Kapitel 14

 

Sobald wir weit genug weg waren, drehte ich mich zu den anderen um.

»Okay, was zum Geier läuft hier eigentlich? Wir waren uns einig, dass die Geistsiegel an einem geheimen Ort versteckt werden sollten, sicher vor dem Rest der Welt. Also, was ist passiert? Was zum Teufel denken die sich dabei? Die Macht dieser Siegel kann jeden verderben, der sie benutzt.«

Ich protestierte wütend - obwohl ich gar nicht recht wusste, auf wen genau ich wütend war -, als Trillian und Morio mich weiter hinter Feddrah-Dahns herschoben. Ich warf dem Einhorn einen Blick zu. »Wie lange wisst Ihr schon davon?«

»Erst seit heute, Lady Camille. Mein Vater hat mir nichts davon gesagt - das schwöre ich Euch bei meiner Ehre.« Er sah ebenso bestürzt aus, wie ich mich fühlte.

Morio blickte über die Schulter zurück, um sich zu vergewissern, dass uns niemand folgte. »Ich habe dich davon abgehalten, ihren Plan anzuzweifeln, weil sie beschließen könnten, dich außen vor zu halten, wenn sie wüssten, dass du damit nicht einverstanden bist. Und das wäre schlecht. Ganz schlecht.« Er seufzte tief. »Ich glaube, wir sollten Großmutter Kojote fragen, was sie davon hält.«

»Das wird teuer«, brummte ich. »Aber du hast recht. Wir brechen sofort zum Diesteltann auf. Sie haben nicht erwähnt, ob das Schwarze Einhorn von ihren Plänen weiß, aber das können wir ja herausfinden. Und sobald wir da fertig sind, reisen wir nach Hause und sprechen mit Großmutter Kojote. Das ist jetzt am dringendsten.«

Ich sah Feddrah-Dahns an. »Ich wünschte, Ihr könntet mitkommen.« Die Enthüllung, dass Königin Asteria mit den Geistsiegeln herumspielte, hatte alles verändert. Es fühlte sich an, als bewegten wir uns auf Treibsand. Ich wusste nicht mehr, wem ich trauen konnte, aber dem Kronprinzen vertraute ich einfach.

Feddrah-Dahns schnaubte. »Ich auch. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Wartet bitte hier und bleibt zusammen. Setzt euch in den Hofgarten, wo euch jeder sehen kann, und sprecht, worüber ihr wollt, nur nicht über das, was wir eben erfahren haben.« Er wandte den Kopf nach Mistelzweig, der in der Nähe seines Ohrs schwebte. »Such Iris und bring sie hierher. Dann geh bitte in meine Gemächer, lieber Freund, und bereite alles für die Reise vor.«

»Es ist mir eine Ehre, mein Herr.« Der Pixie schoss davon.

Wir trennten uns von Feddrah-Dahns und gingen auf den grünen inneren Hof zu. Ich spielte mit dem Saum meines Umhangs und wünschte, ich wäre nicht so nervös. Aber die Neuigkeiten hatten mich so aufgeregt, dass ich nur noch daran denken konnte, möglichst schnell nach Hause zu kommen. Mir war nicht entgangen, dass keine der Feenköniginnen aus der Erdwelt bei dem Treffen zugegen gewesen war. Ich fragte mich, ob sie die Einladung abgelehnt hatten oder geflissentlich übergangen worden waren. Nachdenklich ließ ich mich auf dem Gras nieder, während Morio sich ein paar Meter weiter auf eine Bank setzte. Ich spielte mit den Grashalmen und versuchte, mich zu beruhigen.

Morio und Trillian machten höflich Konversation über das vergangene halbe Jahr und sprachen über alles außer den Dämonen. Morio hatte soeben eine unendlich langweilige Beschreibung der Probleme begonnen, die er mit seinem Subaru hatte, als ein Schatten vor mir aufs Gras fiel.

