ZWEI
Ich war allein in meinem Hotelzimmer (na gut, abgesehen von Cosabella, die nicht müde wurde, mir das Salzwasser aus dem Gesicht zu lecken) und versuchte, in meinem privaten Whirlpool auf dem Balkon wieder aufzutauen. Brandon und der Rest der Crew, der beim Shooting dabei gewesen war, waren wieder einmal ins Hotelrestaurant gegangen, um sich ein tausend Dollar teures Sashimi-Dinner einzuverleiben - selbstverständlich auf Kosten von Brandons Vater, dem Milliardär Robert Stark. Ich hatte es abgelehnt, mitzugehen, weil ich mich lieber in die Wanne legen, mir einen Burger vom Room Service kommen lassen und auf meinem MacBook Air ein paar Runden Journeyquest spielen wollte. Nach allem, was ich mitgemacht hatte, erschien es mir wenig reizvoll, den anderen zuzuhören, wie sie über die Olsen-Zwillinge ablästerten. Oder zuzusehen, wie sie zu Technopop abtanzten, was früher oder später immer der Fall war.
Wenn ich ehrlich bin, erschien mir das eigentlich auch sonst nicht reizvoll … obwohl Brandon eine ganze Weile draußen vor meiner Tür gestanden und mich angefleht hatte, es mir noch mal zu überlegen, während ich drinnen am ganzen Leib bibberte. Schließlich hatte ich ihn zum Gehen überreden können, aber nur weil ich ihm weismachte, ich würde später runterkommen … was natürlich komplett gelogen war.
Aus dem Grund war ich auch der festen Überzeugung, dass er es war, der anrief, als auf Nikkis Handy plötzlich die ersten Takte von »Barracuda« ertönten.
Es ist echt so was von peinlich, »Barracuda« als Klingelton zu haben. Doch ich war bisher nicht dazu gekommen, ihn zu ändern. Denn ich wurde den Verdacht nicht los, dass Nikkis Handy, natürlich ein Modell von Stark, abgehört wurde. (Auf ihrem Stark-PC hatte man Spionagesoftware installiert - warum also sollte nicht auch ihr Mobiltelefon überwacht werden?) Außerdem hatte ich mir bisher nicht die Zeit genommen, mich so eingehend mit Nikkis Handy zu beschäftigen, dass ich etwas anderes als die Löschtaste hätte bedienen können. Die meiste Zeit vermied ich es ganz einfach, es überhaupt zu benutzen, und tätigte meine privaten Telefonanrufe lieber über das iPhone, das ich mir mit einer von Nikkis Kreditkarten zugelegt hatte.
Ich warf einen Blick auf das Display, um zu sehen, wer anrief. (Ich hatte mir angewöhnt, nicht ranzugehen, bevor ich nicht wusste, wer dran war. Sonst müsste ich mir vielleicht wieder einen von diesen ewig langen Vorträgen anhören, weshalb ich mich denn so lange nicht gemeldet habe und wie gern ein Typ namens Eduardo doch noch einmal mit mir zusammen nach Paris fliegen würde.) Verblüfft stellte ich fest, dass es Lulu war und nicht Brandon.
»Was ist?«, sagte ich. Wir beide hielten uns nicht mehr lang mit überflüssigen Höflichkeiten auf, seit jener Nacht, als sie und Brandon mich nach meiner Gehirntransplantation gekidnappt hatten, unter der irrigen Annahme, sie würden mich »retten«.
»Ähm«, fing Lulu an. »Eben war ein Typ hier, der dich sehen wollte.«
»Lulu.« In der kurzen Zeit, die ich mit Lulu zusammenlebte, war sie mir so ans Herz gewachsen wie eine Schwester. Ich bin also die erste Person, die ohne Zögern zugeben würde, dass sie nicht besonders hell ist im Kopf. »Da sind doch ständig irgendwelche Typen, die mich gerne sehen würden.«
Das war traurig, aber leider auch wahr. Das Loft, in dem wir zusammen wohnten, war so was wie der Hauptsammelplatz für solche Typen. Der Einzige, der noch nie bei uns vorbeigekommen war, um mich zu besuchen, war zugleich der einzige Kerl, nach dem ich mich tatsächlich sehnte.
Und er war sich offensichtlich immer noch nicht darüber im Klaren, ob er mich nun mochte oder nicht. Zumindest wenn man nach den komischen Blicken ging, die er mir im Rhetorikkurs immer zuwarf.
Aber andererseits warf er McKayla Donofrio in der letzten Zeit im Unterricht auch ständig seltsame Blicke zu, das hatte also wahrscheinlich gar nichts zu bedeuten.
»Der war irgendwie anders«, meinte Lulu.
Und dieses winzige Detail ließ mich nun doch aufhorchen. Ich richtete mich in meinem Whirlpool auf.
»Echt?« Meine Haut war schon ganz runzelig, weil ich so lange im Wasser gelegen hatte. Außerdem waren meine Hände nass, weshalb mir das Handy beinahe ins Wasser gefallen wäre. »Was wollte er denn?«
»Na, was wohl. Mit dir reden halt.«
»Schon klar«, sagte ich und zwang mich zur Geduld. Wenn man mit Lulu zu tun hatte, brauchte man eine ganze Menge Geduld. Das war fast so, wie wenn man sich mit einer Fünfjährigen unterhielt. »Aber worüber denn? Ich meine, hat er nicht gesagt, was er will?«
Lulu kaute lautstark auf ihrem Kaugummi herum. Und zwar ziemlich aufdringlich, direkt in mein Ohr. »Er hat nur gesagt, dass du das schon wüsstest. Es sei wichtig und er müsse dich sehen und würde wiederkommen. Aber seinen Namen hat er nicht gesagt.«
Enttäuscht ließ ich die Schultern hängen. Es war also nicht Christopher gewesen. Ich meine, Christopher hätte doch seinen Namen gesagt. So war er nun mal, absolut anständig.
Und das bedeutete, dass es bloß wieder einer von denen gewesen war.
Also echt, man müsste doch meinen, die würden irgendwann aufgeben. Wie lange wollten diese Meister der Verstellung eigentlich noch weitermachen?
