Kapitel 10

 

Y’Elestrial glich keiner anderen Stadt in der Anderwelt.

Es lag am Südufer des Y'Eleveshan-Sees und war die letzte Stadt am Anfang des langen Weges gen Süden zur Hafenstadt Terial und der Straße nach Aladril, der Stadt der Seher, im Südwesten.

Täglich brachen Karawanen auf, mit denen die meisten Leute reisten, die sich die Portale nicht leisten konnten. Die schwerfälligen Wagen wurden von Nobla Stedas gezogen, Pferden, die in der Erdwelt längst im Nebel alter Legenden versunken waren. Doch in der Anderwelt hatte man diese Rasse weiterhin über Zeitalter hinweg auf Kraft und Geschicklichkeit gezüchtet, bis sie jedem anderen Pferd weit überlegen waren. Menolly, Delilah und ich hatten Reitunterricht nehmen müssen, als wir in den AND eingetreten waren, und ich fühlte mich stets wie eine Königin, wenn ich auf einem solchen Pferd saß.

Als wir aus dem Portal traten, das zwischen zwei großen Eichen vor dem Stadttor lag, atmete ich tief durch und blickte zu den hohen Mauern auf, die Y'Elestrial umgaben. Lethesanar hatte beim Bau keine Kosten gescheut. Die Tore bestanden aus Bronze und waren so glänzend poliert, dass sie spiegelten. Wachen auf der Mauer beobachteten das rege Kommen und Gehen.

Im Gegensatz zu Aladril war Y'Elestrial Fremden nicht verschlossen, doch wir wurden offenbar schon erwartet. Eine der Torwachen trat vor und hielt uns mit erhobener Hand auf. Der Mann trug die königliche Uniform in Blau mit goldenen Schulterstücken, und sein blondes Haar wehte leicht im Wind. Bei Feen war das Alter zwar immer schwer zu erraten, außer bei sehr alten oder sehr jungen Personen, aber dieser Wächter strahlte etwas Ungeschliffenes aus. Wahrscheinlich ein neuer Rekrut.

Ich reichte ihm mein AND-Abzeichen. Er betrachtete es kurz und hielt es dann über einen der Scanner, die sich die Techno-Magi hatten einfallen lassen. Ein blasses, bläuliches Licht blitzte auf, und er gab mir das Dienstabzeichen zurück.

»Berater Sephreh ob Tanu erwartet Euch im Palast. Bitte wartet einen Augenblick, ich hole eine Eskorte.« Er wollte sich abwenden, aber ich legte ihm sacht die Hand auf den Arm.

»Ist schon gut. Ich kenne den Weg.«

Er warf einen Blick auf meine Finger, und heiße Röte stieg ihm ins Gesicht. »Ich bedaure, Mish'ya, aber ich habe strengen Befehl. Ohne eine vollständige Eskorte darf ich Euch nicht erlauben, die Stadt zu betreten.«

Ich blinzelte. Mish'ya war die Anrede für Frauen des Hochadels. Aber dann begriff ich es - Vater war der königliche Berater. Wir waren jetzt adelig.

»Wir kommen gut allein zurecht ...«, begann ich.

Er hob die Hand und schüttelte mit erschrockener Miene den Kopf. »Bitte widersetzt Euch nicht. Es gibt einzelne Gruppen in dieser Stadt, die Euch noch immer nach dem Leben trachten. Wir fahnden nach ihnen, aber im Moment ist es uns unmöglich, alle aufzuspüren. Die Stadt ist ein gefährlicher Ort für jene, die sich gegen Lethesanar gestellt haben.«

Da kapierte ich es. Die Opiumfresserin hatte Y'Elestrial im Kampf um ihren Thron beinahe zerstört, ehe sie ins Südliche Ödland geflohen war. Offenbar wollten sich einige ihrer Anhänger aber immer noch den Preis verdienen, den sie auf unsere Köpfe ausgesetzt hatte.

»Verdammte Scheiße, beschissene.« Ich seufzte laut, und der Wächter kicherte, wurde jedoch schlagartig wieder ernst, als er mich lächeln sah.

»Ich bitte vielmals um Verzeihung. Ich wollte nicht über Euch lachen«, sagte er mit aufgerissenen Augen.

