Kapitel 11

 

Am nächsten Morgen fuhren wir zurück in den Palast und spazierten im Großen Saal herum, während wir auf die Durchtrittserlaubnis für die Portale warteten, und ich sah, wie umfangreich die Renovierungsarbeiten am Palast tatsächlich waren. Als Lethesanar den Thron und die Stadt nicht hatte halten können, hatte sie offenbar beschlossen, sie zu zerstören, ehe sie alles ihrer Schwester überließ. Sie hatte den Palast ziemlich gründlich auseinandergenommen und Schneisen der Verwüstung durch die ganze Stadt gezogen. Soweit ich wusste, hatte sie es außerdem geschafft, über tausend Bürger Y'Elestrials zu töten, die ihre Schwester unterstützt hatten.

Häuser waren nur noch Ruinen, viele Gebäude waren durch Magie, Feuer und Rammböcke zerstört. Ganze Straßenzüge waren in Schutt und Asche gelegt worden, und eine Menge Leute waren obdachlos. Lange Schlangen hungriger Bürger warteten vor den Tempeln, um etwas zu essen zu erbetteln.

Mein Herz wurde schwer wie ein Stein, als ich den Park sah, der sich am Südufer des Y'Leveshan-Sees entlangzog. Er war völlig verwüstet worden. Bäume waren entwurzelt und verbrannt, die Springbrunnen zertrümmert, und die Rosengärten und Lauben, stets so herrlich zu Mittsommer, ausgerissen und zerschlagen. Einige meiner glücklichsten Kindheitserinnerungen drehten sich um diesen Park, und ich weinte, als wir vorbeifuhren. Vater tätschelte meine Schulter, sagte aber nichts.

Sephreh würde mit uns reisen. Er musste zu irgendeiner Art Besprechung in Dahnsburg. Nun, während wir auf die Nachricht warteten, dass das Portal bereit sei, spazierte er mit Morio durch den Saal. Sie unterhielten sich über Morios Verbindung zu Großmutter Kojote.

Ich sah mich suchend nach Iris um. Sie ging an der linken Seite des Saals auf und ab, den Blick starr zu Boden gerichtet. Ich ging zu ihr hinüber.

»Stimmt etwas nicht? Du bist so still heute Morgen.«

Sie blickte mit gequälter Miene zu mir auf. »Ich habe hin und her überlegt, wann - und sogar ob - ich dir das sagen soll. Du hast ein wenig mehr von meiner Vergangenheit gesehen als die anderen, weil du neulich unabsichtlich einen Blick auf meinen Schatten erhascht hast.«

War sie jetzt bereit, darüber zu reden? Ich lehnte mich an die Wand. »Was war das für ein Ding? Als du ihm befohlen hast, sich zurückzuziehen, hast du gesagt, die Zeit sei noch nicht gekommen. Die Zeit wofür?«

Ein tief bekümmerter Ausdruck breitete sich über ihr Gesicht, und eine Träne rann ihr die Wange hinunter. »Camille, was ich dir gleich sagen werde, muss vorerst ein Geheimnis bleiben. Bitte erzähle niemandem davon. Es hat nichts mit den Dämonen zu tun, also bitte ich dich nicht, etwas vor deinen Schwestern zu verbergen, das auch sie betreffen könnte.«

Ich hasste es, Dinge zu verheimlichen, aber manchmal war das eben ein notwendiges Übel. »Natürlich. Ich verspreche es dir, solange es nichts mit unserem Kampf zu tun hat.«

Sie räusperte sich. »Der Schatten ist ... war ... mein Verlobter. Dieses Ding war einst ein edler Schneegeist namens Vikkommin. Wir hätten heiraten sollen, aber dann ging etwas furchtbar schief.«

Ich starrte sie an, ungläubig trotz der Pein in ihren Augen. »Dein Verlobter? Aber was ist passiert? Wie ist er ... Wie konnte das ... «

Sie stöhnte leise. »Er war Priester im Orden der Undutar, und ich hätte die nächste Hohepriesterin werden sollen. Wir wollten heiraten. Doch eines Nachts, etwa einen Monat vor der geplanten Hochzeit, bat er mich, in sein Gemach zu kommen. Natürlich ging ich zu ihm, und als ich dort ankam Iris' Augen füllten sich mit Tränen, und sie schlug die Hände vors Gesicht.

