Kapitel 23
Belebt von einem ständigen Strom Tee, Kekse und Sandwiches, schafften wir es, einen Plan aufzustellen, bis Menolly aufwachte. Mehr als einmal kam mir der Gedanke, dass wir vermutlich einen von Schattenschwinges Feinden ausschalten würden, aber ich sah keine Möglichkeit, Stacia zu bändigen, so dass wir zusammenarbeiten konnten. Stacia würde sich einen Dreck um uns scheren. Und wer konnte schon wissen, was sie vorhatte, wenn sie Schattenschwinge vom Thron gestoßen hatte? Außerdem musste sie das erst einmal schaffen.
Wir scheuchten die Jungs aus der Küche, als es für Menolly Zeit zum Aufwachen war. Smoky war der Einzige der Männer, der den geheimen Eingang zu ihrem Unterschlupf kannte, und er konnte ein Geheimnis bewahren. Trotzdem wollte ich nichts riskieren. Je mehr Leute wussten, wo meine Schwester zu finden war, wenn sie schlief, desto größer war die Gefahr, dass etwas durchsickerte.
Menolly schlüpfte lautlos hinter dem schwenkbaren Bücherregal an einer Wand der Küche hervor. Sie starrte auf die Stapel von Unterlagen und Karten auf dem Tisch, dann auf die Berge von Geschirr auf der Arbeitsfläche. Sie trug eine hautenge Lederhose, einen himmelblauen Rolli und hatte ihren Schopf kupferroter Zöpfe zu einem hohen Pferdeschwanz zurückgebunden - ein schicker, fesselnder Look.
»Okay, was zum Teufel ist hier los? Da steht doch was an.« Sie öffnete den Kühlschrank, holte eine Flasche Blut heraus und stellte sie in die Mikrowelle.
»Sobald wir dir alles erklärt haben, fahren wir los. Uns steht ein hässlicher Kampf bevor. Delilah telefoniert gerade mit Chase und fragt ihn, ob er uns helfen kann, und Morio bittet gerade Wilbur, auch mitzukommen. Nerissa habe ich schon angerufen - sie ist unterwegs.«
»Nerissa? Was soll das? Sie ist keine trainierte Kämpferin - nicht wie wir oder Zachary.« Nerissa war Menollys Liebhaberin, ein Werpuma vom Rainier-Rudel. Beide trafen sich zwar auch mit Männern, waren sich aber in dem Sinne treu, dass sie nicht mit anderen Frauen schliefen. Ich hatte den Eindruck, dass die beiden lange zusammen sein würden, obwohl keine von beiden auch nur darüber nachdenken wollte. Aber mein Gefühl sagte mir, dass sie ein großartiges Paar abgaben.
»Nein, aber sie kann inzwischen auf Maggie aufpassen. Sie wird in etwa einer Stunde hier sein.« Ich seufzte tief und wartete, bis Menollys Blut aufgewärmt war und sie sich damit an den Tisch setzte. »Henry ist tot. Stacia hat heute Vormittag meine Buchhandlung in die Luft gesprengt und ihn ermordet.«
»Was?« Menollys Augenfarbe wechselte von Blassgrau zu Blutrot, und ihre Reißzähne fuhren aus. Während ich ihr den Rest erzählte, nippte sie schweigend an ihrem Blut, wobei sie darauf achtete, sich immer wieder die Mundwinkel abzuwischen. Als sie fertig war, ließ sie heißes Wasser mit etwas Spülmittel in die Flasche laufen und stellte sie in die Spüle. Sie erwähnte Henrys Tod mit keinem Wort, doch sie legte mir eine Hand auf die Schulter, beugte sich über die Stuhllehne und küsste mich auf die Wange - eine seltene Geste bei ihr. »Worauf warten wir noch? Auf in den Kampf.«
Der Marymoore-Park lag auf der Eastside. Zum Großraum Seattle gehörten nicht nur Seattle selbst, sondern auch zahlreiche Vororte, die mehr oder weniger ineinander übergingen und meist keine natürlichen, sondern von Menschen bestimmte Grenzen hatten. Viele dieser Schlafstädte waren inzwischen groß genug, um selbst als halbe Metropolen zu gelten.
Zum Großraum Seattle gehörten außerdem mehrere Seen, darunter der Lake Washington, der Lake Union und der Lake Sammamish. Seattle selbst lag an der Elliott Bay und dem Puget Sound Inlet, das durch eine weitere Meerenge, die Juan-de-Fuca-Straße, mit dem Pazifik verbunden war.
