Kapitel 18
Ich wich mit einem Satz vor dem Skelett zurück. Klingen boten nicht unbedingt die beste Verteidigung gegen Knochen, aber mein Dolch würde vorerst genügen müssen, denn nachdem ich so viel Magie durch meinen Körper geleitet hatte, war ich ausgebrannt. Ich brauchte einen klaren Kopf, wenn ich die Magie der Mondmutter herabrufen wollte - falls es dabei einen Kurzschluss gab, könnte das katastrophale Auswirkungen haben.
Ein rascher Blick über die Schulter sagte mir, dass Morio mit dem Zombie rang, der ihn angegriffen hatte. Das Gebrüll der anderen hallte über den Friedhof, als sie auf ihre Gegner trafen. Ich hoffte nur, dass Chase nichts passierte - er war von uns allen am verwundbarsten -, und wandte mich wieder dem Skelett zu. Als ich vordrang und nach der besten Möglichkeit suchte, das Ding zu attackieren, wich es nach links aus. Ich hatte zwar weder Delilahs spektakuläre Tritte aus dem Sprung drauf, noch besaß ich so viel Kraft wie Menolly, aber ich war einigermaßen fit, wenn es darum ging, mich in Bruce-Lee-Manier durch eine Auseinandersetzung zu mogeln.
Ich holte tief Luft, machte einen Ausfallschritt und hieb mit dem Dolch nach dem Knochenwandler.
Treffer! Ich erwischte ihn tatsächlich an der rechten Hand. Als mein Silberdolch auf den Knochen traf, schimmerte ein blasses Licht auf, und ich schaffte es, die Hand vom Arm zu trennen. Die herabgefallene Hand krabbelte über den Boden und suchte nach etwas, das sie anfallen konnte. Aber da jetzt kein Körper mehr daran hing, stellte sie keine große Gefahr dar. Das Ding würde einfach blind herumkrebsen, bis es zufällig irgendetwas zu packen bekam. Außer jemand fraß es vorher auf oder der Zauber verflog.
In den Augenhöhlen des Skeletts schimmerte ein widerlich grünes Leuchten, und der Kiefer klappte auf und zu, als versuchte das Ding zu sprechen. Glücklicherweise war die Magie, die es belebte, nicht mit Bewusstsein ausgestattet, so dass es nicht reden konnte. Ich wirbelte beiseite, als es mit der anderen Hand nach mir grapschte. Das Geschöpf hatte zwar kein Schwert oder sonst irgendeine Waffe, dafür aber übernatürliche Kraft, und es konnte mir mit Leichtigkeit die Luftröhre zerquetschen.
Ich hörte ein fieses Kichern von links, wandte mich um und sah, wie Menolly mit einem Satz auf einem weiteren Skelett landete. Es fiel unter ihr zusammen, und sie zerriss es lachend mit bloßen Händen in einzelne Knochen. Delilah war ganz in ihrer Nähe, und ihr Dolch sang durch die Nacht, während sie sich mit Kicks und Hieben förmlich durch den nächsten Knochenwandler hindurcharbeitete. Ich wandte mich wieder meinem eigenen Gegner zu, führte einen wohlkalkulierten Angriff und schaffte es, die linke Hand ebenso abzutrennen, wie ich ihm die andere abgeschlagen hatte.
»Könnte jemand ein zweites Paar Hände gebrauchen?«, brüllte ich im Rausch des Kampfes. Die Wilde Jagd erfüllte noch meine Seele, und die Freude an der Hatz strömte in meine erschöpften Muskeln und verlieh mir den dringend benötigten neuen Schwung.
Ich beschloss, es mal mit Menollys Methode zu versuchen, und warf mich mit einem Triumphschrei im Hechtsprung auf das Skelett. Es taumelte rückwärts, aber nicht schnell genug, und ich riss es mit einem großartigen Bodycheck zu Boden.
