Kapitel 16
Benommen öffnete ich die Augen und versuchte, mich aufzurichten. Meine Schulter brannte. Genauer gesagt schmerzten beide Schultern höllisch, und mir war warm, als hätte ich leichtes Fieber. Ich blinzelte ins Morgenlicht und versuchte festzustellen, wo ich mich befand. Ich war nicht mehr im Tiefen Tann, so viel wusste ich immerhin. Nein, ich lag in einem Bett mit einer dicken Steppdecke. Ich rollte mich zur Seite, stemmte mich zum Sitzen hoch und hörte, dass sich noch jemand regte. Morio wachte auch gerade auf, neben mir unter der Decke.
»Camille, wie fühlst du dich?« Trillians Stimme drang wie durch Nebel zu mir, als er sich neben mich setzte und mir einen Becher schwarzen Kaffee in die Hand drückte. Iris stand an der Tür mit einer weiteren Tasse, vermutlich für Morio.
»Wie der Tod auf Latschen. Wo sind wir?« Ich blickte mich um. Der Raum war ordentlich und sah gemütlicher aus als jedes Zimmer, das ich kannte.
»In einem Gasthaus. In Dryfor.« Trillian umfing meine Hände, damit ich den heißen Kaffee nicht verschüttete, und ich schlürfte gierig.
»Wo hast du hier drüben bloß Kaffee aufgetrieben?« Die Anderwelt bot viele Annehmlichkeiten, doch Kaffee gehörte nicht dazu. Wir waren damit aufgewachsen, zu besonderen Gelegenheiten welchen zu bekommen, weil Vater von jedem Besuch in der Erdwelt Kaffee für unsere Mutter mitbrachte, aber die meisten Feen hatten noch nie davon gehört.
»Ohne einen kleinen Vorrat gehe ich nirgendwohin«, erklärte Trillian lächelnd. »Also, kannst du dich daran erinnern, was heute Morgen passiert ist?«
»Nicht so richtig«, sagte ich und wandte mich zu Morio um, der gierig die dampfende Kaffeetasse von Iris entgegennahm. »Und du?«
Er runzelte die Stirn. »Vage, aber ich weiß nichts mehr, nachdem ...«Er verstummte, und ich wusste, woran er dachte.
Ich blickte mich wieder in dem Zimmer um. »Wie sicher sind wir hier?«
Trillian gab Iris einen Wink, die den Kopf in den Flur hinaussteckte, um sich zu vergewissern, dass niemand vor der Tür lauschte. »Einigermaßen sicher. Feddrah-Dahns ist allerdings unten geblieben. Sie wollen ihn nicht die Treppe hinauflassen.«
»Das ist gut, denn ich weiß nicht, wie viel ich ihm erzählen darf oder was er schon weiß.« Ich zögerte kurz und platzte dann einfach damit heraus. »Letzte Nacht habe ich das Schwarze Einhorn der Mondmutter geopfert.«
Trillian spitzte die Lippen und stieß einen leisen Pfiff aus. »Deshalb also dieser Aufruhr.«
»Was für ein Aufruhr?«
»Als du und der Fuchswelpe von der Astralebene gestolpert kamt, war noch eine Frau bei euch - eine Priesterin der Mondmutter. Sie hat uns aufgescheucht und uns gesagt, wir müssten euch noch vor Sonnenaufgang aus dem Diesteltann schaffen. Das war überhaupt nur möglich, weil sie uns Pferde mitgebracht hat. Wenn man sie so bezeichnen kann.«
Iris räusperte sich. »Sie waren Skelette, ziemlich grausig sogar, aber sie liefen so schnell wie der Wind und blieben erst kurz vor den ersten Häusern von Dryfor stehen. Ehe wir noch ein Wort sagen konnten, waren sie verschwunden. Die Priesterin lässt dir ausrichten, dass jemand Kontakt zu dir aufnehmen werde, wenn du wieder erdseits bist. Und sie hat uns nahegelegt, uns schleunigst von hier zu verziehen, sobald ihr beiden halbwegs bei Kräften seid.«
»Camille, schau mal«, sagte Trillian.
