Kapitel 13
Wir hatten uns gewaschen und angezogen, als ein Bote an der Tür klopfte, der uns bat, ihn zum Gemach des Königs zu begleiten. Ich gab mir Mühe, meine Kleider glatt zu streichen, und Trillian reichte mir seine Bürste, damit ich nicht allzu zerwühlt aussah. Der Wandspiegel sagte mir, dass ich durchaus präsentabel war.
Trillian drückte mir einen Sternbeer-Muffin in die Hand. Kauend folgte ich ihm durch die Straßen zurück zum Palast. Ich kam nicht dazu, mich richtig umzusehen, aber ich wollte unbedingt noch einmal herkommen, wenn wir mehr Zeit hatten. Dahnsburg war sauber und fühlte sich sehr alt an, mit geheimnisvollen Toren und exotischen Läden, die Abenteuer und Shopping vom Feinsten versprachen.
Wir erreichten den äußeren Hof gerade rechtzeitig, um meinem Vater auf dem Weg nach drinnen zu begegnen. Er sah Trillian an, dann mich und verdrehte die Augen.
»Ihr zwei wart ja schon fleißig«, bemerkte er leise.
Da ging mir auf, dass Vater zwar ein reinblütiger Sidhe war, aber womöglich ein Problem damit hatte, dass seine Töchter tatsächlich mit Männern schliefen. Oder Frauen. Aber danach konnte ich ihn nicht fragen, schon gar nicht vor Trillian.
Ich grinste ihn glücklich und unbekümmert an. »Keine Sorge, ich werde dich nicht zum Großvater machen.« Noch nicht. Smokys kleine Bombe, dass er mit mir ein Kind zeugen wolle, rauchte immer noch in meinem Hinterkopf vor sich hin. Ich musste irgendeine Möglichkeit finden, aus der Nummer rauszukommen. Wenn Delilah einen Wurf Junge bekäme, würde ich sie alle liebhaben - ob Katzen oder Werwesen -, aber Babys waren absolut nicht mein Stil.
»Das will ich doch hoffen«, entgegnete Vater. »Ihr habt schon genug Probleme.« Doch dann gab er nach und streckte Trillian die Hand hin. »Ich muss etwas erledigen. Bin bald zurück.« Er zögerte kurz. »Trillian, pass gut auf meine Tochter auf.«
Trillian starrte auf Vaters Hand und ergriff sie langsam. »Wie immer, Sephreh. Als ihr Liebster stelle ich ihr Leben vor meines. Und« - er verzog die Oberlippe zu diesem verdammt arroganten Lächeln, das so anziehend und so aufreizend zugleich war - »als ihr zukünftiger Ehemann werde ich alles tun, was in meiner Macht steht, um dafür zu sorgen, dass sie glücklich ist.«
Vater blieb stehen wie angewurzelt. »Ehemann? Du willst Camille tatsächlich heiraten?« Seine Miene erinnerte mich an ein Daumenkino - als wäre sie von einer Seite zur nächsten von Unglauben in Bestürzung umgeschlagen.
»Ich werde in ihren Harem eintreten, ja«, sagte Trillian und unterdrückte ein Grinsen. Dafür hätte ich ihn in den Hintern treten mögen, aber Vater hatte ihm so lange zugesetzt, dass ich es ihm eigentlich nicht verdenken konnte.
»Und ist diese frohe Kunde wirklich wahr, Camille?« Vater sah alles andere als froh aus.
