D R E I S S I G
Ich erwache von blendendem Sonnenlicht. Als ob die Welt wieder lebendig wäre. Sonnenlicht strömt durch alle Fenster um mich herum, heller, als ich es je gesehen habe, spiegelt sich in allem wider. Der Wind hat aufgehört. Der Sturm ist vorbei. Schnee schmilzt von der Fensterbrüstung, der Klang von tropfendem Wasser erklingt. Es gibt ein krachendes Geräusch, und ein riesiger Eiszapfen stürzt auf den Boden.
Ich sehe mich um, orientierungslos, und erkenne, dass ich immer noch an demselben Platz liege wie gestern Abend, Logans Mantel ist immer noch über mich gebreitet. Ich fühle mich komplett verjüngt.
Plötzlich erinnere ich mich und setze mich vor Schreck aufrecht. Sonnenaufgang. Wir mussten im Morgengrauen aufstehen. Der Anblick des hellen Morgenlichts erschreckt mich, als ich hinüberschaue und sehe, dass Logan dort liegt, direkt neben mir, mit geschlossenen Augen. Er schläft tief und fest. Mein Herz bleibt stehen. Wir haben verschlafen.
Ich krabbele auf eine Füße, fühle zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Energie, und rüttele ihn grob an der Schulter.
„LOGAN!“, sage ich eindringlich.
Sofort öffnet er seine Augen und er springt auf seine Füße. Alarmiert sieht er sich um.
„Es ist Morgen!“, flehe ich ihn an. „Das Boot. Wir werden es verpassen!“
Als ihm klar wird, wovon ich spreche, öffnen sich seine Augen weit vor Überraschung.
Wir springen beide auf und rennen zur Tür. Mein Bein tut immer noch weh, aber ich bin angenehm überrascht, dass ich tatsächlich damit rennen kann. Ich rase die Metalltreppe hinunter, meine Fußtritte hallen wider, direkt hinter Logan. Ich halte mich an dem verrosteten Metallgeländer fest, achte darauf, über Stufen hinwegzuspringen, die schon verrottet sind.
Wir erreichen das Erdgeschoss und rasen aus dem Gebäude hinaus, in das blendende Licht des Schnees. Es ist ein Wintermärchen. Ich wate durch den Schnee, der bis zu meinen Oberschenkeln reicht. Rennen ist das nicht, jeder Schritt ein Kampf. Aber ich folge Logans Spuren, dass er sich zuerst durchpflügt, macht es einfacher.
Wir sind nur noch einen Block vom Wasser entfernt. Zu meiner großen Erleichterung sehe ich, dass die Barkasse noch am Pier angedockt ist. Ich kann gerade noch sehen, wie die Laderampe angehoben wird, als die letzte der Gruppen von angeketteten Mädchen an Bord gebracht wird. Das Boot ist dabei, abzufahren.
Ich renne schneller, stapfe durch den Schnee, so schnell ich kann. Aber als wir den Pier erreichen, nur noch etwa hundert Meter vom Boot entfernt sind, wird die Rampe entfernt. Ich höre das Aufheulen eines Motors, und eine riesige Wolke schwarzen Rauchs kommt aus der Rückseite der Barkasse. Mein Herz schlägt wild.
Als wir uns dem Ende des Piers nähern, muss ich plötzlich an Ben denken, an unser Versprechen, uns hier zu treffen – uns bei Sonnenaufgang am Pier zu treffen. Aber als ich renne und nach links und rechts schaue, nach einem Zeichen von ihm suche, ist da nichts. Meine Zuversicht schwindet, als mir klar wird, dass das nur eins heißen kann: Er hat es nicht geschafft.
Wir kommen der Barkasse näher, sie ist kaum noch dreißig Meter entfernt, als sie plötzlich anfängt, sich zu bewegen. Mein Herz beginnt, zu klopfen. Wir sind so nahe dran. Nicht jetzt. Nicht jetzt!
Wir sind nur noch zwanzig Meter entfernt, aber das Boot hat vom Pier abgelegt. Es ist schon etwa zehn Meter im Wasser.
Ich steigere meine Geschwindigkeit und laufe jetzt neben Logan, erkämpfe mir meinen Weg durch den dichten Schnee. Inzwischen ist die Barkasse schon etwa fünfzehn Meter vom Ufer entfernt, und sie bewegt sich schnell. Zu weit weg, um zu springen.
Aber ich renne weiter, bis zum Ufer, und dabei entdecke ich plötzlich die Seile, die noch vom Boot am Pier hängen, und sich langsam davon lösen.
Die Seile hängen hinter dem Boot wie ein langer Schwanz.
„DIE SEILE!“, brülle ich.
Logan hat offenbar den gleichen Gedanken. Keiner von uns wird langsamer – stattdessen rennen wir weiter, und als ich angekommen bin, ziele ich, ohne weiter nachzudenken, auf eines der Seile und springe.
Ich fliege durch die Luft, hoffe und bete. Wenn ich es verfehle, wird es ein tiefer Fall, mindestens dreißig Fuß, und ich würde in eisig kaltem Wasser landen, ohne wieder hinauf zu finden. Das Wasser ist so kalt und die Gezeiten sind so stark, ich bin mir sicher, dass ich innerhalb von Sekunden sterben würde.
Als ich nach dem dicken, verknoteten Seil greife, frage ich mich, ob das mein letzter Moment auf der Erde ist.