Kapitel 2

 

Bis wir die Zombies weggeputzt hatten und endlich im Auto saßen, fühlte ich mich schmutzig und wollte dringend duschen. Heißes Wasser erschien mir wie der heilige Gral. Ich wollte endlich das Ektoplasma und die fauligen Fetzen Zombie-Fleisch abwaschen, die an meiner Haut klebten. Vorsichtig schlüpfte ich hinters Lenkrad, während Morio auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es elf Uhr abends war. Noch nicht ganz Hexenstunde, aber die einzige Magie, mit der ich heute Nacht noch zu tun haben wollte, war Sexmagie. Oder noch besser: Pfeif auf die Magie, her mit den Jungs.

Ich lehnte mich im weichen Ledersitz meines Lexus zurück und schloss kurz die Augen. Dann ließ ich den Motor an und blickte über die Schulter, um mich zu vergewissern, dass ich gefahrlos zurücksetzen konnte.

Morio schien ebenso müde zu sein wie ich. Er gähnte. »Todesmagie ist körperlich ganz schön anstrengend, nicht?«

»Ja. Diesen Geist zu beschwören hat mich fertiggemacht. Es hat mich viel mehr erschöpft, als die Blitze herabzurufen.« Ich wollte gerade losfahren, als mein Handy klingelte. Ich hielt an, nahm den Gang heraus und deutete auf meine Handtasche, die vor Morio im Fußraum lag.

»Gibst du mir bitte mein Handy? Hoffentlich ist das nicht Delilah, die mich bitten will, noch irgendwo Milch für sie zu kaufen. Heute Abend spiele ich nicht den Lieferservice.«

Er fischte das Handy aus meiner Tasche.

Ich warf einen Blick auf die Anrufernummer. Menolly - meine andere Schwester, die zufällig eine Vampirin war. Sie hätte in der Arbeit sein sollen, doch der angezeigten Nummer nach rief sie nicht aus der Bar an, sondern von ihrem Handy. Ich klappte das Telefon auf und hielt es mir ans Ohr. »Was gibt's?«

»Wenn du mit deinem Horrorfilm-Casting fertig bist, würdest du mir dann bei einem echten Notfall helfen?« Ihre Stimme klang angespannt. Das war also kein Scherz.

»Was ist passiert? Geht es Delilah gut? Und Iris und Maggie?«

»Ja, ja - zu Hause ist alles in Ordnung«, antwortete sie. »Chase braucht uns. Ich bin schon unterwegs zu ihm, und Delilah auch. Anscheinend gibt es heute Nacht einen wahren Run auf Untote. Du weißt doch, wo Harold Youngs Haus ist, oder zumindest das, was davon übrig ist?«

Ich wollte weder an Harold Young noch an die verkohlte Ruine seiner Villa denken. Seinen Namen auch nur noch ein einziges Mal zu hören war schon einmal zu viel. Er war einer der diabolischen Freaks, die wir hatten ausschalten müssen. Er und seine Kumpel hatten einem geheimen Orden mit dem Namen Dantes Teufelskerle angehört und Schattenschwinge weibliche Feen geopfert. Dann hatten sie gewaltige Scheiße gebaut und dummerweise eine Karsetii beschworen - einen Dämon aus den untersten Tiefen. Damit meine ich die astralen Tiefen, nicht den Meeresboden.

Dieser Fehler jedoch hatte sie - und uns - zugleich vor der totalen Katastrophe bewahrt. Trotzdem hatten sie zu viel Tod und Zerstörung angerichtet, also hatten wir die gesamte Organisation zerschlagen und die Überlebenden in die Anderwelt gebracht, wo sie jetzt im Kerker saßen. Sie wussten viel zu viel über Schattenschwinge, um sie erdseits zu lassen.