Eastside lag östlich des Lake Washington und war durch zwei Schwimmbrücken mit Seattle verbunden. Eine davon - die 520 Floating Bridge - war eine der längsten Pontonbrücken der Welt. Sowohl die Interstate-90-Brücke als auch die 520 waren technische Wunderwerke in dieser erdbebengefährdeten Region, und die 520 musste dringend erneuert werden. Sie musste dem gestiegenen Verkehrsaufkommen angepasst werden, und die Maßnahmen sollten auch verhindern, dass sie bei einem stärkeren Beben unterging.
Wir fuhren in Richtung Redmond, der Heimat von Microsoft. Die Stadt grenzte an Bellevue, das allein über hundertzwanzigtausend Einwohner hatte und etwas weniger urban, aber weiterhin im Wachsen begriffen war. Die Grenze zwischen beiden Städten bildete die Bel Red Road - eine Abkürzung, wer hätte das gedacht, für Bellevue Redmond Road.
Auf dem Highway 520 herrschte kaum Verkehr, aber wir waren ja auch um kurz nach acht Uhr Abends losgefahren. Als wir uns der Ausfahrt näherten, schaute ich über die Schulter zurück, um mich zu vergewissern, dass Chase in seinem SUV immer noch Morios Subaru folgte. Wir waren mit zwei Autos gefahren, da wir zu elft waren und auch noch unseren Kram transportieren mussten. Morio fuhr mich, Menolly, Trillian und Smoky. Chase hatte Delilah, Rozurial, Wilbur, Vanzir und Iris dabei.
Wir jagten den Freeway 520 entlang, bis wir die Abfahrt zum Leary Way erreichten. Noch ein Stück geradeaus lag Redmond. Morio bog nach rechts auf den West Sammamish Parkway ab, und keine fünf Minuten später erreichten wir den Eingang zum Marymoor-Park. An der Ampel fuhr er nach links zum Park, gefolgt von Chase.
Im Park fand irgendeine Veranstaltung statt, deshalb war er noch geöffnet, obwohl er sonst bei Anbruch der Dunkelheit geschlossen wurde. Wir parkten in der Nähe der Clise Mansion. Der ehemalige Landsitz beherbergte jetzt einen Gemeindesaal, den man auch für Veranstaltungen, Hochzeiten und andere besondere Gelegenheiten mieten konnte.
Als wir ausstiegen, betrachtete ich sehnsüchtig die Villa. »Ein wunderschönes Haus. Es wäre so schön, mal eine Party hier zu feiern, ohne uns Gedanken um all diesen Mist machen zu müssen.«
Trillian legte mir eine Hand auf die Schulter. »Vielleicht könnten wir hier ein Julfest geben?«
Ich sah ihn gerührt an. Trillian war normalerweise nicht gerade scharf auf Party-Gesülze, wie er sich ausdrückte, doch seine Miene verriet mir, dass der Vorschlag aufrichtig gemeint war. Ich küsste ihn zärtlich auf die Nasenspitze. »Das ist lieb von dir.«
Wir sammelten unsere Sachen ein und verließen den Park. Zwischen den riesigen Tannen und Zedern wuchsen Ahorne und Birken, Weißdorn und Erlen und viele weitere Bäume und Sträucher. Der Park war über zweihundertvierzig Hektar groß. Wir befanden uns auf der Westseite. Nach fünf Minuten zu Fuß waren wir wieder am West Sammamish Parkway und ein paar Sekunden später auf der anderen Straßenseite.
Menolly blickte sich um. Auf der Straße war niemand zu sehen, also schwebte sie rasch auf die Begrenzungsmauer, setzte sich rittlings darauf und warf ein leichtes Seil herunter. Niemand von uns hatte Schwierigkeiten, daran hochzuklettern, nicht einmal Iris, die viel stärker war, als sie aussah. Auf der anderen Seite der Mauer hatten wir einen breiten Graben vor uns, dicht mit Bäumen bestanden. Es war ein Leichtes, uns herunterzulassen und Deckung im grünen Laub zu finden.
»Okay, wo ist Stacias Haus?« Es war dunkel und der Boden uneben. Ich war froh, dass ich meine Stilettos gegen Schnürstiefel eingetauscht hatte. Außerdem war es kalt, weshalb ich ebenso froh um die leichte Jacke über meinem Lederbustier war.