Wir landeten im Matsch, aber die Knochen waren hart und spitz, und es fühlte sich an, als wäre ich auf eine sehr steinige Wiese gefallen. Ich ignorierte den Schmerz, ließ das Heft meines Dolchs auf den Totenschädel herabsausen und schlug ihm ein Loch in die Stirn - dahin, wo der Stirnlappen gewesen wäre, wenn das Ding noch ein Gehirn gehabt hätte.
Es kreischte, als ich wieder mit dem Heft zuschlug und diesmal den Knochen zwischen Augenhöhlen und Nase zerschmetterte. Zwar wedelte es wild mit den Armen herum, aber ohne Hände konnte es nicht viel ausrichten, außer mich mit Elle und Speiche zu traktieren. Dachte ich zumindest, bis ich spürte, dass das Geschöpf mich umarmte und mich immer fester zwischen seine Ellbogen presste. Es versuchte, mich an seinen Rippen zu zerquetschen.
Mist. Offensichtlich hatte ich diese Aktion nicht weit genug durchdacht.
Ich versuchte mich zu befreien, aber das Ding war viel stärker als ich, obwohl ich bereits einigen Schaden angerichtet hatte. Der Knochenwandler hielt meine Hüfte umschlungen und würgte mich wie eine knochige Python.
Ich stemmte mich gegen den Boden und versuchte, genug Spielraum zu gewinnen, um mich aus dem Klammergriff zu befreien, doch meine Hände rutschten immer wieder weg, und ich fand keinen richtigen Halt. Alles verschwamm mir vor den Augen, und mir wurde klar, dass ich zu ersticken drohte.
»Relecta de mordente!« Wilburs Stimme hallte klar und deutlich über uns hinweg, und die Arme des Skeletts lösten sich von mir. Es wollte unter mir wegkrabbeln, um dem Gebeine-Bannzauber des Nekromanten zu entkommen.
Ich rollte mich zur Seite, rappelte mich auf und rang nach Luft, von Kopf bis Fuß mit Grasflecken und Matsch bedeckt. Während wir da standen und Wilbur mich mit einer Hand stützte, raste Menolly an uns vorbei. Sie schwang den Oberschenkelknochen eines besiegten Skeletts, zielte mit Wucht auf die Taille meines Gegners und zerschlug das Ding in zwei Hälften. Dann machte sie sich daran, es kurz und klein zu prügeln.
Ich blickte zu Wilbur auf. »Danke. Und das meine ich ganz aufrichtig«, sagte ich und wünschte, ich hätte nicht so gemeine Dinge über ihn gedacht.
Da grinste er - nicht direkt ein freundliches Grinsen, aber es genügte fürs Erste. »Die haben es in sich.« Damit eilte er der letzten Dreiergruppe Knochenwandler entgegen.
Delilah erledigte gerade zwei Skelette, und ich starrte blinzelnd ins Halbdunkel. Da bewegte sich etwas neben ihr. Zuerst hielt ich es für einen großen Hund, doch als ich die Augen zusammenkniff, erkannte ich die Gestalt einer großen, geisterhaften Raubkatze.
Arial! Ihre Zwillingsschwester, die längst verstorben war, wachte immer noch über sie! Ich sah zu, wie der in Nebel gehüllte Leopard eines der Skelette ansprang und Delilah damit Gelegenheit verschaffte, das andere zu attackieren. Zusammen machten sie die beiden Knochenwandler fertig. Dann wandte Arial sich um, blickte zu Delilah auf, und im nächsten Augenblick war sie verschwunden.
Ich lächelte und bemerkte kaum, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Arial war nicht nur Delilahs verloren geglaubter Zwilling, sie war auch meine und Menollys lange verschollene Schwester. Wir hatten bis vor ein paar Monaten nicht einmal von ihr gewusst und versuchten immer noch, die Puzzlestücke zusammenzusetzen. Vater weigerte sich, darüber zu reden, und wollte uns nicht mehr sagen, als dass sie die erste Nacht nicht überlebt hatte. Also hatten er und Mutter beschlossen, uns nichts von ihr zu erzählen, und sie in aller Stille in unserem Familiengrab beerdigt.
