ZWÖLF
Wenn man mich vor drei Monaten gefragt hätte, was ich wohl in der letzten Woche vor den Halbjahres-Abschlussprüfungen machen würde, dann hätte auf meiner Liste sicherlich nicht ganz oben gestanden, mit einer Gruppe der weltweit bekanntesten Supermodels bei einer Fashionshow in Unterwäsche herumzulungern.
Wenn ich ehrlich bin, dann wäre das auf meiner Liste gar nicht erst aufgetaucht.
Und wenn ich sage »bei einer Fashionshow mit Supermodels in Unterwäsche rumzulungern«, dann meine ich damit auch noch: Kurz davor sein, in nichts als eben dieser gleich raus auf die Bühne zu müssen.
Nur dass die das gar nicht als Unterwäsche bezeichnen. Sie nennen das »Lingerie«.
Und es handelte sich auch nicht um eine Bühne: Es handelte sich um einen Laufsteg.
Toll. Ich stand also kurz davor, mich öffentlich total zu blamieren, und zwar so leicht bekleidet, wie ich noch nie in der Öffentlichkeit aufgetreten war, nicht mal in den Umkleidekabinen in der Schule. Dort hatte ich immer streng darauf geachtet, dass ich irgendetwas trug, was mich von den Achseln bis zur Mitte der Oberschenkel bedeckte, und wenn es nur ein Handtuch war. Man soll nicht glauben, ich hätte jemals gemeinsam mit meinen Mitschülerinnen in den gefängnisähnlichen Duschanlagen der Umkleiden der Tribeca Highschool geduscht. Dort müssen sich immer vier bis sechs Mädchen eine Dusche teilen. Was man an unserer Schule allerdings als Sportunterricht bezeichnete, konnte einen ohnehin unmöglich zum Schwitzen bringen. Daher gab es für mich sowieso keinen Grund zu duschen.
Na ja, zumindest schwitzte ich nie, weil ich in der Vergangenheit immer dann, wenn ein Volleyball oder irgendetwas Ähnliches auch nur in meine Nähe kam, peinlich darauf achtete, dem Ding ganz gemütlich aus dem Weg zu gehen.
Kein Schweiß also. Kein Bedarf zu duschen. Problem gelöst.
Allerdings schien es mein Karma jetzt gut mit mir zu meinen und mir ein Kraftprogramm zu verordnen, obwohl ich beim Sportunterricht immer so lustlos gewesen war. Ich durfte bei einer Riesenveranstaltung an Silvester in Unterwäsche herumstolzieren. (Ein Ereignis, bei dem ich mich vor einem Livepublikum blamieren würde, bestehend aus vierhundert Fotografen, Journalisten, Kameramännern, Fashionistas, Designern, Stylisten, Artdirectors und den üblichen B-Promis, wie beispielsweise Sting und John Mayer sowie verschiedenen It-Girls, die sich zu dieser Gelegenheit alle in den Stark Enterprises Sound Studios in der Innenstadt versammeln würden.) Und vorher musste ich auch noch einige Proben über mich ergehen lassen, bei denen ich mich vor den Augen verschiedener Soundspezialisten und Kameraleute, Lichttechniker und sonstiger Techniker, vor Stylisten und nicht zu vergessen meinen Modelkolleginnen halb nackt zeigen sollte.
Eine von denen - ich glaube, ihr Name war Kelley - sah mich gerade ziemlich ungeniert an, während wir backstage inmitten eines chaotischen Durcheinanders saßen. Um uns herum rannten die Stylistinnen und Stylisten wild hin und her, um uns alle mit Flügeln und verschiedenen BHs und Höschen und Tangas auszustatten, damit sie sehen konnten, ob sie für den großen Abend auch alles korrekt bestellt hatten.
»Bist du aufgeregt, Nikki?« Kelley hatte sich zu mir vorgebeugt, um mir diese Frage zu stellen. Sie hatte einen starken Südstaatenakzent. »Siehst nervös aus.«
»Äh …« Ich war total perplex, dass sie echt ausgerechnet mit mir sprach. Den ganzen Tag hatte noch keiner ein Wort mit mir gewechselt, mit Ausnahme der Stylisten, von denen einer mich wegen meines schlechten »Ch’i« warnte. Seiner Meinung nach wäre bei mir eine neue Ausrichtung vonnöten gewesen. »Nur ein ganz klein wenig.«
Unsicher lächelte ich Kelley an, ein flaues Gefühl im Magen. Ich dachte wirklich, mir würden gleich die schokolierten Erdbeeren hochkommen, die ich gerade am Catering-Buffet verputzt hatte. Warum nur konnte ich mich nicht an die Liste verbotener Nahrungsmittel halten, die in meinem Loft am Kühlschrank hing? Schokolade stand da ganz groß drauf.