Ich kniete mich neben sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Was ist geschehen? Bitte sag es mir.«

»Das ist ja das Problem! Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich habe die Tür geöffnet, und als ich wieder zu mir kam, lag ich gefesselt hinter Gittern. Sie behaupten, ich hätte ihn gefoltert und in dieses Schattenwesen verwandelt. Als sie mich fanden, hätte ich gebrabbelt wie eine Irre und ihnen gesagt, dass ich ihn hasste. Aber ich habe ihn geliebt! Und ich hätte das nie tun können - ihn aus seinem Körper reißen und seinen Geist in einen Schatten verbannen.«

Ich umarmte sie, zog sie an mich und hielt sie fest, während sie an meiner Schulter bebte. Ihr brach es das Herz, das spürte ich. »Du hast noch nie jemandem davon erzählt, nicht wahr?«

Sie schüttelte den Kopf und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen vom Gesicht. »Nein«, antwortete sie und starrte zu Boden. »Ich schäme mich zu sehr.«

Ich ließ ihr noch einen Moment Zeit und hob dann sacht ihr Gesicht an, so dass sie mich ansehen musste. »Iris, besitzt du überhaupt die Macht dazu, so etwas zu tun?«

Sie schniefte. »Ach, Mädchen. Ich hatte diese Macht, ja.«

»Was ist passiert, als du ihnen gesagt hast, dass du dich an nichts erinnern kannst?«

Iris tupfte sich die Augen, aber es flössen immer neue Tränen. »Ich habe meine Unschuld beteuert. Sie konnten nicht zweifelsfrei beweisen, dass ich das getan habe. Vikkommin - oder das Geschöpf, zu dem er geworden war - war in jener Nacht verschwunden, nachdem sie mich aus seinem Zimmer geschleppt hatten. Aber seither verfolgt er mich auf der Astralebene. Ich nehme an, er glaubt tatsächlich, dass ich ihm das angetan habe. Er lässt es mich keinen Augenblick vergessen. Er will mich töten und zu sich in die Schatten zerren. Vielleicht ist er wahnsinnig geworden. Ich weiß es nicht.«

»Heilige Scheiße. Bist du in Gefahr?«

»Nein«, sagte sie und senkte den Blick auf ihre Füße. »Im Augenblick nicht. Vikkommin kann mir nichts tun, außer ... ich kehre in die Nordlande zurück. Dort ist sein Körper gefangen wie in einer Falle.«

Ich wollte ja taktvoll sein, meinte aber dann, dass es Iris lieber wäre, wenn ich einfach ich selbst war - direkt und undiplomatisch. Jemand, der auf Anstand und Manieren pfiff. »Was haben die Ältesten des Tempels mit dir gemacht?«

Sie schloss die Augen und rang um Fassung. »Sie haben mich gefoltert, um ein Geständnis zu erzwingen. Ich kann nicht darüber sprechen, es - es war zu schrecklich. Wie deine Schwester Menolly habe auch ich körperliche und emotionale Narben. Meine sind nicht ganz so offensichtlich. Als ich mich weigerte, meine Schuld einzugestehen, nahmen sie mir meinen Titel und meine größten Kräfte und schickten mich unter einem Fluch nach Finnland zurück. Ich kann niemals ein Kind austragen, solange Vikkommin nicht gerächt ist. Das bedeutet: Entweder ich finde heraus, wer ihm das tatsächlich angetan hat, und übe Rache in seinem Namen, oder ich werde niemals Kinder bekommen, nie eine der geheiligten Mütter werden, nie wieder einen Fuß in den Tempel meiner Göttin setzen können.«

Die Finnen trieben einen ziemlichen Mutterkult, so viel wusste ich immerhin. Die Mütter ihrer Helden waren sogar oft wichtiger als die Helden selbst. Iris daran zu hindern, ein Kind zu bekommen, war eine grausame Strafe. Aus ihrem Tempel verbannt zu werden, war sogar noch schlimmer.