Ich wischte mir die Augen, womit ich es nur schaffte, mir Schmutz übers ganze Gesicht zu schmieren, und blickte mich um. Die übrigen wandelnden Leichen, darunter auch die beiden Zombies, waren praktisch nur noch Staub. Wir standen auf dem jetzt stillen, leeren Friedhof zwischen verstreuten Knochensplittern.
Wir kamen in der Mitte zusammen. Alle waren schmutzig und sahen erschöpft und müde aus.
»Ich habe sie gesehen«, raunte ich Delilah zu.
Sie schaute mich an, und der nächste Blitz erhellte ihr sanft lächelndes Gesicht. »Das freut mich. Ich bin froh, dass noch jemand außer mir sie sehen kann.«
»Ich glaube, die ganze nekromantische Energie hier hat mir geholfen.«
Menolly warf mir einen fragenden Blick zu, doch ich schüttelte den Kopf. »Später.«
Sie nickte.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Delilah.
»Wir müssen den Zauber brechen, der durch die Ley-Linie strömt, sonst ruft er sie einfach immer weiter aus ihren Gräbern. Und wenn die Knochenbrecherin an einer anderen Linienkreuzung noch mehr Magie in den Strom leitet, wird sich die Wirkung auch irgendwann bis hierher ausbreiten. Wir müssen Stacia finden.« Ich wandte mich Morio und Wilbur zu. »Was habt ihr zu bieten? Was können wir tun, um die Magie zu unterbrechen, die sie hierhergeschickt hat?«
Wilbur zog eine Augenbraue hoch. »Ich könnte da etwas versuchen, aber wenn ich das tue, wird sie merken, was ihr vorhabt. Man kann die Energie umpolen, so dass sie zu ihr zurückschießt. Wie ein überdehntes Gummiband.«
Ich schüttelte den Kopf und fragte: »Fällt dir nicht noch etwas anderes ein? Ich will sie nicht warnen, dass wir ihr auf der Spur sind.«
»Ich hätte da eine Idee.« Roz hockte sich hin und untersuchte die Erde auf einem der zerwühlten Gräber. »Ich bin nicht sicher, wie das genau geht, aber ich habe mal zugesehen, wie jemand eine bestimmte magische Methode angewandt hat - vor langer Zeit, bevor ich zum Incubus wurde. Die Technik hat gewirkt wie die Knoten, die man in eine Nabelschnur bindet.«
»Wie bitte?« Ich starrte ihn an. »Ich habe noch nie ein Baby bekommen, eines entbunden oder auch nur bei einer Geburt zugeschaut. Wovon sprichst du also?«
»Ich weiß, was er meint«, mischte Chase sich ein. Delilah legte ihm eine Hand auf den Arm, und er tätschelte sie geistesabwesend. »Ich war schon bei ein paar Geburten dabei ...«
»Tatsächlich?«, fragte ich.
»Tu nicht so überrascht. Ich bin Polizist. Polizisten müssen bei allen möglichen Unfällen, Geburten und was weiß ich noch Hilfe leisten.« Er streckte mir die Zunge heraus und schnaubte lächelnd. Dann wandte er sich wieder Roz zu und fuhr fort: »Man bindet zwei Knoten in die Nabelschnur, mit etwas Platz dazwischen. Wenn man die Nabelschnur zwischen den Knoten durchtrennt, verhindert man dadurch, dass es aus beiden Enden blutet. Und nach allem, was ich bisher über Magie gelernt habe, könnte es verhindern, dass der Zauber herausrinnt. Die Dämonin würde vielleicht nicht sofort etwas merken. Und ... würde sich dadurch nicht auch die Magie in der Ley-Linie zerstreuen?«
Verblüfft starrte ich Chase an. »Inzwischen hast du den Jargon ganz gut drauf, was?«
Er lächelte.