»Das wird schon, du schaffst das!«, munterte Kelley mich auf. Sie hatte riesige braune Augen, die noch größer wirkten dank des Flüssig-Eyeliners, den sie trug. »Wenn dir die Lichter zu grell werden und du nichts mehr siehst, dann brauchst du die Bühne nur mit deinen Füßen zu erspüren. Wenn du nichts als Luft fühlst, dann setz den Fuß nicht ab. Denn dann bist du am Ende des Laufstegs angekommen. Du willst ja nicht ins Leere treten, oder? Denn du weißt, was dann geschieht. Batsch!« Sie machte ein klatschendes Geräusch dazu.
Doch so richtig Mut machte mir das nicht. Eigentlich war mir jetzt sogar noch schlechter als vorher. Die Lichter im Studio würden mich also derart blenden, dass ich am Ende vom Laufsteg runterknallte? Das hatte mir bisher noch keiner erzählt. Ich konnte eh schon kaum laufen auf den fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen der Plateaupumps von Louboutin, die man mir in die Hand gedrückt hatte. Mein berühmter koketter Catwalk-Gang? Der war gar nicht so kokett, wie sich herausstellen sollte.
»Toll, danke«, sagte ich dennoch, der Höflichkeit halber.
»Mensch, Nikki«, rief Kelley anscheinend überrascht. »Du warst es doch, die mir den Tipp mit den Lichtern gegeben hat, damals als ich anfing. Hast du das vergessen?«
Ich blinzelte verstört. Ich hatte es vermasselt. Wie immer.
»Klar, stimmt«, sagte ich und schickte ein gekünsteltes Lachen hinterher, das sie mir hoffentlich abnahm. Denn Nikki war alles andere als zum Lachen zumute.
Doch Kelley fiel natürlich nicht darauf herein. Na ja, wieso hätte sie es mir auch abnehmen sollen?
»Du hast dir also tatsächlich den Kopf gestoßen und das Gedächtnis verloren, wie alle sagen, nicht wahr?« Kelley sah mich bedauernd an.
»Wie fühlt sich das an?«, wollte ein anderes, blondes Mädchen wissen, während wir gemeinsam darauf warteten, dass endlich jemand zu uns kam und uns darüber informierte, ob der Artdirector endlich bereit war.
Ich war überrascht - überrascht, dass Kelley und dieses andere Mädchen tatsächlich mit mir redeten. Wir hatten schon Stunden in diesem Studio verbracht, um die Klamotten anzuprobieren und den Lauf zu üben, aber keine von ihnen hatte bisher ein einziges Wort mit mir gewechselt. Dabei hatte ich mir vorgestellt, dass, wenn man schon im selben Business beschäftigt ist, ein paar von den Mädchen Nikki einfach kennen mussten und vielleicht sogar mit ihr befreundet waren.
Aber entweder waren diese Mädchen einfach zu schüchtern, um auch nur Hallo zu sagen (was zweifelhaft war, wo die meisten von ihnen doch ziemlich aufgeschlossen wirkten), oder Nikki hatte es sich mit ihnen allen verscherzt, weil sie irgendwas angestellt hatte. Und so wie ich Nikki inzwischen kannte, war das die wahrscheinlichere Erklärung.
»Wie soll sich was anfühlen?«, fragte ich total panisch. Nicht weil dieses Mädchen mit mir sprach, sondern weil dieses Mädchen offensichtlich etwas zu wissen schien. Die Frage war nur, wie hatte dieses wunderschöne Mädchen, das da ganz cool in einem Push-up-BH und Tanga vor mir saß, von meiner Operation erfahren können?
Vielleicht wusste sie davon aber auch gar nichts. Möglicherweise hatten die Leute von Stark sie ja auf mich angesetzt, damit sie mich auffliegen ließ. Oder zumindest rausfand, ob ich was sagen würde.