»Was soll ich denn anschauen?«
»Deinen Rücken.« Er nahm einen kleinen Handspiegel von der Kommode. Ich blickte über die Schulter zurück.
Auf dem rechten Schulterblatt zierte eine neue Tätowierung meine Haut. Gegenüber der silbernen Spirale auf der linken Schulter, die mich als Mondhexe kennzeichnete, befand sich nun der Umriss einer schwarzen Eule, die über eine prachtvoll dargestellte Mondsichel mit nach oben deutenden Hörnern flog. Die Mondsichel ruhte auf einem dunklen Kreis.
Das Emblem, das alle Priesterinnen der Mondmutter tragen.
Ich hielt den Atem an und betrachtete die schimmernde, glänzende Tätowierung. Die Spirale auf meiner linken Schulter strahlte ebenso, und es sah aus, als sei mein Rücken mit Diamanten und Onyx geschmückt, nicht mit der Tinte der Mondmutter.
»Ich bin Priesterin«, flüsterte ich.
Iris nickte mit ernster Miene. »Allerdings, Camille. Bald wird dich jemand besuchen und dir helfen, dich zurechtzufinden, aber jetzt müssen wir uns beeilen.«
»Sollen wir es Feddrah-Dahns sagen?«, fragte Morio.
Sobald die Worte an meine Ohren drangen, schüttelte ich den Kopf. »Ich weiß nicht. Es könnte sicherer für uns sein ... vielleicht sollte er es lieber nicht erfahren. Ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist, die Sache möglichst geheim zu halten und uns schnell nach Hause abzusetzen. Die Priesterin hatte recht. Helft uns nur, uns anzuziehen, dann verschwinden wir von hier.«
»Was ist mit der Reise durch die Portale? Wie sollen wir das machen?«
»Am besten schleichen wir uns wohl zurück nach Dahnsburg und springen von dort aus. Wir sind nicht allzu weit weg von dem Portal in der Nähe des Diesteltanns. Wir kehren auf demselben Weg zurück, auf dem wir hergekommen sind, und beten darum, dass sie uns nicht erwischen.«
Ich wollte meinen Rock hochziehen, hielt aber inne. Alle meine Klamotten waren durchweicht von Matsch, Tau und Blut. »Entzückend. Das kann ich nicht anziehen«, sagte ich und betrachtete die klatschnasse Sauerei. »Ich würde aussehen wie eine Hexe, die heute die Schule des Satans schwänzt. Ich war nackt, als ich ihn getötet habe, aber meine Klamotten haben trotzdem einiges abbekommen.«
Iris lachte. »Darum kümmere ich mich. Ihr beide habt einen hübschen Anblick geboten, als wir euch hergebracht haben. Ich habe dich so gut wie möglich gesäubert«, fügte sie hinzu und errötete, als sie Morio ansah. »Dich auch.«
»Danke, Iris«, sagte er und zwinkerte ihr zu. »Du bist ein Schatz.«
Sie errötete wieder und hielt dann einen Beutel hoch. »Während ihr geschlafen habt, bin ich auf dem Morgenmarkt einkaufen gegangen. Ich konnte nicht viel finden, aber ... hier.« Sie holte ein schlichtes Kleid in einem leuchtenden Blau hervor und reichte es mir zusammen mit einem schön gearbeiteten Ledergürtel. Morio hielt sie eine braune Hose und eine grüne Tunika hin. »Eure Schuhe habe ich sauber bekommen, sie stehen da drüben in der Ecke.«
Wir zogen uns rasch an, stopften unsere schmutzigen Klamotten in den Beutel, kauten im Gehen etwas Brot und Käse und eilten die Treppe hinunter.
