ZWÖLF
Wenn man mich vor drei Monaten gefragt hätte, was
ich wohl in der letzten Woche vor den Halbjahres-Abschlussprüfungen
machen würde, dann hätte auf meiner Liste sicherlich nicht ganz
oben gestanden, mit einer Gruppe der weltweit bekanntesten
Supermodels bei einer Fashionshow in Unterwäsche
herumzulungern.
Wenn ich ehrlich bin, dann wäre das auf meiner
Liste gar nicht erst aufgetaucht.
Und wenn ich sage »bei einer Fashionshow mit
Supermodels in Unterwäsche rumzulungern«, dann meine ich damit auch
noch: Kurz davor sein, in nichts als eben dieser gleich raus auf
die Bühne zu müssen.
Nur dass die das gar nicht als Unterwäsche
bezeichnen. Sie nennen das »Lingerie«.
Und es handelte sich auch nicht um eine Bühne: Es
handelte sich um einen Laufsteg.
Toll. Ich stand also kurz davor, mich öffentlich
total zu blamieren, und zwar so leicht bekleidet, wie ich noch nie
in der Öffentlichkeit aufgetreten war, nicht mal in den
Umkleidekabinen in der Schule. Dort hatte ich immer streng darauf
geachtet, dass ich irgendetwas trug, was mich von den Achseln
bis zur Mitte der Oberschenkel bedeckte, und wenn es nur ein
Handtuch war. Man soll nicht glauben, ich hätte jemals gemeinsam
mit meinen Mitschülerinnen in den gefängnisähnlichen Duschanlagen
der Umkleiden der Tribeca Highschool geduscht. Dort müssen sich
immer vier bis sechs Mädchen eine Dusche teilen. Was man an unserer
Schule allerdings als Sportunterricht bezeichnete, konnte einen
ohnehin unmöglich zum Schwitzen bringen. Daher gab es für mich
sowieso keinen Grund zu duschen.
Na ja, zumindest schwitzte ich nie, weil ich
in der Vergangenheit immer dann, wenn ein Volleyball oder
irgendetwas Ähnliches auch nur in meine Nähe kam, peinlich darauf
achtete, dem Ding ganz gemütlich aus dem Weg zu gehen.
Kein Schweiß also. Kein Bedarf zu duschen. Problem
gelöst.
Allerdings schien es mein Karma jetzt gut mit mir
zu meinen und mir ein Kraftprogramm zu verordnen, obwohl ich beim
Sportunterricht immer so lustlos gewesen war. Ich durfte bei einer
Riesenveranstaltung an Silvester in Unterwäsche herumstolzieren.
(Ein Ereignis, bei dem ich mich vor einem Livepublikum blamieren
würde, bestehend aus vierhundert Fotografen, Journalisten,
Kameramännern, Fashionistas, Designern, Stylisten, Artdirectors und
den üblichen B-Promis, wie beispielsweise Sting und John Mayer
sowie verschiedenen It-Girls, die sich zu dieser Gelegenheit alle
in den Stark Enterprises Sound Studios in der Innenstadt versammeln
würden.) Und vorher musste ich auch noch einige Proben über mich
ergehen lassen, bei denen ich mich vor den Augen verschiedener
Soundspezialisten und Kameraleute, Lichttechniker und sonstiger
Techniker, vor Stylisten und nicht zu vergessen meinen
Modelkolleginnen halb nackt zeigen sollte.
Eine von denen - ich glaube, ihr Name war Kelley -
sah mich gerade ziemlich ungeniert an, während wir backstage
inmitten eines chaotischen Durcheinanders saßen. Um uns herum
rannten die Stylistinnen und Stylisten wild hin und her, um uns
alle mit Flügeln und verschiedenen BHs und Höschen und Tangas
auszustatten, damit sie sehen konnten, ob sie für den großen Abend
auch alles korrekt bestellt hatten.