Vanzir sah sich um und zeigte mit ausgestrecktem Arm die Richtung an. »Da vorn. Es ist neu. Sieht aus, als wäre es erst vor ein, zwei Jahren gebaut worden. Sie haben offenbar eigens ein Waldstück dafür gerodet.« Er führte uns unter den schützenden Blättern voran, von denen noch Regenwasser tropfte. Zumindest hatte der Regen etwas nachgelassen, und es nieselte nur leicht. Aber Nebel stieg vom Boden auf und würde die Gegend bald in dicken Schwaden durchziehen.
Schweigend folgten wir ihm zum Rand des Grabens und kletterten ohne große Probleme die Böschung hoch. Oben blieben wir unter den letzten Bäumen stehen und starrten in den Garten eines großen Anwesens.
»Man sollte doch meinen, dass zu einem so teuren Haus ein bisschen mehr Land gehören müsste«, bemerkte Trillian.
»Die Grundstückspreise in dieser Gegend sind sehr hoch.
Die Leute stecken ihr Geld lieber in ihr Haus statt in einen riesigen Garten«, erklärte Chase.
Aber Haus war nicht das treffende Wort. Stacia Knochenbrecherin wohnte tatsächlich in einer riesigen Villa. Sie war drei Stockwerke hoch und breitete sich weitläufig auf dem Grundstück aus. Es war zwar nicht nobler als einige andere teure Immobilien in der Umgebung, aber es musste die Dämonin dennoch knapp eine Million Dollar gekostet haben. Woher zum Teufel hatte sie so viel Geld? Investierten Dämonen an der Wall Street? Wie sie auch daran gekommen sein mochte - Stacia hatte sich das hässlichste Haus in der ganzen Gegend ausgesucht, fand ich.
Groß mochte es ja sein, aber es sah aus wie ein Haus aus Fertigbauteilen mit langweilig beigefarbener Holzverkleidung und den obligatorischen weißen Sprossenfenstern. Wie jedes andere neue Haus in der Nachbarschaft, nur größer. Viel größer. Zwei Flügeltüren führten über Terrassen nach draußen, und als ich mich im Garten umsah, bemerkte ich die Banne, von denen Vanzir uns erzählt hatte. Ich konzentrierte mich auf einen, der etwa zwei Meter von mir entfernt war, und gab Morio einen Wink.
Gefolgt von Vanzir, schlichen wir tief geduckt näher heran, damit die nächtliche Dunkelheit uns vor wachsamen Augen verbarg. Pech hätten wir natürlich, falls jemand unsere Körperhitze wahrnehmen konnte. Da Stacia als Lamie eng mit den Schlangen verwandt war, konnte das sogar gut sein. Ich flüsterte Morio eine Warnung zu, doch er schüttelte den Kopf.
»Zu kalt. Wir haben unter zehn Grad. Schlangen bewegen sich bei solchen Temperaturen nicht, sondern liegen in einer Art Kältestarre. Aber wenn wir erst im Haus sind, müssen wir sehr vorsichtig sein. Ich wette, es ist höllisch heiß da drin. Was mich auf einen Gedanken bringt«, fügte er hinzu. »Sie ist eine Lamie, also zum Teil eine Schlange. Wenn wir ihr einen ordentlichen Kältezauber verpassen, dürfte der ziemlich wirksam sein.«
Vanzir nickte. »Gute Idee.«
Der Bann war mit einem rubinroten Kristall geschaffen, ganz ähnlich wie die, die wir zu Hause benutzten, aber dieser stammte eindeutig weder aus der Erdwelt noch aus der Anderwelt. Morio und ich fassten uns an den Händen und untersuchten die Energie. Sie wand sich um den Kristall wie eine Schlange um ihre Beute. Und dann sah ich die Runen, die auf magischem Weg in die Energie eingebettet waren.
Anscheinend hatte Morio sie auch entdeckt. »Vanzir hat recht. Diese Banne sind so aufgebaut, dass sie nur anschlagen, wenn Dämonen eindringen. Sie selbst benutzen also nur das Haupttor vorne, denn sonst würden sie ständig ihre eigenen Banne auslösen.«
»Es sei denn, sie sind so präzise eingestellt, dass sie die Dämonen ignorieren, mit denen Stacia sich umgibt«, wandte ich ein. »Jedenfalls könnt du, Menolly, Roz und Vanzir nicht daran vorbeigehen, ohne sie womöglich auszulösen, weil ihr alle als irgendeine Art von Dämon geltet.«
Wir schlichen zurück zu den anderen und berichteten ihnen, was wir entdeckt hatten. Noch immer war im Garten hinter dem Haus niemand zu sehen, aber hinter diversen Fenstern im Haus brannte Licht.