Wahnsinn. So weit war es schon mit mir gekommen, total paranoid. Es ist echt erstaunlich, was in einem vorgeht, wenn man das Gefühl hat, dass man die ganze Zeit ausspioniert wird. Was einem das eigene Gehirn dann so alles vorgaukelt …
»Der Diamant-BH natürlich«, sagte das blonde Mädchen, als ich eine ganze Minute lang nichts gesagt hatte. »Du trägst zehn Millionen Dollar an deinem Körper, Nik. Wie fühlt sich das an?«
Ich blickte an mir herab. Ach, äh, klar. Es war wirklich nicht mehr zu leugnen: Ich drehte langsam völlig durch.
»Tja«, meinte ich. »Er ist eigentlich ziemlich bequem. Diamanten sind ja das härteste Material der Erde, also nicht gerade gut geeignet, um einen BH daraus zu machen. Na ja, genau genommen handelt es sich natürlich um aggregierte Diamant-Nanostäbchen. Aber ihr versteht schon, was ich meine.«
Oh wow. Ich klang ja wie die totale Streberin. Und so gar nicht wie Nikki Howard …
Das blonde Mädchen, deren Name Veronica war, wie ich mich jetzt erinnerte, weil eine Stylistin sie erwähnt hatte, starrte mich verständnislos an. Doch zum Glück schien Kelley meine Antwort zu gefallen - wie auch einigen anderen Models, die sich um uns geschart hatten. Sie fing nämlich an zu kichern.
»Diamant-Nanodings«, plapperte sie mir amüsiert nach. »Was ist denn mit dir passiert, seit ich dich das letzte Mal gesehen hab? Hast du in der Abendschule einen Wissenschaftskurs belegt oder wie?«
»Also, ich …«, fing ich an. »Nicht in der Abendschule, sondern in der Highschool …«
In dem Moment klingelte mein Handy, und zwar das, welches nicht von Stark war. Ich warf einen Blick darauf und sah, dass Frida mir eine SMS geschickt hatte.
Tut mir leid, hatte Frida geschrieben. Bitte sei nicht böse! Ich hab dich lieb! Bitte ruf an, muss dauernd heulen! Bitte ruf an!
Mal im Ernst: Ich hätte alles dafür gegeben, wenn das größte Problem, das ich hatte, darin bestand, dass meine große Schwester mir verboten hat, auf die Weihnachtsparty in ihrem Loft zu kommen. Ich meine, wenn man sich vorstellt, meine Mom würde mich jetzt zu Gesicht bekommen, in einem Zehn-Millionen-Dollar-BH und einem durchsichtigen schwarzen Höschen mit Spitzenbesatz? Oh, und hab ich schon die Engelsflügel erwähnt?
Ach ja, PS: Ich würde Frida selbstverständlich nicht anrufen. Denn ich erlebte gerade meine ganz eigene persönliche Katastrophe. Da brauchte ich nicht auch noch ein Drama mit meiner Schwester. Sie musste schon warten, bis ich bei mir klar Schiff gemacht hatte. Und so wie es aussah, würde das wohl nie was werden, so zäh, wie die Dinge vorwärtsgingen.
»Das ist ja ein cooles Handy«, sagte Kelley voll Bewunderung. »Und was ist das für ein Klingelton, den du da hast?«
Ich sah sie überrascht an.
»Den kann man sich doch umsonst im Internet runterladen«, erklärte ich und wusste, wie lahm ich diesen Models mit ihren Anfang zwanzig vorkommen musste. Was die wohl dachten, wenn sie erfuhren, dass der Klingelton von einem Online-Rollenspiel mit Namen Journeyquest stammte und »Schlachtruf des Drachen« hieß?
Aber irgendwie … schien sie das alles gar nicht zu interessieren. Kelley schnappte sogar anerkennend nach Luft und reichte mir ihr Stark-Handy.
»Ooh, ich auch«, rief sie. »Krieg ich den? Bitte, bitte.«
»Ich auch!«, kreischten plötzlich auch die anderen Models. Alle außer Veronica, die ihre Kolleginnen ansah, als hätten sie alle völlig den Verstand verloren. Bewahrt doch bitte Haltung, schien ihr Blick sie zu ermahnen.