»So ist es«, sagte Roz und klopfte ihm kräftig auf die Schulter. »Aber wir brauchen die Magie in der Ley-Linie nicht zu kauterisieren - wir wollen ja, dass sie herausrinnt. Wir wollen nur nicht, dass Stacia es merkt.«
Allmählich verstand ich, was er meinte. »Also müssten wir eine Art magischen Druckverband anlegen. Wir stauen den Fluss der Energie und unterbrechen den Zauber ein Stück weiter abwärts. Die Frage ist, weiß einer von uns, wie man das macht?«
Wilbur und Morio wechselten einen Blick. Ich sah ihnen an, dass beide ihr persönliches Repertoire an Zaubern durchgingen. Während sie noch überlegten, ging ich ein paar Schritte beiseite, rief Iris an und erklärte ihr schnell, was wir brauchten.
»Kannst du so etwas?«
Sie zögerte und sagte dann: »Ja. Das kann ich. Es ist an sich nicht gefährlich, aber wenn die Magie aus der Ley-Linie fließt, wird es einen ziemlichen Rückschlag geben. Braucht ihr mich?«
»Ja, aber du kannst Maggie nicht allein lassen.«
»Sie wird nicht allein sein«, entgegnete Iris und seufzte. »Bruce ist hier. Und ... Smoky ist eben zurückgekommen.«
Mir sackte der Magen in die Kniekehlen. Ich wollte nur noch auf der Stelle nach Hause rasen und herausfinden, was er mir zu sagen hatte. »Hat er jemanden mitgebracht?«
»Nein, und er will nicht darüber reden, ehe du wieder da bist. Ich lasse mich schnell von Bruce zum Friedhof fahren.
Er ist mit seinem Wagen samt Fahrer hier. Und ich sage Smoky, dass es dir gut geht, damit er ja nicht meint, er müsse unbedingt mitkommen.« Als sie auflegte, drehte ich mich zu den anderen um.
Morio schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass ich das kann. Ich weiß nicht, was ich dazu benutzen sollte.«
Wilbur zuckte mit den Schultern. »Ich bin auch nicht sicher, ob ich -«
»Kein Problem«, unterbrach ich ihn. »Iris kann das, und sie ist schon unterwegs hierher.« Ehe sie fragen konnten, fügte ich hinzu: »Smoky ist wieder da, also kann Bruce sie mit seinem Wagen herbringen.«
Als ich mich ein Stück von den anderen entfernte, folgten Trillian und Morio mir nach.
»Kommt die Eidechse auch?« Trillian wirkte genervt, aber nicht wütend.
»Noch nicht«, sagte ich und hörte meine eigene Stimme kaum. In Gedanken war ich mit so vielem beschäftigt, unter anderem unerträglicher, gespannter Neugier darauf, was im Drachenrat passiert war.
Bald erschien Iris. Sie ging einmal um den alten Teil des Friedhofs herum und ertastete die Energie. Sie trug einen dicken Umhang gegen den unablässigen Regen und den aufsteigenden Nebel und hatte ihren Kristallzauberstab aus Aqualin mitgebracht.
Wir beobachteten, wie sie den Zauberstab als eine Art Wünschelrute benutzte, um genau die Stelle zu finden, wo die Knochenbrecherin den Zauber in die Ley-Linie geleitet hatte. Es dauerte nicht lange, bis sie innehielt. Sie stand neben einem Abflussgitter mitten in einem Zugang zu einer Grabreihe.
»Hier ist es. Dieser Gully führt zu einer Abwasserleitung, die in die Kanalisation mündet. Das Gitter und der Abfluss liegen zufällig auch genau auf der Ley-Linie. Dadurch, dass sie ihren Zauber in den Gully geschossen hat, wurde er in die Energie der Erde eingesogen.«
»Gut gemacht«, sagte Morio und trat zu ihr. Er beugte sich vor und starrte in den Gully. »Deswegen waren wahrscheinlich auch nur die Gräber hier betroffen. Die neueren Bereiche des Friedhofs liegen östlich von hier, hinter dem Tor da. Weit genug weg von der Ley-Linie, dass der Zauber sie nicht erreichen konnte.«
»Wir sollten das genau festhalten«, sagte Delilah und schob bibbernd die Hände in die Taschen ihrer Jeansjacke. »Morgen komme ich mit Iris wieder hierher und zeichne in eine Karte ein, wo die Linie durch den Friedhof verläuft.«
»Was jetzt? Wie können wir dir helfen?« Ich trat zu ihnen und schloss die Augen. Ich war müde, konnte aber dennoch das Summen dämonischer Magie wahrnehmen, die dicht unter meinen Füßen entlangjagte, vermischt mit dem Pulsieren der Ley-Linie. Zusammen schufen sie einen eigenartig rhythmischen Klang, wenn auch verzerrt und schräg.
