Kapitel 22
Morio, Delilah und ich fuhren raus zu Großmutter Kojote. Vanzir beschloss, schleunigst zu Carter zu gehen und nachzuforschen, ob die Gerüchteküche in den vergangenen vierundzwanzig Stunden irgendetwas Neues ergeben hatte. Shamas fuhr Iris in meinem Auto nach Hause.
Ich starrte auf die Straße, während Morio fuhr, und dachte an Henry. Er hatte so gern die Anderwelt sehen wollen, und jetzt würde er nie dorthin kommen. Aber ich hatte schon beschlossen, ein wenig von seiner Asche hinüberzubringen und sie auf der Silofel-Ebene zu verstreuen - ich wusste, dass es ihm dort sehr gefallen hätte. Es tat mir entsetzlich leid um ihn, und doch wusste ich, dass wir noch Glück gehabt hatten. Bisher hatten wir sogar viel Glück gehabt, aber das hatte sich nun geändert. Delilah summte auf dem Rücksitz tonlos vor sich hin, und Morio hielt den Blick auf die Straße gerichtet, bis wir bei Großmutter Kojotes Wald abfuhren.
Während wir durch nasse Aste und Laub und dichtes Unterholz stapften, versuchte ich mir vorzustellen, was sie für diesen Gefallen verlangen würde. Was immer sie wollte, ich würde es bezahlen. Wir brauchten Hilfe, und zwar von jemandem, der den langfristigen Überblick hatte. Großmutter Kojote sprach zwar gern in Rätseln, aber mit ihrer Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen, hatte sie noch nie danebengelegen, auch wenn wir manchmal eine Weile brauchten, um dahinterzukommen, was genau ihre Worte eigentlich vorhersagten.
Die Vögel versteckten sich vor dem kalten Nieselregen, und dünner Nebel hing zwischen den Bäumen vor uns, während wir uns schweigend zu ihrem Hain durchschlugen. Großmutter Kojotes Lichtung war gar nicht so weit weg von der Straße, doch an diesem düsteren Tag, bedrückt von Henrys Tod, schien es ewig zu dauern, bis wir den Kreis aus uralten Zedern erreichten.
Und da war sie. Sie saß auf einem Baumstamm und sah uns entgegen, als wir aus dem stillen Wald traten. Der Himmel öffnete seine Schleusen, und Regen prasselte herab. Wortlos bedeutete Großmutter Kojote uns, ihr zu folgen, und ging zu ihrem Baum. Wir stiefelten hinter ihr her.
Als wir durch die Tür in dem mächtigen Baumstamm traten, seufzte ich erleichtert auf. Wir hatten sie angetroffen. Jetzt konnten wir vielleicht etwas Licht ins Dunkel der vielen Geschehnisse bringen.
Mit dem Überschreiten ihrer Schwelle betraten wir zugleich einen magischen Raum. Wenn man den Baum von außen betrachtete, war das völlig unerklärlich, aber Großmutter Kojote lebte in allen Dimensionen, über alle Reiche hinweg. Sie bewachte ein Portal, hatte aber ihre eigene Art, sich den Raum zu schaffen, den sie brauchte.
Während wir ihr schweigend einen Gang entlang folgten, konnte ich das Herz des Baumes spüren, der still und langsam um mich herum atmete. Dann erkannte ich das Gefühl wieder - es war wie in meinem Horn, nur dass ich nicht bloß im Geiste hier war. Wir befanden uns körperlich im Geist dieses Baumes.
Wir kamen zu einem runden Tisch. Vier Stühle standen daran, und Großmutter Kojote bedeutete uns, Platz zu nehmen. Sie setzte sich zu meiner Rechten, zwischen mich und Morio.
»Du möchtest mich etwas fragen.« Eine Feststellung, keine Frage.
Ich schauderte. Wer fragt, bezahlt. »Ja, und ich bin bereit, Euch jede Vergütung zu zahlen.«
»Dann frage, junge Camille. Und höre auf meine Antwort.« Ihre Worte glichen kleinen Windstößen in der Brise, die durch die Kammer strömte.
»Was sollen wir tun? Wir müssen uns überlegen, was wir wegen des Horns des Schwarzen Einhorns und Königin Asteria und den Keraastar-Rittern und der Dreifaltigen Drangsal und der Knochenbrecherin ...« Mir ging die Puste aus, ich keuchte und wurde mir erst jetzt bewusst, wie hektisch und verzweifelt ich war.
