ZWEI
Ich war allein in meinem Hotelzimmer (na gut,
abgesehen von Cosabella, die nicht müde wurde, mir das Salzwasser
aus dem Gesicht zu lecken) und versuchte, in meinem privaten
Whirlpool auf dem Balkon wieder aufzutauen. Brandon und der Rest
der Crew, der beim Shooting dabei gewesen war, waren wieder einmal
ins Hotelrestaurant gegangen, um sich ein tausend Dollar teures
Sashimi-Dinner einzuverleiben - selbstverständlich auf Kosten von
Brandons Vater, dem Milliardär Robert Stark. Ich hatte es
abgelehnt, mitzugehen, weil ich mich lieber in die Wanne legen, mir
einen Burger vom Room Service kommen lassen und auf meinem MacBook
Air ein paar Runden Journeyquest spielen wollte. Nach allem,
was ich mitgemacht hatte, erschien es mir wenig reizvoll, den
anderen zuzuhören, wie sie über die Olsen-Zwillinge ablästerten.
Oder zuzusehen, wie sie zu Technopop abtanzten, was früher oder
später immer der Fall war.
Wenn ich ehrlich bin, erschien mir das eigentlich
auch sonst nicht reizvoll … obwohl Brandon eine ganze Weile draußen
vor meiner Tür gestanden und mich angefleht hatte, es mir noch mal
zu überlegen, während ich drinnen am ganzen Leib bibberte.
Schließlich hatte ich ihn zum Gehen
überreden können, aber nur weil ich ihm weismachte, ich würde
später runterkommen … was natürlich komplett gelogen war.
Aus dem Grund war ich auch der festen Überzeugung,
dass er es war, der anrief, als auf Nikkis Handy plötzlich die
ersten Takte von »Barracuda« ertönten.
Es ist echt so was von peinlich, »Barracuda« als
Klingelton zu haben. Doch ich war bisher nicht dazu gekommen, ihn
zu ändern. Denn ich wurde den Verdacht nicht los, dass Nikkis
Handy, natürlich ein Modell von Stark, abgehört wurde. (Auf ihrem
Stark-PC hatte man Spionagesoftware installiert - warum also sollte
nicht auch ihr Mobiltelefon überwacht werden?) Außerdem hatte ich
mir bisher nicht die Zeit genommen, mich so eingehend mit Nikkis
Handy zu beschäftigen, dass ich etwas anderes als die Löschtaste
hätte bedienen können. Die meiste Zeit vermied ich es ganz einfach,
es überhaupt zu benutzen, und tätigte meine privaten Telefonanrufe
lieber über das iPhone, das ich mir mit einer von Nikkis
Kreditkarten zugelegt hatte.
Ich warf einen Blick auf das Display, um zu sehen,
wer anrief. (Ich hatte mir angewöhnt, nicht ranzugehen, bevor ich
nicht wusste, wer dran war. Sonst müsste ich mir vielleicht wieder
einen von diesen ewig langen Vorträgen anhören, weshalb ich mich
denn so lange nicht gemeldet habe und wie gern ein Typ namens
Eduardo doch noch einmal mit mir zusammen nach Paris fliegen
würde.) Verblüfft stellte ich fest, dass es Lulu war und nicht
Brandon.
»Was ist?«, sagte ich. Wir beide hielten uns nicht
mehr lang mit überflüssigen Höflichkeiten auf, seit jener Nacht,
als sie und Brandon mich nach meiner Gehirntransplantation
gekidnappt hatten, unter der irrigen Annahme, sie würden mich
»retten«.
»Ähm«, fing Lulu an. »Eben war ein Typ hier, der
dich sehen wollte.«
»Lulu.« In der kurzen Zeit, die ich mit Lulu
zusammenlebte, war sie mir so ans Herz gewachsen wie eine
Schwester. Ich bin also die erste Person, die ohne Zögern zugeben
würde, dass sie nicht besonders hell ist im Kopf. »Da sind doch
ständig irgendwelche Typen, die mich gerne sehen
würden.«
Das war traurig, aber leider auch wahr. Das Loft,
in dem wir zusammen wohnten, war so was wie der Hauptsammelplatz
für solche Typen. Der Einzige, der noch nie bei uns vorbeigekommen
war, um mich zu besuchen, war zugleich der einzige Kerl, nach dem
ich mich tatsächlich sehnte.
Und er war sich offensichtlich immer noch nicht
darüber im Klaren, ob er mich nun mochte oder nicht. Zumindest wenn
man nach den komischen Blicken ging, die er mir im Rhetorikkurs
immer zuwarf.
Aber andererseits warf er McKayla Donofrio in der
letzten Zeit im Unterricht auch ständig seltsame Blicke zu, das
hatte also wahrscheinlich gar nichts zu bedeuten.
»Der war irgendwie anders«, meinte Lulu.
Und dieses winzige Detail ließ mich nun doch
aufhorchen. Ich richtete mich in meinem Whirlpool auf.
»Echt?« Meine Haut war schon ganz runzelig, weil
ich so lange im Wasser gelegen hatte. Außerdem waren meine Hände
nass, weshalb mir das Handy beinahe ins Wasser gefallen wäre. »Was
wollte er denn?«
»Na, was wohl. Mit dir reden halt.«
»Schon klar«, sagte ich und zwang mich zur Geduld.
Wenn man mit Lulu zu tun hatte, brauchte man eine ganze Menge
Geduld. Das war fast so, wie wenn man sich mit einer Fünfjährigen
unterhielt. »Aber worüber denn? Ich meine, hat er nicht gesagt, was
er will?«
Lulu kaute lautstark auf ihrem Kaugummi herum. Und
zwar ziemlich aufdringlich, direkt in mein Ohr. »Er hat nur gesagt,
dass du das schon wüsstest. Es sei wichtig und er müsse dich sehen
und würde wiederkommen. Aber seinen Namen hat er nicht
gesagt.«
Enttäuscht ließ ich die Schultern hängen. Es war
also nicht Christopher gewesen. Ich meine, Christopher hätte doch
seinen Namen gesagt. So war er nun mal, absolut anständig.
Und das bedeutete, dass es bloß wieder einer von
denen gewesen war.
Also echt, man müsste doch meinen, die würden
irgendwann aufgeben. Wie lange wollten diese Meister der
Verstellung eigentlich noch weitermachen?