»Ihr könnt mir helfen, indem ihr ein Stück zurücktretet und euch bereitmacht, gegen alles zu kämpfen, was aus dem Gully aufsteigt oder sich aus dem Boden wühlt. Das ist ein kniffliger Zauber«, erklärte Iris. »Wenn ich den Fluss der Magie unterbreche, wird sie aus der Ley-Linie herauslaufen und sehr wahrscheinlich irgendetwas Hässliches hervorbringen. Etwas richtig Hässliches, und damit meine ich nicht nur das Aussehen. Ich werde vollauf damit beschäftigt sein, dafür zu sorgen, dass die Lamic die Unterbrechung nicht bemerkt, also werdet ihr mir den Rücken freihalten müssen.«
Wir verteilten uns, bereit, es mit allem aufzunehmen, was hoffentlich nicht kommen würde.
Iris bedeutete uns, still zu sein, und konzentrierte sich auf das Gullygitter.
Jetzt konnte auch ich die Energie sehen, den Strudel, der durch den Zauber der Knochenbrecherin entstanden war und in die Energie des Landes hineindrängte. Es sah aus wie zwei Wirbelstürme, die miteinander rangen. Iris arbeitete ein paar Meter abseits der Stelle, an der sich die Energien kreuzten, und kniff den Zauber irgendwie zusammen, damit er nicht plötzlich abbrach und Stacia aufmerksam wurde. Geschickt wob sie mit dem Zauberstab ein frostiges Netz um den Zauber der Lamie. Dann zog sie es langsam immer enger zusammen.
Die Energie würde einen Rückstau bilden, und Stacia musste ihn irgendwann bemerken, aber wenn wir Glück hatten, würden wir sie aufspüren und auslöschen, ehe sie ganz begriffen hatte, was vor sich ging. Einer der wenigen Vorteile, wenn man es mit mächtigen Gegnern zu tun hatte: Sie verloren bei ihren zahlreichen Untaten manchmal den Überblick, und sie arbeiteten mit so viel Magie, dass ein kleines Leck wie dieses durchaus ein paar Tage lang unbemerkt bleiben könnte.
Etwa fünfzehn hochkonzentrierte Minuten später waren wir alle durchgefroren und klatschnass. Iris sah mich an und nickte. Sie zückte einen Dolch, der ebenso scharf wie unbarmherzig aussah. Mit einer schnellen Bewegung stieß sie ihn in den spürbaren Strang aus Magie, schnitt ihn ab, durchtrennte die Schnur.
Eins... zwei ... drei... Heilige Scheiße! In einer Sekunde stand ich noch mit gezücktem Dolch da und wartete darauf, was passieren würde. In der nächsten erschütterte eine Explosion den alten Friedhof und schleuderte uns alle durch die Luft. Ich wurde von den Füßen gerissen und landete gut zwei Meter weiter hinten im Gras.
Ich rappelte mich hoch und bewegte mich vorsichtig, um zu überprüfen, ob ich mir etwas gebrochen hatte, doch inzwischen waren meine Klamotten so schwer von Regen und Matsch, dass sie meinen Sturz ein wenig abgepolstert hatten. Ich sah mich um und versuchte festzustellen, ob irgendetwas hierher durchgebrochen war. Nichts ... da auch nicht ... und dann entdeckte ich Wilbur. Er lag auf dem Boden und griff sich verkrampft an den Hals.
»Wilbur - helft ihm!« Ich rannte zu ihm hinüber.
Menolly war vor mir da. Sie fiel auf die Knie und tastete verzweifelt in der Luft über ihm herum. »Ich kann nicht sehen, was ihn erwischt hat.«
»Ich schon!« Morio stieß sie beiseite.
