Kapitel 15
Als ich den Ring aus Pilzen betrat, verschob sich die Welt unter meinen Füßen schon wieder. Was zum ...?
Ich verlor das Gleichgewicht, taumelte zur Seite und landete hart auf den Knien. Der Boden bäumte sich in Wellen unter mir auf.
Die anderen folgten mir in den Ring, aber meine Aufmerksamkeit galt einem dunklen Fleck im Kreis der Zedern, am Rand der Lichtung. Es sah aus, als hätte jemand einen breiten, pechschwarzen Streifen über die Baumstämme gemalt. Eine Untiefe, beinahe greifbar. Ein Portal vielleicht?
Was es auch sein mochte - im Inneren wartete etwas. Etwas Schreckliches. Etwas Wunderschönes. Etwas unendlich Altes. Ich sah ein goldenes Augenpaar in der tintenschwarzen Leere glimmen.
Aus dem dunklen Tor trat der Herr der Dahns-Einhörner. Als seine Hufe das Gras berührten, flimmerte eine Funkenwelle durch den Boden, die mir einen heftigen Schlag versetzte. Ich duckte mich, hin- und hergerissen zwischen Angst und ehrfürchtigem Staunen.
Er war groß. Viel größer als jedes Einhorn oder Pferd, das ich je gesehen hatte. Ein Riese oder Oger hätte ihn kaum reiten können. Seine Flanken waren glatt und muskulös, sein Fell war so dunkel wie Trillians Haut, doch in dem Ebenholzschwarz schimmerten graue Flecken. Seine Augen leuchteten wie zwei goldene Sonnen. Mein Blick wanderte zu dem spiralförmigen Horn aus Kristall, das aus seiner Stirn ragte - und das Horn in meiner Tasche stimmte einen klagenden Ton an, als hätte es seinen wahren Herrn erkannt.
»Es gibt ihn wirklich ...«
»Das Schwarze Einhorn ...«
»Mädchen, ist dir etwas ...«
Die Stimmen der anderen flüsterten hinter mir, doch ich hörte sie kaum. Ich blieb, wo ich war, behext vom Anblick des gewaltigen Tiers. Dann erschreckte mich ein Geräusch neben mir. Feddrah-Dahns war an meiner Seite erschienen und kniete mit gesenktem Kopf auf den Vorderbeinen.
»Herr über alle Herren, Fürst der Dahns', ich bringe Euch die junge Frau und ihren Gefährten.« Seine leise Stimme klang so ehrfurchtsvoll, wie mir zumute war.
Ich beschloss, lieber den Mund zu halten. Erstens war ich unsicher, was sich in dieser Situation gehörte, und ich wollte hier auf gar keinen Fall Mist bauen. Zweitens schien mir der Anblick dieser lebenden Legende die Sprache verschlagen zu haben. Der Lockruf der Wilden Jagd und die Urgewalt dieses Tiers waren so mächtig, dass ich nicht einmal ein Quietschen zustande gebracht hätte.
Das Schwarze Tier ging weiter und blieb etwa drei Meter vor uns stehen. Vorsichtig hob ich den Kopf und fürchtete mich beinahe davor, in diese glimmenden Augen zu schauen. Wenn ich hineinsah, würde ich mich darin verlieren?
»Auf die Füße mit dir, Hexe«, hallte eine Stimme durch meinen Kopf. »Ihr alle, steht auf.«
Ich blinzelte. Er hatte nicht laut gesprochen, aber ich hörte ihn klar und deutlich. Offenbar war ich nicht die Einzige, denn Morio, Trillian und Iris erhoben sich ebenfalls vom Boden. Feddrah-Dahns wieherte leise und stupste mich mit seiner Nase voran.
Ich richtete mich auf und bemerkte, dass der Boden endlich still hielt. Zumindest dafür konnte ich dankbar sein. Als ich tief Luft holte und zu dem Geschöpf hochstarrte, sah ich, dass ihm doch tatsächlich Dampf aus den Nüstern quoll.
Ich wusste nicht recht, warum, hatte aber das Gefühl, das Richtige zu tun - ich griff langsam in meine Tasche und holte das Horn des Schwarzen Tiers hervor. Zitternd hob ich den Arm und streckte es dem bebenden Mond entgegen.