Natürlich wusste ich, dass er sich nur deshalb Sorgen machte, weil mein Vater jetzt königlicher Berater war, aber es fühlte sich trotzdem gut an, als einflussreiche Person zu gelten. Mit meinen Schwestern und mir waren sie nicht gerade respektvoll umgegangen, als wir hier beim AND gedient hatten.

»Keine Panik. Ruf deine Eskorte. Und mach dir keine Sorgen, ich werde mich nicht über dich beschweren, weil du über mich gelacht hast. Ist nicht meine Art«, sagte ich und lächelte ihn herzlich an. »Nur vor den Offizieren solltest du besser aufpassen - und bei Kommandanten wie meinem Vater.«

Ein Ausdruck der Erleichterung breitete sich über sein Gesicht, und er eilte davon, nachdem er uns ermahnt hatte, hier auf ihn zu warten.

Ich wandte mich Morio und Iris zu. »Ihr beiden seid in Gefahr, weil ihr mit mir hier seid. Das ist euch doch klar, oder nicht?«

Iris neigte den Kopf zur Seite und starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Ach, tatsächlich? Und seit wann ist das etwas Neues? Camille, wir schweben jeden Tag, jede Minute in Gefahr, seit du und deine Schwestern über Bad Ass Luke gestolpert seid. Ob wir in der Anderwelt oder erdseits sind, spielt gar keine Rolle. Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt.«

»Iris hat recht.« Morio grinste. »Krieg dich wieder ein, Süße. Du und deine Schwestern zieht Arger magnetisch an, und wir sind trotzdem bei euch. Wir gehen nirgendwohin.«

Ich kam mir dämlich vor und zuckte mit den Schultern. »He, es ist spät, ich bin müde, und der Portal-Lag macht mir zu schaffen.« Ich hatte den Satz kaum beendet, als der nette junge Wächter zurückkam, gefolgt von einer offiziellen AND-Kutsche.

»Wow, wir kriegen echt königlichen Service«, flüsterte ich Iris zu. »Meine Schwestern und ich gelten wohl tatsächlich nicht mehr als entbehrlich.«

Als der Wächter mir in die Kutsche half, ruhten seine Finger länger auf meinem Arm als nötig, und ich schenkte ihm ein Lächeln. Er war wirklich niedlich, aber er erschien mir so jung und verletzlich. Ich nahm an, dass er noch keine echte Schlacht erlebt hatte.

Und in diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich nie wieder jung sein würde. Vielleicht war ich nie richtig jung gewesen. Nicht seit dem ersten Mal, da ein Mitschüler mich in den Matsch geschubst hatte, weil ich halb menschlich war. Nicht, seit ich Delilah vor ein paar Jungen gerettet hatte, die sie piesackten, damit sie sich in eine Katze verwandelte. Nicht, seit Mutter gestorben war und ich unseren Haushalt übernommen hatte. Und seit der Nacht, in der Menolly ins Haus gestürmt war, unmittelbar nachdem Dredge sie gefoltert und verwandelt hatte. Im Lauf des vergangenen Jahres hatte ich den Glauben daran verloren, dass alles wieder gut werden würde. Doch an seine Stelle waren neue Kraft und Durchhaltewillen getreten, und ich hatte mich damit abgefunden, dass das Schicksal offenbar unabänderliche Pläne mit mir hatte.

 

Der Palast wirkte kitschbunt im Vergleich zu Königin Asterias Zitadelle. Fast ein wenig geschmacklos. An das Labyrinth der Außen- und Innenhöfe und die zwei, drei Stockwerke hohen Statuen erinnerte ich mich. Doch bei näherem Hinsehen hatte sich einiges verändert. Als ich aus der Kutsche stieg, bemerkte ich, dass Tanaquar noch Teile des Palastes renovieren ließ, die während der Belagerung zerstört worden waren. Und sie wurden nicht wieder so aufgebaut wie vorher. Nein, jetzt gab es mehr Gärten, Wandelgänge und Springbrunnen, es wurden mehr natürliche Elemente hinzugefügt. Anstelle der geborstenen vergoldeten Prunksäulen standen jetzt Säulen aus dezentem Marmor und elegant geschnitztem Holz.