Ich holte tief Luft. »Ich weiß, dass du Trillian von meiner Hochzeit mit Smoky und Morio erzählt hast, weil du uns damit auseinanderbringen wolltest, aber das wird nicht funktionieren. Ich liebe Trillian. Er ist mein Alpha-Lover, und er ist bereit, sich durch das Ritual der Seelensymbiose an uns alle zu binden. Also, ja, er wird mein dritter - und hoffentlich letzter - Ehemann werden. Gib es auf, das ist beschlossene Sache, wir werden heiraten, und nichts, was du sagst, könnte daran etwas ändern. Ich hätte ihn damals gar nicht erst verlassen sollen.«
Trillian schlang mir einen Arm um die Schulter. »Und ich hätte dich nie gehen lassen dürfen. Es ist unsere Bestimmung, zusammen zu sein, und wenn die Ewigen Alten sich für einen interessieren, kann man nun mal nichts machen.«
Vater musterte uns von oben bis unten und sagte dann im menschlichsten Tonfall, den ich je bei ihm gehört hatte: »Scheiße.«
Ich fuhr hoch: »Entschuldige mal, aber sollte das nicht herzlichen Glückwunsch heißen?«
»Ja, Dad«, legte Trillian noch einen obendrauf. »Warum besuchst du uns nicht mal erdseits, dann spielen wir eine Runde Golf zusammen.«
Sephreh blinzelte. Ohne ein weiteres Wort kam er zu mir zurück, küsste mich auf die Stirn, bedachte Trillian mit einem empörten Kopfschütteln und stapfte davon. Doch als er in seine Kutsche stieg, wandte er sich noch einmal um und winkte uns lächelnd zu.
Trillian küsste mich auf die Wange. »Ich glaube, er nimmt allmählich Vernunft an. Bestimmt sind wir bald die besten Freunde.«
»Na klar«, brummte ich. »Komm weiter, ich habe eine Audienz beim König.«
»Ich auch«, sagte Morio, der hinter uns erschienen war. Iris war nirgends zu sehen.
»Wie bitte?« Ich wirbelte herum.
»Ein Bote hat mich auf dem Marktplatz ausfindig gemacht und mir gesagt, ich solle mich im Thronsaal mit euch treffen.« Er hielt einen Stoffbeutel hoch. »Ich habe da ein paar faszinierende Komponenten für diverse Zauber gefunden.«
»Komm schon, Weib . « Trillian gab mir einen sachten Schubs. »Wir sollten uns wirklich beeilen.«
Er führte uns durch das Labyrinth des in einzelnen Gärten angelegten Parks bis zu dem mittleren Zelt in der Reihe am Rand des inneren Hofs. Als wir dicht an den Zeltbahnen vorbeigingen, streifte der Stoff meinen Arm. Er war fest gewebt, haltbar, aber fein gearbeitet.
»Woraus besteht das?« Ich streckte die Hand nach der Zeltbahn aus. Sie fühlte sich unter meinen Fingern weich an und kribbelte wie mit einem lautlosen Summen. »In diesen Stoff ist Magie eingewoben.«
»Meinst du wirklich?« Trillian zog die Augenbrauen hoch. »Dies sind die Wände des Palastes. Im Gegensatz zu Stein und Mörtel oder Marmor ist Stoff nicht ganz so wirkungsvoll, wenn es darum geht, Kanonenkugeln oder Feuerbälle aufzuhalten. Natürlich ist der Stoff verzaubert. Der Palast besteht aus diesen Zelten, und Schutzzauber sind in jeden Faden und jeden Stich eingearbeitet.«
Und dann erreichten wir die Zelttür zum Thronsaal. Trillian trat beiseite - er würde draußen warten, während einer der Dahns-Gardisten uns hineinführte. Wir folgten dem Einhorn, das gefährlich groß und stark aussah, einen gepflasterten Weg durch die Mitte entlang. Der Boden links und rechts war aus weichem Moos, hier und da standen steinerne Bänke verteilt. Die Wände des Zeltes waren etwa sieben Meter hoch und wurden von einer komplizierten Lattenkonstruktion gestützt. Ich fragte mich, wie die Einhörner sie errichtet haben mochten.