Das Schwarze Tier stieß ein leises Lachen aus, das über die Lichtung hallte. »Diesen Teil meiner selbst habe ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Ebenso wie die Haut, die du um die Schultern trägst.« Er senkte den Kopf, um an meinem Umhang zu schnuppern. »Ja, das war ein viel früheres Leben, ein jüngeres Zeitalter, als das Geistsiegel erst geschaffen und dann geteilt wurde. Ich habe ihnen gesagt, dass sie damit einen schweren Fehler begehen, doch sie wollten nicht auf mich hören. Also zog ich mich in den Finstrinwyrd zurück und von dort schließlich in den Tiefen Tann. Du trägst das Mal der Mondmutter. Sage mir: Hast du ihr schon ins Gesicht geblickt?«
Plötzlich fand ich die Sprache wieder und platzte heraus: »Ja, ich reite mit der Wilden Jagd. Ich bin eine ihrer Hexen.«
»Aber nicht ihre Priesterin?« Seine Augen glühten wie goldenes Feuer, und ich konnte den Blick nicht davon losreißen.
»Nein«, antwortete ich leise. »Und ich weiß nicht, ob ich dieser Ehre jemals würdig sein werde. Aber es genügt mir, ihr zu dienen, ihre Tochter zu sein und ihre Magie zu wirken.«
Da trat das Schwarze Tier vor, bis seine Nase beinahe mein Gesicht berührte, und es hüllte mich in den Dampf, der aus seinen Nüstern strömte. »Aber Priesterin - du würdest den Titel mit Freuden tragen, wenn er dir gewährt würde. Weißt du, wer mich reitet? Es gibt eine, und nur eine Einzige, der ich erlaube, meinen Rücken mit ihren Schenkeln zu umfangen.«
Ich fragte mich, worauf diese Unterhaltung hinauslaufen mochte, und schüttelte bibbernd den Kopf. »Nein. Ehrlich gesagt, habe ich noch nie darüber nachgedacht.« Ich betete nur, dass ich nicht diejenige sein würde.
In den Schatten hinter ihm bewegte sich etwas, und ein Rabe flog aus der Dunkelheit hervor. Ein Strudel aus wirbelndem Blut verbarg den Vogel plötzlich, und ich hob die Hand, um meine Augen vor den flimmernden Hitzewellen zu schützen, die wie ein Sonnensturm über die Lichtung fegten. Die Luft krümmte sich, als wollte sie sich umstülpen, und die Realität schlug Wellen wie das Meer. Dann löste sich die Magie langsam wieder auf.
Als die Glut erlosch, stand eine große, blasse Frau vor uns und musterte uns mit samtenen Augen. Diese Augen hatten einen schlauen Ausdruck, und goldene Sprenkel funkelten in dem glänzenden Schwarz. Mit einem so tiefen Grauen, dass es mir erst jetzt ins Bewusstsein drang, wurde mir klar, wer das war.
Die Rabenfürstin.
Die Mutter der Raben, eine der Elementarfürstinnen, die in den dunklen Wäldern herrschte. Die Rabenfürstin, von der ich in all den Jahren nur gerüchteweise gehört hatte. Die Mutter der Raben, berüchtigt für ihre List und Tücke und ihre grausame Gier nach allem, was der Mondmutter gehörte.
Ihre Brüste bildeten üppige Rundungen über dem Ausschnitt ihres zarten schwarzen Kleides. Ihre Lippen, ebenholzschwarz, schimmerten, wenn sie sprach, und die schwarze Maske um ihre Augen erinnerte an einen Waschbären. Als sie lächelte, schimmerten ihre Zähne, die keine Reißzähne waren, sondern eher knöchernen Pfeilspitzen glichen, gezackt und scharf.
»Und wer sind diese Hübschen? Ja, wer sind sie?«, fragte sie, umkreiste das Schwarze Tier und legte ihm beiläufig eine Hand an die Seite. Er stieß ein zärtliches Wiehern aus, und aus irgendeinem Grund ängstigte es mich so sehr, dass ich mir beinahe in die Hose gepinkelt hätte. Na ja, in den Rock.
Die Rabenfürstin und das Schwarze Einhorn waren ein Paar, zwei vom selben Schlag, beide so ursprünglich und wild wie der Urwald, in dem sie lebten.
Der Herr der Dahns-Einhörner hustete kräftig, und wieder hörte ich seine Stimme in meinem Kopf. »Sie sind der Jagd wegen hier. Zumindest das Mädchen und ihr Fuchsdämon. Sie besitzt eines meiner Hörner, daher muss sie dessen machtvollsten Zweck erleben, ehe sie sich zutrauen darf, seinen Nutzen ganz auszuschöpfen.«
»Und ihr Geliebter?« Obwohl die Rabenfürstin flüsterte, hallten ihre Worte über die Lichtung, beinahe wie das schrille Krächzen ihrer Lieblinge.
»Sie sind seelengebunden, und Todesmagie wirken sie. Deshalb muss auch er an dem Ritual teilhaben, denn das Horn wird ihrer beider Kraft gehorchen, könnte jedoch fehlgeleitet zurückschlagen, wenn er sich der wahren Macht darin nicht bewusst ist.«
Ich schnappte nach Luft. Deshalb also waren wir hier. Ich drehte mich zitternd zu Morio um. Er war bleich geworden und trat rasch an meine Seite.