»Bist du aufgeregt, Nikki?« Kelley hatte sich zu
mir vorgebeugt, um mir diese Frage zu stellen. Sie hatte einen
starken Südstaatenakzent. »Siehst nervös aus.«
»Äh …« Ich war total perplex, dass sie echt
ausgerechnet mit mir sprach. Den ganzen Tag hatte noch keiner ein
Wort mit mir gewechselt, mit Ausnahme der Stylisten, von denen
einer mich wegen meines schlechten »Ch’i« warnte. Seiner Meinung
nach wäre bei mir eine neue Ausrichtung vonnöten gewesen. »Nur ein
ganz klein wenig.«
Unsicher lächelte ich Kelley an, ein flaues Gefühl
im Magen. Ich dachte wirklich, mir würden gleich die schokolierten
Erdbeeren hochkommen, die ich gerade am Catering-Buffet verputzt
hatte. Warum nur konnte ich mich nicht an die Liste verbotener
Nahrungsmittel halten, die in meinem Loft am Kühlschrank hing?
Schokolade stand da ganz groß drauf.
»Das wird schon, du schaffst das!«, munterte Kelley
mich auf. Sie hatte riesige braune Augen, die noch größer wirkten
dank des Flüssig-Eyeliners, den sie trug. »Wenn dir die Lichter zu
grell werden und du nichts mehr siehst, dann brauchst du die Bühne
nur mit deinen Füßen zu erspüren. Wenn du nichts als Luft fühlst,
dann setz den Fuß nicht ab. Denn dann bist du am Ende des Laufstegs
angekommen. Du willst ja nicht ins Leere treten, oder? Denn du
weißt, was dann geschieht. Batsch!« Sie machte ein klatschendes
Geräusch dazu.
Doch so richtig Mut machte mir das nicht.
Eigentlich war mir jetzt sogar noch schlechter als vorher. Die
Lichter im Studio würden mich also derart blenden, dass ich am Ende
vom Laufsteg runterknallte? Das hatte mir bisher noch keiner
erzählt. Ich konnte eh schon kaum laufen auf den fünfzehn
Zentimeter hohen Absätzen der Plateaupumps von Louboutin, die man
mir in die Hand gedrückt hatte. Mein berühmter koketter
Catwalk-Gang? Der war gar nicht so kokett, wie sich herausstellen
sollte.
»Toll, danke«, sagte ich dennoch, der Höflichkeit
halber.
»Mensch, Nikki«, rief Kelley anscheinend
überrascht. »Du warst es doch, die mir den Tipp mit den Lichtern
gegeben hat, damals als ich anfing. Hast du das vergessen?«
Ich blinzelte verstört. Ich hatte es vermasselt.
Wie immer.
»Klar, stimmt«, sagte ich und schickte ein
gekünsteltes Lachen hinterher, das sie mir hoffentlich abnahm. Denn
Nikki war alles andere als zum Lachen zumute.
Doch Kelley fiel natürlich nicht darauf herein. Na
ja, wieso hätte sie es mir auch abnehmen sollen?
»Du hast dir also tatsächlich den Kopf gestoßen und
das Gedächtnis verloren, wie alle sagen, nicht wahr?« Kelley sah
mich bedauernd an.
»Wie fühlt sich das an?«, wollte ein anderes,
blondes Mädchen wissen, während wir gemeinsam darauf warteten, dass
endlich jemand zu uns kam und uns darüber informierte, ob der
Artdirector endlich bereit war.
Ich war überrascht - überrascht, dass Kelley und
dieses andere Mädchen tatsächlich mit mir redeten. Wir hatten schon
Stunden in diesem Studio verbracht, um die Klamotten anzuprobieren
und den Lauf zu üben, aber keine von ihnen hatte bisher ein
einziges Wort mit mir gewechselt. Dabei hatte ich mir vorgestellt,
dass, wenn man schon im selben Business beschäftigt
ist, ein paar von den Mädchen Nikki einfach kennen mussten und
vielleicht sogar mit ihr befreundet waren.