Dann sah ich mit eigenen Augen, wie das funktionierte. Am Rand neben Abspannleinen und Gegengewichten standen mehrere große Zentauren. Männliche Zentauren. Sehr gut ausgestattete Zentauren. Errötend wandte ich den Blick ab. Ich brauchte nicht noch mehr Futter für meine Phantasie - davon hatte ich in der Realität wirklich genug, aber Mann, Mann, Mann, die weiblichen Zentauren konnten sich wirklich glücklich schätzen.
Wir folgten der Wache den Pfad entlang zu einem hohen, grasbewachsenen Hügel in dem Zelt. Auf dem Hügel ruhte der König der Dahns-Einhörner. Ich bemerkte die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Sohn, und als ich in einen tiefen Knicks sank, erregte ein Wiehern links von mir meine Aufmerksamkeit. Ich hob den Kopf und sah Feddrah-Dahns den Zeltsaal betreten. Er trabte zu uns herüber, und ohne darüber nachzudenken, sprang ich auf und rannte ihm lachend entgegen.
»Feddrah-Dahns! Ich freue mich so, Euch wiederzusehen!« Ich schlang die Arme um seinen Hals, und sein samtiges Fell kitzelte meine Haut.
Er schnaubte und lachte dann leise. »Lady Camille, ich bin ebenfalls sehr erfreut. Wie geht es Euch und Euren Schwestern?«
Plötzlich merkte ich, dass ich dem König den Rücken zugewandt hatte. Hastig wich ich ein paar Schritte zurück und wirbelte zu dem größeren Einhorn herum. Feddrah-Dahns war offensichtlich noch nicht ganz ausgewachsen. Sein Vater hingegen schon, und er musterte mich mit amüsiertem Blick.
»Du hattest ganz recht«, sagte König Upala-Dahns zu seinem Sohn. »Sie ist impulsiv und unberechenbar. Aber auch sehr charmant, genau wie du sagtest.«
»Ich bitte um Verzeihung«, stammelte ich. »Ich wollte Euch gegenüber nicht respektlos sein. Ich habe mich nur so gefreut, Euren Sohn wiederzusehen ...«
»Das macht nichts, es ist ja niemand zu Schaden gekommen. Nicht einmal mein Stolz«, sagte der König augenzwinkernd auf Melosealfôr. Dann bezog er mit einem Blick auch Trillian und Morio in die Unterhaltung ein und wechselte in die gemeine Sprache. »Wir müssen über das Horn des Schwarzen Tiers sprechen. Und über die Magie, welche Ihr von diesem jungen Fuchs lernt.«
Morio blickte verwirrt drein.
»Verzeihung, Euer Hoheit, aber Morio beherrscht keine der Anderwelt-Sprachen. Sprecht Ihr zufällig Englisch?« Ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb der Einhornkönig sich die Mühe hätte machen sollen, eine Erdwelt-Sprache zu erlernen, aber einen Schuss ins Blaue war es wert.
König Upala-Dahns wieherte leise. »Ja, ein wenig. William Butler hat uns darin unterrichtet, als er einige Jahre lang bei uns weilte.«
Ich lächelte. »Ja, Feddrah-Dahns und Mistelzweig haben mir von ihm erzählt, als sie uns erdseits besucht haben.« Ich blickte mich um und fügte hinzu: »Da wir gerade von Pixies sprechen, ist Mistelzweig auch hier? Ich würde ihm gern guten Tag sagen.« Er war wohl der einzige Pixie, den ich jemals mögen würde, und Feddrah-Dahns' Diener.
»Er erledigt gerade einen Botengang, doch er sollte bald zurück sein.« Als der König zu Englisch wechselte, nahm seine Sprache einen archaischen Klang an. »Wir haben nicht viel Zeit, also werde ich mich kurz fassen.« Er machte eine kurze Pause. »Könnt Ihr mich jetzt verstehen?«, fragte er Morio.