»Bist du sicher, dass du das tun willst?«, fragte er.
Ich zögerte und dachte darüber nach, was passieren könnte. Sehr schlimme Dinge, zweifellos. Doch dann gingen mir die Worte von Iris, Großmutter Kojote und der Elfenkönigin durch den Kopf. Sie alle hatten mir diesen Weg gewiesen, und ich wusste, dass ich mich gegen das Schicksal nicht wehren konnte. Doch eines musste ich noch tun, ehe ich mich endgültig verpflichtete.
Ich trat ins Mondlicht und kniete vor meiner Herrin nieder. Die Mondmutter war ganz nah. Ich spürte sie in ihrem Zeichen, der Tätowierung, die auf meinem Schulterblatt brannte, im Blut, das durch meine Adern floss, in dem silbrigen Feuer, das meine Aura einhüllte.
»Mutter Mond, führe mich. Die Mutter der Raben ist deine Erzfeindin, das habe ich in meiner Ausbildung gelernt. Sie will sich nehmen, was dir gehört. Aber du hast mich zum Schwarzen Tier gesandt, und sie wandelt an seiner Seite. Soll ich mich diesem Ritual unterziehen? Soll ich dem Schwarzen Einhorn vertrauen?«
Ich wurde still und lauschte mit jeder Faser meines Wesens, während langsam heller Dunst um mich aufstieg. Er wirbelte im Kreis herum wie ein Strudel, ein Tornado aus Rauch und Nebel, bis ich nur noch die tanzenden weißen Schleier sehen konnte.
Mein Herz begann zu rasen - im Inneren des Strudels baute sich ungeheure Energie auf, und ich kniete mittendrin. Schwindelig schwankte ich unter den Windböen, die mich aus dem wirbelnden Sturm heraus umtosten. Der Strudel reichte weit hinauf, über mir sah ich nur die leuchtende Kugel, Zeichen und Siegel meiner Göttin.
Und dann erschien die Mondmutter selbst, in Silber und Schwarz gekleidet und bereit, die Wilde Jagd anzuführen. Sie ragte himmelhoch über dem Land auf, ein wüstes Lächeln auf dem Gesicht.
Ich sprang auf.
Die Göttin beugte sich herab und sprach zu mir: »Fliege heute Nacht mit dem Schwarzen Tier. Ihr beide werdet mich auf die Jagd begleiten, wo du - meine Tochter - deinen wahren Platz in meinen Diensten finden wirst.«
Auf einen kleinen Fingerzeig meiner Herrin hin verflüchtigte sich der Nebel, und die Nacht strahlte wieder auf mich herab, glitzernd und schön. Ihr Lachen hallte durch den Wald, als sie verschwand. Ich stand da, starrte zu den funkelnden Sternen hinauf und war dankbar für jede Prüfung, der sie mich unterzog.
Als der Glanz ihrer Erscheinung verblasste, wandte ich mich Morio zu und stellte verblüfft fest, dass er noch immer meine Hand hielt. Er sah mich ernst an, und mein eigenes Spiegelbild blickte mir aus seinen Augen entgegen. Das Licht der Mondmutter hüllte mich in Silber, und einen Moment lang sah ich mich selbst so, wie er mich sah: viel mehr als nur eine Stümperin. Mehr als eine Windwandlerin. Mehr als nur eine Schachfigur in einem Krieg, den ich weder gewollt noch angefangen hatte. Ich sah mich als die Mondhexe, die ich war, strahlend und schön und eines der tausend Gesichter meiner Herrin der Nacht.
»Ich bin ganz sicher«, sagte ich. »Wir müssen das durchziehen. Was auch immer es sein mag.«
Er nickte. »Wie du wünschst. Ich würde mit dir durchs Feuer gehen, wenn es sein muss.«
Trillian kam zu uns herüber. »Camille - ich liebe dich«, sagte er schlicht. »Tu, was du tun musst. Ich vertraue dir.«
Ich war verblüfft, denn Trillian sprach normalerweise nie von Liebe. Ich öffnete den Mund, doch er drückte mir zwei Finger an die Lippen und wandte sich an Morio. »Gib auf sie Acht, Morio. Und ... auf dich auch.« Damit kehrte er zu Iris zurück.
Die Talonhaltija sah mir fest in die Augen. Sie sagte kein Wort. Das war auch nicht nötig.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und sagte: »Falls irgendetwas geschehen sollte ...«
Sie nickte. »Ich sorge dafür, dass sie es erfahren. Aber du wirst das überstehen. Das fühle ich im tiefsten Herzen.«
Ich drehte mich wieder zu dem Schwarzen Tier um. »Wir sind bereit.«
Die Mutter der Raben lachte, und es klang wie das Krächzen von Krähen. Sie erinnerte mich allzu sehr an Morgana, und ich fragte mich, ob zwischen den beiden eine Verbindung bestand.