»Ich stelle auf Lautsprecher, damit Morio dich auch hören kann«, sagte ich und drückte auf die Taste. »Schieß los.«

Ihre Stimme hallte mit einem unheimlichen statischen Rauschen durchs Auto. »Chase zufolge spukt es in dem Gestrüpp, das jetzt um Harolds Haus herumwuchert. Ein Passant hat im Gebüsch etwas gesehen, das er für eine Leiche hielt, und dann hat ihn irgendetwas zu Tode erschreckt. Er hat die Beine in die Hand genommen und die Polizei angerufen.«

»Weiß er, was es war?«

»Nein. Und als Chase und Shamas das überprüfen wollten, ist ihnen offenbar dasselbe begegnet - irgendeine Art Geist, der ihnen eine Scheißangst eingejagt hat. Shamas meint, der energetischen Signatur nach stamme es aus der Welt der Schatten, aber er kann nicht genau sagen, was es ist. Chase muss sich diesen Leichnam ansehen, aber er will seine Männer nicht da reinschicken, solange er nicht weiß, womit sie es zu tun bekommen.«

»Und dazu braucht er uns.« Ich stieß ein langgezogenes Seufzen aus. »Ach, na schön. Wir treffen uns dort.« Ich reichte Morio das Handy.

»Was ist los?« Er nahm es und strich dabei sacht über meine Hand.

»In letzter Zeit häufen sich die Berichte über Geister und Zombies und Ghule. Da ist irgendetwas im Busch, und ich wüsste gern, was.« Stirnrunzelnd legte ich den Rückwärtsgang ein und parkte aus. Der Lexus konnte in etwa einer Sekunde von null auf hundert beschleunigen, und während wir die Straße entlangrasten, ließ ich mein inneres Radar nach der Polizei Ausschau halten. Ich fuhr nicht so auf Geschwindigkeit ab wie Morio oder meine Schwester Menolly, aber im Moment nagte der Gedanke an mir, dass irgendetwas Großes, Hässliches unmittelbar bevorstand.

»Ja, ich weiß. Letzte Woche hat er uns dreimal wegen Geistern angerufen und dreimal wegen Zombies. Jemand weckt hier in der Gegend die Toten auf, und wir müssen herausfinden, wer das ist.«

»Du meinst, abgesehen von uns?« Ich lächelte ihn an, und er tippte mit dem Zeigefinger an mein Knie. Ein prickelnder Schauer lief an meinem Bein empor. Seine geringste Berührung reichte aus, um mich scharfzumachen, wenn wir zusammen Magie gewirkt hatten. »Was ist?«

»Fahr langsamer. Wir sind mitten in der Stadt. Hier laufen Frauen und Kinder herum.«

Schnaubend ging ich vom Gas. »Das brauchst du gerade zu sagen. Und so spät an einem nassen Septemberabend sind nur noch die Junkies und Obdachlosen unterwegs - und zumindest Letztere findet man eher selten mitten auf der Straße.« Ich seufzte. »Ich finde, wir sollten einfach sämtliche Leichen in der Umgebung ausbuddeln und kremieren, die Portale ein für alle Mal versiegeln und dann einen schönen, langen Urlaub machen.«

Er lachte, und seine klangvolle, samtige Stimme wirkte beruhigend wie warmer Honig. »Wenn wir in Urlaub fahren würden, würdest du nach ein paar Tagen herumjammern, dir sei langweilig. Soll ich die restliche Strecke fahren?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein ... bleib nur immer schön bei mir, Liebster. Ganz nah bei mir.«

 

Ach so, ich sollte mich wohl endlich vorstellen. Ich bin Camille, die älteste der D'Artigo-Schwestern. Wegen unserer Abstammung passen wir nirgendwo so richtig hin, auf die eine oder andere Weise. Unser Vater ist eine reinblütige Fee, unsere Mutter war menschlich. Dank unseres gemischten Blutes wandeln wir drei zwischen den Welten und gehören weder der Anderwelt noch der Erdwelt ganz an.

Ich bin eine Hexe und habe dem Zirkel der Mondmutter die Treue geschworen, und ich habe zwei Schwestern. Drei, um genau zu sein, sofern man Arial mitzählt, Delilahs Zwillingsschwester, die bei der Geburt starb und kürzlich zu unserer großen Überraschung aufgetaucht ist. Sie ist ein Geisterleopard, und bis vor wenigen Monaten wussten wir alle nichts von ihr.