»Wir halten uns also an unseren ursprünglichen Plan?« Wir hatten das Problem während unserer ausführlichen Planung zu Hause immer wieder hin und her gewendet, aber keine andere Lösung gefunden: Wir mussten uns hineinschleichen und diese vier zurücklassen. Wenn der Kampf losbrach, konnten sie immer noch als Verstärkung anrücken, denn dann würde Stacia ohnehin wissen, dass wir da waren.
»Ja, ich wüsste nicht, wie es sonst gehen sollte«, entgegnete Menolly. »Ich würde wirklich lieber zuerst reingehen, aber wenn das Risiko besteht, dass ich als Vampirin Alarm auslöse, warte ich besser hier bei den anderen.«
Morio holte die Schatulle hervor, in der Rodney schlief, und ich stöhnte. Er warf mir einen ungeduldigen Blick zu und klappte den Deckel auf. Sobald Rodney aus der Schatulle stieg, zischte Morio: »Du hältst den Mund, sonst reiße ich dich in Stücke. Das ist mein Ernst. Verstanden?«
Rodney funkelte ihn an, nickte jedoch.
»Du gehst als Späher voraus, und sei ja leise, denn da drin sind ein paar große, böse Dämonen, die keine Bedenken hätten, dich zu zertreten wie einen Käfer. Alles klar?«
Ein weiteres Nicken.
»Wenn du die Glastür da erreichst, nimmst du deine volle Größe an. Du gehst rein und schaltest so viele Dämonen aus, wie du kannst. Kämpf wie der Teufel, denn das werden die ganz sicher auch tun. Und denk nicht mal daran, dich davonzuschleichen und abzuhauen, denn dann würde ich dich jagen und deine Knochen an den nächsten Hund verfuttern, der mir begegnet. Capice?«
Morio nahm seine Dämonengestalt an, und Rodney taumelte hastig ein paar Schritte rückwärts.
Ich nickte. »Also dann, gehen wir.« Ich gab den anderen einen Wink. »Verteilt euch und arbeitet euch langsam zur Rückseite vor.«
Wir hatten beschlossen, uns dem Haus aus verschiedenen Richtungen zu nähern. Falls einer von uns entdeckt wurde, hatten die anderen immer noch eine Chance, zum Zuge zu kommen. Wir fächerten uns auf und rückten langsam durch den Garten vor. Diverse Büsche und Farne lockerten die Rasenfläche auf, so dass wir ein wenig Deckung fanden. Als ich hinter den nächsten Heidelbeerstrauch huschte, fiel mir auf, dass das allmählich zur Routine wurde.
Wir waren gut. Ich konnte die anderen nicht vorrücken sehen, was bedeutete, dass sie auch von drinnen niemand sehen würde. Der Garten war dunkel, nur von dem Licht erhellt, das durch die Fenster herausschien.
Ich hatte das Haus schon fast erreicht, als die Flügeltür, die mir am nächsten war, aufging und ein Blähmörgel heraustrat. Er kratzte sich am Hintern und pinkelte auf den Rasen neben der Terrasse. Ich erstarrte und hoffte, dass der dünne Stamm der Birke, hinter der ich mich versteckte, ausreichen würde. Blähmörgel waren potthässlich und gefährlich - wir hatten erst vor einer Weile mit mehreren gekämpft. Sie gehörten zu den Tausenden von Knechten für die schweren Arbeiten in den U-Reichen und sahen beinahe aus wie Karikaturen von VBMs mit ihren aufgeblähten Bäuchen, den langen, schlaff herabhängenden Armen und der hässlichen, faltigen grauen Haut. Aber sie konnten Feuer speien und waren abartig stark.
Der Blähmörgel schüttelte seinen Schwanz, kratzte sich an den Eiern, und dann schaute er genau in meine Richtung. Er erstarrte. O verdammt, er hatte mich gesehen. Ich war sicher, dass er mich sehen konnte. Als er den Mund öffnete, stieß ich einen Schrei aus, warf mich zur Seite und rief einen Blitz herab. Die Wolken waren so dick, dass sie sofort reagierten, und eine blaue Energiekugel raste auf den Blähmörgel zu.
Bitte, bitte, bitte, jetzt keinen Kurzschluss, dachte ich, aber schon begann die Ladung zu flackern. Dann zersprang sie zu einem Funkenschauer, und die sengende Hitze traf alles im Umkreis von Metern.
»Scheiße!« Ich griff ihn an, zückte meinen Dolch und bemühte mich, aus der Schusslinie seiner Fresse zu bleiben. Hässliche Feuerstöße kamen aus diesem Maul. Sehr hässliche.