»Sie geht mit dir, mein Lieber«, sagte sie und beugte sich vor, um das Schwarze Tier auf die Schnauze zu küssen. Er liebkoste ihren Nacken mit der weichen Nase, und sie neigte genüsslich den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Dann hob sie die Hand und strich sich damit leicht über die Brust. Der Gedanke Warum nehmt ihr euch nicht gleich ein Zimmer? schoss mir durch den Kopf, doch ich schaffte es, mich zu beherrschen, ehe mein Mundwerk dieses Treffen vorschnell beendete.
Gleich darauf ließ die Rabenfürstin die Hand sinken und glitt zu mir herüber. Sie blieb stehen und umfing mein Kinn mit beiden Händen. »Du bist köstlich, meine Schöne, ja, das bist du.« Ihre Augen glitzerten wie Stahlperlen, und sie legte den Kopf schief. Ich spannte mich an, als sie sich herabbeugte, so dass ihr Gesicht nur wenige Fingerbreit vor meinem innehielt. Mit schimmernden, ebenholzschwarzen Lippen streifte sie meinen Mund. Ich versuchte zurückzuweichen, doch sie hielt mich fest, und ihre Finger packten mein Kinn so kraftvoll, dass es sich anfühlte, als könnte sie mir mit Leichtigkeit den Kopf herumdrehen und das Genick brechen, wenn sie wollte.
»Zier dich nicht so, meine Hübsche. Ich könnte dich vom Kopf bis zu den Füßen küssen, so appetitlich siehst du aus. Diese leuchtende Kugel, die du deine Göttin nennst, weiß dich hoffentlich zu schätzen. Wenn nicht, kann sie dich gern an mich abgeben. Denk einmal darüber nach. Du könntest den ganzen Tag lang in meinen Wäldern herumlaufen und mit meinen Spielsachen spielen, und ich würde dich wie das Schätzchen behandeln, das du bist.«
»Genug«, sagte das Schwarze Tier. »Du kannst später versuchen, sie von ihrer Göttin wegzulocken. Erst muss sie noch einige Lektionen lernen und Dämonen bekämpfen.«
Die Mutter der Raben wandte sich ihm zu, und ihre Augen wurden schmal, als das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwand. Ohne gefiel sie mir besser. Sie wirkte nicht annähernd so unheimlich.
»Schön, schön, mein Lieber.« An mich gewandt, fügte sie hinzu: »Geh jetzt, aber vergiss mich nicht. Ich kann dir wunderbare Dinge schenken, und mein Preis ... ist es wert.« Sie wich zurück, verwandelte sich mit einem roten Lichtblitz in einen Raben und flog zum Wipfel einer nahen Tanne empor.
Angsterfüllt starrte ich zu ihr hinauf. Elementarfürsten waren gefährlich und wild, und sie spielten nicht nach unseren Regeln. Am besten vermied man es, dass sie einen überhaupt bemerkten, wie Delilah auf die harte Tour gelernt hatte. Dass die Rabenfürstin sich für mich interessierte, war wirklich gar nicht gut. Sie versuchte ständig, der Mondmutter ihre Gefolgschaft abspenstig zu machen, denn sie beneidete sie um die leuchtende Himmelskugel. Die Rabenfürstin wollte die Nacht von einem strahlenden Thron aus regieren, nicht von einem Baumwipfel.
Ich rückte näher an Morio heran, und er legte mir schützend einen Arm um die Taille. Das Schwarze Tier wandte sich dem dunklen Schatten zu, aus dem es hervorgetreten war. Als wir zögerten, schnaubte es ungeduldig.
»Folgt mir«, sagte es. »Die anderen warten hier.«
Also gingen wir ihm nach.
Die tiefe Schwärze entpuppte sich nicht als Portal, sondern als Eingang zu einem runden Tunnel durch dichte Vegetation mit gut drei Metern Durchmesser. Die Wände bildete ein Geflecht aus dornigen Ranken und Gestrüpp, und am Boden führte ein Trampelpfad entlang. Der Tunnel wurde von Blickfängern in leuchtendem Fuchsia und Violett, Neongelb und schrillem Grün erhellt.
Ich zögerte. Ich hasste enge Räume und fühlte mich in Tunneln nicht wohl, doch Morio nahm meine Hand und führte mich hinein. Wie beim ersten Mal, als wir gemeinsam auf Entdeckungstour gegangen waren - bei unserer ersten Begegnung mit Smoky -, folgte ich ihm in das Labyrinth.