Man hat mich schon mit allen möglichen Bezeichnungen belegt, von »Verführerin« bis hin zu »Schlampe«, und wenn die Leute mit der Zunge schnalzen, weil ihnen meine Garderobe (edler Gothic-Fetisch-Look) oder meine Liebhaber (mehrere, und kein einziger davon menschlich) nicht passen, hefte ich das einfach unter Neid ab. Sie müssen schließlich nicht in meiner Haut leben, also können sie sich ihre Meinung sonst wohin stecken. Meine Magie leidet des Öfteren unter einer Art Kurzschluss. Ich bin süchtig nach Make-up und Kaffee. Und ich bin wirklich nicht besonders diplomatisch. Aber wie Popeye schon sagte: Ich bin, was ich bin, und wenn das den Leuten nicht gefällt - scheiß auf sie.

Delilah, die Zweitälteste, ist die Naivste von uns dreien, obwohl sie inzwischen zu schnell lernt, wie es auf der Welt wirklich zugeht. Sie ist eine Werkatze und verwandelt sich in den unpassendsten Momenten in ein langhaariges, goldenes Tigerkätzchen. Nun muss sie damit fertig werden, dass der Herbstkönig sie zu einer seiner Todesmaiden gemacht hat, und obendrein ist ihre zweite Wernatur in Erscheinung getreten - ein schwarzer Panther. Den hat sie auch nicht unter Kontrolle. Wie schon erwähnt, hatte Delilah eine Zwillingsschwester, aber irgendetwas ist schiefgegangen. Wir wissen nicht, was, denn unser Vater ist leider nicht sehr gesprächig - jedenfalls ist Arial bei der Geburt gestorben. Delilah vergöttert Jerry Springer und hat zwei Liebhaber - einer ist menschlich, der andere nicht so ganz, obwohl Zachary, der Werpuma, erst kürzlich schwer verletzt wurde, als er Delilahs Vollblutmenschen-Freund Chase gerettet hat.

Dann wäre da noch meine jüngste Schwester, Menolly. Sie war früher eine Jian-tu, eine Spionin, die vor allem ihr unglaubliches akrobatisches Geschick nutzt. Aber hin und wieder schlägt auch bei ihr der Fluch unserer gemischten Abstammung zu, und ihre akrobatischen Fähigkeiten versagen. So wurde sie auch zur Vampirin. Sie spionierte gerade einen Clan abtrünniger Vampire zu Hause in der Anderwelt aus, als sie ihnen buchstäblich in den Schoß fiel. Dredge, der schreckenerregendste Vampir überhaupt, vergewaltigte sie, folterte sie, blutete sie aus und verwandelte sie dann. Menolly versank für ein ganzes Jahr in finsterem Wahnsinn, bis der AND ihr helfen konnte. Sie lernte, sich im Griff zu haben, und kam schließlich zu uns nach Hause zurück. Vor einiger Zeit hat sie ihren Meister vernichtet und damit längst überfällige Rache geübt.

Wir arbeiten für den AND - den Anderwelt-Nachrichtendienst. Zu Hause trägt er natürlich einen anderen Namen.

Als der AND uns erdseits verschickte, wusste er natürlich nichts davon, dass Schattenschwinge, der dämonische Herrscher der Unterirdischen Reiche, einen Plan gefasst hatte. Er will die Portale sprengen und damit die Grenzen zwischen den Reichen überwinden, um sowohl die Erdwelt als auch die Anderwelt in seine private kleine Schlammgrube zu verwandeln. Dazu muss er möglichst viele der Geistsiegel an sich bringen - uralte Artefakte, die die Trennung der Reiche aufrechterhalten. Wir sind zufällig über seinen Plan gestolpert und stellen jetzt die erste Linie der Abwehr dar, indem wir versuchen, die Geistsiegel einzusammeln und in Sicherheit zu bringen. Wir haben vier, die Dämonen haben eines, und das ist schon eines zu viel. Vier magische Siegel sind noch zu haben. Wir haben Verbündete gewonnen, aber der Feind ist uns allein zahlenmäßig weit überlegen. Bisher haben wir schon zwei von Schattenschwinges Späherkommandos und einen seiner Generäle ausgeschaltet - den Räksasa, der es geschafft hat, das dritte Geistsiegel in die Finger zu bekommen. Doch es warten Tausende von Dämonen darauf, durch die Portale zu stürmen. Und sie werden jedem, der sich ihnen in den Weg stellt, das Leben zur Hölle machen.