Unsere Eskorte geleitete uns die Treppe hinauf. Der Lichtschein der Blickfänger schimmerte auf unserem Weg. Als Kind hatte ich die glitzernden Kugeln oft gejagt und versucht, sie zu fangen, während sie gerade außer Reichweite herumflitzten. Aber jetzt fand ich ihr sanft pulsierendes Licht in Rosa-, Grün- und Blautönen sehr beruhigend.

Als wir durch das hohe Bogenportal traten, das in den großen Thronsaal führte, rief jemand: »Camille!«

Ich fuhr herum, und da stand mein Vater mit ausgebreiteten Armen.

»Vater!« Ich rannte zu ihm, und er umarmte mich und küsste mich auf die Stirn. Er sah gut aus, und ich kam ganz nach ihm. Delilah kam nach Mutter, und niemand wusste, woher Menolly ihr kupferrotes Haar hatte. Aber Vater und ich waren uns sehr ähnlich. Sein Haar war zu einem Zopf mit goldenen und blauen Bändern geflochten, und seine blasse Haut und die violetten Augen wirkten stark und seidig. Er hielt mich fest und wiegte mich sanft hin und her.

Nach ein paar Augenblicken schob er mich ein Stück von sich und hielt mich an den Schultern fest. Er musterte mich von Kopf bis Fuß und sagte dann mit kraftvoller Stimme: »Du siehst gut aus. Ich hoffe, deine Schwestern sind auch wohlauf?«

Ich nickte. »Es geht ihnen prächtig. Du erinnerst dich sicher an meinen Ehemann Morio? Und an Iris?« Sie waren sich einmal begegnet, aber ich wusste nicht, wie gut er sich an sie erinnern konnte, denn sie hatten sich nur kurz und in einem Raum voller Menschen gesehen.

Sephreh nickte Morio zu und verneigte sich vor Iris. »Lady Iris, werter Morio, es ist mir eine Freude, und willkommen in Y'Elestrial. Wir werden morgen früh nach Dahnsburg reisen. Es wird mir ein Vergnügen sein, euch in unserem Haus zu Gast zu haben.« Er hielt kurz inne und wandte sich dann an Morio. »Und Ihr, mein Herr - ich gehe davon aus, dass ich von meiner Tochter keine Klagen darüber hören werde, wie Ihr und der Drache sie behandelt?« Er lächelte zwar, doch die Frage hatte einen bedrohlichen Unterton, und ich errötete. Väter waren eben Väter, selbst bei Feen.

Morio räusperte sich. »Falls sie Klagen hätte, würde sie sich bei uns beschweren. Mein Herr«, erwiderte er mit topasgelb blitzenden Augen. O-oh, er war angepisst.

Höchste Zeit, dazwischenzugehen.

»Smoky und Morio sind wunderbar, Vater. Ich kann mich über gar nichts beklagen.« Abgesehen davon, dass Smoky mit irgendeinem Miststück verschwunden war, das behauptete, seine Verlobte zu sein, dachte ich, beschloss aber, das besser für mich zu behalten. Ich wollte wirklich nicht, dass Vater sich zu irgendwelchen Dummheiten hinreißen ließ.

»Und dennoch suchst du nach Trillian.« Sephrehs Augen funkelten gefährlich, und mir wurde klar, warum er so gereizt war. Trotz allem, was Trillian für uns getan und im Krieg geleistet hatte, mochte Vater ihn immer noch nicht.

Ich stieß ein langgezogenes Seufzen aus. »Du weißt doch, dass Trillian immer zu meinem Leben gehören wird. Wir haben ein ...«

»Ein Band geschmiedet. Ja, ich weiß. Ihr beiden habt das Eleshinar-Ritual vollzogen, womit du dich leichtsinnigerweise für den Rest deines Lebens an ihn gebunden hast. Nur weil diese Tatsache unabänderlich ist, muss sie mir aber noch lange nicht gefallen.«

Vater hatte Trillian noch nie leiden können. Als er herausgefunden hatte, dass ich mich mit Leib und Seele einem Svartaner hingegeben hatte, hatte er mich sogar beinahe aus dem Haus geworfen. Delilah hatte ihn umstimmen können, aber er missbilligte die Beziehung nach wie vor. Manche Vorurteile waren schwer abzulegen. Und für ihn war es noch schwieriger, weil er seinen Groll gar nicht aufgeben wollte.