Das Schwarze Tier ging vor uns den Tunnel entlang, ohne sich umzuschauen. Ich griff im Geiste nach der Mondmutter aus, um mich zu vergewissern, dass sie auch in diesem gewundenen Irrgarten noch bei mir war, und gleich darauf spürte ich ihre Nähe, mit der sie mich sanft beruhigte.
Wie lange wir durch den Tunnel liefen, war schwer zu sagen. Ich konzentrierte mich auf meinen Atem und darauf, nicht in Panik zu geraten. Selbst in Smokys Höhle bekam ich manchmal einen Anflug von Raumangst. Ich war lieber draußen unter freiem Himmel, vor allem in der Nacht der Jagd. Meine Schultern begannen zu schmerzen, und ich merkte, wie verkrampft ich war. Ich versuchte mich ein wenig zu lockern, doch die Anspannung kroch sogleich wieder meinen Nacken hoch. Als meine Kopfschmerzen mir den Schädel zu sprengen drohten, hielt das Schwarze Einhorn an. Wir hatten einen weiteren tintenschwarzen Fleck erreicht.
»Was ihr gleich sehen werdet«, erklärte es, ohne sich umzudrehen, »haben nur wenige Menschen, Feen oder Elfen jemals erblickt. Denkt daran, dass euch große Ehre zuteil wird. Diese Auszeichnung kann sich rasch zu einer Bestrafung wandeln, falls ihr durch euer Handeln beweist, dass ihr dieses Geschenks nicht würdig seid.«
Bestrafung? Was für eine Bestrafung? Wo gingen wir hin?
Meine Frage wurde beantwortet, als wir durch die Schwärze einen weiteren kleinen Hain betraten. Aber das hier war keine gewöhnliche Wiese, kein Feenring. Nein, dies war ein heiliger Ort. Die Energie sang laut und deutlich eine ernste Melodie, die durch die Abendluft schwebte.
In der Mitte ragte ein Kreis aus Baiyn-Zypressen auf, eine Anderwelt-Züchtung, die von der mediterranen Zypresse abstammte und ihrer magischen Natur wegen kultiviert wurde. Die Bäume waren gut siebzig Meter hoch und so beschnitten, dass der Stamm an den untersten sieben Metern keine Äste mehr hatte. Die knorrige Rinde wies hier und da große Spalten auf, und wenn man die Knoten und Astlöcher zu lange betrachtete, bildeten sich Gesichter. Acht der Bäume hatten finstere Nischen dicht am Boden. Ob sie ins Holz geschnitzt worden oder auf natürliche Weise entstanden waren, konnte ich nicht erkennen.
Morio berührte leicht meinen Arm und zeigte auf etwas. Erst da entdeckte ich den Schimmer von Elfenbein in den hohlen Nischen der Bäume. Wir befanden uns auf einem Friedhof. Langsam ging ich hinüber. Das Schwarze Tier sagte nichts, trat nur beiseite und beobachtete mich genau.
Ich watete durch das hüfthohe Gras, wobei ich die scharfkantigen Blätter beiseiteschieben musste, die mir die nackte Haut aufritzten. Die Mondmutter stieg höher, die Wilde Jagd stand kurz bevor. Ich konnte schon spüren, wie sich die Jäger versammelten.
Als ich mich vor die erste Baiyn-Zypresse kniete und in die Höhlung spähte, schimmerten mir die Knochen eines Pferdes aus dem Dunkel entgegen. Doch das war kein Pferd gewesen. Es war offensichtlich, dass ein Horn von der Stirn abgetrennt worden war. Dies war kein gewöhnlicher Friedhof, sondern die letzte Ruhestätte all der früheren Inkarnationen des Schwarzen Tiers. Acht Bäume mit Hohlräumen - acht Körper im Lauf der Zeitalter. Acht Hörner, von denen alle bis auf drei im Nebel der Zeit verschwunden waren.
Mein Umhang nahm die Schwingung der Bäume auf, und ein leiser Klagelaut erhob sich. Das Horn, eben noch in meiner Tasche, doch nun in meiner Hand, begann zu beben, und ich spürte, wie sich die Kraft darin aufbaute, während der Drang, zu jagen, zu stöbern, zu hetzen, zu schlagen, durch mein Herz strömte.
Langsam stand ich auf und drehte mich um mit dem Gefühl, am Rand eines Abgrunds zu stehen. Der Vater der Dahns-Einhörner beobachtete mich aufmerksam. Morio glitt lautlos zu mir herüber. Wir standen schweigend und in regloser Erwartung da.
Ein ganzer Reigen von Bildern rauschte auf einmal durch meine Gedanken, und entsetzt versuchte ich sie beiseitezuschieben.