Feddrah-Dahns und Mistelzweig warteten auf uns. Der Einhorn-Prinz überraschte mich, indem er mich mit einer Kopfbewegung beiseitenahm. »Priesterin Camille, Ihr könnt gewiss sein, dass mein Vater von mir nicht erfahren wird, was sich zugetragen hat. Das zu enthüllen steht allein dem neuen Herrn der Dahns-Einhörner zu.«
Priesterin? Ich starrte ihn an. »Ihr wisst, was passiert ist?«
Er nickte. »Selbstverständlich. Ich habe seinen Tod gefühlt. Alle Dahns-Einhörner haben ihn gefühlt - er hat uns tief erschüttert. Doch niemand außer mir weiß genau, wie es geschehen ist. Jedes Mal, wenn er wiedergeboren wird, spürt die Herde sein Hinscheiden.«
»Das hätte mir klar sein müssen«, sagte ich. »Was wird Euer Volk von mir denken? Werden die Einhörner mich hassen?«
Feddrah-Dahns schüttelte den Kopf. »Nein. Zumindest nicht mein Volk. Andere sehen in dieser Sache womöglich nicht so klar.« Er zögerte, als überlegte er, wie viel er mir sagen sollte. »Ihr müsst verstehen: Das Schwarze Tier hat Euch auserwählt, Lady Camille. Sein Befehl ist den Dahns-Einhörnern heilig.«
»Gibt es dann überhaupt ein Problem?«
»In gewisser Weise, ja. Mein Vater würde von Euch verlangen, dass Ihr Euch bestimmten Ritualen unterzieht, und dazu habt Ihr keine Zeit. Ich ahne, dass in der Erdwelt Dinge vorgehen, um die Ihr Euch kümmern müsst. Also werde ich dafür sorgen, dass Ihr ohne irgendwelche Fragen durch die Portale zurückreisen könnt.«
Spontan schlang ich ihm die Arme um den Hals und küsste ihn auf die Backe. »Ihr seid ein wahrer Freund, Feddrah-Dahns. Bitte gebt gut auf Euch Acht. Ich könnte es nicht ertragen, wenn Euch etwas zustoßen sollte. Jedes kleine Mädchen träumt davon, ein Einhorn wie Euch an seiner Seite zu haben. Ihr seid das Einhorn aus den Legenden, und an dem Tag, da Ihr den Thron besteigt, bekommt Euer Volk den edelsten Herrscher, den es sich nur erträumen könnte.«
Der Morgen verflog in der Hetze von einem Portal zum nächsten, wobei wir den Einhörnern und Elfen ausweichen mussten. Mittags traten wir aus dem Portal in Großmutter Kojotes Wald, und ich atmete auf. Wir waren sicher nach Hause gekommen, aber nichts würde je wieder so sein wie zuvor. Das sagten mir die Male auf meinem Rücken.
Großmutter Kojote war nirgends zu sehen. Ausnahmsweise einmal war ich enttäuscht, nicht erleichtert. Ich wollte sie wegen der Geistsiegel um Rat fragen. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass Tanaquar und Asteria die Sache ganz falsch anpackten, wenn auch unabsichtlich, und ich war bereit, für den Rat einer Expertin einen hohen Preis zu bezahlen. Doch als wir aus dem Portal traten, war sie nicht da.
Ich sah mich suchend nach ihr um - nichts. Ich seufzte und zückte mein Handy. Delilah ging zu Hause ans Telefon.
»Wir sind wieder da. Kannst du uns abholen?«
»Den Göttern sei Dank, dass ihr zu Hause seid«, sagte sie mit angespannter Stimme. »Chase hat schon mehrmals nachgefragt, wo zum Teufel du und Morio steckt. Anscheinend steppt auf dem Wedgewood-Friedhof neuerdings der Bär, und Menolly und ich können allein nicht viel ausrichten. Ich bin in zehn Minuten da.«
Während wir durch den Wald zur Straße gingen, schloss ich kurz die Augen und stimmte mich wieder auf die Präsenz von Starkstromleitungen, Fluglärm und Autoverkehr ein. Es war hier so viel lauter als in der Anderwelt, doch diesmal war ich erleichtert, wieder da zu sein. Und Trillian war bei mir. Ich warf ihm einen Blick zu, und er erwiderte ihn mit einem zärtlichen Lächeln - eines von der Sorte, die mich stets daran erinnerte, wie leidenschaftlich und wie gefährlich er sein konnte.