 

Während wir durch die Septembernacht rasten, klatschte der Regen in dicken Tropfen auf die Windschutzscheibe. Ich schaltete die Scheibenwischer ein und dankte den Göttern dafür, dass ich mir von dem Autohändler kein Cabrio hatte aufschwatzen lassen. Morio kramte in seiner Tasche herum. Schließlich holte er zwei Snickers-Riegel hervor, wickelte einen aus und reichte ihn mir.

»Hier, du brauchst neue Energie. Ich auch.«

Ich biss in den Schokoriegel. »Danke - genau das Richtige«, nuschelte ich, den Mund voll Karamell und Nougat. Morio hatte ja so recht. Ich war erschöpft, und ich wusste, dass es ihm bald ebenso gehen würde. Als Yokai-kitsune war er stärker und ausdauernder als ich.

»Hat Smoky vor, seinen faulen Hintern in Bewegung zu setzen und uns zu helfen?«, fragte er.

»Mahhscheinlih«, antwortete ich durch einen weiteren Mund voll Schokolade. Smoky, mein anderer Ehemann, kümmerte sich - wie alle Drachen - in erster Linie um seine eigenen Angelegenheiten. Aber er liebte mich. Folglich half er uns. Und seine Hilfe war hochwillkommen. Smoky, dieser lange Leckerbissen, war ein furioser Kämpfer. Als ich mir den letzten Bissen Schokoriegel in den Mund steckte, setzte der Zucker-Kick ein. »Ich könnte noch ungefähr zehn davon vertragen, aber der hat schon mal sehr gutgetan.«

Ich bog nach links in eine Seitenstraße ab. Seattle war mitten in der Nacht wie ausgestorben - umso besser für uns. Ich fuhr langsamer, und bald kam ein Streifenwagen in Sicht. Menollys Jaguar stand auch schon da, von Delilahs Jeep war noch nichts zu sehen.

Ich parkte hinter dem Streifenwagen, und wir schleppten uns in die nasse Nacht hinaus. Das Gewitter war einem kräftigen Dauerregen gewichen, und ich zitterte vor Kälte. Morio bemerkte es und beugte sich ins Auto, um seine Lederjacke herauszuholen und sie mir um die Schultern zu legen.

Wir traten zu Chase. Der VBM-Detective lehnte neben meinem Cousin an dem Streifenwagen. Obwohl Chase Johnson sehr gut aussah, wirkte er geradezu unscheinbar neben Shamas, der reines Feenblut hatte. Shamas hatte etwas von einem glamourösen Rockstar und sah mir ziemlich ähnlich, aber weil er reinblütig war, war seine Ausstrahlung noch stärker und umwerfend sexy. Und er wusste sie zu nutzen. Ich hatte gesehen, wie er in den vergangenen zwei Wochen nach Schichtende ein ganzes Dutzend verschiedener Frauen mit nach Hause gebracht hatte. Seine Mutter war kürzlich gestorben, und das schien etwas in ihm entfesselt zu haben - eine dunklere Seite, die ich zwar spürte, aber noch nicht richtig zu fassen bekam.

»Wo ist Menolly?«, fragte ich und blickte mich um. Nach allem, was ich wusste, schwebte sie möglicherweise oben in den Bäumen oder probierte mal wieder ihre Fledermaus-Gestalt aus - gar keine gute Idee. Letztes Mal hatte sie mittendrin die Konzentration verloren und war aus fast zehn Metern Höhe abgestürzt.

»Da drüben«, antwortete Chase und deutete auf einen Haufen halb verrotteter Balken, die aus den Überresten der dreistöckigen Villa stammten. »Sie spielt den Bluthund. Hat gesagt, sie wolle nach der Witterung von Dämonen oder Untoten suchen.«

Ich nickte und warf einen Blick auf das Gesicht des Detectives. Er sah fertig aus. Sein Anzug war zerknittert - ein seltener Anblick -, er hatte dunkle Ringe unter den Augen, und jetzt fiel mir auch die Zigarette zwischen seinen Fingern auf. Der Stumpf seines kleinen Fingers war vollständig verheilt, doch als er sah, dass ich auf seine Hände schaute, versuchte er ihn zu verstecken. Noch nicht darüber hinweg, dachte ich.