»Trillian hat unserer Sache in diesem Krieg besser gedient als die meisten anderen. Du solltest ihm zumindest etwas Respekt erweisen. Also, können wir jetzt nach Hause gehen und etwas essen? Ich möchte hören, was sich in den letzten Wochen getan hat.« Sosehr ich meinen Vater liebte - allmählich wurde mir wieder bewusst, warum ich damals gedacht hatte, ein Posten in der Erdwelt sei vielleicht gar keine schlechte Idee. Und ich gab es nur ungern zu, aber wir waren uns einfach zu ähnlich. Wir gerieten wegen jeder Kleinigkeit aneinander.

»Oh, ich respektiere den Mann durchaus«, erwiderte Vater. »Ich traue ihm nur nicht. Vor allem, was dich angeht.

Wenn man jemandem Macht über sich gibt, wird man verwundbar. Ich dachte, als Tochter eines Gardisten hättest du das gelernt.«

Am liebsten hätte ich ihn darauf hingewiesen, dass ich ebenso viel Macht über Trillian besaß. Und dass Vater Hof und Krone Macht über sich selbst verliehen hatte, als er in die Garde eingetreten war. Aber ich beschloss, auf diese Debatte lieber zu verzichten. Ich konnte gar nicht gewinnen, selbst wenn ich recht hatte.

»Ich habe Hunger. Können wir jetzt nach Hause gehen und etwas essen?«

Da lächelte er. »Natürlich. Ich bin wirklich kein guter Gastgeber, nicht?« Er wies zur Tür und fügte hinzu: »Die Kutsche wartet schon, aber wir müssen vorher noch etwas erledigen.«

»Unser Haus hat den Krieg also überstanden?« Aufgeregt folgte ich ihm, und Morio und Iris eilten mir nach.

Er sah mich niedergeschlagen an. »Du wirst die Straßen unserer Stadt sehr verändert finden. Unser Haus ebenfalls, Camille, und dafür bitte ich um Verzeihung. Als Lethesanar ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt hat, hat sie auch unser Haus plündern lassen. Ich konnte unsere wichtigsten Dinge und Andenken gerade noch retten, aber die Möbel und die Wandbehänge wurden zerstört oder gestohlen. Alles ist neu. Deine Tante Rythwar hat mir geholfen, erst die Sachen zurückzubringen, die wir versteckt hatten, und das Haus dann neu einzurichten.«

Wir eilten durch die Gänge des Palastes, bis wir eine silberne Flügeltür erreichten. Daneben war ein ganzes Kontingent Wachen postiert. Sie verneigten sich vor meinem Vater. Zwei Diener öffneten uns die Türflügel, und wir traten hindurch.

Der Raum war fensterlos, und am hinteren Ende standen ein kunstvoll verzierter Schreibtisch und ein Stuhl. Auf dem Stuhl saß eine Frau, die mir bekannt vorkam, obwohl ich wusste, dass ich sie noch nie gesehen hatte. Dann fiel bei mir der Groschen. Tanaquar. Die Königin. Sie sah Lethesanar, der Opiumfresserin, sehr ähnlich. Doch das Haar, das ihr bis zur Taille fiel, war nicht hell wie gesponnenes Gold, sondern flammend weinrot. Ihre Haut war leicht gebräunt, und ihre Augen schimmerten golden. Als sie aufstand, raschelte ihr Kleid, und die langen Stoffbahnen schwangen um ihre Füße. Sie trug eine goldene Tiara mit einem glitzernden Diamanten in der Mitte.

Vater kniete vor ihr nieder, und ich knickste automatisch. Meine Knie bekamen heute reichlich Training. Morio verneigte sich tief, und Iris sank auf ein Knie nieder.

»Erhebt euch«, sagte die Frau. Ihre Stimme floss melodisch und verlockend durch den Raum. »Sephreh, stellt mir Eure Gäste vor.«

»Wie Euer Majestät wünschen.« Mein Vater richtete sich auf, doch sein Blick blieb auf Königin Tanaquar gerichtet. »Darf ich Euch Camille vorstellen, meine älteste Tochter? Dies sind Lady Iris und einer der Ehemänner meiner Tochter, Morio.«

Wir warteten darauf, dass sie das Wort ergriff.