Blut und Schmerz, Kummer und Hunger, Leidenschaft und ein silbernes Feuer, das alles überstrahlte. Die Lust an der Jagd, der Drang, zu zerstören und zu erneuern ...
Der Zyklus der Mondmutter. Sie erhob sich aus der Asche, schwoll zu leuchtender Reife an, und dann nagte die Dunkelheit an ihr, vernichtete sie, und sie schrumpfte zum alten Weib zusammen, führte das Rudel in die Tiefe hinab, um zu ruhen und wiedergeboren zu werden ...
Jungfrau, Mutter, weise Alte, der ewige Kreislauf, und ihr Zyklus war mein Zyklus ebenso wie der Zyklus des Schwarzen Einhorns...
Während ich voller Grauen erkannte, was das Schicksal mit mir vorhatte, stupste das Schwarze Tier mich sacht mit dem Maul an. Ich blickte in die feurigen Augen und schauderte.
»Ich kann ... das ... nicht tun«, flüsterte ich und streichelte seine Nase.
Er schnaubte leise. »Du musst es tun. Die Ewigen Alten haben es so bestimmt. Dieser Zyklus nähert sich dem Ende. Du musst dein Schicksal akzeptieren, und ich das meine.«
»Ich will Euch nicht wehtun.« Tränen rannen mir langsam über die Wangen und zogen helle Spuren durch mein Make-up und den Staub der Reise. Vor lauter Kummer wäre ich am liebsten aus dem Hain geflohen, zurück in die Erdwelt.
»Der Schmerz ist ein Teil der Opferung, die es dem Kreislauf ermöglicht, sich fortzusetzen. Wenn du mir nicht hilfst, wirst du die wahre Macht des Horns niemals begreifen, und meine Herrschaft ginge damit zu Ende. Du hast ebenfalls eine Reise vor dir - dies Opfer wird dich in ein neues Reich führen. Kannst du uns beiden die Zukunft verwehren?«
Morio schnappte nach Luft, und ich sah in seinen Augen, dass auch er begriffen hatte. »Aber weshalb bin ich hier?«
Das Schwarze Tier sah ihn an. »Die Priesterin muss einen Gefährten haben. Ein Priester muss sie bei dem Ritual begleiten. Du verstehst das Wesen der Todesmagie, Yokai. Denn du bist mehr, als du zu sein scheinst, mehr, als du selbst deiner Frau gezeigt hast. Heute Nacht wirst du den Umhang eines Priesters tragen. Und heute Nacht wird sich Camilles Umhang wandeln. Du musst an dieser Verwandlung teilhaben. Ihr seid verbundene Seelen, und nach dieser Nacht werdet ihr auch durch eure Magie untrennbar verbunden sein.«
Immer noch weinend ließ ich mich von dem Schwarzen Tier zur Mitte des Hains stupsen. »Aber warum ich? Warum nicht die Rabenfürstin? Sie ist Eure Gefährtin.«
Er stand hoch aufragend und dunkel vor mir. Dampf stieg aus seinen Nüstern auf, und sein glattes schwarzes Fell schimmerte wie Obsidian. Am liebsten wäre ich schreiend davongelaufen, doch dann schaute ich in seine Augen. Unter Feuer und Schatten fand ich darin auch Mitgefühl, Güte und Verständnis. Wir sahen einander eine scheinbare Ewigkeit an, und ich wünschte, dieser Augenblick würde nie enden. Ich wollte mich in den Tiefen der Zeitalter verlieren, die dieses Geschöpf gesehen hatte.
Doch dann scharrte er mit einem Huf und riss mich mit einem sanften Nasenstüber aus meiner Träumerei. »Es ist an der Zeit, Tochter des Mondes. Du weißt, was du zu tun hast.« Er warf Morio einen Blick zu. »Sei bereit für den Moment, da sie dich mitreißt. Du wirst mit ihr jagen, und du wirst ihr die Kraft schenken, die sie brauchen wird, wenn es so weit ist. Du wirst ihr die Macht über den Tod geben, die sie noch nicht richtig lenken kann.«
Ein Schrei ertönte über uns, und die Mondmutter jagte über den Himmel, gefolgt von einer Legion Bären und Panther, Elche, Füchse und Falken, Mondhexen und Priesterinnen und längst verstorbenen Kriegern. Sie war prachtvoll in ihrem silbernen und schwarzen Jagdgewand, ihr Gesicht war eine gleißend helle Maske, und in den Händen trug sie Pfeil und Bogen für die Jagd. Die Gesellschaft raste über den Himmel und hielt über mir an.