Man möchte es nicht für möglich halten, aber man
braucht nur in den Nachrichten zu verkünden, dass eine reiche
Berühmtheit ihr Gedächtnis verloren hat, und schon kommt allerhand
Abschaum aus den tiefsten Tiefen und unterirdischen Gängen der
U-Bahn hervorgekrochen und behauptet, der beste Freund oder die
beste Freundin oder sogar verwandt mit einem zu sein. Es war schier
unglaublich, wie viele Cousins und Cousinen ersten Grades Nikki
Howard plötzlich hatte.
»Er meinte, du würdest schon wissen, worum es
geht«, informierte Lulu mich.
»Woher zum Teufel soll ich denn wissen, was er
wollte, wenn ich noch nicht mal seinen Namen weiß?«, schnauzte ich
sie an.
»Weiß auch nicht«, meinte Lulu kleinlaut. »Aber
Karl hat mir auf der Überwachungskamera gezeigt, wie der Typ
aussieht. Und er war irgendwie anders als all die anderen. Der war
jünger. Und irgendwie auch ziemlich süß. Und er hatte keine Tattoos
am Hals, zumindest waren keine zu sehen.«
Mein Herz setzte einen kurzen Moment lang aus. Und
das lag ziemlich sicher nicht daran, dass ich länger als die auf
einem Hinweisschild neben dem Timer draußen auf dem Balkon
empfohlenen zwanzig Minuten in dem Whirlpool verbracht hatte.
»Jünger?« Ich wollte mir keine unnötigen Hoffnungen
machen. Im Ernst, die waren wirklich schon oft genug zerstört
worden, und zwar jedes Mal wenn Christopher beim Rhetorikkurs in
meine Richtung geschaut hatte und sich dann herausstellte, dass er
lediglich auf die Uhr gesehen, einem obdachlosen Penner draußen auf
der Straße hinterhergeglotzt oder McKayla Donofrio angestiert
hatte. »Moment mal, Lulu … war der Typ denn blond?«
Es entstand eine kurze Pause, während der Lulu
krampfhaft zu überlegen schien. »Klar. Schon irgendwie
blond, glaube ich.«
Okay, das reichte. »War er groß?«, erkundigte ich
mich weiter.
»Mhm«, brummte Lulu zustimmend.
Ich dachte, ich würde gleich einen Herzinfarkt
kriegen, denn davor warnte das Schild mit den Warnhinweisen beim
Whirlpool ganz ausdrücklich. Allerdings bestand diese Gefahr vor
allem bei Schwangeren und älteren Personen und zu diesem
Personenkreis zählte ich nicht unbedingt.
Andererseits hatte ich vor ein paar Monaten eine
größere OP gehabt, daher kann man nie so genau wissen. Cosabella
saß neben mir und leckte mir eifrig über die Wange, auf der ein
paar Spritzer von dem Wasser aus dem Whirlpool gelandet waren. Ich
hatte die Massagedüsen voll aufgedreht, in der Hoffnung, dass das
den Schnittwunden an meinen Händen und Füßen guttun würde, die ich
mir an der Klippe zugezogen hatte. Ein Model zu sein, so musste ich
jetzt nach und
nach lernen, konnte bisweilen ein ganz schön schmerzhafter und
manchmal sogar lebensgefährlicher Job sein.
»War er durchtrainiert?«, fuhr ich mit meinem
Verhör fort. Ich konnte es jetzt kaum erwarten, aus der Wanne
rauszukommen. Schließlich wollte ich ja nicht gerade in dem Moment
einen Herzanfall erleiden, wo mein Traum kurz davor war,
Wirklichkeit zu werden. Okay, noch vor einer Stunde hatte ich mir
ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob ich nicht für immer am Grund
des Ozeans bleiben sollte. Aber natürlich hatte ich das nicht
wirklich vorgehabt. Es war dann doch ziemlich kalt gewesen da
unten.
Außerdem wollte ich zu gern wissen, wie es bei
Realms weiterging, der neuesten Version von
Journeyquest, meinem Lieblingscomputerspiel. Das Dumme war
nur, dass man wegen eines total bescheuerten exklusiven Deals, den
die Spiele-Designer eingegangen waren, Realms nur in
Verbindung mit einem Stark Quark bekam, dem neuen PC von Stark
Enterprises, der pünktlich zu Weihnachten auf den Markt kommen
sollte. Journeyquest-Fans waren davon natürlich nicht
allzu begeistert gewesen. Na ja, überhaupt nicht
begeistert würde es wohl eher treffen. »Okay, nicht so richtig
durchtrainiert, aber … recht … fit?«
»Das konnte man auf dem Überwachungsbildschirm
nicht so genau erkennen«, erklärte Lulu. »Aber wollen wir es mal so
sagen: Ich würde ihn nicht von der Bettkante schubsen.«
»Oh mein Gott.« Ich schnappte mir das Handtuch, das
am Balkongeländer hing. Mein Herz raste wie wild, so als hätte ich
gerade ein paar Runden auf dem Laufband absolviert. (Was ich jetzt
tatsächlich regelmäßig tat, denn Nikkis Körper steht total auf
Fitnesstraining, ganz im Gegensatz zu meinem früheren Körper, der
jegliche Art von sportlicher Betätigung verabscheut hatte.) Ich
konnte es nicht fassen: Nach all der
Zeit - nach Wochen, die ich nun vergebens gewartet hatte - kam
Christopher also endlich bei mir vorbei.
Und ich musste natürlich ausgerechnet jetzt auf den
Jungferninseln sein!
»Lulu. Lulu. Das war Christopher! Er muss es
einfach gewesen sein!« Nun da ich aus dem Whirlpool raus war, hatte
ich plötzlich ganz und gar nicht mehr das Gefühl, als würde ich
gleich einen Herzinfarkt kriegen. Zwar hämmerte mein Herz immer
noch wie wild in meiner Brust, aber jetzt eher vor Glück und aus
hoffnungsfroher Erwartung. Es klang wie: Bumm, bumm, Christopher
will dich sehen! Bumm, bumm, Christopher hat’s endlich
geschnallt! Ich hatte in den vergangenen Wochen wirklich alles
versucht, ihn unauffällig davon zu überzeugen, dass ich zwar
äußerlich haargenau so aussah wie das Werbegesicht eines absolut
gewissenlosen Konzerns, dem nur der Sinn danach stand, kleineren
Geschäften den Garaus zu machen, dass ich aber im Inneren immer
noch seine gute alte Freundin Em war, die total auf Computerspiele
stand und gewissenlose Konzerne verachtete.