»Ladys!« Alessandro, der Bühnendirektor der Show, klatschte lautstark in die Hände, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Es wird Zeit! Bitte so, wie wir das kürzlich geprobt haben, alles klar?«
Der Unterschied war natürlich, dass wir bei der Probe ganz normale Klamotten angehabt hatten, da die »Lingerie« noch nicht fertig gewesen war. Und schon gar nicht unsere Flügel.
Außerdem war er schwer zu verstehen, weil ein lauter, hämmernder Beat nun alles übertönte.
»Oh, die Musiker sind jetzt auch hier«, bemerkte Alessandro unnötigerweise. »Wollen wir doch mal sehen, ob ihr im Takt der Musik laufen könnt.«
Die ganzen Mädchen, die sich soeben noch um mich geschart hatten, damit ich ihnen den dämlichsten Klingelton aller Zeiten auf ihre Handys lud, hatten nun ihre Plätze eingenommen. Shauna, die Assistentin meiner Agentin Rebecca, war schnell zu mir herübergeeilt, um mir ins Ohr zu flüstern: »Okay, Nikki, hörst du? Bleib jetzt bloß ruhig und flipp nicht aus, aber die haben gerade in letzter Sekunde noch eine Planänderung bekannt gegeben. Wenn du in deinem Diamant-BH da rausmarschierst, wird Gabriel Luna seinen neuen Song ›Nikki‹ vortragen. Noch mal: Tick bloß nicht aus!«
»Was?« Wegen des ohrenbetäubenden Lärms auf der Bühne konnte ich kein Wort verstehen.
Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass sie mir soeben erzählt hatte, dass der topangesagte, sensationelle Newcomer des Stark-Labels, der anscheinend ein Lied über mich geschrieben hatte, dieses Lied gleich singen würde, sobald ich die Bühne betrat, und zwar mit nichts bekleidet als einem Paar Flügel, einem BH und einem Höschen. Einem Diamant-BH und einem Höschen.
Ein Lied über mich.
Das wollte ich in dem Moment echt als Allerletztes hören. Seit Wochen schon war ich Gabriel Luna nun erfolgreich aus dem Weg gegangen.
Es war ja nicht so, als würde ich ihn nicht mögen. Aber ähnlich wie bei Brandon mochte ich ihn eben nicht auf diese Weise. Denn auf diese Weise mochte ich einen anderen.
Deshalb wollte ich meine Zeit auch nicht unnötig mit irgendwem verbringen - und schon gar nicht mit jemandem, der mir Liebeslieder schrieb. Mein Herz gehörte doch längst diesem anderen.
Der, zugegeben, offensichtlich seinerseits in ein anderes Mädchen verliebt war - in ein totes Mädchen -, und möglicherweise war er auch ein richtiger Superschurke. Aber, hey, keine Beziehung ist perfekt, oder?
»Rebecca meinte, ich sollte dir vorher nichts von Gabriel sagen«, erklärte Shauna mit einem entschuldigenden Lächeln. »Damit du nicht nervös wirst.«
Ich starrte sie ungläubig an. Ich war nicht nervös. Nicht direkt.
Nein, als »nervös« konnte man das nun wirklich nicht bezeichnen: Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch!
»Versuch einfach, nicht dran zu denken«, tröstete Shauna mich und wirbelte mich schnell herum, damit ich die Reihe großer, unglaublich dünner Mädchen sehen konnte, die sich gerade darauf vorbereiteten, auf die Bühne zu gehen. »Atme ganz tief durch. Konzentrier dich voll und ganz auf deine Atmung!«
Meine Atmung? Wovon zum Teufel sprach sie? Gleich würde Gabriel Luna, auf den meine kleine Schwester Frida und alle ihre Freundinnen massiv scharf waren - Sein Akzent! Diese Augen! Diese dunklen Haare! -, ein Lied für mich singen, während ich vor ihm in Unterwäsche herumhüpfen musste. Und da sollte ich mich auf meine Atmung konzentrieren? Ich war doch sowieso schon am Hyperventilieren. Im Grunde hätte ich also eher aufhören sollen, so viel zu atmen.
Echt, als hätte ich nicht schon genug Probleme am Hals mit Christopher und Steven und Nikkis verschollener Mom und dem ganzen Mist. Und jetzt sollte ich mich auch noch mit so was auseinandersetzen?