Morio nickte. »Sonnenklar.«
»Sonne? Was soll an der Sonne klar sein?« Upala-Dahns schüttelte schnaubend den Kopf. »Wie dem auch sei. Camille, es mag tollkühn erscheinen, dass Ihr das Horn des Schwarzen Tiers mit hierhergebracht habt, doch tatsächlich war das eine kluge Entscheidung. Das Schwarze Einhorn selbst erwartet Euch im Wald von Diesteltann. Es ist aus seinem Versteck im Finstrinwyrd dorthin gereist und hat nach Euch geschickt.«
Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Was zum Teufel wollte das Schwarze Tier von mir? Es war eine Ehre - und hatte mich den letzten Nerv gekostet -, sein Horn geschenkt zu bekommen, aber ihm tatsächlich gegenübertreten, einem Geschöpf schnurstracks aus finsteren Legenden? Nicht lustig ... gar nicht lustig. Das Bild eines riesigen Hengstes mit einem kristallenen Horn, der sich aufbäumte und Flammen aus seinen Nüstern schießen ließ, stand mir lebhaft vor Augen.
»Scheiße«, platzte ich heraus, ehe ich mich beherrschen konnte. Ich errötete, als alle mich anstarrten.
»Wie bitte?«, fragte der König.
Ich versuchte stammelnd, mich halbwegs elegant aus der Affäre zu ziehen. »Ich meine, das ist ... die Vorstellung ist ziemlich furchteinflößend.«
»Das sollte sie auch sein«, entgegnete Upala-Dahns hilfreicherweise. »Das Schwarze Einhorn ist der Urvater der Dahns-Einhörner. Dass er eine Sterbliche zu sich rufen lässt - die nicht unserer Rasse angehört - ist kaum jemals vorgekommen. Die meisten halten ihn für eine Legende, doch die Dahns-Einhörner wissen es besser. Soweit ich weiß, ist die einzige Fee oder Elfe, mit der er in den vergangenen hundert Jahren zu tun hatte, Königin Asteria.«
Einerseits fühlte ich mich geschmeichelt. Wie hätte es auch anders sein können? Der sagenhafte Schwarze Stammvater der Einhörner wollte die kleine Camille sprechen! Andererseits machte ich mir beinahe in die Hose vor Angst.
Ich wechselte einen Blick mit Morio, der mit den Schultern zuckte und den Mund hielt. Er war eben schweigsamer als ich. Das war wohl auch gut so, wenn ich bedachte, wie undiplomatisch ich manchmal sein konnte.
König Upala-Dahns sah mich stumm an, als erwarte er eine Antwort, doch als ich nichts sagte, fügte er hinzu: »Er möchte nicht nur Euch sehen, Camille, sondern auch Euren Gefährten Morio.«
Jetzt fuhr Morio zusammen. Er riss die Augen auf und warf mir einen höchst nervösen Blick zu. »Mich? Warum?« Seine Stimme klang zwar fest, aber ich spürte die Angst, die darin lag.
Ich unterdrückte ein Lächeln und flüsterte: »Jetzt weißt du, wie ich mich fühle.«
»Weil Ihr und Camille gemeinsam Todesmagie wirken könnt.«
Ein gewisses Funkeln in den Augen des Königs sagte mir, dass er die gewünschte Reaktion erzielt hatte. O ja, Upala-Dahns ließ die Leute gern nach seiner Pfeife tanzen. Er war sicher ein entsetzlich anspruchsvoller Chef, fordernd, aber fair.
Ich fürchtete weitere katastrophale Enthüllungen und zuckte zusammen, als etwas auf meiner Schulter landete. Ich riss den Arm hoch, um es wegzufegen, was immer es sein mochte, als eine Stimme dicht an meinem Ohr sagte: »Vorsicht!«
»Mistelzweig!« Ich streckte die Hand aus, und er stieg von meiner Schulter. Der Pixie war beinahe durchscheinend, und seine Flügel schimmerten im Tageslicht, doch als er auf meine Handfläche trat, fühlte er sich ebenso solide an wie ich.
»Mylady«, sagte er und verneigte sich tief. Mistelzweig war sehr viel höflicher, als man es von Pixies gewöhnt war. Die meisten waren entsetzliche Nervensägen.