Natürlich hatte ich das völlig ohne Worte versucht,
sonst hätte ich mir den ewigen Zorn von Robert Stark und seinen
überaus einflussreichen Rechtsvertretern zugezogen. Während ich der
Überzeugung war, dass ich mit Christopher jederzeit Klartext reden
konnte und dass er sich niemals verplappern würde - sofern ich ihn
überhaupt dazu bringen konnte, mir die Story abzunehmen, was auf
einem komplett anderen Blatt stand -, konnte ich mich nicht im
Geringsten darauf verlassen, dass das nicht doch jemand von Stark
mitkriegen würde. Manchmal schienen die nämlich sogar zu wissen,
was ich dachte. Keine Ahnung, wie die das machten.
Doch es war nicht einfach gewesen, Christopher dazu
zu bringen, in die knallblauen Augen von Nikki Howard zu blicken
und dort Em zu sehen. Zumal McKayla Donofrio uns alle fünf
Sekunden dabei störte. (Wieso stand die denn jetzt auf einmal auf
Christopher? Er brauchte sich scheinbar nur das Haar kurz zu
schneiden und schon fand ihn sogar die Vorsitzende des Clubs der
jungen Börsianer an der Tribeca total süß.) Außerdem war ich
ständig auf Journeyquest zu sprechen gekommen, damit er mir
überhaupt seine Aufmerksamkeit schenkte.
War es das, was ihn nun doch dazu getrieben hatte,
mich in meinem Loft zu besuchen? Eine andere Erklärung fiel mir
nicht ein. Entweder hatte Christopher endlich geschnallt, dass da
tatsächlich seine gute alte Freundin Em Watts im Körper von Nikki
Howard steckte, oder aber in ihm regte sich langsam der Verdacht,
ich könnte eine Stalkerin sein. Vielleicht war er ja nur
vorbeigekommen, um mir zu gestehen, dass er jetzt mit McKayla
zusammen war und dass ich mich besser in psychiatrische Behandlung
begeben sollte.
Moment mal, nein. Ich hatte doch beschlossen, mich
nie wieder solch negativen Gedanken hinzugeben.
»Könntest du den Portier bitten, er soll ihm sagen,
dass ich auf dem Weg nach Hause bin?« drängte ich Lulu.
»Christopher, meine ich? Für den Fall, dass er zurückkommt? Und
dass ich so schnell wie möglich daheim bin?«
»Klar«, willigte Lulu gähnend ein. »Ich meine, ich
denke schon. Aber ich versteh nicht, wieso du ihn nicht einfach
anrufen kannst und ihm das selbst sagst. Lad ihn doch zu unserer
Weihnachtsparty ein …«
Lulu war schon seit Wochen damit beschäftigt, diese
bescheuerte Weihnachtsparty zu planen. Offensichtlich waren Nikki
und sie berühmt für ihre Partys gewesen und für ihre überirdischen
Events im Allgemeinen. Die Party war bisher immer ein voller Erfolg
gewesen. (Zumindest in den vergangenen
zwei Jahren, in denen die beiden Mädchen sie nun veranstalteten.)
Stets waren Paparazzi anwesend, um Fotos zu schießen, die dann auf
den Celebrity-Seiten der Zeitungen und sogar in der Vogue
erschienen. All ihre Freunde waren hellauf begeistert. Lulu konnte
sich schon seit Anfang Dezember auf nichts anderes mehr
konzentrieren, sehr zum Leidwesen ihres Agenten und ihres Managers,
die eigentlich hofften, sie würde endlich ihr Album fertig
aufnehmen, das irgendwann im Frühjahr erscheinen sollte.
Es gab nur ein winziges Problem mit Lulus
Weihnachtsparty in diesem Jahr, ein Problem, von dem sie bisher
nichts ahnte: Sie würde nämlich gar nicht stattfinden.
Ich wusste noch nicht so recht, wie ich ihr das
beibringen sollte. Im Grunde hatte Lulu außer mir (beziehungsweise
Nikki) keine Angehörigen, da ihre Eltern geschieden waren und
anscheinend keinerlei Interesse an ihr zeigten. Ich hatte kein
gutes Gefühl dabei, sie über Weihnachten allein zu lassen, und am
meisten quälte mich, dass ich sie mit ihrer Megaparty im Stich
ließ. Aber was hatte ich für eine Wahl? Ich hatte bereits
anderweitige Verpflichtungen.
Als Antwort auf ihre letzte Frage in Bezug auf
Christopher erwiderte ich nun: »Ich dürfte seine Nummer ja
eigentlich gar nicht wissen, du erinnerst dich? Ich frage mich nur,
wie er herausgefunden hat, wo ich wohne.«
»Das ist ja wohl nicht so schwer«, erklärte Lulu.
»Man braucht doch nur nach den Massen von depressiven
Eurotrash-Hipsters Ausschau zu halten, die vor deiner Tür Schlange
stehen, weil sie hoffen, dass du ihnen endlich deine Aufmerksamkeit
schenkst … oder zumindest dein Vermögen. Denn auf was anderes sind
sie nicht aus. Die wollen dir doch nur weismachen, dass sie deine
lange verschollen geglaubten, arbeitslosen Cousins und Cousinen
sind.«
Ich hatte mich mit dem Handtuch trocken gerubbelt
und mir eine Jeans und ein Top über BH und Slip gestreift - was gar
nicht so leicht ist, wenn man ein Handy in der Hand hält und auch
noch aufpassen muss, nicht aus Versehen auf ein aufgebrachtes
kleines Hündchen zu treten.
Doch es ist echt überraschend, wie schnell man
lernt, sich in allen erdenklichen Situationen umzuziehen, wenn die
Leute einem nicht das geringste bisschen Privatsphäre lassen.