Ich blickte auf und sah einen großen Mann in Kittel und Hose, der mit verschlossener Miene auf mich herabschaute. Er hatte irgendetwas Unangenehmes an sich, und ich öffnete den Mund, um ihn zu fragen, was er wollte, als zwei weitere Männer mit Dolchen in den Händen hinter einem nahen Busch hervortraten. Sie hatten es auf mich abgesehen, das war offensichtlich.

Trillian und Morio waren sofort auf den Beinen, doch ehe sie mich erreichen konnten, schnitten die beiden Fremden ihnen den Weg ab. Ich sprang auf und wich taumelnd von dem Angreifer zurück. Der Ausdruck in seinen Augen war nun nicht mehr verschlossen, sondern gefährlich, und er hob die Hände. Magie sprühte knisternd zwischen seinen Fingern. Oh, Scheiße, das war irgendein Magus.

Instinktiv riss ich das Horn aus meinem Umhang. Die Elementare darin waren wach. Ich fühlte, dass sie auf meinen Befehl warteten, während der Zauberer und ich einander langsam und argwöhnisch umkreisten.

Ich bemühte mich die Quelle seiner Kräfte zu erspüren. Wenn ich versuchte, die falsche Art Energie abzulenken, würde mir das sehr schlecht bekommen.

Und dann gab mein Gegner einen gut gezielten Schuss auf mich ab. Die Energie donnerte wie ein Kanonenschlag, und ein Flammenpfeil schoss direkt auf mich zu. Ich hob das Horn und rief die Herrin der Flammen an. Ein Kraftfeld schoss hervor, das sich als Flammenwand zwischen mir und dem Feuerpfeil aufbaute, und mit einer krachenden Explosion traf der Pfeil darauf, und die Flammen löschten sich gegenseitig aus.

Mir blieb keine Zeit zum Nachdenken. Ich rief die Herrin des Landes an und richtete das Horn auf den Boden unter meinem Gegner. Die Erde riss mit einem Kreischen auf, der Garten bebte, der Boden schlug Wellen und brach auf. Eine Spalte tat sich unter ihm auf, und er verlor das Gleichgewicht. Er stürzte in das Loch. Der Boden bebte erneut und verschloss sich blitzschnell wieder.

Pfannkuchen, dachte ich. So platt dürfte er jetzt sein ...

Mir wurde schlecht, und ich wich strauchelnd zurück, als Feddrah-Dahns von einer Seite den Weg entlanggaloppiert kam und sein Vater aus der anderen Richtung. Sie starrten auf den Boden und dann zu mir herüber. Ich fuhr herum, um nach Morio und Trillian zu sehen. Einer der Angreifer lag tot auf dem Boden, und von Morios Dolch tropfte Blut. Der andere Mann war nirgends zu sehen.

»Ich habe euren Garten ruiniert«, sagte ich zitternd.

»Macht doch nichts«, entgegnete Feddrah-Dahns. »Was ist geschehen? Was wollten diese Männer hier?«

»Was glaubt Ihr denn, was sie wollten? Sie hatten es auf das Horn abgesehen.« Ich drehte mich wieder zu der Stelle um, wo der Zauberer in den Spalt gestürzt war. Ich wusste nicht, ob die Erde ihn zerquetscht oder erstickt hatte, und ich wollte es auch lieber nicht so genau wissen.

»Ihr brecht am besten unverzüglich zum Schwarzen Tier auf«, sagte der König. Er wandte sich an den Kronprinzen. »Du darfst tun, worum du gebeten hast, und Rejah-Dahns' Stelle einnehmen. Sie brauchen mehr Schutz, als sie ihnen bieten kann, und du verfügst über magische Fähigkeiten.« Upala-Dahns hielt inne und wandte sich dann an einen seiner Leibwächter. »Hol jemanden, der sich darum kümmert.« Er wies mit einem Nicken auf den Boden. »Vergewissert euch, dass der Zauberer tot ist. Findet den geflohenen Attentäter und exekutiert ihn. Verbrennt die Leichen.« Nach diesem grimmigen Befehl wandte sich der König ab und trabte davon.