Man möchte es nicht für möglich halten, aber man braucht nur in den Nachrichten zu verkünden, dass eine reiche Berühmtheit ihr Gedächtnis verloren hat, und schon kommt allerhand Abschaum aus den tiefsten Tiefen und unterirdischen Gängen der U-Bahn hervorgekrochen und behauptet, der beste Freund oder die beste Freundin oder sogar verwandt mit einem zu sein. Es war schier unglaublich, wie viele Cousins und Cousinen ersten Grades Nikki Howard plötzlich hatte.
»Er meinte, du würdest schon wissen, worum es geht«, informierte Lulu mich.
»Woher zum Teufel soll ich denn wissen, was er wollte, wenn ich noch nicht mal seinen Namen weiß?«, schnauzte ich sie an.
»Weiß auch nicht«, meinte Lulu kleinlaut. »Aber Karl hat mir auf der Überwachungskamera gezeigt, wie der Typ aussieht. Und er war irgendwie anders als all die anderen. Der war jünger. Und irgendwie auch ziemlich süß. Und er hatte keine Tattoos am Hals, zumindest waren keine zu sehen.«
Mein Herz setzte einen kurzen Moment lang aus. Und das lag ziemlich sicher nicht daran, dass ich länger als die auf einem Hinweisschild neben dem Timer draußen auf dem Balkon empfohlenen zwanzig Minuten in dem Whirlpool verbracht hatte.
»Jünger?« Ich wollte mir keine unnötigen Hoffnungen machen. Im Ernst, die waren wirklich schon oft genug zerstört worden, und zwar jedes Mal wenn Christopher beim Rhetorikkurs in meine Richtung geschaut hatte und sich dann herausstellte, dass er lediglich auf die Uhr gesehen, einem obdachlosen Penner draußen auf der Straße hinterhergeglotzt oder McKayla Donofrio angestiert hatte. »Moment mal, Lulu … war der Typ denn blond?«
Es entstand eine kurze Pause, während der Lulu krampfhaft zu überlegen schien. »Klar. Schon irgendwie blond, glaube ich.«
Okay, das reichte. »War er groß?«, erkundigte ich mich weiter.
»Mhm«, brummte Lulu zustimmend.
Ich dachte, ich würde gleich einen Herzinfarkt kriegen, denn davor warnte das Schild mit den Warnhinweisen beim Whirlpool ganz ausdrücklich. Allerdings bestand diese Gefahr vor allem bei Schwangeren und älteren Personen und zu diesem Personenkreis zählte ich nicht unbedingt.
Andererseits hatte ich vor ein paar Monaten eine größere OP gehabt, daher kann man nie so genau wissen. Cosabella saß neben mir und leckte mir eifrig über die Wange, auf der ein paar Spritzer von dem Wasser aus dem Whirlpool gelandet waren. Ich hatte die Massagedüsen voll aufgedreht, in der Hoffnung, dass das den Schnittwunden an meinen Händen und Füßen guttun würde, die ich mir an der Klippe zugezogen hatte. Ein Model zu sein, so musste ich jetzt nach und nach lernen, konnte bisweilen ein ganz schön schmerzhafter und manchmal sogar lebensgefährlicher Job sein.
»War er durchtrainiert?«, fuhr ich mit meinem Verhör fort. Ich konnte es jetzt kaum erwarten, aus der Wanne rauszukommen. Schließlich wollte ich ja nicht gerade in dem Moment einen Herzanfall erleiden, wo mein Traum kurz davor war, Wirklichkeit zu werden. Okay, noch vor einer Stunde hatte ich mir ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob ich nicht für immer am Grund des Ozeans bleiben sollte. Aber natürlich hatte ich das nicht wirklich vorgehabt. Es war dann doch ziemlich kalt gewesen da unten.
Außerdem wollte ich zu gern wissen, wie es bei Realms weiterging, der neuesten Version von Journeyquest, meinem Lieblingscomputerspiel. Das Dumme war nur, dass man wegen eines total bescheuerten exklusiven Deals, den die Spiele-Designer eingegangen waren, Realms nur in Verbindung mit einem Stark Quark bekam, dem neuen PC von Stark Enterprises, der pünktlich zu Weihnachten auf den Markt kommen sollte. Journeyquest-Fans waren davon natürlich nicht allzu begeistert gewesen. Na ja, überhaupt nicht begeistert würde es wohl eher treffen. »Okay, nicht so richtig durchtrainiert, aber … recht … fit?«
»Das konnte man auf dem Überwachungsbildschirm nicht so genau erkennen«, erklärte Lulu. »Aber wollen wir es mal so sagen: Ich würde ihn nicht von der Bettkante schubsen.«
»Oh mein Gott.« Ich schnappte mir das Handtuch, das am Balkongeländer hing. Mein Herz raste wie wild, so als hätte ich gerade ein paar Runden auf dem Laufband absolviert. (Was ich jetzt tatsächlich regelmäßig tat, denn Nikkis Körper steht total auf Fitnesstraining, ganz im Gegensatz zu meinem früheren Körper, der jegliche Art von sportlicher Betätigung verabscheut hatte.) Ich konnte es nicht fassen: Nach all der Zeit - nach Wochen, die ich nun vergebens gewartet hatte - kam Christopher also endlich bei mir vorbei.
Und ich musste natürlich ausgerechnet jetzt auf den Jungferninseln sein!
»Lulu. Lulu. Das war Christopher! Er muss es einfach gewesen sein!« Nun da ich aus dem Whirlpool raus war, hatte ich plötzlich ganz und gar nicht mehr das Gefühl, als würde ich gleich einen Herzinfarkt kriegen. Zwar hämmerte mein Herz immer noch wie wild in meiner Brust, aber jetzt eher vor Glück und aus hoffnungsfroher Erwartung. Es klang wie: Bumm, bumm, Christopher will dich sehen! Bumm, bumm, Christopher hat’s endlich geschnallt! Ich hatte in den vergangenen Wochen wirklich alles versucht, ihn unauffällig davon zu überzeugen, dass ich zwar äußerlich haargenau so aussah wie das Werbegesicht eines absolut gewissenlosen Konzerns, dem nur der Sinn danach stand, kleineren Geschäften den Garaus zu machen, dass ich aber im Inneren immer noch seine gute alte Freundin Em war, die total auf Computerspiele stand und gewissenlose Konzerne verachtete.