»Ruhig, mein Mädchen. So viele Faktoren. Das Einhorn-Horn und deine Entwicklung zur Priesterin sind allein dein Weg, der meine Weisung nicht braucht«, erklärte sie und holte einen großen Beutel hervor. »Wir werden noch einmal die Knochen befragen. Wähle, Camille. Wähle einen Knochen für Asteria und die Keraastar-Ritter. Wähle einen für die Feenköniginnen der Erdwelt. Und wähle einen für die Knochenbrecherin.« Sie schob mir den Beutel zu.
Langsam öffnete ich ihn. Delilah gab ein zartes Miau von sich, doch ein Blick von Großmutter Kojote brachte sie zum Schweigen. Morio saß still mit geschlossenen Augen da. Ich griff in den Beutel, und die Fingerknochen darin klapperten und vibrierten an meiner Haut. Ich hatte schon zuvor einige dieser Knochen gezogen und wusste, was mich erwartete. Ich nahm den ersten heraus und legte ihn vor Großmutter Kojote auf den Tisch. Er stammte von einem Menschen, das erkannte ich gleich.
Großmutter Kojote nahm ihn auf. Ihre Finger glitten geschickt über die glatte Oberfläche. Sie riss den Kopf hoch und starrte mich an, und ihre Augen leuchteten im Dämmerlicht der unterirdischen Kammer.
»Sie lügen nicht. Die Keraastar-Ritter werden sich erheben, und sie werden an den Portalen stehen. Nicht so, wie die Königinnen vielleicht hoffen, doch ihr Schicksal ist im Gange und kann nicht mehr aufgehalten werden. Sie müssen die Siegel bekommen, um gedeihen zu können, und komme, was da wolle - du musst ihnen geben, was sie verlangen.«
»Aber warum Menschen und Werwesen? Weshalb ausgerechnet diese drei zuerst?« Morio hielt die Hände flach auf der Tischplatte, doch ich sah, dass sein Blick auf den Fingerknochen geheftet war.
»Was man dir gesagt ist, war richtig, doch nur ein kleiner Ausschnitt des Ganzen. Nicht einmal Feenköniginnen haben eine Vorstellung von dem Eisberg, auf den sie da gestoßen sind. Doch einmal in Gang gesetzt, ist es nicht aufzuhalten. Die drei Männer tragen bereits drei der Siegel ...«
»Wir haben sie nicht bei ihnen gesehen«, sagte ich. »Oder sie gespürt.«
»Sie besitzen sie jetzt und werden unterwiesen. Aber nicht von den Magi, ganz gleich, was die Königin denken mag. Die Siegel verwandeln sie in etwas Neues, etwas anderes. Mehr kann ich dir nicht sagen. Du darfst diesen Plan nicht vereiteln, sonst zerstörst du das Gleichgewicht und verlierst deinen eigenen Platz im Netz, das wir weben.«
Großartig. Wir sollten Asteria also die Siegel geben, obwohl wir damit eine gewaltige Änderung in der Zukunft anstoßen würden. Ich seufzte tief. »Danke sehr.«
»Den nächsten. Die Feenköniginnen der Erdwelt. Wähle einen Knochen.«
Ich zog den nächsten, und er war länger und dünner, der Knochen eines ... Während ich ihn in der Hand hielt, trat mir plötzlich ein Bild vor Augen, und ich schnappte nach Luft. Eine Sylphe. Dieser Fingerknochen hatte zu einem Luftgeist gehört. Langsam legte ich ihn vor Großmutter Kojote hin.
Sie hob ihn hoch und lachte leise. »Aha, ich verstehe. Da kann ich dir kaum eine Antwort geben, Camille, denn das meiste musst du dabei selbst lernen. Aber bereite dich darauf vor, Aeval für einige Zeit deine Königin zu nennen.«
»Was? Nur ich, oder meine Schwestern auch?« Das konnte nicht ihr Ernst sein. Wir sollten Königin Asteria die Geistsiegel aushändigen, aber gleichzeitig zu Aeval überlaufen? Das klang völlig verrückt. Zumindest nach einem todsicheren Rezept, sich einen mächtigen Tritt in den Hintern abzuholen.