Ich meine, klar, die meisten Mädchen, meine Schwester eingeschlossen, wären gestorben, wenn Gabriel ein Lied für sie geschrieben hätte. Mir wäre das ja auch so gegangen …
… wenn er es nicht einzig und allein aus dem Grund gemacht hätte, weil ihn das an die Spitze der Charts befördern sollte. Denn in Wahrheit hatte Gabriels Song nichts zu bedeuten. Er kannte mich ja kaum. Wir waren uns ein paar Mal begegnet, meist zufällig. Wir hatten uns noch kein einziges Mal gezielt verabredet. Wir hatten uns nie geküsst. Na ja, zumindest nicht lang genug, als dass es einer Erwähnung wert gewesen wäre. Er war kein bisschen in mich verliebt.
Und selbst wenn, hätte es dennoch keine Rolle gespielt, wegen Christopher.
Die Mädchen vor mir gingen nun nacheinander los. Grazil wie Schmetterlinge kamen sie von hinten auf den Laufsteg rausgeschwebt, hinein in die grellen Lichter, die die Techniker noch immer oben im Gebälk des riesigen, dunklen Studios mit seinen mehr als vierhundert Sitzplätzen einrichteten. Die Sitzplätze waren im Moment noch unbesetzt. An dem großen Abend allerdings …
Okay, versuch jetzt, nicht daran zu denken. Ich gab mir alle Mühe, meine Atmung zu kontrollieren und nicht darüber nachzudenken, was passieren würde, sobald ich da rausging …
Wie aus heiterem Himmel drehte sich das Mädchen vor mir - ich hatte Veronica erst gar nicht erkannt, weil ihr Gesicht durch einen Flügel verdeckt gewesen war - zu mir um und zischte: »Weißt du was, Nikki, du hast echt Nerven.«
Ich sah sie verständnislos an. »Entschuldige bitte?«
»Ja, entschuldigen solltest du dich tatsächlich«, schnauzte sie mich an. »Nach allem, was du angerichtet hast. Ich fass es nicht, dass du mir überhaupt noch in die Augen blicken kannst.«
Was ich angerichtet hatte? Ich hatte den ganzen Tag nichts anderes getan, als mir meinen Lauf einzuprägen und schokolierte Erdbeeren in mich reinzustopfen, bis mir schlecht wurde. Ich hatte ja kaum ein Wort mit irgendjemandem gewechselt …
Oh, Augenblick mal. Wahrscheinlich redete sie davon, was Nikki ihr angetan hatte.
»Tut mir leid«, sagte ich deshalb. Dieses Mal ließ ich es wie eine echte Entschuldigung klingen. »Ich kann mich wirklich nicht erinnern, was du meinen könntest …«
»Ach so, na klar«, sagte Veronica verächtlich. Die Musik war zwar viel zu laut, um jedes Wort zu verstehen, aber den Hass in ihren Augen konnte ich ziemlich deutlich erkennen.
»Mag ja sein, dass die ganzen anderen Mädchen dir aus der Hand fressen, du mit deinen bescheuerten Klingeltönen und deiner Ach-ich-bin-ja-so-nervös-Tour«, ereiferte sie sich. »Aber ich kenn die Wahrheit. Ich weiß genau, dass diese ganze Amnesiekiste nur Schwindel ist. Und ich weiß auch, dass du immer noch Kontakt zu Justin hast.«
Ich blinzelte sie wie belämmert an. »Was? Welcher Justin denn?« Sie konnte doch unmöglich Justin Bay meinen, Lulus Ex … und zufälligerweise auch Nikkis Ex. Vielleicht aber auch gar nicht so zufällig, denn wie sich herausgestellt hatte, hatte Nikki sich ja hinter Lulus Rücken mit ihm getroffen.
Und wie es schien, auch hinter Veronicas Rücken.
Veronica funkelte mich böse an. »Spiel du mir bloß nicht die Unschuldige. Ich weiß doch, dass ihr euch immer noch Mails schreibt«, fauchte sie. »Ich will dich nur warnen. Nimm dich bloß in Acht.«
Moment mal … was? Das ergab doch alles gar keinen Sinn.