»Lulu«, ermahnte ich sie. »Müssen wir denn gerade
jetzt über meine angeblichen Verwandten sprechen?«
»Na ja, wie dem auch sei«, erwiderte Lulu. »Dieser
Typ war jedenfalls ganz schön scharf, wenn auch irgendwie
schlampig.«
»Er ist ja auch nicht mein Cousin«, erinnerte ich
sie. »Mal im Ernst, Lulu, was soll ich denn bitte tun? Brandon will
morgen mit mir Jetski fahren.«
»Wie bitte?« Lulu klang verstört. »Brandon will
was?«
»Er will mit mir zum Jetskifahren«, sagte ich noch
einmal. »Er findet, dass ich irgendwie überspannt wirke.«
»Überspannt?« Lulu glaubte offensichtlich, sich
verhört zu haben. »Wie kommt er denn auf so eine Idee? Hat
das wieder was mit dieser Seelenübertragungssache zu tun?«
»Äh …« Ich wollte ihr ungern die Wahrheit sagen -
dass Brandon mich gerade eben erst vom Grunde des Ozeans retten
musste, nachdem ich keinerlei Anstalten gemacht hatte, mich selbst
vor dem Ertrinken zu bewahren. Die Geschichte war echt zu seltsam.
Da wir uns außerdem über Nikkis Stark-Handy unterhielten (das mit
hoher Wahrscheinlichkeit abgehört und wir also vielleicht gerade
von Brandons Dad beziehungsweise seinen Leuten belauscht wurden),
schien es mir keine gute Idee, über solche Dinge zu reden - und
schon gar nicht über meine »Seelenübertragung«. Daher beließ ich es
bei einem kurzen: »Klar, glaub schon.«
»Aber ihr habt den Schuss doch im Kasten,
oder?«
»Natürlich haben wir die Aufnahme im Kasten«,
bestätigte ich.
»Na dann«, meinte Lulu. »Hey, du bist schließlich
Nikki Howard. Du erklärst ihm einfach, dass der Jet morgen
zurückfliegt, sonst…« Stark Enterprises flog seine Angestellten,
mich eingeschlossen, in einer Flotte von Privatjets durch die
Weltgeschichte, eine Sache, die zwar in zeitlicher Hinsicht
effektiv war, allerdings unmöglich gut für die Umwelt sein konnte.
Ich persönlich hatte bereits einen riesigen Fußstapfen in puncto
Kohlenmonoxidausstoß hinterlassen. Um das auch nur ansatzweise
wiedergutzumachen, hatte ich einen erheblichen Teil von Nikkis
Vermögen spenden müssen.
»Na ja, genau genommen ist es ja Brandons
Jet«, rief ich ihr ins Gedächtnis. »Beziehungsweise der von seinem
Dad, aber egal. Wie überrede ich ihn bloß dazu, dass wir schon in
aller Früh aufbrechen?«
»Du überredest ihn nicht, früh
aufzubrechen«, sagte Lulu bestimmt. »Du sagst ihm ganz einfach
klipp und klar, dass du morgen zurückmusst und dass er gefälligst
dafür sorgen soll, dass das Flugzeug für dich bereit steht. Und
dann machst du dieses Ding mit deiner Zunge …«
»Oh mein Gott«, unterbrach ich sie schnell. Denn
das war in der Tat nichts für die Ohren von Starks juristischen
Beratern oder wer auch immer Nikki Howards Telefon abhörte - wenn
es denn tatsächlich irgendjemand tat. »Lulu!«
»Oder du kommst einfach wieder mit ihm zusammen«,
meinte Lulu kurzerhand und tat so, als wäre ihr diese Idee eben
erst gekommen. »Ich meine, dir ist doch klar, dass es das ist, was
er will, oder? Seit ihr zwei euch getrennt habt, ist er ja nur noch
ein Schatten seiner selbst. Allerdings kann ich mir
nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, wo du doch jetzt auf
einen anderen Typen stehst …«
»Schon gut, Lulu«, stoppte ich ihren Redefluss.
Bestimmt hatte sie wieder mal viel zu viel Mikrowellen-Popcorn
gefuttert. An manchen Tagen, wenn ich nicht da war, nahm sie nichts
anderes zu sich, weil sie nämlich nicht kochen konnte. »Ich muss
jetzt auflegen …«
»Echt blöd, dass du nicht schon heute Abend
aufbrechen kannst«, seufzte Lulu bedauernd. »Aber das würde ja
bedeuten, dass du einen Linienflug nehmen musst.«
Sie sprach das Wort »Linienflug« in dem gleichen
angewiderten Ton aus, wie meine Schwester Frida sagen würde: »Wie
kann man bloß etwas anderes als Designerjeans tragen?«
»Ooooh«, quiekte Lulu mir ins Ohr, da ihr scheinbar
soeben noch etwas anderes eingefallen war. »Ich lass den Caterer
Austern à la Rockefeller servieren! Du weißt doch, dass Austern ein
Aphrodisiakum sind, oder? Wenn Christopher erst mal eine gegessen
hat, wird er dir nicht länger widerstehen können!«
Jetzt waren absolut nicht der richtige Zeitpunkt
und auch nicht der richtige Ort, um ihr mitzuteilen, dass ich
Weihnachten nicht da sein würde. (Außerdem waren Austern sowieso
nicht mein Ding.) Daher sagte ich nichts weiter als »klaro« und
legte auf. Dann schnappte ich mir den Zimmerschlüssel und machte
mich auf die Suche nach Brandon, während Cosabella hinter mir
hertrottete.
Ich fand ihn - oder besser gesagt: Cosabella fand
ihn - auf einem der gepolsterten Liegestühle auf der
menschenleeren, mondbeschienenen Terrasse draußen vor der Hotelbar.
Gerade tauchte er mit dem Gesicht voran der Hotelhostess in den
Ausschnitt.
»Entschuldige bitte«, sagte ich. Ich schwankte
zwischen Enttäuschung und Belustigung.
Erschrocken ließ Brandon die Hostess los. Sie fiel
vom Liegestuhl runter und landete mit einem lauten Rumms auf der
harten Terrasse.
Ich holte hörbar Luft und rief: »Oh, das tut mir ja
so leid!« Cosy bellte wie verrückt, während die Hostess - auf ihrem
Namensschild war der Name RHONDA zu lesen - sich vor Schmerzen den
Rücken rieb und mich vom Boden aus finster anstierte.
»Nikki.« Brandon erhob sich und stieg achtlos über
Rhonda hinweg, so als wäre sie gar nicht anwesend. »Bist du okay?
Was tust du hier? Ich dachte, du wolltest zu Bett gehen?«
»Das wollte ich auch«, schnaubte ich. »Oder
zumindest bald. Geht’s gut?« Bei dieser Frage sah ich Rhonda an, da
Brandon sie völlig vergessen zu haben schien.
»Mir geht’s gut«, erklärte Rhonda und bedachte
Brandon mit einem vernichtenden Blick, den er noch nicht einmal
registrierte.