»Komm, Camille«, flüsterte sie. »Komm zu mir. Die Zeit ist gekommen, da du mit mir die Jagd anführen sollst. Komm und fliege wie der Wind, um deine Beute zu fangen. Und dann führe den Stoß und bring ihn mit zu uns, auf die Jagd.«
Ein plötzlicher Windstoß schüttelte die Bäume und heulte, durch den Hain, und ich spürte, wie ich auf die Astralebene hinüberglitt. Ich packte Morios Hand, und er japste, als wir in den Sog der Energie traten. Wir landeten neben der Mondmutter, schnappten nach Luft und blickten auf den Boden tief unter uns hinab.
»Du weißt, was du zu tun hast?«, fragte sie mich mit strengem Blick.
»Ja.« Ich schluckte meine Furcht herunter, zückte das Einhorn-Horn und reckte es in den Himmel.
»Heute Nacht führst du mit mir die Wilde Jagd. Deine Beute ist groß, weise und mächtig. Du musst ihn zur Strecke bringen - heute Nacht muss er geopfert werden.« Sie packte mich bei den Schultern, und ihr Blick durchbohrte mich bis in die Seele. »Enttäusche mich nicht. Zaudere nicht. Hab kein Erbarmen, denn wahrlich - heute Nacht kannst du dein Mitgefühl nicht dadurch ausdrücken, dass du ihn verschonst, wie du so gerne glauben würdest. Heilung geschieht manchmal nur durch den Tod. Und wenn du versagst und deine Beute nicht erlegst, wirst du seinen Platz einnehmen.«
Mir blieben die Worte im Halse stecken, und ich konnte nur zustimmend krächzen. Sie ließ die Hand sinken und trat zurück. Meine Haut brannte vom kalten Feuer ihrer Berührung, und ich wollte nichts lieber tun, als meine Herrin zufrieden zu stellen.
»Du hast einen Eid geschworen, als du dich mir verpflichtet hast, Camille. Nun bitte ich dich, ihn zu erneuern. Camille Sepharial te Maria, wirst du für mich leben?«
Die Worte lagen mir vertraut auf der Zunge. Ich hatte sie in jener Nacht gesprochen, als sie mich in ihr Gefolge aufgenommen hatte. »Darauf schwöre ich meinen Eid.«
»Wirst du für mich heilen?«
»Darauf schwöre ich meinen Eid. «
» Wirst du für mich töten ?«
»Darauf schwöre ich meinen Eid. «
»Wirst du für mich sterben?«
»Darauf schwöre ich meinen Eid.«
»Dann auf, auf, voran. Lass die Jagd beginnen, und wenn du deine Beute erlegen kannst, sollst du meine Priesterin werden!«
Mit einem lauten Schrei stieß sie mich vorwärts, und ich hielt Morios Hand fest, lief los und raste über den Himmel. Meine Herrin jagte an meiner Seite dahin. Ihr Lachen trieb mich voran. Ich konnte nur noch an die Beute denken, die ich fangen wollte, und die Schreie der Jäger hallten hinter uns durch die Nacht.
Dann sah ich ihn - da unten war er, meine Beute. Das Schwarze Tier starrte mir entgegen, als ich mich aus dem Himmel herabschraubte, gefolgt von den geifernden Hunden und Jägern. Er sprang auf die Astralebene und rannte vor mir davon. Sein Hufschlag hallte von den Sternen und Wolken wider, und wir nahmen die Verfolgung auf.
Wir hetzten unsere Beute durch die Nacht, und der leuchtende Mond spendete uns sein Licht, während die Mondmutter ihr Jagdlied sang. Verloren in ihrer Pracht, verloren in der himmlischen Freude der Jagd, bemerkte ich kaum, wie die Nacht verging. Morio hielt mit mir mit, dann wurden seine Augen glasig, und er nahm seine Dämonengestalt an.
Und dann, weit nach Mitternacht, irgendwann kurz vor dem Morgengrauen, wurde das Schwarze Tier langsamer und drehte sich um. Er keuchte und schnappte bebend nach Luft. An der Seite meiner Herrin verlangsamte ich meinen Schritt. Sie bedeutete dem Gefolge der Jäger zu warten, während ich vortrat, Morio dicht hinter mir.
All meine Zweifel fielen von mir ab, meine Sorge verflog. Dies war ein Moment der Freude, des Triumphs. Die Jagd war fast vorüber, doch es gab keinen einzelnen Sieger. Wir alle würden etwas gewinnen. Morio begann leise zu singen - den Gesang der Toten. Das war ein nekromantischer Zauberspruch, den ich gerade erst lernte, und genau die Magie, die ich brauchte.
Ich öffnete meinen Umhang, ließ ihn von den Schultern gleiten und schlüpfte aus meinen Kleidern. Nackt und mit dem Horn in der Hand trat ich vor. Die astrale Brise liebkoste meinen Körper und strich wie hundert leichte Fingerspitzen über meine Haut.