Natürlich hatte ich das völlig ohne Worte versucht, sonst hätte ich mir den ewigen Zorn von Robert Stark und seinen überaus einflussreichen Rechtsvertretern zugezogen. Während ich der Überzeugung war, dass ich mit Christopher jederzeit Klartext reden konnte und dass er sich niemals verplappern würde - sofern ich ihn überhaupt dazu bringen konnte, mir die Story abzunehmen, was auf einem komplett anderen Blatt stand -, konnte ich mich nicht im Geringsten darauf verlassen, dass das nicht doch jemand von Stark mitkriegen würde. Manchmal schienen die nämlich sogar zu wissen, was ich dachte. Keine Ahnung, wie die das machten.
Doch es war nicht einfach gewesen, Christopher dazu zu bringen, in die knallblauen Augen von Nikki Howard zu blicken und dort Em zu sehen. Zumal McKayla Donofrio uns alle fünf Sekunden dabei störte. (Wieso stand die denn jetzt auf einmal auf Christopher? Er brauchte sich scheinbar nur das Haar kurz zu schneiden und schon fand ihn sogar die Vorsitzende des Clubs der jungen Börsianer an der Tribeca total süß.) Außerdem war ich ständig auf Journeyquest zu sprechen gekommen, damit er mir überhaupt seine Aufmerksamkeit schenkte.
War es das, was ihn nun doch dazu getrieben hatte, mich in meinem Loft zu besuchen? Eine andere Erklärung fiel mir nicht ein. Entweder hatte Christopher endlich geschnallt, dass da tatsächlich seine gute alte Freundin Em Watts im Körper von Nikki Howard steckte, oder aber in ihm regte sich langsam der Verdacht, ich könnte eine Stalkerin sein. Vielleicht war er ja nur vorbeigekommen, um mir zu gestehen, dass er jetzt mit McKayla zusammen war und dass ich mich besser in psychiatrische Behandlung begeben sollte.
Moment mal, nein. Ich hatte doch beschlossen, mich nie wieder solch negativen Gedanken hinzugeben.
»Könntest du den Portier bitten, er soll ihm sagen, dass ich auf dem Weg nach Hause bin?« drängte ich Lulu. »Christopher, meine ich? Für den Fall, dass er zurückkommt? Und dass ich so schnell wie möglich daheim bin?«
»Klar«, willigte Lulu gähnend ein. »Ich meine, ich denke schon. Aber ich versteh nicht, wieso du ihn nicht einfach anrufen kannst und ihm das selbst sagst. Lad ihn doch zu unserer Weihnachtsparty ein …«
Lulu war schon seit Wochen damit beschäftigt, diese bescheuerte Weihnachtsparty zu planen. Offensichtlich waren Nikki und sie berühmt für ihre Partys gewesen und für ihre überirdischen Events im Allgemeinen. Die Party war bisher immer ein voller Erfolg gewesen. (Zumindest in den vergangenen zwei Jahren, in denen die beiden Mädchen sie nun veranstalteten.) Stets waren Paparazzi anwesend, um Fotos zu schießen, die dann auf den Celebrity-Seiten der Zeitungen und sogar in der Vogue erschienen. All ihre Freunde waren hellauf begeistert. Lulu konnte sich schon seit Anfang Dezember auf nichts anderes mehr konzentrieren, sehr zum Leidwesen ihres Agenten und ihres Managers, die eigentlich hofften, sie würde endlich ihr Album fertig aufnehmen, das irgendwann im Frühjahr erscheinen sollte.
Es gab nur ein winziges Problem mit Lulus Weihnachtsparty in diesem Jahr, ein Problem, von dem sie bisher nichts ahnte: Sie würde nämlich gar nicht stattfinden.
Ich wusste noch nicht so recht, wie ich ihr das beibringen sollte. Im Grunde hatte Lulu außer mir (beziehungsweise Nikki) keine Angehörigen, da ihre Eltern geschieden waren und anscheinend keinerlei Interesse an ihr zeigten. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, sie über Weihnachten allein zu lassen, und am meisten quälte mich, dass ich sie mit ihrer Megaparty im Stich ließ. Aber was hatte ich für eine Wahl? Ich hatte bereits anderweitige Verpflichtungen.
Als Antwort auf ihre letzte Frage in Bezug auf Christopher erwiderte ich nun: »Ich dürfte seine Nummer ja eigentlich gar nicht wissen, du erinnerst dich? Ich frage mich nur, wie er herausgefunden hat, wo ich wohne.«
»Das ist ja wohl nicht so schwer«, erklärte Lulu. »Man braucht doch nur nach den Massen von depressiven Eurotrash-Hipsters Ausschau zu halten, die vor deiner Tür Schlange stehen, weil sie hoffen, dass du ihnen endlich deine Aufmerksamkeit schenkst … oder zumindest dein Vermögen. Denn auf was anderes sind sie nicht aus. Die wollen dir doch nur weismachen, dass sie deine lange verschollen geglaubten, arbeitslosen Cousins und Cousinen sind.«
Ich hatte mich mit dem Handtuch trocken gerubbelt und mir eine Jeans und ein Top über BH und Slip gestreift - was gar nicht so leicht ist, wenn man ein Handy in der Hand hält und auch noch aufpassen muss, nicht aus Versehen auf ein aufgebrachtes kleines Hündchen zu treten.
Doch es ist echt überraschend, wie schnell man lernt, sich in allen erdenklichen Situationen umzuziehen, wenn die Leute einem nicht das geringste bisschen Privatsphäre lassen.