Bis wir die Straße erreichten, schüttete es schon wieder. Was Regen anging, konnten die meisten Orte in der Anderwelt es wirklich nicht mit Seattle aufnehmen. Wenn ich so darüber nachdachte, fiel mir auf, dass das Klima in Dahnsburg dem des westlichen Staates Washington überraschend ähnlich war. Während ich in angenehmem Schweigen meinen Gedanken nachhing, kam Delilah in Morios Subaru an. Er hatte ihr den Schlüssel dagelassen. Jetzt setzte er sich hinters Lenkrad, und ich stieg mit Trillian und Delilah hinten ein. Iris bekam den Beifahrersitz.
»Willkommen zu Hause, Trillian«, sagte Delilah. »Ich bin so froh, dass du wieder da bist.«
Er starrte sie mit ironischem Lächeln an. »Ach, tatsächlich? Das ist ja was ganz Neues.«
Sie streckte ihm die Zunge heraus, aber statt die Spitze schlagfertig zu erwidern, fragte sie: »Also, seid ihr alle fit genug, heute Abend zum Friedhof rauszufahren? Da steigt nachts neuerdings eine Riesenparty. Man könnte meinen, dass in ein paar Tagen Samhain ist.«
Halloween und Samhain - das Fest der Toten - wurden in der Anderwelt ein wenig anders gefeiert als von den Menschen erdseits.
Erstens schauten am Abend vor Samhain oder Allerheiligen unsere Toten mal wieder zu Hause vorbei - unübersehbar. Sie waren laut, manchmal geradezu unausstehlich, und ließen keinerlei Zweifel daran, ob sie da waren oder nicht. Halloween spielte hingegen keine Rolle. In der Anderwelt verkleidete sich niemand, es gab keine Kostümpartys, und Süßigkeiten wurden zwar immer gern gegessen, aber die richtige Zuckerorgie hoben wir uns für die Julzeit auf. Der Weihnachtsmann - alias Stechpalmenkönig - war wegen seines Süßigkeitenvorrats auf Julpartys immer sehr beliebt.
Ich schüttelte den Kopf. »Samhain ist erst in über einem Monat, und zur Tagundnachtgleiche wandeln die Toten normalerweise nicht. Jedenfalls nicht so. Okay, sehen wir zu, dass wir nach Hause kommen, damit wir euch erzählen können, was in der Anderwelt so läuft. Ihr werdet nicht glauben, was passiert ist.«
Als wir zur Haustür hereinspazierten, war es kurz nach eins. Ich beschloss, mit meinem Bericht zu warten, bis Menolly wach war. Iris ging in ihr Bad, um zu duschen, und ich hielt auf die Treppe zu, weil ich ebenfalls dringend duschen und mich umziehen wollte. Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, wenn ich erst mit Trillian und Morio allein war, aber sie ersparten mir die Mühe.
»Ich giere nach einem riesigen Sandwich mit Senf und Mayo«, sagte Trillian, und seine Augen leuchteten auf, als er den Flur entlang in Richtung Küche schaute.
»Ich auch«, erklärte Morio. Während ich hinauf in mein Zimmer eilte, sammelten sie so viele Zutaten für ihre Sandwiches ein, dass diese nur wahrhaft gigantisch werden konnten.
Ich trocknete mich gerade ab, als das Telefon klingelte.
Ich breitete mein Handtuch auf dem Bett aus, setzte mich und griff nach dem schnurlosen Telefon, wobei ich die Welt meiner Mutter wieder einmal bewunderte. Die Erdwelt hatte wirklich einige Vorzüge, die ich niemals abstreiten würde.
Henry Jeffries war am Apparat. Er war Stammkunde im Indigo Crescent gewesen, seit der AND die Buchhandlung - meine Tarnung - eröffnet hatte. Der Laden gehörte nun tatsächlich mir, und inzwischen hatten wir uns noch besser kennengelernt.
Er war mit über sechzig ein etwas älterer Herr - nach VBM-Maßstäben gemessen - und liebte die Klassiker der Science-Fiction- und Fantasy-Literatur. Vor ein paar Monaten hatte ich ihn in Teilzeit eingestellt. Er war der perfekte Angestellte: Er war nicht auf das Geld angewiesen, liebte seine Arbeit, und er war höflich und sehr unterhaltsam.