Aber entweder waren diese Mädchen einfach zu
schüchtern, um auch nur Hallo zu sagen (was zweifelhaft war, wo die
meisten von ihnen doch ziemlich aufgeschlossen wirkten), oder Nikki
hatte es sich mit ihnen allen verscherzt, weil sie irgendwas
angestellt hatte. Und so wie ich Nikki inzwischen kannte, war das
die wahrscheinlichere Erklärung.
»Wie soll sich was anfühlen?«, fragte ich
total panisch. Nicht weil dieses Mädchen mit mir sprach, sondern
weil dieses Mädchen offensichtlich etwas zu wissen schien. Die
Frage war nur, wie hatte dieses wunderschöne Mädchen, das da ganz
cool in einem Push-up-BH und Tanga vor mir saß, von meiner
Operation erfahren können?
Vielleicht wusste sie davon aber auch gar nichts.
Möglicherweise hatten die Leute von Stark sie ja auf mich
angesetzt, damit sie mich auffliegen ließ. Oder zumindest rausfand,
ob ich was sagen würde.
Wahnsinn. So weit war es schon mit mir gekommen,
total paranoid. Es ist echt erstaunlich, was in einem vorgeht, wenn
man das Gefühl hat, dass man die ganze Zeit ausspioniert wird. Was
einem das eigene Gehirn dann so alles vorgaukelt …
»Der Diamant-BH natürlich«, sagte das blonde
Mädchen, als ich eine ganze Minute lang nichts gesagt hatte. »Du
trägst zehn Millionen Dollar an deinem Körper, Nik. Wie fühlt sich
das an?«
Ich blickte an mir herab. Ach, äh, klar. Es war
wirklich nicht mehr zu leugnen: Ich drehte langsam völlig
durch.
»Tja«, meinte ich. »Er ist eigentlich ziemlich
bequem. Diamanten sind ja das härteste Material der Erde, also
nicht gerade gut geeignet, um einen BH daraus zu machen. Na ja,
genau genommen handelt es sich natürlich um aggregierte
Diamant-Nanostäbchen. Aber ihr versteht schon, was ich
meine.«
Oh wow. Ich klang ja wie die totale Streberin. Und
so gar nicht wie Nikki Howard …
Das blonde Mädchen, deren Name Veronica war, wie
ich mich jetzt erinnerte, weil eine Stylistin sie erwähnt hatte,
starrte mich verständnislos an. Doch zum Glück schien Kelley meine
Antwort zu gefallen - wie auch einigen anderen Models, die sich um
uns geschart hatten. Sie fing nämlich an zu kichern.
»Diamant-Nanodings«, plapperte sie mir amüsiert
nach. »Was ist denn mit dir passiert, seit ich dich das
letzte Mal gesehen hab? Hast du in der Abendschule einen
Wissenschaftskurs belegt oder wie?«
»Also, ich …«, fing ich an. »Nicht in der
Abendschule, sondern in der Highschool …«
In dem Moment klingelte mein Handy, und zwar das,
welches nicht von Stark war. Ich warf einen Blick darauf und sah,
dass Frida mir eine SMS geschickt hatte.
Tut mir leid, hatte Frida geschrieben. Bitte sei
nicht böse! Ich hab dich lieb! Bitte ruf an, muss dauernd heulen!
Bitte ruf an!
Mal im Ernst: Ich hätte alles dafür gegeben, wenn
das größte Problem, das ich hatte, darin bestand, dass meine große
Schwester mir verboten hat, auf die Weihnachtsparty in ihrem Loft
zu kommen. Ich meine, wenn man sich vorstellt, meine Mom würde mich
jetzt zu Gesicht bekommen, in einem Zehn-Millionen-Dollar-BH und
einem durchsichtigen schwarzen Höschen mit Spitzenbesatz? Oh, und
hab ich schon die Engelsflügel erwähnt?