»Lulu«, ermahnte ich sie. »Müssen wir denn gerade jetzt über meine angeblichen Verwandten sprechen?«
»Na ja, wie dem auch sei«, erwiderte Lulu. »Dieser Typ war jedenfalls ganz schön scharf, wenn auch irgendwie schlampig.«
»Er ist ja auch nicht mein Cousin«, erinnerte ich sie. »Mal im Ernst, Lulu, was soll ich denn bitte tun? Brandon will morgen mit mir Jetski fahren.«
»Wie bitte?« Lulu klang verstört. »Brandon will was?«
»Er will mit mir zum Jetskifahren«, sagte ich noch einmal. »Er findet, dass ich irgendwie überspannt wirke.«
»Überspannt?« Lulu glaubte offensichtlich, sich verhört zu haben. »Wie kommt er denn auf so eine Idee? Hat das wieder was mit dieser Seelenübertragungssache zu tun?«
»Äh …« Ich wollte ihr ungern die Wahrheit sagen - dass Brandon mich gerade eben erst vom Grunde des Ozeans retten musste, nachdem ich keinerlei Anstalten gemacht hatte, mich selbst vor dem Ertrinken zu bewahren. Die Geschichte war echt zu seltsam. Da wir uns außerdem über Nikkis Stark-Handy unterhielten (das mit hoher Wahrscheinlichkeit abgehört und wir also vielleicht gerade von Brandons Dad beziehungsweise seinen Leuten belauscht wurden), schien es mir keine gute Idee, über solche Dinge zu reden - und schon gar nicht über meine »Seelenübertragung«. Daher beließ ich es bei einem kurzen: »Klar, glaub schon.«
»Aber ihr habt den Schuss doch im Kasten, oder?«
»Natürlich haben wir die Aufnahme im Kasten«, bestätigte ich.
»Na dann«, meinte Lulu. »Hey, du bist schließlich Nikki Howard. Du erklärst ihm einfach, dass der Jet morgen zurückfliegt, sonst…« Stark Enterprises flog seine Angestellten, mich eingeschlossen, in einer Flotte von Privatjets durch die Weltgeschichte, eine Sache, die zwar in zeitlicher Hinsicht effektiv war, allerdings unmöglich gut für die Umwelt sein konnte. Ich persönlich hatte bereits einen riesigen Fußstapfen in puncto Kohlenmonoxidausstoß hinterlassen. Um das auch nur ansatzweise wiedergutzumachen, hatte ich einen erheblichen Teil von Nikkis Vermögen spenden müssen.
»Na ja, genau genommen ist es ja Brandons Jet«, rief ich ihr ins Gedächtnis. »Beziehungsweise der von seinem Dad, aber egal. Wie überrede ich ihn bloß dazu, dass wir schon in aller Früh aufbrechen?«
»Du überredest ihn nicht, früh aufzubrechen«, sagte Lulu bestimmt. »Du sagst ihm ganz einfach klipp und klar, dass du morgen zurückmusst und dass er gefälligst dafür sorgen soll, dass das Flugzeug für dich bereit steht. Und dann machst du dieses Ding mit deiner Zunge …«
»Oh mein Gott«, unterbrach ich sie schnell. Denn das war in der Tat nichts für die Ohren von Starks juristischen Beratern oder wer auch immer Nikki Howards Telefon abhörte - wenn es denn tatsächlich irgendjemand tat. »Lulu!«
»Oder du kommst einfach wieder mit ihm zusammen«, meinte Lulu kurzerhand und tat so, als wäre ihr diese Idee eben erst gekommen. »Ich meine, dir ist doch klar, dass es das ist, was er will, oder? Seit ihr zwei euch getrennt habt, ist er ja nur noch ein Schatten seiner selbst. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, wo du doch jetzt auf einen anderen Typen stehst …«
»Schon gut, Lulu«, stoppte ich ihren Redefluss. Bestimmt hatte sie wieder mal viel zu viel Mikrowellen-Popcorn gefuttert. An manchen Tagen, wenn ich nicht da war, nahm sie nichts anderes zu sich, weil sie nämlich nicht kochen konnte. »Ich muss jetzt auflegen …«
»Echt blöd, dass du nicht schon heute Abend aufbrechen kannst«, seufzte Lulu bedauernd. »Aber das würde ja bedeuten, dass du einen Linienflug nehmen musst.«
Sie sprach das Wort »Linienflug« in dem gleichen angewiderten Ton aus, wie meine Schwester Frida sagen würde: »Wie kann man bloß etwas anderes als Designerjeans tragen?«
»Ooooh«, quiekte Lulu mir ins Ohr, da ihr scheinbar soeben noch etwas anderes eingefallen war. »Ich lass den Caterer Austern à la Rockefeller servieren! Du weißt doch, dass Austern ein Aphrodisiakum sind, oder? Wenn Christopher erst mal eine gegessen hat, wird er dir nicht länger widerstehen können!«
Jetzt waren absolut nicht der richtige Zeitpunkt und auch nicht der richtige Ort, um ihr mitzuteilen, dass ich Weihnachten nicht da sein würde. (Außerdem waren Austern sowieso nicht mein Ding.) Daher sagte ich nichts weiter als »klaro« und legte auf. Dann schnappte ich mir den Zimmerschlüssel und machte mich auf die Suche nach Brandon, während Cosabella hinter mir hertrottete.
Ich fand ihn - oder besser gesagt: Cosabella fand ihn - auf einem der gepolsterten Liegestühle auf der menschenleeren, mondbeschienenen Terrasse draußen vor der Hotelbar. Gerade tauchte er mit dem Gesicht voran der Hotelhostess in den Ausschnitt.
»Entschuldige bitte«, sagte ich. Ich schwankte zwischen Enttäuschung und Belustigung.
Erschrocken ließ Brandon die Hostess los. Sie fiel vom Liegestuhl runter und landete mit einem lauten Rumms auf der harten Terrasse.
Ich holte hörbar Luft und rief: »Oh, das tut mir ja so leid!« Cosy bellte wie verrückt, während die Hostess - auf ihrem Namensschild war der Name RHONDA zu lesen - sich vor Schmerzen den Rücken rieb und mich vom Boden aus finster anstierte.
»Nikki.« Brandon erhob sich und stieg achtlos über Rhonda hinweg, so als wäre sie gar nicht anwesend. »Bist du okay? Was tust du hier? Ich dachte, du wolltest zu Bett gehen?«
»Das wollte ich auch«, schnaubte ich. »Oder zumindest bald. Geht’s gut?« Bei dieser Frage sah ich Rhonda an, da Brandon sie völlig vergessen zu haben schien.
»Mir geht’s gut«, erklärte Rhonda und bedachte Brandon mit einem vernichtenden Blick, den er noch nicht einmal registrierte.