»Hallo, Henry, was gibt's?« Ich ging davon aus, dass er mich über das Geschäft auf dem Laufenden halten wollte.
»Meine Mutter ist gestorben, Camille.« Seine Stimme klang nicht erstickt oder verweint, als er das sagte - seine Mutter war ein richtiger alter Drachen gewesen, der sein Leben beherrscht und ihn in seinem ewigen Junggesellen-Status eingefroren hatte. Doch ich hörte eine gewisse Melancholie heraus.
»Das tut mir leid. Du möchtest dir sicher eine Zeitlang freinehmen, damit du alles regeln kannst?«
Überraschung Nummer zwei.
»Nein danke. Mutter hat sich eine schlichte Bestattung gewünscht, und um ehrlich zu sein, hatte sie keine Freundinnen, also brauche ich niemanden zu benachrichtigen. Die Beerdigung war heute Morgen. Der Notar wird sich um das Testament kümmern, aber das ist nicht weiter kompliziert. Meine Mutter war eine wohlhabende Frau, weißt du?«
»Nein, das wusste ich nicht.«
»Darüber wollte ich auch mit dir sprechen. Ich bin ihr einziger Erbe. Bald bin ich ein reicher Mann, Camille. Sehr reich. Ich habe nichts, was meine Zeit in Anspruch nimmt, und ich reise nicht gern. Ich habe nicht vor, Abenteuer zu erleben und die Welt zu entdecken. Also dachte ich mir, ich könnte das Geschäft neben deinem kaufen. Du weißt schon, die Bäckerei, die schließen musste.«
»M-hm«, murmelte ich und fragte mich, worauf er hinauswollte. Außerdem wurde mir im Evakostüm allmählich kalt. Der erste Stock war zugig, und wir waren noch nicht dazu gekommen, das Haus vernünftig isolieren zu lassen.
»Ich habe daran gedacht, ein Café daraus zu machen und jemanden anzustellen, der es führt. Dann könnte ich mich mehr darauf konzentrieren, dir in der Buchhandlung zu helfen. Wir könnten eine Tür einbauen - die beiden Läden richtig miteinander verbinden. Das dürfte dir auch mehr Kundschaft bringen. Ein bisschen so, als würde ich mich in dein Geschäft einkaufen, aber ohne dass mir etwas davon gehört.«
Ich fand es rührend, dass ihm die Buchhandlung so wichtig war und er mir helfen wollte, den Absatz zu steigern. Also sagte ich: »Das ist eine wunderbare Idee. Wir unterhalten uns in ein paar Tagen in Ruhe darüber, aber ich bin sehr interessiert. Bist du sicher, dass du nicht eine Weile freihaben willst?«
»Ja«, sagte er leise. »Die Arbeit tut mir gut. Meine Mutter hatte ein langes Leben. Und du weißt ja, wie sie war. Ich will nicht den Heuchler spielen. Sie war herrisch und scharfzüngig. Natürlich wird sie mir fehlen, aber sie hat mir nie Raum gegeben, sie zu lieben. Sie hat alle Menschen von sich weggestoßen.«
»Okay. Na ja, wenn du meinst, dass du heute Nachmittag arbeiten könntest - das wäre toll. Iris und ich sind gerade erst aus der Anderwelt zurückgekommen. Wir mussten etwas mit meinem Vater besprechen. Deshalb sind wir beide ziemlich müde.«
Er lachte. »Das ist allerdings ein Abenteuer, das ich gern mal erleben würde. Versprichst du mir, dass wir irgendwann mal einen Ausflug in deine Heimat unternehmen?«
Ich lächelte. Henry war ein Schatz, und auf seine eigentümliche, sanfte Art brachte er Vornehmheit und gute Manieren in unser Leben. »Henry, ich verspreche dir, ich werde dafür sorgen, dass du Y’Eírialiastar besuchen kannst. Es würde dir dort sehr gefallen.«
Als ich auflegte, dachte ich mir: Wenn es irgendjemand verdient hatte, dass seine Träume wahr wurden, dann war das Henry. Allerdings hatte er seinen Traum, eines Tages Iris zu heiraten, schon begraben müssen. Unser Henry litt an einem üblen Fall von unerwiderter Liebe, denn Iris mochte ihn zwar sehr, aber es hat noch nie funktioniert, Liebe erzwingen zu wollen, wo sie nicht von sich aus erblüht.
