Kapitel 20
Tja, was tun wir jetzt?« Menolly sah in den Kühlschrank und holte eine Flasche Blut heraus, auf deren Etikett »Erdbeer-Milchshake« stand. Sie hob die Flasche an die Lippen, trank und schmatzte genüsslich. »Dieses aromatisierte Blut macht mein Leben richtig lebenswert«, bemerkte sie. »Danke.«
»Kein Problem.« Morio lächelte sie breit an. Das war eines der Dinge, die ich an diesem Mann so liebte - er genoss es, anderen eine Freude zu machen.
Ich seufzte tief. »Also, was meint ihr? Sollten die Keraastar-Ritter - eine Gruppe von Sterblichen, wenn auch keine gewöhnlichen Menschen - die Siegel einsetzen?«
»Wenn wir uns mit der Dreifaltigen Drangsal einlassen, werden wir aus der Anderwelt verbannt und als Verräterinnen geächtet. Dann finden wir nie heraus, was da wirklich läuft«, sagte Delilah.
Sie hatte recht. Wenn wir uns Asteria und Tanaquar offen widersetzten, waren wir geliefert.
»Dann ist es ganz einfach. Wir täuschen sie. Wir tun so, als würden wir bei ihrem Plan mitspielen, während wir insgeheim versuchen festzustellen, ob wir ihn überhaupt für sinnvoll halten. Was bedeuten könnte, dass wir mit der Dreifaltigen Drangsal zusammenarbeiten müssen.«
Oh, diese Idee hörte sich gar nicht gut an, aber wir konnten nichts anderes tun. »Asteria und Tanaquar zu belügen ist gefährlich, also sollten wir direkten Kontakt zu ihnen möglichst vermeiden.«
»Wenn wir das sechste Siegel finden, müssen wir es geheim halten«, sagte Menolly. »Denn ich traue keiner von denen. Falls Morgana auch nur eines der Siegel in die Finger bekäme, würde sie es benutzen, und dann wären wir alle am Arsch. Ich glaube, Aeval und Titania wissen das auch.«
»Einverstanden«, sagte Delilah. »Wir werden also lügen und allen erzählen, wir könnten das nächste Geistsiegel nicht finden.«
»Im Moment fällt mir einfach nichts Besseres ein. Aber wir müssen sehr vorsichtig sein. Wenn eine von ihnen herausfindet, dass wir sie belogen haben, können wir uns gleich selbst die Kehle aufschlitzen.« Ich schüttelte den Kopf. »Als Erstes müssen wir Großmutter Kojote aufstöbern und sie um Hilfe bitten.«
Als ich meinen Stuhl zurückschob, klingelte das Telefon.
Delilah nahm ab, lauschte kurz und reichte den Hörer dann an Vanzir weiter. Während wir Iris halfen, den Tisch abzuräumen, führte er ein geflüstertes Gespräch und legte dann wieder auf.
»Tja, zur Abwechslung habe ich mal eine gute Neuigkeit. Zumindest glaube ich, dass sie gut ist«, sagte er und lehnte sich an die Küchentheke. »Carter hat eine Spur zur Knochenbrecherin gefunden. Wir können ihn noch heute Nacht besuchen, wenn ihr wollt.«
Den Göttern sei Dank, dachte ich. Wir brauchten dringend einen Durchbruch. Bisher wateten wir nur blind im hüfthohen Schlamm herum. »Ich bin so müde, dass ich kotzen könnte, aber wir fahren besser gleich hin. Schlafen können wir später.«
Smoky warf mir einen fragenden Blick zu, doch ich schüttelte den Kopf. Der Sex würde warten müssen. Im Augenblick fand ich die Vorstellung am schärfsten, einfach nur wie tot ins Bett zu fallen.
Seattle bot nachts einen glitzernden Anblick mit den vielen Hochhäusern und hellen Lichtern, aber wenn man nicht gerade in der Nähe der Oper oder einem der vielen Clubs war, tat sich auf den Straßen nicht viel. Anders war es unten im Industrial District, wo Vampirclubs wie das Fangzabula oder Dominick's lagen.
Carter wohnte am Broadway, dem Mittelpunkt der Subkultur. Doch auf den regennassen Bürgersteigen der breiten Straße gingen auch Drogenhändler und Huren ihrem Gewerbe nach.
Carters Wohnung lag im Souterrain und war über eine Betontreppe zu erreichen. Oben verhinderte ein Metallgeländer, dass Passanten in den Lichtschacht vor der Haustür fielen, und eine magische Barriere hielt ihm Diebe und anderes Gesindel vom Leib. Dennoch war der Broadway in einer stürmischen Herbstnacht kein Ort, den man unbedingt besuchen wollte.