»Stimmt irgendwas nicht?«, wollte Brandon wissen.
Blöd nur, dass er diese Frage mir stellte und nicht der
Frau, der er gerade fast das Kreuz gebrochen hätte, weil er sie
hatte fallen lassen. »Kann ich dir irgendetwas besorgen? Was zu
essen? Bist du hungrig?«
»Nein«, sagte ich. »Mir geht es gut. Ich wollte
dich nur etwas fragen …«
»Klar, du kannst mich alles fragen.« Brandon sah
mich erwartungsvoll an. »Also, was ist?«
»Äh«, setzte ich an und bückte mich, um Cosy
hochzuheben, denn jedes Mal wenn Rhonda versuchte aufzustehen, fuhr
der Hund ihr mit der Zunge übers Gesicht. »Schon okay, das kann
warten …«
»Nein, im Ernst.« Brandon schien die Anwesenheit
von Rhonda überhaupt nicht zu interessieren, ebenso wenig wie ihre
verzweifelten Versuche, sich wieder in die Vertikale zu begeben.
»Worum geht’s?«
Hinter ihm hatte Rhonda es endlich geschafft, sich
aufzurappeln, ihren Rock glatt zu streichen und das Tablett zu
nehmen, auf dem sie Brandon gerade seinen After Dinner Drink
serviert haben musste, als die beiden es sich ganz offensichtlich
etwas … nun, etwas gemütlicher gemacht hatten. Als sie jetzt hoch
erhobenen Hauptes davonmarschierte, konnte ich einen Hauch ihres
Parfums erschnuppern, den der warme tropische Wind zu uns
herübertrug.
Es handelte sich um Nikki, die
Parfumkreation, die es gegenwärtig in allen Stark Megastores zum
sensationellen Weihnachts-Special-Preis von neunundvierzigneunzig
zu kaufen gab. Stark kostete die Herstellung des Ganzen nur ein
paar lausige Dollar pro Flasche (in China hergestellt, wo sonst),
und noch weniger, diese hierher zu verschiffen, und es roch so
dermaßen widerlich, dass ich es nicht in einer Million Jahren
getragen hätte.
»Es ist nur so, dass du erwähnt hast, dass du erst
übermorgen zurückfliegen willst«, erklärte ich ihm. »Aber ich
wollte fragen, ob wir stattdessen nicht doch ein wenig früher
abhauen könnten.«
»Früher?« Brandon klang überrascht. Was auch immer
er für eine Frage erwartet hatte, diese war es offensichtlich nicht
gewesen. In mir wuchs langsam der Verdacht, dass Lulu recht hatte,
und dass er tatsächlich hoffte, wir beide würden wieder ein Paar
werden. Das war eine Hoffnung, die er nun schon seit einiger Zeit
mit sich herumtrug. Doch leider, leider würde sie sich niemals
erfüllen… Brandon mag ja Nikkis Typ gewesen sein, aber meiner war
er nun mal ganz und gar
nicht. Zumindest so lange nicht, wie noch Hoffnung bestand, dass
Christopher es sich eines Tages anders überlegen könnte. »Wie viel
früher denn?«
»Ach, nicht so viel früher«, stammelte ich. »Ich
dachte, na ja, sagen wir mal, morgen früh, so gegen neun.«
»Aber das ist doch genau die Zeit, für die Dad
ursprünglich unsere Abreise geplant hatte«, sagte Brandon und sah
ziemlich erstaunt aus. »Ich wollte den Abflug doch canceln und mit
dir stattdessen eine Jetski-Tour rund um die Insel machen.«
Und dabei, so hoffte er anscheinend, würde ich mich
Hals über Kopf in ihn verlieben.
»Klar«, sagte ich. »Und das ist auch total süß von
dir. Aber mir ist was dazwischengekommen, ich muss dringend zurück
in die Stadt…«
»Und schnorcheln«, fügte Brandon gerade hinzu. »Ich
dachte, wir könnten morgen nach dem Mittagessen vielleicht zum
Schnorcheln gehen.«
Tja, ich konnte ihm das nun wirklich nicht zum
Vorwurf machen. Ich hatte ja immerhin ganz unverhohlen Gefallen an
der Unterwasserwelt gezeigt.
»Das klingt echt total gut«, erklärte ich. »Aber
ich muss wirklich dringend nach Hause.«
»Und weshalb?«, wollte Brandon wissen. Er hatte
seine dunklen Augenbrauen jetzt so zusammengezogen, dass ich sie
als bedrohlich beschrieben hätte, wenn ich ihn nicht besser gekannt
hätte. Denn Brandon hatte einfach überhaupt nichts Bedrohliches an
sich.
»Ist was Privates«, fasste ich mich kurz. Ich hatte
nicht die Absicht, ihm das Ganze näher zu erläutern. Ganz bestimmt
nicht würde ich einen Kerl wie ihn einweihen, der, davon war ich
überzeugt, in seinem ganzen Leben noch kein Buch von
vorn bis hinten durchgelesen hatte. Abgesehen vielleicht von der
Gebrauchsanleitung für seinen Jetski.
»Aber… ich möchte nicht früher aufbrechen.« Brandon
ließ sich rücklings wieder in den Liegestuhl plumpsen, aus dem er
eben noch aufgesprungen war, und griff nach seinem Drink. Er machte
mir damit nur allzu deutlich, dass er es auf einen Streit ankommen
lassen wollte. Und dass er gar nirgends hingehen würde, solange ich
mich nicht bereit erklärte, wieder ganz offiziell seine Freundin zu
sein.
Na toll. Ich hätte gleich wissen müssen, dass es so
weit kommt.
Aber auf gar keinen Fall würde ich diese Sache mit
der Zunge machen. Wie auch immer die aussehen mochte.
Ich ließ mich in den Liegestuhl neben Brandon
sinken und beugte mich nach vorn, obwohl ich genau wusste, dass
mein Oberteil dann gewisse Einblicke gewährte. Selbstverständlich
trug ich einen BH darunter, daher bekam er auch nicht recht viel
mehr zu sehen als noch vor ein paar Stunden, als ich nichts als den
Bikini angehabt hatte.