»Stimmt irgendwas nicht?«, wollte Brandon wissen. Blöd nur, dass er diese Frage mir stellte und nicht der Frau, der er gerade fast das Kreuz gebrochen hätte, weil er sie hatte fallen lassen. »Kann ich dir irgendetwas besorgen? Was zu essen? Bist du hungrig?«
»Nein«, sagte ich. »Mir geht es gut. Ich wollte dich nur etwas fragen …«
»Klar, du kannst mich alles fragen.« Brandon sah mich erwartungsvoll an. »Also, was ist?«
»Äh«, setzte ich an und bückte mich, um Cosy hochzuheben, denn jedes Mal wenn Rhonda versuchte aufzustehen, fuhr der Hund ihr mit der Zunge übers Gesicht. »Schon okay, das kann warten …«
»Nein, im Ernst.« Brandon schien die Anwesenheit von Rhonda überhaupt nicht zu interessieren, ebenso wenig wie ihre verzweifelten Versuche, sich wieder in die Vertikale zu begeben. »Worum geht’s?«
Hinter ihm hatte Rhonda es endlich geschafft, sich aufzurappeln, ihren Rock glatt zu streichen und das Tablett zu nehmen, auf dem sie Brandon gerade seinen After Dinner Drink serviert haben musste, als die beiden es sich ganz offensichtlich etwas … nun, etwas gemütlicher gemacht hatten. Als sie jetzt hoch erhobenen Hauptes davonmarschierte, konnte ich einen Hauch ihres Parfums erschnuppern, den der warme tropische Wind zu uns herübertrug.
Es handelte sich um Nikki, die Parfumkreation, die es gegenwärtig in allen Stark Megastores zum sensationellen Weihnachts-Special-Preis von neunundvierzigneunzig zu kaufen gab. Stark kostete die Herstellung des Ganzen nur ein paar lausige Dollar pro Flasche (in China hergestellt, wo sonst), und noch weniger, diese hierher zu verschiffen, und es roch so dermaßen widerlich, dass ich es nicht in einer Million Jahren getragen hätte.
»Es ist nur so, dass du erwähnt hast, dass du erst übermorgen zurückfliegen willst«, erklärte ich ihm. »Aber ich wollte fragen, ob wir stattdessen nicht doch ein wenig früher abhauen könnten.«
»Früher?« Brandon klang überrascht. Was auch immer er für eine Frage erwartet hatte, diese war es offensichtlich nicht gewesen. In mir wuchs langsam der Verdacht, dass Lulu recht hatte, und dass er tatsächlich hoffte, wir beide würden wieder ein Paar werden. Das war eine Hoffnung, die er nun schon seit einiger Zeit mit sich herumtrug. Doch leider, leider würde sie sich niemals erfüllen… Brandon mag ja Nikkis Typ gewesen sein, aber meiner war er nun mal ganz und gar nicht. Zumindest so lange nicht, wie noch Hoffnung bestand, dass Christopher es sich eines Tages anders überlegen könnte. »Wie viel früher denn?«
»Ach, nicht so viel früher«, stammelte ich. »Ich dachte, na ja, sagen wir mal, morgen früh, so gegen neun.«
»Aber das ist doch genau die Zeit, für die Dad ursprünglich unsere Abreise geplant hatte«, sagte Brandon und sah ziemlich erstaunt aus. »Ich wollte den Abflug doch canceln und mit dir stattdessen eine Jetski-Tour rund um die Insel machen.«
Und dabei, so hoffte er anscheinend, würde ich mich Hals über Kopf in ihn verlieben.
»Klar«, sagte ich. »Und das ist auch total süß von dir. Aber mir ist was dazwischengekommen, ich muss dringend zurück in die Stadt…«
»Und schnorcheln«, fügte Brandon gerade hinzu. »Ich dachte, wir könnten morgen nach dem Mittagessen vielleicht zum Schnorcheln gehen.«
Tja, ich konnte ihm das nun wirklich nicht zum Vorwurf machen. Ich hatte ja immerhin ganz unverhohlen Gefallen an der Unterwasserwelt gezeigt.
»Das klingt echt total gut«, erklärte ich. »Aber ich muss wirklich dringend nach Hause.«
»Und weshalb?«, wollte Brandon wissen. Er hatte seine dunklen Augenbrauen jetzt so zusammengezogen, dass ich sie als bedrohlich beschrieben hätte, wenn ich ihn nicht besser gekannt hätte. Denn Brandon hatte einfach überhaupt nichts Bedrohliches an sich.
»Ist was Privates«, fasste ich mich kurz. Ich hatte nicht die Absicht, ihm das Ganze näher zu erläutern. Ganz bestimmt nicht würde ich einen Kerl wie ihn einweihen, der, davon war ich überzeugt, in seinem ganzen Leben noch kein Buch von vorn bis hinten durchgelesen hatte. Abgesehen vielleicht von der Gebrauchsanleitung für seinen Jetski.
»Aber… ich möchte nicht früher aufbrechen.« Brandon ließ sich rücklings wieder in den Liegestuhl plumpsen, aus dem er eben noch aufgesprungen war, und griff nach seinem Drink. Er machte mir damit nur allzu deutlich, dass er es auf einen Streit ankommen lassen wollte. Und dass er gar nirgends hingehen würde, solange ich mich nicht bereit erklärte, wieder ganz offiziell seine Freundin zu sein.
Na toll. Ich hätte gleich wissen müssen, dass es so weit kommt.
Aber auf gar keinen Fall würde ich diese Sache mit der Zunge machen. Wie auch immer die aussehen mochte.
Ich ließ mich in den Liegestuhl neben Brandon sinken und beugte mich nach vorn, obwohl ich genau wusste, dass mein Oberteil dann gewisse Einblicke gewährte. Selbstverständlich trug ich einen BH darunter, daher bekam er auch nicht recht viel mehr zu sehen als noch vor ein paar Stunden, als ich nichts als den Bikini angehabt hatte.