Ich föhnte mir die Haare, schlüpfte in saubere, bequeme Klamotten und ging hinunter, um nachzusehen, ob die Jungs daran gedacht hatten, mir ein Sandwich aufzuheben, oder ob ich die Krümel von ihren Tellern würde picken müssen.
Als ich unten ankam, war Chase auch da. Er hatte einen Arm um Delilah gelegt, und die beiden hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Trillian und Morio blickten auf, als ich eintrat. Ich beugte mich vor und küsste Trillian auf den Mund, dann Morio, aber zwischen sie setzen wollte ich mich nicht.
»Ihr müsst beide dringend duschen. Ich werde nicht mit euch kuscheln, wo ich jetzt so quietschsauber bin.«
Trillian brummelte vor sich hin, doch dann lachte er. »Ich lege mich sicher nicht mit dem Fuchswelpen in die Badewanne, aber ich gehe gleich hoch und dusche.«
Morio schnaubte. »Ich frage Iris, ob ich bei ihr duschen darf. Ich glaube, sie ist mit ihrem Bad schon fertig.«
»Platz nur nicht bei ihr herein, ohne anzuklopfen«, ermahnte ich ihn. Als die beiden hinausgingen, schnappte ich mir ihren Platz auf dem Sofa. »Chase, wie steht's?«
Er seufzte tief. »Sag du es mir. Der Wedgewood-Friedhof scheint neuerdings die angesagte Party-Location zu sein. Zumindest, wenn man ein Ghul oder Geist ist, oder was das sonst für Wesen sein mögen. Letzte Nacht war da wirklich die Hölle los. Ich habe das Gebiet abgeriegelt, aber früher oder später wird eines dieser Viecher ausbrechen, sozusagen. Ich wünschte wirklich, ihr hättet uns helfen können.«
»Vollmond«, sagte ich. »Ich bin mit der Wilden Jagd gelaufen bis zum Wahnsinn. Ich hätte dir noch weniger genützt als Delilah in ihrer Schmusekätzchen-Gestalt. Also, haben die Zeitungen schon Wind von den untoten Umtrieben bekommen?«
Chase nickte grimmig. »O ja. Andy Gambit kriegt sich kaum mehr ein.«
Gambit war Reporter beim Seattle Tattler, einem Boulevardblatt, das vor Ignoranz, Engstirnigkeit und aufgebauschten Skandalen nur so strotzte. »Was zum Teufel behauptet er denn jetzt wieder?«
»Er gibt dem AETT die Schuld an dem Problem. Und er stachelt diese verdammte Bruderschaft der Erdgeborenen auf - diese neue Glaubensgemeinschaft, die von Gruppen wie den Freiheitsengeln und der Aufrechte-Bürger-Patrouille gegründet wurde. Er ruft sie dazu auf, sich auf den diversen Friedhöfen zu postieren und für die Seelen der Verstorbenen zu beten. Wenn er sich nicht zurücknimmt, werden seinetwegen eine ganze Menge Leute zu Schaden kommen.«
Delilah kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Gebete werden da nichts nützen. Außer es sind die richtigen Zauber dabei, um die Toten zur Ruhe zu bringen. Und dann auch nur, wenn sie von einem Magus oder einer Hexe gesprochen werden, die mächtig genug ist.«
»Ich weiß das, und du weißt das, aber Gambit glaubt nicht daran.« Chase lehnte sich auf dem Sofa zurück und rieb sich die Augen. »Ich bin so müde. Letzte Nacht hat Delilah beschlossen, lustige Jagdspielchen zu veranstalten - keine, bei denen ich hätte mitmachen können, wenn du verstehst, was ich meine. Sie hat die ganze Nacht lang verrückt gespielt, ist im Zimmer herumgesaust, hat Sachen vom Nachttisch geworfen und versucht, meine Zehen zu erlegen. Ich musste sie aus dem Schlafzimmer werfen, um ein bisschen Ruhe zu haben.«
»Ich kann doch nichts dafür, dass die Katzenminze in der Maus, die du mir geschenkt hast, so stark war«, erwiderte sie lachend.