»Du, junge Priesterin, wirst bald keine andere Wahl mehr haben. Glaub mir, es geschehen Dinge, zu deren Lösung Arbeit in beiden Welten erforderlich ist. Du wirst es wissen, wenn die Zeit gekommen ist.« Sie legte den Knochen beiseite und wies auf den Beutel.
Stumm zog ich den dritten Finger, und diesen erkannte ich. Scheiße, das war der Finger, den ich Bad Ass Luke abgehackt hatte, nachdem wir ihn erledigt hatten. Er war außerdem der erste Preis gewesen, den Großmutter Kojote von mir verlangt hatte. Ich hielt ihn hoch, damit Delilah und Morio ihn auch sehen konnten, und formte stumm den Namen des Dämons mit den Lippen. Dann reichte ich ihn ihr.
Großmutter Kojote nahm den Knochen und stieß ein langgezogenes Seufzen aus. Gleich darauf blickte sie zu mir auf. »Es herrscht Zwietracht in den Reichen. Die Knochenbrecherin versucht sich aus gutem Grund mit euch zu verbinden. Das hat alles - und nichts - mit Schattenschwinge zu tun, dessen Aufmerksamkeit augenblicklich anderen Dingen gilt. Lasst euch von ihr nicht täuschen. Sie hat ein anderes Ziel im Auge, als ihr glaubt. Wenn ihr jetzt zuschlagt, unmittelbar nach ihrem Angriff, habt ihr eine Chance, das Lager der Lamie auszuheben. Sie rechnet mit Angst. Zeigt Mut und Angriffslust.«
»Also ... sollen wir sie angreifen. Obwohl mir das tollkühn erscheint. Sollte ich Aeval um Hilfe bitten?«
Großmutter Kojote ließ die Knochen zurück in den Beutel gleiten und zog ihn zu. »Nein. Du wirst ihren Gefallen später noch brauchen. Du schaffst das auch allein, wenn du geschickt und klug vorgehst.«
Als sie verstummte, nahm ich meinen Mut für die letzte Frage zusammen, vor der ich mich am meisten fürchtete. »Was verlangt Ihr für Euren Rat? Welche Bezahlung sind wir Euch schuldig?«
»Ach, meine Liebe, die Bezahlung ist bereits in die Wege geleitet. Vertraue darauf, dass die Schuld beglichen und das Gleichgewicht wiederhergestellt wird. Opfer sind das Wesen der Pflicht. Und jetzt'geht. Ihr habt Pläne zu schmieden und Schlachten auszufechten.« Ohne genauer zu erklären, was sie damit meinte, verschwand sie den unterirdischen Gang entlang.
Wir starrten einander an.
»Dieser letzte Teil gefällt mir gar nicht. Opfer sind das Wesen der Pflicht? Wovon spricht sie nur?« Es schmerzte mich immer noch, dass man mich ausgewählt hatte, um das Schwarze Einhorn zu opfern. Die Vernunft sagte mir, dass ich getan hatte, was nötig war - für uns beide. Doch die Erinnerung an sein Blut, das an meinen Händen klebte, tat trotzdem furchtbar weh.
»Kommt, wir fahren lieber nach Hause und überlegen uns, wie wir die Knochenbrecherin anpacken. Es sieht so aus, als bliebe uns nichts anderes übrig«, sagte Morio und stand von seinem Stuhl auf. Delilah und ich folgten ihm wieder hinaus in den Tag und durch den Wald zurück zu Morios Subaru. Auf dem ganzen Heimweg sprach keiner von uns ein Wort.
Sobald wir zu Hause waren, beschloss ich, als Erstes zu duschen. »Wir treffen uns nachher in der Küche«, sagte ich. Ich war müde und stank nach dem Rauch in meiner Buchhandlung. »Sucht Trillian und Roz und holt sie her. Smoky auch. Bei dieser Sache muss jeder mit anpacken.« Wir gingen in die Offensive, und wir mussten schnell handeln.