Ach ja, PS: Ich würde Frida selbstverständlich
nicht anrufen.
Denn ich erlebte gerade meine ganz eigene persönliche Katastrophe.
Da brauchte ich nicht auch noch ein Drama mit meiner Schwester. Sie
musste schon warten, bis ich bei mir klar Schiff gemacht hatte. Und
so wie es aussah, würde das wohl nie was werden, so zäh, wie die
Dinge vorwärtsgingen.
»Das ist ja ein cooles Handy«, sagte Kelley voll
Bewunderung. »Und was ist das für ein Klingelton, den du da
hast?«
Ich sah sie überrascht an.
»Den kann man sich doch umsonst im Internet
runterladen«, erklärte ich und wusste, wie lahm ich diesen Models
mit ihren Anfang zwanzig vorkommen musste. Was die wohl dachten,
wenn sie erfuhren, dass der Klingelton von einem Online-Rollenspiel
mit Namen Journeyquest stammte und »Schlachtruf des Drachen«
hieß?
Aber irgendwie … schien sie das alles gar nicht zu
interessieren. Kelley schnappte sogar anerkennend nach Luft und
reichte mir ihr Stark-Handy.
»Ooh, ich auch«, rief sie. »Krieg ich den? Bitte,
bitte.«
»Ich auch!«, kreischten plötzlich auch die anderen
Models. Alle außer Veronica, die ihre Kolleginnen ansah, als hätten
sie alle völlig den Verstand verloren. Bewahrt doch bitte
Haltung, schien ihr Blick sie zu ermahnen.
»Ladys!« Alessandro, der Bühnendirektor der Show,
klatschte lautstark in die Hände, um unsere Aufmerksamkeit auf sich
zu ziehen. »Es wird Zeit! Bitte so, wie wir das kürzlich geprobt
haben, alles klar?«
Der Unterschied war natürlich, dass wir bei der
Probe ganz normale Klamotten angehabt hatten, da die »Lingerie«
noch nicht fertig gewesen war. Und schon gar nicht unsere
Flügel.
Außerdem war er schwer zu verstehen, weil ein
lauter, hämmernder Beat nun alles übertönte.
»Oh, die Musiker sind jetzt auch hier«, bemerkte
Alessandro unnötigerweise. »Wollen wir doch mal sehen, ob ihr im
Takt der Musik laufen könnt.«
Die ganzen Mädchen, die sich soeben noch um mich
geschart hatten, damit ich ihnen den dämlichsten Klingelton aller
Zeiten auf ihre Handys lud, hatten nun ihre Plätze eingenommen.
Shauna, die Assistentin meiner Agentin Rebecca, war schnell zu mir
herübergeeilt, um mir ins Ohr zu flüstern: »Okay, Nikki, hörst du?
Bleib jetzt bloß ruhig und flipp nicht aus, aber die haben gerade
in letzter Sekunde noch eine Planänderung bekannt gegeben. Wenn du
in deinem Diamant-BH da rausmarschierst, wird Gabriel Luna seinen
neuen Song ›Nikki‹ vortragen. Noch mal: Tick bloß nicht aus!«
»Was?« Wegen des ohrenbetäubenden Lärms auf der
Bühne konnte ich kein Wort verstehen.
Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass sie
mir soeben erzählt hatte, dass der topangesagte, sensationelle
Newcomer des Stark-Labels, der anscheinend ein Lied über mich
geschrieben hatte, dieses Lied gleich singen würde, sobald ich die
Bühne betrat, und zwar mit nichts bekleidet als einem Paar Flügel,
einem BH und einem Höschen. Einem Diamant-BH und einem
Höschen.
Ein Lied über mich.
Das wollte ich in dem Moment echt als Allerletztes
hören. Seit Wochen schon war ich Gabriel Luna nun erfolgreich aus
dem Weg gegangen.
Es war ja nicht so, als würde ich ihn nicht mögen.