Zumindest würden unsere Autos hier sicher sein. Carters magischer Sicherheitszaun erstreckte sich über den Bürgersteig vor dem Gebäude und drei, vier Parkplätze weit am Straßenrand. Wir wollten den Dämon nicht alle auf einmal überfallen, also waren Delilah, Chase, Trillian und Smoky zu Hause geblieben. Als wir die Treppe zu Carters Wohnungstür hinabstiegen, stupste Menolly mich in die Rippen und wies mit einem Nicken auf die andere Straßenseite, wo zwei Huren standen und uns beobachteten. Nur dass das keine Huren waren. Beide hatten eine eindeutig dämonische Aura.
»Freund oder Feind?«, flüsterte ich.
Menolly zuckte mit den Schultern und tippte Vanzir an. »Kennst du die Nutten da?«
Er spähte mit zusammengekniffenen Augen hinüber und schüttelte dann den Kopf. »Nein. Sobald wir drin sind, schleiche ich mich hintenrum wieder heraus und durch die Seitengasse nach vorn. Wenn sie dann noch da sind, sehe ich sie mir mal näher an.«
»Ich komme mit«, erklärte Menolly. »Ich bin schnell, ich bin lautlos, und ich bin tödlich.«
»Ich bin vielleicht nicht so schnell oder so lautlos, aber ich wette mit dir, dass ich mindestens so tödlich bin wie du, Mädchen.« Vanzir zwinkerte ihr anzüglich zu.
Menolly schnaubte belustigt. Hm ... was war denn das? Vanzir und Menolly flirteten miteinander? Aber ich war nicht sicher, ob ich meine Schwester wirklich danach fragen wollte. Wie es war, mit einem Dämon zu schlafen - nicht Morios Sorte, sondern mit einem richtig üblen Burschen aus den U-Reichen -, stand nicht auf der Liste von Dingen, die ich unbedingt wissen musste. Vor allem, da ich Vanzir schon in Aktion gesehen hatte. Diese Tentakel, die aus seinen Händen schössen, waren völlig abgedreht.
Als wir klopften, trat tiefes Schweigen ein. Dann öffnete sich die Tür. Eine zauberhafte junge Frau stand da und hielt sie weit offen. Sie war halb Chinesin, halb Dämonin und Carters Ziehtochter. Er hatte sie vor einem Leben als Sklavin in den U-Reichen gerettet. Sie war stumm und diente ihm still. Er kümmerte sich gut um sie, und sie führten mitten im Herzen von Seattle ein geruhsames, bescheidenes Leben.
Carter war ebenfalls bescheiden, wenn man von den mächtigen, nach hinten geschwungenen Hörnern auf seinem Kopf absah, die majestätisch glänzten. Sein Haar hatte die gleiche Farbe wie Menollys - leuchtendes Kupferrot, doch er trug seines kürzer und gekonnt zerzaust.
Der Dämon humpelte und trug eine Stütze am rechten Knie. Er hatte uns nie erzählt, wie es zu dieser Verletzung gekommen war. Aber Carter hatte Geld. Zur Tarnung betrieb er einen Internet-Recherche-Service. Er behielt sämtliche dämonische Aktivität in Seattle im Auge und zeichnete alles auf, was er sah oder hörte. Er war ein sprudelnder Quell der übernatürlichen Lokalhistorie und bewegte sich auf einem schmalen Grat - er machte Geschäfte mit uns, aber auch mit einigen Dämonen und versuchte, dabei nicht von Schattenschwinges Radar erfasst zu werden.
»Kommt herein, kommt herein«, sagte er, bat uns ins Wohnzimmer und wandte sich dann an Kim. »Meine Liebe, bring uns bitte etwas Tee. Und einen guten Portwein und eine Käseplatte, bitte.« Mit einem Blick auf Menolly fügte er hinzu: »Und einen Kelch warmes Blut für die Vampirin.«
Das Mädchen verneigte sich mit einer leichten Beugung der Knie, beinahe ein Knicks, aber nicht ganz. Stumm schlüpfte sie hinaus.
»Setzt euch, bitte.«
Er ging zu seinem Schreibtisch - einem Monstrum in Eiche - und kam mit einer Akte und einem kleinen Stapel Papier zurück, den er Vanzir reichte. Vanzir nahm sich ein Blatt und reichte den Rest weiter. Als der kleine Stapel bei mir ankam, sah ich nur weißes Papier. Carter hatte genug für alle, und ich nahm ein paar Blätter für die anderen mit nach Hause.
»Ich nehme an, das ist mit einem Passwort geschützt?«, fragte ich.