Delilah folgte mir nach oben, denn auch sie wollte duschen. »Lass mich mit zu dir ins Bad. Dann können wir schon mal über alles reden.«
Ich nickte. Wir zogen uns aus und tapsten barfuß ins Bad. Als die Temperatur richtig war, stellten wir uns unter die Dusche, ich reichte ihr meinen Luffahandschuh und schnappte mir selbst den Badeschwamm. Da sie es hasste, wenn ihr das Wasser in die Augen spritzte, nahm ich den Platz direkt unter dem Duschkopf ein. Ich griff nach meinem Duschgel mit Vanilleduft, Delilah wählte Mandarine. Wir wuschen uns den Gestank von Rauch und Ruß ab.
Ich seufzte tief, als das heiße Wasser über meinen Körper lief. Erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, was geschehen war. Henry war tot. Meine Buchhandlung war zerstört. Und wir würden bald in die Höhle der Lamie stürmen. Plötzlich stiegen Tränen in mir auf, und ich schluchzte laut.
Delilah ließ den Luffahandschuh fallen und nahm mich in den Arm. Ich lehnte mich an ihre Schulter und weinte.
»Psst«, raunte sie. »Du hast ein paar schreckliche Tage hinter dir, nicht wahr?«
»Für mich war es lange nicht so schrecklich wie für Henry.« Ich versuchte, dem Kummer in meinem Herzen auszuweichen. Aber das war zwecklos. Die Betäubung hatte nachgelassen, und ich glitt aus Delilahs Armen, setzte mich auf den Rand der Wanne und ließ das Wasser auf mich herab und über den Rand prasseln. »Ich kann es nicht fassen, dass sie ihn einfach so ermordet haben. Er war völlig unbeteiligt - er hatte mit den Geistsiegeln nichts zu tun, und trotzdem sind sie hereinspaziert, haben ihn absichtlich schwer verletzt und dann liegen gelassen.«
»Ich weiß, ich weiß«, sagte sie und setzte sich neben mich. Sie griff nach dem Badeschwamm und rieb mir sacht den Rücken. »Er ist zwischen die Fronten geraten. Ein unschuldiges Kriegsopfer. Wir wussten, dass das passieren könnte, und es wird noch viel schlimmer, wenn wir Schattenschwinge den Sieg überlassen. Dann sterben viele, viele Henrys.«
Ich stieß ein ersticktes Seufzen aus. Ausnahmsweise ein mal übernahm sie die Starke Rolle und erlaubte mir, diejenige zu sein, die zusammenbrach. Das schätzte ich mehr, als sie sich überhaupt vorstellen konnte. »Alles ist so durcheinander. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Die Einzige, der ich noch traue - abgesehen von unserer kleinen Wohngemeinschaft -, ist Großmutter Kojote. Ich traue nicht einmal mehr Vater, seit ich weiß, dass er etwas mit Tanaquar hat.«
Delilah nickte und wusch mir die Seife vom Rücken. »Ja, damit habe ich auch meine Probleme. Ich frage mich, warum wir uns letzten Endes mit der Dreifaltigen Drangsal zusammentun werden. Die sind hübsch - so fein gezeichnet.« Sie strich über die Tätowierungen auf meinen Schultern und berührte dann die an ihrer eigenen Stirn. »Meinst du, dass es irgendeinen Weg gibt, das zu umgehen? Ist unser Schicksal immer schon im Voraus geplant? Können wir ihm ausweichen, oder ist es gerade unser Schicksal, dass wir ihm doch begegnen werden?«
Ich schluckte meine Tränen herunter, versuchte mir die Augen zu wischen und schaffte es nur, mir Seife hineinzureiben. »Au! Gib mir mal das Handtuch«, sagte ich und deutete auf das Duschtuch, das ich über die Duschvorhangstange gelegt hatte. Delilah reichte es mir, und ich wischte mir die Seife aus den Augen und ließ es dann zu Boden fallen.