Aber ähnlich wie bei Brandon mochte ich ihn eben nicht auf diese
Weise. Denn auf diese Weise mochte ich einen
anderen.
Deshalb wollte ich meine Zeit auch nicht unnötig
mit irgendwem verbringen - und schon gar nicht mit jemandem,
der mir Liebeslieder schrieb. Mein Herz gehörte doch längst diesem
anderen.
Der, zugegeben, offensichtlich seinerseits in ein
anderes Mädchen verliebt war - in ein totes Mädchen -, und
möglicherweise war er auch ein richtiger Superschurke. Aber, hey,
keine Beziehung ist perfekt, oder?
»Rebecca meinte, ich sollte dir vorher nichts von
Gabriel sagen«, erklärte Shauna mit einem entschuldigenden Lächeln.
»Damit du nicht nervös wirst.«
Ich starrte sie ungläubig an. Ich war nicht nervös.
Nicht direkt.
Nein, als »nervös« konnte man das nun wirklich
nicht bezeichnen: Ich stand kurz vor einem
Nervenzusammenbruch!
»Versuch einfach, nicht dran zu denken«, tröstete
Shauna mich und wirbelte mich schnell herum, damit ich die Reihe
großer, unglaublich dünner Mädchen sehen konnte, die sich gerade
darauf vorbereiteten, auf die Bühne zu gehen. »Atme ganz tief
durch. Konzentrier dich voll und ganz auf deine Atmung!«
Meine Atmung? Wovon zum Teufel sprach sie? Gleich
würde Gabriel Luna, auf den meine kleine Schwester Frida und alle
ihre Freundinnen massiv scharf waren - Sein Akzent! Diese Augen!
Diese dunklen Haare! -, ein Lied für mich singen, während ich
vor ihm in Unterwäsche herumhüpfen musste. Und da sollte ich mich
auf meine Atmung konzentrieren? Ich war doch sowieso schon
am Hyperventilieren. Im Grunde hätte ich also eher aufhören
sollen, so viel zu atmen.
Echt, als hätte ich nicht schon genug Probleme am
Hals mit Christopher und Steven und Nikkis verschollener Mom und
dem ganzen Mist. Und jetzt sollte ich mich auch noch mit so was
auseinandersetzen?
Ich meine, klar, die meisten Mädchen, meine
Schwester eingeschlossen, wären gestorben, wenn Gabriel ein Lied
für sie geschrieben hätte. Mir wäre das ja auch so gegangen …
… wenn er es nicht einzig und allein aus dem Grund
gemacht hätte, weil ihn das an die Spitze der Charts befördern
sollte. Denn in Wahrheit hatte Gabriels Song nichts zu bedeuten. Er
kannte mich ja kaum. Wir waren uns ein paar Mal begegnet, meist
zufällig. Wir hatten uns noch kein einziges Mal gezielt verabredet.
Wir hatten uns nie geküsst. Na ja, zumindest nicht lang genug, als
dass es einer Erwähnung wert gewesen wäre. Er war kein bisschen in
mich verliebt.
Und selbst wenn, hätte es dennoch keine Rolle
gespielt, wegen Christopher.
Die Mädchen vor mir gingen nun nacheinander los.