Vor Wut darüber, dass jemand überhaupt glauben konnte, sie hätte so etwas Furchtbares getan, ballte ich die Hände zu Fäusten. »Warum bist du mit hierhergekommen? Was hast du vor? Hat das irgendetwas mit Bruce zu tun?«

Sie nickte. »Bruce hat mich gebeten, seine Frau zu werden, und das möchte ich. Ich habe ihn sehr liebgewonnen, Camille. Er ist ein guter Mann und gut zu mir. Aber ich weiß, dass er sich Kinder wünscht. Er ist der Letzte seiner Linie. Er muss den Familiennamen weitergeben. Wenn ich mich nicht von diesem Fluch befreie, kann ich seinen Antrag nicht guten Gewissens annehmen. Ich will nach Dahnsburg, um den Großen Geist des Winterwolfs aufzusuchen, der den Sommer in der Stadt verbringt. Er überwintert in den oberen Nordlanden, hoch droben in den Bergen in der Nähe des Ortes, an den Vikkommins Schatten sich zurückgezogen hat. Vielleicht kann er mir helfen, Vikkommin aufzuspüren und irgendwie die Wahrheit herauszufinden. Ich habe schon alles versucht, und dies ist das Einzige, was mir noch einfällt.«

Schweigend nahm ich ihre Hand und drückte sie. Dann fragte ich: »Weiß Bruce etwas davon?«

Sie sah mich an, als sei ich eine interessante Kandidatin für eine peinliche Talkshow, und schüttelte den Kopf. »Wie könnte ich ihm erzählen, was passiert ist, wenn ich es doch selbst nicht weiß? Ich habe keinen Beweis für meine Unschuld. Mein Gedächtnis scheint wie zugemauert, von dem Moment an, als ich Vikkommins Zimmer betrat, bis zu dem Augenblick, als ich in der Zelle aufgewacht bin. Ich habe alles versucht, diese Wand zu durchbrechen, aber nichts funktioniert. Dass sie mir meinen Titel und meine stärksten Kräfte weggenommen und mich verflucht haben, brandmarkt mich praktisch als Unberührbare. Und ...« Sie zögerte, und ihre Unterlippe zitterte.

»Und was?«

»Was, wenn ich es doch getan habe?«, flüsterte sie. »Was, wenn irgendein schrecklicher Teil von mir - tief in mir verborgen - die Kontrolle übernommen und ihn zerrissen hat? Was, wenn ich ihn wirklich in einen Schatten verwandelt habe? Wenn ich tatsächlich diejenige war, die unser beider Leben zerstört hat? Falls ich herausfinden sollte, dass ich wahrhaftig ein Ungeheuer bin, könnte ich mit diesem Wissen nicht leben. Nein, ich versuche lieber, die Wahrheit zu erfahren, ehe ich Bruce irgendetwas wissen lasse. Wenn ich es nicht getan habe, bin ich frei von Schuld und kann ihm alles sagen. Und wenn doch ...«

Ich sah sie an, wie sie da vor mir stand und die Wand anstarrte. »Dann - was? Was würdest du tun?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie mit erstickter Stimme. »So weit voraus kann ich nicht denken. Das ist zu beängstigend.«

In diesem Moment rief mein Vater nach uns, und Iris wischte sich hastig die Tränenspuren vom Gesicht. Ich setzte ein gezwungenes Lächeln auf, als wir zu den Männern hinübergingen, aber meine Gedanken drehten sich nur darum, was Iris womöglich tun würde, wenn sie herausfand, dass sie den Mann, den sie geliebt hatte, ins Verderben gestürzt hatte.

 

Die Portalreise nach Dahnsburg verlief wie immer, doch die Stadt, in deren Nähe wir aus dem Portal hervortraten, war eine ganz andere Welt als Y'Elestrial. Vor allem war Dahnsburg eine Hafenstadt - der westlichste Hafen, um genau zu sein. Der Geruch von Salzwasser und Seetang hing schwer in der Luft.