Offensichtlich aber konnte er sich nicht dagegen wehren - er musste einfach hinsehen. Es war also tatsächlich wahr… man durfte die Macht des Dekolletés nicht unterschätzen, eine Weisheit, die Frida mir schon vor Jahren einzutrichtern versucht hatte. Doch ich wollte ja nicht auf sie hören und musste unbedingt darauf herumreiten, dass ich als Feministin niemals Kleidungsstücke tragen würde, die den Körper der Frau objektivierten. Und Lulu hatte mich darauf hingewiesen, dass so ein Ausschnitt die Körperteile, auf die eine Frau besonders stolz sein konnte, nicht objektivierte, sondern sie vielmehr besonders gut zur Geltung kommen ließ, ganz gleich wie groß sie waren.
»Weiß dein Vater eigentlich, dass du den Firmenjet noch weitere vierundzwanzig Stunden beanspruchst, Brandon?«, erkundigte ich mich mit zuckersüßer Stimme.
Brandon stierte mich weiter schamlos an.
»Wen interessiert es schon, was mein Dad denkt?«, fragte er mich trotzig. »Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht noch ein paar Jets. Wenn er wirklich einen braucht, kann er ja einen von den anderen nehmen …«
»Hast du denn überhaupt kein schlechtes Gewissen, dass das alles hier deinen Vater verdammt viel Geld kostet, obwohl wir das Foto längst im Kasten haben? Und das nur, damit du schön schnorcheln und Jetski fahren gehen kannst?«, blaffte ich ihn an.
»Nein«, sagte Brandon knapp und sah mir interessiert dabei zu, wie ich mit meinem Finger einen kleinen Kreis auf seinem Knie beschrieb - ein Trick, den ich Lulu abgeschaut hatte. Sie hatte ihn schon einige Male bei Typen ausprobiert, damit die ihr einen Drink im Cave spendierten. Ob ich ein schlechtes Gewissen hatte, dass ich den Trick jetzt bei Brandon ausprobierte? Ein klein wenig vielleicht. Ob ich hoffte, er würde funktionieren? Aber klar doch. »Mein Dad und ich, wir sind uns nicht gerade besonders nahe, verstehst du.«
»Ich weiß«, hauchte ich voller Mitgefühl.
»Meine Mom hat sich schon vor Jahren in diesen Ashram verzogen, und ich hab sie seitdem kaum zu Gesicht bekommen«, fuhr Brandon fort und lallte dabei bereits ein bisschen. Es war erkennbar, dass er schon ein paar Drinks zu viel intus hatte. Wie immer.
»Ich weiß«, sagte ich noch einmal. In Wahrheit wusste ich das natürlich nicht persönlich. Allerdings hatte ich vor einiger Zeit einen Artikel darüber im People Magazin gelesen, das Frida herumliegen hatte lassen. »Sieh mal, ich kann schlecht für den Rest der Crew sprechen, aber ich persönlich würde lieber wie geplant schon morgen abfliegen. Wenn nicht …« Ich nahm meine Hand von seinem Knie und lehnte mich abrupt zurück, um ihm die angenehme Aussicht in mein Dekolleté zu verwehren. Auch das war eine Strategie, die Lulu mir beigebracht hatte. Geben und Nehmen, so lautete ihre Devise. Allerdings musste das Timing genau stimmen. »Wenn nicht, dann nehme ich den nächstbesten Linienflug, den ich kriegen kann.«
»Linienflug?« Wie schon Lulu, schien auch Brandon ziemlich konsterniert, dass ich einen Linienflug nehmen wollte. Dieser Gedanke erschreckte ihn sogar so sehr, dass er nach meiner Hand griff und mich mit einer blitzschnellen Bewegung an sich zog. Und zwar ziemlich fest.
»Was kann es denn in New York so Wichtiges geben, dass du, Nikki Howard, freiwillig in einen Linienflieger steigen willst?«, bedrängte er mich jetzt.
Äh … ups. Immer wieder vergaß ich, dass Brandon Nikki Howards Ex war - wahrscheinlich deshalb, weil er so gar nicht mein Typ war mit seinem geschleckten Aussehen und seinem offensichtlichen Desinteresse an allem, was nicht Bacardi oder der neuste Hip-Hop-Akt war, den er promotete. Und auch dass die beiden schon mindestens seit einem Jahr wild miteinander rummachten - wenn man den Zeitungsausschnitten aus der Klatschpresse, die ich in Nikkis Zimmer gefunden hatte, Glauben schenkte. (Sie hat wirklich jeden einzelnen Artikel, der jemals über sie erschienen ist, in einer Schublade unten in ihrem Nachtkästchen aufgehoben.) Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war, dass Brandon eifersüchtig wurde. Denn der Grund, weshalb ich unbedingt zurück nach Manhattan wollte, war ja der, dass der Typ, in den ich total verknallt war, es sich vielleicht endlich anders überlegt hatte.
»Nichts«, sagte ich deshalb betont unschuldig. »Ich muss ganz einfach wieder in die Schule. Du erinnerst dich? Ich geh immer noch zur Schule? Ich hab diese Woche noch meine Abschlussprüfungen.«
Brandons eiserner Griff um meine Hand lockerte sich ein wenig. Statt mich festzuhalten, als wäre ich sein Eigentum, streifte er mir nun sanft mit den Fingern über den Arm.
»Ach so, klar. Die Schule«, kam es wie ein Echo zurück. »Abschlussprüfungen.«
Kaum hatten seine Finger meinen Nacken erreicht und sich in die schweren, feuchten Strähnen meines Haars gekrallt, wurde mir klar, dass wir beide ein echtes Problem kriegen würden. Ich will es nicht leugnen: Es fühlte sich so was von gut an, seine Finger dort zu spüren. Und exakt darin lag das Problem: Brandon wusste das nämlich ganz genau. Und das war eines der vielen Probleme, die ich hatte, seit die Leute von Stark Enterprises mein Gehirn in Nikki Howards Körper verpflanzen hatten lassen. Ich persönlich mochte Brandon Stark nicht - na ja, zumindest nicht auf diese Weise.
Nikki Howard hingegen stand total auf Brandon Stark… oder zumindest tat ihr Körper das. Meine Augen schlossen sich langsam - völlig gegen meinen Willen -, als Brandon mich nun sanft an der Stelle zu massieren begann, wo mein Kopf und die Wirbelsäule zusammentrafen.