»Na klar, jetzt bin ich schuld daran.« Er küsste sie auf die Stirn. »Im Ernst, Camille, ich hätte gestern Abend wirklich Hilfe brauchen können. Menolly konnte nicht mitkommen. Sie musste auf das Haus aufpassen.«
»Nächsten Monat sorgen wir dafür, dass bei Vollmond Verstärkung für dich da ist.« Ich schüttelte den Kopf. »Dieser Ausflug nach Hause war völlig irre. Ich erzähle euch alle Einzelheiten, wenn Menolly wach ist, aber letzte Nacht hat die Mondmutter ... mich sozusagen befördert. Ich bin jetzt Priesterin.« Ich zog mein Shirt von der Schulter, um ihnen die neue Tätowierung zu zeigen.
Delilah schnappte nach Luft. »O ihr guten Götter! Ich gratuliere dir!« Sie schoss aus ihrem Sessel, zog mich auf die Füße und umarmte mich fest. »Ich weiß, wie sehr du dir das immer gewünscht hast! Aber wie ...? Warum?«
Ich blickte mich wachsam um. »Sind die Banne in Ordnung?«
»Alle aktiv und ungebrochen«, antwortete sie.
»Okay, ich mach's kurz. Heute Abend erfahrt ihr die ganze Geschichte, also stellt mir bis dahin bitte keine weiteren Fragen. Darüber zu reden ... ist nicht leicht.« Ich hätte nicht erwartet, dass es mir so schwerfallen würde. Die Worte fühlten sich auf meiner Zunge so harsch und brutal an. »Letzte Nacht habe ich das Schwarze Einhorn mit seinem eigenen Horn geopfert. Mit meinem Horn.« Und zum ersten Mal, seit ich nach der Jagd aufgewacht war, brach ich in Tränen aus.
Delilah wich taumelnd zurück. Sogar Chase blickte entsetzt drein, doch keiner von beiden sagte ein Wort, und dafür war ich ihnen dankbar. Gleich darauf kam Iris aus der Küche, mit Maggie auf der Hüfte. Die Gargoyle streckte die Armchen nach mir aus, und ich drückte sie an mich. Ihre großen Augen schimmerten, und sie leckte mir sanft die Tränen ab, die mir übers Gesicht liefen.
»Nich taurig, Camey ... nich taurig ...«
»Sie hat ihre Camille vermisst.« Iris warf mir einen prüfenden Blick zu. »Alles in Ordnung?«
Ich nickte. »Ja, ich bin nur ... etwas emotional.«
»Na dann. Delilah«, sagte Iris und hielt eine geschredderte Toilettenpapierrolle hoch. »Wie ich sehe, hast du gestern Nacht ein neues Spielzeug entdeckt.«
Delilah errötete. »Oh ... äh ... ja. Wo hast du die gefunden?«
»Im Gästebad. Ich hoffe, du hattest zumindest deinen Spaß, denn du hast alles von der Ablage geworfen, das Toilettenpapier zerfetzt und bist am Duschvorhang hochgeklettert.«
»Camey! Camey!«, unterbrach Maggie sie.
Ich raunte ihr leise Worte zu, und ihr flaumiges Fell kitzelte mich an der Nase. Sie kuschelte sich an mich und gab ihr leises Muuf von sich. Dann klammerte sie sich an meinem Haar fest, schloss die Augen und legte den Kopf auf meine Schulter. Ich küsste sie auf die Stirn, setzte mich in den Schaukelstuhl und wiegte sie sanft vor und zurück. Sie schlief ein, und meine Tränen ebbten ab.