Menolly erschrak und fauchte, fasste sich jedoch rasch und hockte sich wieder hin, bereit, Morio zu helfen.
»Was ist es denn?« Ich kniete mich auf Wilburs andere Seite.
Morio fuhr über Wilburs Hals mit der Hand durch die Luft und flüsterte etwas. Der Umriss eines Gremlins wurde sichtbar. Gremlins stammten aus der Schattenwelt und waren wichtelähnliche Geschöpfe. Sie waren zwar keine richtigen Dämonen, aber dennoch gefährlich, und sie ernährten sich von seelischer Energie. Das Wesen, das ein wenig an Yoda erinnerte, hielt Wilburs Kopf mit den breiten, gespreizten Händen umfangen und hatte die Füße um seine Kehle geschlungen.
»Was können wir machen? Wie töten wir das Ding?«
Delilah winkte mich beiseite. »Ich weil? ja nicht, was es töten kann, aber ich weiß, wer. Alle Mann zurücktreten.« Sie sprach so energisch, dass wir alle innehielten und sie einen Moment lang anstarrten, ehe wir hastig zurückwichen. Sie schloss die Augen, und ihre Aura veränderte sich. Ehe noch jemand ein Wort sagen konnte, flimmerte die Luft um sie herum, und sie nahm ihre Panthergestalt an, aber sie war nicht allein. Neben der schwarzen Raubkatze erschien der verschwommene Schemen eines goldenen, gefleckten Leoparden.
»Arial«, keuchte ich.
»Wer ist das?«, fragte Morio mit weit aufgerissenen Augen.
Menolly blickte sich hektisch um. »Wer ist wer? Wovon redet ihr eigentlich?«
Chase und Trillian schauten ebenso verwirrt drein, doch Roz sagte: »Ich sehe sie«, und Vanzir fügte hinzu: »Ich auch.«
Ich wandte mich den anderen zu. »Das ist unsere Schwester - Delilahs Zwilling. Sie ist kurz nach der Geburt gestorben, aber sie wacht in ihrer Tiergestalt über Delilah.«
Trillian blinzelte. »Dann ist es also wahr.«
Ich drehte mich zu Delilah und Arial um, die sich von beiden Seiten in den Gremlin verbissen. Das Geschöpf kreischte, versuchte sich zu befreien und lockerte den Würgegriff um Wilburs Hals. Menolly schoss vor und zerrte Wilbur unter dem Gremlin weg, der jetzt zu einem großen Katzenspielzeug wurde.
Arial und Delilah spielten mit ihm Tauziehen, wobei ich wirklich nicht zuschauen wollte, aber ich konnte nicht anders - es war wie ein schlimmer Autounfall, unmöglich, da nicht hinzustarren. Dann ließ Delilah los, und Arial verschwand mit dem erschlafften Gremlin im Maul.
Delilah tapste zu Wilbur hinüber, leckte ihm das Gesicht und schaute dann zu mir hoch. Ich sank neben ihr auf die Knie, schlang ihr die Arme um den Hals und drückte ihr einen Schmatz auf die Nase. Sie grollte leise, rieb den Kopf an meiner Schulter und schnurrte laut. Sobald ihre Energie zu singen und zu flimmern begann, wich ich zurück. Sekunden später war sie wieder sie selbst. Sie hockte auf dem Boden und schüttelte den Kopf. Ich half ihr auf und stützte sie ein wenig, während sie sich blinzelnd umsah.
»Geht es ihm gut?«
»Gleich«, sagte Trillian. Er und Chase knieten neben dem Nekromanten und prüften seinen Puls und die Pupillen. Wilbur schien wieder zu sich zu kommen, und sie zogen ihn auf die Füße.
Er rieb sich mit verzerrtem Gesicht den Hals. »Das hat verflucht weh getan. Was zum Teufel war das für ein Viech?«
»Ein Gremlin. Es überrascht mich, dass du als Nekromant noch nie mit denen zu tun hattest«, antwortete ich.