Das war so verdammt unfair! Brandon wusste nämlich ganz genau, dass Nikki Howard vollkommen wehrlos war, wenn man sie an der richtigen Stelle im Nacken massierte. Sie verlor total die Kontrolle über ihren Körper, das hatte ich schon herausgefunden, als ein Haarstylist es zum ersten Mal bei mir ausprobiert hatte.
Und Brandon, der darüber ganz offensichtlich Bescheid wusste, nutzte die Situation nun schamlos aus.
»Scheint ganz so, als würdest du in letzter Zeit an nichts anderes mehr denken als an die Schule«, fuhr er fort. »Und an diesen ganzen Mist, von wegen Stark Enterprises ruiniert die Umwelt.«
»Das ist kein Mist«, murmelte ich schwach, während seine Finger weiter meinen Nacken bearbeiteten. »Die Firma deines Vaters trägt ganz erheblich zur globalen Erwärmung sowie zum Verfall amerikanischer Kleinstädte bei…«
»Mann, ist ganz schön sexy, wenn du so revolutionäres Zeug daherredest«, murmelte Brandon.
Seine Stimme klang so nah, dass ich die Augen öffnete. Ich war überrascht, sein Gesicht direkt vor meinem zu sehen, seine Lippen nur wenige Zentimeter von meinem Mund entfernt.
Oh nein. Es passierte schon wieder. Ich spürte, wie ich mich zu ihm vorbeugte, mein Körper sich seinem näherte, so als würde er von einer unsichtbaren Macht angezogen … selbst wenn ein Kuss von Brandon Stark im Augenblick das Letzte war, was ich mir wünschte. Rein intellektuell betrachtet, versteht sich.
Problematisch war nur, dass das nicht wirklich ich war. Ich hatte keinerlei Kontrolle über das Ganze. Das war einzig und allein Nikki. Sie war nämlich so verrückt nach Jungs gewesen, nicht ich.
Nicht dass irgendwas falsch daran wäre, wenn ein Mädchen gerne mit Jungs knutscht. Jungs zu küssen, ist fantastisch. Wenn ich ehrlich bin, kann ich gar nicht verstehen, warum ich in meiner Zeit, bevor ich Nikki war, so viel Zeit darauf verschwendet hatte, keine Jungs zu küssen.
Aber das Problem mit Nikki war, dass sie in der Zeit, bevor ihr mein Gehirn eingepflanzt worden war, anscheinend zu oft die falschen Typen geküsst hatte. Und zwar so oft, dass es ihr irgendwann zur Gewohnheit wurde, die falschen Typen zu küssen, sodass ihr Körper sich nun nicht mehr umerziehen ließ und es ganz automatisch tat, ohne dass ich auch nur irgendetwas dagegen unternehmen konnte.
Wie beispielsweise gerade in diesem Augenblick. Ehe ich es verhindern konnte, befand sich mein Mund schon auf dem von Brandon, und wir knutschten ausgerechnet an dem Ort wild rum, wo er noch wenige Minuten zuvor mit Rhonda, der Hostess, angebandelt hatte.
Ich konnte jetzt auch sehr gut nachvollziehen, weshalb Rhonda so dermaßen auf ihn abgefahren war. Brandon hatte unglaublich weiche Lippen, er hielt meinen Hinterkopf sanft in seine Hand gebettet, sein Mund drängte sich fordernd gegen meinen.
Plötzlich konnte ich spüren, dass wieder diese Sache mit mir geschah, dieselbe Sache, die immer dann passierte, wenn ein Kerl sich daranmachte, Nikki zu küssen, ganz gleich ob ich ihn mochte oder nicht. Genau aus dem Grund hätte ich es mir vor ein oder zwei Monaten beinahe mit Lulu verscherzt: Ich hatte nämlich mit ihrem Freund rumgeknutscht. Das war wirklich schrecklich rücksichtslos von mir gewesen, aber ich hatte mich ehrlich nicht zurückhalten können - äh, beziehungsweise Nikki. Ihr Körper presste sich nun völlig ohne mein Zutun gegen Brandons, meine Hände tasteten sich nach oben, glitten an seinen starken, sehnigen Armen entlang und schlangen sich schließlich um seinen Nacken, wo sie sich festklammerten.
Das Blöde war nur, ich wusste eben selber schon genau, dass das passierte, dass ich drauf und dran war, mich zu verlieren. Ich wurde quasi hinabgezogen in die Tiefe, so wie in dem Moment, als ich ins Wasser gefallen war. Mir war klar, dass es geschah …
… und doch konnte ich es nicht verhindern, genauso wenig wie ich meinen Kopf gerade halten konnte, wenn mir jemand den Nacken massierte.
Denn das war nicht ich. Ich schwöre, das war ich nicht.
Wie sollte ich den Körper von jemand anderem kontrollieren können, den Körper von jemandem, der gar nicht ich war? Zumindest jemand, der ich noch nicht war. Na ja, jedenfalls nicht so ganz.
Und dann bewegte Brandon seine Hand, seine Finger streiften über die immer noch empfindliche, ein wenig erhabene Narbe an meinem Hinterkopf. Der Schmerz schoss mir wie tausend kleine Nadelstiche durch den Körper. Ich fuhr zurück.
»Autsch!«, schrie ich auf.
»Was denn?« Das Begehren in Brandons Gesichtsausdruck war mit einem Schlag völliger Verwirrung gewichen. »Was hab ich denn gemacht? Hey, was hast du da eigentlich am Kopf? Du hast … Sind das etwa Extensions in deinem Haar?«
»Nein, keine… das sind… ach, egal.« Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Meine Lippen pulsierten immer noch vom Kuss. Eine Fülle an Emotionen schwappte über mich hinweg, doch in erster Linie verspürte ich Erleichterung. Ich war noch nie so dankbar gewesen für diese Narbe. Was machte ich hier eigentlich? Knutschte ich tatsächlich mit Brandon rum? Oh mein Gott. Lulu hatte mir ja empfohlen, diese Sache mit der Zunge zu machen, aber ich hatte nicht vorgehabt, sie beim Wort zu nehmen. »N-nur ein weiterer Grund, weshalb es besser wäre, wenn wir bereits morgen heimfliegen würden, so wie ursprünglich geplant
Meine Stimme klang leider nicht ganz so überzeugend wie erhofft, was umso schlimmer war, wenn man bedachte, dass ich ja eigentlich in jemand ganz anderen verliebt war. Denn wenn ich ehrlich bin, war ich Stark Enterprises zwar dankbar dafür, dass sie mir eine zweite Chance zu leben gegeben hatten, doch wünschte ich mir manchmal, sie hätten mein Gehirn in den Körper von jemand anderem verpflanzt … jemandem, der nicht ganz so … sagen wir … leicht erregbar war wie Nikki.