»Du stellst ziemlich tiefschürfende philosophische Fragen«, bemerkte ich. »Warum? Ich meine ... wir sind, was wir sind. Wir wandeln auf dem Pfad, auf den die Götter uns gestellt haben. Oder nicht?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. War es mir vorherbestimmt, eine Todesmaid zu werden? Muss ich dem Herbstkönig irgendwann ein Kind gebären? Ist es Schicksal, dass wir gegen die Dämonen kämpfen? Und jetzt bist du Priesterin, und ein neuer unbekannter Weg tut sich dir auf. Ich habe in letzter Zeit oft über den Zufall nachgedacht. So vieles erscheint willkürlich, wahllos. Henrys Tod auch. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Er war unser Freund - das hat ihn zur Zielscheibe gemacht. War es ihm vorherbestimmt, heute zu sterben? Warum haben sie sich ausgerechnet ihn als erstes Opfer ihres Rachefeldzugs ausgesucht? Ich hasse es, mir vorzukommen wie eine Schachfigur. Ich will in meinem Leben selbst entscheiden können.«
Ich betrachtete stumm den Schwamm und wusch ihn dann aus. »Gibst du mir bitte das Shampoo?« Sie reichte es mir, und ich stand auf, wusch mir die Haare und genoss den köstlichen Duft von Zimt und Äpfeln. »Ich glaube, auf dem Weg, der uns gewiesen wurde, gibt es für uns keine eigenen Entscheidungen mehr.«
»Dann meinst du also, das ist uns bestimmt?«, fragte sie und nahm sich das Shampoo.
Während ich mir den Schaum aus dem Haar spülte, dachte ich darüber nach. Glaubte ich wahrhaftig an die Vorsehung? Glaubte ich daran, dass es uns bestimmt war, diesen Weg zu gehen? Glaubte ich, dass es Henrys Schicksal gewesen war, heute zu sterben?
Gleich darauf fand ich meine Antwort. »Ich weiß es nicht, Kätzchen, aber eines weiß ich genau: Wir sind jetzt hier. Wir sind in diesen Krieg verwickelt - verdammt, wir kämpfen an vorderster Front. Wir stehen vor ein paar schwierigen Entscheidungen, und unsere Ratgeberin ist eine der Ewigen Alten. Schicksal hin oder her, auf Großmutter Kojote höre ich. Ich würde lieber darauf spekulieren, dass sie recht hat - denn das haben die Ewigen Alten meistens -, statt alles zu vermasseln. Denn die Götter wissen, dass ich darin eine Meisterin bin. Und was Henry ... «
Wieder wurden meine Augen feucht, aber ich starrte in den warmen Tropfenregen und ließ ihn die Tränen wegwaschen. »Was Henry angeht, so war er ein Opfer der Umstände. Vielleicht war es für ihn an der Zeit zu gehen, vielleicht auch nicht. Aber es ist nun einmal passiert, und wir haben einen Freund verloren. Also werden wir verdammt noch mal dafür sorgen, dass die Scheißkerle, die dafür verantwortlich sind, Bekanntschaft mit dem spitzen Ende unserer Dolche machen.«
»Ja«, sagte sie leise. »Da stimme ich dir voll und ganz zu.«
Wir stiegen aus der Wanne und trockneten uns ab. Sie eilte hinauf in ihr Zimmer, um sich anzuziehen, während ich einen sauberen Rock und ein Bustier heraussuchte und dann gleich nach unten ging. Wir mussten einen Schlachtplan entwerfen, denn ich hatte weiß Gott nicht vor, noch jemanden zu verlieren.
Delilah öffnete Google Earth auf dem Laptop, und wir gaben die Adresse der Knochenbrecherin ein. Smoky war unterwegs - er hatte von einer Telefonzelle aus angerufen, um uns Bescheid zu sagen -, und Trillian und Rozurial waren nach Hause gekommen, während wir geduscht hatten. Iris hatte ebenfalls gebadet und bereitete jetzt mit grimmiger Miene Sandwiches für alle zu.
Trillian half ihr dabei, und sie arbeiteten still an der Küchentheke vor sich hin, während Roz, Vanzir, Delilah und ich uns um den lisch versammelten. Menolly schlief noch, aber in ein paar Stunden würde sie dazukommen können. Bis dahin würden wir einen genauen Plan machen und alles vorbereiten.
»Da ist es, ganz in der Nähe des Marymoor-Parks an der Oakdale Street. Hinter dieser Baumreihe, die das Wohngebiet vom West Sammamish Parkway trennt.« Delilah zoomte näher heran und zeigte uns das Haus - eine Villa auf einem großen, umzäunten Grundstück, etwas von der Straße zurückversetzt. Aus der Vogelperspektive waren mehrere Nebengebäude hinter dem Haus zu erkennen.