Ich sog tief den Atem ein und schloss die Augen, als eine frische Brise vorüberstrich. Das war eines der Dinge, die mir an unserem Umzug nach erdseits, nach Seattle, am besten gefiel. Wir waren dicht am Meer. Es gab kaum etwas Hypnotischeres, als am Pier zu stehen, zuzuschauen, wie die Wellen in der Bucht auf und ab wogten, und den Ruf der Meeresmutter zu hören, die in den Kanälen und Meeresarmen des Puget Sound sang.

Hier standen wir nun nicht am Pazifik, sondern an der Küste des Wyvernmeers, einem riesigen Ozean. Er reichte bis zu den mythischen Ländern, die man nordisch nennen könnte - den großen Wäldern von Tapiola, und jenseits davon zu den Fjorden von Walhall und Asgard. Und noch weiter nördlich lag Pohjola, wo es angeblich natürliche Portale ins Reich der Nordlande geben sollte.

Als wir aus dem Portal traten, fanden wir uns auf einer Klippe über dem Wasser wieder. Das Portal befand sich zwischen zwei Menhiren und wurde von drei Dahns-Einhörnern bewacht. Zumindest nahm ich an, dass sie zur Dahns-Linie gehörten. Die langen Mähnen flatterten über ihren Rücken, und zu meiner Überraschung war eines von ihnen nicht schneeweiß, sondern grau gesprenkelt. Alle drei hatten silberne Hörner, was bedeutete, dass sie weiblich waren. Männliche Einhörner trugen goldene Hörner.

Eines der Einhörner trat vor und warf schnaubend den Kopf in die Höhe.

»Mein Name ist Sheran-Dahns. Ihr seid die Mondhexe Camille, richtig?« Sie sprach Melosealfôr, eine wunderschöne, seltene Kryptiden-Sprache, die alle Mondhexen lernen mussten. Die Dahns-Einhörner hatten sie über Jahrhunderte hinweg kultiviert.

Ich neigte den Kopf und deutete einen Knicks an. »Das bin ich. Dies ist mein Vater, Sephreh ob Tanu, Berater ihrer königlichen Hoheit Tanaquar von Y'Elestrial. Und das sind mein Gefährte und Ehemann Morio und meine Freundin Iris.«

Das Einhorn blinzelte, und die langen Wimpern flatterten im Wind. Sie hatte bezaubernde Augen - leuchtend grün hoben sie sich vor dem hell gescheckten Fell ab, und sie wirkten wie stille, grüne Teiche. Mit einem leisen Wiehern neigte sie den Kopf in Richtung meines Vaters und sagte in der gemeinen Sprache: »Euer Exzellenz, wir heißen Euch und Eure Reisegefährten in Dahnsburg willkommen. König Upala-Dahns erwartet Euch im Palast. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt?«

Morio sah mich ein wenig verwirrt an. Er sprach ein paar Worte der gemeinen Sprache - ich hatte ihm so viel beigebracht, dass er notfalls zurechtkommen würde, aber er beherrschte sie noch lange nicht fließend. Ich flüsterte ihm rasch die Übersetzung zu.

Wir reihten uns hinter dem Einhorn ein, das geschickt einen gewundenen Pfad hinabstieg. Die sachte Anhöhe lag etwa vier- bis fünfhundert Meter vor der Stadt, und der Weg verlief parallel zur Küste, ehe er dann landeinwärts abbog. Auf der Klippe und der weiteren Küste waren kaum Bäume zu sehen. Die Stadt lag am Rand der Silofel-Ebene, einem langen, schmalen Landstrich, der von hohem Gras, hühnereigroßen Kieseln und sandigem Boden geprägt war. Die Ebene grenzte ans Windweidental, und Dahnsburg selbst lag an der Tidenbucht.

Der Morgenhimmel war wolkenverhangen, und das Wasser schien einen Sturm vom Meer her anzukündigen. Graue Gewitterwolken jagten übers Meer und trieben einen scharfen Wind vor sich her, der die Wellen aufwühlte und als schaumgekrönte Brecher an die Küste donnern ließ. Elektrische Spannung knisterte in den Wolken und in der Luft.