Feddrah-Dahns warf den Kopf hoch und bedeutete uns, ihm zu folgen. Wir eilten zum Eingang des Palastes. Dort stand Iris neben einer Weide. Sie sah mich besorgt an, sagte aber nichts, während das Einhorn sie mit einem Wiehern begrüßte.

»Habt Ihr alles, was Ihr für die Reise benötigt?«, fragte er mich.

Ich nickte. »Ich habe meine Tasche bei mir, und Morio seine auch, glaube ich.«

»Alles da«, sagte er und tätschelte die Tasche, ohne die er nirgendwohin ging.

»Gut. Iris? Trillian?«

Iris hielt ihren Reisebeutel hoch.

Trillian zuckte mit den Schultern. »Geld und Waffen trage ich immer bei mir. Ansonsten gibt es nichts, worauf ich nicht verzichten könnte.«

»Dann sollten wir die Beine in die Hand nehmen und zusehen, dass wir hier wegkommen«, sagte ich.

»Seltsame Wortwahl, aber ja, wir müssen sofort aufbrechen«, bestätigte Feddrah-Dahns. »Ich nehme keine Leibwachen mit. Wir wissen nicht, wem wir vertrauen können, und es gibt Dinge, die unter uns bleiben müssen. Folgt mir, und bitte beeilt euch.« Er führte uns zum westlichen Tor hinaus und die Klippe hinauf, wobei er hin und wieder über die Schulter zurückschaute. »Niemand folgt uns. Ich glaube, meinem Vater ist nicht bewusst, wie besorgniserregend ich die ganze Situation finde. Das ist auch gut so.«

Wir sprachen nicht mehr, bis wir das Portal erreichten und Feddrah-Dahns unsere Reise an den Rand des Diesteltanns bestellte. Der Sprung war wie fast jeder andere, und als wir zwischen zwei gigantischen Zedern hervortraten, blieb ich stehen. Ich sah mir den Wald gründlich an, in den wir gleich vordringen würden. Uber dieses Waldland wusste ich nicht viel. Von den großen Wäldern der Anderwelt kannte ich mich vor allem mit dem Finstrinwyrd aus.

»Was für ein Wald ist das?«, fragte ich, als wir den grasbewachsenen Abhang hinunter auf einen Pfad zugingen, der in den Wald führte.

»Wie meint Ihr das? Es gibt hier Zedern, Tannen - hauptsächlich Nadelbäume.« Das Einhorn warf mir einen verwunderten Blick zu.

»Nein, nein. Das sehe ich. Ich meine ... Der Finstrinwyrd ist wild und ursprünglich und voll finsterer Gestalten. Wie würdet Ihr das Wesen des Diesteltanns beschreiben? Ich kann mich nicht erinnern, in der Schule viel darüber gehört zu haben.«

Mistelzweig, der auf Feddrah-Dahns' Schulter ritt, schnaubte. »Dann macht Euch auf eine Überraschung gefasst, Mylady. Dieser Wald ist viel gefährlicher als der Finstrinwyrd. Hier herrscht die Rabenfürstin, die Mutter der Raben - eine Elementarfürstin. Sie ist schlau und verschlagen und genießt es, sich andere durch Täuschung dienstbar zu machen.«

»Klingt nach Morgana«, bemerkte Morio und schob mich mit einer Hand im Rücken vorwärts.

»Entzückend. Ich frage mich, ob die beiden sich kennen. Morgana wird doch von einem Krähenschwarm begleitet ... Wahrscheinlich steht sie auch auf Raben.« Ich seufzte laut. »Können wir denn nie irgendwohin gehen, wo nicht schon der Fußabtreter mit Nadeln, Fallen oder anderen bösen Überraschungen gespickt ist?«

Iris kicherte mitfühlend. »Ich weiß, was du meinst.«

Wir stapften durch das kniehohe Gras, während der Nachmittag verstrich. Das Windweidental bestand hauptsächlich aus ebener Prärie, und die langen Halme schwankten wellenförmig mit jedem Lufthauch. Ihr leises Rascheln flüsterte im Wind.