Die Königin kam hinter ihrem Schreibtisch hervor. Sie ging einmal um mich herum und sah mir dann prüfend in die Augen. »Du bist also die Anführerin in unserem Krieg gegen Schattenschwinge«, sagte sie leichthin. »Zweifellos eine große und grausige Aufgabe für eine so junge Frau. Die obendrein halb menschlich ist.«

Anführerin des Krieges? Das war mir neu, aber ich war geistesgegenwärtig genug, sie nicht zu korrigieren.

Sie tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn und betrachtete mich nachdenklich. Sie war groß, größer als mein Vater, beinahe so hochgewachsen wie Smoky, und es war offensichtlich, dass sie zum Hochadel gehörte. Ihre Abstammung sprach aus jeder ihrer Bewegungen, jeder Geste, jeder Nuance ihres Blicks. Tanaquar verkörperte alles, was ihre Schwester hätte sein sollen. Hof und Krone von Y'Elestrial würden nun wieder eine echte Monarchie werden, keine Farce einer verrückten Diktatorin.

»Dann sag mir, Camille, wie steht es um den Krieg?«

Ich zuckte zusammen und wünschte, sie hätte mich irgendetwas anderes gefragt, nur nicht das.

»Euer Majestät ... um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht«, antwortete ich. »Wir tun unser Möglichstes, die Geistsiegel zu finden und sie Königin Asteria zu bringen. Das hat für uns höchste Priorität. Wir sind der neuen Dämonengeneralin auf der Spur, die Schattenschwinge in die Erdwelt geschmuggelt hat. Den Direktor des AND informieren wir regelmäßig über neue Erkenntnisse. Die neue Generalin ist als Stacia Knochenbrecherin bekannt. Sie ist eine Lamie.«

Tanaquars Augen blitzten auf, und außerhalb der Mauern krachte ein Donnerschlag. Ich hatte das scheußliche Gefühl, dass da ein Zusammenhang bestand. Während Lethesanars Herrschaft hatten wir natürlich nicht viel über sie gehört, aber nun betrachtete ich die imposante Erscheinung, die vor mir stand, und spürte ganz deutlich, dass in unserer neuen Königin mehr steckte als nur königliches Blut.

»Ihr habt nicht zufällig etwas über das sechste Geistsiegel erfahren?«, fragte ich spontan. Sobald die Worte über meine Lippen waren, fragte ich mich, ob ich mir zu viel herausgenommen hatte, doch sie lachte.

»Ich werde versuchen, das sechste Geistsiegel für dich orten zu lassen. Bis dahin konzentriere dich auf die Knochenbrecherin. Ihr müsst sie finden und vernichten. Sie ist sehr viel gefährlicher, als du ahnst.« Sie senkte die Stimme. »Schattenschwinge hat sie selbst gezüchtet, zu einem einzigen Zweck: Vernichtung. In ihrem Herzen wirst du keine Schwäche für irgendetwas finden, keinerlei Mitgefühl. Wenn sie dich in die Fänge bekommt, wirst du einen grässlichen Tod erleiden. Im Vergleich zu ihr war Karvanak der kleine Strolch von nebenan.«

Damit entließ sie uns. Wir verabschiedeten uns und folgten Vater wieder hinaus auf den Flur.

Auf dem Weg zur Kutsche dachte ich über das nach, was die Königin gesagt hatte. Wenn die Knochenbrecherin tatsächlich so erbarmungslos war, mussten wir uns etwas einfallen lassen, wie wir sie aufspüren und auf der Stelle vernichten konnten. Fehler, wie wir sie bei Karvanak gemacht hatten, durften keinesfalls passieren. Er hatte uns töten wollen, es aber nicht geschafft. Stacia würde es sicher geschickter anstellen.

