möglichkeit gefunden, wie wir ein Kind bekommen können.«
Ich starrte zu ihm auf, und seine Worte stürzten wie Steinbrocken auf mich herab. »Was? Das ist nicht möglich!«
»Doch, ist es. Ich weiß von einem magischen Ritual, das den Weg dorthin ebnen kann. Das Kind wäre ein echter Gestaltwandler - zwar kein reinblütiger Drache, aber es könnte sich in einen Drachen verwandeln.«
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Ich starrte ihn voller Angst an. Er wollte, dass ich ein Kind gebar. Sein Kind. Ein Drachenkind. Kaiserschnitt-Horrorgeschichten und Szenen aus Die Wiege des Bösen schössen mir durch den Kopf.
»Denk mal darüber nach«, flüsterte er. »Wenn wir ein Kind hätten, würde dir das eine felsenfeste Position in meiner Familie verschaffen. Und damit wäre eine meiner Pflichten erfüllt, mein Erbe weiterzugeben. Bitte sag nicht nein, ohne zumindest darüber nachzudenken.« Er schluckte und sah so nervös aus, wie ich ihn noch nie erlebt hatte.
Ich ließ meinem Herzen Zeit, diese Möglichkeit anzunehmen. Dann sagte ich so leise, dass meine Worte nur ein Hauch waren: »Du weißt, dass ich keinerlei Mutterinstinkt habe. Aber ich ... ich werde darüber nachdenken. Nur kann ich dir nichts versprechen.«
»Wir haben noch viel Zeit, und dein Versprechen, darüber nachzudenken, genügt mir«, sagte er und schlang die Arme um mich. »Vergiss nicht - es gibt so etwas wie Kindermädchen. Und jetzt muss ich gehen.«
Als ich zurücktrat, waren meine Augen trocken, aber mir blutete das Herz. Ich wollte weinen und das alles einfach nicht wahrhaben. So viel Stress, so viele Sorgen, und nun musste ich neben den Dämonen auch noch mit verärgerten Drachen fertig werden ... Das war einfach zu viel. »Smoky, geh und erledige das so schnell wie möglich. Ich warte auf dich.«
Widerstrebend ließ er mich los. Ich folgte ihm ins Wohnzimmer, wo sein Vater ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden klopfte. Hotlips grinste mich triumphierend an, als hätte sie irgendeinen Sieg über mich errungen, und Hyto begrapschte meinen Hintern und kniff mich so fest, dass ich ganz sicher einen blauen Fleck davontragen würde. Smoky hatte es nicht bemerkt, und ich beschloss, lieber den Mund zu halten. Schließlich wollte ich in meinem eigenen Wohnzimmer nicht den Dritten Weltkrieg anzetteln.
»Bringen wir es hinter uns«, sagte Smoky.
Ohne ein weiteres Wort packte Hyto mit einer Hand seinen Sohn und mit der anderen Hotlips, und sie verschwanden aus unserem Wohnzimmer ins Ionysische Meer. Ich sah zu, wie sie rasch verblassten, und fragte mich, ob ich meinen geliebten Drachen je wiedersehen würde.