Ich ignorierte sein Unbehagen, hob die Hand, schlug ihm die Zigarette aus den Fingern und trat sie mit dem Absatz aus.

»Du weißt, dass Delilah nicht mit dir schlafen wird, wenn du nach Aschenbecher stinkst.« Ich bog den Rücken durch und versuchte, meine verspannten Schultern zu lockern. »Rauchen ist eine widerliche Angewohnheit.«

Er starrte mich an, und sein Mundwinkel zuckte. »Widerlich? Habe ich das richtig verstanden? Meine Freundin verwandelt sich in eine Katze, frisst Mäuse und Käfer und benutzt ein Katzenklo. Menolly trinkt Blut. Und du - du ...« Er rümpfte die Nase. »Was ist das für ein Gestank? So etwas Übles habe ich nicht mehr gerochen, seit wir eine zehn Tage alte Leiche exhumieren mussten. O nein«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Bitte sag mir, dass du nicht wieder mit Toten herumgespielt hast.«

Ich errötete und scharrte mit der Stiefelspitze auf dem Boden. »Also, wenn du es so ausdrückst, hört sich das wirklich übel an.«

Chase stöhnte. »Du hast die Grabräuberin gespielt?« Er blickte an mir vorbei zu Morio hinüber. »Ihr beide?« Ehe ich antworten konnte, hob er die Hand. »Nein, sag nichts. Wovon ich nichts weiß, dafür kann ich euch nicht festnehmen. Im Moment stecke ich sowieso schon bis zum Hals in der Scheiße. Tut mir nur einen Gefallen, wenn ihr da draußen eure Alptraumspielchen treibt.«

»Und der wäre?«, fragte Morio, der neben mich trat und mir einen Arm um die Taille schlang.

»Nehmt Gräber, die von der Stadt gepflegt werden, nicht von Angehörigen, und weckt niemanden auf, den man erkennen könnte. Keine Promi-Zombies, okay?« Damit wandte er sich wieder dem Grundstück zu, das mit Absperrband gesichert war. »Darf ich euch also jetzt die Lage hier erklären?«

»Ist deine Show«, sagte ich und ließ mich gegen Morio sinken. Er roch nach Moschus und Schweiß und all den anderen guten Dingen, die normalerweise meinen Pulsschlag in die Höhe trieben. Aber mittlerweile hatte ich »scharf« hinter mir gelassen und »durchgefroren und müde« erreicht. Die Nacht war einfach zu kalt und ich zu müde, und im Moment sehnte ich mich nur noch nach einem warmen, kuscheligen Bademantel, einem Glas Wein und meinem weichen Bett.

Menolly kam zurück, mit eisgrauen Augen und ausgefahrenen Reißzähnen. Das einzige Geräusch, das sie verursachte, war das leise Klappern der Elfenbeinperlen in ihren langen Zöpfen. Sie hatte das Haar eine Weile offen getragen, dann aber erklärt, dass sie sich damit nicht wohl fühle. Also hatten wir eines Nachts eine Vampirin, die früher Friseurin gewesen war, zu uns nach Hause kommen und die zahllosen dünnen Zöpfchen neu flechten lassen.

Meine Schwester rieb sich die Nase. »Wenn das Blut nur nicht so gut riechen würde.«

Chase verzog das Gesicht. »Ja, schon gut. Was hast du herausgefunden ? «

»Nichts. In diesem Gestrüpp aus Rhododendron und Farn ist irgendwas, aber falls es ein Dämon sein sollte, kann ich die Art nicht näher bestimmen.« Sie sah uns und winkte. »Gut, da seid ihr ja. Vielleicht kommt ihr dahinter. Chase, hast du ihnen schon erzählt, was du mir gesagt hast?«

»Das wollte ich gerade«, entgegnete er. »Seht ihr die wuchernden Rhododendren da drüben? Dahinter liegt eine Leiche, aber wir kommen nicht dran. Als Shamas sich durch das Gebüsch arbeiten wollte, haben wir ein tiefes Knurren gehört, und dann kam ein schwarzes ... Ding ... herausgeschossen. Ich hatte einen Suchscheinwerfer auf die Stelle gerichtet, aber nicht einmal der konnte diese Dunkelheit beleuchten.« Chase gab Shamas einen Wink. »Na los. Gib ihnen die Einzelheiten.«