Während die Kutsche die Straßen Y'Elestrials entlangrumpelte, lehnte ich mich nachdenklich auf der gepolsterten Bank zurück. Obwohl ich kaum auf die Zerstörung meiner Stadt achtete, war sie selbst im Schleier der Dunkelheit unübersehbar. Die Silhouetten von Ruinen ragten in den Nachthimmel auf. Manche Häuser waren ganz eingestürzt, nur noch ein höherer Haufen hinter dem Schutt, der von ihren gesprengten Fassaden übrig geblieben war. Y'Elestrial war eine der schönsten Städte überhaupt, aber es hatte arg gelitten. Tanaquar war bei ihrer Belagerung nicht zimperlich gewesen.

Wir näherten uns dem äußeren Kreis der Stadt und bogen dann auf einen langen, unbefestigten Weg ab. Den Weg nach Hause. Ich rüttelte mich aus meinen stillen Gedanken auf und spähte erwartungsvoll aus dem Fenster.

Vater tätschelte mein Knie. »Der schlimmste Schaden an unserem Haus ist bereits repariert. Tanaquar hat die Kosten für die Renovierung übernommen, als sie mich zu ihrem Ratgeber ernannt hat. Ich bin nur froh, dass deine Mutter nicht mehr sehen musste, was aus ihrem Heim geworden ist. Sie hat dieses Haus so sehr geliebt.« Seine Stimme klang sehnsuchtsvoll, und ich beugte mich zu ihm vor und küsste ihn auf die Wange.

»Mutter hat dich geliebt. Das Haus vielleicht auch, aber mit dir wäre sie überallhin gegangen. Ist sie ja - sie hat ihre ganze Welt für dich zurückgelassen. Und sie hat es nie bereut.« Ich bemerkte einen seltsamen Glanz in seinen Augen, und er wandte rasch den Blick ab. »Was? Was ist denn?«

Kopfschüttelnd sagte er: »Nichts, worüber du dir Gedanken machen müsstest. Schau - wir sind fast zu Hause.« Er deutete aus dem Fenster. O nein, er würde mir nicht mehr sagen, schon gar nicht, ehe wir allein waren.

Ich gab es auf und betrachtete den dunklen Umriss des weitläufigen Hauses, in dem ich aufgewachsen war. Es war zwar nur zwei Stockwerke hoch, aber größer als mein Zuhause in der Erdwelt. Es breitete sich auf einer großzügigen Rasenfläche aus, umgeben von Gärten. Vater hatte es für Mutter bauen lassen, als er sie mit heim in die Anderwelt genommen hatte, und jeden einzelnen Stein eigenhändig ausgewählt. Ein weicher Schimmer fiel aus einem Fenster.

»Ist Leethe noch bei dir?«, fragte ich plötzlich und hoffte, dass unsere Haushälterin den Krieg überlebt hatte. Sie hatte mir gezeigt, wie man einen großen Haushalt führte, Rechnungen bezahlte und Personal anleitete. Wir hatten nur vier oder fünf Angestellte, die sich hauptsächlich um die großen Gärten kümmerten, aber Leethe und ihre Gehilfin Kayla hatten das Haus in Ordnung gehalten, geputzt und gekocht.

Mutter hatte früher darauf bestanden, das Abendessen selbst zu kochen. Und wir Mädchen hatten unsere Aufgaben im Haushalt gehabt. Wenn wir barsch mit den Dienstboten umgingen, wurden wir bestraft. Vaters Verwandte schüttelten die Köpfe über Mutters Methoden und tuschelten hinter ihrem Rücken über sie, aber das war ihr egal, und Vater stand stets hinter ihren Entscheidungen, was die Erziehung anging. Unsere Familie hatte zwar nicht zum Adel gehört, doch der Oberschichts-Dünkel war so groß, dass meine Cousinen es im Vergleich zu uns sehr leicht hatten. Jetzt verstand ich, warum Mutter so darauf beharrt hatte, dass wir lernten, selbst für uns zu sorgen. Schließlich hatte sich das als wahrer Segen erwiesen.