Das Schwarze Tier hob den Kopf und bot mir seine Brust dar.
»Der Tag ist vergangen, es naht der Seele Nacht.«
Morios Stimme erklang klar hinter mir, seine Magie stützte mich und verlieh mir Kraft. Ich hob das Horn und blickte in diese uralten Augen. Sie flehten um Erlösung und Wiedergeburt. Der Kreis hatte sich fast geschlossen, ein neuer Zyklus konnte beginnen.
»Im Wald wird es düster, die Dämmerung sinkt herab.«
»Priesterin, enttäusche mich nicht«, befahl das Schwarze Tier.
»Was einmal zersprungen, wird wieder zu Einem gemacht. «
Und da spürte ich es - er war müde, er war unfasslich alt, und sein Körper war erschöpft. Der Phönix brauchte sein Feuer. Ich trat vor.
»Nichts ist von dir geblieben, die leere Hülle streif ab.«
Ich taxierte meine Beute und suchte nach der pulsierenden Ader. Da, an seiner Brust. Ein Zeichen nicht größer als eine Münze, aus strahlendem Gold mit silbernem Rand.
»Dies ist nicht die Zeit zu zögern, noch zu trauern. «
»Gesegnet ist die Mutter des Mondes und all jener, die auf ihren Pfaden wandeln«, flüsterte der Herr der Dahns'. »Gesegnet ist sie, die mich erlöst und mir den Weg der Wandlung öffnet.«
Wie konnte ich das tun? Und doch zitterte meine Hand nicht, und ich fühlte, wie die Macht der vier Elementare in dem Horn meinem stummen Ruf gehorchte. Winde, Flammen, Wasser und Land - sie alle erhoben sich und vereinten ihre Kräfte. Eriskel, der Dschindasel des Horns, der einst ebenfalls ein Teil des Schwarzen Tiers gewesen war, fügte seine eigene Macht hinzu und lenkte sämtliche Energie in mich.
»Süß ist die Erlösung, das Herz fliegt frei von Banden.«
Ich biss mir auf die Lippe, aber ich wankte nicht. Es gab kein Zurück. Dieser Zug konnte nur in eine Richtung fahren, und ich stand im Führerhaus. Ich sog scharf die Luft ein und starrte mein Opfer an.
»Dies Leben muss erlöschen, denn nichts kann ewig dauern.«
»Flieg mit der Jagd! Reite mit uns! Ergib dich dem Schatten, der Freude, der Leidenschaft und Magie, gib dich der strahlenden Mutter hin, die über uns alle wacht. Ich befreie dich von den Banden deines Körpers. Ich befreie dich von deinen Fesseln. Hetze heute Nacht mit der Jagd über den Himmel, lauf an meiner Seite, lauf so wild und frei wie der Wind!« Ich hob das Horn und zielte.
»Der Seele Alchemie wird dich erneuern und verwandeln. «
Als Morio die letzte Zeile sang, zog ich seinen Zauber auf mich, verband ihn mit der Kraft der Elementare, lenkte alle Energie in das Horn und rammte es dem Schwarzen Tier in die Brust.
Ein frostiger Schleier, ein Leichentuch aus eisigem Feuer schoss hervor, so kalt wie das Reich der Hei.
Das Einhorn stieß einen grauenhaften, schrillen Schrei aus, der im Herzen eines jeden Geschöpfs im Tiefen Tann widerhallte. Rauch stieg von seinem Körper auf. Ich taumelte rückwärts, das kristallene Horn verbrannte mir die Hände, und das Schwarze Tier wandte sich mit einem weiteren durchdringenden Schrei von mir ab. Als er davongaloppierte, begann sein Fleisch bereits zu schmelzen, und die Mondmutter jubelte laut.
»Lauf! Führe die Wilde Jagd, denn du bist meine neueste Priesterin. Dir und deinem Opfer gebührt heute Nacht die Ehre, das Rudel anzuführen!«
Die Mondmutter schlug mir mit der Hand auf die rechte Schulter, und ein stechender Schmerz durchfuhr mich, als ihre Berührung sich in meine Haut fraß. Mit meinem Rücken geschah irgendetwas, doch mir blieb keine Zeit, mich darum zu kümmern. Sie stieß Morio zu mir nach vorn, und wir hetzten auf und davon, dem Einhorn nach, das nun als bloßes Skelett dem Morgengrauen entgegenstürmte. Gefolgt von meiner Herrin und dem großen Rudel, rannten wir, bis die Sterne am Himmel ausgebrannt waren. Wir rannten, bis die Sonne über den Horizont zu steigen drohte. Wir rannten, bis die Tollheit uns wieder entließ.