Er nickte. »Das Codewort lautet Steckrübe.«
»Steckrübe?« Menolly neigte den Kopf zur Seite und starrte Carter an.
Er lächelte. »Wäre Steckrübe das erste Wort, das dir einfallen würde, wenn du ein dämonisch versiegeltes Dokument lesen wolltest? Soll ich es vielleicht in Sesam, öffne dich ändern?«
Mit einem Schnauben schüttelte sie den Kopf. »Du bist echt in Ordnung, Carter.«
Als ich das Passwort flüsterte, erschien Schrift auf dem Papier - Notizen über Stacia Knochenbrecher und eine Karte mit der Wegbeschreibung zu ihrem Versteck. Dem ausgedruckten Foto zufolge handelte es sich dabei um eine prunkvolle Villa in einem der wohlhabenden Eastside-Vororte.
»Das passt. Sie wohnt drüben in Redmond, in der Nähe des Marymoor-Parks. Kein Wunder, dass wir hier in Seattle keine Spur von ihr finden konnten.«
»Wohnt da nicht auch Bill Gates?«, fragte Morio.
»Nein, auf Mercer Island. Aber er ist kein Dämon, ganz egal, was die Leute von ihm denken.« Ein Lächeln umspielte Carters Lippen. »Stacia Knochenbrecherin lebt in einer bewachten Edel-Wohnanlage. Von der Straße aus sieht das hier vielleicht aus wie eine protzige Villa mit hohem Zaun, aber lasst euch nicht täuschen. Das Haus hat ein erstklassiges Sicherheitssystem, und ich vermute, dass sie da auch ein paar Dämonen postiert hat.«
»Da wir gerade von Posten sprechen«, fiel Vanzir ein. »Als wir hereingekommen sind, standen gegenüber zwei schäbige Nutten, die wir als Dämonen erkannt haben. Ich würde mich gern zur Hintertür hinausschleichen und nachsehen, ob sie noch da sind. Ich glaube nicht, dass sie zum hiesigen Untergrund gehören, also wäre es möglich, dass sie für die Knochenbrecherin arbeiten.«
»So ist es«, sagte Carter. »Ich weiß, von wem du sprichst. Ich habe bisher nichts gegen sie unternommen, weil ich keinen Verdacht erregen will. Solange ich sie ignoriere, werden sie sich nicht verstecken, und ich weiß wenigstens, wo sie sind.«
Ich hielt Vanzir auf, als er aufstehen wollte. »Carter hat recht. Wenn wir uns verraten, indem wir sie angreifen, machen wir vielleicht alles noch schlimmer. Lass sie in Ruhe, aber wir dürfen nicht vergessen, nachher die Autos nach Fallen oder Wanzen abzu-«
»Nicht nötig«, unterbrach mich Carter. »Als die hier aufgetaucht sind, fand ich, dass ich etwas mehr Schutz brauchte als den Barrierenzauber, den ich vor dem Haus installiert habe. Also habe ich einen Wichtel beschworen, der da draußen Wache hält. Falls sie irgendetwas versuchen sollten, ist sofort die Hölle los.«
»Großartig, genau das brauchen wir. Einen Wichtel. Also, weiter im Text.« Ich überflog das Blatt und hielt abrupt inne. Stacia Knochenbrecherin war eine Nekromantin, und eine mächtige obendrein. In Carters Notizen stand, sie sei von Telazhar ausgebildet worden. »Verdammter Mist, das ist nicht gut.«
Menolly hörte mich, blickte auf und nickte. »Telazhar muss also auch für Schattenschwinge arbeiten.«
»Nicht unbedingt«, erwiderte ich. »Er hat geschworen, sich niemals einem anderen Geschöpf zu beugen, aber dass er so viele hundert Jahre lang überlebt hat und immer noch Dämonen ausbildet, ist für mich ein großes, breites Warnschild, dass wir sehr vorsichtig sein müssen.«
Morio schüttelte den Kopf. »Wer ist das? Ich habe noch nie von ihm gehört.«
Ich seufzte tief. »Wenn mich die Erinnerung an meinen Geschichtsunterricht nicht täuscht, gehört Telazhar zu den am meisten gefürchteten Feen aller Zeiten. Vor Jahrhunderten schon war er ein mächtiger Nekromant. Er hat ein ganzes Heer auferstehen lassen und die Anderwelt terrorisiert während der Magierkriege. Damals verbrannten weite Landstriche, die wir heute als Südliches Ödland kennen - unfruchtbar und mit wilder Magie durchsetzt.«
»Wie ist er in die U-Reiche gekommen?«, fragte Vanzir.