Ich atmete tief die geladene Luft ein, und ein kleiner Funkenschauer rieselte durch meinen Körper. Bei solchem Wetter fehlte mir diese Welt immer besonders, weil hier alles so lebhaft und kraftvoll war. Ja, natürlich waren auch Wolken und Land in der Erdwelt lebendig, aber hier spürte man sie viel direkter, und niemand konnte leugnen, dass die Elemente ein eigenes Bewusstsein besaßen.

Morio griff nach meiner Hand, und ich drückte seine Finger. Er lächelte mir beinahe schwindelig zu.

»Du spürst es also auch«, stellte ich voller Freude fest.

Er nickte. »Bei meinem ersten Besuch in der Anderwelt war es nicht so präsent. Vielleicht, weil wir in Aladril waren. Aber hier ... am Meer ... Ich habe das Gefühl, dass ich nur die Augen schließen müsste, um die Elementare wild miteinander tanzen zu sehen. Alles ist so lebendig.«

»Lebendig ist gut«, entgegnete ich.

Vater sah sich nach uns um. Er hatte uns zugehört, und jetzt zwinkerte er mir zu und lächelte. In diesem Augenblick sah ich ihm an, wie sehr er sich freute, dass ich wieder zu Hause war. Er musste einsam sein. Auf der Stelle beschloss ich, dass meine Schwestern und ich eine Frau für ihn finden mussten - Krieg hin oder her. Er brauchte jemanden, und so kostbar mir das Andenken an meine Mutter auch war, Vaters Leben musste weitergehen. Er musste sein Herz und sein Leben wieder öffnen.

Wir erreichten das Stadttor. Dahnsburg war gut befestigt. Im Norden lag das Wyvernmeer, die drei anderen Seiten wurden von hohen Mauern geschützt. In regelmäßigen Abständen ragten Wachtürme über dem Wehrgang auf. Jede der drei Mauern hatte ein bewachtes Tor mit einem Fallgitter, das bei einem Angriff schnell heruntergelassen werden konnte.

»Seid ihr hier vielen Gefahren ausgesetzt? Die Stadt liegt recht weit weg vom Finstrinwyrd oder Guilyoton.«

Sheran-Dahns blickte zu mir zurück. »Nein«, antwortete sie mit leicht trillernder Stimme. »Aber im Windweidental streifen viele Kryptos herum, die nichts als Finsternis im Herzen tragen. Und im Nebelvuori-Gebirge gibt es Trolle, die hier vorbeiziehen. Östlich von uns liegt der Diesteltann, der zwar nicht so gefährlich ist wie der Finstrinwyrd, doch auch dieses schöne Waldland beherbergt die Guten wie die Bösen. Übellaunige Waldbewohner kommen oft hierher und versuchen, Ärger in der Stadt zu machen. Und dann sind da noch die Meré, die Überfälle vom Meer aus verüben.«

Ich nickte und holte zu ihr auf. »Das stimmt natürlich. Im Grunde ist kein Ort wirklich sicher.«

Sheran-Dahns blickte auf mich herab. Ihre Augen hatten einen weichen Schimmer, und ich wäre am liebsten in dieses strahlende Grün versunken, um mich darin zu verlieren. Sie schnaubte leise, senkte dann den Kopf und streifte mit den Nüstern meinen Arm. Das Haar an ihrer Nase war samtig und weich, die Haut ein wenig feucht. Ich sah ihr in die Augen.

»Alle Dahns-Einhörner wissen über die Dämonen Bescheid, Camille. Vergesst nicht: Ihr könnt nur Euer Bestes tun, junge Windwandlerin. Hadert nicht mit Euch selbst, und zweifelt nicht an Eurer Kraft.« Sie sprach Windwandlerin auf eine Art aus, von der ich keine Gänsehaut bekam. Nein, bei ihr klang es beinahe wie ein Kompliment.

»Danke«, sagte ich und hob aus einem Impuls heraus die Hand, um ihre Schulter zu tätscheln. »Es fällt mir schwer, mir keine Sorgen zu machen, aber Ihr habt recht. Wir können nicht jeden Tag gewinnen. Ich hoffe nur, dass wir langfristig siegen werden, denn die Alternative wäre nicht gerade prickelnd.«

Sie schnaubte erneut und schüttelte den Kopf, dass ihre Mähne flog wie in einer Shampoo-Werbung. Verdammt, welche Spülung auch immer sie benutzte, ich wollte etwas davon haben. In diesem Moment vereinte sich unser Pfad mit der Hauptstraße, die durch das Westtor in die Stadt führte.