Auf meinen Schrei hin brachen die anderen aus ihrer Deckung hervor und rannten herbei. Smoky überrumpelte den Blähmörgel, indem er mit ausgefahrenen Klauen blitzschnell an ihm vorüberwirbelte, und brachte ihm fünf tiefe Schnittwunden quer über den Bauch bei. Der Dämon knurrte, fuhr herum und spie Smoky einen Feuerstrahl nach, und in diesem Moment erwischte Delilah ihn von hinten. Sie versuchte es nicht mit ihrem üblichen Tritt aus dem Sprung, sondern stieß mit ihrem Dolch Lysanthra zu und rammte dem Blähmörgel die Klinge bis zum Heft zwischen die Schulterblätter. Smoky machte kehrt, um erneut anzugreifen, und gemeinsam machten sie mit dem Dämon kurzen Prozess. Ein Dämon - leicht zu töten. Viele Dämonen gewaltige Schwierigkeiten.
Ich hörte ein Geräusch an der Terrassentür, blickte auf und sah ein halbes Dutzend menschlich aussehende Wachen davor stehen. Eine Rockerbande auf Anabolika?
»Treggarts«, sagte Roz, der neben mir auftauchte. »Dämonen.«
Morio, Vanzir und Menolly kamen direkt hinter ihm. Wir fächerten uns auf und standen nun den Männern gegenüber, die dicke schwarze Lederkluft trugen. Messer und Motorradketten schienen ihre Lieblingswaffen zu sein, doch es sah so aus, als hielte einer eine Eisenstange in der Hand. Mit finsterem Blick rückten sie vor. Der mit der Eisenstange ließ das Rohr in die andere Hand klatschen, und seine Augen blitzten auf.
»Na wunderbar. Die sehen aus, als würde ihnen das Spaß machen«, sagte ich und wich ein Stück zurück, um es mit einem weiteren Zauber zu versuchen. Noch ehe ich die Macht der Mondmutter herabrufen konnte, bekam die Bikergang Verstärkung von einer Horde Tod auf Latschen. Zombies. Oder Ghule. Oh, ich hoffte sehr, dass es Zombies waren - leichter zu töten und praktisch völlig hirnlos.
Es trat eine kaum merkliche Pause ein, während wir einander musterten. Sie waren stark. Sehr stark. Das würde einen harten Kampf geben. Ich konnte nur hoffen, dass Stacia sich zurückhalten würde, bis wir ihre Kretins erledigt hatten. Ich packte Morios Hand.
»Versuchen wir, ein paar dieser Zombies zu bannen«, sagte ich. Er nickte. Wir traten beiseite, und Morio holte hastig eine Halskette aus Quarzkristallen hervor und reichte sie mir. Ich legte sie an, und er hängte sich eine Kette aus Obsidianperlen um den Hals. Wir fassten einander bei den Händen und konzentrierten uns auf den Zauber, der die Zombies wieder in Wurmfutter verwandeln würde.
Ich blickte gerade rechtzeitig auf, um zu sehen, wie Delilah und Smoky die Rocker angriffen, dann stürzten auch die übrigen vor. Iris blieb zurück und schleuderte eine Ladung Eissplitter auf die Dämonen. Im Allgemeinen mochten Dämonen keine Kälte, außer sie trieben sich in der Schattenwelt herum. Da diese Kerle für die Lamie arbeiteten, vermutete ich eher, dass es im ganzen Haus kein kühles Fleckchen gab.
Wilbur gesellte sich zu Morio und mir und streute rasch ein großes Pentagramm aus Salz auf den Boden. Dann zog er aus Salz mit Rosmarin einen Kreis darum. Er setzte sich in die Mitte des fünfzackigen Sterns und begann, leise vor sich hin zu summen. Ich riss mich zusammen und versuchte, weder auf ihn noch auf das Gebrüll und die Schreie der Kämpfenden zu achten, sondern nur auf die kleine Schwadron Zombies, die uns bemerkt hatte und auf uns zukam. Na großartig, die nekromantische Energie zog sie an.
»Konzentrier dich«, zischte Morio.
Ich schüttelte den Kopf. Warum konnte ich nicht bei der Sache bleiben? Warum schaffte ich es nicht, mich zu erden? Und dann, ganz plötzlich, war die Aufmerksamkeit da und schob alle anderen Gedanken beiseite. Ich ließ mich in die Energie einsinken, mich darin einhüllen und von ihr ins Reich der Dunkelheit hinabziehen. Alles um mich herum nahm einen schwachen violetten Schimmer an, und ich wusste, dass wir die Tür geöffnet hatten.