Shamas lächelte mich gemächlich an. »Hi, Cousinchen.« Er hatte sich bemerkenswert schnell in der Erdwelt akklimatisiert und Umgangssprache und Gebräuche nur allzu leicht angenommen. »Ich weiß, dass es etwas aus der Schattenwelt ist, so viel konnte ich feststellen, aber ich habe keine Ahnung, was genau es sein könnte. Dabei bin ich den Umgang mit Geschöpfen der dunkleren Ebenen gewöhnt.«

Sein Gesichtsausdruck beunruhigte mich. Shamas hatte im Lauf des vergangenen Jahres ein paar bemerkenswerte Fähigkeiten erlangt, aber wir hatten keinen Schimmer, wie. In der Anderwelt hatte ihm das jedenfalls ganz sicher niemand beigebracht. Er hatte es sogar geschafft, einer Jakaris-Triade, die ihn hatte ermorden sollen, die Macht abzuringen und für sich selbst zu nutzen - eine noch nie dagewesene Leistung. Je mehr Zeit wir mit ihm verbrachten, desto öfter fragte ich mich, was seine Flucht vor den Meuchlern mit ihm angestellt haben mochte. Er war nicht mehr der Shamas, den ich als Kind gekannt hatte.

Ich ging an ihm vorbei, mit Morio an meiner Seite. »Ist Smoky da?«

»Er hat Delilah gesagt, dass er kommen würde, falls wir ihn brauchen. Er wartet neben dem Telefon«, antwortete Chase. »Delilah ist auf dem Weg hierher.«

Ich trat vom Gehsteig vor die finsteren Überreste des Verbindungshauses. Das Anwesen war kürzlich verkauft worden und gehörte nun zum ersten Mal seit über hundert Jahren nicht mehr Harolds Familie. Wir wussten zufällig, dass der Mann, der es gekauft hatte - Carter -, in Wahrheit ein Dämon war. Er stand auf unserer Seite, aber wir hielten seine wahre Natur geheim. Was die Stadt nicht wusste, konnte niemanden heiß machen. Zumindest in diesem Fall.

Während ich mit Morio im Rücken langsam auf die Trauerweide zuging, stockte mir der Atem. Die Energie war schwer und dunkel - widerlich, ranzig. Kein Zweifel, da war irgendetwas, eine unfreundliche, fast schon zornige Präsenz. Ich blieb unsicher stehen.

Morio beugte sich zu mir vor und flüsterte: »Ich weiß, was das ist. Und Shamas hat recht - das Geschöpf stammt aus der Schattenwelt, aber es ist kein Geist.«

»Was denn dann?«, fragte ich so leise wie möglich.

»Eine Goshanti. Das sind Teufelinnen, die durch den Zorn betrogener oder ermordeter Frauen entstehen. Es gibt eine Menge solcher Geschöpfe, nicht nur in meiner Heimat, sondern überall auf der Welt. Wenn man bedenkt, was dem weiblichen Geschlecht über so lange Zeit hinweg angetan wurde, ist es kein Wunder, dass die Geister irgendwann Form und Substanz annehmen.«

Er legte die Hände auf meine Schultern und stützte mich von hinten. »Sie hassen Männer, und sie locken Frauen zu sich, um sie dann zu töten und ihre Seelen zu verschlingen. So wachsen sie nach ihrer Entstehung weiter. Männer töten sie nur, um ein wenig Nahrung zu gewinnen und sich zu rächen, aber weibliche Opfer wirken wie eine Art übersinnliche Steroide. Offenbar begreifen die Goshanti nicht den Zusammenhang, dass sie anderen Frauen das antun, was ihnen selbst angetan wurde.«

Großartig. Ganz großartig. Und nur allzu verständlich, nachdem auf diesem Grundstück so viele Morde passiert waren. »Weißt du, wie man sie töten kann?«

Morio küsste mich auf den Scheitel. »Sie nähren sich von Zorn und Streit. Wenn wir hier richtig gute Schwingungen produzieren, zieht sich die Goshanti vielleicht von selbst in die Schattenwelt zurück.«

Ich warf ihm einen schiefen Blick zu. »Also, bitte. Ich lasse hier jetzt nicht das Höschen herunter, nur um ein paar glückliche Gedanken zu erzeugen.«