Offensichtlich aber konnte er sich nicht dagegen
wehren - er musste einfach hinsehen. Es war also tatsächlich wahr…
man durfte die Macht des Dekolletés nicht unterschätzen, eine
Weisheit, die Frida mir schon vor Jahren einzutrichtern versucht
hatte. Doch ich wollte ja nicht auf sie hören und musste unbedingt
darauf herumreiten, dass ich als Feministin niemals Kleidungsstücke
tragen würde, die den Körper der Frau objektivierten. Und Lulu
hatte mich darauf hingewiesen, dass so ein Ausschnitt die
Körperteile, auf die eine Frau besonders stolz sein konnte, nicht
objektivierte, sondern sie vielmehr besonders gut zur Geltung
kommen ließ, ganz gleich wie groß sie waren.
»Weiß dein Vater eigentlich, dass du den Firmenjet
noch
weitere vierundzwanzig Stunden beanspruchst, Brandon?«, erkundigte
ich mich mit zuckersüßer Stimme.
Brandon stierte mich weiter schamlos an.
»Wen interessiert es schon, was mein Dad denkt?«,
fragte er mich trotzig. »Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht
noch ein paar Jets. Wenn er wirklich einen braucht, kann er ja
einen von den anderen nehmen …«
»Hast du denn überhaupt kein schlechtes Gewissen,
dass das alles hier deinen Vater verdammt viel Geld kostet, obwohl
wir das Foto längst im Kasten haben? Und das nur, damit du schön
schnorcheln und Jetski fahren gehen kannst?«, blaffte ich ihn
an.
»Nein«, sagte Brandon knapp und sah mir
interessiert dabei zu, wie ich mit meinem Finger einen kleinen
Kreis auf seinem Knie beschrieb - ein Trick, den ich Lulu
abgeschaut hatte. Sie hatte ihn schon einige Male bei Typen
ausprobiert, damit die ihr einen Drink im Cave spendierten. Ob ich
ein schlechtes Gewissen hatte, dass ich den Trick jetzt bei Brandon
ausprobierte? Ein klein wenig vielleicht. Ob ich hoffte, er würde
funktionieren? Aber klar doch. »Mein Dad und ich, wir sind uns
nicht gerade besonders nahe, verstehst du.«
»Ich weiß«, hauchte ich voller Mitgefühl.
»Meine Mom hat sich schon vor Jahren in diesen
Ashram verzogen, und ich hab sie seitdem kaum zu Gesicht bekommen«,
fuhr Brandon fort und lallte dabei bereits ein bisschen. Es war
erkennbar, dass er schon ein paar Drinks zu viel intus hatte. Wie
immer.
»Ich weiß«, sagte ich noch einmal. In Wahrheit
wusste ich das natürlich nicht persönlich. Allerdings hatte ich vor
einiger Zeit einen Artikel darüber im People Magazin
gelesen, das Frida herumliegen hatte lassen. »Sieh mal, ich kann
schlecht für den Rest der Crew sprechen, aber ich persönlich würde
lieber wie geplant schon morgen abfliegen. Wenn nicht …« Ich nahm
meine Hand von seinem Knie und lehnte mich abrupt zurück, um ihm
die angenehme Aussicht in mein Dekolleté zu verwehren. Auch das war
eine Strategie, die Lulu mir beigebracht hatte. Geben und Nehmen,
so lautete ihre Devise. Allerdings musste das Timing genau stimmen.
»Wenn nicht, dann nehme ich den nächstbesten Linienflug, den ich
kriegen kann.«
»Linienflug?« Wie schon Lulu, schien auch Brandon
ziemlich konsterniert, dass ich einen Linienflug nehmen wollte.
Dieser Gedanke erschreckte ihn sogar so sehr, dass er nach meiner
Hand griff und mich mit einer blitzschnellen Bewegung an sich zog.
Und zwar ziemlich fest.
»Was kann es denn in New York so Wichtiges geben,
dass du, Nikki Howard, freiwillig in einen Linienflieger
steigen willst?«, bedrängte er mich jetzt.
Äh … ups. Immer wieder vergaß ich, dass Brandon
Nikki Howards Ex war - wahrscheinlich deshalb, weil er so gar nicht
mein Typ war mit seinem geschleckten Aussehen und seinem
offensichtlichen Desinteresse an allem, was nicht Bacardi oder der
neuste Hip-Hop-Akt war, den er promotete. Und auch dass die beiden
schon mindestens seit einem Jahr wild miteinander rummachten - wenn
man den Zeitungsausschnitten aus der Klatschpresse, die ich in
Nikkis Zimmer gefunden hatte, Glauben schenkte. (Sie hat wirklich
jeden einzelnen Artikel, der jemals über sie erschienen ist, in
einer Schublade unten in ihrem Nachtkästchen aufgehoben.) Das
Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war, dass Brandon
eifersüchtig wurde. Denn der Grund, weshalb ich unbedingt zurück
nach Manhattan wollte, war ja der, dass der Typ, in den ich total
verknallt war, es sich vielleicht endlich anders überlegt
hatte.
»Nichts«, sagte ich deshalb betont unschuldig. »Ich
muss
ganz einfach wieder in die Schule. Du erinnerst dich? Ich geh
immer noch zur Schule? Ich hab diese Woche noch meine
Abschlussprüfungen.«
Brandons eiserner Griff um meine Hand lockerte sich
ein wenig. Statt mich festzuhalten, als wäre ich sein Eigentum,
streifte er mir nun sanft mit den Fingern über den Arm.
»Ach so, klar. Die Schule«, kam es wie ein Echo
zurück. »Abschlussprüfungen.«
Kaum hatten seine Finger meinen Nacken erreicht und
sich in die schweren, feuchten Strähnen meines Haars gekrallt,
wurde mir klar, dass wir beide ein echtes Problem kriegen würden.
Ich will es nicht leugnen: Es fühlte sich so was von gut an, seine
Finger dort zu spüren. Und exakt darin lag das Problem: Brandon
wusste das nämlich ganz genau. Und das war eines der vielen
Probleme, die ich hatte, seit die Leute von Stark Enterprises mein
Gehirn in Nikki Howards Körper verpflanzen hatten lassen. Ich
persönlich mochte Brandon Stark nicht - na ja, zumindest nicht auf
diese Weise.
Nikki Howard hingegen stand total auf Brandon
Stark… oder zumindest tat ihr Körper das. Meine Augen schlossen
sich langsam - völlig gegen meinen Willen -, als Brandon mich nun
sanft an der Stelle zu massieren begann, wo mein Kopf und die
Wirbelsäule zusammentrafen.