Menolly nahm den Faden der Erzählung auf. »Telazhar belagerte mit seinem Totenheer die Stadt Aladril. Danach wollte er gegen Y'Elestrial ziehen. Aber die Seher überraschten ihn. Y'Elestrial kam ihnen zu Hilfe, und die Elfen ebenfalls. Ein mächtiger Feenkrieger führte die beiden Armeen gegen Telazhar ins Feld und zwang ihn zum Rückzug in die Wüste. Sobald sie ihn in der Tiefe des Ödlands umzingelt hatten, versetzten Aladrils Seher ihn in Stasis und schickten ihn durch ein Dämonentor in die Unterirdischen Reiche. Dann lösten sie den Torzauber auf, so dass es sich nie wieder öffnen konnte.«
»Offenbar«, fuhr ich fort, »ist Telazhar noch am Leben. Seine Macht muss inzwischen fürchterlich sein.« Ich sog tief den Atem ein und starrte auf das Blatt hinab. »Wollen wir wetten, dass er derjenige ist, der Stacia hier herübergebracht hat?«
»Nein, denn die Wette würdest du gewinnen«, entgegnete Menolly.
Ich nickte. An die bevorstehende Schlacht wollte ich nicht einmal denken. »Wir müssen so vorsichtig und geschickt vorgehen, dass sie es nicht merkt, wenn wir kommen. Wir könnten wirklich Hilfe gebrauchen.«
Kim kam mit unserem Tee herein, und während wir schweigend aus feinen Porzellantassen tranken und reifen Camembert auf würzigen Crackern genossen, wünschte ich nur, ich könnte mich endlich im Bett zusammenrollen und eine Woche lang schlafen. Diese letzte Neuigkeit war so übel, dass ich mich am liebsten in die Anderwelt verkrümelt hätte. Vielleicht sollte ich das Angebot der Rabenfürstin doch annehmen. Ein kleines Häuschen im Herzen des Diesteltanns, in dem ich mit Smoky, Trillian und Morio wohnen würde ... Das hörte sich nicht schlecht an.
»Also, was jetzt? Und wie verbergen wir diese Notizen wieder?«, fragte Morio.
»Was das Dossier angeht«, erklärte Carter, »benutzt ihr einfach das Sperrwort. Und das, meine Freunde, lautet Schlagsahne. Wieder etwas, worauf man nicht ohne weiteres kommen würde. Was aber das Dilemma angeht, vor dem ihr nun steht, da kann ich euch leider nichts raten.«
»Wir müssen anderswo Hilfe suchen. Und ich weiß auch schon, wo.« Ich blickte zu meiner Schwester auf.
Sie stöhnte und griff sich an den Kopf. »Nicht die Dreifaltige Drangsal?«
»Finde dich damit ab. Sie werden uns helfen müssen - zumindest Aeval. Sie schuldet mir einen Gefallen. Aber wenn ich den jetzt einfordere, stehe ich gewaltig in ihrer Schuld. Ich habe das deutliche Gefühl, dass wir noch lange nicht quitt sein werden.«
»Dann fahren wir also morgen da raus und betteln die Königin der Nacht um Hilfe an, damit wir eine Dämonengeneralin aufspüren und vernichten können. Wunderbar.« Menolly schüttelte den Kopf. »Ich möchte gar nicht daran denken, was das für Konsequenzen haben könnte.«
»Ich auch nicht, aber das ist unsere einzige Chance. Wir brauchen Unterstützung. Zumindest müssen wir die Knochenbrecherin schon nicht mehr aufspüren, dank Carter.« Ich hielt das Blatt Papier hoch. »Wir haben sogar eine Karte.«
»Ja, wir haben eine Karte«, wiederholte Menolly, deren Augen sich blutrot färbten. »Hurra. Ich wette zehn zu eins, dass sie uns schnurstracks in den Untergang führt.«
Untergang oder nicht, uns blieb keine andere Wahl. Wenn wir Stacia nicht ausschalteten, würde sie an den Grenzen und Portalen üblen Schaden anrichten bei dem Versuch, einen Durchgang für Schattenschwinges Kumpane zu schaffen. Und das konnten wir nun gar nicht gebrauchen. Ich stand auf, ebenso resigniert wie entschlossen.
»Okay, gehen wir. Morgen wird ein langer Tag für uns.«
Auf dem Weg zurück zu den Autos sahen wir die Nutten-Dämonen nicht wieder. Waren sie schon zur Knochenbrecherin gelaufen, um ihr von unserem Besuch bei Carter zu berichten? Jedenfalls wusste sie, dass wir etwas unternehmen würden. Sie wusste nur nicht, wann.