Grazil wie Schmetterlinge kamen sie von hinten auf den Laufsteg
rausgeschwebt, hinein in die grellen Lichter, die die Techniker
noch immer oben im Gebälk des riesigen, dunklen Studios mit seinen
mehr als vierhundert Sitzplätzen einrichteten. Die Sitzplätze waren
im Moment noch unbesetzt. An dem großen Abend allerdings …
Okay, versuch jetzt, nicht daran zu denken. Ich gab
mir alle Mühe, meine Atmung zu kontrollieren und nicht darüber
nachzudenken, was passieren würde, sobald ich da rausging …
Wie aus heiterem Himmel drehte sich das Mädchen vor
mir - ich hatte Veronica erst gar nicht erkannt, weil ihr Gesicht
durch einen Flügel verdeckt gewesen war - zu mir um und zischte:
»Weißt du was, Nikki, du hast echt Nerven.«
Ich sah sie verständnislos an. »Entschuldige
bitte?«
»Ja, entschuldigen solltest du dich tatsächlich«,
schnauzte sie mich an. »Nach allem, was du angerichtet hast. Ich
fass es nicht, dass du mir überhaupt noch in die Augen blicken
kannst.«
Was ich angerichtet hatte? Ich hatte den
ganzen Tag nichts anderes getan, als mir meinen Lauf einzuprägen
und schokolierte Erdbeeren in mich reinzustopfen, bis mir schlecht
wurde. Ich hatte ja kaum ein Wort mit irgendjemandem gewechselt
…
Oh, Augenblick mal. Wahrscheinlich redete sie
davon, was Nikki ihr angetan hatte.
»Tut mir leid«, sagte ich deshalb. Dieses Mal ließ
ich es wie eine echte Entschuldigung klingen. »Ich kann mich
wirklich nicht erinnern, was du meinen könntest …«
»Ach so, na klar«, sagte Veronica verächtlich. Die
Musik war zwar viel zu laut, um jedes Wort zu verstehen, aber den
Hass in ihren Augen konnte ich ziemlich deutlich erkennen.
»Mag ja sein, dass die ganzen anderen Mädchen dir
aus der Hand fressen, du mit deinen bescheuerten Klingeltönen und
deiner Ach-ich-bin-ja-so-nervös-Tour«, ereiferte sie sich. »Aber
ich kenn die Wahrheit. Ich weiß genau, dass diese ganze
Amnesiekiste nur Schwindel ist. Und ich weiß auch, dass du immer
noch Kontakt zu Justin hast.«
Ich blinzelte sie wie belämmert an. »Was?
Welcher Justin denn?« Sie konnte doch unmöglich Justin Bay meinen,
Lulus Ex … und zufälligerweise auch Nikkis Ex. Vielleicht aber auch
gar nicht so zufällig, denn wie sich herausgestellt hatte, hatte
Nikki sich ja hinter Lulus Rücken mit ihm getroffen.
Und wie es schien, auch hinter Veronicas
Rücken.
Veronica funkelte mich böse an. »Spiel du mir bloß
nicht die Unschuldige. Ich weiß doch, dass ihr euch immer noch
Mails schreibt«, fauchte sie. »Ich will dich nur warnen. Nimm dich
bloß in Acht.«
Moment mal … was? Das ergab doch alles gar keinen
Sinn.
»Ich bin mit niemandem namens Justin in
E-Mail-Kontakt«, insistierte ich. Ich konnte echt nicht fassen, was
hier
passierte. Obwohl, dadurch unterschied sich die Situation
eigentlich so gut wie gar nicht von dem, was in meinem Leben sonst
so passierte in letzter Zeit. Ich wünschte nur, ich hätte ein paar
mehr Klamotten an. Dann wäre ich mir wahrscheinlich nicht ganz so
leicht angreifbar vorgekommen. Wenigstens konnte ich sicher sein,
dass mein BH jede Klinge abhalten würde, falls sie versuchen
sollte, mich abzustechen. Wahrscheinlich würde dieser BH sogar eine
Kugel abhalten. »Ich kann dir versichern …«
»Ich weiß, dass du es bist«, unterbrach Veronica
mich schnippisch. Die Musik dröhnte und das Mädchen vor Veronica
hatte sich gerade auf den Weg raus auf den Laufsteg gemacht. »Halt
dich bloß von ihm fern. Hast du mich verstanden?«
»Ich hab doch nie …«
Aber es war auch schon egal. Sie war abgedampft und
stolzierte nun vor mir auf die Bühne, wobei die Spitzen ihrer
Flügel über den auf Hochglanz polierten Metallboden fegten.