»Ich käme nicht im Traum darauf, dich hier draußen im kalten Regen zu vögeln, es sei denn, du willst unbedingt die Nachbarn aufbringen«, entgegnete Morio. Er schob die Hand meinen Rücken hinauf und liebkoste meinen Nacken. »Aber wenn du darauf bestehst, werde ich deinem Wunsch selbstverständlich entsprechen. Dir würde ich nie etwas verweigern.« Er beugte sich an meiner Schulter vorbei, um mich auf den Mund zu küssen, und seine Lippen kräuselten sich zu einem unverschämten Lächeln. »Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass du auf diese Idee gekommen bist. Mein Vorschlag wäre, dass wir ein Reinigungsritual durchführen. Aber das machen wir besser tagsüber - diese Teufelinnen kommen hauptsächlich nachts hervor, obwohl man ihre rastlose Energie auch tagsüber spüren kann. Ich weiß gar nicht, ob sie bei Tageslicht überhaupt wach sind.«

Ich verdrehte die Augen. »Ja, ja. Dann kommen wir also morgen wieder und reinigen diesen Bereich. Was machen wir bis dahin?«

»Wir sperren das Grundstück und postieren ein paar Feen hier, die der Versuchung widerstehen können. Goshanti stehen Sirenen in nichts nach, wenn es darum geht, VBMs in ihre Fänge zu locken.«

Seufzend wandte ich mich dem Gehsteig zu, und in diesem Moment spürte ich, dass mir etwas in den Rücken sprang. Ich wirbelte herum und starrte auf eine pechschwarze, körperlose Gestalt, der ätherischer Sabber von den Lippen tropfte. O Mann, schon wieder jemand, der scharf auf mich war! Ich hatte mich nicht mehr so begehrt gefühlt, seit ... na ja ... ungefähr vorletzter Nacht, aber dies war nicht die Art leidenschaftlichen Begehrens, an das ich gewöhnt war. Nein, die Goshanti betrachtete mich auch als Leckerbissen, nur auf eine Weise, die ich als ziemlich ungesund empfand - zumindest für mein Weiterleben.

»Sie hat mich angegriffen!« Ich rief die Mondmutter an und fragte mich, ob ich noch genug Energie in mir hatte, um dem Geschöpf einen hübschen, gleißenden Blitz zu verpassen.

Morio zerrte mich hinter sich und brach damit meine Konzentration. »Nicht! Deine Energie würde sie nur stärker machen. Verschwinden wir hier, und morgen kommen wir wieder und räumen hier auf, wenn es nicht mehr so schattig ist.«

Er bugsierte mich zum Gehsteig. Nervös blickte ich zurück, doch die Goshanti blieb am Rand des Grundstücks stehen, als könnte - oder wollte - sie nicht weitergehen. Ich holte tief Luft und hielt mich an Morios Arm fest, so müde, dass ich kaum mehr denken konnte. Todesmagie sog einem die Energie aus dem Innersten ab, und die Dunkelheit der Goshanti war so kalt wie die Schattenwelt selbst. Ich hatte das Gefühl, am Grund einer tiefen Grube zu stehen und nach oben zu schauen.

Chase und Menolly blickten uns erwartungsvoll entgegen, doch ehe wir ein Wort sagen konnten, kam Delilah angerast. Sie sprang aus ihrem Jeep und eilte herüber.

»Habt ihr schon herausgefunden, was es ist?«, fragte sie.

Morio schlang den Arm um meine Taille und stützte mich. »Eine Goshanti, eine Teufelin aus der Welt der Schatten. Bis morgen können wir hier nichts ausrichten. Chase, du musst ein paar reinblütige Feen-Kollegen hier postieren, damit sie das Grundstück bewachen. Sie dürfen es aber auf keinen Fall betreten, und weiblich sollten sie auch nicht sein. Diese Geschöpfe sind für Frauen gefährlicher als für Männer.«

Chase nickte und sagte zu Shamas: »Gib das durch.« Shamas ging zum Streifenwagen. »Dann war's das wohl für heute. Wir bleiben noch hier, bis die Kollegen kommen.«