Sheran-Dahns geleitete uns zum Tor, wo bereits eine Kutsche mit einem Gespann Nobla Stedas für uns bereitstand. Offenbar sollten wir auch hier ganz luxuriös durch die Straßen rollen. Ich hatte mich an die Autos erdseits gewöhnt, aber als wir noch in Y'Elestrial gelebt hatten, waren wir wie die meisten Stadtbewohner praktisch überallhin zu Fuß gegangen. Als mein Vater mir die Hand reichte, um mir in die Kutsche zu helfen, drehte ich mich zu dem Einhorn um.

»Danke sehr«, sagte ich und lächelte Sheran-Dahns an. »Und bitte, falls Ihr je die Erdwelt besucht, seid Ihr in unserem Haus herzlich willkommen. Jederzeit.«

Sie neigte den Kopf. »Ich werde Eure Einladung nicht vergessen. Man kann nie wissen, was geschehen wird, Camille.« Sie wandte sich an meinen Vater und fügte hinzu: »Berater Sephreh, ich wünsche Euch einen angenehmen Aufenthalt in unserer Stadt. Der Wächter wird Euch sicher zum Palast geleiten. Guten Tag.« Und damit war sie verschwunden.

Der fragliche Torwächter gehörte zu den Feen, da war ich mir sicher, aber ich konnte nicht genau bestimmen, von welchem Ast unserer weit verzweigten Rasse er stammte. Er war bleich, fast hellgrau, und trug das Haar streng zurückgekämmt zu einem Pferdeschwanz. Es schimmerte silbrig mit einem Hauch von Blau. Er sah alt aus, oder zumindest so alt, wie ich Feen je gesehen hatte, und er wartete, bis wir in der Kutsche Platz genommen hatten, ehe er auf den Bock stieg und die Leinen aufnahm. Als die Pferde sich in Bewegung setzten, beugte ich mich vor, denn ich wollte aus dem Fenster schauen, während die Stadt an uns vorüberglitt.

Dahnsburg erinnerte mich an Terial. Und in gewisser Weise auch an Seattle. In allen Hafenstädten schien ein Gefühl der Weite zu herrschen - eine gewisse Weltoffenheit. Vielleicht lag es daran, dass an Küsten stets weite, endlose Wasserflächen dominierten. Vielleicht lag auch ein internationales Flair in der Luft, da Leute aus aller Herren Länder und von verschiedensten Rassen auf ihren Reisen hier haltmachten. Jedenfalls vermittelte Dahnsburg einen großzügigen, weitläufigen Eindruck. Außerdem spürte ich deutlich, dass es hier mehr als einen Fluchtweg gäbe, falls wir einen brauchen sollten.

Die Architektur war von Leichtigkeit geprägt. Die Gebäude waren groß und aus Stein und Lehmziegeln gebaut. Aber sie waren weiß getüncht, und überall in der Stadt fiel mir auf, wie sauber und frei von Unrat die Straßen waren. Sie waren auch sehr breit, breiter als in Y'Elestrial. Ich bemerkte die zahlreichen Einhörner, dazu ein paar Zentauren und einige Riesen auf den Straßen, und mir wurde klar, dass die Stadt einfach in größerem Maßstab gebaut sein musste, um der Größe der verschiedenen Kryptos gerecht zu werden.

Bäume gab es kaum, wir sahen nur ein paar. Sie ähnelten den Palmen der Erdwelt, doch ich kannte sie als Trehavé - robuster und besser an kühleres Klima angepasst als die Dattelpalme. Aus den Früchten des Trehavé wurden wunderbare Cocktails gemixt. Beim Gedanken an einen Drink knurrte mir der Magen. Wir hatten zwar gefrühstückt, aber der Sprung durch die Portale schien mir die Energie regelrecht abzusaugen.