»Mistelzweig«, sagte Feddrah-Dahns, »du wirst zusammen mit Rejah-Dahns unsere Freunde in den Diesteltann begleiten, wo das Schwarze Tier sie erwartet.«
»Können wir über die Portale dorthin reisen?«, fragte ich.
Mistelzweig schüttelte den Kopf. »Wir können zum Portal am Waldrand springen, aber noch nie konnte ein Portal in den Tiefen Tann vordringen, also werden wir vom Waldrand aus zu Fuß gehen müssen. Aber unser Ziel liegt nicht weit hinter der Grenze, und wir werden es noch heute vor Mitternacht erreichen.«
Ich schaute zum Himmel auf. Heute war Vollmond, und die Wilde Jagd würde mich mitreißen. Aber ein einziger Blick auf den König sagte mir, dass Widerspruch zwecklos war, also schluckte ich ihn herunter. »Trillian muss uns begleiten. Ich lasse ihn keinesfalls hier zurück.«
Upala-Dahns sah nicht glücklich aus, sagte aber nur: »Wie Ihr wünscht. Er wird Euch begleiten. Nachdem Ihr mit dem Schwarzen Tier gesprochen habt, könnt Ihr direkt von dort aus in die Erdwelt zurückkehren.«
Feddrah-Dahns trat vor und stupste mit dem Maul an meine Schulter. »Ich wünschte, ich könnte Euch auch begleiten, aber Vater hat es mir verboten.«
Ich blickte in diese leuchtenden Augen und fühlte mich wieder einmal den Tränen nahe. So ging es mir immer, wenn das Einhorn in der Nähe war, und ich hatte keine Ahnung, warum. »Feddrah-Dahns, Ihr seid ein guter Freund, und ich danke Euch allen für Euer Vertrauen und Eure Führung. Wir werden uns bemühen, Euch nicht zu enttäuschen.« Ich lehnte den Kopf an seine weiche Nase.
Gleich darauf hallte Trillians Stimme durch den Thronsaal. »Camille? Ist alles in Ordnung?«
Ich sah mich über die Schulter nach ihm um. Mistelzweig hatte Trillian hereingeführt. »Fürs Erste«, sagte ich und weihte ihn dann rasch ein.
Trillian starrte den König an. »Ist das Euer Ernst? Sie soll dem Schwarzen Tier gegenübertreten?«
»Nicht allein«, entgegnete Upala-Dahns. »Sie reist mit dir. Und der Fuchsdämon wird an ihrer Seite vor dem Großen Vater stehen.«
Sein ehrfurchtsvoller Tonfall machte mir bewusst, dass die Dahns-Einhörner das Schwarze Einhorn tatsächlich als lebenden Gott verehrten. Immerhin war er der Stammvater ihrer Art, eine lebende Legende. Er war der Phönix ihrer Kultur, der alle tausend Jahre Horn und Haut abwarf, um neu geboren zu werden.
Und das Schwarze Tier verlangte mich zu sehen. Er hatte mir - halb Fee, halb Mensch - eines seiner Hörner geschenkt und einen Umhang aus seinem Fell, für den Kampf gegen die Dämonen. Und schließlich wurde man nicht jeden Tag zu einem Gott nach Hause eingeladen.
Ich legte Trillian die Hand auf den Arm. »Das ist eine Ehre, Liebster, daran sollten wir denken.« Und wenn wir irgendwie aus diesem Thronsaal herauskommen konnten, ohne dass jemand eine Szene machte, umso besser. Das Letzte, was ich wollte, war, die Dahns-Einhörner zu beleidigen.