Na toll. Ich hatte also noch eine Feindin
mehr.
Was war bloß mit Nikki los? Was dachte sie sich
eigentlich dabei, dass sie ihren Freundinnen die Männer ausspannte,
wo sie doch jeden Kerl hätte haben können, der Single war
(abgesehen von Christopher Maloney)? Waren denn Typen, die noch zu
haben waren, keine ausreichende Herausforderung für sie? Musste sie
sich unbedingt genau die Jungs schnappen, die bereits vergeben
waren?
Na ja, wahrscheinlich war es nicht gerade leicht,
eine der schönsten Frauen der Welt zu sein. Wenn so gut wie jeder
Kerl, der einem über den Weg lief, so ziemlich alles getan hätte,
nur um mit einem zusammen zu sein, dann fühlte man sich
wahrscheinlich automatisch nur zu denen hingezogen, die nicht so
waren.
Aber warum glaubte diese durchgeknallte Person,
dass Nikki immer noch E-Mails an ihren Freund schickte?
»Nikki«, zischte Shauna mir zu. »Los!«
Ich bemerkte, dass die Musik sich verändert hatte.
Das war nicht mehr der hämmernde Technopop wie noch vor wenigen
Minuten, als die ganzen anderen Mädchen raus auf die Bühne gegangen
waren. Stattdessen lief nun eine viel lieblichere, eindringlichere
Melodie.
Eine Sekunde später drang eine tiefe männliche
Stimme mit unverkennbar britischem Akzent an mein Ohr, die auf der
Bühne sang: »Nikki, oh, Nikki … es ist einfach so, Mädchen … trotz
allem … bin ich sicher… ich liebe dich.«
Wenn ich nicht zuvor schon hyperventiliert hätte,
dann auf jeden Fall jetzt. Na toll. Gabriel Luna, der Typ, dem ich
in meinem Leben vielleicht vier oder fünf Mal begegnet war,
liebte mich? Na klar. Ich glaube ja wohl nicht.
Na ja… war ja nur ein Song. Und zwar der Song, den
in Zukunft alle statt des Stark-Quark-Werbejingles summen würden,
sobald die Show am Silvesterabend live ausgestrahlt würde.
Zumindest gehe ich davon aus, dass das der Plan von Gabriel Luna
und vom Stark-Plattenlabel war.
»Nikki«, rief Shauna noch einmal. »Los
jetzt.«
Ich gehorchte. Wie in Trance wandelte ich auf den
Laufsteg raus. Ich versuchte, mich zu erinnern, wie mein berühmter
koketter Catwalk-Gang ging, aber es fiel mir unheimlich schwer, wo
ich doch nichts anderes denken konnte als: Gabriel Luna liebt
mich? Echt? Nein. Nein, das konnte nicht stimmen. Jedes Mal
wenn ich ihn sah, machte ich gerade irgendwas total Beknacktes,
beispielsweise mich von Brandon Stark herumtragen lassen oder im
Krankenhaus liegen, um mich von einer Gehirntransplantation zu
erholen. Er liebte mich nicht. Das war doch alles reine Publicity.
Schließlich war
das ja der Grund, weshalb er hier in unserem Land war und nicht in
seiner Heimat England. Ist doch wahr, oder? Das tat er doch alles
nur für seine Karriere!
Doch als ich zur Bühnenmitte weitermarschierte, sah
ich ihn dort mit seiner Gitarre sitzen, in einem ausgewaschenen
blauen Hemd unter einer braunen Wildlederjacke und mit Jeans. Auf
einmal verstand ich sogar, weshalb Frida und ihre Freundinnen so
völlig gaga waren wegen ihm. Mal ehrlich, er sah echt total süß
aus. Und er blickte mich direkt an, absolut ernst, ohne ein
Lächeln, ohne ein Stirnrunzeln. Er sah mich einfach nur an, total
intensiv, während er sang: »Es liegt nicht an deinem Gang, Mädchen
… an deinem Lächeln oder deinem Aussehen … du machst mich einfach
wahnsinnig … machst mich wahnsinnig … und deshalb Nikki, oh, Nikki
… es ist einfach so, Mädchen … trotz allem … bin ich sicher… ich
liebe dich.«
Wieder einmal war ich von einem einzigen Gedanken
beherrscht, wie jedes Mal wenn ich ihn sah: Oh mein Gott! Frida
hatte recht. Irgendwie war er echt süß.