Auf dem offenen Marktplatz herrschte reger Betrieb, doch selbst das Gedränge, das einem Straßenfest glich, wirkte wohlgeordnet. Wir kamen an lauten Händlern und feilschenden Käufern vorbei und an seltsamen Geschöpfen, die ich nicht einmal kannte. Doch auch zwischen den flatternden Markisen von Gemüse- und Fischständen, den Karren voll Teppichen und Tuchen strahlte die Menge eine friedliche Gesetzmäßigkeit aus.

Ich tippte meinem Vater auf den Arm. »Was ist hier los? Ich habe noch nie erlebt, dass die Leute sich auf einem Jahrmarkt so gesittet benehmen.«

Er lachte. »Camille, hast du denn alles vergessen, was ihr in Gesellschaftslehre gelernt habt? Die Dahns-Einhörner behandeln Gesetzesbrecher sehr streng. Diebstahl, Prügeleien, schon kleine Bagatelldelikte werden hart bestraft. Mördern und Vergewaltigern ergeht es natürlich viel schlimmer, aber Verbrechen lohnt sich hier einfach nicht. Es ist das Risiko nicht wert, erwischt zu werden. König Upala-Dahns gilt als strenger Herrscher. Er hält seine Untertanen energisch im Zaum, sofern mir dieses Wortspiel gestattet ist.«

Na wunderbar, und mir stand eine längere Unterhaltung mit ihm bevor. Ich hoffte nur, dass Feddrah-Dahns auch da sein würde. Ich mochte Feddrah-Dahns. Feddrah-Dahns mochte mich. Er wusste, was er von mir zu erwarten hatte. Aber zuerst ... ehe ich vor den Einhorn-König trat, wollte ich unbedingt Trillian wiedersehen. Ich hätte das zwar niemals offen zugegeben, aber insgeheim machte ich mir Sorgen darum, was er sagen würde, wenn er erfuhr, dass ich verheiratet war. Mit der Eidechse und dem Fuchswelpen, wie er sich ausdrücken würde.

Abgesehen von meinem Liebesleben fragte ich mich auch, wie die langen Monate im Krieg sich auf Trillian ausgewirkt hatten. Litt er vielleicht an einer Art posttraumatischer Belastungsstörung? War er die ganze Zeit über in Kampfeinsätzen aktiv gewesen? Oder hatte er sich verborgen gehalten und monatelang spioniert? Ich wusste immer noch nicht, was er eigentlich in Tanaquars Auftrag getan hatte.

Trillian war kein einfacher Mann. Man konnte nie wissen, ob er eine weiche Kehle küssen oder sie aufschlitzen würde, doch wenn er jemanden wirklich liebte, war er treu bis in den Tod, falls es nötig sein sollte. Ich liebte ihn dafür, dass er so schonungslos und direkt war, niemals ein Schmeichler oder Leisetreter. Er mochte keine Frauen, die vor dem Leben zurückscheuten und sich davor fürchteten, für ihre Interessen einzutreten und ganz sie selbst zu sein.

Morio beugte sich herüber und flüsterte mir ins Ohr: »Geht es dir gut? Ich kann dich riechen. Du bist erregt, aber trotzdem ... wittere ich auch Angst in dir.«

Ich schüttelte den Kopf. Vor meinem Vater wollte ich nicht darüber sprechen, dass ich mir wegen Trillian Gedanken machte. Er würde nur spitze Bemerkungen gegen meinen Liebsten abfeuern. So gerecht und fürsorglich Vater auch sein konnte, er trug seine Vorurteile wie ein Polizist seine Dienstwaffe - als Warnung, sich von ihm fernzuhalten. Dass er sich bei Menolly entschuldigt hatte, weil er sich von ihr abgewandt hatte, als sie zum Vampir gemacht worden war, erstaunte mich immer noch. Und sie hatte mir anvertraut, dass sie nicht recht wusste, ob diese Entschuldigung auch aufrichtig gewesen war.

»Alles in Ordnung«, erwiderte ich. »Wir reden später darüber.«

Morio raunte noch leiser: »Trillian?«

Ich nickte.

»Wie du möchtest. Wir unterhalten uns später.« Morio legte mir einen Arm um die Schultern.