Trillian verstand meine Andeutung und verneigte sich vor dem König. »Euer Hoheit, wann sollen wir aufbrechen? Gibt es irgendwelche Warnungen oder Vorsichtsmaßnahmen, die wir beachten sollten?«
König Upala-Dahns blickte sich im Saal um und bedeutete uns dann mit einem Nicken, ihm zu folgen. »Kommt, gehen wir ein wenig im Garten spazieren.«
Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet, und wir gingen mit dem König in einen der nassen Gärten. Mistelzweig saß auf meiner Schulter, und Feddrah-Dahns trottete links neben mir her. Morio und Trillian hielten sich dicht hinter mir.
Der Duft von frischem, regennassem Gras und Holzrauch lag in der Luft, und ich zog meinen Umhang fester um mich zusammen.
»Was ist mit Iris?«, fragte ich. »Kommt sie auch mit?«
»Ja«, antwortete Feddrah-Dahns. »Allerdings fürchte ich, der Diesteltann ist zurzeit kein guter Ort für sie.« Näher wollte er nicht darauf eingehen.
Der Nachmittag verstrich, und obwohl ich die Mondmutter nicht sehen konnte, spürte ich, wie sie sich zur Wilden Jagd bereitmachte. Gut zwei Jahre waren vergangen, seit ich zum ersten Mal auf die Astralebene gesprungen war, um an ihrer Seite durch die Nacht zu hetzen - in der Anderwelt, nicht erdseits. Die Mondmutter war zwar in beiden Welten dieselbe Göttin, aber die Energie der Wilden Jagd war immer ein bisschen anders, je nachdem, wo man sich befand.
Wir erreichten eine niedrige Hecke, die in Form einer Spirale getrimmt war, und folgten Upala-Dahns in deren Mitte. Das war ein sehr schlichtes Labyrinth, doch als wir zwischen den grünen Wänden dahingingen, beruhigte sich mein Geist. Dieser Ort war von tiefer Magie durchdrungen. Wir schritten auf einer Ley-Linie entlang. Ich konnte fühlen, wie sie sang und mir versicherte, dass uns hier niemand mehr belauschen konnte. Hier waren wir sicher.
Sobald alle die Mitte erreicht hatten, blieb der König stehen, und wir versammelten uns im Halbkreis um ihn. »Ich habe euch hierhergebracht, weil dies der einzige Ort ist, an dem wir vor Spionen, neugierigen Augen und lauschenden Ohren sicher sind. Hört mir zu und gebt gut Acht. Wir haben Nachforschungen über die Dämonen angestellt und einige interessante Erkenntnisse gewonnen, die ihr nutzen müsst.«
Ich spitzte die Ohren. Uns war jede Hilfe willkommen, vor allem, wenn sie von der Kryptiden-Allianz kam.
»Wie ihr wisst, ist der Stoff, der die Welten trennt, im Zerreißen begriffen. Zusammen mit den Elfen - und jetzt auch mit Tanaquars Magiern - suchen wir schon länger nach einer Möglichkeit, das zu flicken, was bereits zerstört wurde.«
»Aber ist das überhaupt möglich? Ich dachte, die Spaltung der Welten sei ein unnatürlicher Zustand, und deshalb würde alles zusammenbrechen. Die Welt versucht, das Gleichgewicht wiederherzustellen.« Ich runzelte die Stirn bei dem Versuch, mich an alles zu erinnern, was die Erdwelt-Feenköniginnen und Großmutter Kojote mir gesagt hatten.
»Ihr habt recht. Es gibt keine Möglichkeit, das Gewebe des Raumes dauerhaft zu flicken. Wir glauben jedoch, dass wir die Geistsiegel benutzen können, in Verbindung mit magischen Mitteln, die zum Zeitpunkt ihrer Erschaffung noch nicht existierten.«
Was? Wie wollten sie das anstellen, ohne genau das zu riskieren, was wir verhindern wollten?
»Das ursprüngliche Geistsiegel wurde eigens zu dem Zweck geschaffen, die Welten auseinanderzureißen. Dann wurde es zerbrochen, und die Bruchstücke wurden versteckt. Wenn wir sie zusammenführen - selbst wenn ein oder zwei Teile fehlen -, würde das nicht die Welten wieder miteinander verbinden? Das ist doch der Grund, weshalb Schattenschwinge sie überhaupt haben will.« Entweder war ich unglaublich dumm, oder mir fehlten noch ein paar Stücke in diesem Puzzle.