»Können wir vom Sammamish Parkway aus da hinkommen?«
»Nicht so einfach. Wenn wir aus der anderen Richtung kommen, vom Freeway her, gäbe es Zufahrtsstraßen, die direkt in die Nähe führen. Oder wir parken in Marymoore, huschen über die Straße und schleichen uns durch den Wald. Ich nehme doch an, dass wir bei Nacht angreifen, da wir ja Menollys Hilfe brauchen werden?« Delilah blickte zu mir auf, und ich nickte. »Okay, dann drucke ich uns gleich ein paar detailliertere Karten aus.«
Trillian brachte das Tablett mit den Sandwiches an den Tisch und verteilte sie, während Iris heißen Apfelwein ausschenkte. Als sich alle zum Essen niedergelassen hatten, kehrte Vanzir von Carter zurück.
»Gute Neuigkeiten!« Er ließ ein Notizbuch vor mir auf den Tisch fallen. Es enthielt ausführliche Notizen in präzisen, steifen Druckbuchstaben, und als ich sie zu lesen begann, merkte ich, dass sie Stacias Hauptquartier beschrieben.
»Wo hast du die her?« Ich schob das Notizbuch in die Mitte, damit alle es sehen konnten.
»Ich habe das Anwesen selbst ausspioniert. Ich dachte, was zum Teufel - ich rieche nach Dämon, also werde ich schon nicht allzu sehr auffallen. Ich habe mich hinten herum an das Grundstück herangeschlichen und es ein bisschen ausgekundschaftet.«
Vanzir sah so stolz aus, dass ich es nicht über mich brachte, ihm den Kopf zu waschen, obwohl mir danach gewesen wäre. Er hätte die ganze Operation gefährden können. Stattdessen bedeutete ich ihm, sich zu setzen. »Erzähl uns, was du herausgefunden hast.«
»Moment noch«, sagte eine Stimme von der Tür her. Smoky kam herein und nahm seinen Platz am Tisch ein, wobei er Trillian knapp zunickte. Die beiden waren wie auf rohen Eiern umeinander herumgeschlichen, doch bisher war noch keine Prügelei ausgebrochen.
Smoky machte ein besorgtes Gesicht, als ich ihm von Henry erzählte. »Ich muss dafür sorgen, dass Estelle und der heilige Georg da draußen irgendeinen Schutz bekommen. St. Georg hat mir erzählt, er hätte etwas im Gebüsch herumschleichen sehen. Wahrscheinlich war es nur ein Puma oder ein großer Hund, aber wir können nicht vorsichtig genug sein.«
Estelle Dugan war Georgio Profetas Pflegerin. Georgio - oder St. Georg, für den hielt er sich nämlich - hatte jahrelang versucht, gegen Smoky zu kämpfen. Er wusste, dass Smoky ein Drache war, und in seinem labilen Geisteszustand betrachtete er sich als Drachentöter, der die Welt vor Smokys Feuer retten wollte. Aber der arme Mann verlor zusehends den Kontakt zur Realität und verbrachte immer mehr Zeit in verwirrten Wahnzuständen. Estelle kümmerte sich um ihn, führte den Haushalt und sorgte dafür, dass St. Georg es so angenehm wie möglich hatte. Ich nahm allerdings an, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis wir erfuhren, dass St. Georg sich endgültig aus dieser Welt verabschiedet hatte. Zumindest geistig.
»Das wäre wohl eine gute Idee«, sagte Iris. »Die beiden sind nicht in der Lage, sich selbst zu verteidigen, und sie wohnen so abgeschieden, ganz allein. Du bist nicht mehr viel dort, also solltest du sie entweder hierher in die Stadt holen oder ihnen einen Wächter besorgen.«
»Bin gleich wieder da«, sagte er und verschwand im Wohnzimmer. Als er zurückkam, nickte er. »Erledigt. Sie werden gut geschützt sein.« Einfach so. Ich wollte gern wissen, wen er angerufen hatte, aber das hatte Zeit bis später. Wenn Smoky beschloss, etwas zu tun, dann wurde es auch getan, ohne langes Wischiwaschi oder Hin und Her.
»Also, was hast du herausgefunden?«, wandte ich mich an Vanzir.