Im selben Moment aber war mir auch klar, dass er
für mich nicht süß genug war. Wenn man versteht, was ich
meine.
Ich versuchte, den Blick auf den Laufsteg vor mir
gerichtet zu halten, aber in Wahrheit konnte ich kaum erkennen,
wohin ich meinen Fuß setzte. Die Lichter blendeten mich extrem,
denn sie wurden zusätzlich von den Diamanten an meinem BH
reflektiert. Und da gab es eine ganze Menge an Reflektionen!
Überall vor meinen Augen tanzten Diamantregenbogen. Als ich in
Richtung der Leuchter blickte, konnte ich überhaupt nichts sehen -
nichts als Regenbogen. Krampfhaft versuchte ich, mich daran zu
erinnern, was Kelley gesagt hatte: dass ich mit meinen Füßen das
Ende des Laufstegs erspüren müsse, damit ich nicht koketten
Schrittes am Ende runterfiel.
Das war allerdings schwer, ohne gleichzeitig so
auszusehen, als würde ich plump über die Planken beim
Piraten-der-Karibik-Fahrgeschäft in Disneyland balancieren.
Offensichtlich hatte Alessandro mitbekommen, dass
ich in Schwierigkeiten steckte, denn von irgendwoher rief er in die
riesige Leere des Studios hinein: »Ja, Nikki! Du machst das
wunderbar! Und jetzt… umdrehen!«
Auf sein Kommando hin wirbelte ich also herum, weil
ich voll und ganz darauf vertraute, dass er mich nicht in die Irre
führen würde. Und das war auch nicht der Fall. Jetzt hatte ich den
Lichtern den Rücken zugekehrt und konnte endlich wieder etwas
erkennen. Was ich sah, war Gabriel am anderen Ende des Laufstegs.
Er grinste mich jetzt ein bisschen verschämt an. Irgendwie musste
das Licht mir einen Streich gespielt haben, denn für eine Sekunde
hatte sein dunkles Haar golden gewirkt, und seine blauen Augen
schienen für einen kurzen Moment die von jemand anderem zu
sein.
»Es ist einfach so, Mädchen … trotz allem… bin ich
sicher… ich liebe dich.«
Herrgott noch mal! Was würde ich dafür geben, diese
Worte aus Christophers Mund zu hören. Und zwar wie er sie zu mir
sagte. Zu mir, der, die ich jetzt war, nicht der, die ich früher
mal gewesen war.
Na ja, okay, der Song war natürlich
höchstwahrscheinlich ein einziger Publicity-Gag.
Aber irgendwie wusste ich, dass ich Christopher
diese Worte abgenommen hätte, wenn er sie gesagt hätte. Ich hätte
ihm auf der Stelle geglaubt. Warum, oh, warum nur war es Gabriel
und nicht Christopher, der da behauptete, er liebe mich?
Und auf einmal, als Gabriel gerade das dritte Mal
seinen Ich-liebe-dich-Refrain anstimmte, landete mein Fuß auf
etwas,
das weder Laufsteg noch leere Luft war. Ich hatte keine Ahnung,
was es war, aber es fühlte sich weich an … und rutschig.
Mir zog es die Füße unter dem Hintern weg.
Aber da ich ja nun mal kein echter Engel war und
meine Flügel gar nicht richtig funktionierten, konnte ich leider
nicht elegant in die Luft entschweben.
Stattdessen flog ich so richtig hart auf die
Schnauze.