Der König schüttelte den Kopf, und seine Mähne flog durch den Regen. »Das ist nicht genau unser Plan«, sagte er sanft. »Am besten erklärt Königin Asteria ihn Euch selbst.«
»Camille, schön, dich wiederzusehen.«
Ich zuckte zusammen, als die Elfenkönigin hinter einem ordentlich gestutzten Baum hervortrat. Ihre ältliche Gestalt schien verschwunden zu sein, und sie stand aufrecht und alterslos vor mir. Die Macht drang ihr aus allen Poren, so dass die Frau förmlich glühte. Hinter ihr erschien Titanias ehemaliger Geliebter - Tom Lane, oder vielmehr Tarn Lin. Neben ihm entdeckte ich Benjamin Welter, einen jungen Mann mit einer Spur Feenblut, den wir aus einer psychiatrischen Anstalt in der Erdwelt gerettet hatten. Und hinter ihnen kam ... Venus Mondkind? Was zum Teufel hatte der Schamane des Rainier-Pumarudels hier zu suchen?
»Euer Majestät! Tom ... Ben? Venus?« Ich wollte sie begrüßen, verstummte jedoch, als eine weitere Gestalt hinter einem weiteren Baum hervortrat. Es war Königin Tanaquar, und an ihrer Seite erschien mein Vater. Als mir bewusst wurde, dass ich mitten zwischen drei der größten Herrscher in der Anderwelt stand, wusste ich nicht, ob ich mich vor Ehrerbietung auf den Boden werfen oder in nervöses Kichern ausbrechen sollte.
Morio stupste mich in die Seite. Als er und Trillian Anstalten machten, sich zu verneigen, und ich in einen Knicks sinken wollte, winkte Königin Asteria ab. »Hier können wir auf Förmlichkeiten verzichten.« Sie bat uns mit einer Geste, auf dem kreisrunden Stück Rasen Platz zu nehmen, dass die Mitte des Labyrinths bildete. Das Gras war nass, aber ich ignorierte die Kälte. Feddrah-Dahns und sein Vater blieben stehen.
Als alle anderen saßen, sagte Königin Asteria: »Die Siegel können die Risse zwar nicht reparieren, doch wir haben festgestellt, dass man sie dennoch benutzen kann. Richtig eingesetzt, könnten wir mit ihrer Hilfe vielleicht die Portale und Grenzen stabilisieren.«
Ich starrte sie mit offenem Mund an. »Und wer soll sie benutzen?«, brachte ich schließlich ein wenig schrill hervor.