Morio drückte meine Hände, und wir stimmten den Zauber an, mit dem man herbeizitierte Untote wieder entließ. Wie so viele unserer Zauber beruhte er auf dem Spiel zwischen Gegenstimmen. Morio begann das Tor zu öffnen.
»Devo shena, devo sherani, dcvo shilak. Devo mordente, devo resparim, devo salesum ...«
Während er diesen Spruch beständig wiederholte, fiel ich mit der Gegenstimme ein. »Wandelnde Tote, unruhige Geister, flüsternde Seelen, hört und gehorcht. Zurück ins Grab, ins Leichentuch, flüsternde Seelen, ihr könnt nicht bestehen.«
Die Energie baute sich langsam, aber stetig auf, und violette Flammen kreisten uns ein. Ich sah zu, wie sie uns umringten, ein Netz aus Impulsen, die aufblitzten wie Synapsen in einem Gehirn. Morio und ich fuhren mit unserem zweistimmigen Spruch fort, und die Blase aus violetter Energie wurde größer. Die Zombies hatten sie schon fast erreicht, als der Erste nach den blinkenden Lichtern griff, um sich durchzudrängen. Er kreischte. Binnen Sekunden fiel er in sich zusammen und verweste wie im Zeitraffer, bis die letzten flüssigen Reste in den Boden sickerten.
Einer war geschafft, noch ein halbes Dutzend hatten wir vor uns. Der nächste Zombie schlurfte in unsere Barriere hinein, und auch er war nach wenigen Sekunden nur noch eine Erinnerung. Die anderen hielten inne. Sie waren zwar seelenlos, beinahe wie Roboter, doch in den magischen Code, der sie zum Leben erweckt hatte, war ein Funken Selbstschutz eingebaut.
Während sie noch zögerten, ächzte Wilbur laut auf, und eine Flutwelle aus Licht brandete über die Zombies hinweg. Mit einem vielstimmigen Kreischen verbrannten sie in dem Zauber, was immer das auch für ein Hammerspruch gewesen sein mochte. Morio und ich starrten Wilbur an, und unser eigener Zauber fiel in sich zusammen, weil unsere Konzentration gestört war. Was zum Teufel hatte er da gerade gemacht? Und vor allem, konnten wir das auch lernen?
Er zwinkerte uns zu und wandte sich dann zu dem Kampf um, in den die anderen verwickelt waren. Die Dämonen hatten schon einen Mann verloren. Und ... o Große Mutter, steh uns bei, wir ebenfalls. Chase lag offenbar bewusstlos auf dem Boden. Ich war so in der Magie versunken gewesen, dass ich von seinem Kampf gar nichts mitbekommen hatte.
Ich suchte nach Delilah. Sie hieb auf einen der Treggarts ein und brüllte aus voller Kehle Obszönitäten. Ich stürzte zu Chase hinüber und fiel neben ihm auf die Knie. Er war blass, und eine Seite seines Hemdes war blutgetränkt. Morio kam zu mir, doch ich winkte ab.
»Geh und hilf den anderen. Schick mir Roz.«
Rozurial war Sekunden später bei mir. Er runzelte die Stirn, als er Chase sah, zog dann ein Fläschchen aus dem Mantel, kippte den Inhalt über den Blutfleck und riss erst dann Chases Hemd auf. »Wir brauchen etwas, das wir als Verband benutzen können«, sagte er und kramte in seiner Tasche nach dem Tiegel mit der Salbe, die er immer und überall dabeihatte.
Ich blickte zu Wilbur auf. »Dein Hemd. Ich brauche dein Hemd.«
Wilbur zuckte mit den Schultern, schlüpfte aus dem Hemd und reichte es mir. Ich riss es in schmale Streifen und bemühte mich, den Kampfeslärm um mich herum zu ignorieren. Wir mussten Chase retten - er brauchte dringend ärztliche Hilfe. Roz und ich wickelten die Stoffstreifen um Chases Brust, nachdem Roz die Wunden dick mit Salbe bestrichen hatte. Ich hatte Mühe, Chase herumzudrehen, damit wir den Verband unter ihm durchziehen und fest zubinden konnten. Er war schwer, und als ich ihn bewegte, begannen die Wunden wieder zu bluten.