Vater lächelte schwach. »Leethe und Kayla sind noch da, ja. Sie werden schon das Essen auf dem Tisch haben, wenn wir hereinkommen. Aber halte dich mit deinen Fragen zurück. Kayla hat im Krieg ihren Mann verloren. Lethesanars Wachen haben ihn getötet, als er versuchte, das Haus zu verteidigen. Ich hatte ihm befohlen, zu fliehen und sich zu verstecken, doch er hat sich geweigert. Und Leethe trauert immer noch dem guten Porzellan und den Antiquitäten nach.«

Sephreh stieg als Erster aus, und als Iris aus der Kutsche klettern wollte, streckte er die Arme aus und hob sie herunter. Sie errötete und dankte ihm. Morio kam als Letzter, und so gingen wir auf das Haus zu.

Blickfänger schwebten neben dem gepflasterten Weg, der zum Eingang führte, und selbst in ihrem schwachen Schein konnte ich erkennen, dass die Haustür neu war. Fort waren die wunderschönen Buntglasscheiben, die Vater für Mutter hatte anfertigen lassen, mit Rosen und verschlungenen Weinranken. An ihrer Stelle saß nun eine stabile Tür aus robustem Eichenholz mit einer kleineren Scheibe aus einfachem Glas.

Mir wurde ganz weh ums Herz. Mutter hatte das bunte Bleiglas geliebt. Ungebeten standen mir Bilder von eingeschlagenen Scheiben und zerschrammtem Holz vor Augen. Ich warf Sephreh einen Blick zu, doch er schüttelte nur traurig den Kopf.

»Ich habe dir doch gesagt, dass vieles zerstört wurde«, bemerkte er nur, als er die Tür öffnete und uns hereinbat.

Ich betrat das Foyer und atmete tief durch. Ich war zu Hause. Ich war tatsächlich nach Hause gekommen, nachdem ich zwei Jahre lang fort gewesen war.

Als ich mich umsah, erschien mir alles fremd. Sogar die Wände, die frisch verputzt und weiß getüncht waren. Sämtliches Mobiliar war neu, nur ein paar Kleinigkeiten hatten die Belagerung heil überstanden. Da war die Wanduhr, die Mutter zum Hochzeitstag bekommen hatte, und dort drüben die Wolldecke, die sie so liebevoll für unser Wohnzimmer gehäkelt hatte. Delilah hatte als kleines Kätzchen darauf gepinkelt, und Mutter hatte nur gelacht und sie selbst von Hand gewaschen. Dann hatte sie den halben Vormittag gebraucht, um die Decke genau richtig auszubreiten, damit sie beim Trocknen ihre Form behielt. Delilah war zu klein gewesen, um irgendetwas anderes zu tun als zu weinen, als ihr klar wurde, wie viel Arbeit sie Mutter gemacht hatte.

Unter den neuen Möbeln und der frischen Farbe verbargen sich Kindheitserinnerungen. Die silberne Drachenschatulle, die Vater Mutter zum Geburtstag geschenkt hatte. Die Tonschale, die ich für sie getöpfert hatte, als ich gerade einmal drei Jahre alt war. Das gerahmte Gedicht, das Menolly für unsere Eltern verfasst hatte, kaum dass sie einen Stift halten konnte. Nostalgie überwältigte mich, und ich sehnte mich nach dieser einfacheren Zeit, als mein schlimmster Kummer der Spott unserer Schulkameraden gewesen war, Menolly noch in der Sonne gespielt hatte und Mutters Lächeln warm auf uns herabgestrahlt hatte.

Ich lehnte mich an den Schaukelstuhl, um mich wieder in den Griff zu bekommen, und sog tief den Atem ein.

»Alles in Ordnung?«, fragte Morio, trat neben mich und legte sacht die Hand in meinen Rücken.

Ich nickte und lächelte gezwungen. »Ich war nur lange nicht mehr hier. So viel ist gleich geblieben, und so viel ist ... verändert.«

Verändert waren nicht nur das Haus und die Einrichtung, sondern auch ich und meine Schwestern. Und vor allem - die Welt. Ich versuchte diese bedrückte Stimmung abzuschütteln, als wir ins Esszimmer gingen. Im Kamin knisterte ein Feuer, ich umarmte und küsste Leethe und Kayla. Beide sahen ein wenig erschöpft aus, und Kaylas Augen funkelten nicht mehr so strahlend wie vor dem Bürgerkrieg.