Iris lächelte uns an, doch es wirkte besorgt. Sie fing meinen Blick auf, zuckte mit den Schultern und schüttelte resigniert den Kopf, als wollte sie mir sagen: »Was willst du da machen?«

»Wie weit ist es noch zum Palast?« Sie zupfte an ihrem Rock, schob die Hand in die Tasche und holte eine Tüte Schoko-Karamellbonbons heraus. Ich streckte ihr mit bettelndem Hundeblick die Hand hin. Morio machte es mir nach. »Ach, Herrgott noch mal, ihr zwei seid unmöglich. Hier, nehmt euch ein paar, aber nächstes Mal bringt ihr euch selbst etwas zum Knabbern mit.«

Vater betrachtete die Tüte. »Was ist das?«

»Süßigkeiten«, sagte ich.

»Eure Mutter hat Schokolade geliebt, aber ich konnte nie verstehen, warum«, sagte er und schüttelte den Kopf, als Iris ihm die Tüte anbot. »Danke sehr, Lady Iris, aber ich mag keine Süßigkeiten.«

Ich steckte mir ein Karamellbonbon in den Mund und kaute. »Das kann ich nun wieder nicht verstehen. Delilah ist sogar noch verrückter nach Süßem als ich. Oh, und Morio hat eine Möglichkeit gefunden, das Blut zu verzaubern, das Menolly kauft, um es zu Hause zu trinken. Er kann ihm jetzt ganz verschiedene Geschmacksrichtungen geben.« Ich beobachtete Vaters Miene und wartete ab, was er dazu sagen würde.

Ein Schatten huschte über sein Gesicht, doch dann lächelte er. »Ich bin froh, dass sie ein paar kleine Annehmlichkeiten hat. Wir können ihr so wenig Gutes tun, nach allem, was ihr widerfahren ist. Nachdem du mir erzählt hattest, was sie durchmachen musste, habe ich es heftig bereut, dass ich so schroff und ablehnend zu ihr war. Ich habe eine Überraschung für sie, aber sie ist noch nicht fertig, und ich traue dir nicht zu, ein Geheimnis für dich zu behalten.«

Als ich protestieren wollte, hob er die Hand. »Ich habe dich sehr lieb, Mädchen, aber du und deine Schwestern habt noch jedes Geheimnis miteinander geteilt. Eure Mutter und ich konnten keiner von euch etwas sagen, ohne dass die anderen es auch erfuhren, kaum dass wir euch den Rücken gekehrt hatten.«

Lachend schluckte ich das Karamellbonbon herunter und spähte aus dem Fenster, als wir durch ein Tor in den Innenhof des Palastes rollten. »So einen Palast habe ich ja noch nie gesehen.«

König Upala-Dahns' Residenz war wahrhaftig passend für einen Einhorn-König. Oder auch ein Pferd. Der Hof inmitten weitläufiger Gärten war von großen, goldenen Baldachinzelten umringt, die Schutz vor dem Regen boten. Dächer und Wände bestanden aus schweren, elfenbeinfarbenen Stoffbahnen mit goldener Seidenstickerei. Die Seitenteile waren offen, dank weinroter Raffhalter, konnten aber einfach geschlossen werden, wenn die Herbststürme kamen. Der Palast wirkte mobil, als könnte man ihn binnen Stunden einpacken und weiterziehen. Wie das Feldlazarett in MASH, dachte ich. Nur viel hübscher.

Die Wand der festen Unterkünfte für die zweibeinigen Höflinge ragte am Rand des Hofes auf wie ein Bollwerk.

Die Kutsche hielt, und wir vergewisserten uns noch einmal, dass wir präsentabel aussahen, während wir warteten, bis der Kutscher uns den Wagenschlag öffnete. Doch als die Tür aufschwang, starrte nicht der Kutscher zu mir herauf. Die Haut meines Gegenübers schimmerte kohlrabenschwarz vor dem trüben Himmel, sein Haar glänzte so silbrig wie der Dolch an meinem Oberschenkel. Ein Hauch von Blaugrau floss in den langen Strähnen mit, und seine Augen waren blau wie das Meer ...

Vor mir stand mein Trillian.