Er runzelte die Stirn. »Das Anwesen wird auf der Vorderseite streng bewacht, aber offenbar glauben sie, das Wäldchen und die Böschungsmauer wären auf der Rückseite Schutz genug. Ich glaube, sie haben ein, zwei Höllenhunde auf dem Gelände herumlaufen, aber ansonsten hingen da nur ein paar vereinzelte Dämonen herum. Stacia habe ich nicht gesehen.«
»Hm ... nicht direkt ein Hochsicherheitskomplex«, sagte ich nachdenklich.
»Nein. Und ich habe noch etwas festgestellt. Sie haben Banne errichtet. Ich habe sie überprüft - und ehe du fragst, ja, ich war sehr vorsichtig -, und sie sind nicht zum Schutz gegen Feen oder Menschen ausgerichtet. Das sind Banne gegen Dämonen. Ich hatte Glück, dass ich keinen davon ausgelöst und das Grundstück nicht direkt betreten habe.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Was hältst du davon?«
»Glaubst du, sie fürchtet sich vor Dämonenrebellen, die sich an ihr rächen wollen?«, fragte Delilah ihn.
»Nein, das glaube ich nicht. Die Banne waren sogar spezifisch auf die Dämonen eingestellt, die Schattenschwinge normalerweise für seiné Degath-Kommandos verwendet und gegen anspruchsvollere Typen wie mich.«
»Das ist ja merkwürdig.« Ich dachte ein paar Minuten lang darüber nach. »Meint ihr, das könnte etwas mit Großmutter Kojotes Rat zu tun haben? Sie hat doch etwas von Zwietracht in den Reichen gesagt und dass Stacias eigentliches Ziel ein völlig anderes ist als das, was wir vermuten.«
»Tja«, sagte Iris. »Was habt ihr denn vermutet?«
»Dass sie uns daran hindern will, die Siegel zu finden. Sie arbeitet für Schattenschwinge - wäre das also nicht ihr oberstes Ziel?«
»Nicht unbedingt«, widersprach Vanzir mit einem triumphierenden Flackern in den Augen. »Allmählich verstehe ich es.«
Wir starrten ihn an. »Was denn?«, fragte ich.
»Du sagst, Stacias Ziel müsse ein anderes sein als das, was wir vermuten. Dass Zwietracht herrscht. Was, wenn Stacia sich auf ihre Weise durch die Ränge der Dämonen emporarbeitet? Was, wenn Stacia nicht damit zufrieden ist, für Schattenschwinge zu arbeiten, und ihn aus dem Weg räumen will?«
»Wie bitte? Willst du damit sagen, dass Stacia möglicherweise Schattenschwinge hintergeht?« Trillian sah ihn mit schmalen Augen an. »Wäre das nicht glatter Selbstmord?«
»Nicht unbedingt. Man müsste dazu sehr stark sein, verlässliche Verbündete haben und sehr vorsichtig vorgehen. Stacia gehört zu den stärksten Generälen in den gesamten U-Reichen. Außerdem ist sie eine Nekromantin, und ich bin ziemlich sicher, dass Schattenschwinge nicht ahnt, wie mächtig sie inzwischen geworden ist, denn sonst hätte er sie schon getötet. Sie stellt eine Bedrohung für ihn dar.« Vanzir sprang auf und begann auf und ab zu laufen. »Was, wenn ... wenn Trytians Vater sie angesprochen hat? Was, wenn sie sich mit den Daimones verbündet hat?«
Die Daimones lebten ebenfalls in den U-Reichen, und Trytian war der Sohn eines mächtigen Daimons, der sich gegen Schattenschwinge erhoben hatte und eine eigene Armee aufbaute. Wir hatten schon von ihm gehört, und wir wussten, dass Trytian Befehl hatte, uns im Auge zu behalten, weil die Daimones auf ein Bündnis mit uns hofften. Aber wir hatten uns geweigert. Abmachungen mit irgendeiner Art von Dämon oder Daimon oder wie sie sonst noch heißen mochten, waren einfach keine gute Idee.