»Ich bin mit niemandem namens Justin in E-Mail-Kontakt«, insistierte ich. Ich konnte echt nicht fassen, was hier passierte. Obwohl, dadurch unterschied sich die Situation eigentlich so gut wie gar nicht von dem, was in meinem Leben sonst so passierte in letzter Zeit. Ich wünschte nur, ich hätte ein paar mehr Klamotten an. Dann wäre ich mir wahrscheinlich nicht ganz so leicht angreifbar vorgekommen. Wenigstens konnte ich sicher sein, dass mein BH jede Klinge abhalten würde, falls sie versuchen sollte, mich abzustechen. Wahrscheinlich würde dieser BH sogar eine Kugel abhalten. »Ich kann dir versichern …«
»Ich weiß, dass du es bist«, unterbrach Veronica mich schnippisch. Die Musik dröhnte und das Mädchen vor Veronica hatte sich gerade auf den Weg raus auf den Laufsteg gemacht. »Halt dich bloß von ihm fern. Hast du mich verstanden?«
»Ich hab doch nie …«
Aber es war auch schon egal. Sie war abgedampft und stolzierte nun vor mir auf die Bühne, wobei die Spitzen ihrer Flügel über den auf Hochglanz polierten Metallboden fegten.
Na toll. Ich hatte also noch eine Feindin mehr.
Was war bloß mit Nikki los? Was dachte sie sich eigentlich dabei, dass sie ihren Freundinnen die Männer ausspannte, wo sie doch jeden Kerl hätte haben können, der Single war (abgesehen von Christopher Maloney)? Waren denn Typen, die noch zu haben waren, keine ausreichende Herausforderung für sie? Musste sie sich unbedingt genau die Jungs schnappen, die bereits vergeben waren?
Na ja, wahrscheinlich war es nicht gerade leicht, eine der schönsten Frauen der Welt zu sein. Wenn so gut wie jeder Kerl, der einem über den Weg lief, so ziemlich alles getan hätte, nur um mit einem zusammen zu sein, dann fühlte man sich wahrscheinlich automatisch nur zu denen hingezogen, die nicht so waren.
Aber warum glaubte diese durchgeknallte Person, dass Nikki immer noch E-Mails an ihren Freund schickte?
»Nikki«, zischte Shauna mir zu. »Los!«
Ich bemerkte, dass die Musik sich verändert hatte. Das war nicht mehr der hämmernde Technopop wie noch vor wenigen Minuten, als die ganzen anderen Mädchen raus auf die Bühne gegangen waren. Stattdessen lief nun eine viel lieblichere, eindringlichere Melodie.
Eine Sekunde später drang eine tiefe männliche Stimme mit unverkennbar britischem Akzent an mein Ohr, die auf der Bühne sang: »Nikki, oh, Nikki … es ist einfach so, Mädchen … trotz allem … bin ich sicher… ich liebe dich.«
Wenn ich nicht zuvor schon hyperventiliert hätte, dann auf jeden Fall jetzt. Na toll. Gabriel Luna, der Typ, dem ich in meinem Leben vielleicht vier oder fünf Mal begegnet war, liebte mich? Na klar. Ich glaube ja wohl nicht.
Na ja… war ja nur ein Song. Und zwar der Song, den in Zukunft alle statt des Stark-Quark-Werbejingles summen würden, sobald die Show am Silvesterabend live ausgestrahlt würde. Zumindest gehe ich davon aus, dass das der Plan von Gabriel Luna und vom Stark-Plattenlabel war.
»Nikki«, rief Shauna noch einmal. »Los jetzt.«
Ich gehorchte. Wie in Trance wandelte ich auf den Laufsteg raus. Ich versuchte, mich zu erinnern, wie mein berühmter koketter Catwalk-Gang ging, aber es fiel mir unheimlich schwer, wo ich doch nichts anderes denken konnte als: Gabriel Luna liebt mich? Echt? Nein. Nein, das konnte nicht stimmen. Jedes Mal wenn ich ihn sah, machte ich gerade irgendwas total Beknacktes, beispielsweise mich von Brandon Stark herumtragen lassen oder im Krankenhaus liegen, um mich von einer Gehirntransplantation zu erholen. Er liebte mich nicht. Das war doch alles reine Publicity. Schließlich war das ja der Grund, weshalb er hier in unserem Land war und nicht in seiner Heimat England. Ist doch wahr, oder? Das tat er doch alles nur für seine Karriere!