»Himmel, was machen' wir denn jetzt? Wir können ihn von hier nicht zu den Autos bringen.« Verzweifelt blickte ich mich um. »Seine Atmung ist ganz flach. Was sollen wir nur tun?«
Roz sprang auf und rannte zu Smoky hinüber, der gerade mit einem Dämon kämpfte. Er war schon fast fertig mit dem Kerl, und Roz schob Smoky beiseite und übernahm den Gegner. Smoky eilte zu mir.
»Was ist? Brauchst du etwas? Bist du verletzt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Wir müssen Chase ins AETT-Hauptquartier bringen. Er ist schwer verletzt. Ich glaube, Delilah hat es noch gar nicht mitbekommen.«
»Da drin kann man sich kaum konzentrieren. Diese Schläger sind so zäh, dass ich mich frage, wie wir sie überhaupt ausschalten sollen. Also, ich bringe ihn übers Ionysische Meer hin und komme gleich zurück.« Smoky lud sich Chase auf die Arme, und ehe ich noch ein Wort sagen konnte, verschwand.
Ich brauchte dringend einen Moment, um mich wieder zu fassen, aber das ging jetzt nicht. Es waren immer noch ... o verflucht, fünf von diesen Rockertypen, und sie drängten die anderen immer weiter zurück. Delilah schien verletzt zu sein, ich sah Blut an Trillians Wange, und Vanzir war ebenfalls mit Blut bespritzt. Iris rannte zu mir herüber.
»Wir müssen etwas unternehmen«, sagte ich zu ihr. »Offenbar ist die Haut dieser Dämonen zäh wie Leder. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn wir uns zurückziehen, setzen sie nur weiter nach!«
Sie nickte mit zusammengepressten Lippen. »Ich habe mir geschworen, diese Macht nie wieder zu gebrauchen, aber wir haben keine andere Wahl. Ich kümmere mich darum«, sagte sie leise, und Tränen traten ihr in die Augen.
Ich wollte sie gerade fragen, was um Himmels willen sie vorhatte, als sie schrie: »Alle weg daJetzt!«
Alle unsere Leute hörten sie - ihre Stimme hallte durch den Garten, als hätte sie in ein Megaphon gebrüllt. Dann schloss sie die Augen, und ich hörte sie flüstern: »Für Henry ...« Ein Wirbelsturm aus Energie erhob sich um sie, ein Strudel aus blauem und weißem Nebel, und mit einem grauenerregenden Schrei stieß sie ihn vorwärts.
Die wirbelnde Wand aus Energie schob sich über die Dämonen, und gellende Schreie hallten aus dem Nebel. Ich konnte nicht sehen, was darin geschah, bis die Energie sich auflöste. Iris war in Ohnmacht gefallen, ich kniete neben ihr und blickte auf, in den Garten.
»Oh, Iris ...« Ich verstummte und starrte fassungslos auf das Chaos vor mir. Den Treggarts war buchstäblich das Innere nach außen gekehrt worden. Sie waren nur noch schimmernde Muskeln, Knochen und blutiges, pulsierendes Fleisch. Wortlos wandte ich mich ab und übergab mich.
»Iris!« Delilah ließ ihren Dolch fallen. Sie sah sich um. »Ist noch jemand verletzt? Chase? Chase?« Ein verzweifelter Ausdruck trat in ihre Augen, und sie wirbelte im Kreis herum. »Wo ist Chase?«
»Smoky hat ihn zu Sharah gebracht. Chase ist verwundet worden, Kätzchen. Er lebt noch, aber er braucht medizinische Hilfe.« Ich wagte nicht, ihr zu sagen, wie schwer seine Verletzung war. Wir brauchten Delilah bei klarem Verstand - und nicht als Kätzchen.
Ihre Unterlippe begann zu zittern, aber sie machte keine Anstalten, sich zu verwandeln, weil Iris in diesem Moment wieder zu sich kam. Als wir ihr auf die wackeligen Beine halfen, hörten wir einen Ruf von der Tür her. Da stand ein Mann - zumindest sah er auf den ersten Blick so aus.
Vanzir sprang auf und lief auf ihn zu. Er wirkte fuchsteufelswild. »Trytian, was zum Teufel tust du hier, du Dreckskerl?«
Trytian! Wir hatten recht gehabt. Das war der Sohn des Daimonos. Ich zwang mich, neben Vanzir vorzutreten.
»Wo ist sie? Wo ist die Knochenbrecherin?« Ich wusste, dass ich ein wenig hysterisch klang, aber ich konnte nicht anders. Die Gefühle gingen mit mir durch.