»Na gut«, erklärte Brandon und blickte hinab auf seine Hand, so als würde er erwarten, sie blutüberströmt zu sehen.
Was natürlich lächerlich war. Die haben mir schon vor Wochen die Fäden gezogen.
Nur dass er das nicht wusste.
»Weißt du, Nik, ich versteh dich in letzter Zeit irgendwie nicht so ganz«, redete Brandon weiter und beäugte mich dabei von seinem Liegestuhl aus.
»Schon klar«, gab ich zu. »Und das tut mir auch leid. Ich hab da … ein paar Probleme. Aber ich arbeite daran. Ich mag dich wirklich gern, Brandon.«
Er zog eine seiner unglaublich dunklen Augenbrauen hoch. »Echt?«, fragte er voller Hoffnung. »Wie gern denn? Reicht es, dass du wieder mit mir zusammen sein möchtest? Denn ich muss dir sagen …« Was er nun sagte, kam aus tiefster Überzeugung. »Ich wäre dazu bereit.«
Ich schluckte und fühlte, wie Panik in mir aufstieg. Das war nun wirklich das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte … aber leider genau das, was ich verdiente. Wieso musste ich auch mit dem Sohn meines Chefs flirten? Wie hatte ich nur so mit Brandons Gefühlen spielen können wie gerade eben? Ich bin noch nicht lange genug Nikki, um die Dinge in Sachen Liebe so zu beherrschen, wie sie das offensichtlich getan hatte.
»Äh, das ist ja wirklich süß von dir, Brandon«, sagte ich schnell. »Aber ich denke, es wäre besser, wenn ich erst mal Single bliebe und mich um die Probleme kümmere, die ich eben erwähnt habe.«
Natürlich würde Brandon stinksauer sein, wenn alles so liefe, wie ich mir das vorstellte, und ich mit Christopher zusammenkäme, sobald ich wieder zu Hause wäre. Denn dann wüsste er, dass ich ihn in diesem Punkt angelogen hatte.
Aber darum würde ich mich erst kümmern, wenn es so weit war.
Brandon starrte mich finster an, fast so als könnte er meine Gedanken lesen. »Du warst noch keine Minute deines Lebens Single«, knurrte er. »Wer ist der Typ?«
»Es gibt keinen anderen Typen«, versicherte ich ihm mit einem nervösen Lachen. Ich hoffte inständig, dass mein Lachen in seinen Ohren nicht genauso unecht klang wie für mich. »Ehrlich. Ich brauche nur ein bisschen Zeit für mich allein.« So etwas Ähnliches hatte ich vor ein paar Tagen im Fernsehen gehört. Ob er wohl darauf hereinfiel? Vielleicht klappte das ja, wenn ich ihn dazu überredete, das Gleiche zu tun. »Vielleicht würde dir das ja auch guttun. Ich denke, es gibt da ein paar Dinge, mit denen du deinen Dad dazu überreden könntest, seine Firma zu mehr globaler Verantwortung zu bewegen.«
Brandon sah weg. »Mein Dad und ich haben da so unsere ganz eigenen Probleme«, sagte er mit tonloser Stimme.
»Oh«, sagte ich. »Verstehe.« Ich erinnerte mich, dass wir uns bei einem Fotoshooting vor ein oder zwei Monaten über seinen Dad unterhalten hatten. Er spricht nicht mit seinen jungen Nachwuchstalenten, hatte Brandon gesagt. Und mit mir schon gar nicht.
»Ich sollte dann also besser den Piloten informieren, wenn du wirklich unbedingt früher nach Hause möchtest.« Brandon suchte in den Taschen seiner Shorts nach seinem Handy. Er sah ein wenig … man kann es nicht anders beschreiben: sauer aus.
Und dazu hatte er auch wirklich allen Grund. Es war sicher nicht einfach, wenn man der Sohn eines Milliardärs war und im Schatten eines übermächtigen Vaters aufwuchs. Obwohl er andererseits natürlich alles hatte, wovon ein junger Mann nur träumen konnte.
Abgesehen von der Anerkennung seines Vaters.
Und von Nikki Howard, mit der er nach Belieben rummachen konnte.
»Danke, Bran«, hauchte ich und musste mich räuspern. »Du bist ein klasse Typ.«
»Klar«, meinte Brandon und sah überallhin, nur nicht mir ins Gesicht. »Das sagen sie alle.«
Es war schon erstaunlich, dachte ich so bei mir, als ich auf dem Weg zurück in meine Suite war und Cosabella dicht neben mir hertrottete. Dank der gigantischen Narbe an meinem Hinterkopf war ich davor bewahrt worden, einen echt kolossalen Fehler zu begehen. Na ja, zumindest ziemlich wahrscheinlich. Ich bezweifle, dass Brandon und ich so richtig zur Sache gekommen wären, direkt vor der Hotelbar.
Doch wenn diese Operation nicht gewesen wäre, dann wäre ich ja erst gar nicht in diese Situation gekommen.
Stattdessen wäre ich tot.
Als der Mond so auf das kalte, dunkle Wasser herabschien, in dem ich noch wenige Stunden zuvor untergetaucht war, ging mir durch den Kopf, dass es vielleicht an der Zeit war, mich nicht länger selbst zu bemitleiden und endlich die schlichte Tatsache schätzen zu lernen, dass ich noch am Leben war. Klar war mein neues Leben alles andere als perfekt.
Aber langsam schienen die Dinge besser zu laufen.
Schon witzig, wie überzeugt ich in dem Moment davon war.
Wie sich herausstellen sollte, hätte ich gar nicht viel mehr danebenliegen können.