Doch als ich zur Bühnenmitte weitermarschierte, sah ich ihn dort mit seiner Gitarre sitzen, in einem ausgewaschenen blauen Hemd unter einer braunen Wildlederjacke und mit Jeans. Auf einmal verstand ich sogar, weshalb Frida und ihre Freundinnen so völlig gaga waren wegen ihm. Mal ehrlich, er sah echt total süß aus. Und er blickte mich direkt an, absolut ernst, ohne ein Lächeln, ohne ein Stirnrunzeln. Er sah mich einfach nur an, total intensiv, während er sang: »Es liegt nicht an deinem Gang, Mädchen … an deinem Lächeln oder deinem Aussehen … du machst mich einfach wahnsinnig … machst mich wahnsinnig … und deshalb Nikki, oh, Nikki … es ist einfach so, Mädchen … trotz allem … bin ich sicher… ich liebe dich.«
Wieder einmal war ich von einem einzigen Gedanken beherrscht, wie jedes Mal wenn ich ihn sah: Oh mein Gott! Frida hatte recht. Irgendwie war er echt süß.
Im selben Moment aber war mir auch klar, dass er für mich nicht süß genug war. Wenn man versteht, was ich meine.
Ich versuchte, den Blick auf den Laufsteg vor mir gerichtet zu halten, aber in Wahrheit konnte ich kaum erkennen, wohin ich meinen Fuß setzte. Die Lichter blendeten mich extrem, denn sie wurden zusätzlich von den Diamanten an meinem BH reflektiert. Und da gab es eine ganze Menge an Reflektionen! Überall vor meinen Augen tanzten Diamantregenbogen. Als ich in Richtung der Leuchter blickte, konnte ich überhaupt nichts sehen - nichts als Regenbogen. Krampfhaft versuchte ich, mich daran zu erinnern, was Kelley gesagt hatte: dass ich mit meinen Füßen das Ende des Laufstegs erspüren müsse, damit ich nicht koketten Schrittes am Ende runterfiel.
Das war allerdings schwer, ohne gleichzeitig so auszusehen, als würde ich plump über die Planken beim Piraten-der-Karibik-Fahrgeschäft in Disneyland balancieren.
Offensichtlich hatte Alessandro mitbekommen, dass ich in Schwierigkeiten steckte, denn von irgendwoher rief er in die riesige Leere des Studios hinein: »Ja, Nikki! Du machst das wunderbar! Und jetzt… umdrehen!«
Auf sein Kommando hin wirbelte ich also herum, weil ich voll und ganz darauf vertraute, dass er mich nicht in die Irre führen würde. Und das war auch nicht der Fall. Jetzt hatte ich den Lichtern den Rücken zugekehrt und konnte endlich wieder etwas erkennen. Was ich sah, war Gabriel am anderen Ende des Laufstegs. Er grinste mich jetzt ein bisschen verschämt an. Irgendwie musste das Licht mir einen Streich gespielt haben, denn für eine Sekunde hatte sein dunkles Haar golden gewirkt, und seine blauen Augen schienen für einen kurzen Moment die von jemand anderem zu sein.
»Es ist einfach so, Mädchen … trotz allem… bin ich sicher… ich liebe dich.«
Herrgott noch mal! Was würde ich dafür geben, diese Worte aus Christophers Mund zu hören. Und zwar wie er sie zu mir sagte. Zu mir, der, die ich jetzt war, nicht der, die ich früher mal gewesen war.
Na ja, okay, der Song war natürlich höchstwahrscheinlich ein einziger Publicity-Gag.
Aber irgendwie wusste ich, dass ich Christopher diese Worte abgenommen hätte, wenn er sie gesagt hätte. Ich hätte ihm auf der Stelle geglaubt. Warum, oh, warum nur war es Gabriel und nicht Christopher, der da behauptete, er liebe mich?
Und auf einmal, als Gabriel gerade das dritte Mal seinen Ich-liebe-dich-Refrain anstimmte, landete mein Fuß auf etwas, das weder Laufsteg noch leere Luft war. Ich hatte keine Ahnung, was es war, aber es fühlte sich weich an … und rutschig.
Mir zog es die Füße unter dem Hintern weg.
Aber da ich ja nun mal kein echter Engel war und meine Flügel gar nicht richtig funktionierten, konnte ich leider nicht elegant in die Luft entschweben.
Stattdessen flog ich so richtig hart auf die Schnauze.