Das war so verdammt unfair! Brandon wusste nämlich
ganz genau, dass Nikki Howard vollkommen wehrlos war, wenn man sie
an der richtigen Stelle im Nacken massierte. Sie verlor total die
Kontrolle über ihren Körper, das hatte ich schon herausgefunden,
als ein Haarstylist es zum ersten Mal bei mir ausprobiert
hatte.
Und Brandon, der darüber ganz offensichtlich
Bescheid wusste, nutzte die Situation nun schamlos aus.
»Scheint ganz so, als würdest du in letzter Zeit an
nichts anderes
mehr denken als an die Schule«, fuhr er fort. »Und an diesen
ganzen Mist, von wegen Stark Enterprises ruiniert die
Umwelt.«
»Das ist kein Mist«, murmelte ich schwach, während
seine Finger weiter meinen Nacken bearbeiteten. »Die Firma deines
Vaters trägt ganz erheblich zur globalen Erwärmung sowie zum
Verfall amerikanischer Kleinstädte bei…«
»Mann, ist ganz schön sexy, wenn du so
revolutionäres Zeug daherredest«, murmelte Brandon.
Seine Stimme klang so nah, dass ich die Augen
öffnete. Ich war überrascht, sein Gesicht direkt vor meinem zu
sehen, seine Lippen nur wenige Zentimeter von meinem Mund
entfernt.
Oh nein. Es passierte schon wieder. Ich spürte, wie
ich mich zu ihm vorbeugte, mein Körper sich seinem näherte, so als
würde er von einer unsichtbaren Macht angezogen … selbst wenn ein
Kuss von Brandon Stark im Augenblick das Letzte war, was ich mir
wünschte. Rein intellektuell betrachtet, versteht sich.
Problematisch war nur, dass das nicht wirklich
ich war. Ich hatte keinerlei Kontrolle über das
Ganze. Das war einzig und allein Nikki. Sie war nämlich so verrückt
nach Jungs gewesen, nicht ich.
Nicht dass irgendwas falsch daran wäre, wenn ein
Mädchen gerne mit Jungs knutscht. Jungs zu küssen, ist fantastisch.
Wenn ich ehrlich bin, kann ich gar nicht verstehen, warum ich in
meiner Zeit, bevor ich Nikki war, so viel Zeit darauf verschwendet
hatte, keine Jungs zu küssen.
Aber das Problem mit Nikki war, dass sie in der
Zeit, bevor ihr mein Gehirn eingepflanzt worden war, anscheinend zu
oft die falschen Typen geküsst hatte. Und zwar so oft, dass
es ihr irgendwann zur Gewohnheit wurde, die falschen Typen
zu küssen, sodass ihr Körper sich nun nicht mehr umerziehen ließ
und es ganz automatisch tat, ohne dass ich auch nur irgendetwas
dagegen unternehmen konnte.
Wie beispielsweise gerade in diesem Augenblick. Ehe
ich es verhindern konnte, befand sich mein Mund schon auf dem von
Brandon, und wir knutschten ausgerechnet an dem Ort wild rum, wo er
noch wenige Minuten zuvor mit Rhonda, der Hostess, angebandelt
hatte.
Ich konnte jetzt auch sehr gut nachvollziehen,
weshalb Rhonda so dermaßen auf ihn abgefahren war. Brandon hatte
unglaublich weiche Lippen, er hielt meinen Hinterkopf sanft in
seine Hand gebettet, sein Mund drängte sich fordernd gegen
meinen.
Plötzlich konnte ich spüren, dass wieder diese
Sache mit mir geschah, dieselbe Sache, die immer dann
passierte, wenn ein Kerl sich daranmachte, Nikki zu küssen, ganz
gleich ob ich ihn mochte oder nicht. Genau aus dem Grund hätte ich
es mir vor ein oder zwei Monaten beinahe mit Lulu verscherzt: Ich
hatte nämlich mit ihrem Freund rumgeknutscht. Das war
wirklich schrecklich rücksichtslos von mir gewesen, aber ich hatte
mich ehrlich nicht zurückhalten können - äh, beziehungsweise Nikki.
Ihr Körper presste sich nun völlig ohne mein Zutun gegen Brandons,
meine Hände tasteten sich nach oben, glitten an seinen starken,
sehnigen Armen entlang und schlangen sich schließlich um seinen
Nacken, wo sie sich festklammerten.
Das Blöde war nur, ich wusste eben selber schon
genau, dass das passierte, dass ich drauf und dran war, mich zu
verlieren. Ich wurde quasi hinabgezogen in die Tiefe, so wie in dem
Moment, als ich ins Wasser gefallen war. Mir war klar, dass es
geschah …
… und doch konnte ich es nicht verhindern, genauso
wenig
wie ich meinen Kopf gerade halten konnte, wenn mir jemand den
Nacken massierte.
Denn das war nicht ich. Ich schwöre, das war ich
nicht.
Wie sollte ich den Körper von jemand anderem
kontrollieren können, den Körper von jemandem, der gar nicht ich
war? Zumindest jemand, der ich noch nicht war. Na ja,
jedenfalls nicht so ganz.
Und dann bewegte Brandon seine Hand, seine Finger
streiften über die immer noch empfindliche, ein wenig erhabene
Narbe an meinem Hinterkopf. Der Schmerz schoss mir wie tausend
kleine Nadelstiche durch den Körper. Ich fuhr zurück.
»Autsch!«, schrie ich auf.
»Was denn?« Das Begehren in Brandons
Gesichtsausdruck war mit einem Schlag völliger Verwirrung gewichen.
»Was hab ich denn gemacht? Hey, was hast du da eigentlich am Kopf?
Du hast … Sind das etwa Extensions in deinem Haar?«
»Nein, keine… das sind… ach, egal.« Ich lehnte mich
in meinem Stuhl zurück. Meine Lippen pulsierten immer noch vom
Kuss. Eine Fülle an Emotionen schwappte über mich hinweg, doch in
erster Linie verspürte ich Erleichterung. Ich war noch nie so
dankbar gewesen für diese Narbe. Was machte ich hier
eigentlich? Knutschte ich tatsächlich mit Brandon rum? Oh
mein Gott. Lulu hatte mir ja empfohlen, diese Sache mit der Zunge
zu machen, aber ich hatte nicht vorgehabt, sie beim Wort zu nehmen.