Nach dem Abendessen - einem dicken Eintopf mit Wild und frischem Brot - zogen Iris und Morio sich taktvoll in ihre Gästezimmer zurück, damit Vater und ich uns unter vier Augen unterhalten konnten. Ich machte es mir auf dem kleinen, dick gepolsterten Sofa gemütlich und lehnte die Hand an seine Schulter. Er tätschelte sie sanft.

»Jeden Tag frage ich mich, ob wir das alles lebend überstehen werden«, sagte ich. »Jede Nacht gehe ich müde und besorgt ins Bett und träume von Dämonen.«

»Du bist meine Tochter«, entgegnete er. »Und wie ich kannst du deine Pflichten nie vergessen. Aber Camille, ich habe mir nie ein solches Leben für dich vorgestellt - dass du gegen Dämonen kämpfst und unter den Menschen lebst, dem Volk deiner Mutter. Ich hatte gehofft, ihr alle würdet heiraten und eigene Familien gründen. Natürlich hat Menollys ... Unfall ... alles geändert.«

»Das war kein Unfall, Vater. Sie wurde vergewaltigt, gefoltert und getötet, und dann hat Dredge sie zum Vampir gemacht. Bringst du es noch immer nicht über dich, dir einzugestehen, was damals passiert ist?«

Er seufzte. »Ich weiß, was passiert ist, mein Mädchen. Nur zu gut. Ich denke nicht gern daran. Aber Camille, ich habe vor allem Angst um dich. Todesmagie ist ein schweres Joch. Was sagt die Mondmutter zu deinen Studien?«

»Ich glaube, sie gefallen ihr«, antwortete ich leise.

Er schüttelte den Kopf. »So viel Tod. Delilah eine Todesmaid, meine Menolly eine Vampirin ... Ich war sehr stolz auf euch alle, als ihr beschlossen habt, in den Nachrichtendienst einzutreten, aber ich hätte nie gewollt, dass ihr euch solchen Gefahren und Kämpfen stellen müsst. Ich wünschte wirklich, ihr hättet einfach jung geheiratet und euch ein friedvolles Leben aufgebaut.«

Ich lächelte ihn traurig an. »Und wie lange hätte dieser Frieden gehalten? Bis Schattenschwinge die Geistsiegel gefunden und die Welten in Stücke gerissen hätte? Dann wären wir inzwischen alle tot. Oder Schlimmeres. Stattdessen waren wir zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und deshalb haben die Erdwelt und Y’Eírialiastar noch eine Chance. Wenn wir unser Leben opfern müssen, um diese Chance zu nutzen, dann sei's drum. Wir alle sind dazu bereit.«

Ich war so müde, dass mir alle Knochen wehtaten. Als ich aufstand, nahm Vater mich bei den Schultern. »Weißt du, wie stolz ich auf dich bin? Auf euch alle drei?«

Und da sah ich es. Hinter schimmernden Tränen standen Liebe, Stolz und Ehre in seinen Augen. »Und wir auf dich. Vater, bitte, finde eine neue Liebe. Du verdienst es, glücklich zu sein. Wir hätten kein Problem damit, wenn du eine neue Gefährtin fändest, mit der du dein Leben teilen kannst, solange sie uns akzeptiert.«

Er starrte mich an, als wollte er mir etwas sagen, doch dann murmelte er nur: »Ich entsage den Frauen nicht absichtlich. Aber deine Mutter ... sie hatte etwas Besonderes, das ich nicht vergessen kann. Du und deine Schwestern, ihr habt dieses Etwas geerbt. Ein Strahlen, das nicht von eurem Feencharme herrührt, sondern aus eurem tiefsten Herzen. Deine Mutter wusste genau, wer sie war und wie wertvoll sie war. Das ist schwer zu toppen, wie du sagen würdest. Aber danke, dass du dir Gedanken um mich machst.«

Er küsste mich auf die Stirn und schickte mich ins Bett, und ich dachte darüber nach, was es für mich bedeutete, wieder hier zu sein. Und als ich neben Morio unter die Bettdecke schlüpfte, erkannte ich, dass ich dieses Haus zwar sehr liebte, es aber nicht mehr mein Zuhause war. Mein Anker im Leben waren drei Männer, meine Schwestern und Iris. Und wo wir auch sein mochten - solange wir zusammen waren, würde ich dort zu Hause sein.