»Ach, ich hatte schon mit diversen Biestern aus dem Schattenreich zu tun, aber nicht mit Gremlins. Kommen die häufig vor?« Er reckte den Hals und rollte den Kopf zwischen den Schultern hin und her. »Das Ding hatte einen höllischen Würgegriff, das kann ich euch sagen. Es hat sich angefühlt, als wollte es mir die Seele aussaugen.«
»Es gibt einige Geschöpfe, die sich von Seelenenergie ernähren«, erklärte Vanzir und trat vor. »Ich bin selbst ein Seelenfresser, aber ich bin nicht allein auf psychische Energie angewiesen, also gebe ich mir Mühe, dem Verlangen nicht nachzugeben. Gremlins und andere kleine Wesen ihrer Art brauchen sie hingegen zum Überleben. Und ja, sie sind weit verbreitet. Leute, die ohne erkennbaren Grund schon beim Aufwachen immer müde sind oder sich plötzlich völlig erschöpft fühlen, wenn sie sich an bestimmten Orten aufhaltet1* sind oft Gremlins begegnet, ohne es zu merken.«
»Gibt es eine Möglichkeit, das Haus gegen sie zu schützen? Ich sollte sie bannen«, sagte Wilbur.
»Über Schutzzauber reden wir später«, mischte ich mich ein. »Jetzt ist erst mal wichtig, dass Delilah dich gerettet hat und das Ding verschwunden ist.« Ich wandte mich Iris zu »War das alles, was hierher durchgebrochen ist?«
Sie nickte. »Ja. Ich habe einen Ansturm gespürt, sozusagen, und das war's. Aber wir sollten uns beeilen. Wir können nicht wissen, wie lange es dauert, bis die Knochenbrecherin merkt, dass ihr Zauber nicht mehr funktioniert. Und wenn sie herkommt, um nachzusehen, warum, dann sollten wir nicht mehr hier sein.«
»Vielleicht doch«, warf Vanzir ein. »Vielleicht sollten wir das Gebiet sogar überwachen - gäbe es eine bessere Möglichkeit, sie aufzuspüren?«
»Aber würde sie dazu herkommen müssen? Was, wenn sie merkt, was passiert ist, und den Zauber einfach von da, wo sie jetzt ist, auflöst?« Ich runzelte die Stirn. »Ich will niemandem einfach so hier draußen lassen - das ist zu gefährlich, und außerdem sind wir dann wieder einer weniger.«
»Nicht wenn wir eine Überwachungskamera installieren^» sagte Chase. »Ich könnte meine Männer mit einem kabellosen Überwachungssystem kommen lassen, würde nicht lange dauern. Sie können es in den Bäumen verstecken und auf dieStelle ausrichten, wo Iris den Zauber abgetrennt hat. Went"1 die Lamie dann auftaucht, sehen wir sie auf dem Bildschirm1 im Revier. Dann haben wir zumindest mal unser Ziel siehe1" erfasst.«
»Wie schnell können deine Leute hier sein?«
»In etwa einer Stunde.«
Ich wechselte einen Blick mit Menolly, und die nickte.
»So viel Zeit haben wir, glaube ich«, sagte sie. »Es ist noch nicht spät. Ich kann hier auf sie warten und ihnen Rückendeckung geben.«
»Okay, so machen wir's. Menolly, du und Chase bleibt hier, bis die Kamera installiert ist. Alle anderen - zurück nach Hause.« Wir marschierten zu den Autos und ließen Chases Wagen da, damit er Menolly später nach Hause fahren konnte. Unterwegs holte Delilah zu mir auf und zog mich ein Stück beiseite.
»Was ist los?«, fragte ich.