»Sie hatte einen aufregenden Vormittag«, erklärte Delilah mit schuldbewusster Miene. »Ich habe sie in der Küche allein gelassen, weil ich baden wollte, und sie hat ihren neuen Laufstall umgekippt, ist herausgekrabbelt und hat den Schrank unter der Spüle aufgemacht. Sie hat den Mülleimer ausgeleert und war gerade dabei, ein Stück alte Pizza zu essen, als Chase sie gefunden hat. Allerdings hatte sie wohl mehr Essensreste im Fell als im Mund.«
»Verdammt, das hätte ich zu gern gesehen«, sagte ich, lachte und küsste Maggie noch einmal. Sie war eine Mischung aus Kind und Katze. Das Beste von beiden, nur mit Flügeln und riesengroßen Ohren. »Meinst du, es ist schlimm, dass sie Pizza gegessen hat?«
»Ich habe Fotos gemacht«, warf Chase grinsend ein. »Ich habe sie entdeckt, als ich in die Küche gegangen bin, um Kaffee zu kochen, während Delilah sich von ihren Eskapaden erholt hat. Ich bin dageblieben, um Menolly dabei zu helfen, auf das Haus aufzupassen. Und nein, ich glaube nicht, dass ihr Maggie Pizza geben solltet. Sie hat mir auf die Füße gekotzt, gleich nachdem ich das Foto gemacht hatte. Das habe ich nicht fotografiert.«
»Tja, jetzt scheint es ihr wieder gut zu gehen. Aber wo waren eigentlich Rozurial und Vanzir, als du Verstärkung gebraucht hättest?« Das Duo hatte sich in letzter Zeit ziemlich rar gemacht, und ich fragte mich, was da los war.
»Sie haben herumgeschnüffelt und versucht, mehr über diese Knochenbrecher-Frau in Erfahrung zu bringen.«
»Sie ist eine Dämonin«, korrigierte ich ihn automatisch.
»Dämonin. Ich habe nichts mehr von ihnen gehört, seit sie gestern Abend gegen zehn gegangen sind.« Chase sah auf seine Armbanduhr. »Sollten wir uns Sorgen machen?«
»Vielleicht.« Ich trat ans Fenster, presste die Hände ans Glas und blickte in den stürmischen Nachmittag hinaus. Der Herbst hatte Einzug gehalten, es regnete in Strömen, und mir graute jetzt schon davor, bei diesem Wetter auf dem Friedhof herumzulaufen, mitten in der Nacht. Ein wenig Mondlicht könnte durch die Wolken dringen, aber ein Sonntagsspaziergang würde das auf keinen Fall werden.
Delilah trat zu mir und legte sacht eine Hand auf meine. »Du hattest eine schwere Nacht, was?«, fragte sie leise.
»Das ist die Untertreibung des Jahres. Wart's ab, bis du die ganze Geschichte hörst. Uns steht einiges bevor. Und Venus Mondkind ist jetzt auch in die Sache verwickelt. Ich fürchte, wir werden ein paar schwierige Entscheidungen treffen müssen. Außerdem steckt Vater auch noch mittendrin.«
Sie legte mir den Arm um die Schultern. »Wir schaffen das schon. Wir haben es doch jedes Mal irgendwie geschafft. Unsere Quoten stehen immer schlechter, aber bisher hatten wir Glück.«
Ja, dachte ich, bisher. Aber wie lange würde unsere Glückssträhne noch anhalten? Wie lange, bis eine von uns in einen Abgrund stürzte, ins falsche Ende eines Schwertes lief oder in die Schusslinie eines besonders scheußlichen Zauberspruchs stolperte? Schattenschwinge konnte einen Dämon nach dem anderen gegen uns ins Feld schicken und sich in Ruhe die Ränge seiner Diener hocharbeiten, bis er einen fand, der es mit uns aufnehmen, den wir nicht aufhalten konnten. Und dann?
Auf einmal fühlte ich mich wieder niedergeschlagen, verloren in einer sehr großen Welt. Ich lehnte den Kopf an Delilahs Schulter und wünschte mir, ich könnte ausnahmsweise mal so optimistisch sein wie sie.