Abseits des Waldes waren in dem breiten Tal kaum Bäume zu sehen, nur Büsche und hier und da ein See oder Weiher, an dem Tiere und Reisende sich erfrischen konnten. Die Ebene zog sich über mehrere Tagesreisen hin, wenn man zu Fuß ging, und grenzte im Westen an das Nebelvuori-Gebirge, wo die Zwerge lebten. Gen Süden ging sie in die Flüstersand-Wüste über.

Ein Windstoß fegte vorbei, und ich konnte den Regen am Horizont riechen. Die Wolken waren von Dahnsburg aus noch nicht so weit landeinwärts gezogen. Die Luft vom Wald her roch lieblich und moosig, und auf einmal überkam mich das Verlangen, einfach hierzubleiben und alles zu vergessen. Vielleicht ein kleines Haus am Waldrand bauen, einen Laden aufmachen, Smokys Kinder bekommen und so tun, als sei Schattenschwinge nur ein böser Traum. Doch nach ein paar Minuten in dieser Phantasiewelt schüttelte ich den Kopf.

»Wie ist dein Besuch verlaufen?«, fragte ich Iris. »Ich meine, beim Geist des Großen Winterwolfs? Hast du ihn gefunden?« Die anderen gingen uns ein Stück voraus, und ich senkte die Stimme, damit sie mich nicht hören konnten.

Sie warf mir einen gequälten Blick zu. »Ja, habe ich. Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Später erzähle ich dir alles, aber es sieht nicht gut aus. Ich habe mehrere Möglichkeiten, und keine davon ist vielversprechend oder einfach zu bewältigen.«

In diesem Moment blieb Morio stehen. »Da - direkt vor uns. Wir haben den Weg gleich erreicht.«

»Und wie weit müssen wir durch den Wald gehen, um das Schwarze Einhorn zu treffen?«

Feddrah-Dahns sah mich an und blinzelte mit den langen Wimpern. »Wir werden dort sein, noch ehe der Abend vorüber und der Mond aufgegangen ist. Wir sollten uns noch einen Moment ausruhen, denn sobald wir den Tiefen Tann betreten haben, dürfen wir nicht mehr anhalten. Es kann dort gefährlich für Reisende sein, vor allem nach Sonnenuntergang.«

Ich blickte zum Himmel auf. Die Sonne stand schon tief über dem Horizont. Uns blieb vielleicht noch eine halbe Stunde bis zur Dämmerung, so dass wir auf Morios Lichtzauber angewiesen sein würden.

»Hat jemand etwas zu essen mitgebracht?«, fragte ich, ließ die Tasche von meiner Schulter gleiten und setzte mich auf den Boden, um die Beine auszustrecken. Trillian und Morio taten es mir gleich. Iris öffnete einen ihrer Beutel und holte einen Stapel belegte Brote hervor. Ich lachte. »Ich hätte es mir denken können. Du vergisst doch nie unser leibliches Wohl.«

Während sie das Essen herumreichte - dicke Scheiben Truthahn auf Sauerteigbrot mit frischer Butter, Mandelblättchen und Zimt-Preiselbeer-Sauce -, lächelte sie in sich hinein.

»Gewöhnt euch nur nicht zu sehr daran«, sagte sie. »Wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird? Uns allen.«

»Scheiß auf die Zukunft«, sagte Trillian und hielt sein Sandwich in die Höhe. »Das Einzige, dessen wir uns sicher sein können, ist dieser Augenblick, hier und jetzt. Also esst, trinkt und freut euch des Lebens, denn schon morgen ...«

»Nicht«, sagte ich, als mir ein eisiger Schauer über den Rücken lief. »Sag es nicht.«

Er tat mir den Gefallen und ließ den Rest weg. Wir begannen zu essen, während Feddrah-Dahns in der Nähe graste. Ich betrachtete den Waldrand des Tiefen Tanns.

Das Schwarze Tier wartete dort drin auf uns - uralt und unheilvoll. Ich hatte keine Ahnung, was geschehen würde, wenn wir ihm begegneten. Aber unsere Verabredung mit dem Schicksal ließ sich nun mal nicht absagen.