Trytian, der mich an einen unheimlichen, teuflischen Keanu Reeves erinnerte, lächelte mich unverfroren an. »Weg. Unsere Wachen haben ihr genug Zeit verschafft, das Haus zu evakuieren. Wir verlegen die Zentrale.«
Ich stürzte vor. »Sie hat meinen Freund ermordet und meinen Laden zerstört!« Als ich mit einer Hand ausholte, um ihm eine schallende Ohrfeige zu versetzen, packte Vanzir mich am Handgelenk. Mit einem Nicken bedeutete er mir zurückzutreten. Er sprach leise mit dem Daimon, der zunächst den Kopf schüttelte, dann jedoch nickend mit den Schultern zuckte.
Trytian trat vor. »Hör zu, wir wollen alle dasselbe. Schattenschwinges Tod. Die Knochenbrecherin wollte mit euch zusammenarbeiten. Mein Vater und ich wollten mit euch zusammenarbeiten. Ihr zieht eine andere Herangehensweise vor. Ich gebe dir mein Wort - und Vanzir wird sich für mich verbürgen. Wenn ihr die Knochenbrecherin in Ruhe lasst, sie nicht verfolgt, nicht nach ihr sucht, wird sie dich und deine Freunde ebenso in Ruhe lassen. Aber täusch dich nicht: Wir werden die Siegel finden, und wenn wir sie haben, marschieren wir gegen Schattenschwinge.«
»Was sollte mich daran hindern, die Information durchsickern zu lassen, dass sie eine Verräterin ist?« Ich verabscheute sein selbstgefälliges Lächeln, seine arrogante Haltung. Er hatte dabei geholfen, Henry zu ermorden. Ich wusste es - ich spürte tief in meinem Inneren, dass er einer der Männer in der Buchhandlung gewesen war.
Als ich wieder vortrat, packte Vanzir mich mit einem Arm um die Taille.
Trillian brüllte auf, doch Vanzir rief über die Schulter zurück: »Rühr dich nicht. Denk nicht mal daran.«
Trytian lachte derb. »Ach, Camille, das wirst du nicht tun. Da gehe ich jede Wette ein. Weil du tief im Herzen selbst weißt, dass ihr es mit Schattenschwinge nicht aufnehmen könnt. Und du weißt, dass mein Vater und Stacia gemeinsam eine Chance gegen ihn haben. Ihr werdet weiterhin nach den Siegeln suchen, das ist mir klar, aber ich warne dich: Kommt uns nicht in die Quere. Denn wenn du uns je wieder im Weg stehst, wirst du mehr verlieren als einen kaputten alten Mann. Dann verlierst du alles.«
Da riss ich mich aus Vanzirs Griff los und stürzte mich auf Trytian. Er hatte offensichtlich nicht mit meinem Angriff gerechnet, doch er schaffte es, mich bei den Handgelenken zu packen. Er warf mich auf den Boden, drehte mich herum und setzte sich rittlings auf mich.
»Du hast Glück, dass deine Freunde gerade hier sind, Weib. Ich mag Schattenschwinge nach dem Leben trachten, aber ich bin immer noch ein Daimon, und manche Dinge sind einfach zu verlockend, um ihnen zu widerstehen.« Sein Flüstern war so leise, dass niemand sonst ihn hören konnte. Er schnaubte höhnisch. Dann ließ er mich los und sprang auf.
»Wir finden euch! Wir durchsuchen das Haus, irgendetwas habt ihr sicher übersehen!« Oh, wie gern hätte ich ihm einen harten Tritt in die Eier verpasst, aber ich hatte das Gefühl, dass ihm das kein bisschen weh tun würde.
»Nur zu - das erwarte ich sogar von dir. Du bist ja so leicht zu durchschauen.«
Morio stürmte vor, doch Trytian tänzelte geschickt außer Reichweite. »Yokai, misch dich hier nicht ein. Das ist nicht deine Angelegenheit. Und ihr übrigen, denkt daran, was ich euch gesagt habe. Eine zweite Warnung werdet ihr nicht bekommen. Stacia hat Befehl von Schattenschwinge, euch zu töten, und sie wird es so lange hinauszögern, bis wir zuschlagen können. Aber nur, wenn ihr euch nicht einmischt. Wenn ihr euch noch einmal blicken lasst - außer ihr möchtet die Seiten wechseln-, seid ihr schon so gut wie tot.«
Er wandte sich Vanzir zu. »Ich bin dir nichts mehr schuldig. Hiermit ist meine Schuld mehr als beglichen.« Und damit verschwand er, als hätte es ihn nie gegeben.