Delilah schlenderte zu ihm hin. Sie respektierte sein professionelles Verhalten immer, wenn er im Dienst war, doch nun setzte sie sich neben ihm auf die Bordsteinkante. »Ich warte mit euch. Einer mehr kann nicht schaden.«

Ich war zu müde, um zu protestieren, dass das gefährlich für sie sei, sondern wandte mich stattdessen an Menolly. »Fährst du zurück zum Wayfarer?«

Sie nickte. »Luke steht heute an der Bar, aber ich muss dringend ein paar Bestellungen aufgeben. Wir haben kaum noch Mindolea-Weinbrand, und Wodka brauchen wir auch.« Meiner Schwester gehörte der Wayfarer Bar & Grill, ein bekannter Treffpunkt für Feen aus der Anderwelt wie der Erdwelt, und ebenso beliebt bei Übernatürlichen, Vampiren und Feenmaiden - VBM-Frauen, die auf einen Liebhaber aus der Anderwelt aus waren. Der Wayfarer hatte ursprünglich dem AND gehört, doch das hatte sich im vergangenen halben Jahr geändert.

»Wir fahren nach Hause«, erklärte ich. »Morio und ich kommen morgen früh wieder her. Dann reinigen wir das Grundstück und scheuchen das Ding zurück in die Schattenwelt.«

Chase salutierte mit zwei Fingern. »In Ordnung. Fahr schön vorsichtig. Du siehst aus, als könntest du kaum noch geradeaus schauen vor Müdigkeit, aber ich habe ja gesehen, wie Foxy Auto fährt - wie eine gesengte Sau.«

Morio zog die Augenbrauen hoch. »Du kannst mich mal, Menschlein«, erwiderte er, doch er lächelte dabei. »Ich bin ein besserer Fahrer als du, und das weißt du genau.«

Chase zeigte ihm freundlich den Stinkefinger, und wir wandten uns meinem Wagen zu. Ich gab Morio den Schlüssel und ließ mich auf dem Beifahrersitz nieder. Als er sich anschnallte, erklärte mein prachtvoller Fuchsdämon: »Schlaf mir ja nicht ein da drüben. Wir haben heute Nacht noch etwas vor. Und spar dir den Protest, glaub mir einfach - danach schläfst du viel besser.«

Zu müde, um zu widersprechen, lehnte ich den Kopf zurück und sog Morios aufregenden Geruch ein. Ich musste an die Goshanti denken und den Zorn, der sie befeuerte.

Auf diesem Stück Land waren viele junge Frauen gestorben, gefoltert und dem Bösen geopfert worden. In gewisser Weise tat mir die Teufelin leid, und die Vorstellung, sie von dort zu verjagen, behagte mir nicht, obwohl uns gar nichts anderes übrigblieb. Manche Dämonen waren wie Mahnmale an die Vergangenheit - sie erinnerten uns daran, dass so etwas nie wieder geschehen durfte. Und trotz all ihrer Wut und Bosheit war die Goshanti ursprünglich aus großem Schmerz hervorgegangen. Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, sie zu besänftigen und in Frieden ruhen zu lassen, ohne sie zu vernichten.

Doch ich hatte das Gefühl, dass sie nicht nur vom Tod der Frauen hierhergebracht worden war. Was auch immer den jüngsten Ausbruch von paranormaler Aktivität hervorrief, hatte auch ideale Bedingungen für die Entstehung der Goshanti geschaffen. Und die Energie hinter den diversen Gespenstern und finsteren Geschöpfen, die Seattle unsicher machten, wurde mächtiger. Wir mussten die Ursache für all das herausfinden und abstellen, ehe Seattle zu einem einzigen großen Geisterschloss wurde. Das gäbe vielleicht eine tolle Touristenattraktion, aber das Leben in »Spukstadt Seattle« wäre eher ungesund, und vor allem die menschlichen Bewohner wären sicher nicht glücklich damit.

Ich starrte aus dem Fenster und sah die hellen Lichter der City vorbeigleiten, während wir uns Belles-Faire näherten, wo meine Schwestern und ich wohnten. Morio schwieg und hielt den Blick auf die Straße gerichtet, doch ich wusste, dass er mich die ganze Zeit über aus den Augenwinkeln beobachtete, um sich zu vergewissern, dass es mir gutging. Und dafür liebte ich ihn umso mehr.