Sie runzelte die Stirn. »Ich wollte mit dir über etwas sprechen ... bevor wir es tun. Das ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, aber ich fürchte, in nächster Zeit wird auch kein besserer mehr kommen. Ich bitte niemanden um Erlaubnis, wir haben unsere Entscheidung getroffen, aber ich muss es dir sagen, und Menolly wird stinksauer sein, wenn sie es herausfindet.«
»Was hast du jetzt wieder angestellt?« Ich wandte mich ihr zu und sah ihr prüfend ins Gesicht. Der Blick ihrer smaragdgrünen Augen wirkte ein wenig schuldbewusst, aber da war noch mehr - Angst. »Du hast Angst davor, wie ich darauf reagieren könnte? Erzähl es mir. So schlimm kann es gar nicht sein.«
»Chase und ich haben eine Entscheidung getroffen. Bei dem Lithafest, das Aeval, Titania und Morgana veranstaltet haben, habe ich eine Flasche Nektar des Lebens geklaut. Chase wird ihn trinken. Damit wir noch lange zusammen sein können.« Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Wir planen das für die Tagundnachtgleiche.«
Nein. Nein-nein-nein. Das war ganz falsch. »Kätzchen, hör mir zu. Er darf das Zeug nicht einfach runterkippen. Es gibt bestimmte Rituale, die vollzogen werden müssen, wenn ein VBM den Nektar des Lebens trinkt. Er muss auf die Auswirkungen vorbereitet werden. Ihr setzt seine geistige Gesundheit aufs Spiel, wenn ihr es nicht genau richtig macht.«
»Aber was sollen wir denn machen? Wer würde dieses Ritual für uns abhalten? Du weißt genau, dass niemand zu Hause dazu bereit wäre. Nicht einmal Vater - obwohl er Mutter geliebt und ihr das Lebenselixier selbst angeboten hat, würde er das niemals tun. Ich glaube, es wird nie einen Mann geben, der seiner Meinung nach gut genug für uns wäre.« Sie schien den Tränen nahe zu sein. »Ich will nur Chase die Gewissheit geben, dass er, wenn er will, für immer mit mir zusammen bleiben kann.«
»Süße, hör mir zu. Versprich mir, dass ihr das nicht tun werdet - es ist überstürzt und gefährlich. Wenn du mir dein Wort darauf gibst, verspreche ich dir, dass ich jemanden finde, der euch durch das Ritual führen kann. Bis zur Tagundnachtgleiche werde ich es kaum schaffen, aber ich werde euch helfen. Ich will nur, dass ihr beide das heil und gesund übersteht.«
Eigentlich wollte ich, dass sie die Sache gleich wieder vergaß. Chase schien mir nicht der Typ Mensch zu sein, der mit tausend Jahren Leben gut zurechtkommen würde, aber immerhin konnte ich mich auch täuschen. Ich wusste nur: Wenn sie ihren Plan durchzogen, würde der Detective sich bald verabschieden, und das auf besonders unschöne Art.
Sie biss sich auf die Lippe und nickte schließlich. »Also gut. Aber du hast mir versprochen, uns zu helfen, und ich werde dich daran erinnern.«
»Ja, ich weiß«, sagte ich und dachte an die vielen Versprechen, die wir im Lauf der Jahre gegeben hatten - ein paar davon erwiesen sich als echte Bumerangs. Und dann waren da noch die Versprechen, die andere uns gegeben hatten und die uns jetzt unter den Füßen wegzubrechen drohten.
Smoky zum Beispiel. Smoky, Morio und ich waren seelenverbunden, aber würde dieses Versprechen - dieses geschworene Band - auch gegen den Willen seiner Familie Bestand haben? Er wartete zu Hause auf mich, aber mit was für Neuigkeiten? Würde er bleiben? Oder konnte seine Familie ihn zwingen, in ihren Schoß zurückzukehren? Würde er das Band zerreißen, das unsere Seelen miteinander vereinte?
Und wenn er blieb, würden Smoky und Trillian sich wieder einmal gegenüberstehen. Aber jetzt hatte Smoky einen Anspruch auf mich, den Trillian nicht hatte, und wie würde sich das Kräfteverhältnis dadurch verändern? Ich wusste zwar, dass ich mich lieber unseren Problemen mit der Knochenbrecherin widmen sollte, aber als wir in die Autos stiegen, konnte ich nur an die Liebe denken, die Smoky mir geschenkt hatte, und ob sie noch da sein würde, wenn ich nach Hause kam.