Ich biss in mein Brot und kaute langsam, da flatterte es in der Zeder neben uns, und drei Raben flogen an uns vorbei. Das fühlte sich an wie ein Zeichen, aber was genau es mir sagen sollte, wusste ich nicht. Dabei wünschte ich mir dieses eine Mal wirklich und ernsthaft, in die Zukunft schauen zu können.

 

Der Diesteltann war mehr als ein verzauberter Wald. Er war eine Verkörperung von Magie. Als wir den Pfad betraten, summte ein tiefer Klang durch den Boden, ein Lied so alt wie die Welt. Ich schloss die Augen und beantwortete den Gruß, der uns im Wald willkommen hieß. Wild war er und zweifellos gefährlich, aber der Tiefe Tann verkörperte das Wesen der Wilden Jagd.

Der Pfad war schmal und zu beiden Seiten von dichtem Unterholz flankiert, das den Fuß der hohen Bäume verbarg. Während wir unter dem Dach aus Asten und Zweigen dahingingen, verstand ich, was Feddrah-Dahns gemeint hatte. Der Finstrinwyrd konnte sich mit dem Diesteltann kaum vergleichen. Dieser Wald bebte vor Energie, der Boden schwankte bei jedem Schritt unter meinen Füßen. Das war keine spürbare Bewegung wie bei einem Erdbeben, aber jedes Mal, wenn ich einen Fuß aufsetzte, schien der Boden Wellen zu schlagen.

Ich biss mir auf die Lippe und fragte mich, wie zum Teufel wir weitergehen sollten, wenn jede Bewegung die Realität erschütterte. Ich blickte mich um und fragte: »Fühlt das noch jemand außer mir?«

»Was denn?«, fragte Iris.

»Der Boden. Er bewegt sich. Alles wirbelt hoch, wenn ich einen Fuß aufsetze.«

Ich betrachtete die Bäume. Die Rinde an ihren Stämmen wand sich, veränderte beständig ihr Muster. Die Büsche und Farne an ihren Wurzeln schüttelten sich wie von einer kräftigen Brise gebeutelt, aber ich spürte keinen Lufthauch an meiner Haut, der stark genug gewesen wäre, um die Blätter und Wedel zu bewegen.

»Camille, geht es dir nicht gut?« Iris musterte mich besorgt. Sie winkte Morio herbei. »Fühl mal ihre Stirn.«

Als er die Hand hob, schob ich sie beiseite. »Ich bin nicht krank, und ich bin auch nicht verrückt geworden. Zumindest glaube ich das nicht. Aber du, siehst du das nicht? Alle Pflanzen schwanken in dem Rhythmus, der unter meinen Füßen pulsiert. Wie heftiger Paukenschlag. Verdammt, ich komme mir vor wie bei einem Open Air Rave.«

Die anderen sahen sich verwirrt um, dann schloss Morio die Augen und wurde still. Iris machte es genauso. Feddrah-Dahns wieherte nervös. Gleich darauf nickten sowohl der Hausgeist als auch der Yokai.

»Allmählich spüre ich, wovon du sprichst«, sagte Iris. »Für mich ist es nicht so stark - das hier ist nicht das Land hoch im Norden, das in meinem Blut singt. Aber ich kann die Vibration des Waldes spüren.«

Morio stieß langsam den Atem aus. »Ich habe deinen Puls gefunden und mich kurz mittragen lassen. Die Seele dieses Waldes fließt in jedem Busch und Baum, in jedem Fingerbreit Erde und jedem Windhauch, der durch die Blätter streicht. Du wirst nicht verrückt, Camille. Du spürst den Herzschlag des Tiefen Tanns. Du hast auf einer seelischen Ebene eine Verbindung zu ihm hergestellt.«

Na hurra. Warum ich? Oder lautete die bessere Frage: Wie konnte ich das zu meinem Vorteil nutzen? Ich betrachtete die bunten Wirbel, die wie Farbkleckse um mich verteilt waren. Das Gefühl erinnerte mich an einen heftigen Rum-Rausch.