Ich spann den Gedanken weiter. »Und wenn Trytian und seine Rebellentruppe beschlossen haben, direkt im Zentrum von Schattenschwinges Gefolge anzugreifen? Gehen wir mal davon aus, dass die Daimones die restlichen Siegel selbst an sich bringen und für einen Angriff auf Schattenschwinge benutzen wollen. Stacia könnte die Portale manipulieren, um Schattenschwinge in den U-Reichen festzuhalten, oder aus irgendeinem anderen Grund, der nur ihren eigenen Zwecken dient.«
»Das klingt immer plausibler«, bemerkte Iris. »Und sogar recht typisch für Dämonen. Sie arbeiten sich durch Mord die Ränge empor.«
»Stimmt«, sagte ich. »In ihrem Brief stand, wir sollten uns entweder mit ihr verbünden oder uns raushalten und nach Hause gehen. Also: Spielt mit oder geht mir aus dem Weg. Seit wir den Brief bekommen haben, überlege ich die ganze Zeit, warum Schattenschwinge uns zwingen sollte, ihm zu helfen, aber da wollte einfach nichts zusammenpassen. Jetzt hat es klick gemacht. Karvanak hat uns mehrmals die Chance gegeben, uns ihm anzuschließen, aber ihm ging es nur darum, uns das Geistsiegel abzunehmen. Er hätte uns sowieso ermordet. Aber Stacia ...«
Ich biss mir auf die Lippe. »Also, was meint ihr? Versucht Stacia uns einzuschüchtern, damit wir für sie arbeiten? Wir haben anscheinend ein Händchen dafür, die Geistsiegel zu finden, und das will sie vielleicht ausnutzen. Und Dämonen sind ja berüchtigt dafür, dass sie lieber ihre Macht spielen lassen, statt es mit ein wenig Diplomatie zu versuchen.«
Alle sahen Vanzir an. Er war hier der Experte für Dämonen. Er hatte viel zu lange selbst in den U-Reichen gelebt. Jetzt trommelte er mit den Fingerspitzen auf dem Tisch herum. Gleich darauf nickte er.
»Ich glaube, du bist da auf der richtigen Spur. Es mag so aussehen, als stünde sie auf unserer Seite, aber lass dich davon nicht täuschen. Sie ist genau wie die anderen, eine machtgierige Dämonin, die so weit wie möglich an die Spitze der Hierarchie gelangen will. Sobald sie keine Verwendung mehr für dich hat, bringt sie dich um.« Er kratzte sich am Kopf. »Wisst ihr noch, dass ich euch vor einer Weile erzählt habe, wie irre Schattenschwinge inzwischen ist - dass er sich selbst als den Vernichter bezeichnet?«
Delilah nickte. »Du hast gesagt, du glaubst, dass er die Welten völlig vernichten will.«
»Tja, es sieht so aus, als wäre seinen wichtigsten Beratern allmählich etwas aufgefallen, und jetzt versuchen sie, ihr eigenes Überleben zu sichern.«
»Der Knochenbrecherin geht es also um Selbsterhaltung. Das kann ich ihr nicht verdenken, aber wir können trotzdem nicht mit ihr zusammenarbeiten.« Ich seufzte tief und biss in mein Sandwich. Der Geschmack von Roastbeef und Senf, der in meinem Mund explodierte, ließ meine Geschmacksknospen jubeln und entlockte mir ein Lächeln.
Smoky beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte das Kinn auf die Hände. »Wir müssen sie ausschalten. Selbst wenn sie sich gegen Schattenschwinge stellt, tut sie das nicht, weil sie die Menschheit oder die Feen so liebt. An den Portalen herumzupfuschen ist gefährlich, ganz egal, aus welchem Grund. Nein - wir müssen sie besiegen, ohne dass die Daimones oder Schattenschwinge misstrauisch werden.«
»Wenn sie das Gelände nur gegen Dämonen, aber nicht gegen Menschen und Feen gesichert haben, könnten wir uns doch von hinten heranschleichen. Vorne sind sie vielleicht bis an die Zähne bewaffnet und wachsam, aber es klingt so, als hätte sie hinten eine Lücke gelassen, weil ihr die größte Gefahr von anderen Dämonen droht.« Ich nahm mir einen Apfel aus dem Obstkorb auf dem Tisch und biss hinein.
»Das wird nicht leicht«, verkündete Iris. »Aber auf mich könnt ihr zählen. Ich will mich in Henrys Namen an ihr rächen.«
Ich lächelte sie an. »Wir können auf uns alle zählen, Iris. Denn wir brauchen jede Hilfe, die wir nur kriegen können.«