»Die Keraastar-Paladine. Die Ritter der Portale. Als ich Tarn Lin kennenlernte, war ich sicher, dass er aus irgendeinem Grund etwas Besonderes ist, und bei Benjamin ging es mir ebenso, also habe ich sie hierhergebracht. Meine Seher suchen nach weiteren Personen mit den gleichen Eigenschaften. Wir haben uns Venus Mondkind näher angesehen, und auch er besitzt die Energiesignatur, die wir suchen. Diese drei haben das Herz von dreien der Geistsiegel berührt. Sie sind tief mit den Edelsteinen verbunden.«
Ich begann leicht zu keuchen. »Aber sie sind alle menschlich ... na ja, Venus ist ein Werpuma, aber ...«
»Und das wird für alle neun Paladine gelten - seien sie männlich oder weiblich. Oder vielmehr werden sie alle aus der Erdwelt kommen. Anscheinend schmiedet die gegenseitige Prägung ein unzerstörbares Band. Nur sehr wenige sind in der Lage, sich auf diese Weise mit den Siegeln zu verbinden, aber es gibt ein paar ... Und wir brauchen sie hier, um sie als Hüter der Siegel auszubilden.«
Tausend Fragen schössen mir durch den Kopf. »Müssen sie alle das Siegel irgendwann einmal berührt haben? Warum können sie sie benutzen, ohne schlimme Folgen fürchten zu müssen? Was ist mit dem Siegel, das Karvanak uns gestohlen hat?«
»Geduld, Geduld«, entgegnete Tanaquar. »Bisher haben wir Folgendes herausgefunden: Nicht alle Keraastar hatten direkten Kontakt mit den Siegeln, aber in allen ihren Auren ist die gleiche energetische Signatur zu erkennen.«
»Sie können sie unbesorgt berühren, weil sie schon zuvor in Versuchung gerieten, ihre Macht zu benutzen, und sich entschieden haben, es nicht zu tun. Auch wenn ihnen das selbst nicht bewusst ist.« Königin Asteria seufzte. »Aber wir müssen mindestens sieben der Siegel haben, damit es richtig funktioniert. Wenn es weniger sind, würden wir das Gleichgewicht stören. Wir haben nur vier. Schattenschwinge hat eines. Damit sind noch vier im Spiel. Wir müssen mindestens drei davon finden, ehe uns die Dämonen zuvorkommen.«
Ich starrte sie an. Mein Instinkt warnte mich, dass sie einen sehr gefährlichen Weg einschlugen, aber was konnte ich schon sagen? Ich öffnete den Mund, um eine weitere Frage zu stellen, doch Morio stieß mir kräftig den Ellbogen in die Rippen, und ich ließ es sein.
Feddrah-Dahns' Blick huschte zu mir herüber, und ich sah auch in seinen Augen Besorgnis und Zweifel. Ebenso in Mistelzweigs Blick, obwohl man sich in Pixies sehr leicht täuschen konnte. Dennoch warnten mich beide mit Blicken, den Mund zu halten. Ich schaute zu Trillian hinüber, der Königin Asteria kühl beobachtete.
Königin Tanaquar lächelte schmal und wandte sich wieder an mich. »Der AND autorisiert dich, alles zu tun, was nötig ist, um die restlichen Geistsiegel zu finden. Du hast völlig freie Hand, und wir werden dir so viele Agenten zur Verfügung stellen, wie du brauchst. Wenn du versagst, werden wir alle versagen.«
Ich nickte nur, denn ich brachte kein Wort heraus. Die versammelten Adligen begannen sich zu unterhalten. Ich nutzte die Gelegenheit, mich umzuschauen. Feddrah-Dahns, Trillian und Morio waren sehr besorgt, verbargen das aber recht gut. Ich allerdings konnte die Sorge sehen, die ihre Auren in ganzen Wellen verströmten. Mein Vater hingegen betrachtete immer noch Königin Tanaquar. Plötzlich erkannte ich es - ein Band, das die beiden zusammenhielt.
Heilige Scheiße! Mein Vater trieb es mit der Königin von Y'Elestrial, und er hatte kein Wort darüber verloren.
Komplett aus der Fassung gebracht, beschäftigte ich mich damit, an den Blüten eines nahen Dreispitzbusches zu schnuppern. Sie ähnelten einer Mischung aus Rosen und Dahlien, blühten im Herbst und hatten einen erdigen, würzigen Duft. Ein paar Minuten später hob König Upala-Dahns die Versammlung auf, und er und die beiden Königinnen kehrten in den Palast zurück.
Ich konnte es kaum erwarten, außer Hörweite zu kommen und mit den anderen darüber zu reden, was Asteria und Tanaquar eigentlich mit den Geistsiegeln vorhatten. Außerdem wollte ich wissen, weshalb Morio mich daran gehindert hatte, diesen Plan zu hinterfragen, also drängte ich meine Begleiter, diesen Garten zu verlassen. Ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache und wollte nicht mitten im Weg stehen, wenn dieser Brocken richtig ins Rollen geriet.