»Ich kann in diesem Leuchten kaum richtig sehen - die Farben verlaufen alle miteinander wie bei einer waschechten Orgie. Ihr müsst mir helfen, den Weg ... na ja, unser Ziel zu finden.«

Feddrah-Dahns trat vor. Sein Horn schimmerte golden, und er sah aus wie ein Airbrush-Gemälde auf einem Hochglanz-Fantasyposter. »Hebt sie hoch, sie kann den Rest des Weges auf mir reiten.«

Ich starrte das Einhorn an. Auf seinem Rücken reiten?

»Habt Ihr denn vergessen, wer Ihr seid?«, fragte ich. Die Vorstellung, mich auf den Rücken eines Kronprinzen zu setzen, erschien mir zu lächerlich, um auch nur darüber nachzudenken. Auch wenn er die Gestalt eines Pferdes hatte.

»Aber gewiss. Ich weiß auch, wer Ihr seid und wohin wir wollen. Bitte verzeiht meine Direktheit, Lady Camille, aber hört auf, mich so anzustarren, und schwingt Euer wertes Gesäß auf meinen Rücken.« Er blinzelte vornehm, und ich brach in Lachen aus.

»Selbst, wenn Ihr direkt seid, wahrt Ihr den Anstand. Na schön, wenn es Euch wirklich nichts ausmacht, dass jemand auf Euch reitet, nehme ich Euer Angebot dankbar an, aber ich brauche Hilfe beim Aufsteigen. Ich bin nicht so sportlich wie Delilah.«

Trillian und Morio halfen mir, mich auf den Rücken des Einhorns zu schwingen. Er schauderte, als der Saum meines Umhangs über seine Kruppe glitt, und ich erkannte, dass es in ihm irgendeine Resonanz erzeugen musste. Der Umhang bestand aus Einhornfell, aus der Haut des Schwarzen Tiers obendrein. Ich packte mit den Händen seine Mähne und hoffte, dass ich mich nicht zu fest daran klammerte.

Während wir weitergingen, lullte mich sein gleichmäßig wiegender Schritt ein, und ich befand mich in einem Technicolor-Wunderland. Alles war so lebendig, und das Gefühl seines seidigen Fells an meinen nackten Beinen wärmte mich durch und durch. Ich döste vor mich hin, bekam vom Ansturm der visuellen Eindrücke allmählich Kopfschmerzen und fragte mich hin und wieder, wie es sein würde, dem Schwarzen Einhorn gegenüberzutreten. Zumindest hatte Morio die Energie auch spüren können und wusste, dass der Grund für meinen seltsamen Zustand kein verdorbenes Stück Fleisch war oder etwas, das mir jemand in den Wein gekippt hatte. Ich hoffte inständig, dass diese absurde Karussellfahrt aufhören würde, ehe wir ankamen, denn sonst würde ich mit der Wilden Jagd schnurstracks ins Kaninchenloch fahren.

 

Die Sonne war untergegangen, und wir hatten den Waldrand schon weit hinter uns gelassen, als Feddrah-Dahns abrupt anhielt. Mit dem Tageslicht hatten auch die Farben des Waldes nachgelassen, ebenso wie meine Kopfschmerzen, und die Grau- und Schwarztöne der Nacht waren eine willkommene Erleichterung. Allmählich konnte ich wieder klar denken, weil der kaleidoskopische Wald mich nicht mehr so verwirrte. Dafür rief jetzt der Mond nach mir und befahl mir, mich bereitzumachen. Die Wilde Jagd würde bald aufbrechen.

»Da vorn biegen wir nach links ab, dann ist es nur noch eine halbe Meile, und wir sind da«, sagte Feddrah-Dahns. »Könnt Ihr ihn fühlen?«

Ich sog tief die Luft ein und atmete langsam aus. Die Nacht besaß eine ganz eigene Schwingung, und die war nicht nur angenehm. Ich fürchtete mich nicht so sehr vor abscheulichen Geschöpfen wie im Finstrinwyrd, doch im Tiefen Tann wohnte große Macht, stark und chaotisch. Sie schwebte überall herum, wie Tautropfen auf einem Rabenflügel, die Champagnerbläschen gleich am dunklen Himmel zu platzen drohten.