»N-nur ein weiterer Grund, weshalb es besser wäre, wenn wir bereits
morgen heimfliegen würden, so wie ursprünglich
geplant.«
Meine Stimme klang leider nicht ganz so überzeugend
wie erhofft, was umso schlimmer war, wenn man bedachte, dass ich ja
eigentlich in jemand ganz anderen verliebt war. Denn wenn ich
ehrlich bin, war ich Stark Enterprises zwar dankbar
dafür, dass sie mir eine zweite Chance zu leben gegeben hatten,
doch wünschte ich mir manchmal, sie hätten mein Gehirn in den
Körper von jemand anderem verpflanzt … jemandem, der nicht ganz so
… sagen wir … leicht erregbar war wie Nikki.
»Na gut«, erklärte Brandon und blickte hinab auf
seine Hand, so als würde er erwarten, sie blutüberströmt zu
sehen.
Was natürlich lächerlich war. Die haben mir schon
vor Wochen die Fäden gezogen.
Nur dass er das nicht wusste.
»Weißt du, Nik, ich versteh dich in letzter Zeit
irgendwie nicht so ganz«, redete Brandon weiter und beäugte mich
dabei von seinem Liegestuhl aus.
»Schon klar«, gab ich zu. »Und das tut mir auch
leid. Ich hab da … ein paar Probleme. Aber ich arbeite daran. Ich
mag dich wirklich gern, Brandon.«
Er zog eine seiner unglaublich dunklen Augenbrauen
hoch. »Echt?«, fragte er voller Hoffnung. »Wie gern denn? Reicht
es, dass du wieder mit mir zusammen sein möchtest? Denn ich muss
dir sagen …« Was er nun sagte, kam aus tiefster Überzeugung. »Ich
wäre dazu bereit.«
Ich schluckte und fühlte, wie Panik in mir
aufstieg. Das war nun wirklich das Letzte, was ich jetzt
brauchen konnte … aber leider genau das, was ich verdiente. Wieso
musste ich auch mit dem Sohn meines Chefs flirten? Wie hatte ich
nur so mit Brandons Gefühlen spielen können wie gerade eben? Ich
bin noch nicht lange genug Nikki, um die Dinge in Sachen Liebe so
zu beherrschen, wie sie das offensichtlich getan hatte.
»Äh, das ist ja wirklich süß von dir, Brandon«,
sagte ich schnell. »Aber ich denke, es wäre besser, wenn ich erst
mal Single bliebe und mich um die Probleme kümmere, die ich eben
erwähnt habe.«
Natürlich würde Brandon stinksauer sein, wenn alles
so liefe, wie ich mir das vorstellte, und ich mit Christopher
zusammenkäme, sobald ich wieder zu Hause wäre. Denn dann wüsste er,
dass ich ihn in diesem Punkt angelogen hatte.
Aber darum würde ich mich erst kümmern, wenn es so
weit war.
Brandon starrte mich finster an, fast so als könnte
er meine Gedanken lesen. »Du warst noch keine Minute deines Lebens
Single«, knurrte er. »Wer ist der Typ?«
»Es gibt keinen anderen Typen«, versicherte ich ihm
mit einem nervösen Lachen. Ich hoffte inständig, dass mein Lachen
in seinen Ohren nicht genauso unecht klang wie für mich. »Ehrlich.
Ich brauche nur ein bisschen Zeit für mich allein.« So etwas
Ähnliches hatte ich vor ein paar Tagen im Fernsehen gehört. Ob er
wohl darauf hereinfiel? Vielleicht klappte das ja, wenn ich ihn
dazu überredete, das Gleiche zu tun. »Vielleicht würde dir das ja
auch guttun. Ich denke, es gibt da ein paar Dinge, mit denen du
deinen Dad dazu überreden könntest, seine Firma zu mehr globaler
Verantwortung zu bewegen.«
Brandon sah weg. »Mein Dad und ich haben da so
unsere ganz eigenen Probleme«, sagte er mit tonloser Stimme.
»Oh«, sagte ich. »Verstehe.« Ich erinnerte mich,
dass wir uns bei einem Fotoshooting vor ein oder zwei Monaten über
seinen Dad unterhalten hatten. Er spricht nicht mit seinen
jungen Nachwuchstalenten, hatte Brandon gesagt. Und mit mir
schon gar nicht.
»Ich sollte dann also besser den Piloten
informieren, wenn du wirklich unbedingt früher nach Hause
möchtest.« Brandon suchte in den Taschen seiner Shorts nach seinem
Handy. Er sah ein wenig … man kann es nicht anders beschreiben:
sauer aus.
Und dazu hatte er auch wirklich allen Grund. Es war
sicher nicht einfach, wenn man der Sohn eines Milliardärs war und
im Schatten eines übermächtigen Vaters aufwuchs. Obwohl er
andererseits natürlich alles hatte, wovon ein junger Mann nur
träumen konnte.
Abgesehen von der Anerkennung seines Vaters.
Und von Nikki Howard, mit der er nach Belieben
rummachen konnte.
»Danke, Bran«, hauchte ich und musste mich
räuspern. »Du bist ein klasse Typ.«
»Klar«, meinte Brandon und sah überallhin, nur
nicht mir ins Gesicht. »Das sagen sie alle.«
Es war schon erstaunlich, dachte ich so bei mir,
als ich auf dem Weg zurück in meine Suite war und Cosabella dicht
neben mir hertrottete. Dank der gigantischen Narbe an meinem
Hinterkopf war ich davor bewahrt worden, einen echt kolossalen
Fehler zu begehen. Na ja, zumindest ziemlich wahrscheinlich. Ich
bezweifle, dass Brandon und ich so richtig zur Sache gekommen
wären, direkt vor der Hotelbar.
Doch wenn diese Operation nicht gewesen wäre, dann
wäre ich ja erst gar nicht in diese Situation gekommen.
Stattdessen wäre ich tot.
Als der Mond so auf das kalte, dunkle Wasser
herabschien, in dem ich noch wenige Stunden zuvor untergetaucht
war, ging mir durch den Kopf, dass es vielleicht an der Zeit war,
mich nicht länger selbst zu bemitleiden und endlich die schlichte
Tatsache schätzen zu lernen, dass ich noch am Leben war. Klar war
mein neues Leben alles andere als perfekt.
Aber langsam schienen die Dinge besser zu
laufen.
Schon witzig, wie überzeugt ich in dem Moment davon
war.
Wie sich herausstellen sollte, hätte ich gar nicht
viel mehr danebenliegen können.