Die Mondmutter ging auf, doch ihr volles Rund war nur hin und wieder kurz zwischen den Wolken zu sehen, die über den Wald dahinzogen. Sie strebten gen Westen, vom Wyvernmeer her. Uber Dahnsburg geht ein prächtiges Unwetter nieder, dachte ich. Die Wellen des Ozeans mussten sich hoch an die Klippen werfen.

Und dann kam ein flatternder Wind aus dem Westen, und ich spürte ihn. Oder vielmehr: hörte ihn. Der Umhang um meine Schultern summte tief, und das Horn im Futteral darin vibrierte wie ein silbernes Windspiel oder singendes Glas. Sie antworteten dem Ruf ihres Herrn, zu dessen Körper in einem anderen Leben das Fell wie das Horn gehört hatten.

Seit der Nacht meines Treueschwurs an die Mondmutter hatte ich keinen so starken Lockruf mehr vernommen, und wie in ihrer Magie, so schwangen auch in diesem Ruf die Gluthitze geschmolzenen Silbers und die diamantene Kälte von herbstlichem Raureif. Ich legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Wolken, die sich teilten und das Licht der Mutter auf mich herabscheinen ließen. Ich erglühte in ihrem Feuer und pries ihren Namen. Die Mondmutter behütete mich. Sie hatte ihren höchsten Punkt erreicht, und heute Nacht würde ich mit der Wilden Jagd reiten.

Als wir vorwärtsdrängten und dann nach links auf einen dunklen Pfad abbogen, erfüllte mich die absolute Gewissheit, dass das Schwarze Tier die Mondmutter gut kannte. Sie waren vom selben Schlag und miteinander verbunden auf eine Art, die ich nicht verstand. Doch eine Stimme in meinem Hinterkopf flüsterte mir zu, dass sie verwandt waren.

Ich stieß ein ersticktes Schluchzen aus, als die volle Pracht meiner schönen Herrin durch die Wolken brach, das Waldland in ihr Licht tauchte und unseren Weg beleuchtete. Sie war mein Ein und Alles, so viel größer und mir kostbarer als mein eigenes Leben. Mir schwoll das Herz vor Sehnsucht, als der Befehl, sich ihrer Jagd anzuschließen, immer lauter wurde.

Morio hob den Arm und nahm meine linke Hand, und ich drückte fest seine Finger. Er erwiderte den Druck. Trillian ging rechts von mir neben Iris, und er blickte zu mir auf, die ich hoch auf Feddrah-Dahns' Rücken saß. Die Nacht verbarg sein Gesicht vor mir, doch ich konnte seine Augen glitzern sehen und dankte der Göttin mit einem stillen Gebet dafür, dass er wieder an meiner Seite war.

Noch ein Stückchen weiter. Dann sah ich vor uns Licht in einem weiten Kreis aus Bäumen glimmen. Die Lichtung war von hier aus schwer zu erkennen, doch das Licht drang aus einem Ring hüfthoher Pilze, die ich für Fliegenpilze hielt. Der Pfad, der auf die Lichtung führte, knisterte vor Energie.

Ein Feenring? Nein, dieser war mächtiger als alle solchen Ringe, die mir bisher begegnet waren. Wer diesen Kreis ungebeten betrat, spielte mit seinem Leben.

Eine tiefe Stimme hallte von der Mitte der Lichtung herüber. Sie grollte aus jedem Grashalm, jedem Stein und Kiesel, Busch und Baum.

»Betritt meinen Hain, so du es denn wagst.«

Und in diesem Augenblick wusste ich, dass das Schwarze Tier dort auf uns wartete. Ich glitt von Feddrah-Dahns' Rücken und marschierte, ohne darüber nachzudenken, zwischen den Pilzen hindurch schnurstracks in die Höhle des Einhorns.